Das Mysterium der Apokalypse - Quartett für das Ende der Zeit

  • Hallo Taminoianer,


    ja was verbirgt sich denn hinter diesem Titel?


    Er sagt es ja eigentlich schon, nämlich besagtes Quartett von Olivier Messiaen. Da ich annehme, dass viele von euch ihn garnicht oder nur oberflächlich kennen, hier eine kurze Einführung.
    Messiaen ist einer der wichtigsten Komponisten des 20.Jahrhunderts. Das Prinzip der Reihentechnik, entwickelt von Arnold Schoenberg (2.Wiener Schule), hat M. als erster auf alle Parameter übertragen. Vollkommene Anwendung fand dies zum ersten Mal in der rythmischen Etüde "Mode de valeurs et d'intensites" für Klavier 1949. Bei den Darmstädter Ferienkursen, das Mekka für avandgardistische Komposition, 1950 aufgeführt, sorgte das Stück für Furore, so dass viele junge Komponisten zu M. nach Paris kamen, um von ihm unterrichtet zu werden. Die neue Technik, genannt Seriellismus, dominierte die nächsten 10 Jahre die Szene. M. wurde zum Vater der heutigen Avandgarde. Bei ihm studierten (er war Professor für Harmonielehre, Analyse, Rythmus und Ästhetik am Pariser Conservatoire) u.a. Boulez, Stockhausen und Xenakis. Doch obwohl er Begründer einer neuen Richtung war, komponierte er meistens nicht seriell. Der große Unterschied ist seine Benutzung von Modi anstatt von Reihen. Zudem ist Messiaens Musik nicht als Darstellung der Struktur, sondern seines Glaubens zu sehen. Der tiefgläubige Katholik fühlte sich sein ganzes Leben zu mystischen Themen seiner Religion hingezogen. Über Zahlenverhältnisse und -spiele wird die programmatische Idee in die Kompositionstechnik umgesetzt. Die eigentlich nicht vereinbaren Gegensätze von Geist und Materie vereinigen sich, werden eins, geistliche und weltliche Musik existieren nicht mehr nebeneinander. So ist es auch möglich, das Universum der musikalischen Möglichkeiten zu erkunden, ohne sich zu verirren. M. verarbeitet in seinen Werken musikalisches Material aus Asien, dem Orient, der Indianer und Ozeanier sowie dem Mittelalter. Doch sein Hauptaugenmerk gilt den Vögeln. Sein ganzes Leben reist er um die Welt und zeichnet Vogelstimmen auf. Er bezeichnet sie einmal als seine größten Lehrmeister. Musikalisch kristallisiert sich der "Style oiseaux" dadurch heraus.
    So, nun aber zum Quartett. Geschrieben wurde es 1941 in deutscher Gefangenschaft in einem Arbeitslager in Goerlitz, wo es auch uraufgeführt wurde. M. sagt darüber, dass er nie wieder solche aufmerksamen Hörer hatte wie seine Mitgefangenen. Sowohl Struktur als auch Besetzung muten sonderbar an. Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier spielen in den 8 Stücken als Quartett, Trio, Duo und Solo. Behandelt werden Zeitgeschehnisse wie auch Zustände. Ein Solostück für Klarinette widmet sich den Vögeln. Was auffällt beim Hören der Musik, sind einige Unisono-Stellen sowie eine wunderbare Atmosphäre und himmlische Ruhe an einigen Stellen.


    Nun genug der Rede, jetzt ist eure Meinung gefragt. Ich besitze übrigens folgende Aufnahme:


    EMI - Nipper-Kollektion
    Meyer, Poppen, Fischer-Dieskau, Loriod


    Letztere ist Messiaens 2.Frau, ausgezeichnete Pianistin, und hat u.a Laurent Aimard unterrichtet. Die Aufnahme entstand 1990 in Anwesenheit des Komponisten, kurz vor seinem Tod 1992.
    Also absolut zu empfehlen, nur rund 5 Teuro teuer :stumm:.


