Der Stoff aus dem die Opern sind (5) - Gekrönte Häupter und welche es gern geworden wären....

  • Liebe Forianer,
    ein neuer Opernthread steht an der Startrampe
    Diesmal handelt es sich um gekrönte Häupter, Grafen, Fürsten, Prinzen. Könige. Kaiser und Päpste.
    Da gibt es zunächst die historische Person und ihre Geschichte, darauf folgt eventuell ein mehr oder weniger verfälschendes Drama, und last but not least die Oper, welche die Geschichte ihrerseits korrigiert, bzw beschönigt....


    Wie sehr gleicht "Elisabetta" in Rossinis Oper ihrem historischen Gegenstück, wie histoisch ist die "Maria Stuart" der Opernbühne....?


    Phiipp II., eine historische Figur, der Marquis de Posas frei erfunden,
    Don Carlos als Figur noch geschönt- damit er als Held dastehen kann - was er in der Realität nie war....


    mfg aus Wien
    Alfred

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  • Diese Donizetti-Oper ist eine meiner liebsten - ein anspruchsvolles Werk, da Elisabeth und Maria wirklich absolut gleich gut singen müssen und man noch wenigstens einen Jahrhunderttenor für die undankbare Partie des Leicester braucht, aber was den Wirklichkeitsgehalt angeht, so müssen wir ihn wohl ähnlich ansetzen wie bei Schillers Maria Stuart: es geht da mehr so um's Prinzip...Maria und Elisabeth haben sich ja z.B. nie getroffen; damit entbehrt eine der packendsten Szenen, nämlich der Showdown der beiden mit dem von Maria gezischten "vil bastarda!!" leider jeder historischen Grundlage.
    Donizetti hat die Elisabeth recht genau nach der Wirklichkeit gezeichnet; ihre große Arie "Si! Vuol di Francia il rege" gibt den lebenslangen inneren Konflikt dieser Königin zwischen Machtbewußtsein und der Sehnsucht nach einer menschlichen Bindung sehr gut wieder. Bei aller Sympathie für Maria muß aber festgestellt werden, daß sie leider wohl nicht so engelhaft war wie von Donizetti musikalisch beschrieben; die netteste Biographie über sie, geschrieben von Stefan Zweig, bemüht sich zwar redlich, aber es läßt sich nicht wegdiskutieren, daß sie eine höchst törichte, verblendete und eitle Frau war..


    Ich habe diese Oper in Moskau bestimmt 10 Mal in der Neuen Oper gesehen, mit der phantastischen Margarita Nekrassowa als Elisabeth. An Aufnahmen empfiehlt sich besonders die mit Sutherland/Tourangeau/Pavarotti. Als filmische Verquickung der Oper mit dem Schillerschen Drama der Film Basis dieser Aufnahme, aber mit sehr guten tschechischen Schauspielern - ich finde das Cover bei den Anbietern leider nicht mehr.


    Grüße!


    Honoria

    "...and suddenly everybody burst out singing"
    Busman's Honeymoon

  • Ich finde, Honorica Lucasta hat hier einen sehr schönen Anfang geliefert, nämlich eine Oper, wo man dann über die historische Realität weiterdiskutieren kann - aber natürlich nicht notwendigerweise muß.


    Ich persönlich finde die Stefan-Zweig -Biographie gar nicht so freundlich für Maria Stuart - im Gegensatz zu Schiller, der von der "Heldin" Maria Stuart fasziniert war. Folgen wir Stefan Zweig, so ist diese Faszination durch gar nichts zu begründen - im Gegenteil: M;aria Stuart war eine falsche Schlange, welche sich nach dem Mord an ihrem Gatten aus Schottland absetzen musste um der schottischen Gerichtsbatkeit zu entgehen. Dabei begab sie sich unter den Schutz ihrer "Schwester" (so redete sie Elisabeth in ihren Briefen stets an) um von ihrem jeweiligen Wohnsitz aus gegen Elisabeth zu inrigieren und ihren Sturz zu betreiben.
    Elisabeth soll davon gewusst haben, es aber nicht wahrhaben wollen.
    Die Ratgeber Elisabeths wollten aber Maria Stuarts Kopf, wohl wissend, daß ihr eigener auf dem Spiele stünde, sollte Maria Stuart die Macht im Lande übernehmen. Eines Tages wurde eine Verschwörung durch abgefangene Briefe aufgedeckt - es ist nicht mal sicher ob diese Verschwörung nicht von Elsabeths Agenten provokativ angezettelt wurde - und die angeblichen Rädelsführer hingerichtet. Elisabeth soll so ausser sich vor Zorn gewesen sein, daß sie den vorbereiteten Exekutionsbefehl gegen M;aria Stuart unterschrieb - aber das Todesurteil
    in ihrer Schreibtischlade aufbewahrte - allerdings die Lade nicht verschloß.
    Was hier Zufall und was hier Absicht war ist bis heute ungewiss, jedenfalls wurde das unterschriebene Todesurteil aus der Lade entwendet und "im Namen ihrer Majestät" zum Tower gebracht, wo das Urteil in kürzester Zeit vollstreckt wurde. Es ist überliefert, daß Elisabeth einen Wutanfall hatte, als sie von der Hinrichtung "ihrer geliebten Schwester" erführ. Manche Historiker meinen, es wären Krokodilstränen gewesen, die sie hier vergoß, sie habe die Lade ABSICHTLICH nicht versperrt....


    Dieser geschichtliche Vorfall bietet natürlich genügend Stoff für Dramen und Opern, dramatische Szenen und effektvolle Arien...


    mfg aus Wien


    Alfred

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  • Verehrter Administrator,


    Stefan Zweig hatte ein penchant für Maria, aber er hat natürlich die Fakten nicht unterschlagen und sich nur dort wohlwollende Deutungen erlaubt, wo alle Welt auch noch rätselt (sind die Kassettenbriefe von Maria geschrieben? Zweig sagt: nein; usw.).


    In diesem historischen Konflikt standen sich jedenfalls zwei sehr starke Persönlichkeiten gegenüber, deren jeweiliges Sendungsbewußtsein ihnen nicht erlaubte, auch nur einen Fußbreit Terrain aufzugeben. Bei Donizetti hat Maria aber klar die moralische Oberhand, weil sie eine der ausgiebigsten und melodiösesten Abschieds- und Sterbeszenen der Opernliteratur hat, mit Chor, plötzlich noch auftauchendem Leicster und geistlich ebenfalls wohlversehen - so stirbt es sich wahrlich königlich :jubel:.


    Grüße!


    Honoria

    "...and suddenly everybody burst out singing"
    Busman's Honeymoon

  • Ein Problem bei der historischen Maria Stuart ist für mich, dass jene Fakten, die uns überliefert sind und die eindeutig einer kritischen Überprüfung standhalten können, durchaus nicht so reichlich sind, wie es den Anschein hat. Ich habe nicht nur Stephan Zweig, sondern auch verschiedenen wissenschaftliche Biographien über Maria Stuart gelesen und es ist auffallend, wie unterschiedlich da einzelne Quellen von den Verfassern/innen gewichtet werden und das führt wieder zu unterschiedlichen Ergebnissen.


    Maria Stuart war in jedem Fall das, was die Geschichte als politische Verliererin bezeichnen dürfte und Geschichtswertung ist gewöhnlich die Sicht der Sieger. Allerdings fand Maria Stuart ein tragisches Ende und ihr gelang dabei durchaus das, was als guter Abgang bezeichnet werden könnte.


    Für frauenfeindliche Einstellungen (die auch bei einem Stephan Zweig zu erkennen sind) dürfte Maria eine ausgezeichnete Projektionsfläche abgegeben haben und als Paradebeispiel für die Bestätigung unsinniger Theorien, dass Frauen eben außerhalb der drei Ks (Kinder, Küche, Kirche) nichts zu suchen haben, konnte sie in der Literatur ebenfalls genutzt werden.
    _____________


    Was Donizettis Oper betrifft, vereinfacht sie das Drama von Schiller, dem sie zugrunde liegt wesentlich und bietet auch eindeutig mehr Schwarzweißzeichnung als die Vorlage an.


    Auch hier ist Maria eindeutig die Sympathieträgerin und ich persönlich halte die Oper, obwohl sie musikalisch sicher einige Highlights bietet und als Vehikel für zwei großartige Primadonnen und einen ausgezeichneten Chor ideal ist, inhaltlich für eher uninteressant.


    Da sind die beiden anderen noch bekannteren Opern um Elisabeth I. doch ergiebiger, obwohl sie sich weniger an den geschichtlichen Fakten orientieren, als dies bei Schillers Drama (und somit auch in der Oper von Donizetti) der Fall ist.


    Das liegt daran, dass Elisabetta sowohl bei Rossini ( "Elisabetta Regina d'Inghilterra" ) als auch bei Donizetti ( "Roberto Devereux Conte d'Essex" ) eine wesentlich zwiespältigere und somit auch interessantere Figur ist, die sich aktiv mit ihren Liebes- und Pflichtverstrickungen auseinandersetzen muss und diese auch noch zu lösen versucht.


    Dagegen sind Maria Stuardas wirkliche Konflikte (ihr Scheitern als Königin und ihre Verwicklung in die Ermordung ihres zweiten Ehemanns) bereits Vergangenheit, wodurch die Oper eine gewisse Statik zeigt und in Gefahr ist, langweilig zu werden, wenn die Musik nicht erstklassig gesungen wird.

    Il mare, il mare! Quale in rimirarlo
    Di glorie e di sublimi rapimenti
    Mi si affaccian ricordi! Il mare, il mare!
    Percè in suo grembo non trovai la tomba?

  • WAltrada schreib:


    Zitat

    Ein Problem bei der historischen Maria Stuart ist für mich, dass jene Fakten, die uns überliefert sind und die eindeutig einer kritischen Überprüfung standhalten können, durchaus nicht so reichlich sind, wie es den Anschein hat


    Stefan zweig war eher der Ansicht, daß es ZUVIELE (einander stets widersprechende Quellen gäbe)


    Aber widmen wir uns einer Anderen historischen Figur:


    DON CARLOS


    Wieder ist Schiller das Vorbild - und wieder vergreifft er sich an historischen Tatsachen. - Das dürfte ein Faible von ihm geweesen sein,
    was in meinen Augen umso schwerer wiegt, als Schiller ja Professor für Geschichte in Jena war.....
    Don Carlos war der geistig eher abnorme und leicht verkrüppelte mißratene Sohn von PhilippII, der durch vielerlei Charaktereigenschaften auf sich aufmerksam macht, unter anderem durch einen ausgeprägten Sadismus gegen Tiere - aber keineswegs ein Freiheitskämpfer war. Einen Marquis de Posa indes -hat es nie gegeben.
    Hervorragend gestaltet indes die Person Philipps II, der ein Spielball der Kirche ist und sich gegen das "Ti guarda" des Großinquisitors nicht wehren kann - und will. Ein Kunstkniff der besonderen Art ist, daß der Großinquisitor als blind dargestellt wird. Das ist zumindest zweideutig, meiner Meinung nach jedoch mehrdeutig. keine Einwände von meiner Seite gibt es zu Verdis Musik, die die historischen Mängel der Oper (aber das ist eigentlich bei derartigen Werken üblich) vergessen macht.


    Alles in allem ist das Stück publikumswirksam, die "Freiheitskämpfer" kommen auf Ihre Rechnung, und ebenso die Liebhaber von spanischer Mode des 16. Jahrhunderts, und jene die immer schon einmal einem Autodafe beiwohnen wollten......


    Die Wiener Inszenierung vor ca 30 Jahren war in dieser Hinsicht äusserst eindrucksvoll und realistisch...


    mfg aus Wien


    Alfred

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  • Zu diesem Thema fällt mir - zusätzlich zu den bereis Genannten - als erster Gustav III. vo Schweden ein, der als Gustavo oder auch Riccardo durch Verdis Maskenball geistert. Die Ermordung ist ei historisches Faktum, seine Beliebtheit beim Volk auch, die, soweit ich gelsen habe, u.a. darauf beruhte, dass er die Privilegien des Adels einzuschränken versuchte. Hierin, und nicht in einer heimlichen Liebesgeschichte, war auch der Grund für das Attentat zu suchen. Aber solche politischen Gründe passen natürlich für ein süffiges Opernlibretto nicht.


    Ansonsten fallen mir für gekrönte Häupter in Opern spontan noch Xerxes (Serse) , Alexander der Große (z. B. in "Il re pastore) und Cäsar (obwohhl der ja nicht wirklich gekrönt war) , Kleopatra und deren Bruder Ptolemäus ein. In den entsprechenden Opern haben diese Personen mit ihren historischen Vorbildern kaum etwas zu tun und diene nur als "Aufhänger " für Arien von Liebe, Hass, Eifersucht etc.


    lg


    Mme. Cortese

    Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe (Tagore)

  • Meine liebe Mme. Cortese!
    Mir fällt da noch der Zar aus "Boris Godounov" ein. Er ist zwar durch Mord auf den Zarenthron gekommen, aber er wurde immerhin gekrönt. Gruß Wolfgang

    W.S.

  • Eine meiner wenigen Schwächen in diesem Forum ist es, interessante Themen zu starten, und mich dann nicht mehr um sie zu kümmern.
    Wahrscheinlich weil ich immer bemüht bin weitere Threads zu starten die allgemein interessant sind, und dabei auf die alten vergesse.
    Derzeit bin ich aber beim Stöbern im Forum um Spreu vom Weizen zu trennen. Und ich stoße da auf recht viel Weizen der gar nie geerntet wurde, sodaß ich die Spreu wieder liegen lassen muß


    Bevor ich mich mit weiteren gekrönten Häuptern befasse, möchte ich Maria Stuart noch mal besprechen.


    Ich sehe bei Stefan Zweig kein frauenfeindliches Stuart Bild, lediglich ein wohl angebrachtes kritisches. Diese Frau scheint gerne mit ihrer Umwelt gespielt zu haben, die Männer wie Marionetten tanzen lassen, und deren Köpfe leichtfertig aufs Spiel gesetzt.
    Wie anders doch die einerseits starrsinnige, andrerseits zaudernde Elisabeth, die gerne als die böse Gegenspielerin der Stuart dargestellt wird, und dennoch wesentlich mehr Charakter hatte als diese.


    Ein spätes Opfer der Stuart war übrigens Friedrich von Schiller, der von dieser Person so angetan war, daß er sie maßlos glorifizierte - zum Schaden des Rufs von Elisabeth I.


    Elisabeth I war mehr als eine gehässige Gegenspielerin, die ihre Rivalin hinrichten ließ, sie hatte Charakter , wenngleich auch hysterische Anfälle und Launen. Die Hinrichtung der Stuart - betrieben von Elisabeths Beratern, die alle wussten was ihnen blühte, käme Maria Stuart auf den englischen Thron - war durchaus eine richtige Entscheidung, Maria Stuart war eine gefährliche, mit Charme (aber nicht mit Schönheit) gesegnete Person, die alle Mittel anwandte Elisabeth den Thron abzuluchsen.
    Friedrich von Schiller, Professor für Geschichte in Jena, sollte dies alles bekannt gewesen sein.
    Die Oper simplifiziert das Thema weiter.


    Dennoch wird gerade hier gezeigt, dass man gerne auf historische Stoffe zurückgriff, um auch interessantes Interieur und interessante Kostüme, eingebettet in ein pseudohistorisches Umfeld bieten zu können. Dadurch werden auch schwache Inhalte mit unwahren historischen Aussagen interessant.


    mfg aus Wien


    Alfred

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  • Dieser Thread ist - zumindest für mich - derart interessant, daß ich mich wundere, daß er nicht schon 500 Beiträge hat, vor allem, da Oper derzeit zu den Kernthemen von Tamino zählt Ich will einen weiteren Vorstoß wagen und "Don Carlos" ins Spiel bringen, wieder ein Werk wo Schiller das Vorbild für den Librettisten war, und genauso die historische Realität verfälschen wie vieles von Schiller. Eigentlich waren hier ja 2 Librettisten am Werk, da Joseph Méry 1865 stirbt und das Librette helbfertig hinterlässt. Camille du Locle vollendet das Werk, dürfe aber für die Überlänge der Oper verantwortlich zeichenen, auf seine Rechnung geht das Autodafé, ein Detail mit dem Verdi eigentlich nicht einverstanden war (Ich finde jedoch, daß die Oper dadurch an Wirkung gewonnen hat) Auch ein Ballett war in der französischen Urfassung obligat, dem französischen Publikumsgeschmack verpflichtet.
    An sich zeigt die Oper jedoch wenig historisch Korrektes: Der im realen Leben verwachsene, sadistische und geistig leicht behinderte Don Carlos - sein Aussehen ist uns - in geschönter form auf einigen zeitgenössischen Gemälden überliefert - wird hier zum Helden hochstilisiert, und ein edler Freund, der Marquis de Posa wird ihm zur Seite gestellt. Einen Marquis de Posa hat es in Wirklichkeit nie gegeben. Auch stellt sich Philipp nicht schützend vor seinen Sohn, als der Großinquisitor dessen Leben verlangt. So wirkungsvoll die Szene ist - so historisch unglaubwürdig ist sie. Philipp II. war nicht nur bigott, sondern geradezu fanatisch, was Religion betrifft. Es erscheint mir unvorstellbar, daß er vom Großinquisitor eingeschüchtert wird, dessen treuester Verbündeter er ist. Der reale Philipp soll eher gefürchtet haben, daß sein Sohn einst die Regentschaft übernehmen könnte und ein regelrecht willkürliches Schreckensregiment ausüben könnte. Gerüchte wollten nie verstummen, daß Don Carlos mit dem Einverständnis - oder sogar im Auftrage von Philipp II - ermordet wurde....
    Wäre auch ein guter Stoff für eine Oper gewesen.....


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

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  • Mir ist beim Lesen der bisherigen Postings eingefallen, dass in der Zauberflöte der edle Tamino von sich behauptet, Prinz zu sein. Aber niemand spricht von seinen Eltern. Hätte er da nicht auch eine Krone erhalten können? Oder kehrt er später mit Pamina nach Hause zurück? Wäre interessant .......



    Erich

    Meine Meinung steht fest. Bitte verwirren Sie mich nicht durch Tatsachen.


  • Nun, ich denke, man sollte nicht den Fehler machen, den Geschichtsprofessor Schiller mit dem Literaten Schiller zu verwechseln. Ich glaube nicht, dass Schiller hinter dem Katheder bewusst historische Unwahrheiten verbreitet hat. Die Geschichte um Carlos dient jedoch dem Literaten und Idealisten Schiller dazu, den Fokus auf das unterjochte Flandern, den Freiheitsgedanken sowie eine guten Portion Kirchenkritik zu setzen. Selbstverständlich muss ein solcher (historisch korrekter) politischer Hintergrund mit einem menschlichen Schicksal und einer vereitelten Liebe verbunden sein, um aus der Schaubühne eine moralische Anstalt machen zu können. Sonst verpufft alles als zwar gutgemeinte, aber für die Bühne unangemessene Geschichtsvorlesung. Die Krux besteht nun darin, dass man sich nicht ausschließlich irgendwelche Fantasiepersonen ausdenken kann, wenn man eine konkrete historische Epoche anspricht. In den Kampf um Flandern war nun einmal Philipp verwickelt, und dessen Sohn war nun einmal Carlos. Dass dieser im echten Leben eher eine Ausfallserscheinung war und bestimmt nicht zum Helden taugte, ist dem Historiker Schiller bewusst, nützt aber dem Theatermann und Literaten sehr wenig.
    Dennoch hat Schiller die Fehlerhaftigkeit Carlos' sehr gut aufgezeigt - wenn auch anders, als erwartet. Ein echter Held ist er nämlich auch im Drama nicht, mit einem Tell oder einer Jungfrau von Orléans hat dieser kopflose, rasende, naive Jüngling nur wenig gemein. Er macht alles falsch, was man falsch machen kann, seine Unbesonnenheit führt letztlich ins Verderben. Wie einzigartig Verdi genau diese Charakterzeichnung in seiner musikalischen Umsetzung erfasst hat, brauche ich hier sicherlich nicht zu erörtern.

    "Tatsachen sind die wilden Bestien im intellektuellen Gelände." (Oliver Wendell Holmes, 1809-94)

  • Ich arbeite gerade an dem Libretto zu Donizettis "Fausta", in dem es um den Tod von Crispus und Fausta geht. Nach der Oper bringt Crispus von einem Feldzug nach Gallien die Gefangene Beroe mit, die er liebt. Er bittet seinen Vater, Kaiser Konstantin, aus dessen erster Ehe er stammt, Beroe heiraten zu dürfen, was Fausta, der zweiten Frau Konstantins nicht gefällt, weil sie selbst in ihn verliebt ist. Sie versucht, ihn an sich zu fesseln, und als er nicht darauf eingeht, beschuldigt sie ihn vor dem Kaiser, dass er ihr nachstelle, was zu seiner Verhaftung und zu seiner Exekution führt. Sie selbst vergiftet sich und bekennt vor ihrem Tode Crispus' Unschuld. Mit eingeflochten ist auch eine Intrige Maximians, ihres Vaters, der selbst Kaiser werden möchte.
    Historisch belegt ist, dass Crispus der Sohn Konstantins aus seiner ersten Ehe mit Minervina ist und dass er 326 auf Anordnung Kaiser Konstantins getötet wurde. Der genaue Grund ist unbekannt. Dass Fausta, die zweite Frau Konstantins, Crispus beschuldigt habe, ihr nachzustellen, ist nur gerüchteweise bekannt. Als Konstantin festgestellt hat, dass das falsch war, ließ er auch Fausta töten. Andere Historiker glauben, dass Crispus wegen Hochverrats zum Tode verurteilt wurde.
    Historisch belegt ist auch, dass Fausta die Tochter Maximians war. Dieser war Unterkaiser unter Diokletian und später unter Constantius, dem Vater Konstantins. Auch eine Intrige Maximians gegen Konstantin ist belegt, die aber bereits im Jahre 310 stattfand und scheiterte. Maximian floh daraufhin wurde aber ausgeliefert und starb noch 310 durch Selbstmord.

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • ... Der reale Philipp soll eher gefürchtet haben, daß sein Sohn einst die Regentschaft übernehmen könnte und ein regelrecht willkürliches Schreckensregiment ausüben könnte. Gerüchte wollten nie verstummen, daß Don Carlos mit dem Einverständnis - oder sogar im Auftrage von Philipp II - ermordet wurde....
    Wäre auch ein guter Stoff für eine Oper gewesen.....


    Ich habe so meine Zweifel, ob Napoleon III. diese Version goutiert hätte...


    ;)

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Auch Croesus war eine interessante historische Persönlichkeit. Wir wissen einiges über sie - indes gibt es etliche Versionen über sein Ende. Reinhard Keisers Librettist wählt die erfreulichste: Crösus vermag dem Scheiterhaufen zu entrinnen und wird der Berater des neuen Machthabers. Inwieweit dies mit der realen Geschichte übereinstimmt ist zumindest fraglich - bis heute wissen wir nichts Genaueres über diese von Geschichtsschreibern überlieferte Variante. Andere Historiker der Zeit standen im krassen Gegensatz zu dieser Variante...


    mfg aus Wien
    Alfred

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  • Zitat Alfred Schmidt

    Zitat

    Reinhard Keisers Librettist wählt die erfreulichste: Crösus vermag dem Scheiterhaufen zu entrinnen und wird der Berater des neuen Machthabers.


