Der blinde Fleck - welche Häuser die zeitgenössische Oper meiden

  • Ja, ich auch nicht, und die Wiener Staatsoper, die in dem oben verlinkten Kommentar besonders attackiert wird, auch nicht. Die vergibt auch Kompositionsaufträge oder brachte letztens Eötvös "drei Schwestern".

  • Von den Begebenheiten in Wien sowie politischen und finanziellen Hintergründen in der Theaterlandschaft verstehe ich nicht viel, weshalb ich auf eine andere zentrale Aussage kommen möchte, bei der ich voll auf der Seite des Artikelerstellers stehe: eine Theaterlandschaft, in der das „Heute“ keine Rolle mehr spielt, ist tot (oder zumindest nicht lebendig). Und dies ist meines Erachtens sehr traurig und verhöhnt geradezu die Mühe um unsere wunderbaren kulturellen Errungenschaften der Vergangenheit, von denen wir laufend zehren, während wir das eigene Säen verhindern.


    Gerade das Musiktheater ist doch, vielmehr als rein instrumentale Musik, geradezu das Paradebeispiel für die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit dem aktuellen Zeitgeschehen, den gesellschaftlichen Umständen, unseren aktuellen Problemen, Visionen, Schwächen und Werten. Sie erzählen Geschichten, in denen Hoffnungen und Schmerz aufgegriffen werden und zeigen Beispiele von Individuen und Typen, die in unserer politischen, kulturellen, privaten und moralischen Welt leben und mit ihr mehr oder weniger zurechtkommen. Zumindest ist doch dies gerade das, was ich mir von einem lebendigen Musiktheater wünsche. Ist es nicht so, dass sich die Zeitgenossen Mozarts bei der Aufführung des in ihrer Mitte lebenden Meisters amüsieren konnten und ergriffen wurden, weil sie sich der eigenen Schwächen, Sehnsüchte und Unzulänglichkeiten in den Geschichten des Theaters durch augenzwinkernde Hinweise ertappt fühlten, weil sie gesellschaftliche Missstände nun aus anderem Blickwinkel erleben konnten, weil sie „hohen“ Persönlichkeiten mal durch das voyeuristische Hineinschielen in deren Schlafzimmer kennenlernen durften und weil sie die Möglichkeit bekamen, auch mal dabei zu sein, wo sie sonst nur außen vor waren?


    Das ist das, was ich unter lebendigem Musiktheater verstehe und was ich so gerne in unserer Kulturlandschaft antreffen würde. Dass nämlich Künstler, besonders Komponisten und Librettisten, sich mit unserer heutigen Welt auseinandersetzen und diese Erkenntnisse, Fragen, Empfindungen und eigene Sichtweisen in Geschichten verarbeiten, um sie mit den Ausdruckskräften des Musiktheaters uns allen zum gemeinsamen Erleben anzubieten, und was ebenso wichtig ist, dass nämlich Möglichkeiten geschaffen werden, diese Stücke auch aufzuführen.


    Auch ich besuche gerne mal den Parsifal, den Wozzeck oder eine Brittenoper und kann dies sehr genießen. Aber noch viel stärker ist das Interesse an zeitgenössischen Geschichten, an aktuellen Aufarbeitungen. Um es kurz zu sagen: ich bin total neugierig darauf, wie Andere die Dinge unseres Lebens bzw. unserer aktuellen Umstände sehen und wie sie es methodisch überhaupt erzählen. Und das ist es auch, was mich in Konzertsäle und ins Musiktheater treibt, nämlich die Neugierde auf Aktuelles und Neues. Dabei ist es gar nicht immer so immens wichtig, ob mir ein Stück gefällt oder nicht. Viel wichtiger ist die Neugier auf neue Geschichten, auf das, was meine Zeitgenossen zu sagen haben und wie sie dies tun.


    Und es ist verdammt traurig und wirklich schade, dass uns so viele aktuelle zeitgenössische Werke vorenthalten werden, stattdessen fast immer nur dieselben Geschichten von früher erzählt werden, wie dies der Verfasser des Artikels richtig beschrieben hat.

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

  • Das ist das, was ich unter lebendigem Musiktheater verstehe und was ich so gerne in unserer Kulturlandschaft antreffen würde. Dass nämlich Künstler, besonders Komponisten und Librettisten, sich mit unserer heutigen Welt auseinandersetzen [...]


    Auch ich besuche gerne mal den Parsifal, den Wozzeck oder eine Brittenoper und kann dies sehr genießen. Aber noch viel stärker ist das Interesse an zeitgenössischen Geschichten [...]

    In der Oper scheinen mir zeitgenössische Geschichten eher in der Minderheit gewesen zu sein. Parsifal spielt im 8. Jh., Wozzeck am Beginn des 19. Jh. - Reimanns Medea z.B. wie die meisten Opern des 17. und 18. Jh. in der Antike. Man könnte mal eine Statistik machen.

  • Gerade das Musiktheater ist doch, vielmehr als rein instrumentale Musik, geradezu das Paradebeispiel für die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit dem aktuellen Zeitgeschehen, den gesellschaftlichen Umständen, unseren aktuellen Problemen, Visionen, Schwächen und Werten.


