Quo Vadis Bayreuth?

  • Lieber Siegfried,


    dein herrliches Bonmot "Weiberdämmerung" könnte wegweisend werden für die Zukunft von Neu-Neu-Bayreuth.

    Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

  • Wie der "Focus" in seiner online-Ausgabe berichtet, sollen die Aufführungen der Bayreuther Wagner-Festspiele demnächst im Kino zu sehen sein.


    Festspielleiterin Katharina Wagner will Opern der Bayreuther Festspiele live ins Kino übertragen lassen. „Wir arbeiten derzeit an Vereinbarungen mit mehr als hundert Kinos, über die ganze Republik verteilt“. Auch mit Kinos in der Schweiz, in Österreich und Großbritannien stehe sie in Kontakt. „So können mehr Menschen als je zuvor ein Bayreuth-Erlebnis haben“, sagte Wagner.


    Den Auftakt in dieser Saison soll am 11. August eine Übertragung des „Parsifal“ in ausgewählte Lichtspielhäuser machen. Der Eintritt pro Vorstellung und Person soll 27 bis 32 Euro betragen.


    LG


    :hello:

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • LIeber Harald,


    das ist zwar eine interessante Ankündigung, aber obwohl ich gerne Wagner höre und sehe, würde ich mir die Inszenierungen der letzten Zeit aus Bayreuth auch wohl dann nicht antun wollen, wenn ich Zum Eintritt noch Geld hinzugeschenkt bekäme.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Die Crux ist ja, dass dann zig Millionen Zeugen der Bayreuther Wagner-Verschandelung werden. Aber vielleicht bildet sich dadurch eine Gegenbewegung, die diese unsäglichen Machenschaften nicht länger hinzunehmen bereit ist. (Ein frommer Wunsch!)


    Weiters ist Katharina Wagners Statement "So können mehr Menschen als je zuvor ein Bayreuth-Erlebnis haben" hanebüchen, denn das hat man nur im Bayreuther Festspielhaus mit seiner einzigartigen Akustik, seiner Architektur, aber auch mit seiner unbequemen Bestuhlung.


    Bayreuth ohne den Genius loci, überdies in einem Kino - das ist wahrlich kein Bayreuth(-Erlebnis)! Da finde ich mehr Bayreuth, wenn ich mir alte Platten aus Bayreuth anhöre.

    Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

  • Inzwischen gibt es nähere Einzelheiten zu der Übertragung des Parsifal in die Kinos:


    Zitat

    Wer als Normalsterblicher eine Karte für die Bayreuther Festspiele ergattern möchte, muss sich auf eine Wartezeit gefasst machen, die Jahre in Anspruch nehmen kann. Doch nun gibt es eine interessante Alternative: Mit Unterstützung des Ingolstädter Autoherstellers Audi wird am 11. August 2012 erstmals eine bundesweite Live-Übertragung in über 100 Kinos realisiert. Auf dem Programm steht die im Jahr 2008 mit großem Erfolg aufgeführte Inszenierung des Parsifal von Stefan Herheim.
    Die Kartenpreise liegen bei 30 EUR.
    Sponsor Audi präsentiert während der Pausen ein Live-Propramm, das von Katharina Wagner moderiert wird. Die Festspielleiterin gewährt exklusive Einblicke in die Abläufe hinter den Kulissen und führt Interviews mit den Protagonisten der Opernproduktion.
    Zugleich endet auch die Ära der kostenlosen Live-Übertragungen auf dem Bayreuther Festplatz.


    Weitere Informationen zu diesem Kinoereignis gibt es unter: http://www.wagner-im-kino.de.


    Zitat

    Die Crux ist ja, dass dann zig Millionen Zeugen der Bayreuther Wagner-Verschandelung werden.


    Soviele werden es nicht werden, die Zahlen liegen bei 50-100.000 Käufern von Kinokarten.


    LG


    :hello:

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Danke für die Meldung, lieber Harald.


    30 EUR hinlegen für eine musikalisch und sängerisch wohl wieder sehr mittelmäßige Darbietung, noch dazu in furchtbarer Kulisse, wo man am Ende seinen Frust nicht einmal live rauslassen kann? Wer's braucht ...

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Mag sein, daß sie die am wenigsten furchtbare ist.