    Dann folgt er hier Xenophon, Kyropädie (Erziehung des Gyros)
    Die Quellen, die den Ereignissen im 6. Jh. v. Chr. am nächsten sind (zeitgenössische existieren nicht), überliefern dagegen das Motiv einer Selbstverbrennung.


    Mit bestem Gruß
    JLang

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

  • Hallo,


    ich habe desen Thread erst gestern wahrgenommen und möchte doch noch etwas zu Don Carlos und seinem Vater sagen.
    Philipp II. wird eigentlich erst von den neueren Biographen korrekt gewürdigt. Er war viel weniger fanatisch als sein Vater, Karl V., von dem der Spruch überliefert ist "Ich regiere lieber über Tote als über Ketzer".
    In seiner Jugend war Philipp eher ein lebensfroher Mensch wurde erst später, sehr schwer an Gicht erkrankt, verdriesslich und steif, in jedem Sinne des Wortes. Außerdem hatte er eine im Grunde typische Habsburger-Eigenschaft, die sich noch bis Franz-Joseph I. verfolgen läßt: Hang zur Bürokratie und Entscheidungsschwäche.
    Die Inquisition war in Spanien eine staatliche Einrichtung, die mit der römischen Zentrale praktisch nichts zu tun hatte. Der Großinquisitor wurde seit Ferdinand und Isabella vom König ernannt; die Inquisition diente vor allem der Durchsetzung der Interessen der Krone. Unter Philipp II. missachtete die spanische Inquisition auf Befehl des Königs wiederholt Anweisungen des Papstes.
    Daß Philipp seinen Sohn Carlos ermorden ließ bzw. sogar selbst getötet habe, wurde bereits von den Zeitgenossen kolportiert.
    Der Herzog von Saint-Simon berichtet in seinen Memoiren, daß der Enkel des Sonnenkönigs, der ja als Philipp V. den spanischen Thron bestiegen hatte, sich nicht scheute, den Sarg von Don Carlos im Escorial öffnen zu lassen, um nachzusehen, ob dieser tatsächlich ermordet worden sei. Man fand, daß der Kopf vom Körper getrennt war, was als Beweis für die Hinrichtiung des Infanten betrachtet wurde.
    Aus heutiger Sicht beweist dies allerdings gar nichts, da auch bei einbalsamieren Körpern Fäulnisprozesse vorhanden sind, die die Kontinuität von Kopf und Rumpf auflösen können.
    Schiller hat sich übrigens bemüht, in seinem Schauspiel ebenso wie in seiner berühmten Arbeit über den "Abfall der Niederlage" Philipp differenziert zu beschreiben.
    Im Gegensatz hierzu dämonisiert Charles de Coster in seinem berühmten "Ulenspiegel" den König hemmungslos.


    Viele Grüße


    J.Schneider

    "Die Musik steht hinter den Noten" (Gustav Mahler)

  • Danke, lieber Joachim, für diese Auführungen, die ich unterstreichen kann.


    Philipp II. soll sich m. W. auch zeitlebens nicht als ebenbürtig gesehen haben verglichen mit seinem Vater Karl V., was verwundern mag, erscheint er mir doch deutlich intellektueller als der Kaiser, der mir manchmal wie ein recht einfaches Gemüt vorkommt. Alfred Kohler, der berühmte Wiener Karl-V.-Experte, sagte vor Jahren schon, dass es eher das Phänomen Karl V. sei, nicht so sehr die Person Karl V., die uns fasziniert. Karls Haltung gegenüber Luther zeugt von Kleingeistigkeit. Sein Großvater und Vorgänger Kaiser Maximilian I. war da viel realpolitischer ("Was macht euer Mönch? Wahrlich, seine Positiones sind nicht zu verachten; er wird ein Spiel mit den Pfaffen anfangen"); leider wissen wir nicht, wie sich die Reformation unter ihm entwickelt hätte, da er 1519 starb. Philipp II. jedenfalls verfehlte bekanntlich sein Ziel, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches zu werden. Die sog. "spanische Sukzession" wurde vereitelt (nicht zuletzt durch Karls Bruder Ferdinand I.). Diese Krönung seiner Karriere scheint den spanischen König schwer getroffen zu haben, war doch nun die österreichische Linie des Hauses Habsburg mit der höchsten weltlichen Würde der Christenheit ausgestattet, nicht die faktisch viel mächtigere spanische. Philipps Vorgehen im Kölner Krieg 1583 (der Kurfürst-Erzbischof war protestantisch geworden und hatte geheiratet) zeigt ihn gleichwohl als De-facto-Kaiser, als spanische Truppen die Sache wieder im Sinne des Katholizismus regelten. Sein junger Vetter, Kaiser Rudolf II., der hier kaum aktiv mitmischte, wirkt im Vergleich mit seinem machtvollen Onkel ziemlich farblos (wenngleich als Person ebenfalls interessant). Das habsburgische Spanien erreichte unter Philipp II. seinen Machtzenit. 1580/81 fiel auch noch das portugiesische Weltreich an Spanien, wodurch sich das Imperium nochmal entscheidend vergrößerte. Die berühmte Niederlage der Armada 1588 sowie das letztlich erfolglose Eingreifen in Frankreich ab 1589 zeigten Spanien allerdings seine Grenzen auf. Kurz vor seinem Tode 1598 gelang es Philipp II. gerade noch, den Status quo zu wahren. Trotzdem erscheint mir die lange vorherrschende Tendenz in der Geschichtsschreibung, die Ereignisse von 1588 als sofortiges Übergehen der Seevorherrschaft von Spanien auf England zu stilisieren, reichlich überzogen. Davon kann keine Rede sein. Besonders auf dem Lande war Spanien auch Anfang des 17. Jahrhunderts unter den ambitionierten Premierministern Lerma und Olivares noch die dominierende Macht. Erst im Verlaufe des Dreißigjährigen Krieges, besonders ab 1640 (Abfall Portugals), löste Frankreich Spanien immer mehr als europäische Vormacht ab, was im Pyrenäenfrieden 1659 dann auch besiegelt wurde.


    Liebe Grüße
    Joseph

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Hallo, lieber Joseph,


    Du weist zu Recht darauf hin, daß mit den Nachfolgern von Philipp II der Niedergang Spaniens und der weitere Aufstieg Frankreichs zur europäischen Hegemonialmacht begann und rasch Fahrt aufnahm.
    Von den Hugenottenkriegen konnte Spanien letztendlich nicht profitieren, wobei es noch fraglich ist, ob das Haus Guise, wenn es ihm gelungen wäre, die Nachfolge Henry III. anzutreten, nicht versucht hätte -einmal an die Macht gelangt- sich von der spanischen Bevormundung zu befreien. Louis XIV. hat jedes erdenkliche Opfer gebracht, um die Einkreisung seines Reiches zu beenden, und der Erfolg, nämlich eine bourbonische Dynastie in Spanien zu etablieren, hat ihm aus französischer Sicht recht gegeben, auch wenn dies Frankreich bis an den Rand des Untergangs gebracht hat.
    Daß die heutigen spanischen Bourbonen ihrem Stammvater Saint Louis (von dessen jüngstem Sohn sie ja abstammen), keine Ehre machen, steht auf einem anderen Blatt.


    Übrigens: ich muß hoffentlich kein schlechtes Gewissen haben, da diese Ausführungen ein wenig Off-Topic ( in einem Musikforum) sind?


    Viele Grüße


    J.Schneider

    "Die Musik steht hinter den Noten" (Gustav Mahler)

  • Schön und bereichernd ist dieser geschichtliche Exkurs. Angeregt durch diese Ausführungen habe ich gerade das Kabinett des Königs aus "Don Carlos" aufgelegt und höre Gottlob Frick in deutscher Sprache im großen Monolog des Philipp. Ein seelisches Stimmungsgemälde ohne gleichen. Das grandiose Duett König/Großinquisitor mit Frick und Kurt Böhme wird folgen. Krönung also durch die Musik und großartige Sänger.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

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