Finanzierung der Öffentlich-Rechtlichen

  • Ich finde, dass die Höhe des Rundfunkbeitrags ein Witz ist, wenn man bedenkt, was man dafür bekommt:

    Mein Problem ist gar nicht die Höhe des Beitrags, sondern die Tatsache, dass man gezwungen wird ihn zu entrichten, auch wenn man die Angebote überhaupt nicht nutzt.

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Ich finde, dass die Höhe des Rundfunkbeitrags ein Witz ist, wenn man bedenkt, was man dafür bekommt: 21 Fernsehprogramme, drei deutschlandweite und fast 70 regionale Radiosender (die natürlich auch überregional empfangbar sind), dazu fünf gut bestückte Mediatheken und die hervorragende ARD-Audiothek und die Deutschlandfunk-Audiothek. Und zu all dem kommen noch die eigenen Kulturaktivitäten der Sender, vor allem durch die Rundfunk-Symphonieorchester, Radioorchester und Big Bands. Dass bei solcher Vielfalt nicht alles allen gefallen kann, liegt auf der Hand, aber am Preis kann man doch eigentlich nicht meckern, wenn man ihn mit privaten TV-Angeboten oder auch Tageszeitungen vergleicht. Hier kostet schon der rein digitale Zugang zur örtlichen "Lippischen Landeszeitung" (bei mir meist "läppische Landeszeitung" genannt :) ) monatlich 25,80 Euro.

    Und wer das alles nicht hört, sieht - und braucht, wird trotzdem zur Kasse gebeten. Hier setzt meine Kritik an. Diese zwangsweise Verkollektivierung ist mir zutiefst unangenehm. Schließlich ist es rein technisch möglich, nur für das zu bezahlen, was man auch tatsächlich in Anspruch nimmt. Dagegen hätte ich nichts. Auch eine vom Verbrauch unabhängige Grundgebühr könnte ich mir vorstellen.

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • In dieser Form ist der Beitrag natürlich eine Steuer. Eine Steuer kann nur der Bundestag beschließen und dann kommt es vor das Bundesverfassungsgericht. Kennt jemand von euch die entsprechenden Vorgänge?

    Rechtschreibfehler werden über Nacht in den Duden gelegt (?)

  • Und wer das alles nicht hört, sieht - und braucht, wird trotzdem zur Kasse gebeten. Hier setzt meine Kritik an. Diese zwangsweise Verkollektivierung ist mir zutiefst unangenehm. Schließlich ist es rein technisch möglich, nur für das zu bezahlen, was man auch tatsächlich in Anspruch nimmt. Dagegen hätte ich nichts. Auch eine vom Verbrauch unabhängige Grundgebühr könnte ich mir vorstellen.

    Aber das ist doch bei unzähligen anderen Dingen genauso: Ich muss auch damit leben, dass von meinen Steuern Schwimmbäder, Straßen oder Fußballstadien gebaut und betrieben werden, die ich nicht nutze. Kein Steuerzahler hat die Möglichkeit, "nur für das zu bezahlen, was man tatsächlich in Anspruch nimmt".


    In dieser Form ist der Beitrag natürlich eine Steuer. Eine Steuer kann nur der Bundestag beschließen und dann kommt es vor das Bundesverfassungsgericht. Kennt jemand von euch die entsprechenden Vorgänge?

    Nein, es ist keine Steuer, weil die Gelder zweckgebunden sind. Der Rundfunkbeitrag wurde auch nicht vom Bundestag sondern von den 16 Bundesländern im Rundfunkbeitragsstaatsvertrag beschlossen.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Recherche:


    https://kress.de/news/detail/b…tv-branche-verdienen.html


    Als börsennotiertes Unternehmen legt ProSiebenSat.1 die Gehälter offen. Thomas Ebeling erhielt demnach inkl. Aktienoptionen 4,1 Millionen Euro. RTL-Chefin Anke Schäferkordt dürfte sich ebenfalls in dieser Niveauklasse bewegen. Auch die Ebene darunter verdient noch gut. ProSiebenSat.1-Finanzchef Gunnar Wiedenfels lag 2016 bei 2,1 Millionen Euro.


    Bei den Senderchefs beginnen die Gehälter bei den Kleinen bei 200.000 Euro und dürften auf bis zu 750.000 Euro bei den Großen steigen. Olaf Schröder, Sport1-Chef und Mitglied der Constantin-Geschäftsleitung, verdiente 2016 rund 573.000 Euro.


    Ein Sonderfall sind die Öffentlich-Rechtlichen. Im Vergleich zur Privatwirtschaft sind die Intendanten Thomas Bellut (ZDF, 320.000 Euro im Jahr) und Tom Buhrow (WDR, 399.000 Euro im Jahr) mäßig bezahlt.


    Weitere Zahlen:


    Durchschnittsverdienst (!) eines Fußballspielers der Bundesliga im Jahr: 1,5 Mio.


    Die Stars der großen Vereine wie dem FC Bayern München kommen auf 15 Mio. im Jahr


    Durchschnittsverdienst eines Aufsichtsratsmitglieds in der freien Wirtschaft (wohlgemerkt nicht des Aufsichtsratsvorsitzenden!): 330000 Euro


    Gehalt von Bundeskanzler Scholz: 360000 Euro im Jahr


    Der Klinikchef verdient durchschnittlich 130000 Euro pro Jahr


    Hier kann man alles nachlesen im Einzelnen, was die Öffentlich-Rechtlichen angeht:


    https://www.ard.de/die-ard/wie…ter-und-Verguetungen-102/

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  • Du siehst mich ratlos, lieber Holger. Die Gehaltsdebatte ist für mein Empfinden wenig zielführend. Sie wäre mit Blick auf die Öffentlich-Rechtlichen auch gar nicht aufgekommen, wäre da nicht der Amtsmissbrauch beim RBB gewesen. Dass unsere Medienlandschaft in dem Zusammenhang Details wie Restaurantrechnungen raushaut (meine Güte, in hochkarätigen Restaurants wird man für zwei Personen ganz schnell 300,00 Euro los, und darüber sollten bitteschön Krethie und Plethie nicht befinden) ist der eigentliche Populismus. Für die übrigen von Dir genannten Positionen gilt, was ich bereits oben feststellte: es gibt wenig solcher Stellen. Kunsthistoriker und Philosophen werden eher weniger gesucht und gebraucht (leider) und wenn, dann ist dieses Studium die Basis für etwas ganz Anderes. Oder man kann noch etwas ganz Anderes machen wie Matthew Crawford, der einen Tag in der Woche an einer Uni unterrichtet, vier Tage die Woche an Motorrädern schraubt, das eine oder andere (lesenswerte) Buch schreibt und sich aus der automatisierten Gesellschaft ausklinkt (deutsches Gegenstück: Niko Päech).