    Einen Aspekt, der Menschen bewegt, in die Oper zu gehen, sehe ich im Genuss! Im blanken Genuss. In der Freude an der Musik und am Gesang. Immer noch gehe ich wegen eines ganz bestimmten Sängers oder einer Sängerin in eine Vorstellung. Dabei interessiert mich die Auseinandersetzung mit dem aktuellen Zeitgeschen überhaupt nicht. Bin ich nun jemand, der die Wirklichkeit ausblendet, der seinen Verstand an der Garderobe abgibt und nicht nur seinen Mantel? Ich könnte mir so einer Kritik gut leben. Den Anspruch, das Zeitgeschehen in die Inzenierung von Opern hinenzuziehen, halte ich dennoch für berechtigt. Manchmal geht das ja auch. Ich erinnere mich, dass nach 11/9 Leute aus der Theaterszene sagten, von nun an sei alles anders, müsse dieser Tag an jedem Abend im Theater bewusst gemacht werden. Es ist bekanntlich anders gekommen. Wenn der Bezug zu aktuellen Problemen in der Oper eingefordert wird, wird gern übersehen, dass wir in einem Informationszeitalter leben. Wenn ich will, kann ich mich ununterbrochen informieren. Zeitungen lesen und Magazine, Radio hören, Fernsehen schauen, Talkrunden verfolgen, sie mir in Mediatheken wieder und wieder durchlaufen lassen. Ich kann bei Tag und Nacht im Netz surfen, durch die sozialen Netzwerke geistern, Nachrichten in der U-Bahn verfolgen, auf dem Handy oder auf dem Tablet im Wald beim Spaziergang oder bei einer Hölenwanderung, wenn ich denn Empfang habe. Wer in der Stadt, im Dorf oder auf der Landstraße Augen und Ohren offenhält, ist ständig konkrontiert mit der grellen Wirklichkeit. Dabei findet ja ein permaneter Austausch mit unseren Erfahrungen, Wünschen, Visionen, Schwächen oder Werten statt. Darf es da nicht auch Räume geben, in denen wir uns zurücklehnen und uns einfach einer Oper oder einer Sinfonie hingeben? Genuss ist kein Selbstzweck. Er hat auch eine soziale Komponente. Er baut uns im besten Falle wieder auf für die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Ich will im Theater nicht belehrt werden.


    Gruß Rheingold

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Das ist schon sehr eigenartig. "Ich will im Theater nicht belehrt werden". Das soll ein Gegenargument dafür sein, dass es in der heutigen Zeit auch gut wäre, vor dem Hintergrund des heutigen Zeitgefühls und ggf. heutiger Umstände Geschichten zu erzählen. Wenngleich es auch mühsam ist, möchte ich betonen, dass in meinem Beitrag mit keinem Wort die Rede davon ist, dass das Musiktheater durch seine Werke über politische oder sonstige Ereignisse informieren soll (was auch ich selbstverständlich völlig ablehne). Das, wogegen hier aufgelehnt wird, ist erfunden, zumindest in meinem Beitrag nicht enthalten.


    Ich bleibe dabei, dass das Musiktheater nur lebt und überlebt, wenn es auch um das "Jetzt" geht. Nehmen wir als Beispiel eine mit Hindernissen behaftete Liebesgeschichte. Mir kann doch niemand erzählen, dass heutige junge Leute (aber auch viele ältere wie ich) diese Geschichte lieber im Umfeld eines Fürstenhauses oder Bauerngehöfts vor 300 Jahren mit den damaligen Problemen und Umständen miterleben wollen als zum Beispiel in der heutigen Zeit auf einem Schulhof oder in einem Hotel auf Mallorca. Und auch wenn Geschichten zeitlos sind oder auch in der Vergangenheit liegen, kann es doch durchaus attraktiv sein, dies aus dem heutigen Lebensgefühl zu sehen und nicht nur aus der Sicht von damals.


    Mit meiner gerade volljährigen Tochter und ihrer Freundin gehe ich ein bis zwei mal mal in die Oper. Ich würde beide niemals überreden können, in eine Mozartoper mitzukommen oder den Holzschuhtanz zu beklatschen. Sehr fasziniert waren sie dagegen im letzten Jahr bei Turn of the Screw in Düsseldorf im letzten Jahr, da sie die Geschichte durchaus auf sich übertragen konnten (ich weiß, das ist auch kein zeitgenössisches Werk, soll aber das Prinzip verdeutlichen). Ende letzten Jahres waren wir in Glanerts Solaris in Köln, was die beiden durchaus kritisch sahen, aber dennoch interessant.


    Ich bin völlig platt, da ich nicht nachvollziehen kann, wie emotional und aggressiv einige Menschen sich gegen zeitgenössische Kunst stemmen und nicht vertragen können, dass sich ältere und neuere Werke nebeneinander auf den Spielplänen sehen.


    Uwe

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

  • Das, wogegen hier aufgelehnt wird, ist erfunden, zumindest in meinem Beitrag nicht enthalten.


    Ich habe lediglich den Beitrag zum Anlass genommen, um meine Meinung zu sagen. Sonst nichts. Und ich habe ein bisschen über das Brechtsche Theaterprinzip geläster. ;) Nichts für ungut also.


    Gruß Rheingold

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Mir kann doch niemand erzählen, dass heutige junge Leute (aber auch viele ältere wie ich) diese Geschichte lieber im Umfeld eines Fürstenhauses oder Bauerngehöfts vor 300 Jahren mit den damaligen Problemen und Umständen miterleben wollen als zum Beispiel in der heutigen Zeit auf einem Schulhof oder in einem Hotel auf Mallorca.


    Dann gehöre ich (mit dreißig an der Schwelle zu den älteren) wohl zu den Ausnahmen. Natürlich dürfen die im zweiten Halbsatz genannten Dinge auch in einer Oper vorkommen. Erhebend sind sie allerdings nicht und dürften nicht unbedingt den "typischen" Operngänger ansprechen, der nach meinen Beobachtungen nicht auch noch im Opernhaus mit dem schnöden Alltag konfrontiert werden will.


