Ein paar Gedanken über den "Genusshörer" und ähnliche Phänomene in der klassischen Musik

  • Zitat

    Ja, aber es ist eben keine wirkliche Angst, die man beim Ansehen eines Films empfindet.


    Generationsfrage. Heute kann man Menschen scheinbar mit nichts mehr ängstigen.
    1953 wurde eine Neuverfilmung des Stoffes "The House of Wax" unter dem Titel "Das Wachsfigurenkabinett des Prof. Bondi" produziert.
    Und zwar in Farbe UND 3 D Stereo. (mit Stereobrille, die man beim Kinoeingang erhielt)
    Mir wurde berichtet, daß die Menschen - vor allem die Frauen - schreiend aus den Kinosälen geflüchtet seien.
    Sie sollen dan für "Tröstungen" ihrer Freunde recht empfänglich gewesen sein....


    Ich habe den Film ca 1976 im Opernkino in Wien gesehen, zu meiner Enttäuschung wurde nur eine "Normalfassung" geigt, also ohne Stereobrille.
    Die damaligen Besucher haben bei den Schreckensszenen nur gelacht......


    Ich glaube auch nicht, daß ein jüngeres Publikum sich durch Opernhandlungen wirklich emotional aus der Reserve locken lässt.


    Viele gehen der schönen Stimmen wegen, aber auch die Verehrung der Stars ist noch in gewisser Weise aktuell....


    mfg aus Wien


    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Die Beispiele des Bolero und der h-moll-Sonate von Liszt zeigen aber doch sehr schön, dass bestimmte Genüsse erst dann möglich werden, wenn man über die nötigen Kenntnisse verfügt


    So ist es.


    Ein in Musiktheorie Beschlagener wird Musikstücke anders und wahrscheinlich intensiver genießen können als ein Laie wie ich, weil sich ihm die Feinheiten der Komposition erschließen, die mir verborgen blieben.


    Da bin ich mir nicht so sicher, ob er das immer intensiver kann.


    Es kommt beim völligen Genuss irgendwann der Moment, wo man loslassen wird und sich dem Geschehen hingibt, sich mitreißen und treiben läßt.


    Das tiefere Verständnis kommt dann aus sich selbst heraus, der persönliche Puls des Daseins steht im Einklang mit der Musik.

  • r

    Der Bolero ist ein schönes Beispiel für das Thema "Genusshörer".


    Hallo Karl,


    ich bin an Deiner Begründung interessiert, warum gerade der Bolero ein schönes Beispiel für "Genusshörer" sein soll?
    Oder habe ich Deinen Satz falsch interpretiert?
    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Hallo zweiterbass,


    ein Wort hast du bei deiner Frage vergessen: Thema.


    Damit grenzen wir den Begriff "Genusshörer" von vornherein nicht zu eng ab.


    Es gibt mAn unterschiedliche Ansätze, wie man Genuss haben oder auch verstärken kann.


    Bei meiner Frau war es über - die durch die Sendung - weitergehenden Infos zum Werk.


    Nette Grüße


    Karl

  • a, aber es ist eben keine wirkliche Angst, die man beim Ansehen eines Films empfindet.


    Doch, sie ist gemildert durch das Wissen, dass es ein Kunstprodukt ist, aber es ist Angst. Noch nie eine Frau im Kino im Arm gehabt, die sich dort versteckt? :D


    Es ist doch im Großen und Ganzen so, dass Kunst fast immer eine Art Simulation ist, auch ein Bild simuliert einen Blick und Musik ist in der Lage, Emotionen zu simulieren. Diese Emotionen, diese Simulationen jetzt als "nicht wirklich" abzutun, dagegen spricht die Wahrnehmungspsychologie sie fast einhellig aus.


    Wenn ich die 7. von Bruckner höre und dabei weine, dann empfinde ich ganz ehrliche Trauer, dieses Gefühl ist wahr. Da ich aber auf einer anderen Bewußtseinsebene weiß, dass ich diese Trauer nicht empfinden MUSS, kann ich genießen. Unter anderem genieße ich einen inneren Reinigungsprozess, der durch die Trauer, die ich angstfrei durchleben durfte, ausgelöst wurde.