    Grüße
    nubar

  • Hallo


    Ich besitze diese Arte Nova-Aufnahme, ("ensemble incanto" (cello: guido schiefen)), kaum gehört, zur Qualität dieser Aufnahme kann ich demnach auch nicht viel sagen, ausser, daß mir die Klarinette etwas zu sehr heraussticht, aber vielleicht soll das ja auch so sein...?


    Gruß, Markus aus FfM


    PS: Vielleicht besorge ich mir demnächst noch deine EMI-Nipper aufnahme zum Vergleich (wenn ich gewillt bin mich intensiver mit Messiaen zu beschäftigen) ansonsten gibt es ja noch recht viel andere Aufnahmen von diesem Quartett auf dem markt

  • Mit Entsetzen habe ich gerade entdeckt, dass meine geliebte Aufnahme des Quatuor pour la fin du temps inzwischen auch in das Lager der Super-Billig-Aufnahmen gewechselt ist (5,99 Euro). Sie ist eindeutig mehr wert! Es tut mir auch weh, dieses schreckliche Cover zu sehen - aber die Aufnahme ist für mich - der ich sonst mit Messiaen eher distanziert umgehe - ein Highlight.


    Immer unter der Einschränkung, dass ich von diesem Stück nur diese eine Aufnahme kenne. Aber die ist so, dass ich bisher noch keinen Wunsch nach einer Alternative hatte (was selten vorkommt). Vielleicht kann sich jemand auch noch vergleichend äußern.



    Und noch einmal Entschuldigung für das schreckliche Cover!


    Da kaum lesbar: Die Interpreten sind Eduard Brunner und das
    Trio Fontenay. Label ehemals Teldec, Cover mit einem Dali-Bild, auch nicht umwerfend, aber jedenfalls besser als dieses völlig undefinierbare wischi-waschi-Blaucover. Offenbar ist das wirkliche Ziel wohl nur Abstoßung von sehr guten, aber günstigen Aufnahmen.


    Gruß


    Matthias

    Tobe Welt, und springe,
    Ich steh hier und singe.

  • Zitat

    Original von nubar
    Messiaen ist einer der wichtigsten Komponisten des 20.Jahrhunderts. Das Prinzip der Reihentechnik, entwickelt von Arnold Schoenberg (2.Wiener Schule), hat M. als erster auf alle Parameter übertragen. Vollkommene Anwendung fand dies zum ersten Mal in der rythmischen Etüde "Mode de valeurs et d'intensites" für Klavier 1949.



    Hallo nubar,


    die Bedeutung der "Mode de valeurs et d'intensites" wird in Hinsicht auf Messiaens Gesamtwerk aber schwer überschätzt. Die allermeisten von Messiaens Werken sind weder Zwölftonmusik noch sonstwie "seriell". Im Gegensatz zu Schönberg hatte Messiaen auch keinerlei Hemmungen, Dur und Molldreiklänge zu verwenden. Er steht in dieser Hinsicht Debussy viel näher als Schönberg.


    Wie du selbst oben mitteilst, ist das Quatuor um 1940 in Kriegsgefangenschaft entstanden, vielleicht tatsächlich in Erwartung der Apokalyse (...?)


    Messiaen macht in diesem Werk ausgiebigen Gebrauch von speziellen rhythmischen Konstruktionen, z.B. den "nicht umkehrbaren Rhythmen", ein Begriff, der sehr mysteriös klingt, aber nichts anderes heißt, als daß solche rhythmischen Motive vor- und rückwärts gespielt genau gleich klingen, oder den "valeurs ajoutées", das sind kurze Notenwerte, die er in eine sonst "normale" Rhythmusfolge einfügt.


    Aus


    Viertel Achtel Achtel Viertel


    wird dann


    Viertel Achtel Achtel Sechzehntel Viertel


    Dieses Stilmittel benutzt er aber sehr frei und pragmatisch, mit serieller Musik hat das nichts zu tun.