    Ich bin völlig platt, da ich nicht nachvollziehen kann, wie emotional und aggressiv einige Menschen sich gegen zeitgenössische Kunst stemmen und nicht vertragen können, dass sich ältere und neuere Werke nebeneinander auf den Spielplänen sehen.


    Ich persönlich habe nichts dagegen, wenn neuere Werke auf den Spielplänen stehen. Allerdings bin ich gegen die vom Autor des Artikels benannte willkürliche Grenzziehung "nicht älter als fünfzig Jahre". Gerade dieser Tage erlebte ich eine Oper des 20. Jahrhunderts, Egks "Peer Gynt", live und war sehr angetan.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Parsifal spielt im 8. Jh.


    Wird das tatsächlich irgendwo von Wagner explizit erwähnt? Zwar verortete ich persönlich diese Oper bisher auch immer im frühen Mittelalter (definitiv vor der Geschichte um Lohengrin, Parsifals Sohn, die in der Zeit des deutschen Königs Heinrich I., also zwischen 919 und 936 angesiedelt ist), aber so konkret war mir das nicht geläufig.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Mich interessiert, ob es nur ein Vorurteil ist, dass zeitgenössische Opern das Publikum "vom Besuch abhalten" oder ob es Statistiken gibt, die etwas zur Anzahl der Aufführungen und deren Auslastung (möglichst im Vergleich zu den "Zugpferden" des Repertoires) sagen. Hat jemand dazu Informationen?

    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha

  • Zitat

    Einen Aspekt, der Menschen bewegt, in die Oper zu gehen, sehe ich im Genuss! Im blanken Genuss


    Exakt das ist meine Meinung. Wenn ich in die Oper, ins Konzert oder ins Theater ging, dann um ABSTAND von dieser unsympattischen Zeit und ihren Zeitgenossen zu gewinnen und nicht um die gleichen unsympathischen Typen auf der Bühne wiederzufinden, die eiem die gute Laune im Alltag vermiesen.


    Zitat

    Mir kann doch niemand erzählen, dass heutige junge Leute (aber auch viele ältere wie ich) diese Geschichte lieber im Umfeld eines Fürstenhauses oder Bauerngehöfts vor 300 Jahren mit den damaligen Problemen und Umständen miterleben wollen als zum Beispiel in der heutigen Zeit auf einem Schulhof oder in einem Hotel auf Mallorca.


    Es ist ein Makel unserer Zeit, daß sich alles an den "jungen Leuten" orientieren will- Ich sehe darin einen Fehler, denn die meisten von ihnen sind einfa dumm und ungebildet. Das ist keine Errungenschaft userer Zeit, das war immer so. Jugendliche Leute haben oft noch ein relativ naives Denken - ihnen fehlt üblicherweise das Erkennen des Zusammenhangs von Ursache und Wirkung - von Nutzen und Schaden.


    Junge Leute lassen sich leicht für Ideale zu begeistern, fragen aber nicht, was deren Realisierung kostet. Ältere Leute haben (zheutzutage) höhere Ansprüche ans Leben, essen besser, kleiden sich eleganter, wohnen anspruchsvoller - so sie es sich leisten können. Jungen Leuten (das wasr schon imn meiner Jugend so - wenngleich ich eine Ausnahme war - waren immer leicht beeinflußbar, man konnte sie leichter zufriedenstellen. Ich denke da an Jugendherbergen, über die ich schon mit 20 dachte: "Jedes Loch, wo ein Mensch mit einigermaßen Ansprüchen ans Leben nicht wohnen möchte, wird für die Jugend vermarktet." Das mag übertrieben sein - trifft es aber im Kern. Das stört mich im Prinzip auch nicht - solange niemand diesen Level zum allgemeinen Standard erklärt und mich zwingt diesen auch für ich zu akzeptieren. (In diem Punkt werde ich vermutlich mit dem linken Flügel des Forums zu keinem Konsens kommen)
    Oper ist in meinen Augen eine museale Kunstform für eine spezielle Klientel - und dabei sollte man es belassen.
    Natürlich kann man - so Interesse da ist - auch "zeitgenössische Opern" komponieren, insenieren und aufführen . Aber bitte nicht an den altehrwürdigen Traditionshäusern, dafür sind die nämlich zu schade......


    Zitat

    Mich interessiert, ob es nur ein Vorurteil ist, dass zeitgenössische Opern das Publikum "vom Besuch abhalten" oder ob es Statistiken gibt, die etwas zur Anzahl der Aufführungen und deren Auslastung (möglichst im Vergleich zu den "Zugpferden" des Repertoires) sagen. Hat jemand dazu Informationen?


    Ich glaube, dass sich das so verhält steht weitgehend ausser Streit. Der Auffassungsunterschied ist IMO lediglich so zu sehen, dass die Vertreter der zeitgenössischen Werke, Inszenierungen etc der Meinung sind, man möge das Publikum ignorieren und die Werke auch vor leeren Häusern aufführen, man dürfe sich nicht dem Publikumsgeschmach beugen.


    Durch Jahrhunderte hinweg war der Publikumsgeschmack, bzw. jener des Auftraggebers das Maß aller Dinge.
    Der "Künstler" wurde als besonders begabter Handwerker gesehen, der die Wünsche seines Auftraggebers zu dessen Zufriedenheit zu erfüllen hatte, "Selbstverwirklichung" war in der Vergangenheit kein Begriff. Manche Komponisten, Maler , Bildhauer etc, meinen, man sollte das Publikum VERPFLICHTEN ihre "Kunst" zu konsumieren, denn es sei für sie eine Überlebensfrage. Ich gestehe offen, daß mich diese Ansicht eher verärgert, denn "Künstler" deren Kunst nich nicht mag, sind mir völlig gleichgültig und ich hallte diesen Anspruch für eine Anmaßung.