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

  • Ach, was bin ich glücklich und zufrieden, dass mir alle diese hier vorgebrachten Gedanken völlig wesensfremd sind.
    Ich höre Musik und bin von den Eingebungen des Komponisten begeistert, die Emotionen reichen von Glückseligkeit über das Schöne, das ich höre, (einschließlich des auch "schön" Vorgetragenen) bis hin zu Tränen gerührt sein (beispielsweise in der "Butterfly").
    Ich bin begeistert über die Kunst der Komponisten, die zu Papier gebrachten Noten mit einer wundervollen Instrumentierung zu versehen (beispielsweise durch meinen Lieblingskomponisten Mozart, der diese Kunst vollendet beherrschte).
    Ich frage mich, ob ich alle tiefschürfenden Musikliebhaber bemitleiden soll?
    Natürlich tue ich das nicht, dafür opfere ich keine Gedankenzeit, denn ich überlasse jedem "Tierchen sein Plaisierchen"...


    :hello:

    .


    MUSIKWANDERER

  • Zitat

    Zitat von Musikliebhaber: Ich höre Musik und bin von den Eingebungen des Komponisten begeistert, die Emotionen reichen von Glückseligkeit über das Schöne, das ich höre, (einschließlich des auch "schön" Vorgetragenen) bis hin zu Tränen gerührt sein (beispielsweise in der "Butterfly").

    Lieber Musikliebhaber,


    du hast völlig Recht und ich denke, die meisten Musikliebhaber halten es wie du. Zwar schaue ich mir in Konzertführern (ich habe mehrere davon) auch schon mal Angaben zu den Werke an und lese auch viel zu den Opernwerken der großen und manchmal auch kleineren Meister. Aber wenn ich ein Konzert höre oder eine Oper sehe, überlasse ich mich vollkommen der Musik und einer passenden Inszenierung. Ich habe manchmal auch schon darüber gegrübelt, wie viel doch diejenigen versäumen, wenn sie unbedingt alles analysieren wollen und zu jeder Oper unbedingt eine,vom Werk abweichende, höchst einseitige Interpretation benötigen. Ist ihnen die Analyse wichtiger als das Werk selbst?


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • "Ich frage mich, ob ich alle tiefschürfenden Musikliebhaber bemitleiden soll?"


    Das musst Du nicht, lieber musikwanderer. Ein solcher "Tiefschürfer", als den Du mich gewiss auch einstufen dürftest, hört Musik ganz genau so wie Du, und seine Emotionen können dabei von "Glückseligkeit" bis zu "Tränen" reichen.
    Aber Begeisterung und sogar Bewunderung können sich in ihm auch einstellen, wenn er begreift und erkennt, wie ein Komponist das gemacht, welche Mittel er eingesetzt hat, in seine musikalische Aussage eine solches evokatives Potential einzubringen, dass es zu "Glückseligkeit" und "Tränen" beim Rezipienten kommt.


    Es ist der Aspekt des Kompositorisch- Artifiziellen, der, wie ich meine, einbezogen werden sollte, wenn über den Aspekt "Genuss" im Akt der Rezeption von klassischer Musik nachgedacht wird. Wenn man hört, vernimmt und erkennt, wie ein Komponist mit einem musikalischen Thema umgeht, wie er es in einem Prozess der Variation, der Komplementierung und der Konfrontation fortentwickelt, dann kann das ganz große Bewunderung, ja Begeisterung und Freude auslösen, - Emotionen eben.

  • In Genuss steckt "Nutznießung", d.h. der Genuss hat immer eine gewisse schwelgerische Seite, die lustvolle Empfindung fixieren und nachhaltig steigern zu wollen. Als Hobbykoch und Feinschmecker kann ich das nachvollziehen. :) Man genießt einen tollen Geschmack, wenn man sich etwas "auf der Zunge zergehen" lässt. Was mir aber ehrlich gesagt schwer fällt, ist, das auf die Erfahrung von Musik oder Kunst zu übertragen. Eine schöne Melodie kann hinreißend, beglückend, belebend, erfreuend sein, kann mich in Hochstimmung versetzen und Glücksgefühle erzeugen usw. Aber Genuss in diesem Sinne des schwelgerischen Genießens ist für mich da erst einmal nicht dabei. Diese Art von sensualistischem Musik- bzw. Kunstgenuss scheint mir doch sehr speziell. Es fragt sich, ob man all die positiven Erlebnisse, die sich mit der Erfahrung eines Schönen verbinden, wirklich angemessen als "genussvoll" beschreibt. Ich muss hier sagen: Ich genieße keine Mahler-Symphonie und auch keinen Ravel wie einen erlesenen Wein. Phänomenologisch finde ich diese Gleichsetzung von freudig-lustvoller Empfindung mit "Genuss" also durchaus fragwürdig.


