• Anton Webern (1883 - 1945) gilt heute unbestritten als einer der wichtigsten Komponisten der Musikgeschichte, gemeinsam mit seinem Lehrer Arnold Schönberg und seinem Mitschüler Alban Berg.


    Seine außerordentliche Strenge offenbart sich nicht nur in Photographien seines Gesichtes sondern auch in der Tatsache, dass er nur ca. 30 kurze Werke für niveauvoll genug gehalten hat, als Bestandteile seines Gesamtwerks gültig zu sein.


    Nach seiner Passacaglia op. 1, die wegen ihrer leicht nachvollziehbaren Form und der Verwurzelung in der erweiterten Tonalität nach wie vor sein beliebtestes Werk ist, folgt er Schönberg rasch in die Atonalität, wo er gleich seinem Lehrer als bevorzugte Form die Sammlung von "Stücken" pflegt, deren Ausdrucksgehalt vorzugsweise im Bereich von Katastrophe, Trauer und Resignation beheimatet ist, wobei Harmonik, Form und Ausdruck eine perfekte Einheit bilden. Webern gelingt dabei ein Ausmaß der Verdichtung, das jede Note als unbedingt notwendig und essentiell erscheinen läßt und den Hörer unmittelbar in den Bann der Musik zieht. Die Höhepunkte dieser Verknappung sind die Bagatellen für Streichquartett op. 9 (eine davon als Notenbeispiel unten) und die 3 Stücke für Violoncello und Klavier op. 11.


    Es ist von Webern überliefert, dass er bei diesen frei atonalen Stücken sich alle 12 Töne aufgeschrieben hatte, um die bereits verwendeten zu streichen, die Reduktion der musikalischen Ereignisse geht also Hand in Hand mit dem Bedürfnis nach dem chromatischen Total auf engem Raum. Im Gegensatz zu anderen Komponisten ergibt also die Übernahme von Schönbergs 1924 erfundenen Zwölftontechnik bei Webern keinen Bruch in seinem Oeuvre. Sie erfolgte innerhalb einer längeren Folge von Vokalwerken, da Webern zu jener Zeit den Text als Orientierungshilfe in der Freiheit atonalen Komponierens zu schätzen wußte.


    Im zwölftönigen Spätwerk Weberns sind die Binnengliederung der Reihen, welche die zwölftönigen Verfahrensweisen des Krebses und der Umkehrung in ihren Teilen wiederholen (also ein Teil ist Krebs eines andren Teils der Reihe) und die Liebe zu strengen Formen (Kanon) auffällig. Diese Maximierung des Zusammenhangs geht aber nicht auf Kosten des Ausdrucks, der vielleicht etwas verklärter sein mag, der dem Interpreten aber stets ein Anliegen sein muss (es gibt eine sehr aufschlußreiche Ausgabe seiner Klaviervariationen op. 27, in der alle Anmerkungen Weberns anläßlich des Einstudierens mit dem Uraufführenden eingetragen sind). Präsentiert sich der Notentext auch in lakonischer Strenge - die Musik glüht oder schmachtet, jeder Einzelton ist als "espressivo" zu nehmen.


    Nachdem die Seriellen der 50er diesen letztgenannten Aspekt übersehen haben und Webern produktiv mißverstanden haben, wird man heute wohl den Ausdrucksgehalt der Aufführungen auch als Beurteilungskriterium berücksichtigen müssen. Ob da Boulez wirklich immer erste Wahl bleibt?



  • Vorerst unterthänigste Glückwünsche zu Deinem Beitrag.
    Leider bin ich nicht in der Lage, auf Deinem Niveau zu antworten (ernstgemeint), deshalb verstecke ich mit meinem Beitrag über Webern hinter anderen.


    Was meinte Frau Halbich-Webern 1976 über ihren Vater?

    "Klassiker" und zeitgenössische Komponisten

    Mein Vater war anfangs ein begeisterter Wagnerianer, später kühlte sein Enthusiasmus beträchtlich ab.
    Unter den großen Komponisten gab er neben Mahler, Brahms und Bruckner den Vorzug, aber auch Hugo Wolf und Schumann achtete er bis zu einem gewissen Grad. Schubert liebte er (vielleicht liest dies der observator) hingegen fand er, so glaube ich, nur schwer Zugang zum Schaffen Mozarts.
    Von den zeitgenössischen Komponisten ließ er neben Schönberg und Berg, Strawinsky, Hindemith und Milhaud gelten.


    Webern als Dirigent


    Später hat mich die Art des Dirigierens von Herbert von Karajan sehr an jene meines Vaters erinnert. Er war ein ganz besonderer Dirigent und hatte damit so großen Erfolg, daß das Publikum buchstäblich "raste".



    Wie definierte Webern die/seine Kunst?


    Ich verstehe unter Kunst die Fähigkeit, einen Gedanken in die klarste, einfachste, das heißt faßlichste Form zu bringen.
    Brief an Hildegard Jone, 6.8.1928


    Wie wird er von anderen Musikern gesehen?


    Pierre Boulez:
    "Die Erfindung des Unbekannten verlangt neue Formen", schrieb Rimbaud, als er sich mit dem Zusammenhang von Sehergabe und neuer Literatur befaßte....Indessen umreißt Rimbauds Forderung recht genau das beharrliche Streben, das Weberns gesamtes Dasein prägt.


    Mauricio Kagel:
    Webern ist ein Klassiker jenes Schlages, der für die Musikkultur wohltuend ist: Seine Werke werden stets unerhört bleiben, weil sie akustisch an der Schwelle zur größten sinnlichen Abstraktion stehen.


    Meine Meinung dazu:
    In der Kürze liegt seine Würze,
    Wenn ich daran denke, daß Webern die Leitung der Arbeitersymphoniekonzerte oblag und dies so mit heute vergleiche...., bin ich froh, daß morgen wieder die Fußball-WM fortgesetzt wird.

    Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
    (aus "Sprechen Sie Fußball?")

  • Aus meiner Sicht bemerkenswert an diesem Komponisten ist, daß er das 6-stimmige Ricercar aus Bachs musikalischem Opfergang 1935 anerkennenswert orchestriert hat. Dadurch hat dieses Stück als Programmpunkt eine erhebliche Popularität erreicht, ist möglicherweise sogar populärer geworden ist, als das musikalische Opfer insgesamt.


    :)

  • Hallo,


    wie ich an anderer Stelle bereits gesagt habe, bin ich im Allgemeinen kein Freund der äußersten Knappheit, sondern benötige zum Empfinden von Lebendigkeit eine gewisse Ausdehnung.


    Ebenso sagte ich an jener Stelle, dass Webern, der wirklich "Knappste", eine Ausnahme sei. Ein Beispiel: Mein Lieblingsstreichquartett Weberns, die 5 Sätze op. 5, hat insgesamt eine Dauer von ungefähr 10 Minuten, die einzelnen Sätze von 40 Sekunden bis knapp über 3 Minuten. Nach dem Hören dieses Werks habe ich ein Zeitempfinden von mindestens 20 Minuten; ich habe dann den Eindruck, dass musikalisch sehr viel geschehen ist; und das gilt für jeden Satz. Ich weiß nicht, woran das liegt; die Musik ist äußerste Abstraktion, quasi ein Zustand. Für mein Gefühl ist es jedoch ein Fließen, ein Verlauf. So habe ich das bisher noch bei keinem Komponisten erlebt.


    Webern hat(, vielleicht von ganz frühen Werken abgesehen) nichts Unwichtiges geschrieben. Es ist sehr konzentrierte Musik, die von mir als Hörer eine enorm konzentrierte Arbeit des Zuhörens und Mitgestaltens erfordert; das Ergebnis ist eine große Befriedigung.


    Gruß,


    Uwe

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

  • Hallo zusammen,


    gerade habe ich mich gefragt, ob Anton Webern schon einen eigenen Thread hat und in der Tat: Unter etwas Staub war er zu finden. :)


    An meiner Begeisterung für Webern ist Bernstein schuld. Ich habe mal eines dieser "Young People Concerts“ gesehen, wo Bernstein dann ein Stück von Webern sinngemäß folgendermaßen ankündigte:


    Wir spielen jetzt ein Stück eines Mannes, der war ein Genie. Er schrieb eine Menge total verrückter Musik, die so konzentriert ist, dass man ständig aufpassen muss, beim Zuhören nicht etwas zu verpassen. Denn diese Musik ist so kostbar, dass man sie einfach nicht verpassen darf...

    Das schlug ein wie eine Bombe und ich musste das damals einfach hören. Es führte zu der merkwürdigen Situation, dass ich Webern als den wohl radikalsten oder sagen wir kompromisslosesten Komponisten der klassischen Moderne wesentlich früher genießen konnte, als viele andere. Manchmal braucht man wohl eine Initialzündung und vielleicht entstehen auch in solchen Momenten Zuneigungen und Ablehnungen. Mich zwang damals Bernstein sozusagen zu Webern.


    (Ähnlich hat mich Boulez mal mit einem genialen Konzert zu Ravel und Debussy gezwungen, nach dem Konzert konnte ich kurz mit ihm sprechen - die sonst üblichen Massen an Autogrammjägern waren vor dem Dirigentenzimmer nicht zu finden- , und ich hatte tatsächlich kostbare 3 Minuten Privataudienz...er entließ mich mit den sehr freundlichen Worten: "Sehen Sie, und ich freue mich, dass dieses Konzert nützlich für Sie war")


    Um nun geschickt die Thematik Boulez und Webern zusammenzubringen nun die Fragestellung: Von Boulez existieren zwei Einspielungen des Gesamtwerkes. Die jüngere Ausgabe bei der DGG ist wesentlich teurer, allerdings auch sehr aufwendig gemacht, umfasst zudem auch die "inoffiziellen" Werke. Klangtechnisch findet sich eine recht einhellige Meinung für die späte Aufnahme, bezüglich der Interpretation finden sich auch Stimmen, welche die alte CBS-Einspielung bevorzugen.




    Oder muss es - wie Kurzstueckmeister ja einleitend schon in den Raum stellte - nicht immer Boulez sein ? Was sind mögliche Alternativen ? Um Rat- bis Vorschläge wird gebeten. :)
    (Neben dem Gesamtwerk sind natürlich auch Tipps zu einzelnen Aufnahmen willkommen).


    Gruß
    Sascha

  • Ich habe mich schon recht früh für Weberns Musik interessiert, angeregt von einer Passage in Thomas Pynchons Gravity's Rainbow (Die Enden der Parabel), das ich ebenfalls recht früh gelesen habe. Es ist der kurze, vermutlich innere (das ist bei Pynchon häufig nicht so klar) Monolog eines der Charaktere kurz nach Kriegsende im „Zonendeutschland“ (Übersetzung folgt):


    This rainy morning, in the quiet, it seems that Gustav's German Dialectic has come to its end. He has just had the word, all the way from Vienna along some musicians' grapevine, that Anton Webern is dead. “Shot in May, by the Americans. Senseless, accidental if you believe in accidents—some mess cook from North Carolina, some late draftee with a .45 he hardly knew how to use, too late for WW II, but not for Webern. The excuse for raiding the house was that Webern’s brother was in the black market. Who isn't? Do you know what kind of myth that’s going to make in a thousand years? The young barbarians coming in to murder the Last European, standing at the far end of what'd been going on since Bach, an expansion of music's polymorphous perversity till all notes were truly equal at last. . . . Where was there to go after Webern? It was the moment of maximum freedom. It all had to come down. Another Götterdämmerung—” [Thomas Pynchon, Gravity's Rainbow. London: Picador 1975. pp.440–41]


    Ich habe das Buch nicht auf Deutsch, also versuche ich mich an einer ad-hoc Übersetzung (bitte keine künstlerischen Maßstäbe anlegen, es ist schon vier Uhr morgens!):


    In der Stille dieses regnerischen Morgens scheint Gustavs deutsche Dialektik ihr Ende zu fnden. Gerade erfuhr er, den ganzen Weg aus Wien entlang der musikalischen Gerüchteküche, daß Anton Webern tot ist. „Erschossen im Mai, von den Amerikanern. Sinnlos, versehentlich, wenn man an Versehen glaubt — ein Kantinenkoch aus Nord-Carolina mit einer 45er, die er kaum zu benutzen wußte, zu spät eingezogen für den Zweiten Weltkrieg, aber nicht für Webern. Zur Rechtfertigung für die Hausdurchsuchung hieß es, daß Weberns Bruder auf dem Schwarzmarkt tätig war. Wer nicht! Hast du eine Ahnung, was das in tausend Jahren für einen Mythos abgeben wird? Die jungen Barbaren fallen ein, um den Letzten Europäer zu ermorden, der am fernen Ende einer Entwicklung stand, die mit Bach begann, eine Expansion der polymorphen Perversität der Musik, bis alle Noten schließlich wirklich gleichberechtigt waren . . . Wo sollte es nach Webern noch hingehen? Es war der Augenblick der maximalen Freiheit. Alles mußte zusammenbrechen. Eine weitere Götterdämmerung —“


    Bei aller Ironie hat diese Stelle mich doch immer sehr bewegt und tut das auch heute noch. Ich glaube fast, daß ich Webern anders hören würde, wenn er nicht auf diese Weise gestorben wäre (oder ich nichts davon wüßte). Das ist natürlich eigentlich völlig unsinnig, und wahrscheinlich reine Einbildung. Oder? Wie würdet ihr das sehen?


    Sorry für diese depressive Wendung ...


    ^_^J.

    Einmal editiert, zuletzt von gyokusai ()

  • Hi!


    8o 8o 8o 8o =)


    Genau dieses notenblatt besprachen wir neulich im musikunterricht:



    Zufälle gibts, die gibts nicht, oder doch ? :D


    LG florian


    :hello:

    Gustav Mahler: "Das Wichtigste in der Musik steht nicht in den Noten."

  • Zitat

    Original von celloflo
    Genau dieses notenblatt besprachen wir neulich im musikunterricht:


    Hi Florian —


    was waren denn die Erkenntnisse? Ich komme seit Jahren viel zu wenig mit Musiktheorie in Berührung ...


    :hello:
    ^_^J.

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    Anton Webern (1883 - 1945) gilt heute unbestritten als einer der wichtigsten Komponisten der Musikgeschichte, gemeinsam mit seinem Lehrer Arnold Schönberg und seinem Mitschüler Alban Berg.


    Ich glaube sogar, daß in 100 - 200 Jahren als wichtige Komponisten nur Webern und Berg übrig bleiben, Schönberg wird eher als großer Theoretiker überleben - aber das nur eine persönliche Sicht der Dinge (da ich Webern und Berg deutlich den Vorzug gebe....)


    LG
    Wulf.

  • Diese Schönberg-Geringachtung teile ich natürlich nicht. Eventuell wird er wirklich etwas hinter den einen oder anderen seiner beiden genialen Schüler zurücktreten (ich habe keine Ahnung, hinter welchen), aber wohl kaum so unendlich weit, dass nur mehr der Theoretiker übrigbleibt. Womöglich wird die Geringschätzung bei manchen Hörern durch ein gewisses Gefühl mechanischen Ablaufens von Teilen seiner Musik bedingt, das dürften aber nicht die Brahms-Fans sein, denen das dann nicht genialisch genug vorkommt.
    ;)


    Gerade jene "volle Konzentration in jedem Augenblick" bei Webern dürfte Schönberg-Skeptikern sehr entgegenkommen. Allerdings Stücke wie die zweite Kantate weisen doch glatt in eine andere Richtung, nicht?
    :hello:

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    Womöglich wird die Geringschätzung bei manchen Hörern durch ein gewisses Gefühl mechanischen Ablaufens von Teilen seiner Musik bedingt, das dürften aber nicht die Brahms-Fans sein, denen das dann nicht genialisch genug vorkommt.
    ;)


    ..na na, was sind denn das wieder für Unterstellungen? :motz:


    Nur weil ich mit der ein oder anderen Symphonie des alten Hannes nicht viel anfangen kann, heißt das noch lange nicht, daß ich Brahms gänzich ablehne.



    Zitat


    Gerade jene "volle Konzentration in jedem Augenblick" bei Webern dürfte Schönberg-Skeptikern sehr entgegenkommen. Allerdings Stücke wie die zweite Kantate weisen doch glatt in eine andere Richtung, nicht?
    :hello:


    ...die ich leider noch nicht kenne - die 2. Kantate.


    :hello:
    Wulf.

  • Zitat

    Original von Wulf
    Nur weil ich mit der einen oder anderen Symphonie des alten Hannes nicht viel anfangen kann, heißt das noch lange nicht, daß ich Brahms gänzlich ablehne.


    Ich dachte, Du lehnst auch Schönberg nicht gänzlich ab ...
    Jedenfalls erinnern die beiden mich immer aneinander.
    :hello:

  • Ach, ich glaube, daß tun die nur, weil Schönberg so voller Wertschätzung für Brahms war - "Musik für Erwachsene" hat er das einmal genannt....


    .....so kann man gepflegte Langeweile natürlich auch ausdrücken :stumm::stumm::stumm::D

  • Passacaglia op. 1


    Entstanden ist sie 1908. Webern selbst nannte sie sein „Gesellenstück“, mit dem er seine Lehrjahre bei Schönberg abschloss. Sie steht im klassischen Moll (hier d-moll) der Passacaglia, ist also nicht atonal. Nach Umfang und Besetzung bildet sie den am größten angelegten Satz innerhalb von Weberns Gesamtwerk. Sie ist fast durchgehend in 8-taktige Perioden unterteilt, die voneinander durch modifizierende Tempoangaben getrennt sind. Modell stand Brahms’ 4. Sinfonie und dort vor allem der 4. Satz. Manche Gebärde symphonischer Emphase ist deutlich hörbar an Mahler angelehnt. Lyrische Passagen erinnern an Brahms und R. Strauss, chromatische Passagen an Wagner. Insgesamt herrscht ein spätromantisches, zum Teil impressionistisches Klangbild vor.


    Das musikalische Geschehen ist hochdramatisch: Zu Beginn hören wir das pizzicato von den unbegleiteten Streichern vorgetragene 8-taktige Passacagliathema in charakteristischen Sekundintervallen. Es hat einen statisch-akkordischen Charakter und ist geschlossen (von der Tonika d ausgehend und auf dieser endend). - Für mich klingt dieses Thema wie das Destillat der Terzenreihe des 1. Themas aus dem 1. Satz der 4. Sinfonie von Brahms (dort die ersten 8 Takte). Schon das Notenbild und die Viertelpausen in den ersten 8 Takten beider Werken ähneln einander sehr. Bei jedem pizzicato Erklingen der Streicher Weberns kann man die entsprechenden Terzschritte des Brahms’schen Motivs quasi im Geiste mithören. Es würde mich interessieren, ob dies schon einmal irgendwo näher ausgeführt wurde. Brahms hat jedenfalls eine große Rolle in Schönbergs Unterricht gespielt. Und Schönberg hat auf die Bedeutung dieser Terzenreihe für die Beziehungen zwischen dem 1. Satz und der Passacaglia des 4. Satzes explizit in „Stil und Gedanke“, S. 42, hingewiesen. - Dieses Thema wird im Verlauf des Werkes (und dem Auftreten von Gegenthemen) durch die verschiedenen Instrumentengruppen wandern. Mindestens 20mal wird es unter Wahrung der Tonhöhen-Klassen (nicht notwendig der Themengestalt) erkennbar durchgeführt. Schon mit der 1. Variation (ab T. 9ff.) tritt dem Thema freilich ein Gegenthema mit deutlichem Bewegungsimpuls (Triolen) entgegen, das die folgende dramatische Entwicklung treibend beherrschen wird. Nach etwa 2/3 des Werkes wird sich das Thema mehr und mehr auflösen und schließlich verschwinden. Das Gegenthema hat sich durchgesetzt.


    Eine gelungene Interpretation muss die Balance suchen zwischen einer transparenten Zeichnung der Linien und Kontrapunkte einerseits und der dramatischen Darstellung des klangflächenartigen und stellenweise auch ungemein dichten, hochexpressiven Materials andererseits. Wahrlich keine leichte Aufgabe.


    Sieht man sich nach den herausragenden Aufnahmen dieses Werkes um, werden immer wieder zwei Einspielungen der Berliner Philharmoniker genannt: Zunächst die zwischenzeitlich bereits legendäre Einspielung unter Karajan (DG), die Anfang der 70er Jahre entstand. Und neuerdings auch die rund 20 Jahre später unter Boulez entstandene Aufnahme, die in der weiter oben genannten, sehr gelungenen zweiten Webern-Gesamteinspielung enthalten ist (DG) und mit der sich Boulez, gemessen an seiner ersten Webern-Gesamteinspielung (Sony) aus den 70er Jahren, die noch unter der Parole der einseitigen „Transparenz“ und „Darstellung der logischen Materialorganisation“ stand, zwischenzeitlich stark an die Ausdruckskunst Karajans angenähert hat.


    Besprochen werden soll hier die Karajan-Aufnahme:


    Hört man in die Aufnahme unter Karajan hinein, so verblüfft zunächst einmal die spieltechnische Souveränität, mit dem sein Orchester die Schwierigkeiten dieser Partitur bewältigt. Es ist bekannt, wie lange der Dirigent das Projekt der Einspielung dieses und weiterer Werke der Zweiten Wiener Schule reifen ließ. Sämtliche Vortragszeichen werden penibel ausgeführt. Die Abstimmung der Orchesterteile ist atemberaubend. Bei aller partiturgetreuen und transparenten Ausführung der Konstruktion gelingt es Karajan, die Passacaglia unter dem enorm expressiven Klang und Ausdruck der Berliner Philharmoniker zu einem spätromantisch-impressionistisch gefärbten Musikkunstwerk zwischen Traum und Drama zu sublimieren.


    Das Thema der ersten 8 Takte stellt Karajan bemerkenswert deutlich heraus: Hört genau hin, vom Schicksal dieses Themas handelt dieses Stück, in dieser Reinform werdet Ihr es nicht mehr hören [0:04 – 0:27]. Die erste Variation (T. 9 - 16) stellt, wie bereits erwähnt, Thema und Gegenthema (letzteres von Triolen geprägt) einander gegenüber [0:28 – 0:56]. Die dramatische Entwicklung von Thema und Gegenthema ab T. 17ff. ist von Webern in einer Weise nachvollziehbar ausgestaltet worden, dass man sich fragen muss, warum diese großartige Musik nicht viel öfter aufgeführt wird. Karajan zeichnet diese Entwicklung sinnfällig nach, indem er sein Orchester bis zum Höhepunkt des ersten Hauptstücks in Moll (T. 72) wie zwischen den Ideen „Traum“ und „Drama“ changieren lässt [0:57 – 2:58]. Danach herrscht zunächst Mahler’sche Resignation und Trauer [2:58 – 3:23]. In der aufgehellten Dur-Episode (T. 97 - 129) [4:19 – 6:15] lässt Karajan die Klänge förmlich schweben, ein reines Idyll (sehr ruhig und zart bewegt schreibt Webern vor). Diese Passage ist von expressiven Soli der Klarinette und 1. Violine geprägt, die hier in traumgleicher Weise eine (wie umeinander verschlungene) Synthese von Thema und Gegenthema spielen. Der Beginn des sich anschließenden zweiten Mollhauptstücks ist von ahnungsvoller Spannung geprägt. Im Vordergrund steht der Bewegungsimpuls des Gegenthemas (Triolen), das, zunächst schreitend, nach und nach drängender wird. Beeindruckend auch hier der stringente dramatische Aufbau, den Karajan mit der geforderten expressiven Hingabe nachzeichnet. Spätestens ab T. 170 schlägt erneut das Mahler’sche Idiom hörbar durch [7:55 – 8:33], auch hier ein großes Seelendrama. Im dritten und letzten Hauptstück ab T. 193 baut sich aus flimmernden Liegetönen und einer an Strauss erinnernden, lyrischen Episode das Finale auf. Vom Thema ist hier nichts mehr zu hören. Das Gegenthema und weitere neue Themen haben endgültig die Oberhand gewonnen. Ein letzter Höhepunkt (T. 239) [10:12 -] lässt an der Endgültigkeit dieser Entwicklung keinen Zweifel. Das Stück klingt mit absteigenden Motiven (hier und da erklingt eine wehmütige Erinnerung an das Thema) aus.


    Ich kenne keine andere Einspielung, die uns die Schönheit dieser Partitur und das in und hinter den Noten liegende Drama in einer so umfassenden Weise vor Ohren führt wie dies in der Interpretation Karajans der Fall ist.


    :jubel:


    Loge

  • Hallo Loge —


    wow, danke für die tolle Einführung! Bin ja sonst kein Karajan-Fan, aber das hat mich jetzt neugierig gemacht. Auf Amazon wird die CD-Version der Karajan-Aufnahme der Passacaglia mit dem SPARS-Code „A-D“ ausgewiesen, was mich etwas stutzig macht. Das klingt so, als wäre die analoge Aufnahme A ohne weitere Bearbeitung (A oder D) direkt auf dem digitalen Medium D gelandet? Sollte dem so sein, wäre das wirklich eine Schande, im Lichte Deiner Beschreibung.


    Gruß,
    ^_^J.


    61RY60DSZYL.gif

  • Ja, tatsächlich ist Karajans Aufnahme eine ganz nette Leistung im Herunterbuchstabieren, das mitunter einer gewissen Verschwommenheit weicht, die der Apoleget mit "Expressivität", "Betonung der romantischen Elemente" und ähnlichem bemänteln wird nach dem Muster "ein bisserl ungenau ist halt schön romantisch".


    Tatsächlich weiß aber selbst ich in diesem Fall nur zwei Aufnahmen, die dem Notenbild und dem Ausdrucksgestus des Werkes meiner Meinung nach besser entsprechen.



    Dohnanyis Interpretation ist extrem genau gelesen und wird vom Cleveland Orchestra mit berückender Klangschönheit umgesetzt. Mir scheint, daß Dohnanyi die "Passacaglia" weniger in der Vergangenheit verortet, sondern als zukunftsweisendes Werk auffaßt, weshalb er den Kontrapunkt deutlich herausarbeitet und die Klangreize weniger als Selbstzweck auffaßt denn als sinnstiftendes Konstruktionsmittel.



    Herbert Kegels Interpretation der "Passacaglia" steht mir persönlich näher als die Dohnanyis. Kegels Einspielung ist von einer Ausdruckswut getragen, für die ich wenig Vergleichbares kenne. Schon der Anfang mit dem seltsam gebrochenen Klang mutet wie ein Seufzen an, und dieser Gestus des Schmerzes durchzieht die gesamte Einspielung. Die konstruktiven Elemente treten in den Hintergrund und fungieren als unmerkbare Träger einer emotionalen Achterbahnfahrt.


    Wermutstropfen: Dohnányi ist derzeit nicht, und wenn nur extrem teuer zu bekommen. Aber Kegel sollte im 10-Euro-Bereich zu kriegen sein.


    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Aber Kegel sollte im 10-Euro-Bereich zu kriegen sein.


    Oder mit einer 8-CD-Box ganz billig (inklusive Gurrelieder, Moses und Aron, Wozzeck etc.):

  • Hallo KSM,
    stimmt - ganz vergessen! Idealaufnahmen von Werken der Zweiten Wiener Schule als Schnäppchen. Dabei auch eine der ganz wenigen Aufnahmen von Schönbergs "Moses", in denen der Sprecher das spricht, was Schönberg notiert hat.
    Womit diese Box ein Muß ist!
    :hello:

    ...

  • Hallo zusammen,
    bisher habe ich mit dem späten Webern eher meine Probleme - z. B. mit den Klaviervariationen op. 27, der Symphonie op. 21 mit ihren seltsamen Wiederholungen oder dem äußerst kargen Streichquartett op. 28. Dagegen finde ich das Konzert op. 24 wiederum ganz reizend.
    Gibt es denn eine Aufnahme von den Klaviervariationen, in der der Grundsatz, jede Note müsse espressivo gespielt werden, beherzigt wird?


    Viele Grüße


    :hello:

  • Zitat

    Gibt es denn eine Aufnahme von den Klaviervariationen, in der der Grundsatz, jede Note müsse espressivo gespielt werden, beherzigt wird?


    Gute Nachricht: Ja. Von Eduard Steuermann. Hat kein anderer je wieder so gespielt.
    Schlechte Nachricht: Meines Wissens nach derzeit nicht im Handel. :(
    :hello:

    ...

  • Hallo Edwin,
    vielen Dank für deinen Hinweis. Vielleicht wird ja das Sound-Archiv der Internetseite vom Schönberg-Center mal um Aufnahmen mit Musik von Schönberg-Schülern aufgestockt und die Steuermann-Aufnahme auf diesem Weg zugänglich.


    :hello:

  • Hallo Kontrapunkt,
    und immer wieder gezielt danach suchen. Sie wird ab und zu auf Sammelplatten (à la "Klaviermusik der Wiener Schule" etc.) veröffentlicht.
    Sie ist insoferne spannend, als Steuermann von Webern als idealer Interpret angesehen wurde, aber eine großzügige, nirgends notierte Agogik ins Spiel brachte. Dadurch wirken die Variationen bei ihm wirklich wie ein später, gebrochener Nachhall der Romantik.
    :hello:

    ...

  • Hallo Edwin,


    Zitat

    Original von Edwin Baumgartner


    Gute Nachricht: Ja. Von Eduard Steuermann. Hat kein anderer je wieder so gespielt.
    Schlechte Nachricht: Meines Wissens nach derzeit nicht im Handel. :(
    :hello:


    laut Booklet dieser empfehlenswerten Box:



    hat Steuermann, obwohl er der Widmungsträger von Weberns op. 27 war, es nie gespielt.


    Expressiver Knauser-Stil - wo kann man Dich hören?


    Viele Grüße


    :hello:

  • Ich will hier an dieser Stelle nach längerer Zeit wieder an diesen Komponisten erinnern, dessen Namen ich in den letzten Wochen hier wieder mehrfach gelesen habe und der am 3. Dezember 1883 in Wien geboren wurde (gest. am 15. September 1945 in Mittersill, Salzburg).


    Heute ist die 131. Wiederkehr seines Geburtstages.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Hallo,


    mit dem späten Webern kann ich auch wenig anfangen.
    Dass aber diese Musik (ein Vorgriff auf kommende Wochen) von Webern (dem frühen) stammt, hätte ich nicht für möglich gehalten (vom Klang pure Spätromantik); ein Klanggemälde von hoher Intensität.
    https://www.youtube.com/watch?v=x5amkpsvsiA
    Wer im Link auf "Mehr anzeigen" klickt, kann auch das dem Werk zugrunde liegende Gedicht lesen. Das Gedicht ist m. E. nicht vertont; die Musik schildert die Gefühlseindrücke des Komponisten in der im Gedicht beschriebenen Jahreszeit.


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Alle drei Vertreter der 2. Wiener Schule haben frühe Werke komponiert, die demonstrieren, dass sie ebensogut eine Karriere als Spätromantiker hätten einschlagen können. (Schönberg u.a. Verklärte Nacht, Gurrelieder, das 0. und 1. Streichquartett, evtl. auch zumindest die 1. Kammersinfonie, Berg die frühen Lieder und die Klaviersonate.)
    Was jedenfalls die immer mal wieder zu hörende Stammtischweisheit widerlegt, sie hätten eben keine "schöne Musik" komponieren können. Bei Webern wäre außer "Im Sommerwind" jedenfalls noch der langsame Satz für Streichquartett und die Passacaglia op.1 zu nennen. Wobei letztere schon recht herb und eher wie ein nochmal kondensierter Brahms daherkommt, gegenüber dem nahezu schwelgerischen Klang von "Im Sommerwind".

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ich hatte auch nicht gemeint, dass Webern dazu nicht fähig gewesen wäre.

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Ich möchte hier und heute an Anton Weberns Todestag erinnern und habe zu diesem Anlass diese Box ausgesucht:


    81KW8lLDiBL._SL300_.jpg



    Heute ist der 70. Todestag Anton Weberns.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Die zwei Webern-Threads haben ja inzwischen über die Jahrzehnte wenig Resonanz (der Andere hat mal gerade 3 Beiträge) ... wenn man sich die Kompositionen Weberns vor Augen und Ohren hält kann ich dies auch voll nachvollziehen.


    Weberns Werke werden ja als "grosse Kompositionen" der Wiener Schule des 20.Jhd "verkauft".

    Mag ja sein, dass für manche Komponisten und Dirigenten dieser Anspruch erfüllt wird. Immerhin hat auch Karajan sich mit den Stücken befasst. Laut Edwin aber nur mit einer tollen Leistung des Herunterbuchstabierens ... ;) was soll man mit dieser Musik auch sonst machen ...



    Ich habe mich heute gefragt, warum ausgerechnet bei James Levine in seiner DG-Box The Art of James Levine die Sechs Stücke für Orchester op.6

    enthalten und zusammen mit Berg und Schönberg-Stücken auf einer CD versammelt sind.

    Jedenfalls hörte ich gerade eben die Sechs Stücke. Im 2.Satz Bewegt ging ja mal dramatisch die Post ab, aber sonst sitze ich da und höre eine mathematische Abfolge von Tönen, die mir absolut nichts bringen. Langeweile ohne Ende über lange Strecken.

    Man hört, dass die Musiker mit Akribie und genauer Präzision dabei sind, doch berührt mich das gar nicht. Da sind keine nachvollziehbaren Melodien, einfach spannungslos ... da ist im Endeffekt nichts, was mich reizen würde dieses Webern - Werk noch einmal auf zu legen.


    Jetzt wurde es plötzlich bei Hördurchgang intensiver mit einem Touch Spannung ... nein, das war nun auf der CD schon der Schönberg mit den Fünf Orchesterstücken op.16 ... aber nur der Anfang, denn ansonsten geht es so nichtssagend weiter, wie bei Webern.

    Wenn ich für so ein Konzertprogramm Geld bezahlen müsste würde ich mich schön vera... vorkommen und mich ärgern.


    :( Wiener Schule - nix für den teleton !



    :?: Wie denkt Ihr darüber ?

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • In op. 6 ist nichts "Mathematisches" und der Spannungsgehalt und emotionale Ausdruck ist mindestens so extrem wie bei Mahler.

    Ich habe das sehr oft gehört, erkenne jede Wendung, jeden Ton wieder, und somit spricht auch jeder Ton, jede Farbe zu mir und ich denke: Unglaublich, so muss es sein.

    Es gibt nichts, was weniger langweilig wäre - was natürlich auch an der Kürze der Stücke liegt.