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Lieber Uwe,
    Du hast mir aus der Seele gesprochen, vielen Dank!


    :jubel: :jubel: :jubel:

    Mir und vielen anderen ganz sicher nicht. Ich halte es da mehr mit dieser Aussage:

    Einen Aspekt, der Menschen bewegt, in die Oper zu gehen, sehe ich im Genuss! Im blanken Genuss. In der Freude an der Musik und am Gesang.
    Immer noch gehe ich wegen eines ganz bestimmten Sängers oder einer Sängerin in eine Vorstellung.
    Dabei interessiert mich die Auseinandersetzung mit dem aktuellen Zeitgeschen überhaupt nicht.
    Ich will im Theater nicht belehrt werden.


    Bin ich nun jemand, der die Wirklichkeit ausblendet, der seinen Verstand an der Garderobe abgibt und nicht nur seinen Mantel? Ich könnte mir so einer Kritik gut leben. Den Anspruch, das Zeitgeschehen in die Inzenierung von Opern hinenzuziehen, halte ich dennoch für berechtigt. Manchmal geht das ja auch. Ich erinnere mich, dass nach 11/9 Leute aus der Theaterszene sagten, von nun an sei alles anders, müsse dieser Tag an jedem Abend im Theater bewusst gemacht werden. Es ist bekanntlich anders gekommen. Wenn der Bezug zu aktuellen Problemen in der Oper eingefordert wird, wird gern übersehen, dass wir in einem Informationszeitalter leben. Wenn ich will, kann ich mich ununterbrochen informieren. Zeitungen lesen und Magazine, Radio hören, Fernsehen schauen, Talkrunden verfolgen, sie mir in Mediatheken wieder und wieder durchlaufen lassen. Ich kann bei Tag und Nacht im Netz surfen, durch die sozialen Netzwerke geistern, Nachrichten in der U-Bahn verfolgen, auf dem Handy oder auf dem Tablet im Wald beim Spaziergang oder bei einer Hölenwanderung, wenn ich denn Empfang habe. Wer in der Stadt, im Dorf oder auf der Landstraße Augen und Ohren offenhält, ist ständig konkrontiert mit der grellen Wirklichkeit. Dabei findet ja ein permaneter Austausch mit unseren Erfahrungen, Wünschen, Visionen, Schwächen oder Werten statt. Darf es da nicht auch Räume geben, in denen wir uns zurücklehnen und uns einfach einer Oper oder einer Sinfonie hingeben? Genuss ist kein Selbstzweck. Er hat auch eine soziale Komponente. Er baut uns im besten Falle wieder auf für die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit.
    Gruß Rheingold

    Hallo Rheingold
    toller Beitrag, mit fast allem hast Du meine volle Zustimmung!
    Hier bin ich, und ganz sicher nicht nur ich, ganz an Deiner Seite! Vor allem mit Deinen, von mir hervorgehobenen Aussagen.
    Und es ist völlig richtig - ich gehe nicht in die Oper um eine Lehrstunde, eine Vorlesung zu erleben (die hatte ich früher...).
    Und es ist völlig normal und legitim, daß man mal abschalten will von dem vielfältigen Mist, der täglich auf einen einströmt.
    Auch Josef II. trifft es punktgenau, Zitat:
    den "typischen" Operngänger ansprechen, der nach meinen Beobachtungen
    nicht auch noch im Opernhaus mit dem schnöden Alltag konfrontiert werden will.
    Aber, was wer von einem Opernabend erwartet, das darf und soll jeder für sich selbst entscheiden. Wer´s halt anders braucht und will... Nichts dagegen.
    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Mit den letzen Beiträgen ist die Frage von Misha zumindest im Ansatz eine Antwort näher gekommen. Die Ablehnung zeitgenössicher Opern ist natürlich keine hundertprozentige. Drehen wir die Frag um und fragen wir ? Ist das genügend Publikumsinteresse für zeitgenössische opern vorhanden, die die Häuser in ausreichendem Maße füllt? Dann werden wir ehrlicherweise mit NEIN antworten. Diese Publikuimsinteresse ist eine Untermenge in einer ohnedies schon fast zu kleinen Minderheit.
    Das unterschjeidet die oOper übrigens von modernem orchesteralem Repertoire: Letzteres kann man in ein Konzerprogramm reinmogeln (obwohl in den siebziger Jahren in Wien - als man derlei Tricks anwandte, ein Teil des Publikumsderartige Veranstaltungen Boykottiert hat, speziell, wenn das "eitgenössische" "trojanische Pferd" so ins Programm eingebaut wurde, daß eine Flucht durch früheres Verlassen des Konzerts nicht möglich war.....) weil die Kosten nicht höher sind als bei anderen Stücken - abgesehen von den Tantiemen* natürlich- Eine vollständige Oper indes zu besetzen und zu inszernieren ist schon ein erheblicher Aufwand.


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred


    * wir stehen hier vor em Paradox,. daß Mozart und Verdi - die (fast) jeder hören will. tantiemenfrei sind und "ungeliebtes Risikorepertoire" tantiemenpflichtig ist, man soll also für eine Musik bezahlen, die man gar nicht hören will....

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Einen Aspekt, der Menschen bewegt, in die Oper zu gehen, sehe ich im Genuss! Im blanken Genuss. In der Freude an der Musik und am Gesang.