    Schöne Grüße
    Holger

  • Die Problematik der Diskussion liegt nur darin, daß das Wort "Genußhörer" eben falsch gewählt ist. Und um gleich Fragen und (obwohl ja im Forum glücklicherweise nicht üblich) Angriffen zu entgegnen, erkläre ich gerne warum ich ihn dann doch als Titel dieses Threads gewählt habe: Die Bezeichnung "Genußhörer" ist ein von einer gewissen Personengruppe immer wieder verwendeter terminus technicus, ein sozusagen sich selbst verliehener Titel, den man irgendwie sogar mit Stolz trägt.
    Er kommt beispielsweise immer dann ins Spiel, wenn ich jemanden, von dem ich den Eindruck hatte, er wäre an klassischer Musik interessiert, weil er beispielsweise Atogramme von Opernsängern sammelt oder über ein einschlägigiges Abonnement verfügt. Fragt man nach dem Interesse für "klassische Musik" oder Oper, so wird das in der Regel stolz bejahrt. Folgt nun eine Einladung ins Tamino Klassikforum, so ist die nächste Frage, ob es dort grsatis Musik zum runterladen gibt- Sobslt hier verneint wird, kühlt das Interesse merklich ab, und man wird mißtrauisch gefragt "Was machen denn die Leute da ?" Erklärt man ihnen, daß es sich hier um eine Art virtuellen Diskussionsclub handelt, dan folft das Ststement; Ach. wissen sie - das wäre nichts für mich - ich bin nur ein "Genusshörer"
    Ich wurde von jemandem aus der Opernsägerszene gefragt: "Und warum machen sie das - wieviel verdient man dabei ?"
    Man hat mir dann geraten eine Beschäftigung zu betreiben die kommerziell interessant ist, das hier wäre vergeudete Zeit.
    Vielleicht ist das Wort "Genusshörer" falsch gewählt, aber es klingt etwas kompetenter als "Wissen sie ich höre klassische Musik nur nebenbei, und in die Oper gehe ich nur weil der Sänger xy so ein fescher Typ ist - an sich hab ich keine Ahnung davon - und es interessiert mich auch nicht so besonders."
    Da könnte ich noch eine Menge Geschichten erzählen.
    mfg aus Wien
    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


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  • Da könnte ich noch eine Menge Geschichten erzählen.
    mfg aus Wien


    Nur zu. ;) Ich warte auch immer noch auf eine Fortsetzung der Geschichte, die mit Deiner Einführung in die bessere Wiener Gesellschaft begann. Insbesondere interessiert mich, ob Du die Ratschläge Deines Mentors im Hinblick auf erotische Angebote beherzigt hast... :rolleyes:

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Die Bezeichnung "Genußhörer" ist ein von einer gewissen Personengruppe immer wieder verwendeter terminus technicus, ein sozusagen sich selbst verliehener Titel, den man irgendwie sogar mit Stolz trägt.

    Das sieht man hier ja auch! :D

    Vielleicht ist das Wort "Genusshörer" falsch gewählt, aber es klingt etwas kompetenter als "Wissen sie ich höre klassische Musik nur nebenbei, und in die Oper gehe ich nur weil der Sänger xy so ein fescher Typ ist - an sich hab ich keine Ahnung davon - und es interessiert mich auch nicht so besonders."
    Da könnte ich noch eine Menge Geschichten erzählen.

    Das widerspricht aber doch ein wenig Deiner ersten Aussage, lieber Alfred. Die Selbstzuschreibung als "Genusshörer" geschieht hier ja doch nicht durch die Gelegenheits-Klassikhörer, sondern Opernliebhaber insbesondere (bezeichnend nicht die Liebhaber von Instrumentalmusik oder dem Kunstlied). Die These, dass die Oper eine Gattung primär für den Genuss und für Genussmenschen sei, stammt übrigens von Bertold Brecht. Brecht spricht von der "kulinarischen Oper". Das bezieht er übrigens auch auf seine eigenen Opernproduktionen zusammen mit Kurt Weill. Oper ist für den Genuss und die Unterhaltung da - und zwar wesenhaft und unabänderlich, wie Brecht meint. Diese These ist natürlich nicht aus der Luft gegriffen, sondern spiegelt eine bestimmte Rezeptionshaltung der Zeit, die offenbar auch heute noch für einen Teil des Opernpublikums prägend ist. Brecht als Aufklärer wollte den Genuss und die Unterhaltung keineswegs eliminieren, sondern lediglich kultivieren, Reflexion ins Spiel bringen. Dagegen steht nun eine ganz andere Auffassung vom Theater, wie sie im RT praktiziert wird. Die setzt natürlich um akzeptiert zu werden eine ganz andere Rezeptionshaltung voraus. Theater wird eben konkret für ein Publikum gemacht und das bedingt, dass die jeweilige Vorstellung vom Sinn des Theaters mit der Rezeptionshaltung des Zuschauers harmoniert. Wenn diese Harmonie nicht da ist, dann wird von Publikumsseite gerne die Existenzberechtigung einer bestimmten Form von Theater bestritten.