    Was hätte wohl der alte Knappertsbusch, Bayreuther "Parsifal"-Koryphäe, dazu gesagt? ;(

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Komme gerade aus dem Tannhäuser in Bayreuth und muss feststellen, dass dort eine ausgezeichnete sängerische Ensembleleistung unter der Leitung von Axel Kober geboten wurde. Wirklich erstklassig. Auch der Festspielchor unter Eberhard Friedrich wurde seinem hervorragenden Ruf wieder einmal gerecht. Gestört hat allerdings - wie bereits im Vorfeld zu erwarten - Sebastian Baumgartens unsägliche Inszenierung. Einzig im zweiten Aufzug und im Schlusstableau (sieht man einmal vom Baby der Venus ab) gibt es Momente, wo sie erträglich ist, ansonsten taugt sie keinen Schuss Pulver.
    Fazit: Musikalisch ist bei den Festspielen mitunter (wieder) Weltklasseniveau zu hören. Der Rest ist Schweigen.

  • Nachdem auch die diesjährigen Festspiele wieder eine Vielzahl von Reaktionen hervorgerufen haben, möchte ich diesen Thread und die damit verbundene Frage wieder aufgreifen.
    Meine Eindrücke, die v.a. auf Radioübertragungen, Mitteilungen in der Presse und Internet beruhen (nicht zuletzt hier im Forum wurde ja schon einiges geschrieben):


    - scheinbar lässt die Nachfrage generell nach; es wurden weniger Tickets gewünscht als bisher, auch wenn immer noch lt. Festspielleitung die Nachfrage das Angebot übersteigt


    - die Inszenierungen waren umstritten, boten wohl wenig Neues und wurden teilweise so hefig ausgebuht wie kaum zuvor;


    - musikalisch gab es m. E. teilweise sehr gute, sogar hervorragende Orchesterleistungen (Thielemann), allerdings waren für mein Ohr vor allem die Sängerleistungen, bis auf wenige Ausnahmen, eher enttäuschend, es gab viel mehr solides Mittelmaß als herausragende Stimmen (beim Fliegenden Holländer beispielsweise).


    - Selbst Rene Kollo und manch andere nennenswerte Größen der Musikwelt zweifeln öffentlich daran, dass Bayreuth in Zukunft Bestand haben wird und erklären es zum Auslaufmodell: droht hier die Götterdämmerung schlechthin?


    http://www.presseportal.de/pm/…em-opernsaenger-ren-kollo


    http://www.deutschlandradiokul…e.html?drn:news_id=335741


    Bayreuth, quo vadis? Wie seht Ihr die derzeitige Situation? Wie wird es eurer Einschätzung nach in Zukunft weitergehen? Sind die Festspiele dem Untergang geweiht, oder können sie mit entsprechenden Änderungen wieder in neuem Glanz erstrahlen?


    P.S. Sollte diese Fragestellung bereits in einem anderen Thread diskutiert worden sein, bitte ich um entsprechende Verschiebung meines Beitrages.

    viele Grüße von Boris alias Don_Gaiferos

  • Ich kann nur für mich sprechen: Mich interessiert dieses Bayreuth keinen Deut mehr, nicht geschenkt würde ich Karten dafür annehmen, geschweige denn viel Geld dafür bezahlen.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Für mich gibt es in Bayreuth eigentlich seit Jahren keine herausragenden dirigentischen oder sängerischen Leistungen mehr. Von den Inszenierungen ganz zu schweigen. Wer ernsthaft Thielemann, Petrenko und Kober auf demselben Niveau sieht wie noch vor einigen Jahrzehnten üblich, kennt wohl keine älteren Aufnahmen.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Wer ernsthaft Thielemann, Petrenko und Kober auf demselben Niveau sieht wie noch vor einigen Jahrzehnten üblich, kennt wohl keine älteren Aufnahmen.

    Wobei ich dazu nun wieder sagen muss: Wenn man sich einige Live-Mitschnitte aus dem Bayreuth der 1950er Jahre anhört, insbesondere unter dem hochgepriesenen "Kna", aber auch etwa das 1951er "Rheingold" unter Herrn K. - was da mitunter nicht nur taktelang, sondern geradezu minutenlang aus dem Ruder läuft, erlebt man heute in Bayreuth und anderswo glücklicherweise nur noch ganz selten. Solche eklatanten Koordinationsmängel heute und die Leute würden reinbuhen...
    Also über das orchestrale Niveau und die Korrodinationsfähigkeiten der aktuellen Bayreuther Dirigenten kann ich mich wirklich nicht beklagen - und auch wenn sängerisch viele Defizite offensichtlich sind, die gab es in den 1950er Jahren auch, wenn man sich die entsprechenden Bayreuther Mitschnitte anhört (gerade im bereits erwähnten Karajan-"Rheingold" von 1951 gibt es da gleich einige schlimme "Kröten" zu schlucken...)
    Nein, für mich ist es wirklich die szenische Seite, die mich am aktuellen Bayreuth abschreckt (und die unverschämt hohen Preise).

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Zitat

    Stimmenliebhaber: Ich kann nur für mich sprechen: Mich interessiert dieses Bayreuth keinen Deut mehr, nicht geschenkt würde ich Karten dafür annehmen, geschweige denn viel Geld dafür bezahlen


    Ganz meine Meinung! Mein Traum von Bayreuth ist schon lange ausgeträumt! ;(:thumbdown:

    W.S.

  • -die Inszenierungen waren umstritten, boten wohl wenig Neues und wurden teilweise so hefig ausgebuht wie kaum zuvor;

    Bayreuth steckt in dem selben Dilemma, in welches die ganze Opernszene verstrickt ist und das wir hier im Tamino-Klassik-Forum in verschiedenen Threads und mit unterschiedlichen Meinungen kontrovers diskutieren. Es ist die zentrale Frage: Wie muss Oper inszeniert werden? Traditionell streng an Werk und Handlung orientiert oder modern mit neuen zeitgemäßen Deutungen? Bayreuth und seine Leitung hat keine schlüssige, auch nur halbwegs befriedigende Antwort. Am Grünen Hügel entschied man sich für modern, noch moderner, am aller modernsten und manövriert sich mit dieser Richtung immer mehr in von Spielzeit zu Spielzeit zunehmende Probleme.



    - scheinbar lässt die Nachfrage generell nach; es wurden weniger Tickets gewünscht als bisher, auch wenn immer noch lt. Festspielleitung die Nachfrage das Angebot übersteigt

    Wenn man dann noch berücksichtigt, wer sich in den nächsten Jahren alles als Regisseur an Wagner-Opern versuchen soll, werden die Bedenken für den Erhalt der Stellung von Bayreuth immer größer. Die Ausnahmestellung von einst ist eh schon weg. Als Lösungsansätze wären denkbar: Die Altmeister unter den Regisseuren wie Kupfer, Lehmann, Schenk usw. wenigstens ab und zu wieder inszenieren zu lassen. Die großen Alten haben doch gerade eindrucksvoll bewiesen - z. B. Kupfer mit seinem "Rosenkavalier" bei den Salzburger Festspielen und Schenk mit Janacéks "Schlauem Füchslein" in Wien - zu welchen Leistungen sie immer noch fähig sind. Sie wissen, wie es geht und schaffen den Spagat zwischen Tradition und Moderne auf der Opernbühne. Würde man diese bewährten Könner ranlassen, würden wenigstens überzeugende Alternativen zu den bestehenden verfremdenden und befremdenden Inszenierungsexperimenten aufgezeigt. Eine weitere unabdingbare Voraussetzung wäre, wieder die Sängerelite für die Bayreuther Festspiele zu gewinnen. Bei dem heutigen internationalen Sängerbetrieb äußerst schwierig, aber m.E. doch denkbar und machbar. Hierzu müsste Bayreuth allerdings radikal verändert, quasi neu gedacht werden. Diese Erneuerung wird kommen. Nicht mit den jetzigen leitenden Köpfen, nicht mit der heutigen Struktur und den überzogenen, heute bereits schon wieder überholten Konzepten. Bayreuth wird leben, sich erneuern und wieder blühen. Weil es durch die geniale Musik Wagners und den märchenhaften Nimbus, der mit dem Meister und Bayreuth in fast unerklärlicher Weise verbunden ist, eine weltweit einmalige Bedeutung genießt.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Wobei ich dazu nun wieder sagen muss: Wenn man sich einige Live-Mitschnitte aus dem Bayreuth der 1950er Jahre anhört, insbesondere unter dem hochgepriesenen "Kna", aber auch etwa das 1951er "Rheingold" unter Herrn K. - was da mitunter nicht nur taktelang, sondern geradezu minutenlang aus dem Ruder läuft, erlebt man heute in Bayreuth und anderswo glücklicherweise nur noch ganz selten. Solche eklatanten Koordinationsmängel heute und die Leute würden reinbuhen...
    Also über das orchestrale Niveau und die Korrodinationsfähigkeiten der aktuellen Bayreuther Dirigenten kann ich mich wirklich nicht beklagen - und auch wenn sängerisch viele Defizite offensichtlich sind, die gab es in den 1950er Jahren auch, wenn man sich die entsprechenden Bayreuther Mitschnitte anhört (gerade im bereits erwähnten Karajan-"Rheingold" von 1951 gibt es da gleich einige schlimme "Kröten" zu schlucken...)
    Nein, für mich ist es wirklich die szenische Seite, die mich am aktuellen Bayreuth abschreckt (und die unverschämt hohen Preise).


    Orchesterverspieler hin oder her: Ein Thielemann erreicht bei all seiner Kna-Verehrung niemals auch nur annähernd das Vorbild. Er verwechselt Langsamkeit mit Langweiligkeit. Die Tempowechsel wirken gewollt und unorganisch. Seine Bayreuther Dirigate unterliegen im direkten Vergleich den meisten seiner Bayreuth-Vorgänger, egal welche Oper ich da auch heranziehe.


    Hier einige Alternativen:


    Fliegender Holländer: Keilberth (1955), Knappertsbusch (1955), Böhm (1971)
    Tannhäuser: Keilberth (1954 und 1955), Cluytens (1955 und 1965), Suitner (1964)
    Lohengrin: Kempe (1967), Varviso (1971 und 1972), Schneider (1990)
    Tristan: Karajan (1952), Böhm (1966), Barenboim (1982)
    Meistersinger: Knappertsbusch (1952 und 1960), Krips (1961), Böhm (1964 und 1968)
    Ring: Keilberth (1955), Knappertsbusch (besonders 1956), Maazel (1968 und 1969)
    Parsifal: Knappertsbusch (besonders 1951, 1962 und 1964), Levine (besonders 1982), Jochum (1971 und 1973)


    Und hier habe ich heute eher vergessene Bayreuth-Dirigenten wie Melles und Klobučar sogar noch ausgespart. :D


    :hello:

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • "Bayreuth wird leben"


    Zitat

    Operus: Bayreuth wird leben, sich erneuern und wieder blühen. Weil es durch die geniale Musik Wagners und den märchenhaften Nimbus, der mit dem Meister und Bayreuth in fast unerklärlicher Weise verbunden ist, eine weltweit einmalige Bedeutung genießt.


    Die wundervolle Musik Wagners schon, aber . . . :pfeif:

    W.S.

  • Das Überleben Bayreuths hängt für mich viel mehr von der musikalischen Qualität ab denn von der szenischen. Der szenische Unsinn lässt sich eines Tages vielleicht doch noch überwinden, die musikalischen Defizite aber werden bleiben oder sich gar noch vertiefen. Es ist nie langweiliger gesungen und gespielt worden in Bayreuth als jetzt. Ich habe in diverse aktuelle Mitschnitte hineingehört und bin erstaunt, dass das jemand faszinierend finden kann. Das klingt in Leipzig oder Wuppertal genau so. Die Übermacht der gut dokumentierten musikalischen Vergangenheit ist natürlich entmutigend für die heutigen Akteure. Das lasse ich als mildernden Umstand gelten. Mehr nicht. Wie auch andere Häuser kann Bayreuth keine Wunder mehr hervorbringen, weil die Umstände für solche Wunder nicht mehr gegeben sind. Ich bin voll und ganz auf der Linie von Joseph II. der die Dinge bereits beim Namen nannte. Mag man bei Knappertsbusch einige Koordinationsprobleme heraushören wenn man sie denn krampfhaft sucht und heraushören will, die Musik selbst hat keiner so tief erfasst wie er. Da sind mir doch ein paar Unstimmigkeiten völlig egal. Nichts ist langweiliger in musikalischen Interpretationen als Akkuratesse. Allein für den Anfang des Parsifals bei Knappertsbusch gebe ich alles, was sonst noch zu hören ist. Genau das ist für mich Bayreuth. Die Mitschnitte der fünfziger und sechziger Jahre sind nach meiner tiefen Überzeugung musikalisch nie mehr erreicht worden. Sie bezeugen den Höhepunkt in Bayreuth. Sie sind wirklich ein gewaltiges Denkmal. Ich würde sie zum Weltkulturerbe erklären. Und genau das ist auch das Problem. Vielleicht stehen sie sich auch selbst im Wege. Deshalb wirkt ja Bayreuth jetzt so öde. Petrenko ist ja ein guter Dirigent. Aber er ist nach meiner Beobachtung in Bayreuth ganz winzig. Niemand wird in fünfzig Jahren ergriffen seinen Mitschnitten lauschen. Darauf ist zu wetten. Knappertsbusch aber, der wird auch dann noch Staunen machen.

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Mag man bei Knappertsbusch einige Koordinationsprobleme heraushören wenn man sie denn krampfhaft sucht und heraushören will

    Ich WILL die gar nicht geraushören, sie lassen sich aber - auhc beim besten Willen - nicht überhören!


    Allein von den vielen gehörten Bayreuth-Mitschnitten her halte ich diesen Dirigenten für maßlos überschätzt! Da ziehe ich auch unter seinen Zeitgenossen einen Keilberth oder einen Kempe deutlich vor! Da stimmt dann nicht nur das Tempo und der Fluss, sondern auch die Kordination...

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Da ziehe ich auch unter seinen Zeitgenossen einen Keilberth oder einen Kempe deutlich vor! Da stimmt dann nicht nur das Tempo und der Fluss, sondern auch die Kordination...


    Für mich ein ganz Großer ist Rudolf Kempe. Seine Ring-Dirigate in Bayreuth waren für mich eine geglückte Synthese von vollendetem Ausleuchten der Partitur, musizieren mit kammermusikalischer Delikatesse und dennoch dem Erreichen des Gipfels der glühenden Spannung die Wagners Musik krönt. Kempe war ein Wegbereiter des gewollten neuen Klangs, weg vom großen Pathos hin zu leichterem entschlacktem Klangideal.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Ein Thielemann erreicht bei all seiner Kna-Verehrung niemals auch nur annähernd das Vorbild. Er verwechselt Langsamkeit mit Langweiligkeit. Die Tempowechsel wirken gewollt und unorganisch. Seine Bayreuther Dirigate unterliegen im direkten Vergleich den meisten seiner Bayreuth-Vorgänger, egal welche Oper ich da auch heranziehe.

    Hast du Thielemann denn jemals live erlebt? Ich habe live selten spannendere Dirigate erlebt, sehr viele in Berlin und eines der lezten im letzten Jahr in Dresden - einen "Lohengrin", wie ich noch keinen besser dirigiert gehört habe! :rolleyes:


    (Und ich habe mehr als 40 "Lohengrine" live erlebt.)

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Allein von den vielen gehörten Bayreuth-Mitschnitten her halte ich diesen Dirigenten für maßlos überschätzt!


    Mit einem so eindeutigen Urteil kann ich sehr gut leben, lieber Stimmenliebhaber. Von meinem Schreibtisch aus schaue ich auf ein Foto von Knappersbusch mit seinem eigenhändigen entschlossenen Namenszug. Das Bild hängt nicht zufällig an dieser Stelle an der Wand oder weil ich etwa Dirigenten-Autogramme sammeln würde. Es gemahnt mich, niemals zu vergessen, dass sich musikalische Interpretation nicht in sklavischer Partiturtreue erschöpft. Sie beginnt erst danach. Ich bin diesem Dirigenten unendlich dankbar für diese Erfahrung. Was wäre ich ohne ihn. Ich würde Musik nur zur Hälfte verstehen und erleben können. Dieses eigene und sehr intime Erleben kann man niemanden anders aufdrängen. Denn es ist nicht vermittelbar. Es ist nur erfahrbar. Für einen selbst und unter Gleichgesinnten.

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Diese Meinung sei dir auch unbenommen, lieber "Rheingold 1876", mich hingegen sprechen viele andere Dirigenten weit mehr an, auch ein Petrenko. Faire wäre der Vergleich, wenn der die gleichen Sänger zur Verfügung hätte wie damals Kna...

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Diese Meinung sei dir auch unbenommen, lieber "Rheingold 1876", mich hingegen sprechen viele andere Dirigenten weit mehr an, auch ein Petrenko. Faire wäre der Vergleich, wenn der die gleichen Sänger zur Verfügung hätte wie damals Kna...


    Es ist doch kein Zufall, dass der Knappertsbusch die besseren Sänger zur Verfügung hatte. Die Dirigenten seiner Generation haben sich auch mehr um die Sänger gekümmert, Stunden und Tage lang mit ihnen gearbeitet und Partien einstudiert. Sie sind - oft inkognito - rumgereist, sind also selbst auf die Suche gegangen und hatten Verbündete in Plattenproduzenten. Sänger sind nicht vom Himmel gefallen. Die wurden durch eine harte, ja gnadenlose Schule geschickt. Das ist in jeder Sängerbiographie nachzulesen. Heute ist das kaum mehr üblich. Die Dirigenten verlassen sich auf Agenturen und haben wenig Ahnung von Stimmen. Der erwähnte Thielemann, an dem ich vieles schätze im Konzert und nicht so sehr in der Oper, hat leider fast gar keine. Deshalb habe ich ihn auch nicht gern als Operndirigent. Kann jemand nur gehörig aufdrehen, schon singt er Wagner. Petrenko, der wie die meisten Dirigenten auf zu vielen Hochzeiten tanzt, wird sich niemals die Zeit nehmen können, intensiv mit Sängern zu arbeiten.

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Bayreuth habe ich schon seit Jahren abgehakt. Früher gab es idR außer den experimentellen Inszenierungen auch was für das eher konservative Publikum. Inzwischen gibt es nur noch Klamauk. Auch moderne Inszenierungen waren damals mindestens gekonnt gemacht (zB Kupfer). Das Schlimmste ist jedoch das Sangesniveau (von wenigen Ausnahmen abgesehen). Mein "Heimatopernhaus" in Leipzig hat da oft wesentlich mehr zu bieten als Bayreuth. Und man rede mir nicht ein, das liege nur am "schlechten Radioton". Als besonderes "gesellschaftliches Ereignis" (was für mich ohnehin kein Grund für einen Festspielbesuch ist) habe ich Bayreuth auch nie empfunden. Wer das sucht, ist in Berlin, München, Salzburg besser aufgehoben. Bayreuth zehrt noch vom Nimbus des Gründers, ist aber inzwischen bei nüchterner Betrachtung ein künstlerisch weitgehend bedeutungloser, überteuerter Anachronismus. Warum soll man dafür viel Geld und (vor allem) kostbare Zeit opfern? Auch Subventionen sind bei vernünftigen Leitern von Stadt- und Landesbühnen besser aufgehoben.
    Man kann sich über Bayreuth hinaus fragen: Sind Festspiele überhaupt noch sinnvoll? Auch was ich in diesem Jahr aus Salzburg gesehen habe, war sehr mässig (Trovatore) bis ordentlich (Rosenkavalier) - aber nichts, das mich veranlasst hätte, zu bedauern, nicht hingefahren zu sein.


    Inkonsequent - wie ich manchmal bin ;) - habe ich allerdings am Wochenende Karten für die Turandot in Bregenz gekauft. Das hat allerdings eher touristische Gründe.

    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha


  • Es ist doch kein Zufall, dass der Knappertsbusch die besseren Sänger zur Verfügung hatte. Die Dirigenten seiner Generation haben sich auch mehr um die Sänger gekümmert, Stunden und Tage lang mit ihnen gearbeitet und Partien einstudiert. Sie sind - oft inkognito - rumgereist, sind also selbst auf die Suche gegangen und hatten Verbündete in Plattenproduzenten. Sänger sind nicht vom Himmel gefallen. Die wurden durch eine harte, ja gnadenlose Schule geschickt. Das ist in jeder Sängerbiographie nachzulesen. Heute ist das kaum mehr üblich. Die Dirigenten verlassen sich auf Agenturen und haben wenig Ahnung von Stimmen. Der erwähnte Thielemann, an dem ich vieles schätze im Konzert und nicht so sehr in der Oper, hat leider fast gar keine. Deshalb habe ich ihn auch nicht gern als Operndirigent. Kann jemand nur gehörig aufdrehen, schon singt er Wagner. Petrenko, der wie die meisten Dirigenten auf zu vielen Hochzeiten tanzt, wird sich niemals die Zeit nehmen können, intensiv mit Sängern zu arbeiten.


    Mich überzeugt diese Sichtweise nicht. Man kann nur Dirigenten vergleichen, die die selben Sänger zur Verfügung hatten. Und da tragen eben Kempe oder Keilbert die Sänger auf Händen und atmen mit, während ich mir bei Kna manchmal nicht sicher bin, ob der überhaupt registriert, was da oben auf der Bühne passiert. Falls doch, braucht er jedenfalls ziemlich lange, um darauf zu reagieren.
    Und Thielemann hat an er Deutschen Oper Belrin großartige Dirigate abgeliefert. Ich denke nur an "Lohengrin" 1995 im Abstand von einer Woche, das erste Mal unter dem alten Hollreiser, eine Woche später unter Thielemann - da lagen Welten dazwischen, zugunsten Thielemanns wohlbemerkt!

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Mich überzeugt diese sichtwiese nicht. Man kann nur Dirigenten vergleichen, die die selben Sänger zur Verfügung hatten.


    Nun gut. Das sehe ich nun wieder völlig anders. Deshalb bringt es uns beiden nichts, die Debatte fortzusetzen. Wir vertuen nur unsere Zeit. Ich wüsste wirklich nicht, was ich nun noch schreiben könnte. Mit fällt nichts mehr ein. Das macht auch nichts. :) Es ist ja keine Seltenheit und kein Unglück, dass in Operndingen die Meinungen so weit auseinander gehen. Weil halt so viele subjektive Geschmacksvorstellungen und spezielle Verehrungen hinein spielen. Es gibt offenbar nichts Objektives. Vielleicht ist das ja das Allerschönste bei der Beschäftigung mit Oper.

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Für mich hat Bayreuth seit den 70ern einen rasanten Niedergang, sowohl sängerisch, wie aber auch ganz besonders im Szenischen erfahren. Ein jodelnder Brüller wie Lance Ryan hätte unter Wieland dort nie auftreten dürfen, selbst ein Beirer, oder gar ein Uhl waren im Vergleich Lichtblicke. Was im Szenischen in den letzten Jahren unter Katharinas Berlinergruppe abgeht ist eine Katastrophe.


    (Im Gegensatz aber zu Rheingold finde ich Thielemann, wie auch Petrenko irgendwo an die grosse Tradition (Kna, Kempe, Cluytens, Sawallisch) anknüpfend. Hier in Zürich wurde ich lange Zeit vom Langweiler Welser-Möst malträtiert und habe demzufolge beim ersten Thielemann-Dirigat richtig aufgeatmet. Sorry!)

  • Für mich hat Bayreuth seit den 70ern einen rasanten Niedergang, sowohl sängerisch, wie aber auch ganz besonders im Szenischen erfahren.

    Wenn man von einem szenischen Niedergang reden will, dann setzt der für mich erst wesentlich später ein. Die Ring-Inszenierungen von Chereau (1976, ich nenne jeweils das Jahr der Premiere) und Kupfer (1988), der "Tristan" von Ponnelle (1981) und der von Müller (1993), der "Holländer" von Kupfer (1978), all das sind Inszenierungen, die zu den besten gehören, welche ich von diesen Werken kenne. So einfallslos Wolfgang Wagner als Regisseur auch war, als Festspielleiter hatte er die Offenheit und Größe, Regisseure zu verpflichten, die seinen eigenen künstlerischen Vorstellungen wahrscheinlich nicht entsprachen. Und er hatte das glückliche Händchen, das nötige Urteilsvermögen oder beides, hierbei oft die richtigen Entscheidungen zu treffen und erstrangige Künstler zu verpflichten. Genau das traue ich Katharina Wagner nicht zu, wenn ich mir die Verpflichtungen der letzten Jahre ansehe. Wobei ich insgesamt die Lage sicher weniger kritisch sehe als die meisten hier, weil ich zum Beispiel einen Regisseur wie Neuenfels und seinen "Lohengrin" sehr schätze.

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Im Gegensatz aber zu Rheingold finde ich Thielemann, wie auch Petrenko irgendwo an die grosse Tradition (Kna, Kempe, Cluytens, Sawallisch) anknüpfend. Hier in Zürich wurde ich lange Zeit vom Langweiler Welser-Möst matraitiert und habe demzufolge beim ersten Thielemann-Dirigat richtig aufgeatmet. Sorry!

    Ich denke auch, dass die aktuellen Bayreuther Dirigenten sicherlich das geringste(!) Problem sind (wenn ich an die Sänger und vor allem die Regisseure denke...). :hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"