    Zurück also zum Eigentlichen: es geht um das Programm der Öffentlich-Rechtlichen, nicht um die Gehälter. Und, wie Christian schon richtig anmerkt: aus meiner Persepktive des Liebhabers von Kunst, Kultur und Wissenschaft sind die Beiträge ein Witz im Vergleich zu dem, was ich dafür bekomme. Beim Fernsehen gibt's eher Korrekturbedarf, weniger Krimis, mehr Kultur, mehr gute Filmproduktionen, gerne auch Lebenshilfe, qualitätvolle Literaturrunden, beim Sport gerne auch Werbung fürs Sporttreiben mit Berichten von lokalen Sportvereinen, vielleicht Sendungsformate wie "Mein Schrbergarten" mit Nachhilfe für junge Leute, die sich einen solchen Garten zulegen, wann man was wie sät, aufzieht und erntet, Vorstellung von Hilfsprojekten wie jene von Van Bo LeMenzel in Berlin, der ein Tiny-House für Bedürftige unterhält, Urban Gardening, das alles gehört in den Auftrag der Öffentlichen, der ja über die Mediatheken jenseits von Sendezeiten verfügbar ist.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Für die oben genannten Wunschformate würde ich auch entsprechende werbliche Hinweise durch die Sender selbst erbitten; aktuell sieht man nur Hinweis auf den nächsten, vorzugsweise brutalen, Kriminalfilm.

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Dass unsere Medienlandschaft in dem Zusammenhang Details wie Restaurantrechnungen raushaut (meine Güte, in hochkarätigen Restaurants wird man für zwei Personen ganz schnell 300,00 Euro los, und darüber sollten bitteschön Krethie und Plethie nicht befinden) ist der eigentliche Populismus.


    Das sehe ich etwas anders. Ich bin selbst im öffentlichen Dienst tätig und würde für das Einreichen einer Restaurant-Rechnung über 300 € für zwei Personen arge Probleme mit unserer Verwaltung bekommen. Tatsächlich ist mir das letzten Sommer passiert, als ich eine Kollegin aus den USA dienstlich eingeladen habe. Der Betrag für zwei Personen war sehr deutlich (!) unter 300 €, aber eben knapp (um ca. 15 €) über der Höchstgrenze laut Bewirtungsrichtlinie, die ihrerseits auf Prüfungen und Vorgaben des Rechnungshofs basiert. Der Vorgang ging insgesamt dreimal hin und her zwischen meinem Büro und der Verwaltung...


    Der ÖRR sollte sich für die formalen Dinge seiner Tätigkeit (Gehälter, Spesen etc.) m. E. entscheiden, ob man sich jetzt als öffentliche Einrichtung sieht oder nicht. Falls ja, dann muss man nach den gleichen Regeln spielen, die im öffentlichen Dienst gelten. Mir scheint, dass man gerade "best of both worlds" abstauben möchte: gesicherte Gebühreneinnahmen (man ist ja öffentlich-rechtlich), aber bitte mit der Gehalts- und Spesenkultur eines Unternehmens der freien Wirtschaft. Das geht nicht zusammen.


    Natürlich wäre es eine Überlegung wert, ob man nicht generell die Vorgaben für derartige Dinge im öffentlichen Dienst mal etwas lockert und weniger pinnenschietrig bei dienstlichen Essen etc. ist. Das würde ich absolut unterstützen. Wenn man das aber nicht generell für alle tut, muss der ÖRR im Grundsatz mit den gleichen Regeln klarkommen, die für andere öffentlich finanzierte Institutionen auch gelten.


    LG :hello:

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  • Diese Spitzenmanager, die da ihre Spitzengehälter im Privatfernsehen erhalten, managen ja schließlich auch ein Spitzenprogramm. Manager, die dafür affin sind, sollten sich auch dort bewerben.


    Ich sehe die Aufgabe des ÖRR ein wenig anders. Zum Beispiel ist das Programm von arte alleine ja schon gutes Geld wert. Und ich möchte Kaija Saariaho auch nicht im Dschungelcamp sehen. Für die Leistung ist ein Betrag von knapp 20 Euro im Monat nicht zu bekritteln. Das bezahlt ja nicht nur die Kultur sondern auch eine eigenständige Medienlandschaft, die nicht nach Vorgaben des Springer Verlages agiert.


    Trotzdem machen diese Skandale (offensichtliches Personalgeklüngel, intransparente Aufgabenverteilung mit unklar spezifizierten Jobs) einen denkbar schlechten Eindruck und beschädigen die eigentlichen Aufgaben. Welchen Anteil dieser Finanzsumpf nun wirklich an den Gesamthaushalt des Senders hat, spielt in der Öffentlichkeit eine geringe Rolle, aber er diskreditiert den Ruf der Institution.


    Dazu kommt dann noch "Spitzenmanager"-Personal, dem jegliches Feingefühl für seine Aufgaben und deren Bezahlung fehlt. Wenn ich Krethi+Plethi wäre, mich nicht wirklich für Kultur interessierte, sondern eben für das Dschungelcamp, ist der Ärger doch leicht nachzuvollziehen.

  • Ich bin selbst im öffentlichen Dienst tätig und würde für das Einreichen einer Restaurant-Rechnung über 300 € für zwei Personen arge Probleme mit unserer Verwaltung bekommen. Tatsächlich ist mir das letzten Sommer passiert, als ich eine Kollegin aus den USA dienstlich eingeladen habe. Der Betrag für zwei Personen war sehr deutlich (!) unter 300 €, aber eben knapp (um ca. 15 €) über der Höchstgrenze laut Bewirtungsrichtlinie, die ihrerseits auf Prüfungen und Vorgaben des Rechnungshofs basiert. Der Vorgang ging insgesamt dreimal hin und her zwischen meinem Büro und der Verwaltung...