    Für die Auffassung, dass Theater für den Genuss und Unterhaltung da sein solle, ist eine ästhetizistische Haltung typisch, wie man aus den Äußerungen hier ersehen kann. Dafür steht Dein Beispiel mit dem Fußballspiel. Nietzsche hat mal schön vom Antagonismus von wahr, schön und gut gesprochen als Symptom des modernen Nihilismus. Das Schöne soll nur noch schön sein, d.h. im ästhetizistischen Sinne ausschließlich Vergnügen bereiten, hat so aber gerade keinen Wahrheitsanspruch und keine ethische Bedeutung. Deswegen nimmt man es den Regisseuren übel, wenn sie eine Moral auf dem Theater verkünden oder dem Zuschauer zumuten, dass er nicht nur eine Fiktion vor sich hat, sondern sich selbst und seine Welt, in der er lebt erkennt wie sie ist erkennt. Das wird dann als "Belehrung" und "Analyse" verteufelt. Ich hatte deshalb die Psychoanalyse angeführt, die "Technik der Leidabwehr", die der Befolgung des Lustprinzips zugrunde liegt. Man will eine Theaterillusion, die sich total von der wirklichen Welt sozusagen abschottet, damit der Genuss so ungestört wie nur möglich ist. Deswegen verabscheut der Genussmensch jede Art von Illusionsdurchbrechungen wie durch Reflexion oder das Häßliche.


    Schöne Grüße
    Holger

  • Als Hobbykoch und Feinschmecker kann ich das nachvollziehen. :) Man genießt einen tollen Geschmack, wenn man sich etwas "auf der Zunge zergehen" lässt. Was mir aber ehrlich gesagt schwer fällt, ist, das auf die Erfahrung von Musik oder Kunst zu übertragen


    Hallo Holger,


    das stimmt, der Vergleich hinkt schon etwas, denn Kunstgenuss macht selbst auf Dauer nicht dick und erzeugt auch keinen Abwasch. :hello:


    Es grüßt


    Karl

  • Beim Kunstgenuß im Konzert muß ich zweierlei unterscheiden.


    1.Musik, der eine "Handlung" zugeordnet werden kann. Die sog. Programmmusik, die ja nicht erst mit Vivaldi beginnt und nicht mit Richard Strauss endet macht es dem Zuhörer einfach. Aber auch bei dieser Musikform halte ich es für nötig, sich vor dem Hörprozeß einer Denkaufgabe zu stellen, nämlich der, was uns der Komponist sagen will. Wer z.B. das "Heldenleben" im Konzert besucht, der wird sehr schnell mit schrecklicher Musik konfrontiert, höllisches Durcheinander, anscheinend systemlos usw. Er wird sicher das ganze Werk so einordnen und wenig Liebe dazu entwickeln. Wer sich aber vorher informiert, daß sich Strauss mit diesem Teil seiner Musik über seine Kritiker lustig macht, der wird verstehen, wie genial gerade diese "häßliche" Musik die Wahrheit parodiert. Man mag sie anschließend vielleicht auch nicht mögen (ich meine jetzt nur diese Abteilung!), aber man kann sie mit gutem Willen besser verstehen.
    Die danach folgende Liebesszene, mit einer der schönsten und anspruchsvollsten Solovioline für den 1. Kapellmeister der Musikgeschichte stellt dann die Relation zu den angenehmen Seiten des Lebens wieder her.
    Ich will damit nur sagen, daß dieses Werk und viele andere der von manchen belächelten "Programmmusiken" sich schnell erschließen können , wenn man den Inhalt sich zu eigen macht. Ich finde das dann wie eine Oper, aber ohne Bilder auf der Bühne, wohl aber vor dem geistigen Auge. Wichtige Beispiele darin sind alle sinfonischen Dichtungen von Strauss oder Liszt (besonders Alpensinfonie, Eulenspiegel, Quichotte, Don Juan, auch die Domestica, bis zur Hunnenschlacht, ja auch zur Faust-Sinfonie), die Pastorale, die Sinfonie fantastique, ja sogar das Poem de la Extase, Bruckners 4, Mahlers 1. uva.