    Gruß
    Heinz

  • Hallo Heinz,


    dass das Quartett 1940 entstanden ist, ist mir neu. Zwei Quellen von mir sagen da etwas anderes. Die umkehrbaren Rythmen werden von Messiaen übrigens sehr oft benutzt. Es ist ja eigentlich die Kombination eines Rhythmuses mit seinem Krebs 8). Trotzdem danke für deine Erläuterung. Du hast vollkommen Recht, die orchestrale Pracht steht natürlich in der Tradition der französischen Impressionisten, sprich Debussy und Ravel. Zu den angehängten Notenwerten: Diese werden von Messiaen ebenfalls oft gebraucht und bewirken beim Hörer, dass er dort eine vermeintliche Unordnung hört, wo höchste Ordnung und Disziplin in der Komposition ist. Und zur seriellen Musik: Wie kann ich denn bitte all die musikalischen Einflüsse wie Messiaen umsetzen, wenn ich seriell komponiere? Antwort: Nicht machbar! Deshalb die große Besonderheit der Modi! Die lassen nämlich im Gegensatz zu Reihen Tonwiederholungen zu und sind auch nicht auf 12 Töne begrenzt, sondern meistens auf 36.


    Grüße
    nubar

  • Das Werk entstand laut zweier mir zu Verfügung stehender Quellen 1940 ( Harenberg Kammermusik Führer und Metzlers Großes Lexikon der Musik in 4 Bänden) und wurde am 15. Jänner 1941 in Görlitz uraufgeführt.


    Gruß aus Wien


    Alfred


    Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.

    (stammt von Oscar Wilde - Hätte aber auch von mir sein können....)


  • Zitat

    Original von nubar
    dass das Quartett 1940 entstanden ist, ist mir neu. Zwei Quellen von mir sagen da etwas anderes.


    1940/41 stimmt schon :yes:


    Ich hab die Noten hier. Im Vorwort schreibt Messiaen:


    Concu et écrit pendant ma captivité, le "Quatuor pour la fin du Temps" fut donné en 1re audition au Stalag VIII A le 15 janvier 1941 ...



    Im übrigen wollte ich deine Infos ja nicht in Frage stellen, nur die oft gehörte Behauptung, Messiaen sei ein serieller Komponist, die so einfach nicht zutrifft. Glücklicherweise :)


    Gruß
    Heinz

  • Entschuldigung Heinz,


    wenn du dich angegriffen gefühlt hast. Ich habe mich nur missverstanden gefühlt, aber das kann natürlich an schlechter Formulierung bzw. fehlenden Gedanken meinerseits liegen.
    Also nochmals die Bitte um Entschuldigung, denn es geht ja nichts über eine gute Forianerchemie 8).


    nubar

  • Zitat

    Original von nubar
    Also nochmals die Bitte um Entschuldigung, denn es geht ja nichts über eine gute Forianerchemie 8).
    nubar


    Alles wird gut :) :) :)

  • Nachdem die gute Forianerchemie nun eineinhalb Jahre ausgekostet wurde, möchte ich auf die intensive eomtionale Chemie des Quartetts noch einmal eingehen.


    Messiaen stellte seinem "Quartett Für Das Ende Der Zeit" einen Ausschnitt aus der Apokalypse des Johannes voran, der den Kontext seiner Beschäftigung mit Zeit und Ewigkeit in seiner damaligen Situation näher erläutert:


    "Und ich sah einen anderen starken Engel vom Himmel herabkommen; der war mit einer Wolke bekleidet, und ein Regenbogen auf seinem Haupt, und sein Antlitz wie die Sonne, und seine Füße wie die Feuerpfeiler...und er setzte seinen rechten Fuß auf das Meer und den linken auf die Erde...und der Engel, den ich sah stehen auf dem Meer und auf der Erde, hub seine Hand auf gen Himmel und schwur bei den Lebendigen von Ewigkeit zu Ewigkeit..., dass hinfort keine Zeit mehr sein soll; sondern in den Tagen der Stimme des siebenten Engels, wenn er posaunen wird, so soll vollendet werden das Geheimnis Gottes."


    Den größten "Genuss" beim Hören dieser Musik habe ich bei der gleichzeitigen Vorstellung der Situation Messiaens und der anderen Kriegsgefangenen mit der ungewissen Situation sowie dem Tod vor Augen. Es ist eine sehr sphärische Musik, die tief nach innen und gleichzeitig weit nach außen gekehrt erscheint. Nicht nur die Zeit, sondern auch andere Perspektiven scheinen aufgelöst. Wie muss die Atmosphäre bei der Aufführung im Kriegsgefangenenlager gewesen sein?...