    Auch die offiziellen Hotel-Höchstpreise für Dienstreisen im öffentlichen Dienst sind zumindest in größeren Städten ein Witz: In Hamburg liegt das Limit z.B. bei 80 Euro, während eine Übernachtung im Zweibettzimmer in der Hamburger Jugendherberge bereits 98 Euro kostet (die Preise der örtlichen Parkbänke kenne ich nicht ;)). Vollends absurd wird es, wenn man Kosten sparen will und statt im Hotel auswärts frühstückt: Dann sinkt der offizielle Zuschuss von 12 Euro (der sowieso schon zu niedrig ist) auf 4,80 Euro.


    Mir scheint, dass man gerade "best of both worlds" abstauben möchte: gesicherte Gebühreneinnahmen (man ist ja öffentlich-rechtlich), aber bitte mit der Gehalts- und Spesenkultur eines Unternehmens der freien Wirtschaft. Das geht nicht zusammen.

    Ja, das sehe ich genauso. Deshalb hinkt auch der Vergleich mit Fußballspielern: Es mag ja moralisch fragwürdig sein, wenn ein Fußballer pro Jahr 15 Millionen verdient, aber das Geld wird immerhin durch Eintrittsgelder, Übertragunsrechte und Merchandising erwirtschaftet, und zwar primär aufgrund der Leistung der Spieler bzw. des Zuschauerinteresses daran.

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  • Du siehst mich ratlos, lieber Holger. Die Gehaltsdebatte ist für mein Empfinden wenig zielführend.

    Das finde ich auch, lieber Thomas. Weil wenn man die ARD-Seite liest, erkennt man ein System. Redakteure und sogar Kameraleute verdienen bis zu 100000 Euro jährlich. Fundiert kann man da nur reden, wenn man die Einstufungskriterien, gerade bei den außertariflichen Verträgen, kennen würde. Es ist schlicht unseriös, "aus dem Bauch heraus" entscheiden zu wollen, wer 100000 Euro verdienen darf und wer 200000. Das ist dann Populismus.

    Dass unsere Medienlandschaft in dem Zusammenhang Details wie Restaurantrechnungen raushaut (meine Güte, in hochkarätigen Restaurants wird man für zwei Personen ganz schnell 300,00 Euro los, und darüber sollten bitteschön Krethie und Plethie nicht befinden) ist der eigentliche Populismus.

    Genau!

    Ich bin selbst im öffentlichen Dienst tätig und würde für das Einreichen einer Restaurant-Rechnung über 300 € für zwei Personen arge Probleme mit unserer Verwaltung bekommen. Tatsächlich ist mir das letzten Sommer passiert, als ich eine Kollegin aus den USA dienstlich eingeladen habe. Der Betrag für zwei Personen war sehr deutlich (!) unter 300 €, aber eben knapp (um ca. 15 €) über der Höchstgrenze laut Bewirtungsrichtlinie, die ihrerseits auf Prüfungen und Vorgaben des Rechnungshofs basiert. Der Vorgang ging insgesamt dreimal hin und her zwischen meinem Büro und der Verwaltung...


    Der ÖRR sollte sich für die formalen Dinge seiner Tätigkeit (Gehälter, Spesen etc.) m. E. entscheiden, ob man sich jetzt als öffentliche Einrichtung sieht oder nicht. Falls ja, dann muss man nach den gleichen Regeln spielen, die im öffentlichen Dienst gelten.

    Du machst hier den Denkfehler, nicht zu berücksichtigen, dass es in der Medienbranche im Unterschied zur Uni um kommerzielle Vertragsabschlüsse geht mit international agierenden Unternehmen, die genauso mit privatwirtschaftlichen Partnern verhandeln. Die potentiellen kommerziellen Vertragspartner machen überhaupt keinerlei Unterschied zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Unternehmen. Es ging z.B. um die Übertragungsrechte für die Fußball-Bundesliga - da waren nicht nur Millionenbeträge im Spiel, sondern die privaten Sender wollten gerne der ARD die Rechte abluchsen. Wenn da beim Geschäftsessen die ARD knausert und sagt: Wir können, weil es Steuergelder sind, nur 15 Euro für eine Pizza spendieren, wird sie als Partner nicht Ernst genommen und hat schon damit gleich verloren im Konkurrenzkampf mit den Privaten. Die Verhandlungen müssen in einem "standesgemäßen" Rahmen stattfinden, sonst hat man keinen Erfolg. Dazu gehört, dass man spendabel ist, was solche Rahmenbedingungen angeht, weil das letztlich auch Werbung ist. Auch Universitäten kennen das durchaus. Wenn es an der Uni nicht nur darum geht, die Kollegin zu bewirten, die gerade einen Vortrag gehalten hat und bescheiden im Gästehaus der Uni wohnt, sondern es sich um ein Treffen sagen wir mal mit dem Bayer-Konzern handelt, wo die Delegation mit dem Mercedes-Maybach, selbstverständlich mit Chauffeur, vorfährt, um Drittmittel in Millionenhöhe zu bekommen, wird sich die Uni auch nicht lumpen lassen und gerne ein paar hundert Euro für ein Essen springen lassen. Nur so funktioniert das Geschäft. ;)