    Der Genuß solcher Musik wird um so größer, je mehr man sich vorher mit dem Ziel des Komponisten vertraut. Das trifft aber auch zu auf


    2. die sog. absolute Musik. Hier gibt es kein virtuelles Bühnenbild. Hier wird der Hörer mit dem Komponisten und der Interpretation allein gelassen. Wer eine Handlung erwartet, dem fällt das Verständnis schwerer als bei der Programmmusik. Der Komponist hat seine Fähigkeit und Kenntnisse der Harmonik, des Kontrapunktes usw. unter Beweis gestellt, ohne den Hörer in ein projeziertes Reich mitzunehmen. Aber mag Bruckers Werk, mag Mahler z.B. mit der doch recht grausamen 6. nicht auch Menschen zu begeistern, ohne daß diese eine Handlung erwarten, ohne daß sie selbst Harmonielehre studiert haben? Ich meine ja!!! Manchmal erleichtert schon die Biographie und der Zeitpunkt der Werkenstehung den Zugang eben z.B. der Mahler 6. .Bruckner 7. hat im Adagio einen Satzaufbau, der auf einen Höhepunkt hinsteuert. Ob nun mit oder ohne Beckenschlag/Triangel, dieser Höhepunkt berührt in meinen Augen durch seine emotionale Wirkung genau wie die "Liebesszene" im Heldenleben, auch wenn man sich dabei nicht das Intimleben des Komponisten vorstellt, sondern durch seine Kraft. Dazu gibt es Hunderte ähnliche Augenblicke in der Musik.


    All diese Höhepunkte tragen zum musikalischen Genuß bei. Dazu kommt die Atmosphäre im Konzertsaal, der Klang eines Orchesters oder auch nur eines Instruments. Das kann man genießen, wenn man es nur will. Dazu brauche ich kein Musikstudium (sonst wäre ja auch die Konzertsäle leer), dazu reichen bestimmte Passagen, manchmal ein ganzes Werk von vorne bis hinten. Ich schäme mich nicht, als Genußhörer bei Bruckner oder Mahler feuchte Augen zu bekommen, nicht immer, nicht an jeder Stelle, nicht in jedem Konzert, nicht an jedem Tag. Ich erlebe dabei Momente, in denen ich das Gefühl habe, zu schweben. Und das möchte ich erleben, deshalb gehe ich in den Konzertsaal.


    Übrigens in der Oper ist manches anders, aber nicht alles.


    Herzlichst La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • In meinem Beitrag 104 ist mir ein Fehler unterlaufen - ich war im Streß, mein Router war kaputt, und beim Korrekturlesen des Beitrages brachte die Post den neuen. Tempo, Tempo war angesagt.


    In Zeile 6 unter 1. heißt es natürlich richti der 1. Konzertmeister und nicht der 1. Kapellmeister.


    Mein letztes Heldenleben war das Abschiedskonzert von Chailly im Gewandhaus, die Sologeige spielte der 1. Konzertmeister Frank-Michael Erben zum Niederknieen schön!! Pardon!!


    Herzlichst La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Zitat

    Zitat von LaRoche: Dazu brauche ich kein Musikstudium

    Lieber LaRoche,


    wie viele der Konzert- oder Operhörer mögen überhaupt ein Musikstudium haben? Ich denke, das ist ein verschwindend kleiner Prozentsatz. Natürlich wird sich ein größerer Prozentsatz vorher (z.B. bei Programmmusik, aber auch bei anderer sinfonischer Musik) über das zu Erwartende informieren, aber nur wenige werden wohl während des Konzerts oder der Oper analysieren wollen. Die Meisten wollen wohl in erster Linie genießen.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • denn Kunstgenuss macht selbst auf Dauer nicht dick

    .... in der "Dekadenz" schon... :D

    Zitat
    Zitat von LaRoche: Dazu brauche ich kein Musikstudium



    wie viele der Konzert- oder Operhörer mögen überhaupt ein Musikstudium haben?

