Der Tenor Ivan Kozlovsky - zeitlose Schönheit des Klangs

  • Kozlovsky war so lange aktiv, daß man ihn sowohl hier als auch in den "Schellack" thread platzieren könnte. Da ein Schwerpunkt des Beitrags aber der "Lohengrin" v. 1949 ist, also hier:


    Ivan Kozlovsky (auch: Iwan Koslowski , Koslovski; die Transliteration ist leider sehr uneinheitlich) wurde am 24. März 1900 in Marianovka bei Poltava, Ukraine, geboren .
    Er studierte in Kiew Klavier und Gesang und debütierte 1920 in Poltava als "Faust".


    Einem Wechsel an die Oper in Kharkov 1924 folgte 1926 ein Engagement am Bolschoi, dessen festem Ensemble er mindestens bis 1956 (?) angehörte. Er trat dort aber auch weiterhin als Gast bis in die 70er Jahre regelmäßig auf.


    Einzelne Auftritte zu besonderen Anlässen sind bis in die 80er Jahre verbürgt.


    Kesting beschreibt Koslovskys Stimme als "typisch russisch", "weißlich gefärbt, klanglich .. attraktiv".
    Das mag stimmen, aber bei aller "Selbstgefälligkeit", die Koslovsky von Kesting u.a. attestiert wird (eine schlimme Entgleisung ist m.E. "Ecco ridente" in einem recital mit extrem manierierten Effekten), trifft für mich am ehesten das Adjektiv "betörend" für diese Stimme zu.


    Koslovsky verfügte über eine exzellente Technik. Das war wohl auch der Grund, warum er mit 80 noch hervorragend singen konnte. Dazu kommt aber - man höre sich nur die Arie des Inders aus Sadko an! - eine jenseits des nüchtern beschreibbaren liegende Qualität. Das hat Süße, Wehmut und schlicht: Fast transzendente Schönheit.


    Herausragend auch sein Lohengrin. Da wird gesungen (!), keine Kraftmeierei, keine angestrengte Phrasierung. Da wird die oft zerbrüllte Brauchgemachszene wirklich zur - letztlich scheiternden - zarten (!) Annäherung.
    Auf der bei Walhall erschienenen GA (Moskau 1949, gute Klangqualität) sind übrigens einige interessante "Füller" für den Rest der 3. CD. Z.B. noch mal die Gralserzählung und Lohengrins Abschied aus einer Gala des Jahres 1973. Da kann man nur noch staunen. Was da ein Tenor mit 73 zaubert, mit einer immer noch jung und strahlend klingenden Stimme, ist sicher aus einer anderen Zeit.


    Koslovsky verstarb am 23.12.1993 in Moskau.

    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha

  • Zitat

    Ivan Kozlovsky (auch: Iwan Koslowski , Koslovski; die Transliteration ist leider sehr uneinheitlich)


    Richtig wäre Koslowskij, auf Schallplattenhüllen wird man aber eher die alte anglo-amerikanische Transkription Koslovsky oder Koslowsky finden. (Obwohl y nach k im Russischen ein echter und unverzeihlicher Grammatikfehler ist!)


    Aber kommen wir zu dem wunderbaren "Lohengrin" des sowjetischen Rundfunks. Für mich ist Koslowskij der Lohengrin: Eine Stimme wirklich wie aus einer anderen Welt. Aufgrund des Timbres übersingt Koslowskij mühelos das Orchester und kann zarte,ätherische Töne auch dort finden, wo normale Heldentenöre nur noch brüllen. Man mag Koslowskijs Gesang maniriert finden - aber er macht fast süchtig nach dieser Manier.


    Übrigens ist die ganze - russisch gesungene - Aufnahme eine fabelhafte Einspielung, die das Werk in all seiner Dramatik und Schönheit ideal wiedergibt. Unbedingt zu empfehlen!

    ...