    Dann sind wir aber genau beim Mahagonny-Prinzip der "kulinarischen Oper": Opernbesuch als Hedonismus pur. :D Da darf man aber fragen, ob das nicht ein sehr modernes Verständnis von Theater ist, das mit dem 18. oder 19. Jhd. reichlich wenig zu tun hat. Bei Schiller z.B. geht es gerade nicht um Hedonismus, sondern darum, die "moralische Weltregierung" auf der Bühne zu etablieren, also zu zeigen, wie die Welt eigentlich richtig ist, die es in der Wirklichkeit in vieler Hinsicht nicht ist und worunter das gesellschaftlich aufstrebende Bürgertum leidet. Gerade das "bürgerliche Trauerspiel" hatte mal ein emanzipatorisches Interesse. Das war das Dominierende, und nicht Genuss und Unterhaltung.

    Wenn der Bezug zu aktuellen Problemen in der Oper eingefordert wird, wird gern übersehen, dass wir in einem Informationszeitalter leben. Wenn ich will, kann ich mich ununterbrochen informieren.

    Richtig, wir leben in einem Informationszeitalter. Doch dieses ist längst bestimmt von dem, was man "Filterblase" und "Echokammereffekt" nennt. Diesen verdankt ein Trump seinen Wahlerfolg - man nimmt nur noch die Informationen zur Kenntnis, die man zur Kenntnis nehmen will. Alles andere wird ignoriert. Ein Martin Heidegger hat mal (in seinem Kunstwerkaufsatz) davon gesprochen, dass Kunst das "Ins-Werk-setzen von Wahrheit" ist. Sicher soll Kunst auch Vergnügen bereiten, sie ist aber auch dazu da, das zu zeigen, was wir nicht sehen wollen, verleugnen, verdrängen. Wir wissen zudem eigentlich immer mehr, als wir zugeben, nur schieben wir unangenehme Wahrheiten von uns weg. Kunst enthüllt uns genau dies - oft peinlich unangenehm. Kunst hat natürlich nicht die Funktion, Informationen zu vermitteln und kann sie auch nicht haben, sondern "Information" und "Wahrheit" sind letztlich zwei verschiedene Dinge. Informationen nimmt man zur Kenntnis, die Wahrheit muss man persönlich annehmen - oder man verleugnet sie. Aktualisierungen auf dem Theater dienen also nicht der Information (das ist in der Tat nicht die Aufgabe von Kunst), sondern sie sollen uns tatsächlich betroffen machen. Man kann das auch "Aufklärung" nennen, wenn man will. :)

    Ich bleibe dabei, dass das Musiktheater nur lebt und überlebt, wenn es auch um das "Jetzt" geht.

    Das entspricht ja auch der antiken Auffassung. Wie heißt es bei Aristoteles in Bezug auf die Tragödie: Sie soll "Furcht und Mitleid" erregen. Hier geht es also um emotionale Betroffenheit. Emotionale Betroffenheit kann man aber nur empfinden, wenn man selbst von dem, was man sieht, irgendwie betroffen ist. "Informationen" aus dem Programmheftchen über das weit entfernte Einstmals reichen dazu nicht. Wenn die Probleme auf der Bühne dem Menschen so fremd geworden sind, dass sie ihn nichts mehr angehen, dann bleibt nur noch die Befriedigung des Unterhaltungsbedürfnisses übrig. Die meisten Opern sind aber nun mal ernsten dramatischen Charakters. Deswegen ist der Opernhedonismus eigentlich der Tod der Oper als wirklich Ernst zu nehmende Kunstgattung. Immerhin war es auch Richard Wagners Ansicht, der Oper den Rang eines Dramas zu geben, sie also dem Sprechtheater gerade in dieser Hinsicht gleichzustellen. Das sollte man doch nicht ganz vergessen.

    Und ich habe ein bisschen über das Brechtsche Theaterprinzip gelästert.

    ... und wieder einmal falsch wiedergegeben. Brecht liebte es in Boxkämpfe zu gehen und war bekennender Hedonist. Er wollte gerade keinen Widerspruch von Unterhaltung und Belehrung, sondern beides. Der Moralist was das Theater angeht war Schiller, nicht Brecht. ;)

    Jugendliche Leute haben oft noch ein relativ naives Denken - ihnen fehlt üblicherweise das Erkennen des Zusammenhangs von Ursache und Wirkung - von Nutzen und Schaden.

    Wenn ich mir die Wähler von Trump, Le Pen, Wilders und vieler anderer des modischen Populismus von heute anschaue, dann sind das alles Menschen reifen Alters, die sich genau um den Zusammenhang von Ursache und Wirkung, Nutzen und Schaden so gar nicht interessieren, sondern lediglich die Befriedigung ihrer Bedürfnisse.


    Schöne Grüße
    Holger

  • Das ist natürlich nicht ehrenrühriges - aber wenn ich das weiß bringt es immerhin Klarheit in die Motive, solch einen Artikel zu verfassen.


    Das sehe ich anders. Es ist ja in Ordnung, für die Behebung empfundener Mißstände einzutreten, dies jedoch erkennbar aus Eigeninteresse zu tun, ohne dies auch klar zu benennen, hat mich für mich jedenfalls immer ein deutlich negatives Geschmäckle...