    Ich habe auch kein Musikstudium. Genusshörer tendieren offenbar zu einem Intuitionismus, der meint, es komme ausschließlich auf den Eindruck des großen Ganzen in groben Umrissen an und alle "Analyse", die ins Detail geht, zerstöre den Genuss. Es gibt freilich die musikwissenschaftliche Analyse, aber nicht jede "Analyse" ist wissenschaftlicher Natur und muss von dieser Art sein. Der Musikkenner ist in der Lage, sich ein differenziertes Geschmacksurteil zu bilden, dass über den vagen Gesamteindruck hinausgehend Einzelheiten in seiner Bedeutung erfasst, wie sie ein zusammenhängendes Ganzes bilden. Das ist noch keine Wissenschaft doch von eminenter Bedeutung, denn wissenschaftliche Analyse sollte umgekehrt den Aspekt der Sinnerschließung für und durch das Hören nicht ausblenden, sonst endet sie im Fliegenbeinzählen.


    Schöne Grüße
    Holger

  • Zitat

    Der Musikkenner ist in der Lage, sich ein differenziertes Geschmacksurteil zu bilden, dass über den vagen Gesamteindruck hinausgehend Einzelheiten in seiner Bedeutung erfasst, wie sie ein zusammenhängendes Ganzes bilden.


    Diese Aussage sehe ich mit äussersters Skepsis. Man betrachte manche Weruretile in alten Reklam. Führern, oder moralische Bezeidnnungen, wie beispielseweise Carmen als "schwüles Werk", das nur duch die idiomatisch gut getrioffene Musik Bizets seine Berechtigung habe, oder die Einstufung von Strauss' "Salome" als sexualpathologisches Werk, das an einem Opernhaus Wie der Wiener k.u.k. Hofoper nicht zu suchen habe.Über Mozart abe ich noch in der Schule gelernt, daß es bewundernswert sei, daß man aus der fröhlichen Musik niwmals die tristen Lebensumstände ihres Schöpfer haraushören könne, über Schubert, daß seine Domäne die Lieder sSeien, weshalb er "der Liederfürst" genannt würde, wogegen die anderen Werke doch ziemlich abfielen. Gustav Mahler, der Dirigent sei ein leuchtendes Beispiel dafür, daß Dirigenten bei ihrem Handwerk bleiben sollten, es käme sonst nicht gutes dabei heraus.


    Ich bin mir nicht sicher, daß diese "differenzierten Geschmacksurteile" (sie stammen von verschiedenen Lehrern und verschiedenen Schuilem) Holger Beifall fänden.


    Hier fehlen moch die diggerenzierten Geschmacksurteile von Strawinsky über Vivaldi... etc etc


    mfg aus Wien
    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Ich bin mir nicht sicher, daß diese "differenzierten Geschmacksurteile" (sie stammen von verschiedenen Lehrern und verschiedenen Schuilem) Holger Beifall fänden.

    Nein, lieber Alfred. Das sind ja auch keine differenzierten, sondern höchst undifferenzierte (und falsche!) Urteile. ;)


    Und wie sieht es bei den Genusshörern aus? (Achtung Satire!!! :D ) Man spart sich die Mühe und Anstrengung, ein differenziertes Geschmacksurteil überhaupt erst zu bilden. Denn das Grundexistenzial des Genusses ist die Bequemlichkeit und Selbstzufriedenheit. Man streckt sich auf dem komfortablen Sofa genüsslich aus und will vor allem eines nicht: sich irgendwie anstrengen! :D Also hält man sich an das allgemeinste Allgemeine: Ort und Zeit der Handlung dürfen in jedem und in keinem Fall verändert werden. So spart man sich die Mühe, das wirklich konkret mit Bezug auf den Einzelfall beurteilen zu müssen, ob es nun gelungen ist oder nicht. Es ist nach dieser allgemeinen Norm halt immer und absolut notwendig falsch. Weiter: Es muss alles befolgt werden, was im Libretto steht, denn es ist höchst unbequem, wenn man sich anstrengen muss, sich mit der Abweichung vom Bekannten und immer wieder Gesehen beschäftigen zu müssen und nach einem Sinn zu suchen, den man mühevoll statt mühelos auf den ersten Blick nicht gleich erkennt. Also erklärt man jede Abweichung vom Libretto sehr komfortabel für unsinnig. Der höchst anstrengende Aufwand der Sinnsuche entfällt damit. Sehr praktisch! Dann das Häßliche, auch das ist nicht komfortabel, sondern stört die Selbstzufriedenheit, es ist ja sooo unangenehm. Auch hier geht man nicht den unkomfortablen Weg, sich darum anstrengend zu bemühen, die Beutung davon im Einzelfall zu erfassen. Das Häßliche stört einfach ganz allgemein den Genuss überhaupt. Klar, dass so der mühsame Prozess der Geschmacksbildung gar nicht erst in Gang kommt und "differenzierte Geschmacksurteile" auch nicht möglich werden. Und ganz schlimm (eine anmaßende Belehrung nämlich!!!) ist natürlich, wenn der böse Regisseur sagt: Selbstzufriedenheit ist eine Sünde, Du sollst mit Dir unzufrieden sein und ich zeige Dir warum! Ende der Komödie! :D :D :D