  • Daß er bis ins hohe Alter singen konnte, spricht, wie bei Mark Rejsen, für eine großartige Technik, was mich persönlich an seinen Aufnahmen stört, ist das "zur Schau stellen" derselben; das hat mit Interpretation nichts zu tun und schmälert den Wert vieler Aufnahmen ("Barbière").


    Gruß Guido

    Wie aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten
    GB

  • Zitat

    Original von heldenbariton
    ... ist das "zur Schau stellen" derselben; das hat mit Interpretation nichts zu tun und schmälert den Wert vieler Aufnahmen ("Barbière").


    Gruß Guido


    Ja, gerade Barbiere ist recht "eigenwillig", aber das sind, auch wenn es extrem übertrieben ist, die Capricen eines Könners. Andere Sachen aus dem italienischen Fach kenne ich nur auszugsweise. Sie gefallen mir aber auch sehr gut.


    Dem Kommentar von Edwin zum Lohengrin ist nichts hinzuzufügen. Das ist auch IMO in der Diskographie dieser Oper unerreicht. Da ich ohnehin von jedem, der Wagner hört, erwarte, daß er den Text auswendig beherrscht :D, sollte die russische Fassung - ohnehin ist entgegen anderer Ansichten im Forum Russisch IMO eine für den Gesang (und für meine ehelichen Zwistigkeiten :D) wunderbar geeignete Sprache - die russ. Textfassung nicht stören. Vielleicht hilft sie sogar dabei, über manches was heute oft abgedroschen scheint ("Mein lieber Schwan", "Nie sollst Du mich befragen") hinwegzuhören und sich auf die Handlung in der Musik zu konzentrieren?


    Hinweisen möchte ich noch auf Kozlovskys "Gottesnarren". Ich besitze leider nur einen Ausschnitt auf der "belcanto" Doppel CD, aber das ist wirklich "Gänsehaut" pur. Hier kann man wirklich hören, daß der "Gottesnarr" entsprechend dem russischen Volksglauben ein "Zwischengeschöpf" mit einem direkten "Zugang zum Jenseitigen" ist. Leider habe ich bisher keine GA von diesem "Boris" gefunden.

    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha

  • Hallo Misha, der, hervorragend interpretierte Narr in"Boris" ist auf der GA unter Golovanov, Bolshoi 1949 bei Arlecchino und , ich glaube, bei Preiser zu finden.


    Gruß Heldenbariton

    Wie aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten
    GB

  • Hallo Heldenbariton, vielen Dank. Ich mach mich gleich auf die Suche.
    Oft sind die Aufnahmen wg. der erwähnten Probleme mit der Schreibweise nicht leicht zu finden.
    LG
    M

    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha

  • Hallo Misha,


    Ivan Koslowskij ist als Gottersnarr nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen, und zwar in einer Mosfilm-Verfilmung des "Boris Godunow" von 1954 (ziemlich gekürzt (ca. 110 Minuten), aber in Farbe!). Ich kenne nur den Ausschnitt mit Koslowskij, wie er in einer härenen Kutte mit Eisenkette um den Hals unter Tränen sein "Lejtes', lejtes'" singt, im Hintergrund eine brennende und verwüstete Landschaft.


    VAI Music hat den Film auf DVD herausgebracht. Unter wehwehweh.vaimusic.com/VIDEO/DVD_4253_BorisGodunov.htm kann man einen kurzen Ausschnitt sehen. Stilistisch orientiert sich der Film offensichtlich an Eisenstein (Gegenschnitte, Großaufnahmen von Gesichtern). Allerdings nicht ganz billig (ca. 40 Euro).



    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo Misha,
    Den Boris Godunow mit Kozlovsky als Narr kann man als CD's über's Internet zum Nettopreis von 4,99 € beziehen.


    Gruß Herbert.




    .

    Tutto nel mondo è burla.

  • Hallo Herbert, ist Deine PN Funktion absichtlich nicht aktiviert?
    Meinst Du bzw. Ihr die Golovanov Aufbahme mit Reizen, Kruglikova, Khanayev, Nelepp, Sipaev von 1948? Die kostet bei jottpehzeh 4,99, in der Besetzungsliste ist K. aber nicht aufgeführt (was ja nichts heißen muss).