    Die beiden Streicher im ersten Satz, die die "sachliche" Klarinette meist im Flageolett umranken, haben auf mich eine himmlische Wirkung. Auch der lange fünfte (Violoncello und Klavier) sowie der ebenfalls ausgedehnte letzte Satz (Violine und Klavier) wirken endlos...endlos in der Zeit und endlos in emotionalen Empfindungen wie Traurigkeit. Ich vermute, dass Nubar dies mit "himmlische Ruhe" meinte.


    Uwe

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

  • nochmal zum streit ums serielle.
    meines wissens hat messiaen nie seriell komponiert.
    der erste, der seriell komponierte, soll babbitt gewesen sein.
    der erste europäer, der seriell komponierte, goeyvaerts, welcher messiaens nicht serielles "mode de valeurs et d'intensites" verdaut.
    letztere wendet ein der reihentechnik ähnliches verfahren auf verschiedene parameter an und ist somit ein vorläufer des europäischen serialismus. bei babbitt nehme ich mal an, dass er den serialismus unabhängig von den etwa zeitgleichen europäischen werken entwickelte.


    rein vom hörgenuß muss ich sagen, dass "mode de valeurs et d'intensites" bei mir, einem freund serieller musik, wenig eingang in die ohren gefunden hat. aber das ist alles OT ...
    :untertauch:

  • Olivier Messiaen ( 1908-1992 )


    Quatuor pour la fin du Temps - Quartett für das Ende der Zeit
    Entstehung : 1940/41
    Uraufführung : 15.Januar 1941 ( Kriegsgefangenenlager )


    Messiaen war im Winter im Kriegsgefangenenlager Görlitz inhaftiert.
    In dieser Zeit schrieb er das o.g. Quartett.


    Die ungewöhnliche Besetzung aus : Klarinette, Violine, Klavier und Cello ergab sich aus der Anwesenheit der Instrumente im Lager.


    1. Satz Kristallende Liturgie
    2. Satz Vokalise für den Engel
    3. Satz Abgrund der Vögel
    4. Satz Zwiaschenspiel
    5. Satz Lobgesang auf die Ewigkeit
    6. Satz Tanz der Wut
    7. Satz Gewirr von Regenbogen
    8. Satz Lobgesang auf die Unsterblichkeit


    Innerhalb des Quartetts sind nicht alle Instrumente in allen Sätzen beteiligt.
    Im dritten Satz erscheint lediglich die Klarinette, im vierten Satz pausiert das Klavier usw.


    Die insgesamt fahle Stimmung des Quartetts hat mich sehr beeindruckt und war dann auch mein erstes Werk des Komponisten das ich gehört habe.


    Sicherlich ist es sehr gewöhnungsbedürftig
    ( insbesondere wenn man seinen Schwerpunkt bei der Romantik hat ).


    Aber es lohnt sich neues zu entdecken.


    Es war dann auch somit der Einstieg für mich in die "Moderne".
    Eben auch einmal anderes zu hören.


    Zwei Aufnahmen möchte ich empfehlen :




    Wie steht ihr zu dem Werk ?
    Welche Aufnahmen habt ihr davon ?


    Bin gespannt...


    :hello:


    Gruss
    Holger

    "Es ist nicht schwer zu komponieren.
    Aber es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen"
    Johannes Brahms

  • Hallo HolgerB,


    zu Messiaens Quatuor pour la fin du Temps existiert bereits ein thraed : Das Mysterium der Apokalypse - Quartett für das Ende der Zeit. Dein Beitrag sollte am besten von einem der Moderatoren dorthin verschoben werden. Dort stammt allerdings der letzte Beitrag aus dem Jahre 2006, so dass ich hoffe, dass Dein Beitrag zu einer "Wiederbelebung" dieses threads führen wird.