    Schöne Grüße
    Holger

  • Amateurfilm forum und -Produktion sucht Darsteller jeden Alters und technische Mitarbeiter aus Wien

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  • Ich suche in der Klassischen Musik in erster Linie Entspannung. Wenn ich CDs höre dann sind mir Dirigent, Orchester oder Pianist etc. egal. So lange es eine Stereo-Aufnahme ist. Denn ich schlafe ohnehin nach spätestens 5 Minuten ein :pfeif:


    Wenn ich eine DVD schaue oder Live ins Konzert gehe, ist mir der Dirigent und das Orchester ebenfalls unwichtig. Natürlich freue ich mich, wenn zufällig das RCO oder die WP spielen, oder Olga Scheps sitzt am Flügel. Aber wenn ich z.B. Mahler 5 hören will und es wird gerade in Wien gespielt, dann gehe ich nur wegen Mahler 5 hin. Den detaillierten Unterschied zwischen den Dirigenten höre ich ohnehin nicht. Da gebe ich den totalen Banausen, ich will Unterhaltung pur.

  • Lieber Louis,


    da befindest du dich wohl in einer größeren Gesellschaft und ich sehe das keineswegs als Banausentum an. Auch ich gehe ins Konzert und in die Oper in erster Linie wegen des Werkes. Bei der Oper gehört für mich allerdings dazu, dass die Originalhandlung nicht in irgend einer Weise willkürlich verdreht wird.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Ich suche in der Klassischen Musik in erster Linie Entspannung. Wenn ich CDs höre dann sind mir Dirigent, Orchester oder Pianist etc. egal. So lange es eine Stereo-Aufnahme ist. Denn ich schlafe ohnehin nach spätestens 5 Minuten ein :pfeif:


    Wenn ich eine DVD schaue oder Live ins Konzert gehe, ist mir der Dirigent und das Orchester ebenfalls unwichtig. Natürlich freue ich mich, wenn zufällig das RCO oder die WP spielen, oder Olga Scheps sitzt am Flügel. Aber wenn ich z.B. Mahler 5 hören will und es wird gerade in Wien gespielt, dann gehe ich nur wegen Mahler 5 hin. Den detaillierten Unterschied zwischen den Dirigenten höre ich ohnehin nicht. Da gebe ich den totalen Banausen, ich will Unterhaltung pur.


    Und wie lange bei DVD bzw. Live? :hello:

  • Du meinst wie lange ich wach bleibe ? Also im Konzert durchaus das ganze Konzert, auch bei reinen Klavierkonzerten. DVDs schaue ich nie ganz durch, sondern meist aufgeteilt auf einzelne Akte. Für Wagner brauche ich halt mal 3 Tage, aber was solls.
    Wagner in der Oper habe ich schon oft wachend durchgehalten, nur der Parsifal ist sehr ermüdend. Diese Oper ist Meditation pur, bis vielleicht auf den 2. Aufzug.

  • Zitat

    Zitat von Louis: Für Wagner brauche ich halt mal 3 Tage, aber was solls.

    Lieber Louis,


    Wagner im Opernhaus habe ich immer wach und begeistert gesehen, es waren - bis auf einen Fall - auch immer zum Werk passende Inszenierungen. Nahezu 5 Stunden, wie bei der Götterdämmerung oder Parsifal sind tatsächlich eine lange Zeit, bei den langweiligen "modischen" Inszenierungen würde ich das wohl kaum durchhalten. Bei DVD schaue ich mir eine "normale" Oper (2 1/4 bis 2 1/2 Stunden) gewöhnlich an einem Abend an, selten einmal teile ich sie auf. Bei Wagner (Ring, Meistersinger, Parsifal) teile ich auch auf zwei oder drei Abende auf. Man hat durchaus mehr davon, wenn man einen Akt intensiv auf sich wirken lässt, denn über 2 bis 3 Stunden - auch mit Pausen - völlig konzentriert vor dem Fernseher zu sitzen, bringe auch ich nicht fertig, wobei ich mit 80 auch schon eher mal für geringere Konzentrationsschwächen anfällig bin.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Im April war ich im Wiener Musikverein in einem Solo-Klavierkonzert. Zuerst dachte ich, wie soll ich das wach überstehen. Kaum etwas hat so beruhigende Wirkung auf mich wie Klaviermusik. Dazu stand auf dem Programm auch noch Chopin und Debussy. Aber es war so wunderschön, kein Wellness-Urlaub hätte diese Entspannung bringen können. Keine Minute war langweilig. Dafür liebe ich klassische Musik. Frag mich aber nicht nach dem Namen des Pianisten.