    Viele Grüße
    Frank

  • Alfred schreibt, Oper sei in seinen Augen »eine museale Kunstform für eine spezielle Klientel«. Da fällt mir (wieder mal) Arno Schmidt ein, der sich keine Illusionen über die Anzahl seiner Leser gemacht hat: »Die Zahl der Kulturträger einer Nation erhalten Sie, wenn Sie die dritte Wurzel aus P ziehen, wobei P für Population oder Bevölkerung steht: macht bei 60 Millionen in Westdeutschland 390 Leser, mehr sind es nicht. Drum herum gibt’s noch eine etwas blassere Aura von 4000 - 5000.« Nun glaube ich zwar nicht, dass sich Alfred wegen so einer Aussage mit Arno Schmidt solidarisieren oder sich gar mit ihm identifizieren würde. Aber um jede diesbezügliche Restgefahr zu bannen, lasse ich Arno Schmidt noch einmal antworten, diesmal auf Alfreds Erklärung: »Wenn ich in die Oper, ins Konzert oder ins Theater ging, dann um ABSTAND von dieser unsympattischen Zeit und ihren Zeitgenossen zu gewinnen und nicht um die gleichen unsympathischen Typen auf der Bühne wiederzufinden, die eiem die gute Laune im Alltag vermiesen.« Dem hält Arno Schmidt nämlich entgegen: »Jeder Schriftsteller sollte die Nessel Wirklichkeit fest anfassen und uns Alles zeigen : die schwarze schmierige Wurzel; den giftgrünen Natternstengel; die prahlende Blume(nbüchse).«


    Wenn man übrigens moniert, dass junge Leute »sich leicht für Ideale […] begeistern«, sich aber nicht fragen, »was deren Realisierung kostet«, sollte man dann nicht vielleicht auch im Blick haben, was die »museale Kunstform« Oper kostet, und jegliche Querfinanzierung dieser Oper durch die Gesellschaft ablehnen?

  • Durch Jahrhunderte hinweg war der Publikumsgeschmack, bzw. jener des Auftraggebers das Maß aller Dinge.
    Der "Künstler" wurde als besonders begabter Handwerker gesehen, der die Wünsche seines Auftraggebers zu dessen Zufriedenheit zu erfüllen hatte

    Das hast Du, glaube ich mich zu erinnern, hier bei Tamino schon einmal in einer anderen Diskussion geschrieben. Aber selbst wenn diese Aussage so stimmen sollte, wäre sie ja trotzdem seit Jahrhunderten nicht mehr richtig, sondern selbst nur noch »museal«, wie Holger mit Verweis auf Schiller gezeigt hat. Und wie sollte man das auch auf die Jetztzeit übertragen? Welcher Fürst ist denn heute der Auftraggeber eines Komponisten?

  • Das hast Du, glaube ich mich zu erinnern, hier bei Tamino schon einmal in einer anderen Diskussion geschrieben. Aber selbst wenn diese Aussage so stimmen sollte, wäre sie ja trotzdem seit Jahrhunderten nicht mehr richtig, sondern selbst nur noch »museal«, wie Holger mit Verweis auf Schiller gezeigt hat. Und wie sollte man das auch auf die Jetztzeit übertragen? Welcher Fürst ist denn heute der Auftraggeber eines Komponisten?

    Genau das habe ich mich auch gefragt. Die Bevölkerung wird's nicht sein, die hört Popmusik. Vielleicht die Regierung, die die Aufgabe den Fachleuten anvertraut? Oder die Fachleute, die Regierung vertretend? Insofern ist doch alles in Butter, der Auftraggeber ist zufrieden.

  • Das hast Du, glaube ich mich zu erinnern, hier bei Tamino schon einmal in einer anderen Diskussion geschrieben. Aber selbst wenn diese Aussage so stimmen sollte, wäre sie ja trotzdem seit Jahrhunderten nicht mehr richtig, sondern selbst nur noch »museal«, wie Holger mit Verweis auf Schiller gezeigt hat. Und wie sollte man das auch auf die Jetztzeit übertragen? Welcher Fürst ist denn heute der Auftraggeber eines Komponisten?

    Schon J. S. Bach hat sich mit seinen Auftraggebern gestritten, weil er ein künstlerisch ambitioniertes Verständnis einer Messe hatte - und sich auch durchgesetzt! Die Wertschätzung des Künstlers, der selbstbewußt mehr sein will als nur ein Handwerker, beginnt eigentlich schon mit der Renaissance. :)

    Offenbar ist tote Oper attraktiver. Ich gehe am Wochenende auch in eine tote Oper und freue mich schon.
    :thumbup:

    Ich gehe ja nun auch hier in Münster gerne in die Oper, weil das Ensemble Spaß am Theater und Theaterspielen vermittelt. Das gehört zum Theatererlebnis unbedingt mit dazu. Das Problem mit der "kulinarischen Oper" (der Begriff stammt von Brecht) liegt so wie ich es sehe darin, dass die Oper heute als Hedonimsus pur genommen von der Pop-Kultur eine Konkurrenz bekommen hat, der sie eigentlich kaum gewachsen ist. Sie kann glaube ich nur überleben, wenn sie ihren Anspruch doch anders formuliert und sich von der Pop-Unterhaltungskultur absetzt - neben dem Theatervergnügen eben auch einen ernsten Ansprruch in der bis auf die Antike zurückgehenden Tradition des Dramas weiter vertritt und pflegt. Diese "Mischung" aus Spiel und Ernst macht sie eigentlich erst unverwechselbar. Ich verstehe natürlich und das ist legitim, dass es Opernbesucher gibt, denen die Musik wichtiger ist und anderen eher die Inszenierung. Aber auch Rheingold ist glaube ich der ernste Anspruch sooo unwichtig glaube ich nicht, wie er es wohl etwas keck formuliert hat. :D Beim Faust von Gounod oder Jenufa von Janacek geht es um Kindsmord und das Problem sozialer Ächtung und ein Individuum, das daran zerbricht oder zu zerbrechen droht. Das ist nun mal nicht lustig. Und ich sehe auch nicht, warum zeitgenössische Stücke weniger attraktiv sein sollen. Sie werden nur einfach quantitativ weniger gespielt. :)


    Schöne Grüße
    Holger

  • Zitat

    Die Wertschätzung des Künstlers, der selbstbewußt mehr sein will als nur ein Handwerker, beginnt eigentlich schon mit der Renaissance


    Das mag sein - aber damals galten die Künstler als unentbehrlich - heute werden sie mehrheitlich als entbehrlich empfunden.