    Mir persönlich gefällt das Quatuor pour la fin du Temps sehr, sehr gut. Ich kenne zwei Einspielungen:



    und


    .


    Besonders letztere Aufnahme hat es mir angetan, auch wenn sich Bahrenboim ansonsten nicht unbedingt als Messiaen-Spezialist hervorgetan hat.


    Zitat

    Original von HolgerB
    Die insgesamt fahle Stimmung des Quartetts hat mich sehr beeindruckt und war dann auch mein erstes Werk des Komponisten das ich gehört habe.


    Sicherlich ist es sehr gewöhnungsbedürftig
    ( insbesondere wenn man seinen Schwerpunkt bei der Romantik hat ).
    Holger


    Ich finde eigentlich nicht, dass das Stück eine fahle Stimmung verbreitet. Im Gegenteil, an diesem Werk bewundere ich vielmehr die die Gewissheit göttlicher Erlösung (Heilsgewissheit), die aus diesem Werk spricht, insbesondere wenn man an die Umstände der Entstehung denkt (deutsches Kriegsgefangenenlager). Ich höre in diesem Meisterwerk keine Endzeitstimmung in dem Sinne eines bevorstehenden Weltuntergangs, sondern vielmehr den tiefen Glauben an die Herrschaft Gottes, die Auferstehung der Toten und an die Erlösung durch das "Ende der Zeit".


    Viele Grüße


    Sinfonie


    :hello:


    Thread zusammengefügt MOD 001 Alfred

  • Als langjähriger, gleichwohl anfangs etwas unverständiger Liebhaber mancher Werke von O. Messiaen möchte ich einige Sätze über meine Rezeption dieses etwas speziellen Komponisten verlieren.


    Als erstes denke ich, dass man dessen Subjektivismen erfassen und respektieren sollte. Man braucht ihn noch lange nicht zu "verstehen", sollte aber einige Dinge memorieren: er war mehrere Jahrzehnte Organist an St. Trinite (nahe der Pariser Oper), davor Kriegsgefangener nahe Görlitz, subjektiv am Ende des

    grauenhaften Krieges, später und mit der Welt verbunden in seiner Ehe mit Y. Loriod und seinen westfränkisch- praktischen Fähigkeiten als Franzose, Organist und Vogelfreund.


    Den Zugang zu Messiaen über "20 Regards...". finde ich sehr schwierig, man muss sich erstmal sehr einhören. Es geht viel direkter über "Gott in unserer Mitte" und über das Vogellexikon. Er versucht nichts geringeres als die diversen Vögel über den Klang des Klavieres, auch der St. Trinite- Orgel, singen und schwatzen zu lassen (was man in aller Ruhe hörend fantasieren kann/ sollte).

    Und nun kann die Musik richtig Spass machen.


  • Das alles klingt sehr nach Programm und (vielleicht) drolliger Anekdote, ist aber sicher ein weltweit ernstzunehmender musikalischer Ansatz und anhaltender Reiz. Warum wirkt diese Musik so stark auf uns ?

  • Ganz direkt und hart:


    ich hoffe, dass wir uns einig darüber sind, dass das Vogelzwitschern ala Vogelgesang ein Mysterium unserer akustischen Welt ist. Einige von uns zählen auch die Befindensäusserungen unserer Katzen und Hunde, sogar gut gehaltener Hühner dazu, mit Recht. Die sind mit und für uns da. :)

  • Kleine Randnotiz: Zu den Befindlichkeitsäusserungen von Katzen, insbesondere Schnurren, gibt es Studien, die diesem heilsame Wirkung zusprechen. Als Besitzer zweier Russisch Blau-Kater freue mich darüber, dass es sich entgegen jeder Annahme dann doch um Nutztiere handelt. ;)

    Zitat

    Prof. Leo Brunnberg von der Klinik und Poliklinik für kleine Haustiere an der Freien Universität Berlin hat herausgefunden, dass Schnurren den Selbstheilungsprozess bei Verletzungen wie Knochenbrüchen unterstützt. Die freigesetzten Schwingungen regen die Muskulatur an, stimulieren das Knochenwachstum und erhöhen die Regenerationsfähigkeit.