    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha

  • Hallo Misha,
    Du brauchst nur in der Websuche jpc anzuklicken.
    Ich habe die Aufnahme auch und Kozlovsky ist dabei.
    Bestell-Nr.:3317196


    Gruß Herbert

    Tutto nel mondo è burla.

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  • Es gibt auch eine Rigoletto-Gesamtaufnahme mit Kozlovski in
    russischer Sprache für 5 € bei jpc.


    Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Aufnahmen dieses wunderbaren Tenors für einen Spottpreis.


    Auf folgende 2 Aufnahmen möchte ich hinweisen:


    Faust von Gounod (natürlich auf Russisch); vergesst alle anderen Faust-Darsteller, Kozlovsky war DER Idealinterpret dieser Rolle! Superg+ünstig bei Walhall auf 3 CDs (etwa 7,99 Euro bei jpc), bietet zudem den großartigen Bass Mark Reizen als Méphistophélès (wäre einen eigenen thread wert!)


    Sadko von Rimsky-Korsakov mit Kozlovsky als Indischen Kaufmann, nur ein Lied, aber was für eins und wie gesungen, dazu umrahmt vom genannten Mark Reizen als Warägischer Kaufmann und dem prachtvollsten aller Baritone (bin gerade wieder in Superlativlaune) Pavel Lisitsian (kennt den einer?), gibts bei CantusClassics bei jpc für 4,99 Euro, demnächst sicher auch mal bei 2001.


    Viel Spaß beim Überprüfen wünscht
    vitelozzo-tamare

  • Zunächst vielen Dank an alle Foristi für ihre Beiträge und nützlichen Tips. Ich liefere noch einige Bilder nach, die meine Frau auf russischen HPs gefunden hat, da der Sänger dokumentarisch kaum vertreten ist. Koslovsky war ein typisches Opfer des "kalten Krieges", dem im Westen eine seiner herausragenden Begabung entsprechende Karriere daher nicht beschieden war (worunter er als bodenständiger Mensch wohl nicht sehr litt, was uns aber leider etliche "Wunschaufnahmen" verwehrt hat), während gleichzeitig minder begabte Tenöre als "non plus ultra" vermarktet wurden.
    Daß Russland (und andere Staaten des früheren Ostblocks) eine riesige Reserve an hervorragenden und ausserdem "typischen" Stimmen mit Wiedererkennungswert hat, ist wohl inzwischen jedem klar. Ich erinnere noch eine Premiere der Turandot in Chemnitz vor einigen Jahren, wo eine Russin , deren Namen ich leider nicht mehr weiß, die Titelpartie ganz superb gesungen hat.





    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha

  • Seit ich Koslovskys Stimme kennengelernt habe (es war der "Lensky"), sammele ich Aufnahmen dieses Sängers (egal, ob das alles in russisch ist...), Phänomenal (ich würde hier seinen "Werther" noch erwähnen wollen...)! Was würde der heute für eine Karriere machen können... Ein Fachkollege hats mir auch angetan, von dem ich aber nur wenig auf CD besitze: Sergey Lemeshev, kennt den jemand?

  • Lemeshev (gehört eigentlich eher ins Schellack-Forum) genoss in der UdSSR eine riesige Popularität: prachtvolle Tenorstimme, sah blendend aus, ausgezeichneter Sänger, also alles was ein Star-Tenor braucht. Nur sollte man ihn möglichst in früheren Aufnahmen genießen, denn die Stimme ließ (im Gegensatz zum unverwüstlichen Kozlovsky) rasch nach. Wer ihn etwa nur als Lensky in der Onegin-Aufnahme neben Vishnevskaya (Mitte 50er) kennt, wird seinen Ruhm kaum nachempfinden können.