    Zitat

    Welcher Fürst ist denn heute der Auftraggeber eines Komponisten?


    Eine leicht zu beantwortende Frage. In den USA ist es der Geldadel, der allerdings weitgehend auf Neukompositionen verzichtet. - was ich angesichts des hier Gebotenen für vollkommen verständlich einschätze.


    An zweiter Stelle kommen die Politiker als Ersatzfürsten -zumindst halten sich sich für solche.
    Wird ihnen eingeredet, Leute, die die moderne Kompositionen (Inszenierungen) nicht schätzen , seien dumm oder rückständig, im schlimmesten Falle ewiggestrig - oder gar "rechtsradikal" - dann springen sie herum, wie die Marionetten an den Fäden - denn vor diesen Begriffen haben sie Angst - liegt doch die Wahrjheit hier so nah. Dieses Konzept wurde erstmals in der Geschichte "Des Kaisers neue Kleider" bloßgelegt - erfolglos- wie ich jetzt leider sehen muß....


    mfg aus Wien
    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert



  • Das mag sein - aber damals galten die Künstler als unentbehrlich - heute werden sie mehrheitlich als entbehrlich empfunden.

    Und was, wenn dem so wäre?



    Eine leicht zu beantwortendeFrage. In den USA ist es der Geldadel, der allerding weitgehend auf Neukompositionen verzichtet

    Wenn der (Geld-)Adel in den USA praktisch keine Aufträge vergibt, ist er in meinen Augen wohl doch kein Auftraggeber. Oder verstehe ich da etwas falsch?


    An zweiter Stelle kommen die Politiker als Ersatzfürsten -zumindst halten sich sich für solche.
    Wird ihnen eingeredet, Leute, die die moderne Kompositionen (Inszenierungen) nicht schätzen , seien dumm oder rückständig, im schlimmesten Falle ewiggestrig - oder gar "rechtsradikal" - dann springen sie herum, wie die Marionetten an den Fäden

    Ich kann mich nur daran erinnern, dass hier schon mehrmals von Politikern die Rede war, die genau das Gegenteil verkörpert haben und dazu- oder vorangesprungen sind, wenn etwas »zu modern« war.

  • Das mag sein - aber damals galten die Künstler als unentbehrlich - heute werden sie mehrheitlich als entbehrlich empfunden.

    Naja. Die Empfindung ist die eine Seite, die Realität eine andere. Heute gibt es einen - ziemlich fragwürdigen - Kunstmarkt, wo ziemlich viel Geld im Spiel ist und der von Künstlern bedient werden will (Motto: Kunst als Geldanlage). Gerade dafür sind Künstler unentbehrlich.

    Eine leicht zu beantwortende Frage. In den USA ist es der Geldadel, der allerdings weitgehend auf Neukompositionen verzichtet. - was ich angesichts des hier Gebotenen für vollkommen verständlich einschätze.

    Könnte es sein, dass Du über die Verhältnisse in den USA gar nicht richtig informiert bist? An der berühmten New Yorker Carnegie Hall gibt es z.B. das Weill Music Institute, das Kompositionsaufträge für Neue Musik vergibt.

    An zweiter Stelle kommen die Politiker als Ersatzfürsten -zumindst halten sich sich für solche.
    Wird ihnen eingeredet, Leute, die die moderne Kompositionen (Inszenierungen) nicht schätzen , seien dumm oder rückständig, im schlimmesten Falle ewiggestrig - oder gar "rechtsradikal" - dann springen sie herum, wie die Marionetten an den Fäden - denn vor diesen Begriffen haben sie Angst - liegt doch die Wahrjheit hier so nah. Dieses Konzept wurde erstmals in der Geschichte "Des Kaisers neue Kleider" bloßgelegt - erfolglos- wie ich jetzt leider sehen muß....

    Politiker vergeben doch keine Kompositionsaufträge! Wie kommst Du zu dieser seltsamen Meinung? :D Auch in Deutschland sind es Stiftungen wie die Ernst v. Siemans Stiftung z.B., die sich für die Förderung von Neuer Musik einsetzen:


    http://www.evs-musikstiftung.c…stitionsauftraege-xx.html


    Und ansonsten vergeben die Kompositionsaufträge die Häuser, wie man z.B. in diesem Buch nachlesen kann:


    https://books.google.de/books?…er%20m%C3%BCnster&f=false


    Schöne Grüße
    Holger

  • Dieses Konzept wurde erstmals in der Geschichte "Des Kaisers neue Kleider" bloßgelegt - erfolglos- wie ich jetzt leider sehen muß....

    Ich hab's schonmal geschrieben: "Des Kaisers neue Kleider" ist lediglich eine Neuauflage einer bereits jahrhundertealten Idee, die immer wieder in unterschiedlichen Formen auftaucht, z.B. als leeres Bild im Criticon von Garcian im 17. Jh.

  • Ich würde auch die Politiker als Ersatzfürsten Nr. 1 sehen. Ohne Subvention gäbe es "die Häuser" nicht und auch nicht die Projekte, die an den Häusern stattfinden. Hinweise, wie die Kunst sein soll, die bevorzugt subventioniert wird, gibt es auch.