    Schöne Grüße

    Holger

  • Du machst hier den Denkfehler, nicht zu berücksichtigen, dass es in der Medienbranche im Unterschied zur Uni um kommerzielle Vertragsabschlüsse geht mit international agierenden Unternehmen, die genauso mit privatwirtschaftlichen Partnern verhandeln. Die potentiellen kommerziellen Vertragspartner machen überhaupt keinerlei Unterschied zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Unternehmen. Es ging z.B. um die Übertragungsrechte für die Fußball-Bundesliga - da waren nicht nur Millionenbeträge im Spiel, sondern die privaten Sender wollten gerne der ARD die Rechte abluchsen. Wenn da beim Geschäftsessen die ARD knausert und sagt: Wir können, weil es Steuergelder sind, nur 15 Euro für eine Pizza spendieren, wird sie als Partner nicht Ernst genommen und hat schon damit gleich verloren im Konkurrenzkampf mit den Privaten. Die Verhandlungen müssen in einem "standesgemäßen" Rahmen stattfinden, sonst hat man keinen Erfolg. Dazu gehört, dass man spendabel ist, was solche Rahmenbedingungen angeht, weil das letztlich auch Werbung ist. Auch Universitäten kennen das durchaus. Wenn es an der Uni nicht nur darum geht, die Kollegin zu bewirten, die gerade einen Vortrag gehalten hat und bescheiden im Gästehaus der Uni wohnt, sondern es sich um ein Treffen sagen wir mal mit dem Bayer-Konzern handelt, wo die Delegation mit dem Mercedes-Maybach, selbstverständlich mit Chauffeur, vorfährt, um Drittmittel in Millionenhöhe zu bekommen, wird sich die Uni auch nicht lumpen lassen und gerne ein paar hundert Euro für ein Essen springen lassen. Nur so funktioniert das Geschäft.


    Das ist so nicht ganz richtig. In dem von mir geschilderten Fall hat die Verwaltung sich einen Sch... dafür interessiert, mit wem ich essen war und wieviel Geld der Uni aus diesem Kontakt erwachsen könnte. Es ging ganz schlicht darum, dass die Rechnung ein wenig zu hoch war. In der Tat stelle ich mit der Kollegin zusammen Anträge, die zwar nicht im Millionenbereich liegen, aber auf sechsstellige Summen kommt man da durchaus. Das war für den Vorgang vollkommen irrelevant.


    Ich möchte nicht ausschließen, dass es irgendwo im Bewirtungsrecht irgendeinen Passus zu einem "besonderen dienstlichen Interesse" geben mag, wenn ein Uni-Präsident den Chef von Bayer empfängt und dabei ordentlich was auftischen möchte. Nun denn, dann kann das ja für den ÖRR genauso gelten, und im Fall der Restaurant-Rechnung über 300 € legt man einfach schriftlich dar, warum dieser Betrag unumgänglich und im Interesse der betreffenden Rundfunkanstalt war - Problem erledigt.


    LG :hello:

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  • Auch die offiziellen Hotel-Höchstpreise für Dienstreisen im öffentlichen Dienst sind zumindest in größeren Städten ein Witz: In Hamburg liegt das Limit z.B. bei 80 Euro, während eine Übernachtung im Zweibettzimmer in der Hamburger Jugendherberge bereits 98 Euro kostet (die Preise der örtlichen Parkbänke kenne ich nicht ;)). Vollends absurd wird es, wenn man Kosten sparen will und statt im Hotel auswärts frühstückt: Dann sinkt der offizielle Zuschuss von 12 Euro (der sowieso schon zu niedrig ist) auf 4,80 Euro.


    Diese Regeln kommen mir arg vertraut vor... ^^ Zum Glück ist unsere Verwaltung da noch halbwegs flexibel und akzeptiert es in der Regel, wenn man schriftlich darlegt, dass man in der betreffenden Stadt kein halbwegs günstig gelegenes Hotel innerhalb der Höchstgrenze gefunden hat.


    LG :hello:

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  • In der Tat stelle ich mit der Kollegin zusammen Anträge, die zwar nicht im Millionenbereich liegen, aber auf sechsstellige Summen kommt man da durchaus. Das war für den Vorgang vollkommen irrelevant.

    Die Kollegin, mit der Du Anträge stellst, ist aber nicht der Partner, der zahlt, sondern genauso ein(e) Bittsteller(in). ^^ Als ich - es ist schon ein bisschen her - zusammen mit anderen deutschen Kollegen in Polen zu einer Konferenz eingerladen war, hat die dortige Uni keine Mühen für das reichhaltige Menü gescheut inclusive Musik, weil sie ein Interesse daran hatte, eine Kooperation mit deutschen Universitäten aufzubauen.

    Ich möchte nicht ausschließen, dass es irgendwo im Bewirtungsrecht irgendeinen Passus zu einem "besonderen dienstlichen Interesse" geben mag, wenn ein Uni-Präsident den Chef von Bayer empfängt und dabei ordentlich was auftischen möchte. Nun denn, dann kann das ja für den ÖRR genauso gelten, und im Fall der Restaurant-Rechnung über 300 € legt man einfach schriftlich dar, warum dieser Betrag unumgänglich und im Interesse der betreffenden Rundfunkanstalt war - Problem erledigt.

    Es macht hier doch keinen Sinn, nur zu spekulieren. Solche Gelegenheiten finden regelmäßig statt, also gibt es dafür garantiert ein Budget und man weiß, wo man hingeht oder wer das Buffet liefert und wieviel das kostet. Überraschungen sind da vermutlich so gut wie ausgeschlossen. ^^


    Schöne Grüße

    Holger

  • Die Kollegin, mit der Du Anträge stellst, ist aber nicht der Partner, der zahlt, sondern genauso ein(e) Bittsteller(in). ^^


    Nur ist die Bittstellerin in diesem Fall der Türöffner, da sie das Antragsrecht in den USA besitzt. Das ist aber auch egal, denn der Vorgang wäre keinen Deut anders verlaufen, wenn sie mit dem Scheckbuch in der Hand angereist wäre.


    Als ich - es ist schon ein bisschen her - zusammen mit anderen deutschen Kollegen in Polen zu einer Konferenz eingerladen war, hat die dortige Uni keine Mühen für das reichhaltige Menü gescheut inclusive Musik, weil sie ein Interesse daran hatte, eine Kooperation mit deutschen Universitäten aufzubauen.


    Das deutsche Bewirtungsrecht dürfte in Polen vermutlich nicht gelten.


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  • Diese Regeln kommen mir arg vertraut vor... ^^ Zum Glück ist unsere Verwaltung da noch halbwegs flexibel und akzeptiert es in der Regel, wenn man schriftlich darlegt, dass man in der betreffenden Stadt kein halbwegs günstig gelegenes Hotel innerhalb der Höchstgrenze gefunden hat.

