Elisabeth Schwarzkopf - Eine Jahrhundertstimme

  • Heute ist die 99. Wiederkehr des Geburtstages von Elisabeth Schwarzkopf,
    einer der größten Sopranistinnen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts,


    die am 9. Dezember 1915 in Jarotschin in der Provinz Posen zur Welt kam und am 3. August 2006 in Schruns in Österreich starb.



    Liebe Grüße


    Willi

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Sie ist und bleibt meine heimliche Liebe.
    Ich erlebte sie noch um 1990 in Leipzig in einem Seminar und verstehe jeden, der ihre Art Pädagogik ablehnt.
    Eine gewisse Simone K. wurde von ihr des Raumes verwiesen: "Du sollst nicht mit dem Arsch wackeln, Du sollst singen", woraufhin Frau K. sie fürderhin nur noch "Frau Schwachkopf" nannte.
    K. sieht heute ihre Fehler.


    Studioaufnahmen mit ihr können sehr maniriert wirken, Mitschnitte sind es oft nicht.
    Im damaligen Seminar wurde sie befragt, wer der "größte" Dirigent für sie sei und sie nannte keine Namen bei denen, die "durchfielen", stattdessen erzählte sie, dass allein George Szell wusste, wie eine Stimme funktioniert und nur er sie wirklich begleitet habe.


    Der Mitschnitt mit beiden der "Vier Letzten Lieder" mit dem Cleveland Orchestra hat genau das: gemeinsames Atmen, gemeinsame Intelligenz.
    Beide, Szell und Schwarzkopf, haben etwas von Mr. Spock: die Logik eröffnet die Emotion dahinter.
    Faszinierend.
    Und Kirk schweigt lange bis er Worte findet: "...die menschlichste Seele von allen, die ich kenne".


    Vieles ist befremdend an ihren Mitteln, regt an zum Widerspruch.
    Wie sie aber damals, mit ihren 83 Lenzen den Saal bannte mit ein paar wenigen Noten Wolffs: "Auch kleine Dinge...." wird mir für immer unvergessen sein.


    Und ich werde sie niemals zusammen mit FiDi in einem Satz nennen - außer natürlich, es nicht zu tun.
    Er ist für mich ein intellektueller Sänger, sie eine intelligente Sängerin.
    Und wenn die Gegebenheiten stimmten, Raum und Begleitung, ist sie Maß aller Dinge.
    Für mich zumindest.


    Herzliche Grüße,
    Mike

  • Lieber Lutgra,
    Es gibt noch diese Aufnahme, die ich für die weitaus beste Aufnahme der Vier Letzten Lieder überhaupt halte,
    und weil die Stimme viel frischer ist und die Aufnahme mit viel weniger Hall bearbeitet wurde,
    und weil der Dirigent Otto Ackermann genau so gut ist wie Szell.


    Die CD ist letztlich auch noch spottbillig.


    :hello: Herbert

  • Die Worte von Mike gehen mir sehr nahe. Dank von Herzen.


    In der Tat gibt es - ich greife Dir hier mal vor, lieber Mike - einen Livemitschnitt der VIER LEZTEN LIEDER mit dem Cleveland Orchestra unter George Szell und Elisabeth Schwarzkopf. Dieses Konzert fand am 28. Juli 1968 im Blossom Music Center in Cleveland statt. Das Orchester klingt sehr dunkel, sehr spätromantisch. Es war ein Mozart/Strauss-Konzert, das es in sich hat. Neben den Liedern gab es noch Arien jeweils eine Arien aus dem drei Da-Ponte-Opern, die Jupitersinfonie und "Tod und Verklärung". In den einschlägigen Schwarzkopf-Diskographien wird der Mitschnitt seit Jahren als "unpublished radio broadcast" geführt. Das stimmt auch weiterhin, weil es nach meinem Wissen niemals eine CD davon gab. Ich kann mich jetzt nicht mehr daran erinnern, wie ich dazu kam. Die Bewertung von Mike ist sehr nachzuvollziehen.


    Insgesamt sind - die beiden Studioproduktionen eingeschlossen - mehr als zehn Aufnahmen der VIER LETZTEN LIEDER mit der Schwarzkopf überliefert. Zuletzt kam ein Mitschnitt aus Salzburg vom 11. August 1962 mit den Berliner Philharmonikern unter István Kertész hinzu, den ORFEO in der Festspielreihe veröffentlichte. Den finde ich nicht ganz so gelungen. Besonders packend ist übrigens ein von Sir John Barbirolli dirigiertes Konzert mit dem London Symphony Orchestra. Schwarzkopf und kein Ende. Nächstes Jahr wird ihr 100. Geburtstag begangen. Des 99. hat ja Willi soeben gedacht.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Lieber Rheingold,
    Du greifst keiner meiner Antworten vor.
    Wozu sollte ich noch etwas sagen, das doch schon gesagt/gesungen wurde?


    Du beschreibst den Mitschnitt von 68 mit Szell vortrefflich.
    Da ist gar nicht die "Analyse" des Werkes im Fordergrund, sondern das, was ich so hilflos in Worte zu bringen versuchte.


    Den Mitschnitt mit Barbirolli kenne ich auch.
    Und ja, Sir John eben, da fließt alles nochmal anders und ist schöner als bei Szell.
    Doch macht es ja gerade dieses tiefe Verständnis der beiden aus, Szell und Schwarzkopf, im Mitschnitt besonders in Korrelation zum Mozart, dass es so unfasssbar schöne und kluge Musik ist.
    Für mich rührt eine solche Interpretation an "letzte Dinge", die ich auszusprechen nicht bereit bin.


    Erinnert mich gerade selbst an Bruno Walters Abschiedskonzert in Wien. Da sang sie Mahlers Rückert-Lied: "Ich bin der Welt abhanden gekopmmen".
    Die "unendlichen Weiten"- verzeiht mir, dass ich bei "Star Trek" bleibe, hat sie wie keine andere je nach ihr begreiflich gemacht über ihre Stimme.
    Sinnlich über die Farben, die als maniristisch behandelt werden können, aber nicht müssen.