  • Man hat durchaus mehr davon, wenn man einen Akt intensiv auf sich wirken lässt, denn über 2 bis 3 Stunden - auch mit Pausen - völlig konzentriert vor dem Fernseher zu sitzen, bringe auch ich nicht fertig

    Völlig OT jetzt von mir, deswegen nur ganz kurz: ich finde es äußerst bedauerlich, dass besonders Opern-Blu-rays mit ihrem hohen Speichervolumen keine multiple angle-Funktion anbietet, so dass man sich mehr oder weniger (wie im Theater auch) selbst aussuchen kann, wo man hinsehen möchte. Denkbar wäre eine Totale der ganzen Bühne von vorne, und einmal die Großaufnahmen. Schade!




    LG,
    Hosenrolle1

  • Zitat

    Zitat von Louis: Frag mich aber nicht nach dem Namen des Pianisten.

    Lieber Louis,


    Recht hast du. Ich habe schon viele weniger bekannte Solisten und Sänger gehört, die mich vollauf zufrieden gestellt haben und deren Namen ich nicht mehr weiß. Ich glaube, den meisten Klassikhörern geht es so, denn die wenigsten Liebhaber haben eine solche musikalische Ausbildung, dass sie die feinen Unterschiede in den einzelnen Fällen überhaupt registrieren. Dazu müssten sie von demselben Werk mehrere Aufnahmen besitzen und diese nacheinander abhören. Das Wesentliche ist doch bei den meisten Hörern, dass sie das Werk wiedererkennen. Und da du Chopin und Debussy erwähnst: Mir ist bei deren Musik - auch auf CD - nie langweilig geworden. Leute mit entsprechender musikalischer Ausbildung mögen da sicher mehr heraushören und analysieren.
    Wesentlich ist für mich und für viele Musikfreunde die Freude an der Musik und bei der Oper die der passenden Inszenierung.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Zitat

    Zitat von Hosenrolle 1: ich finde es äußerst bedauerlich, dass besonders Opern-Blu-rays mit ihrem hohen Speichervolumen keine multiple angle-Funktion anbietet, so dass man sich mehr oder weniger (wie im Theater auch) selbst aussuchen kann, wo man hinsehen möchte.

    Lieber Hosenrolle,


    da hast du sicherlich Recht. Ich besitze (noch) keinen Blue-Ray-Spieler. Aber bei der DVD würde ich auch gerne mal umschalten, wenn die Kamera allzu nah an die Sänger herangeht und der Gesichtsausdruck beim Bilden des Tones manchmal verzerrt wirkt. Die Blue-Ray müsste da schon mehr können.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Im April war ich im Wiener Musikverein in einem Solo-Klavierkonzert. Zuerst dachte ich, wie soll ich das wach überstehen. Kaum etwas hat so beruhigende Wirkung auf mich wie Klaviermusik. Dazu stand auf dem Programm auch noch Chopin und Debussy. Aber es war so wunderschön, kein Wellness-Urlaub hätte diese Entspannung bringen können. Keine Minute war langweilig. Dafür liebe ich klassische Musik. Frag mich aber nicht nach dem Namen des Pianisten.


    Hallo Louis,


    wenigstens zu jenen Zeiten als Du Dir wie etwa 2011 die brucknerschen Klangwelten erschließen wolltest, müsstest Du doch damals auch ob der Faszination dieser nicht gerade kurzen und ebenso wenig einfachen Musik wachgeblieben sein, sondern hättest Du wohl kaum so zutreffende Kommentare über diese Musik und über den besonders viel Musikzeit in Anspruch nehmenden Celibidache schreiben können, oder?


    Merkwürdig, mein Eindruck war immer, dass Du einer derjenigen bist, die etwas genauer hinhören.....


    Trotzdem viel Spaß weiterhin, und von mir aus auch viel Tiefen-Entspannung bei klassischer Musik ;)


    Gruß
    Glockenton

    "Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)

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