    Das ist hier zum Glück auch so. Ich finde es trotzdem immer etwas entwürdigend, wenn ich erklären muss, warum ich im "Motel One" statt in der Privatpension aus den siebziger Jahren mit Etagenklo übernachtet habe ;). Wenn man z.B. bei hrs für morgen in Hamburg ein Hotel sucht, geht das bei ca. 150 Euro los, bei früherer Buchung vielleicht bei 110. Welchen Sinn hat also eine Obergrenze von 80 Euro, selbst wenn die dann von der Verwaltung (die natürlich auch für ihre Arbeit bezahlt wird) großzügig gehandhabt wird? Und auch ohne solch strikte (und in diesem Fall unrealistische) Vorgaben würde ich ganz sicher nicht auf die Idee kommen, die Präsidentensuite im Adlon zu buchen.

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  • Das deutsche Bewirtungsrecht dürfte in Polen vermutlich nicht gelten.

    Vor allem ändert sich da ja auch ständig was. Mittlerweile geben sich auch Verbände und Unternehmen Compliance Regeln, die vorsehen, bis zu welchem Betrag man sich einladen lassen darf, Beträge für Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke etc. Das lässt sich in aller Regel geschmeidig handhaben, aber wenn man dann mal unter Beschuss gerät...


    Vor gut dreissig Jahren habe ich mich mal der Hoffnung hingegeben, dass das fürchterliche kamerale System der deutschen öffentlichen Hand dem Tilburger Modell der dezentralen Ressourcensteuerung weichen könnte. Aber, weit gefehlt, die schaffen es ja noch nicht einmal, ihre Sprache zu überarbeiten. Und mit der Abbildung von Work-Flows in Algorithmen, die Arbeitsprozesse steuern, findet das deutsche Beamtentum einen Meister, der noch schlimmer ist.


    Allein schon deshalb, und natürlich auch vordem Hintergrund des woken Zeitgeistes ignoriere ich bestimmte Vorgänge wie jenen an der RBB-Spitze. Das erinnert ein wenig an die Vorgänge in der katholischen Kirchein und um Köln. Die sind zwar nicht wegen Herrn Wölki in der Kirche drin, finden aber einen freudigen Vorwand, seinetwegen auszutreten. Honi soit qui mal y pense.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

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    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Auch die offiziellen Hotel-Höchstpreise für Dienstreisen im öffentlichen Dienst sind zumindest in größeren Städten ein Witz: In Hamburg liegt das Limit z.B. bei 80 Euro, während eine Übernachtung im Zweibettzimmer in der Hamburger Jugendherberge bereits 98 Euro kostet (die Preise der örtlichen Parkbänke kenne ich nicht ;) ).

    Ich kenne diese Problematik aus diversen Forschungsprojekten mit einigen Unis bei uns. Das ist natürlich in dieser Form albern und der anschließende Verwaltungsaufwand wäre sicher in eine großzügiger bemessene Pauschale sinnvoller investiert.


    Trotzdem finde ich eine gewisse Vorsicht im Umgang mit Steuergeldern nie falsch. Ich kenne das auch aus den Ministerien nicht anders. Bei vielen Tagungen gab es eben nur belegte Brötchen. Das tut es doch auch. Wer meint, hier falsch am Platz zu sein und Kaviar-Häppchen zu benötigen, der sollte vielleicht wirklich in die private Wirtschaft.


    Weil ich eigentlich davon überzeugt bin, dass an diesen Stellen sehr umsichtig mit diesen Geldern umgegangen wird, so ärgern mich diese medienwirksamen Skandale (im wesentlichen wohl beim RBB) umso mehr. Und diese sogenannten Spitzenmanager können in meinen Augen nicht schnell genug ihre Plätze räumen. Wer meint, dass das Sparen an der echten Kultur etwas ist, was er sich als Managerleistung mit Boni gutschreiben kann, hat in meinen Augen seine Aufgaben nicht verstanden und ist eventuell bei Formaten wie dem Dschungelcamp besser aufgehoben.

  • Trotzdem finde ich eine gewisse Vorsicht im Umgang mit Steuergeldern nie falsch. Ich kenne das auch aus den Ministerien nicht anders. Bei vielen Tagungen gab es eben nur belegte Brötchen. Das tut es doch auch. Wer meint, hier falsch am Platz zu sein und Kaviar-Häppchen zu benötigen, der sollte vielleicht wirklich in die private Wirtschaft.

    Klar, aber auch bei der Verpflegung werden immer mal wieder Regelungen ausgegraben, bei denen man nur fassungslos den Kopf schütteln kann. Ich habe z.B. von einer Berufungskommission gehört (deren Sitzungen nicht selten 12 Stunden dauern), in der man als Mittagsimbiss eine Suppe bestellen wollte. Das wurde (zunächst) abgelehnt, weil irgendeine Vorschrift nur kalte Küche erlaubt. Die ist zwar nicht billiger aber korrekter. Wer denkt sich so etwas aus? Mir wurde einmal während einer mehrtägigen Dienstreise im Parkhaus das Auto beschädigt. Zunächst wurde mir gesagt, dass die Reparaturkosten übernommen würden, aber leider, leider gab es dann doch einen jahrzehntealten Erlass, nach dem Beschädigungen im "ruhenden Verkehr" von der Haftung ausgeschlossen sind. Wenn man da niemanden hat, der auch mal eine "kreative Lösung" sucht, bleibt man auf erheblichen Kosten sitzen.

    Ganz extrem habe ich mit der "Vorschrifteritis" an unserer Hochschule bei allen Fragen rund um Flügel und Klaviere zu tun (für die ich zentral zuständig bin). Selbst für kleine Wartungsarbeiten muss ich drei Vergleichsangebote einholen oder Ausschreibungen veröffentlichen lassen, wobei es keinerlei Rolle spielt, ob ein Klavierbauer das betroffene Instrument schon jahrelang kennt und gepflegt hat, ob er gute Referenzen vorzuweisen hat, ob er in der Vergangenheit mäßig, gut oder herausragend gearbeitet hat usw.: Drei Angebote, von denen einfach das billigste genommen wird. Das kann leider bei so komplexen Instrumenten ziemlich teuer werden... Und der absolute Höhepunkt ist die neue EU-Verordnung zum Handel mit verarbeitetem Elfenbein: Als wir im letzten Jahr ein paar ausgemusterte Flügel versteigern wollten, mussten wir nach der Besichtigung durch die Bieter die alten Elfenbein-Tastaturbeläge (die seit 1989 zu recht verboten sind aber eben vorher vollkommen legal waren) entfernen lassen und wegwerfen. Und selbst dieses Verfahren war erst nach einer Sondergenehmigung durch die Bezirksregierung zulässig. Andernfalls hätten wir die kompletten Flügel (mehrere Steinways) auf den Müll werfen müssen. Immerhin hat das zu einem enormen Presse-Interesse geführt; mehrere Zeitungen und das Lokalfernsehen haben berichtet, und sogar in WDR 2 wurde ich kurz zu dem Thema interviewt :).

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  • Ich habe z.B. von einer Berufungskommission gehört (deren Sitzungen nicht selten 12 Stunden dauern), in der man als Mittagsimbiss eine Suppe bestellen wollte. Das wurde (zunächst) abgelehnt, weil irgendeine Vorschrift nur kalte Küche erlaubt. Die ist zwar nicht billiger aber korrekter. Wer denkt sich so etwas aus?


    Was ich an derartigen Regelungen auch erstaunlich finde, ist die Selbstverständlichkeit, mit der davon ausgegangen wird, dass man als Mitarbeiter umgekehrt weitaus großzügiger und weniger erbsenzählerisch ist. So vermeide ich beispielsweise bis heute die Anschaffung eines Dienst-Handys - mein privates Handy hat eine Flatrate, also kann man sich das Geld m. E. sparen. Das heißt aber auch, dass ich hin und wieder dienstliche Belange mit meinem privaten Handy erledige, welches ich selbstverständlich vollständig privat bezahlt habe. Normalerweise wäre das keine Erwähnung wert, aber wenn es dann abgezählte Brötchen als Verpflegung auf längeren Sitzungen gibt (das habe ich neulich auch erlebt), dann fragt man sich schon, ob man Vater Staat nicht mal die eigenen Extra-Leistungen mit ähnlicher Krämerseele vorrechnen sollte.


    LG :hello:

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  • Ich möchte mal daran erinnern, was Lehrern jahrelang zugemutet wurde.

    1. Bis irgendwann Anfang der 2000er die Regelung von einem Gericht für rechtswidrig erklärt wurde, war es Usus, dass die Lehrer eine Klassenfahrt nicht als Dienstreise anerkannt bekamen, was bedeutete, dass Reisekosten, Unterkunft und Verpflegung vom Lehrer selbst zu zahlen waren. Trennungsgeld gab es natürlich auch nicht. Jeder, der mal eine solche Fahrt als Lehrer mitgemacht hat, egal welche Stufe, hatte praktisch 24 Stunden Dienst. Wenn er Pech hatte, war noch ein anderer Kollege im Zimmer. Dann natürlich der Stress durch nicht aufhörenden Lärm. Und auch der Stress durch Renitenz. Ich erinnere mich, dass wir mit einer Klasse der Mittelstufe in der Eifel für einen Tag Wanderung angesetzt hatten, den meine Kollegin und ich dann alleine unternahmen, weil die Schüler einfach nicht mitgingen. Ich war da für sofortigen Abbruch, aber einen solchen Umstand wollten wir uns nicht antun. Bei einer Wanderung an der Müngstener Brücke fehlte ein Trupp Jungs. Wie sich später herausstellte, waren sie einfach als Nachzügler abgebogen, um die Wanderung zu verkürzen, und hatten sich dann in einen Bus gesetzt.Wir anderen fuhren mit dem Sammelfahrschein zurück. In der Jugendherberge bauten sie sich vor mir auf und forderten, dass ich die Fahrscheine erstatten sollte.

    Ich habe darauf beschlossen, grundsätzlich nur mit der 6. Klasse zu fahren, das war dann doch meist sehr schön.

    Eine Sache war besonders praktisch. Da Lehrer meist Beamte sind, können sie nicht streiken. Darum hatte die Landesregierung verordnet, dass die Dienstvorschrift vorsah, dass eine Teilnahme an Klassenfahrt zwingend anzuordnen sein kann, wobei eine Weigerung wegen fehlender Bezahlung ausgeschlossen war.

    Als ein Gericht alle diese Vorschriften kippte, gab es großen Aufruhr in NRW und unzählig viele Fahrten vielen aus.

    2. Alkohol ist ab der Mittelstufe ein großes Problem. In Wuppertal geschah es, dass ein Junge von den anderen mit einem halben Liter Schnaps pur intus aus dem Verkehr gezogen wurde, was wir erst am anderen Tag merkten, der sowieso der Abreisetag war. Wo hatten sie den Schnaps gekauft? Gegenüber im Supermarkt. Den habe ich noch am Abreisetag aufgesucht, wo ich natürlich nur Ausflüchte zu hören bekam. In der Oberstufe wird ein Alkoholverbot dadurch umgangen, dass leere Colaflaschen "umfirmiert" werden.

    3. In einem Jahr der 80er gab es aufgrund von fehlenden Stellen im ganzen Beamtenapparat die Überlegung, allen Beamten 2 Stunden Mehrarbeit aufzubrummen. Letzten Endes traf es nur die Lehrer.

    4. Eine besondere Perfidie gab es dann mit dem Arbeitszimmer. In der Schule gibt es keine Arbeitszimmer, daher galt die Regel, dass ein Teil der Wohnung steuerlich als Arbeitszimmer anerkannt wurde; man musste dazu einen Plan einreichen. Diese Regel wurde gekippt, aber sogleich von Gerichten für rechtswidrig erklärt.

    Ich kann mich noch erinnern, wie begeistert wir waren, als Kopierer angeschafft wurden. Kopieren statt Matrize, obwohl viele Schüler den starken Geruch der Matrizenblätter sehr liebten. Wir nicht, wenn wir mal wieder unsere Hände nicht sauber bekamen. Der Kopierer (es gab nur einen) wurde von einer Firma betrieben, die an uns Lehrer kleine Kärtchen verkauften, die man einstecken musste; dann war der Kopierer betriebsbereit. Jede Kopie kostete 10Pf, von uns selbst zu zahlen. Vor dem Kopierer gab es immer Schlangen, vor allem morgens vor der ersten Stunde.

    Eine Lachnummer: der Diavortag: Man brauchte immer eine Doppelstunde, um alle Widrigkeiten zu bändigen: Verdunkelung, laute Schüler, meist war die Lampe kaputt oder es waren nicht die Dias, die man zeigen wollte.

    Video kam erst spät, die Geräte durfte man nur bedienen, wenn der Medienwart (an einer Schule ich) Hilfestellung gab. Die Geräte waren teuer und anfällig.

    Slapstick pur: wir zeigen einen Film. Das war der Diavortrag im Quadrat. Falscher Film, kaputte Lampe, die Verdunkelung kaputt. Für die Bedienung musste man sogar einen kleinen Schein machen. Allerdings hatten wir einen technikaffinen Kollegen, der dann schon mal aus seinem Unterricht als Feuerwehr geholt wurde. Alles das eine unerschöpfliche Quelle für Kabarettisten, die vor allem als frühere Lehrer das alles aus ihrem eigenen Lehrerdasein selbst erfahren haben.

    5. Eine absolute Schande war es, wie man mit Referendaren , die auch schon unterrichteten oder Aushilfslehrer verfuhr. Zu Ferienbeginn wurden sie entlassen und mit Schulbeginn wieder eingestellt. Ich weiß aber nicht, ob das noch so ist. Wahrscheinlich hatte einer der Bosse im Schulkollegium (oberste Behörde) Urlaub in der Schweiz gemacht, die dieses Prinzip wohl mit ihren italienischen Gastarbeitern eingeführt hatte.

    6. Diese Idee hatte ich schon selbst und fand sie wieder indem Buch "Teacher Man" von Frank McCourt ("Angela's Ashes"). Es gibt vier Sorten von Lehrern: die strengen, die sich als Hüter der Wissenschaften darstellen, dann die komplett unfähigen. Wir hatten eine Kollegin mit Deutsch, bei der Oberstufenschüler einen zusätzlichen Schüler in der Klasse erfunden haben. Sie wurde immer dementer und kam doch jeden Tag in die Schule. Wir haben sie natürlich sehr freundlich behandelt, aber es war ein Bild des Jammers. Dann natürlich die Hauptgruppe der Lehrer, die respektvoll sind und einen lebendigen Unterricht machen. Diese arbeiten mehr als sie müssen und machen zusätzlich noch AGs, die sie nicht bezahlt bekommen. Bei mir waren zwei Theater-AGS, eine in der Unterstufe, eine ab Mittelstufe, eine absolute Quelle des Vergnügens.

    Dann noch die Karrieristen, deren Ziele Schulleiter und dann Dezernenten waren. Dort hecken sie dann die Vorschriften aus, die Lehrer und Kindern nicht nur Vergnügen bereiten.


    Abschließend möchte ich sagen, dass diese negativen Erfahrungen von den positiven weit überragt werden. Ich habe besonders gerne Politik in der 6. Klasse unterrichtet (manchmal 2 Stück, weil die Kollegen nicht wollten). Dafür hätte ich Vergnügungssteuer bezahlt...


    Alle diese in Punkt 4 besprochenen Kalamitäten sind eine unversiegbare Quelle der Darstellung von Kabarettisten. Die Lehrer lachen da immer mit, denn so war es tatsächlich. Ich empfehle hier die bei YT erhältlichen Filme der Kabarettisten Volker Pispers (Lehrer Sozialkunde). Dessen Texte habe ich oft in der Oberstufe eingesetzt, natürlich als Audio. Meine Abiturienten in meinem Fach haben mir dann zum Abschied eine Eintrittskarte zu einem Pispers-Abend in Oberhausen geschenkt. Da war ich doch sehr begeistert. Auch Dieter Nuhr kennt sich als ehemaliger Pauker gut aus.

    Besonders amüsant finde ich "Herr Schröder" (Selbstbezeichnung "Korrekturensohn"); der war lange Lehrer und wenn der erzählt, komme ich aus dem Lachen nicht mehr heraus.

    Rechtschreibfehler werden über Nacht in den Duden gelegt (?)

  • Und der absolute Höhepunkt ist die neue EU-Verordnung zum Handel mit verarbeitetem Elfenbein: Als wir im letzten Jahr ein paar ausgemusterte Flügel versteigern wollten, mussten wir nach der Besichtigung durch die Bieter die alten Elfenbein-Tastaturbeläge (die seit 1989 zu recht verboten sind aber eben vorher vollkommen legal waren) entfernen lassen und wegwerfen. Und selbst dieses Verfahren war erst nach einer Sondergenehmigung durch die Bezirksregierung zulässig. Andernfalls hätten wir die kompletten Flügel (mehrere Steinways) auf den Müll werfen müssen.

    Beim Umgang mit unserer behördlichen Verwaltung fällt mir häufig ein Hang zum Übergründlichen auf, der im Ansatz gut Gemeintes schnell zur Karikatur werden lässt. (Ich produziere an keiner Stelle in einem solchen Übermaß Papierberge, wie bei der Dokumentation unserer zukunftsweisenden Forschungsprojekte ;)) Da scheint mir im Endeffekt eine unanfechtbare Aktenlage wichtiger zu sein, als das eigentlich Gewollte sinnvoll zu regeln.


    Der Vorteil für den Sachbearbeiter ist, dass er am Ende für nichts Verantwortung trägt, weil er nur die Vorschriften erfüllt hat. .... Ein etwas unseliges Verhalten.

  • Das deutsche Bewirtungsrecht dürfte in Polen vermutlich nicht gelten.

    Das war auch eine private Uni (in Allenstein, polnisch Olztyn). :D Und in Polen damals konnte man fürstlich tafeln, ohne dass es übermäßig viel gekostet hätte.

    Vor allem ändert sich da ja auch ständig was. Mittlerweile geben sich auch Verbände und Unternehmen Compliance Regeln, die vorsehen, bis zu welchem Betrag man sich einladen lassen darf, Beträge für Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke etc. Das lässt sich in aller Regel geschmeidig handhaben, aber wenn man dann mal unter Beschuss gerät...

    Das ist ein Weg in die richtige Richtung, lieber Thomas. Wenn sich die Kultur insgesamt ändert, nur so geht es letztlich. Ich erinnere mich an die jährliche Grillparty in den 1970iger Jahren bei einer Kollegin meines Vaters. Ihr Mann war ein hoher Manager bei Mannesmann - hatte 20000 Leute unter sich. Er lebte aber total bescheiden und bodenständig (ein Schwabe seiner Herkunft nach) in einem ordinären Reihenhaus. Das war hoch spannend, denn da waren die Ingenieure und Pipelinebauer, die wirklich abenteuerliche Geschichten von den Baustellen bei den Saudis und bei Gaddafi usw. erzählten. Besagter Manager mit Doktortitel erzählte gerne, dass er diese ständigen dekadent kostspieligen "Arbeitsessen" mit Hummer und Kaviar leid war und sich bei solchen Gelegenheiten nur Kartoffelsalat mit Würstchen nahm. :D

    1. Bis irgendwann Anfang der 2000er die Regelung von einem Gericht für rechtswidrig erklärt wurde, war es Usus, dass die Lehrer eine Klassenfahrt nicht als Dienstreise anerkannt bekamen, was bedeutete, dass Reisekosten, Unterkunft und Verpflegung vom Lehrer selbst zu zahlen waren. Trennungsgeld gab es natürlich auch nicht. Jeder, der mal eine solche Fahrt als Lehrer mitgemacht hat, egal welche Stufe, hatte praktisch 24 Stunden Dienst. Wenn er Pech hatte, war noch ein anderer Kollege im Zimmer. Dann natürlich der Stress durch nicht aufhörenden Lärm.

    Stimmt, lieber Dr. Pingel. Das war mir jetzt gar nicht so bewusst. Aber wir Schüler haben die Reise auch selber bezahlt und fanden es normal, dass die Lehrer das auch taten. Darüber haben wir nicht weiter nachgedacht. Von heute aus gesehen war das eine Unverschämtheit. Aber das, was man in Erinnerung behält und worüber man auch nach 40 Jahren bei Klassentreffen redet, sind diese Klassenfahrten. Jetzt ist Corona ja eine normale Virusinfektion und wir müssten mal mit unserem Jahrgang die alten Dias und Filme wieder zeigen. Ich werde demnächst meinen alten Schulfreund anschreiben, ob wir sowas im Sommer nicht planen können. Getroffen haben wir uns zuletzt vor Corona 2018. :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Beim Umgang mit unserer behördlichen Verwaltung fällt mir häufig ein Hang zum Übergründlichen auf, der im Ansatz gut Gemeintes schnell zur Karikatur werden lässt.

    Mich stört vor allem dieses Grundmisstrauen, das sich in solchen kleinlichen Vorschriften äußert. Ich würde wie gesagt bei einer Dienstreise ohnehin ganz sicher nicht im Adlon oder im Atlantic buchen, mit dem Privatchauffeur fahren oder in einer Kommission den Mittagsimbiss im Sternerestaurant bestellen. Man könnte ja meinetwegen ganz allgemein einen Passus über den angemessen sparsamen Umgang mit den Mitteln formulieren, aber diese kleinlichen Listen mit Hotel-Höchstpreisen und kalter Küche statt warmer Suppe finde ich einfach unwürdig. Und beim Vergaberecht sehe ich zwar ein, dass man vergleichsweise strenge Regeln braucht, aber die Betreuung von Musikinstrumenten ist nun mal eine Sache, bei der billig ganz schnell teuer werden kann. Ich habe die Verwaltungsmitarbeiter schon mal gefragt, ob sie auch ihren Zahnarzt nach jeweils tagesaktuellen Sonderangeboten aussuchen. Teuer können übrigens auch die gut gemeinten Maßnahmen zur Energieeinsparung werden: Flügel, die ständigen Temperatur- und Luftfeuchteschwankungen ausgesetzt werden, müssen nicht nur wesentlich häufiger gestimmt werden sondern können im schlimmsten Fall Schäden an den Hammerstielen und Resonanzböden bekommen. Ich ahne schon, welche unschönen Diskussionen demnächst auf mich zukommen, wenn externe Fachleute uns in Bezug auf das Ziel der "Klimaneutralität" beraten...

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

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  • Mich stört vor allem dieses Grundmisstrauen, das sich in solchen kleinlichen Vorschriften äußert. I

    Dieses Misstrauen ist in der Tat offenkundig.


    Teuer können übrigens auch die gut gemeinten Maßnahmen zur Energieeinsparung werden: Flügel, die ständigen Temperatur- und Luftfeuchteschwankungen ausgesetzt werden, müssen nicht nur wesentlich häufiger gestimmt werden sondern können im schlimmsten Fall Schäden an den Hammerstielen und Resonanzböden bekommen.


    Je elaborierter die Kasuistik des Regelwerkes wird, um so deutlicher wird auch die Inkompetenz der Verwaltung in den entsprechenden Sachfragen. Natürlich wäre es sinnvoll, die Kompetenz an den Stellen zu nutzen, wo sie vorhanden ist. Das bedingt dann eben aber auch Vertrauen.


    Dagegen sprechen eben nur noch die Parkinsonschen Gesetze ... :)


    Als motivierende Tendenz gibt Parkinson zwei weitere Lehrsätze an, die in vielen Büros der Welt Gültigkeit haben:

    1. Jeder Angestellte wünscht, die Zahl seiner Untergebenen, nicht jedoch die Zahl seiner Rivalen zu vergrößern.
    2. Angestellte schaffen sich gegenseitig Arbeit.
  • @ Dr. Pingel,


    Danke das ist mir aus der Seele gesprochen, ich war ja auch Lehrer. Und wenn mir heute ehemalige Schüler über den Weg laufen grüßen sie immer sehr freundlich, auch Eltern. So ist das in einer Kleinstadt - und es tut gut.


    Kalli


  • Die Gier der RBB-Elite wird nur noch von ihrer Verachtung für die Beitragszahler übertroffen.

    Hoffentlich lesen das diejenigen hier im Forum, die das alles normal finden! X(


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

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