    Ich habe dazu nichts weiter zu sagen als ihr zu danken.


    Herzliche Grüße, Mike

  • Insgesamt sind - die beiden Studioproduktionen eingeschlossen - mehr als zehn Aufnahmen der VIER LETZTEN LIEDER mit der Schwarzkopf überliefert.

    Vielen Dank für die ausführlichen Infos. Meine Güte, was Ihr Melomanen da immer für Aufnahmen kennt und habt. Ich stelle mir gerade mal vor, wie das wäre, wenn jemand hier schreiben würde, ja vom Streichquartett op. 132 gibt es vom Alban Berg Quartett zehn Mitschnitte, davon habe ich acht und die aus dem Konzert in Köln, das ist die beste. :D

  • Lieber lutrga, ich bin kein Melomane und will auch keiner sein. Das behaupten garantiert alle Melomanen. Es ist mir egal. :) Ich liebe etliches an Musik und bin sehr frühzeitig - vornehmlich durch viel ältere Menschen, die etwas von Musik verstanden - dahin gehend gebrieft worden, ja auf die Interpreten zu achten. Wir haben uns damals durch ganze Sammlungen gehört. Da war auch Kammermusik dabei. Ich wollte also herausfinden, wer welches Stück so darbietet, dass es mir am meisten nahe geht. Da ich als ganz junges Ding am liebsten Opern hörte, bin ich bald auf Elisabeth Schwarzkopf gekommen. Sie wurde mein Maßstab. Dies hatte zwangläufig zur Folge, möglich alles zusammenzusuchen, was es von ihr gibt, es zu vergleichen, die ganz junge gegen die reife Sängerin abzuwägen, herauszufinden, was die Künstlerin Elisabeth Schwarzkopf bedeutet, was sie anders macht als andere, warum sie in bestimmten Rollen und Liedern so unschlagbar ist, wo ihre Schwächen und Defizite liegen. Das Material, wozu auch die Bücher, die filmischen Dokumentationen und selbst die Spielfilme aus dem Dritten Reich gehören, ist in seiner Fülle einmalig.


    In meiner Wohnung hängt ein Foto von ihr mit einer eigenhändigen, sehr hintersinnigen Bemerkung: "Doch umsonst ist meine Mühe". Es stammt aufs dem "Spanischen Liederbuch" von Hugo Wolf, das sie gemeinsam mit Dietrich Fischer-Dieskau aufgenommen hat. Ich denke oft darüber nach, wie sie es wohl verstanden wissen wollte, denn ich habe das Bild ja immer vor Augen. Darüber will ich mich jetzt nicht auslassen. Nur so viel: Das Zitat sag sehr viel über ihre Arbeitsweise aus, über ihren Hang zur Perfektion. Das geschieht nicht ohne Selbstironie, was ich sympathisch finde. :) Es verdeutlicht aber auch die Einsicht in Vergänglichkeit. Die Schwarzkopf hat in den späten Jahren bei den Meisterkursen junge Sänger zwar hart hergenommen. Aber sie hat sich immer für sie stark gemacht, weil sie in ihnen die Zukunft sah und hörte. Deshalb ist es so ungerecht, Sängern der Gegenwart anzulasten, dass sie nicht so singen wie die Altvorderen. Das wäre ganz bestimmt nicht in ihrem Sinn.


    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • ein Buchstabendreher.

    Kein Problem. Und vielen Dank, dass Du uns an Deiner Begeisterung für die große Künstlerin teilhaben lässt. Ich muß gestehen, dass ich gar nicht so viel von ihr kenne, natürlich einige der legendären Opernaufnahmen aus den 50ern (aber auch die nicht wirklich gut) und dann eben die vier letzten Lieder mit Szell. Ich habe auch die Akkermann-Aufnahme gehört, die Herbert Henn empfiehlt, mir gefällt die spätere aber besser. Vielleicht gerade weil die Stimme "reifer" klingt. Einer meiner liebsten Aufnahmen überhaupt.

  • In der von mir aufgeführten "Lustigen Witwe" glaubt man ihr die Hanna Glawari auf´s Wort:

    Im Gegensatz zur Annina in "Eine Nacht in Venedig":



    8-)

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Auf politische und kulturpolitische Diskussionen lasse ich mich hier nicht mehr ein. Kein Widerspruch meinerseits bedeutet dann also nicht, dass ich den getätigten Aussagen zustimme! (Das Regietheater-Forum habe ich überdies bei mir abgeschaltet.)

  • Ich hab´s - ich bekannte es ja schon in diesem Forum und bitte diesbezüglich um Nachsicht - nicht so sehr mit "Stimmen". Umso mehr sehe ich mich gedrängt, von einem Erlebnis zu berichten, das ich gerade gemacht habe.
    Ich sitze zurzeit an den "Italienischen Liedern" Hugo Wolfs. Heute war das Lied "Wir haben Beide lange Zeit geschwiegen" dran. Ich benutze als Grundlage eine Aufnahme, bei der Christiane Oelze die "Frauenlieder" singt. Das macht sie zweifellos sehr gut.
    Eben aber kam ich auf die Idee, mir dieses Lied in der Interpretation durch Elisabeth Schwarzkopf (und Gerald Moore als Begleiter) anzuhören (die ich leider nur auf Lp besitze und deshalb bei der "Arbeit" nicht benutzen kann). Das nun folgende Wort ist keine Übertreibung:
    Ich erlebte eine musikalische Offenbarung.


    Die kompositorische Genialität, mit der die Sprachlosigkeit zwischen den Liebenden hier in den Anfangspassagen des Liedes von Hugo Wolf in Musik gesetzt wurde, ist mir zum ersten Mal so richtig zu Ohren gekommen und ins Bewusstsein getreten. Man muss hören, wie Elisabeth Schwarzkopf den Sekundanstieg der melodischen Linie nach schier endloser Deklamation auf nur einem Ton stimmlich gestaltet. Dann hat man die Erfahrung nicht so sehr einer "Jahrhundert-Stimme", sondern vielmehr einer sängerischen Jahrhundert-Interpretin von Liedkomposition gemacht.

  • Obwohl ich Elisabeth Schwarzkopf in Opern-Partien wie z. Bsp. der Marschallin in "Der Rosenkavalier" liebe, überzeugt sie mich (wie schon oben geschrieben), als junge Sängerin auch in Operetten-Partien. Heute hörte ich sie in einem Querschnitt aus "Paganini" auf einer Schellackplatte als Fürstin Maria Anna Elisa mit Temperament. Ihr Partner war Rupert Glawitsch.


  • Ich hab´s - ich bekannte es ja schon in diesem Forum und bitte diesbezüglich um Nachsicht - nicht so sehr mit "Stimmen". Umso mehr sehe ich mich gedrängt, von einem Erlebnis zu berichten, das ich gerade gemacht habe.
    Ich sitze zurzeit an den "Italienischen Liedern" Hugo Wolfs. Heute war das Lied "Wir haben Beide lange Zeit geschwiegen" dran. Ich benutze als Grundlage eine Aufnahme, bei der Christiane Oelze die "Frauenlieder" singt. Das macht sie zweifellos sehr gut.
    Eben aber kam ich auf die Idee, mir dieses Lied in der Interpretation durch Elisabeth Schwarzkopf (und Gerald Moore als Begleiter) anzuhören (die ich leider nur auf Lp besitze und deshalb bei der "Arbeit" nicht benutzen kann). Das nun folgende Wort ist keine Übertreibung:
    Ich erlebte eine musikalische Offenbarung.


    Die kompositorische Genialität, mit der die Sprachlosigkeit zwischen den Liebenden hier in den Anfangspassagen des Liedes von Hugo Wolf in Musik gesetzt wurde, ist mir zum ersten Mal so richtig zu Ohren gekommen und ins Bewusstsein getreten. Man muss hören, wie Elisabeth Schwarzkopf den Sekundanstieg der melodischen Linie nach schier endloser Deklamation auf nur einem Ton stimmlich gestaltet. Dann hat man die Erfahrung nicht so sehr einer "Jahrhundert-Stimme", sondern vielmehr einer sängerischen Jahrhundert-Interpretin von Liedkomposition gemacht.



    Lieber Helmut, ganz sprachlos bin ich, diesen Beitrag aus Deiner Feder zu lesen, wo Du es doch nach eigenem Bekunden "nicht so sehr mit Stimmen" hast. Längst hätte ich dazu etwas äußern sollen. Du hast ein Lied heraus gestellt, dass ich in der Interpretation durch Elisabeth Schwarzkopf genau so bedeutsam finde wie Du:


    Wir haben beide lange Zeit geschwiegen,
    Auf einmal kam uns nun die Sprache wieder.
    Die Engel, die herab vom Himmel fliegen,
    Sie brachten nach dem Krieg den Frieden wieder.
    Die Engel Gottes sind herabgeflogen,
    Mit ihnen ist der Frieden eingezogen.
    Die Liebesengel kamen über Nacht
    Und haben Frieden meiner Brust gebracht.


    Es handelt sich um die Nummer 19 des "Italienischen Liederbuchs" von Hugo Wolf nach Gedichten von Paul Heyse. Die Einspielung des ganzen Albums selbst entstand zwischen 1965 und 1967 in Berlin und wurde von Walter Legge produziert. Partner der Schwarzkopf ist Dietrich Fischer-Dieskau. Sie werden begleitet von Gerald Moore.


    Diesen Anstieg der melodischen Linie finde ich auch genial gelöst. Genau so sehr berührt es mich, wie sie das zweifach verwendete Adverb "wieder" gebraucht, um diese melodische Linie zu entwickeln. Beim ersten Mal legt sie vor dem Wort eine hörbare Pause ein, wie eine Unterbrechung, als ob sie staunt, es nicht fassen kann, dass die Sprachlosigkeit tatsächlich überwunden sein soll. Ein Zögern, Innehalten - als ob ein ganz leichtes Misstrauen mitschwingt. Es löst sich im zweiten "wieder" musikalisch so erlösend auf, dass ich immer ganz erschüttert bin. Ein Adverb! Musikalisch so tief ausgeschöpft! Ich habe das so bei keiner anderen Sängerin je gehört. Obwohl es viele schöne andere Aufnahmen gibt. Die Schwarzkopf hat es nicht nur in diesem Studio-Zyklus gesungen. Es gibt nach bisherigem Stand der Dinge mindestens fünf Versionen, auch live. Keine finde ich so gelungen wie die Berliner Produktion. Man hat der Sängerin oft Manierismus vorgeworfen, was ich nie verstanden habe. Für mich ist diese Kritik ehr ein Zeichen dafür, dass ihr höchst individueller Interpretationsstil nicht richtig verstanden wird.


    Insgesamt verschiedene 116 Lieder von Wolf sind mit Elisabeth Schwarzkopf überliefert. Die meisten davon liegen in unterschiedlichen Aufnahmen bzw. Mitschnitten vor. "Die Zigeunerin" auf einen Text von Eichendorff gibt es fünfzehn Mal. Sie hat fast, wenn nicht alle Liederabende mit einer Gruppe Wolf-Lieder bestritten, meist am Schluss. Oft bestand das gesamte Programm daraus. Sie hat bewiesen, dass das kein Wagnis war. Mit dieser starken Hinwendung zu Wolf, die es sonst nicht gibt, folgte sie ihrem Meister und Ehemann Walter Legge, der sich schon in den 1930er Jahren wie kein anderer vor und nach ihm für Wolf eingesetzt hat. Nach meiner festen Überzeugung hätte Wolf ohne Legge nicht diesen Stellenwert wie heute. Zwischen 1931 und 1938 produzierte er Schelllackplatten mit 148 Liedern im Rahmen der THE HUGO WOLF SOCIETY. Die lange Liste der Mitwirkenden ist Legende. "Wir haben beide lange Zeit geschwiegen" ist auch dabei. Es wird von Alexander Kipnis gesungen und klingt in heutigen Ohren etwas ungewohnt. Man muss sich - wie auf die ganze Sammlung - einlassen können. Sie verdeutlicht auch die Entwicklung des Interpretationsstils ganz allgemein. Bezogen auf Hugo Wolf werden noch stärkere Unterschiede zu heute deutlich. In der Schwarzkopf hatte Legge schließlich sein Medium gefunden. Sie folgte seinen Vorstellungen und ließ sich künstlerisch mit allen Konsequenzen darauf ein. Dem Vernehmen nach sollen die Proben unerbittlich gewesen sein.


    Bei der Liedsängerin Elisabeth Schwarzkopf würde ich von drei Bereichen bzw. Phasen ihres Schaffens sprechen. Die Zeit vor Legge, und die Zeit mit Legge, die sich ihrerseits aufspaltet in die Studiosängerin und in die Livesängerin. Im Studio wurde in härtester Arbeit das Ideal versucht und nach meinem Eindruck auch meistens gefunden. Im Konzert mit allen seinen Unwägbarkeiten lässt sich das so gar nicht bewerkstelligen. Deshalb gibt es oft erhebliche Unterschiede. Da ist manches auch weniger gelungen, setzt man die Studioeinspielung als strengen Vergleich dagegen. Eines meiner Lieblingslieder von Wolf mit der Schwarzkopf ist "Mignon" (Kennst du das Land) nach Goethe. Oder sollte ich doch lieber "Ganymed" nennen mit diesem schier unfassbaren musikalischen Aufstieg "Hinauf strebt's..."? Ich bleibe jetzt mal bei "Mignon", auch deshalb, weil dieses Lied eine eindrückliche Studie ist, wie man mit dem Wort des Dichters umgehen kann, wie die Worte plötzlich zu klingen beginnen. Sollte dereinst niemand mehr wissen, was ein Saal ist oder ein Gemach, was es denn wohl damit auf sich hat, dass etwas glänzt und schimmert, bei Elisabeth Schwarzkopf werden wir es hörend erfahren:


    Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
    Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn,
    Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
    Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
    Kennst du es wohl?
    Dahin! Dahin
    Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.

    Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach,
    Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
    Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
    Was hat man dir, du armes Kind, getan?
    Kennst du es wohl?
    Dahin! Dahin
    Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn.

    Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
    Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg,
    In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut;
    Es stürzt der Fels und über ihn die Flut.
    Kennst du ihn wohl?
    Dahin! Dahin
    Geht unser Weg! O Vater, laß uns ziehn!

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Ein schönes, das Wesen der Liedsängerin Elisabeth Schwarzkopf erhellendes Kurzporträt hast Du uns da zu lesen gegeben, lieber Rheingold. Hab Dank dafür! Du zeigst anhand von Beispielen, die kurz beleuchtet werden, worin ihre Größe als Liedinterpretin letzten Endes gründet. Sie sind in der Tat sehr treffend. Gerade am „Italienischen Liederbuch“ Wolfs kann man die Stärken von Elisabeth Schwarzkopf auf beeindruckende Weise erfahren und erleben. Sie vermag all den seelischen Reichtum und die Fülle an verschiedenen Haltungen, die die Frau – so wie Wolf sie musikalisch-melodisch gestaltet hat – in diesem Zyklus dem Mann gegenüber zeigt, stimmlich zu realisieren. Ein wahrlich beglückendes Hörerlebnis!


    Meiner Besprechung des Eichendorff-Liedes „Die Zigeunerin“ lag übrigens die Interpretation durch Elisabeth Schwarzkopf zugrunde. Ich schrieb am Ende:
    Wolf hat dieser lyrischen Figur der „Zigeunerin“ durchaus mehr personale Gestalt und charakterliche Konkretion verliehen, als sie im lyrischen Text Eichendorffs vorzuweisen vermag.
    Und genau das kann man hier hören, - so wie sonst nirgends.


    Was meine Bemerkung „Ich hab´s nicht so sehr mit Stimmen“ anbelangt: Ich meine damit, dass mich nicht so sehr die sinnliche Seite einer Stimme anspricht, als vielmehr ihre intelligente.
    Gerade habe ich zufällig eine Interpretation der „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss durch Anna Netrebko (am Pult Daniel Barenboim) gehört.
    Da wurde mir wieder einmal bewusst, was wir an Elisabeth Schwarzkopf hatten – und an dem, was sie uns hinterlassen hat, noch haben.

  • Diesen Thread begann Alfred 2006 mit der etwas rätselhaften Frage nach einem Geburtstag - Elisabeth Schwarzkopf betreffend. Nun steht wieder ein derartiges Ereignis an, nämlich der 100. Geburtstag am 9. Dezember 2015. Es ist eine Gnade, dass die Sängerin nicht erleben muss, wie ihr Label EMI von Warner übernommen und faktisch ausgelöscht wurde. Darüber haben wir an anderer Stelle ausgiebig diskutiert. Es ist wie es ist. Jedenfalls wollen sich die Label-Nachfolger nicht lumpen lassen und haben diese Edition für den 13. November angekündigt:



    Es handelt sich um eine vollständige Neuausgabe aller zwischen 1952 und 1974 einzeln produzierten Langspielplatten. Alle Cover sind dem Original der Erstausgabe nach empfangen - mit eben einem gravierenden Unterschied: Oben rechts steht nur Warner Classics! Endlich kommen auch Titel wieder auf den Markt, die lange nicht zugänglich waren wie die "Romanatic Heroines". Mit dabei sind auch die vier so genannten "Song Books" in der ursprünglichen Zusammenstellung. Alle Lieder sind zwar einzelnen in den verschiedensten Sammlungen und Kompilationen auf CD übernommen worden, allerdings nicht in der von Schwarzkopf und dem Produzenten und Ehemann Walter Legge beabsichtigten inhaltlichen Bezüglichkeit. Den Anschluss der neuen Edition bildet ein Doppelalbum mit dem Londoner Dankeskonzert für den Pianisten Gerald Moore, ohne den weder die Schwarzkopf noch etliche andere Liedsänger vorstellbar sind. Aus dieser anrührenden Veranstaltung waren lediglich einzelne Liedgruppen auf CD gelangt, nicht aber die verbindenden Worte, die Zugaben - und damit die Atmosphäre eines ganz einzigartigen Konzertes. Zum Glück war das fürstlich aufgemachte Plattenalbum mit dem originalen Programmheft immer noch mal antiquarisch zu haben.


    Die Sammlung verdeutlich auf sehr schöne Weise die künstlerische Entschlossenheit, die Schallplatte als eine Medium der Kunst- und Musikvermittlung zu etablieren - mit eigenen ästhetischen Grundsätzen und Regeln. Es sollte nichts dem Zufall überlassen werden. Nicht immer ist das nach meinem Eindruck gelungen. Insgesamt haben wir mit dieser Zusammenstellung aber in Vollendung vor uns, was Schwarzkopf und Legge vorschwebte.


    Grüße von Rheingold

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Lieber Rheingold,


    ein schöner Hinweis für eine sicher lohnende Box. Du weisst ja, dass ich mich mit ES in einer "hörenden Auseinandersetzung" befinde - gerade deshalb vielleicht lohnenswert für mich.


    Und hier noch ein weiterer Beweis für die Pflege ihres Erbes:



    (erscheint am 30. Oktober 2015)


    Herzliche Grüße


    Christian

  • Dank euch Beiden, Rheingold und hasiewicz, für diese Hinweise!
    Zwei Sänger haben mir wie keine anderen sonst das Wesen des Liedes erschlossen: Dietrich Fischer-Dieskau und Elisabeth Schwarzkopf.
    Und deshalb werde ich bei diesen beiden zu dem, was mir eigentlich ganz fremd ist: Zu einem Tonträger-Sammler.

  • Das lese ich aber gern, lieber Helmut. Dietrich Fischer-Dieskau und Elisabeth Schwarzkopf, die nach meinem Eindruck künstlerisch wunderbar harmonierten, zwingen einen dazu, ihre Tonträger nicht nur sporadisch anzuschaffen sondern zu sammeln. Das ist ein Teil ihrer Wirkung, die über beider Tod hinaus geht. Sie haben dieses ganz einmalige künstlerischen Leben auf Tonträgern geführt und auch oft gemeinsam dokumentiert, das sich unterscheidet von dem, was sie in Konzertsälen geleistet und vollbracht haben. Für mich ist das eines der spannendsten Kapitel der Musikgeschichte. Dazu gehört auch, dass beide Sänger nicht all das, was sie für die Platte eingespielt haben auch live im Repertoire hatten. Fischer-Dieskau zum Beispiel spielte außerordentlich viele Lieder und Balladen von Carl Loewe ein, hat sie meines Wissens aber niemals im Konzert gesungen. Ein so drastisches Beispiel findet sich bei der Schwarzkopf zwar nicht, dafür aber eine ganze Menge Lieder - nicht zu reden von Opernpartien - die sie bei Auftritten ausgeklammert hat.


    Und Dir, lieber Christian, danke ich für den ergänzenden Hinweis auf die LP, die das Geburtstagsangebot von Warner ergänzt. Ein wichtiger Hinweis, wie ich glaube. Ich wundere mich nur, warum in diesem Fall auf das originale Cover verzichtet wird. So wichtig ist das zwar auch wieder nicht. Aber das Auge hört ja mit. Für mich ist dieses Cover immer eines der schönsten gewesen, das ich kennen. Von ihm geht eine magische Wirkung aus. Die äußere Erscheinung der Künstlerin, das Licht, in das sie getaucht ist und selbst das Kleid sind vollendet abgestimmt auf das, was sie singt. Leider ist die Kopie, die jetzt folgt, nicht optimal. Das Original ist viel, viel schöner.



    Solche Wirkungen sind mit CDs natürlich nicht mehr zu erzielen. Wir wissen das und habe es notgedrungen akzeptiert. Die legendäre Coverkunst ist nicht mehr. Mit der Übertragung der originalen Aufmachungen auf das viel kleinere CD-Format wird nur ein kleiner Teil der ursprünglichen Wirkung erzielt. Das ist ein bisschen wie Caspar David Friedrich auf Briefmarken. Insofern sehe ich bei der von Dir eingestellten Platte vor allem ästhetische Möglichkeiten verschenkt, so schön dieses Foto auch ist, das allerdings deutlich vor der Plattenproduktion entstand. Eine so kluge wie diskrete Absicht der Gestalter der Originale bestand ja darin, die Künstlerin mit den Aufnahmen auch äußerlich altern zu lassen. Die Schallplatte als Gesamtkunstwerk!


    Euch einen sehr schönen Abend wünscht Rheingold (Rüdiger)

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Heute ist ein runder Geburtstag Elisabeth Schwarzkopfs, die am 9. Dezember 1915 in Jarotschin in der Provinz Posen geboren wurde.


    Sie galt als eine der führenden Sopranistinnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die besonders für ihre Interpretationen von Mozart- und Strauss-Opern bekannt war.



    Zu ihrem heutigen Ehrentage habe ich eine meiner Lieblingsaufnahmen als Strausssängerin herausgesucht:


    Heute ist ihr 100. Geburtstag.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Hallo!


    Ihr Geburtstag hatte die schöne Folge, dass SWR 2 heute Morgen während meiner Fahrt zur Arbeit "Morgen" von Richard Strauss in der Orchesterfassung sendete. Schöner kann der Tag kaum beginnen.


    Gruß WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Wohl wahr, lieber Wolfgang,


    und schöner, als ich eben den Tag beendet habe mit dem Anhören und Ansehen der 7. Symphonie Mahlers, die im zweiten und vierten Satz die beiden unendlich schönen "Nachtstücke" beinhaltet, kann ein Tag kaum enden. Übrigens war Elisabeth Schwarzkopf auch eine exzellente Mahler-Sängerin, wie diese Aufnahme z. B. beweist:



    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • In der umfangreichen Diskographie von Elisabeth Schwarzkopf, deren 100. Geburstag am 9. Dezember 2015 begangen wurde, gibt es einige Besonderheiten, die mich immer berührt haben. Sie sind nicht zufällig und erklären sich vor allem aus der Tatsache, dass sie mit den mächtigen EMI-Produzenten Walter Legge liiert war. Dies düfte mehr eine Arbeitsgemeinschaft, denn eine traditionelle Ehe gewesen sein. Die erste Aufnahme unter Legges Leitung mit der jungen Schwarzkopf war die Gesamtaufnahme der ZAUBERFLÖTE mit Thomas Beecham am Pult. Sie entstand 1937 und 1938 in der alten Philharmonie in Berlin, die im Krieg zerstört wurde. Die Schwarzkopf singt im Chor. Sie war Mitglied der Favres Solisten Vereinigung, ein aus Solisten bestehendes Ensemble, wie es später in der DDR Helmut Koch beim Berliner Rundfunk als Solistenvereinigung weiterführte. Der Chor in dieser Produktion ist also kein gewöhnlicher Opernchor. Wer genau hinhört und mit der Stimme der Schwarzkopf vertraut ist, wird sie heraushören. Deshalb wird diese "Zauberflöte" auch in der Diskographie der Sängerin als frühestes Dokument gelistet. Natürlich gibt es noch mehr Aufnahmen aus dieser Zeit, darunter Verdis konzertante Rundfunk-"Alzira", bei der sie im allerletzten Moment für die Hauptrolle einsprang, eben weil sie dieser gut aufgestellten Chorvereinigung angehörte. Sie konnte ihr völlig unbekannte Stücke exakt vom Blatt singen. Das ist ein anderes Theme. Hier soll es um die offiziellen Studiodokumente gehen.


    1951 nahm der Bassist Ludwig Weber in London mit dem Philharmonia Orchestra unter Wilhelm Schüchter Markes Klage aus TRISTAN UND ISOLDE sowie die Szene "Tod denn alles" aus dem dritten Aufzug auf. Dabei trat die Schwarzkopf als Brängane in Erscheinung. Dieses Dikumente ist auf dieser CD von Testament, die dem Sänger gewidmet ist, enthalten:


    Szenen aus BORIS GODUNOW entstanden bereits 1950 in London. Das Philharmonia Orchestra wird dabei von Issay Dobrowen geleitet. Legge hatte sich dafür den jungen Boris Christoff geholt, der am Beginn seiner Weltkarriere stand. Für mich gehören diese Aufnahmen zum Besten, was Christoff hinterlasen hat, so dicht und authetisch wirken sie. In der Todesszene leiht Elisabeth Schwarzkopf dem herbeigerufenen Zarewitsch Fjodor ihre Stimme. In den Veröffentlichungen, die ich kenne, wird die Schwarzkopf aber nicht erwähnt.


    Im ROSENKAVALIER der EMI, der in getrennten Sitzungen sowohl in Mono als auch in Stereo aufgenommen wurde, ist die Schwarzkopf nicht nur die Marschallin sondern gibt auch eine der drei Adeligen Waisen. EMI, jetzt Warner, hatte vornehmlich in Stereo-Einspielung im Katalog, 1996 wurde wahlweise die originale Mono-Fassung nachgeschoben (rechtes Cover).


    Ein großes Geheinnis gab es um die hohen Töne, die Elisabeth Schwarzkopf ihrer Kollegin Kirsten Flagstad bei der Studiuoproduktion von TRISTAN UND ISOLDE in zweiten Aufzug lieh. Als das publik wurde, war die Flagstad sehr verärgert und wollte eigentlich gar keine Platten mehr einspielen. Es sollte - zum Glück - anders kommen. Dem Mythos der Aufnahme mit Wilhelm Furtwängler am Pult konnte der kleine Trick nie etwas anhaben.


    Nicht eindeutig geklärt ist, an welcher Stelle oder an welchen Stellen sich die Schwarzopf als Einspringerin für Spitzentöne im FALSTAFF betätigt. Walter Legge äußerte, dass man das "nie" heraufinden würde. Ich tippe mal darauf, dass Anna Moffo, die die Nannetta singt, beigestanden werden musste. Die Schwarzkopf selbst ist als Alice besetzt.


    Zum Schluss soll noch das wohl seltsamste Dokument in der Schwarzkopf-Diskographie genannt werden. Sie spricht im FIDELIO für die Marzelline von Ingeborg Hallstein den Dialog. In den Angaben zu der Produktion ist diese Tatsache nicht dokumentiert.


    Für alle diese Beispiele gilt nach meiner festen Überzeugung, dass sie Ausdruck der einzigartigen Professionaliät dieser Sängerin sind. Mir sind keine anderen Fälle dieser Art bekannt.


    Gruß Rheingold

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

    Einmal editiert, zuletzt von Rheingold1876 ()

  • Szenen aus BORIS GODUNOW entstanden bereits 1950 in London. Das Philharmonia Orchestra wird dabei von Issay Dobrowen geleitet. Legge hatte sich dafür den jungen Boris Christoff geholt, der am Beginn seiner Weltkarriere stand. Für mich gehören diese Augnahmen zuj Besten, was Christoff hinterlasen hat, so dicht und authetisch wirken sie.

    Das sehe ich ganz genauso!



    Ein großes Geheinnis gab es im die hohen Töne, die Elisabeth Schwarzkopf ihrer Kollegin Kirsten Flagstad bei der Studiuoproduktion von TRISTAN UND ISOLDE in zweiten Aufzug lieh. Als das publik wurde, war die Flagstad sehr verärgert und wollte eigentlich gar keine Platten mehr einspielen. Es sollte - zum Glück - anders kommen. Dem Mythos der Aufnahme mit Wilhelm Furtwängler am Pult konnte der kleine Trick nie etwas anhaben.

    Tut mir Leid, aber ich höre das nicht und glaube das deshalb auch nicht, sondern halte das für eine Legende. Die Schwarzkopf hatte doch vom Volumen und Timbre her eine völlig andere Stimme als die Flagstad - und ich bilde mir ein, dass man deshalb einen Bruch hören müsste bzw. die hohen C's dann eben nach Schwarzkopf und nicht nach Flagstad klingen müssten, ich höre da aber keine Schwarzkopf, die ja nun wirklich eine unverwechselbare Stimme hatte, um es mal ganz wertfrei zu formulieren. Ich halte das Ganze daher für eine von Herrn Legge bewusst gestreute Ente, um die Aufnahme besonders interessant zum zum Gesprächsthema zu machen. Und sollte es - entgegen der Überzeugung meiner Ohren - doch stimmen, muss es technisch so geschickt bearbeitet, um nicht zu sagen verfälscht worden sein, dass dann von der Stimme der Schwarzkopf außer der Tonhöhe selbst auch so gut wie nichts übrig bleibt: kein Schwarzkopf-Klang, kein (im Vergleich zu Frau Flagstad) begrenztes Schwarzkopf-Volumen, kein typisches Schwarzkopf-Vibrato.


    Die bleibenden Leistungen von Frau Schwarzkopf bei den Opernaufnamen liegen für mich vor allem im Bereich originalsprachlicher Mozart (ich meine damit vor allem Comtessa und Fiordiligi, aber auch Donna Elvira) und Strauss (v.a. Marschallin und Gräfin Madeleine). Die "Rettung" der Flagstad bei den Spitzentönen der Isolde wäre, selbst wenn sie entgegen der Überzeugung meiner Ohren denn wirklich so stattgefunden haben sollte, wie es die Legende erzählt, ist dagegen in jedem Fall eine Marginalie ("Abseiten" trifft es ganz gut, wobei mir unter diesem Begriff auch ein paar Operetten-Einspielungen einfielen...).


    Ich habe es jetzt gerade nochmal mit Kopfhörer bei Youtube nachgehört (ab ca. 01:43) und bleibe dabei. Auch dass die Spitzentöne nur so relativ kurz gehalten werden, spricht für mich eher dagegen als dafür, dass hier nachgebessert wurde:


    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Auf politische und kulturpolitische Diskussionen lasse ich mich hier nicht mehr ein. Kein Widerspruch meinerseits bedeutet dann also nicht, dass ich den getätigten Aussagen zustimme! (Das Regietheater-Forum habe ich überdies bei mir abgeschaltet.)

  • In der umfangreichen Diskographie von Elisabeth Schwarzkopf, deren 100. Geburstag am 9. Dezember 2015 begangen wurde, gibt es einige Besonderheiten, die mich immer berührt haben. Sie sind nicht zufällig und erklären sich vor allem aus der Tatsache, dass sie mit den mächtigen EMI-Produzenten Walter Legge liiert war.

    In diese Kategorie gehört wohl auch folgende Trouvaillie


    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

  • à propos diese CD-Box:



    man braucht sich bloß beliebig den einen oder anderen Track bei Saturn oder sonstwo kurz anzuhören, um für das meiste des vergleichbaren Repertoires, mindestens für den Rest des Tages, verdorben zu sein. Eine große, unvergleichliche Sängerin.


    :hello:

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • Tut mir Leid, aber ich höre das nicht und glaube das deshalb auch nicht, sondern halte das für eine Legende. Die Schwarzkopf hatte doch vom Volumen und Timbre her eine völlig andere Stimme als die Flagstad - und ich bilde mir ein, dass man deshalb einen Bruch hören müsste bzw. die hohen C's dann eben nach Schwarzkopfund nicht nach Flagstad klingen müssten, ich höre da aber keine Schwarzkopf, die ja nun wirklich eine unverwechselbare Stimme hatte, um es mal ganz wertfrei zu formulieren. Ich halte das Ganze daher für eine von Herrn Legge bewusst gestreute Ente, um die Aufnahme besonders interessant zum zum Gesprächsthema zu machen. Und sollte es - entgegen der Überzeugung meiner Ohren - doch stimmen, muss es technisch so geschickt bearbeitet, um nicht zu sagen verfälscht worden sein, dass dann von der Stimme der Schwarzkopf außer der Tonhöhe selbst auch so gut wie nichts übrig bleibt: kein Schwarzkopf-Klang, kein (im Vergleich zu Frau Flagstad) begrenztes Schwarzkopf-Volumen, kein typisches Schwarzkopf-Vibrato.


    Soweit Stimmenliebhaber zu meiner Bemerkung: "Ein großes Geheinnis gab es um die hohen Töne, die Elisabeth Schwarzkopf ihrer Kollegin Kirsten Flagstad bei der Studiuoproduktion von TRISTAN UND ISOLDE in zweiten Aufzug lieh. Als das publik wurde, war die Flagstad sehr verärgert und wollte eigentlich gar keine Platten mehr einspielen. Es sollte - zum Glück - anders kommen. Dem Mythos der Aufnahme mit Wilhelm Furtwängler am Pult konnte der kleine Trick nie etwas anhaben."


    Es sei mir gestattet, ein paar Quellen für meine Überzeugung zu zitieren.


    Elisabeth Schwarzkopf in dem Buch "Gehörtes - Ungehörtes - Memoiren", das sie gemeinsa mit Walter Legge herausgegeben hat, erschienen 1982 im Noack-Hübner Verlag. "Flagstad hatte sich nur unter der Bedingung bereiterklärt, die Isolde zu singen, wenn Walter die Produktion übernähe und ich ein paar hohe Töne für sie beisteuere. " (Seite 79) und weiter aus diesem Buch: "Es gäbe keinen Furtwängler-Flagstad-Tristan - für meinen Geschmack noch immer die überragende Aufnahme dieser Oper, - hätte die Schwarzkopf nicht versprochen, die hohen Bs, Hs und Cs* für ihre Freundin zu singen, wie sie es bereits bei früheren Duetten der Flagstad mit Set Svanholm getan hatte." (Seite 159)


    Alan Jefferson in seiner kritischen Schwarzkopf-Biographie, erschienen 1986 in deutscher Übersetzung bei Langen Müller: "Es ist Allgemeingut, dass Schwarzkopf Kirsten Flagstad in Furtwänglers Tristan von 1952 mit den hohen Cs aushalf." (Seite 220)


    Gerhard Brunner in der OPERNWELT, Ausgabe 1/1975: "Oder sollte sich wirklich jemand daran stoßen, dass Elisabeth Schwarzkopf ihrer Kollegin Kirsten Flagstad mit einigen längst berühmt gewordenen C aushelfen musste? Im Ernst wohl nicht, denn der kleine Betrug ist eine Bagatelle im Vergleich zu manchen Manipulationen, die heute als höchst ehrbar gelten". Dieser Beitrag wurde 1986 in das Booklet der offiziellen CD-Ausgabe des Werkes durch die EMI übernommen. (Seite 11) Mir scheint, der EMI als Produzent war es doch wichtig, darauf einzugehen. Wer, wenn nicht dieses Label, musste es am besten wissen.


    Jürgen Kesting in DIE GROSSEN SÄNGER, Ausgabe in vier Bänden, Verlag Hoffmann und Campe, 2008: "Walter Legge, der Produzent, hat den Ruhm der Aufnahme - auch den Kirsten Flagstads - mit einer ebenso taktlosen wie peinlich selbstgefälligen Indiskretion verfgiftet, als er preisgab, Elisabeth Schwarzkopf habe einige hohe Töne für die Kollegin gesungen." (Seite 1029)


    Ist das alles nun wichtig? Für mich schon, sonst hätte ich nichts dazu geschrieben. Ich kann aber sehr gut nachvollziehen, wenn andere diese Episode ehr für eine Randnotiz halten, deren Wahrheitsgehalt zudem anzuzweifeln sei.


    Was hören wir? In meinen Ohren klingen die fraglichen Stellen ("Mir lacht das Abenteuer" im ersten und ab "O Wonne der Seele" im zweiten Aufzug wie gestützt, als sei das Grundmaterial der Flagstad, die immer ein Höhenproblem hatte, durch einen hohen Sopran überdeckt, erhöht und verlängert worden - wie man es mitunter im Finale des ersten Aktes vopn "Macbeth" erlebt, wenn die Lady durch eine Chordame im großen Ensemble verstärkt wird. Die Momente, vor allem im kritischen zweiten Aufzug, sind etwas unbestimmt gehalten. Die hört man so gut wie nie ganz sauber und deutlich. Die beiden versinken ja auch wie im Taumel, sürzen ineinender, was soll da auch klar und deutlich sein?


    * Die Angaben über die Töne gehen immer etwas auseinander.
    Gruß Rheingold

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Flagstad, die immer ein Höhenproblem hatte

    Das würde ich so keinesfalls unterschreiben, die Flagstad hatte in ihrer großen Zeit, also bis 1941, in den vielen von mir gehörten Live-Mitschnitten aus London und der MET sowie in den Studioaufnahmen eigentlich keine Höhenprobleme, da hatte etwa Frau Taubel weit stärkere, schon mit dem "H".
    Bei der Studioaufnahme 1952 unter Furtwängler war Flagstad freilich schon 57, insofern nicht mehr so frisch wie zu ihrer Hoch-Zeit, aber dennoch gefällt sie mir dort klanglich weit besser als ihr Tenor-Partner Ludwig Suthaus (habe gerade nohmal das Liebesduett durchgehört).


    Ansonsten weiß ich natürlich, dass diese hohen Töne der Schwarzkopf für die Flagstad als "Allgemeingut" gelten, aber einen hundertprozentigen Beleg gibt es eben ebensowenig dafür wie für die Annahme, dass Africo Baldelli im Gui-"Parsifal" Hans Beirer sei. In beiden Fällen bleibe ich skeptisch, was den Wahrheitsgehalt betrifft, kann aber auch nicht hundertprozentig ausschließen, dass es doch stimmt. Eine technisch ausgefeilte Überlagerung kann ich nicht ausschließen, die reine Schwarzkopfstimme ist da meiner Meinung nach aber nicht zu hören.
    Wenn Frau Flagstad das mal bestätigt hätte, würde ich es glauben, ansonsten bleibt bei mir der Verdacht einer Skandalheischerei seitens Legge aus Publicity- und Verkaufsgründen bestehen.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Auf politische und kulturpolitische Diskussionen lasse ich mich hier nicht mehr ein. Kein Widerspruch meinerseits bedeutet dann also nicht, dass ich den getätigten Aussagen zustimme! (Das Regietheater-Forum habe ich überdies bei mir abgeschaltet.)