    Die heilende Wirkung des Katzenschnurrens ist vergleichbar mit dem Vibrationstraining für Sportler, das zur Stärkung der Muskeln und Knochen empfohlen wird - und im Frequenzbereich von 5 bis 60 Hertz liegt. Künftig sollen niedrigfrequentierte Schallbehandlungen auch bei Patienten mit Knochenschwund eingesetzt werden.

    Katzenschnurren hat weitere positive Auswirkungen auf den Menschen. So werden Katzen vermehrt bei der Therapie von Trauma-Patienten oder Personen mit chronischen oder psychosomatischen Krankheiten eingesetzt. Eine Studie des Schlaganfallzentrums der Universität von Minnesota (USA) hat ergeben, dass Katzenschnurren den Blutdruck senkt und somit das Herzinfarktrisiko reduziert. Außerdem reagiert das menschliche Gehirn auf Schnurren mit der Ausschüttung des Wohlfühlhormons Serotonin.


    Vielleicht sollte ich Ihnen Messiaens Vogelgesang mal vorspielen?

    "...man darf also gespannt sein, ob eines Tages das Selbstmordattentat eines fanatischen Bruckner-Hörers seinem Wirken ein Ende setzen wird."



  • Den Zugang zu Messiaen über "20 Regards...". finde ich sehr schwierig, man muss sich erstmal sehr einhören. Es geht viel direkter über "Gott in unserer Mitte" und über das Vogellexikon. Er versucht nichts geringeres als die diversen Vögel über den Klang des Klavieres, auch der St. Trinite- Orgel, singen und schwatzen zu lassen (was man in aller Ruhe hörend fantasieren kann/ sollte).

    Und nun kann die Musik richtig Spass machen.

    Lieber Damiro , ich habe den Eindruck, dass die Probleme hier mit dem "Verstehenwollen" des Komponisten zusammenhängen. Die "Vingt regards" sind urkatholisch und ein Zugang über die Religion wäre für mich fast unmöglich. "Le baiser d'enfant Jésus" wäre mit dieser Vorstellung für mich unerträglich. Zumal diese Betrachtung je nach Vorstellung des Interpreten den "Kitsch" streifen kann.....


    Also, was interessiert mich anfangs die Vorstellung des Komponisten? Das Werk lebt im Zusammenhang der Musik allgemein und der Komponist ist da nur ein kleines Steinchen =O. Ich habe mir seinerzeit die Interpretation von Michel Béroff geholt und sie vor und zurück gehört und mir mein eigenes Universum um diese Musik gebaut. Natürlich habe ich mir irgendwann auch Text dazu reingezogen ...


    Als Interpret sieht die Welt natürlich leicht anders aus .... 8)


    Aber den Béroff möchte ich Dir trotzdem ans Herz legen.



    Im Gegensatz zu seiner Klaviermusik, macht mir Messiaens Quatuor doch noch etwas mehr Probleme. Es gibt da eine Interpretation um den Cellisten Matt Haimovitz, die mit einem sogenannten Framing arbeitet. Da bin ich dran....


  • Es stellt sich grundsätzlich die Frage, ob man gläubig sein muss, will man diese Musik verstehen, das heisst, jede Musik, die einen religiösen Hintergrund hat. Wenn dem so wäre, wären wesentliche Teile des musikalischen Kanons für Ungläubige nicht zugänglich. Für den Hörer wie den Interpreten.


    Wie stellt sich es für Komponisten dar?


    Ich bin im Thread zu Ein Deutschen Requiem von Johannes Brahms darauf gestossen, dass der Komponist keinen Glauben gehabt haben soll, er sich als "bibelfesten Atheisten" bezeichnet hatte. Von Antonin Dvorak stammt ein Zitat, das Brahms Verhältnis zum Glauben beschreibt: Zitat: "Solch ein Mensch, solch eine Seele! Und er glaubt an nichts, er glaubt an nichts!" Und trotzdem hat Brahms sich mit den biblischen Texten, die er in diesem Werk verwendete, intensiv auseinander gesetzt. Und seine letzte Komposition sind die Choralvorspiele Op. 122, die von einer intensiver Beschäftigung mit den letzten Dingen zeugen.



    Nun zurück zu Olivier Messiaens Quatour pour la fin du Temps: Die Entstehungsgeschichte, kann man hier nachlesen: https://www.kammermusikfuehrer.de/werke/1201


    Das sind die französischen Bezeichnungen der Sätze:


    1. Liturgie de cristal


    2. Vocalise, pour l’Ange qui annonce la fin du Temps


    3. Abîme des oiseaux


    4. Intermède


    5. Louange à l’Éternité de Jésus


    6. Danse de la fureur, pour les sept trompettes


    7. Fouillis d’arcs-en-ciel, pour l’Ange qui annonce la fin du Temps


    8. Louange à l’Immortalité de Jésus



    Aus oben genanntem Text, den ich oben verlinkt habe, ist diese Erklärung:


    Messiaen bekannte, dass sein Quartett „direkt von diesen Versen der Apokalypse inspiriert“ worden sei: „Die musikalische Sprache ist im wesentlichen körperlos, geistig, katholisch. Die thematischen Motive, die melodisch und harmonisch eine Art tonale Allgegenwart ergeben, bringen den Hörer der Ewigkeit in Raum und Unendlichkeit näher. Besondere Rhythmen, frei von jeder Takteinheit, tragen nachdrücklich dazu bei, das Zeitliche in die Ferne zu rücken.“ Zum Aufbau bemerkte der Komponist:

    Das Quartett hat acht Sätze. Warum? Sieben ist die vollkommene Zahl, die Schöpfung von sechs Tagen, geheiligt durch den göttlichen Sabbat; dieser siebte Tag dehnt sich aus in die Ewigkeit und wird zum achten des unauslöschlichen Lichts und des unvergänglichen Friedens.“


    Im Sinne dieses zahlensymbolischen Aufbaus gab Messiaen jedem der acht Sätze ein ausführliches Programm mit:


    1. Liturgie aus Kristall: „Zwischen 3 und 4 Uhr morgens das Erwachen der Vögel: eine Amsel und eine einzelne Nachtigall improvisieren hoch oben in den Bäumen, umgeben von klingendem Blütenstaub und von einem Lichthof aus verlorenen Trillern. Übertragen Sie das auf die religiöse Ebene, und sie werden die Stille der Himmelsharmonien vernehmen!“


    2. Vokalise für den Engel, der das Ende der Zeit verkündet: „Der 1. und 3. Teil (sehr kurz) beschwören die Macht dieses starken Engels mit dem Regenbogen über dem Haupt, in eine Wolke gekleidet, wie er einen Fuß auf das Meer und den anderen auf die Erde setzt. In der Mitte hören wir die unfassbaren Harmonien des Himmels: im Klavier zarte Kaskaden aus Akkorden in Blau-Orange, die mit ihrem fernen Glockenklang den quasi-gregorianischen Choral von Geige und Cello umhüllen.“


    3. Abgrund der Vögel: „Klarinetten-Solo. Der Abgrund, das ist die Zeit mit ihrer Traurigkeit und Müdigkeit. Die Vögel sind das Gegenteil der Zeit. Sie sind unser Verlangen nach Licht, nach den Sternen und Regenbögen und nach jubilierenden Stimmen!“


    4. Intermezzo: „Ein Scherzo von äußerlicherem Charakter als die anderen Sätze, aber mit ihnen durch einige melodische „Anklänge“ verbunden.“


    5. Lob auf die Ewigkeit Jesu: „Jesus wird hier als das Wort betrachtet. Eine große Phrase des Cellos, unendlich langsam, verherrlicht in Liebe und Ehrerbietung die Ewigkeit dieses mächtigen und süßen Wortes. Majestätisch breitet sich die Melodie aus wie in einer zarten und unbegrenzten Ferne. ‚Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.’ (Joh. 1,1)“