    Es wäre aber mal interessant, die Summe der durch die Politik vergebenen Förderungen mit der übrigen (z.B. Siemens) zu vergleichen.

  • Das Problem mit der "kulinarischen Oper" (der Begriff stammt von Brecht) liegt so wie ich es sehe darin, dass die Oper heute als Hedonimsus pur genommen von der Pop-Kultur eine Konkurrenz bekommen hat, der sie eigentlich kaum gewachsen ist. Sie kann glaube ich nur überleben, wenn sie ihren Anspruch doch anders formuliert und sich von der Pop-Unterhaltungskultur absetzt - neben dem Theatervergnügen eben auch einen ernsten Ansprruch in der bis auf die Antike zurückgehenden Tradition des Dramas weiter vertritt und pflegt. Diese "Mischung" aus Spiel und Ernst macht sie eigentlich erst unverwechselbar. Ich verstehe natürlich und das ist legitim, dass es Opernbesucher gibt, denen die Musik wichtiger ist und anderen eher die Inszenierung. Aber auch Rheingold ist glaube ich der ernste Anspruch sooo unwichtig glaube ich nicht, wie er es wohl etwas keck formuliert hat. :D Beim Faust von Gounod oder Jenufa von Janacek geht es um Kindsmord und das Problem sozialer Ächtung und ein Individuum, das daran zerbricht oder zu zerbrechen droht. Das ist nun mal nicht lustig. Und ich sehe auch nicht, warum zeitgenössische Stücke weniger attraktiv sein sollen. Sie werden nur einfach quantitativ weniger gespielt. :)


    Jetzt ist die Frage, was Du unter "Pop-Unterhaltungskultur" verstehst. Gerade die Pop/Rockmusik verfügt oft über "kritische Texte" und wenns ums Thema 1, die Liebe, geht, herrscht dort auch nicht immer nur Sonnenschein. Dass klassische Musik gegenüber der Populärmusik durch ernsthaftere Themen einen Anspruchsvorsprung garantieren möchte, kann mE nicht funktionieren. Wenn das alles wäre, könnten wir die klassische Musik schon entsorgen ...

  • Ich würde auch die Politiker als Ersatzfürsten Nr. 1 sehen. Ohne Subvention gäbe es "die Häuser" nicht und auch nicht die Projekte, die an den Häusern stattfinden. Hinweise, wie die Kunst sein soll, die bevorzugt subventioniert wird, gibt es auch.

    Zum Glück herrscht bei uns ein Konsens über Parteigrenzen hinweg, dass Kultur öffentlich subventioniert wird. Die Häuser bekommen einen Etat und sicher gibt es generelle Erwartungen und einen auch gesetzlich verankerten Auftrag, dass einerseits die Tradition gepflegt und zugleich die aktuelle Kunst gefördert wird. Die Wahl des Intendanten geschieht natürlich auch politisch bewußt, dass man eine bestimmte "Richtung" und Gewichtung erwartet. Aber die Einzelentscheidungen, für welche Produktionen das Geld ausgegeben wird, liegt dann beim Intendanten und nicht der Politik.

    Jetzt ist die Frage, was Du unter "Pop-Unterhaltungskultur" verstehst. Gerade die Pop/Rockmusik verfügt oft über "kritische Texte" und wenns ums Thema 1, die Liebe, geht, herrscht dort auch nicht immer nur Sonnenschein. Dass klassische Musik gegenüber der Populärmusik durch ernsthaftere Themen einen Anspruchsvorsprung garantieren möchte, kann mE nicht funktionieren. Wenn das alles wäre, könnten wir die klassische Musik schon entsorgen ...

    Mein Vergleich bezog sich nicht auf Pop-Musik generell, sondern speziell Bühnenstücke, also Bühnenshows wie populäre Musicals z.B., die heute nicht zuletzt das ersetzt haben, was einst die der Oper gegenüber eher "seichte" Operette war.


    Schöne Grüße
    Holger

  • Ist das genügend Publikumsinteresse für zeitgenössische opern vorhanden, die die Häuser in ausreichendem Maße füllt?


    Kommt darauf an, wie man das Werk aufführt. Als Neil Shicoff an der Staatsoper die beiden Britten-Hauptrollen (Grimes und Vere im "Billy Budd") sang, war das Haus voll. Wenn Du eine "Entführung" mit halben oder ganzen Nonames besetzt, wird auch diese leer bleiben. Das Publikum geht eben immer mehr zum "Gesamtpaket". Wenn ich mich recht erinnere, war übrigens Reimanns "Medea" gut ausgelastet - und das ist zwar ein herrliches Werk, aber nichts Kulinarisches für Otto Normalzuhörer.
    Ich bin völlig überzeugt, daß man die zeitgenössische Oper an das Publikum heranbringen kann, wenn man diese Opern nicht als grüne Elefanten präsentiert, also als das Sonderbare, das Kuriosum, das man auch einmal herzeigen will, sondern als ganz normales kulinarisches Erlebnis. Und die Neue Musik hat durchaus Opern, die wesentlich kulinarischer sind als die Werke der Vergangenheit. Wenn ich etwa die Wahl habe zwischen Henzes "Bassariden" und Mozarts "Mitridate"....

    ...

  • Für die neue Saison 2017/2018 hat die Deutsche Oper Berlin die Uraufführung einer Oper von Aribert Reimann angekündigt: L'Invisible (Der Unsichtbare) als eine Trilogie lyrique nach Maurice Maeterlinck in französischer Sprache.


    Gruß Rheingold

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent