Operninszenierungen - modern vs. "altmodisch"

  • Ja, Edwin, dass ist sogar eine meiner Lieblingsinszenierungen und es wunderte mich sehr, als ich las, dass Du den auch magst.


    Oh Schreck - schnell Händewaschen - eine Gemeinsamkeit ;)


    Es ist doch alles im Rahmen, anders als bei z.B. bei der Zürcher "Zauberflöte" fühle ich mich beim "Lohengrin" nicht von der Bildersprache vergewaltigt. Empfinde die Oper nicht für eine werkfremde Aussage missbraucht. (Teilweise z. B. auch mein Problem bei Chereau) Bezeichnet man das als postmodern? Ich begreife nicht so ganz, was Du damit in diesem Zusammenhang meinst.


    Aber ich verstehe z.B. auch nicht, warum Du die wirklich einzigartig phantasievollen Langenfass-Kostüme des New Yorker Rings so nieder machst. Die sind für mich das beste Beispiel, wie man Tradition mit neuen Erkenntnissen verbindet. Empfindest Du die echt als verstaubt?


    Und um noch mal auf den "Lohengrin" zurückzukommen: Ich hätte z.B. gedacht, dass gerade so jemanden wie Dich, die Projektion der Kathedrale arg abtörnt - so wie mich der Staudamm beim "Rheingold" entnervt die Augen schließen lässt. Den empfinde ich als ästhetisches Knockout. Also, das wundert mich jetzt echt. Genauso, wie der Ponelle "Tristan", den ich ja schon manchmal hart an der Grenze des Kitsches fand.


    Echt witzig.


    Beste Grüße,


    Christoph

  • Hallo Knusperhexe,
    was ich bei Herzog mochte, war, daß er doch eine kaputte Welt zeigt: Alles ist ramponiert, im Verfall begriffen. Die "Hochzeitsnacht" findet in einer völlig irrealen Atmosphäre statt - aber die Wölfe liegen auf der Lauer. Mich hat das restlos fasziniert. Wie auch der Ponnelle-"Tristan", wobei Du recht hast: Der zweite Akt mit dem in allen Farben funkelnden Baum streift den Kitsch. Andererseits ist er ein optisches Äquivalent zu dieser in stetem Farbwechsel begriffenen Musik: Akustisch und optisch ein einzigartiger Rauschzustand - der mit dem Auftritt Markes so abrupt endet, daß es mir kalt über den Rücken lief.
    Das ist eine jener "konservativen" Inszenierungen, die ich sehr mag.
    Prinzipiell habe ich ja nichts gegen konservative Inszenierungen, wenn sie dem Hirn und den Augen was bieten. Was ja mein Argument gegen Schenk ist: Er stellt nur nach. Das macht Ponnelle nicht: Ponnelle interpretiert durchaus.
    Die Kostüme vom Met-"Ring" finde ich tatsächlich ziemlich abtörnend. Erinnern mich stark an "Star Wars". Ich mag's lieber etwas einfacher, mit weniger Applikationen, mehr Suggestion als Darstellung.
    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Die Kostüme vom Met-"Ring" finde ich tatsächlich ziemlich abtörnend. Erinnern mich stark an "Star Wars". Ich mag's lieber etwas einfacher, mit weniger Applikationen, mehr Suggestion als Darstellung.


    Hallo Edwin,


    na, "Star Wars" kann ich da jetzt wirklich nicht entdecken. Das sind Plastikkostüme, aber die Langenfass-Kostüme für den Ring sind so liebevoll zusammengestellt. Guck Dir die doch bitte noch mal genau an. Allein die Rheintöchter - also, ich schwärme da total von!!!! Schade, dass der damals nicht unser Prof geworden ist. Alle Studenten wollten ihn, gekommen ist aber leider wer anders.


    LG,


    Knuspi

  • Zitat

    Original von Knusperhexe
    Allein die Rheintöchter - also, ich schwärme da total von!!!!


    waren sie denn nackt? eigentlich das einzige richtige - im mittelalter war
    der badeanzug noch nicht erfunden und die badehäuser gross in mode,
    wo beiderlei geschlecht zusammen badete.


    faun

    die kritik ist das psychogramm des kritikers (will quadflieg)

  • Ach, Faun, wenn's doch so wäre (wie bei Hall in Bayreuth - fast ebenso scheußlich wie Schenk). Nein, fließende Gewänder haben sie an (wieso werden die unter Wasser eigentlich nicht naß? :wacky: ) und Tanzschritte vollführen sie. Wer's nicht gesehen hat, glaubt nicht, daß so etwas möglich ist.
    :hello:

    ...

  • Die Kostüme des Schenk-Ringes gehören für mich fast durchgehend zu der Kategorie von ästhetischer Erfahrung, der ich ungern wiederbegegne. Wobei meine Assoziation weniger "Star Wars" als vielmehr "Star Trek" wäre - die Schriftzeichen auf Wotans Brustpanzer sahen schon arg klingonisch aus und der Schulterpolster wurden auch viele verwendet. Mit besonderem Schrecken erinnere ich mich an die "Walküre". Den Fleischklops Gary Lakes hatte man in ein ziemlich unvorteilhaftes Fetzen-Outfit gesteckt, das von ferne aussah wie die Heavy-Metal-Kutte eines in die Jahre gekommenen Bikers (es fehlten nur noch das Piratenkopftuch, ein "Metallica"-T-Shirt und die obligate Sonnenbrille). Aber das "Schönste" war das - ich fürchte, ich erinnere mich richtig - paillettenbesetzte blaue Kleid, in das man die großartige Sängerin Christa Ludwig gestopft hatte. Der Eindruck wurde gekrönt durch ein mit silbernen Widderhörnchen besetztes Helmchen. Spätestens da konnte ich mich vor Lachen nicht mehr halten ob dieses Kostümschwachsinns. Von den "Atilla-der-Hunne"-Kostümen der Gibichungen in der "Götterdämmerung" will ich gar nicht erst anfangen (Herr Langenfass und Herr Schneider-Siemssen haben sich da wohl bei ihren Anleihen an Fritz Lang etwas verguckt). Wobei mir eine Gemeinsamkeit an den Kostümen und den Bühnenbildern aufgefallen ist: die geleckte, leblose Sterilität, gerade dann, wenn versucht wurde, "naturalistisch" zu sein. Derselbe Eindruck auch bei den "Meistersingern" aus New York. Sagrotangeputzte Butzenscheiben, die nur auf amerikanische und japanische Touristenbusse zu warten scheinen. Es fehlten eigentlich nur noch die mit Geranien bepflanzten Balkonkästen, dann wäre die Fremdenverkehrsprospektgelacktheit perfekt gewesen. Und dann dieses hässliche braungelbe Licht, was den Farben noch einen Stich ins Vergilbte gab. Brrr...

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo Giselher,

    Zitat

    was den Farben noch einen Stich ins Vergilbte gab.


    Ja, ja, ganz recht, den Illustrationen eines arg vergilbten Märchenbuches entstiegen.


    Zitat

    weniger "Star Wars" als vielmehr "Star Trek"


    Wo hatte ich nur meinen Kopf? :O Ja, punktgenau, das ist es. Kapitän Kirk und Spockie Langohr landen auf einem Planeten, auf dem gerade der "Ring" stattfindet.
    Der Schenk ist doch ein Genie - er hat's als postmoderne Demontage von "Raumschiff Enterprise" gemeint! :hahahaha:
    :hello:

    ...

  • man könnte natürlich (alfreds regie-regeln beachtend) auch die entstehungszeit
    des werkes heranziehen - beim rheingold 1851-1854. dann sollten die badenden
    rheintöchter so gewandet sein:


    bademode 1858


    faun

    die kritik ist das psychogramm des kritikers (will quadflieg)

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  • Also Edwin, bzgl. Houstoner "H & G" kann ich auch nur sagen: :kotz:
    Aber Deinem Umkehrschluß, dann doch lieber eine Regietheater-Inszenierung sehen zu wollen, kann ich mich nicht anschließen.


    LG,


    Knuspi

  • Zitat

    Zitat Knusperhexe
    Also Edwin, bzgl. Houstoner "H & G"


    Anm. für die Mitleser: Es handelt sich dabei um eine Bemerkung auf der Basis des Threads "Opernaufführungen der Vergangenheit und ihre Bühnenbilder - Schwelgerische Erinnerungen.......".


    :hello:

    ...

  • Hossa, bei meinem letzten Opernbesuch in Köln ging's wieder richtig ab. Stein des Anstoßes war die Thalbch'sche Neuinszenierung der Jenufa. Thalbach inszeniert zwar ziemlich genau am Libretto, aber die Optik mit Eisberg ist so là là. Das sorgte im Foyer für einigen Unmut. Immer wieder amüsant, wie da die Meinungen aufeinanderprallen. Ich selbst war auch nicht rundum beglückt, hatte aber noch Frau Thalbachs verunglücktem Humperdinck in Dresden weitaus schlimmeres erwartet.
    :hello:
    Knuspi

  • Der österreichische Theater- und Opernregisseur M. Kusej sagte gestern Abend in einem Fernsehinterview mit Alexander Kluge, dass er die englischen Pop- und Musicalinszenierungen (sinngemäß) von Barock-Opern "zum Kotzen" fände.

  • Hallo liebe Diskutanten dieses threads.


    Ich mich jetzt dazu durchgerungen, nach vielem Herumlesen in diesem Thread (ich bitte um Verstaendnis dafuer, dass ich nicht alles gelesen habe), zwei kleine Geschichtchen zum Besten zu geben.


    1.) Eine Auffuehrung von Romeo und Julia. Das war einfach grauenhaft. Die Buehne war kahl und grell-gruen. Nachdem mir bis zur Pause das xte Mal irgendein Ar... ( :stumm: ) praesentiert wurde, habe ich die Pause als gute Gelegenheit zur Flucht genutzt. Der Abend hat mir dann einen wundervollen Schneespaziergang - als Entschaedigung - geboten. Ich habe spaeter erfahren, dass Romeo und Julia am Ende nackt gekreuzigt wurden. Angesichts der Schoenheit der Julia-Darstellerin, frage ich mich da wirklich, was den Regisseur zur diesem Fauxpas verleitet hat. :wacky:


    2.) Ich war einer der Gluecklichen, die Ricardo Chaillys "Maskenball" im Opernhaus hoeren konnten. Die Inszenierung hat die Handlung ins "Nirgendwo" verfrachtet. Das finde ich sehr angemessen. Denn gerade die Entstehungsbedingungen des Librettos zeigen, dass es Verdi hier weniger das konkrete, fassbare Geschichtliche geht, als mehr um die ungluecklichen Verstrickungen der Protagonisten, die sie schliesslich zu solcher Ausweglosigkeit leitet.


    Ich wuerde weder die unter 1.) beschriebene Inszenierung noch die von Verdis Maskenball als modern (und erst recht nicht als altmodisch) bezeichnen. Im Gegensatz zu 1.) empfand ich 2.) aber als angemessen gegenueber der Vorlage - obwohl diese Inszenierung sicher nicht "historisierend" zu nennen ist.


    ...

    Viele Gruesse.
    Holger.

  • Lieber Bruder Martinus, endlich mal jemand, der mir hier in diesem Thread aus der Seele schreibt!
    Ich verstehe überhaupt nciht, was das Ausspielen von "modernen" gegen "historisierende" Inszenierungen für einen Sinn haben soll????
    Beides kann wunderbar gelungen und schrecklich zum Weglaufen sein. ICH bin auch schon weggelaufen:aus einer total altbackenen nd stinklangweiligen Inszenierung von Donizettis Figlia di Regimento, zu allem provinziellen überfluss kam dann auch noch die deutsche Version dazu und da war für mich wirklich das Mass voll. :kotz: Trotz einer serh guten Marie habe ich das nciht ertragen. :no:
    Ich wäre aber auch schon aus einer modernen Tamerlano Inszenieurng geflohen, wenn ich gekonnt hätte(war leider in Begleitung und nicht mobil), weil sie genauso öde und langweilig war. Es gibt Regie-Opern die mich begeistern aberes gibt auch "konventionelle" Aufführungen, die gefallen kônnen, wenn sie "abgestaubt" genug sind.
    Ich habe am liebsten Regisseure, die das Werk ästhetisch und psychologisch erfassen, ohne mit Gewalt irgendwelche Politikbezüge herzustellen. Dann ist es eigentlcih egal, in welche Epoche man das ansiedelt. Wenn das innere Konzeopt verstanden und dargestellt wird und ich nicht nur etwas für Ohr sondern auch fürs Auge bekomme, bin ich zufrieden. Es gibt auch einfach Opern, die sind ohne iene Modernisiertung gar ncith mehr spielbar und landen sonst in der Mottenksite. Beispiel: La pietra del Paragone von Rossini im Januar in Paris. Drei STunden noch so spritziger Rossini, eine Koloratur nach der Anderen, ist kaum verdaulich , wenn es keine interessante Inszenirung gibt. Und die war dort HOCHMODERN mit Videoinstallation, Handlung in die 50iger Jahre gelegt, viele witzige Schauspieleinfälle-einfach amïusant, so wie der Maestro es wollte.
    DAS aber im historisierenden Dekor wäre wahrscheinlich ein Graus gewesen.
    Also nciht Regietheater versus was weiss ich sondern: gute faszinierende Aufführung versus schlechte langweilige Aufführung. :yes:

  • Zitat

    Original von Fairy Queen
    Ich verstehe überhaupt nciht, was das Ausspielen von "modernen" gegen "historisierende" Inszenierungen für einen Sinn haben soll????


    Bei eurem Club bin ich dabei. Ich habe es mit einiger Mühe und Ringen um Verständnis mal in diesem Thread probiert, Brücken zu schlagen, aber das Interesse daran war gleich Null. Offensichtlich will man/frau sich seine Vorurteile bestätigen oder bestätigen lassen. Da hoffe ich ja auf das Erstarken einer dritten Kraft, die die Ideologien rechts und links liegenlässt.Es geht doch - welche Konzeption die Regie auch immer hat - um ein lebendiges und überzeugendes Stück Musiktheater.


    Gleich auch meine Beispiele: Mir tat die arme Kozena Leid in der Wilson-Inszenierung von Glucks Orfeo (und die der Alceste fand ich nicht eben besser). Das ist so gegen die Musik inszeniert, dass ich aus dem Hemd springen könnte. Dagegen war die Müchner Inszenierung des Orphée (Lowery) - natürlich auch mit der wunderbaren Kasarova - eine Offenbarung und auch mit der Stuttgarter Inszenierung der Alceste kann ich gut leben. Bei der Iphigénie en Tauride habe ich das Glück gehabt, zwei hervorragende Inszenierungen zu erleben, die Salzburger/Nürnberger von Claus Guth und die Berliner von Kosky. Was davon jetzt dem verpönten "Regietheater" (was für ein unsinniges Wort!) zugerechnet wird, ist unklar.

    Zitat

    Beides kann wunderbar gelungen und schrecklich zum Weglaufen sein.


    Oh ja ...


    Zitat

    Ich habe am liebsten Regisseure, die das Werk ästhetisch und psychologisch erfassen, ohne mit Gewalt irgendwelche Politikbezüge herzustellen.


    Wenn etwas zum Cliché wird (wie es eine Zeitlang das ständige Auftreten von SS-Leuten auf der Bühne war), ist das eben verfehlt. Man kann Politikbezüge offenlegen (die Zeitgenossen des "Fidelio" oder des "Freischütz" haben sie ohne Zweifel gesehen), man kann sie aber auch subtil spüren lassen. Nur Naivität hat bei einem Kunstwerk von Rang nichts zu suchen: Die Loriot-Inszenierung des "Freischütz" wie die Glyndebourne-Inszenierung des "Fidelio" (Hall) haben mich aus unterschiedlichen Gründen zum herzhaften Lachen gebracht.


    Zitat

    Dann ist es eigentlcih egal, in welche Epoche man das ansiedelt.


    Das ohnehin. Racines Iphigénie, die ich gerade studiere, hat nur die Konturen des mythischen Stoffes übernommen - Agamemnon hat mehr mit Louis XIV zu tun, Achill ist durchaus galant, Iphigénie hat offensichtlich höfische Erziehung genossen - das Stück ist in der Zeit angesiedelt, in der es entstanden ist, seine Probleme, etwa der Kampf zwischen Staats- und Privatinteresse etwa, sind aber auch die unserer Zeit - sonst würde es uns auch heute nicht mehr interessieren. Glucks Adaption ist wieder eine ihrer Zeit, die viel stärker noch auf Psychologisierung setzt. Aber ich kann doch, was immer ich jetzt bei einer Neuinszenierung tue, nicht Iphigenie im Schneewittchensarg ruhen lassen. Gerade heute wäre zum Beispiel deutlich zu machen, was für eine starke Frau Iphigenie ist, schon in Aulis, umso mehr noch in Tauris (und das hat Kosky auch konsequent herausgearbeitet). Dieses Gender-Interesse ist aber ein typisch zeitgenössisches, es korrespondiert aber auch schon mit der Iphigenie Glucks (wie wir heute erst richtig sehen, wie stark Mozarts Frauen in den Opern sind).


    Zitat

    Wenn das innere Konzeopt verstanden und dargestellt wird und ich nicht nur etwas für Ohr sondern auch fürs Auge bekomme, bin ich zufrieden. Es gibt auch einfach Opern, die sind ohne iene Modernisiertung gar ncith mehr spielbar und landen sonst in der Mottenksite.


    Das gilt meiner Meinung eben auch für Gluck, ertränkt man ihn in Klassizismus, so löscht man mit Eiswasser die Glut seiner Musik.


    Liebe Grüße


    Peter

  • @Frairy, ich denke auch so, und ich muss gestehen, dass ich noch keine Operninszenierung aus Frankreich und dem frankophonen Raum gesehen habe, die nicht geschmackvoll gewesen wäre, auch nicht aus dem Mittelmeerraum. Es passt schlicht meist alles dort, von den Kostümen, über die Farben und anderem mehr.
    Mir selbst ist nicht klar, warum man im deutschsprachigen Raum auf Teufel komm raus, so gerne in den letzten Jahrzehnten alles so verändern will: also verhässlichen, würde ich persönlich meinen. Hat man ein „Sendungsbewusstsein“, oder will man die „Kassen füllen“, ich weiß es nicht.


    LG Michael :hello:

  • Zitat

    Original von Michael
    @Frairy, ich denke auch so, und ich muss gestehen, dass ich noch keine Operninszenierung aus Frankreich und dem frankophonen Raum gesehen habe, die nicht geschmackvoll gewesen wäre, auch nicht aus dem Mittelmeerraum. Es passt schlicht meist alles dort, von den Kostümen, über die Farben und anderem mehr.
    Mir selbst ist nicht klar, warum man im deutschsprachigen Raum auf Teufel komm raus, so gerne in den letzten Jahrzehnten alles so verändern will: also verhässlichen, würde ich persönlich meinen. Hat man ein „Sendungsbewusstsein“, oder will man die „Kassen füllen“, ich weiß es nicht.


    Lieber Michael,


    es ist ein Irrtum, dass dies ein deutsches Phänomen ist. Wenn ich etwa . zur Abschreckung - an die Inszenierung der "Fairy Queen" in der ENO (Pountny war der Urheber) denke, so schlägt das so ziemlich alles, was ich von Decker, Konwitschny und Co. gesehen habe.


    Es ist also nicht nur der deutschsprachige Raum - und auch im deutschsprachigen Raum findet man bunte, phantasievolle und harmonische Inszenierungen. Gesprochen oder geschrieben wird allerdings weitgehend über provozierende Inszenierungen - und bei denen gibt es eben gute wie schlechte. Einiges, da stimme ich dir zu, ist Mode geworden - und die Mode wird vorbeigehen, wie so vieles. Aber anderes ist inzwischen auch Allgemeingut geworden, wie etwa Inszenierungen von Chéreau (und das ist weder ein Deutscher, noch AIx-en-Provence ein deutscher Spielort) oder von Konwitschny. Decker, den ich in Köln kennenlernte, habe ich bald häfuiger in London als in Köln gesehen. Und der Einschaltrekord des letzten Jahres war eine Decker-Inszenierung, die "Traviata" - und jetzt Hand aufs Herz: war die nun tatsächlich geschmacklos?


    Es ist meiner Meinung nach kein Sendungsbewusstsein, hin und wieder allerdings durchaus Spekulation auf einen Kassenerfolg (das hat auch Offenbach bewogen aus der opéra bouffe Orphée aux Enfers eine opéra féerie, eine Riesenausstattungs-Revue zu machen) und am Ende eine Sache des Geschmacks. Und über den wollen wir doch nicht ernsthaft streiten?


    LG Peter

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  • Zitat

    Original von pbrixius


    Bei eurem Club bin ich dabei. Ich habe es mit einiger Mühe und Ringen um Verständnis mal in diesem Thread probiert, Brücken zu schlagen, aber das Interesse daran war gleich Null. Offensichtlich will man/frau sich seine Vorurteile bestätigen oder bestätigen lassen. Da hoffe ich ja auf das Erstarken einer dritten Kraft, die die Ideologien rechts und links liegenlässt.



    Kinder, jetzt rennt Ihr aber offene Türen ein :D. Die "dritte Kraft" war in diesem Thread und dem absurderweise mit dem gleichen Thema parallellaufenden Spiegelthread "Moderne Inszenierungen - Totengräber der Oper?" (den Du offenbar meinst) schon immer recht stark vertreten. Und nichts war häufiger zu lesen als die wohlfeile Einsicht, dass es keine "altmodischen" und keine "modernen" Inszenierungen gebe, sondern nur "gute" oder "schlechte". Da damit das diskutierte Problem nicht gelöst, sondern eher verschärft wurde, und die zweifellos bestehenden Gegensätze auch nicht übertüncht werden konnten, drehte sich die Diskussion eben eine Spirale höher.


    Es ist sicherlich normal und auch durch neu dazukommende Mitglieder bedingt, dass sich bestimmte Debatten gern wiederholen. Aber mit der Bezeichnung Déjà-Vu wird man der jetzt neu aufflammenden Diskussion schon nicht mehr gerecht: Es gibt bestimmte Rollen mit einem nur minimal variierten Text, die öfter mal mit Debutanten besetzt werden, wobei einige altgediente, allseits geschätzte Mitglieder immer wieder gerne ihre angestammten Rollen spielen. Das erinnert etwas an eine in die Jahre gekommene Repertoirevorstellung.


    Ich habe wirklich alle 768 Beiträge in diesem und alle 972 Beiträge im Parallelthread gelesen (und einige wenige davon selbst verfasst) und kann nur sagen: Wer das mal getan hat, wird die meisten Argumente nicht mehr mit dem Gefühl vorbringen, als handele es sich um die Erfindung des Rads.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von pbrixius
    [quote]Original von Fairy Queen
    Ich verstehe überhaupt nciht, was das Ausspielen von "modernen" gegen "historisierende" Inszenierungen für einen Sinn haben soll????


    Bei eurem Club bin ich dabei. Ich habe es mit einiger Mühe und Ringen um Verständnis mal in diesem Thread probiert, Brücken zu schlagen, aber das Interesse daran war gleich Null. Offensichtlich will man/frau sich seine Vorurteile bestätigen oder bestätigen lassen. Da hoffe ich ja auf das Erstarken einer dritten Kraft, die die Ideologien rechts und links liegenlässt.Es geht doch - welche Konzeption die Regie auch immer hat - um ein lebendiges und überzeugendes Stück Musiktheater.



    Lieber Peter,
    dann hast du aber meine Beiträge nicht gelesen, denn in diese Kerbe schlage ich doch schon lange. Ich bin schon längst im Club!


    Lieber Michael,
    du behauptest immer wieder, das "böse" Regietheater sei auf den deuschen Kulturkreis beschränkt, das stimmt aber überhaupt nicht, wie dir schon Edwin und auch ich anhand vieler Beispiele bewiesen haben. Oder zählt z.B. Paris für dich nicht zu Frankreich?
    lg Severina :hello:

  • Zitat

    Original von pbrixius


    Es ist meiner Meinung nach am Ende eine Sache des Geschmacks. Und über den wollen wir doch nicht ernsthaft streiten?


    LG Peter


    Lieber Peter, da muss ich Dir schon recht geben, denn dies wussten ja schon die alten Römer: „de gustibus non est disputandum“.

    LG Michael :hello:

  • Zitat

    Original von severina
    ...
    Lieber Michael,
    du behauptest immer wieder, das "böse" Regietheater sei auf den deuschen Kulturkreis beschränkt, das stimmt aber überhaupt nicht, wie dir schon Edwin und auch ich anhand vieler Beispiele bewiesen haben. Oder zählt z.B. Paris für dich nicht zu Frankreich?
    ...


    Nun, es ist wohl nicht auf Deutschland beschränkt, aber es ist eine geradezu unheimliche Konzentration zu bemerken. Frankreich? Was ich bislang vom Chatelet, aus Lyon oder Aix kenne, ist zwar manchmal Regietheater, aber fast immer optisch ansprechendes Theater, meist sogar wirklich attraktives. Und was man aus Glyndebourne, Covent Garden, Zürich oder La Scala zu sehen bekommt, kann sich mehrheitlich auch wirklich sehen lassen. Diesen Zug zur Hässlichkeit scheint es in diesem Maße wirklich nirgendwo anders zu geben.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Kinder, jetzt rennt Ihr aber offene Türen ein :D. Die "dritte Kraft" war in diesem Thread und dem absurderweise mit dem gleichen Thema parallellaufenden Spiegelthread "Moderne Inszenierungen - Totengräber der Oper?" (den Du offenbar meinst) schon immer recht stark vertreten. Und nichts war häufiger zu lesen als die wohlfeile Einsicht, dass es keine "altmodischen" und keine "modernen" Inszenierungen gebe, sondern nur "gute" oder "schlechte". Da damit das diskutierte Problem nicht gelöst, sondern eher verschärft wurde, und die zweifellos bestehenden Gegensätze auch nicht übertüncht werden konnten, drehte sich die Diskussion eben eine Spirale höher.


    Als sich die Argumente zu wiederholen begannen, habe ich die Lust verloren, weiter zu lesen. Insofern folge ich gerne deiner Lesart, eben der Eindruck, dass die von dir referierte Einsicht wohlfeil sei, stellte sich bei mir nicht ein. Umso besser, wenn ich mich täuschte.


    Zitat

    Ich habe wirklich alle 768 Beiträge in diesem und alle 972 Beiträge im Parallelthread gelesen (und einige wenige davon selbst verfasst) und kann nur sagen: Wer das mal getan hat, wird die meisten Argumente nicht mehr mit dem Gefühl vorbringen, als handele es sich um die Erfindung des Rads.


    Nun, wenn du meine Beiträge ja kennst, weißt du, dass ich versuchte, von Geschmacksurteilen aus zu Begrifflichkeiten zu kommen, um emotional gefärbten Eindrücke objektivieren zu können und damit auch erst diskutabel zu machen. Dies Rad lasse ich gerne neu erfinden :)


    Über bestimmte Inszenierungen sprechen, die einen gewissen allgemeinen Bekanntheitsgrad haben, scheint mir ein Weg der Verständigung, sonst ist das alles ohnedies brotlose Kunst.


    Ansonsten halte ich viel mehr davon, Musikwerke und ihre Aufführungen zu empfehlen, als ihre Vermeidung zu empfehlen.


    LG Peter

  • Zitat

    Original von pbrixius
    Als sich die Argumente zu wiederholen begannen, habe ich die Lust verloren, weiter zu lesen. Insofern folge ich gerne deiner Lesart, eben der Eindruck, dass die von dir referierte Einsicht wohlfeil sei, stellte sich bei mir nicht ein. Umso besser, wenn ich mich täuschte.



    Ich hatte allerdings auch des öfteren die Lust verloren in diesen Threads zu lesen und vor allem zu posten, habe das dann später (man hängt ja doch irgendwie am Thema :D) aber immer nachgeholt. Und wenn sich der Rauch der rituellen Schlachten verzogen hatte, gab es doch zwischendurch immer wieder recht viele differenzierte Beiträge verschiedener Mitglieder zu lesen.






    Völlig einverstanden. Den Vorschlag, doch lieber über konkrete Inszenierungen zu sprechen und nicht nur mit Geschmacksurteilen um sich zu werfen, habe ich oft gelesen und gelegentlich auch selbst gemacht. Manchmal entwickelten sich da durchaus interessante konstruktive Debatten. Das Problem, dass nur relativ selten zwei Leute dieselbe Inszenierung gesehen haben (allenfalls im Fernsehen - und das zählt wohl eher nicht), lässt sich leider nur schwer aus der Welt schaffen.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Hallo Theophilus,

    Zitat

    Frankreich?


    Endlich sind wir einer Meinung! Du preist zurecht die französischen Regisseure. Da Chéreau ja Franzose ist und dort auch seinen fulminanten Start als Regisseur hingelegt hat, wirst Du Dich meinem Plädoyer etwa für seine "Ring"-Inszenierung aus vollem Herzen anschließen. Auch Regisseure wie Gilbert Deflo, André Engel finden also in Dir also einen Verteidiger. Und da dachte ich schon Du wärst ein Konservativer!
    Umstürzlerische Grüße

    ...

  • Zitat

    Original von severina


    Lieber Peter,
    dann hast du aber meine Beiträge nicht gelesen, denn in diese Kerbe schlage ich doch schon lange. Ich bin schon längst im Club!


    Liebe Severina,


    doch, dessen entsinne ich mich gerne! Die Stimme der Vernunft habe ich wohl vernommen ;)


    Liebe Grüße


    Peter

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Hallo Theophilus,


    Endlich sind wir einer Meinung! Du preist zurecht die französischen Regisseure. Da Chéreau ja Franzose ist und dort auch seinen fulminanten Start als Regisseur hingelegt hat, wirst Du Dich meinem Plädoyer etwa für seine "Ring"-Inszenierung aus vollem Herzen anschließen. Auch Regisseure wie Gilbert Deflo, André Engel finden also in Dir also einen Verteidiger. Und da dachte ich schon Du wärst ein Konservativer!
    Umstürzlerische Grüße


    Siehst du! Typischer Fall von Denkste!


    :D



    PS: Ich lasse mir aber nicht jeden Bären unwidersprochen aufbinden. Die Franzosen haben jedoch oft eine charmante Art, einem auch unliebsames schmackhaft zu machen.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von Theophilus
    Diesen Zug zur Hässlichkeit scheint es in diesem Maße wirklich nirgendwo anders zu geben.


    Hallo Theophilus,


    eine interessante ästhetische Kategorie, das Hässliche. Das Gegenteil, das Schöne, gehörte zur klassischen Trias des Guten, Schönen und Wahren - mit der Romantik, die ja Beginn der Moderne ist, wurde diese Trias in Frage gestellt, endgültig zerbrochen ist sie (als historischer Zeitpunkt) mit dem 1. Weltkrieg, wenigstens im europäischen Kulturbereich. Das Hässliche wurde als authentischer verstanden als das Schöne, das Schöne als Grenzfall des Hässlichen. während dem Schönen die Eigenschaft des Wahren abhanden gekommen scheint. Nun leben wir inzwischen im Schattenreich der Postmoderne, in der wieder das Schöne unwidersprochen aufscheinen kann, doch allenfalls für den Moment. Aber zu erleben - wie in Koskys Inszenierung der Iphigenie auf Tauris - wie sich das Schöne dem Hässlichen abringt, wie es in der Dunkelheit der skytischen Barbarei aufscheint und am Ende eine zerbrechliche Gegenwart beherrscht, ist einer der stärksten Theatereindrücke, die ich in den letzten Jahren miterlebt habe.


    Es grüßt Peter

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