    6. Tanz der Raserei für die sieben Trompeten: „In seinem Rhythmus ist dieser Satz der charakteristischste von allen. Die vier Instrumente ahmen unisono die Gongs und Trompeten nach: die sechs Trompeten der Apokalypse, denen verschiedene Katastrophen folgen. Die Trompete des siebten Engels verkündet die Vollendung des Geheimnisses Gottes. Die Verwendung von hinzugefügten Werten, Rhythmen, die sich vergrößern und verkleinern, Rhythmen, die nicht umkehrbar sind. Musik aus Stein, aus furcht-erregendem, sonorem Granit, eine unwiderstehliche Bewegung aus Stahl, ungeheure Blöcke von purpurner Raserei, von eisiger Trunkenheit. Hören Sie besonders auf das schreckliche Fortissimo des Themas in der rhythmischen Vergrößerung und mit veränderten Registern gegen Ende des Satzes!“


    7. Gewirr von Regenbögen für den Engel, der das Ende der Zeit verkündet: „Es erscheinen hier wieder Passagen aus dem 2. Satz. Der Engel erscheint voller Kraft, vor allem der Regenbogen, der ihn bedeckt (der Regenbogen – das Symbol des Friedens, der Weisheit und aller leuchtenden und klingenden Vibration). In meinen Träumen sehe und höre ich geordnete Melodien und Akkorde, bekannte Farben und Formen; dann, nach diesem vorübergehenden Stadium, gehe ich über ins Irreale, und erleide in einer Ekstase ein Wirbeln, ein kreisendes Miteindringen von übermenschlichen Tönen und Farben. Diese Schwerter aus Feuer, dieses Fließen von Lava in Blau-Orange, diese brüsken Sterne: so ist das Gewirr, so sind die Regenbögen.“


    8. Lob auf die Unsterblichkeit Jesu: „Ein breit angelegtes Geigensolo, Gegenstück zum Cellosolo des 5. Satzes. Warum dieser zweite Lobgesang? Er richtet sich ganz besonders auf die zweite Wesenheit Jesu, den Menschen Jesus, auf das Wort, das Fleisch geworden ist, auferstanden als Unsterblicher, um uns sein Leben zu schenken. Der Lobgesang ist ganz und gar Liebe. Sein langsamer Aufstieg zu extremer Höhe bedeutet das Aufsteigen des Menschen zu seinem Gott, des Gottessohnes zu seinem Vater, des vergöttlichten Geschöpfes zum Paradies.“


    (Olivier Messiaen)

    Es bleiben übrig die Worte eines Dichters:

    Es sind nicht die, bei denen Logen applaudieren

    Die Worte leben und kriechen

    auf allen vieren ....


    Majakowski

  • Ja, was O.M. da schreibt, könnte er im Grunde einer geeigneten (höheren) Schulklasse beibringen, evtl. mit Overhead- Demonstration etc.. und anschliessend ins Eiscafe. Es gibt immer einige Jugendliche, die eine gewisse Einbettung in einen beginnenden oder aber schon bestehenden Fluss der Gedanken und Empfindungen wollen, schliesslich Fuss fassen, mit viel oder weniger Einwirkung der Lehrkräfte und der älteren Schüler / Geschwister, dann ihren verschlungenen Pfad suchen. Wenn es uns ähnlich ergeht, sind wir zumindest nicht signifikant verkalkt oder können es passend verbergen.


    Mir jedenfalls gefällt der Ansatz mit den Vögeln, ggf. mit Wettervariablen, ausserordentlich gut:). Ich denke, als Musiker und Organist könnte man so eine gewisse Nähe zu anderen Gläubigen oder halt "nur" Vogelfreunden erzeugen. Wobei Astewes` Einwand und Meinung, soweit dargelegt, eigentlich ganz unberührt bleibt. ;)

    Für mich darf ich sagen, und das ist der Grund für mein Weiterführen (oder "Anfassen") dieses Threads, die Suche nach dem musikalischen Zugang zu manchen Werken des Komponisten. Das treibt mich an, mich der direkten oder intrinsischen Macht des Orgelspiels und -hörens hinzugeben (z.B. "Dieu parmi nous", ich glaube auf WERGO). :saint:8):jubel:


    Apropos Pfad:

    sollten wir auch zusammen die Janaczek- Sonate hören ?