    Aber das ist ein Kozlovsky-Thread. Als Darsteller kann man ihn auf einer DVD des Boris Godunov (Opernfilm aus den 50ern, Musik ist die bekannte Gesamtaufnahme mit Pirogov, Nelepp etc) in seiner Paraderolle als Gottesnarr erleben, erhältlich bei VAI.


    Gruß, Dieter

  • Wenn wir heute Tenöre wie Lemeshev, den ich höher schätze als Kozlovsky, hätten, könnten wir froh sein (man höre die "Mainacht" von Rimskij-Korsakow).


    Gruß Heldenbariton

    Wie aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten
    GB

  • Ich kann mich nicht erinnern, dass ich auch nur dem Namen Ivan Kozlovskys früher mal begegnet wäre. Aber beim ersten Hören der Stimme stellte sich bei mir sofort der Eindruck ein, dass ein des Merkens werter Sänger zu erleben ist: wunderbare Stimmführung, ausgeglichen in allen Lagen, auch bei völlig zurückgenommener Stimme, dabei immer um Ausdruck, um eine gewisse subjektive Färbung bemüht, mir gefällt der Sänger sehr. Zumal ich sonst bei russischen Tenören eher an solche Atlantov-Stimmen dachte. Und was das manieristische angeht - da kommts doch auch auf das "wie" an - wenn es so präsentiert wird, wie durch Kozlovsky stört mich das gar nicht.


    Ich habe nicht so arg viele Aufnahmen von ihm beisammen, doch: z. B. ist "Faust" zwar nicht gerade meine Lieblingsoper, aber ich habe sie durch die Kozlovsky-Aufnahme wieder mal gehört und auch völlig neu erlebt.


    Neben dem Faust habe ich noch Werther, Lohengrin, Sadko und Lensky.


    Angenehmer Nebeneffekt: die Aufnahmen sind alle nicht sehr teuer, man kann sich die eine oder andere noch zulegen (was ich beschlossen habe). Es gibt sogar einen Gluckschen Orpheus, kann ich mir vorstellen. Kennt denn jemand von euch seine Ausschnitte mit Musik von JS Bach? Das würde mich durchaus auch interessieren. (Und auch dankeschön für die kurzen Anmerkungen zu Lemeshev, da bleibe ich auch dran).

  • Hallo edwin,
    irgendwie gelangte ich beim Internetsurfen kürzlich auf die Taminoforumseite und landete bei Ivan Kozlowski. Die Bemerkung, dass er nahezu "süchtig" mache sprach mir aus dem Herzen. Jeder Klassikliebhaber mit einer größeren Sammlung von CD wird immer wieder zu einigen wenigen Lieblings-CD greifen, bei mir sind es Aufnahmen mit Kozlowski. Unbekannt war mir, dass Aufnahmen von Traviata und Rigoletto hier verfügbar sind. Der Beitrag über Kozlowski bewegte mich dazu, mich beim Taminoforum anzumelden. Mal sehen, was daraus wird.
    Gruß
    Lohengrin

  • Das Forum überrascht mich immer wieder: Während naturgemäß immer noch Threads zu zentralen Sängern des Jahrhunderts fehlen, stelle ich nun fest, dass bereits ein - meiner Aufmerksamkeit seinerzeit entgangener - Thread über Kozlovsky nicht nur existiert, sondern sogar 17 Beiträge hervorgebracht hat.
    Damit erübrigt sich erfreulicherweise mein Vorhaben, einen Thread zu diesem bemerkenswerten Tenor zu eröffnen.



    Wie schon bemerkt wurde, ist der Name ja auch unter Gesangsinteressierten keineswegs geläufig. Bezeichnend, dass beispielsweise Alain Paris den Sänger in seinem "Lexikon der Interpreten klassischer Musik im 20. Jahrhundert." gar nicht erwähnt. Wesentlich für den niedrigen Bekanntheitsgrad ist sicher, dass alle vorhandenen Aufnahmen ausnahmslos in russischer Sprache vorliegen. Stalin, der den Sänger sehr bewunderte, soll geäußert haben, es würde dem Sänger jeden Wunsch erfüllen - außer der Ausreise.


    Die stimmlichen Ressourcen und die technischen Möglichkeiten des Sänger sind, wie schon allseits bestätigt wurde, außergewöhnlich. Ich tue mich immer schwer, so nahe der Begriff "Stimmfarbe" das auch legt, nun eine weiße oder eine rote Stimme zu beschreiben. Ich identifiziere da jedenfalls eine ausdrucksvolle, elegische Einfärbung, und ja: Vor allem, wenn der Sänger mezza voce singt, ist betörend, wie Misha vorschlägt, ein Begriff, der auch meine Empfindungen wiedergibt.
    Was Kozlovsky technisch kann, ist atemberaubend. Spitzentöne, die aus der Vollstimme heraus dann mezza voce attackiert werden, messa di voce, akurat ausgeführte Verzierungen und auch hohe und höchste Töne in der Vollstimme. Der Ukrainer bildet die Vollhöhe interessanter Weise nicht mit Verschlankung des Tones, sondern - was ich im Gesamtbild nicht ganz unproblematisch finde - mit breitem, ausladenden Klangstrom. So druckvoll diese Töne gebildet sind, so mühelos erscheinen sie andererseits dennoch.


    Beeindruckend finde ich seinen (mir in Ausschnitten zugänglichen) Alfredo aus La Traviata, wo er viel Effekt mit der Halben Stimme macht. In der Cabaletta kommen die Gruppetti akurat, wie mit der Nähmaschine gerattert, die Übersetzung scheint mir allerdings das Legato zu beschränken. Er schließt mit einem Spitzenton ab, der die meisten Manricos stolz machen würde (und darum etwas deplatziert wirkt).
    Hat jemand die Gesamtaufnahme der Traviata mit Schumskaya und Lisitsian, unter Orlov ? Würde mich sehr interessieren, zumal ich Lisitsian in Ausschnitten als Germont habe, und ebenfalls vorzüglich finde.


    Kozlovsky singt als Duca im Rigoletto in Annäherung an die Sänger des 19. Jahrhunderts, einen elegant werbenden Kavalier mit vielfältigen dynamischen Schattierungen und rhythmischer Finesse. Das mag für Hörer, die den Herzog durch Sänger vom Typus eines Domingo kennengelernt haben, befremdlich wirken, ist aber wohl aus historischer Sicht korrekter. Großartig hier beispielsweise das "E´il so dell´anima".
    Aber meine Begeisterung kennt Grenzen. In " Questa o quella" leistet sich der Sänger Spitzentöne, die bar musikalischen Sinns ausgehalten werden und Dank ihres fast gewalttätigen Klangcharakters Bilder einer startenden Sojus-Trägerrakete imaginieren. Man kann nun sagen: Wer kann, der kann, so einfach ist die Sache aber nicht. Aus meiner Sicht wird dadurch ein Interpretatorisches Ungleichgewicht geschaffen. Der zauberhaften Eleganz, der zarten Lyrik des Anfangs stehen vergleichsweise rohe Elemente gegenüber, das Ganze wirkt unausgewogen und stilistisch uneinheitlich. Für mich liegt hier eine Schwäche des Sängers, die sich öfters störend bemerkbar macht. Nicht umsonst ist eine Aufnahme des "ecco ridente" nicht nur eine technische Lehrstunde, sondern auch eine in Geschmacklosigkeit. Kozlovsky verfügt zwar über die technischen Fähigkeiten der großen Sänger der Jahrhundertwende, nicht aber über deren Stilsicherheit. Somit werden seine Interpretationen gelegentlich – vor allem bei stark verzierter Musik – zu atemberaubenden Gesangsdemonstrationen, aber nicht zu geschlossenen wirkenden Modellinterpretationen. Der Hand zur tenoralen Selbstgefälligkeit verstärkt das Bild.
    Diesbezüglich scheint hier die Politik wieder mal einen kulturellen Schaden angerichtet zu haben, der nicht genug bedauert werden kann. Wenn der Sänger die Möglichkeit gehabt hätte, in der internationalen Opernszene zu arbeiten, hätte dies womöglich diese Defizite beseitigt. Man stelle ihn sich in italienischer Sprache mit seinen technischen Möglichkeiten in Werken vor, die den Canto fiorito ausleben, beispielsweise in den frühen Callas-Aufnahmen. Oder als deutsch singender Lohengrin in den einschlägig bekannten Gesamtaufnahmen. Die Brautgemachszene in russischer Sprache steht, vor allem was lyrische Tonschönheit und eloquente Phrasierung betrifft, in einer Reihe mit den allergrößten Aufnahmen dieser Stelle (ich zähle dazu Völker und Melchior). Hier gibt er sich auch stilsicher, und bringt nicht zuletzt durch die Eleganz der Ausführung in Erinnerung, dass auch Wagner Verzierungen komponiert hat.


    Letztlich hatte dieser Sänger aus meiner Sicht alle Möglichkeiten, einer der größten Tenöre des 20. Jahrhunderts zu werden, hätte man Ihn nicht hinter den eisernen Vorhang gesperrt. Wohl Infolgedessen hinterlässt er nur einige eindrucksvolle Aufnahmen, die stellenweise stilistisch provinziell wirken. Dennoch ein großer Sänger- und einer, den man unbedingt gehört haben muss.


    Wie in den Beiträgen oben erwähnt, sind viele Aufnahmen für wenige Euro zu haben. Einen guten Überblick bietet auch die folgende Recitalplatte:



    Gruß
    Sascha

  • Liebe Taminos,


    na, einige Monate auf Tamino und erst jetzt merke ich, dass eines meiner Lieblingstenöre tatsächlich auch seinen eigenen Thread hier hat, shame on me! Ich fand Eure Ausführungen zu seiner Stimme und zu seinem Schicksal, die er übrigens mit Lisitsian, Maslennikova, Bogatschowa und vielen vielen anderen sowjetischen Opernstars teilt - außerhalb seines Landes für immer unbekannt zu bleiben - ein Schicksal, was in mir immer wieder Bitterkeit auslöst.


    Was die Aufnahmen meines grossen Landsmannes anbetrifft, so möchte ich auf noch ein Juwel hinweisen - La Bohéme mit Maslennikova und Lisitsian, auch eine absolute Brillanzleistung und eine Traumbesetzung obendrein! Als Lenskij gehört Koslovsky tatsächlich zu den absoluten Archtypen des russischen Opern-Bewußtseins, ich habe schon oft in den Gesprächen mit anderen Landsleuten festgestellt, dass für die meisten Koslovskij einfach nur DER Tenor ist. Einfach nur DER Tenor.


    Alles Liebe,
    Eure


    Theodora

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  • Liebe Forianer,
    wurde schon die Aufnahme der Oper "Dubrovsky" von Eduard Napravnik erwähnt (erschienen bei Cantus Classics 2006) ? Wer - wie ich - süchtig nach Kozlovskys Stimme ist, merke auf.
    Gruß
    Lohengrin

  • Zitat

    Original von Theodora
    Was die Aufnahmen meines grossen Landsmannes anbetrifft, so möchte ich auf noch ein Juwel hinweisen - La Bohéme mit Maslennikova und Lisitsian, auch eine absolute Brillanzleistung und eine Traumbesetzung obendrein!


    Liebe Thedora,


    da vertust du dich. Nicht mit dem Juwel, der Brillanz und der Traumbesetzung - aber den Rodolfo gibt hier der andere große russische Tenor der 40er und 50er Jahre, Sergej Lemeshev. Dem Jubel über diese Aufnahme aber schließe ich mich voll an!


    Grüße,
    Micha

  • Lieber Michael, liebe Theodora,
    es gibt eine Aufnahme von La Boheme mit Ivan Kozlovsky in einer Besetzung mit E. Shumskaya und dem wunderbaren Ivan Burlak. Burlak verdient eigentlich auch ein Thread, ich habe keine Übersicht, ob über diesen Bariton im Forum schon mal gesprochen wurde.
    Gruß
    Lohengrin


  • Dem schließe ich mich ausdrücklich an. Es gab Zeiten, da konnte ich mch an dieser Aufnahme gar nicht satt hören. Eine unbedingte Kaufempfehlung daher auch von mir:



    :hello:
    Thomas

  • Oh, ja, sorry! Natürlich hatte ich mich vertan, doch nur deswegen, weil es eine Aufnhame der Bohéme mit Koslovsky auch gibt, wie die lieben Taminos schon gesagt haben. Außerdem möchte ich auf ein YT-Video von Che gelida manina von IK verweisen, das ist zwar konzertant, aber bemerkenswert!
    Alles Liebe,
    Eure


    Thea


    PS


    An Michael M. - ob ich mich deswegen vertan habe, weil ich mir wünsche, es hätte eine Aufnahme mit Maslennikova. Lisitsian und eben Koslovsky gegeben? Tja, da war wohl der Wunsch der Vater des Gedankens...


    An Lohengrin - Du bist doch ganz frisch auf Tamino? Dann erstmal herzlich willkommen! Du kannst die Kategorie "Die berühmte Stimme" durchsehen, die ist nach Themen nicht soo lang, außerdem kannst Du Burlak bei der Suche oben eingeben oder aber auf Verdacht einfach einen neuen Thread starten, das nie schlafende Auge unserer Moderatoren wird ihn schon an den richtigen Ort verschieben! Ich persönlich wäre gespannt auf eine Vorstellung dieses Künstlers!

  • Liebe Taminos,


    ich kannte bisher nur wenige Aufnahmen von Koslowskij, mochte die Stimme jedoch auf Anhieb so gern, dass ich den Namen immer für Weiteres im Hinterkopf behalten habe. Antracis hat mit seiner Empfehlung hier und im Thread über Fernando de Lucia meinem Vorsatz wieder auf die Sprünge geholfen. Seit ein paar Tagen dreht sich daher das Myto-Recital auch bei mir im Player – abwechselnd mit meinen de Lucia-CDs, da ich nun mal für mein Leben gern Interpretationen vergleiche.


    Es mag jetzt etwas schräg klingen, aber wisst ihr, an wen mich sein Singen (jetzt nur der Ausdruck, unabhängig vom Timbre und der stupenden Technik) aufs erste Wiederhören erinnert hat? Nicht so sehr an die alten Belcantisten, sondern eher an den jungen Giuseppe di Stefano! Ich weiß, Koslowskijs Timbre ist heller und Stil und Technik sind bei ihm sicherlich ausgefeilter, aber es ist im italienischen Repertoire derselbe entwaffnende Charme und ein sehr gestisches Singen, verbunden mit einem lächelnden, „sonnigen“ Timbre.


    Und sein Singen passt meiner Meinung nach wunderbar zu der Rolle des leichtsinnigen, hedonistischen Duca, der mit lächelnder Rücksichtslosigkeit durchs Leben geht und der von manch anderem Sänger zu einem kalten, zynischen Macho vergröbert wurde.


    Andererseits stimme ich hier zu:


    Zitat

    Original von Antracis:


    Der zauberhaften Eleganz, der zarten Lyrik des Anfangs stehen vergleichsweise rohe Elemente gegenüber, das Ganze wirkt unausgewogen und stilistisch uneinheitlich.


    Das war auch mein erster Eindruck hinsichtlich seines Stils, der ja eigentlich viele Elemente des Belcanto enthält, auf der anderen Seite jedoch manchmal durch den breiten Klangstrom auch allzu direkt wirken kann. So, als ob die Elemente der Alten Schule zwar zitiert werden, der Gesamteindruck sich jedoch schon recht stark von den Sängern des ausgehenden 19. Jh.s. als dessen Erbverwalter er ja manchmal gesehen wird, entfernt.


    Wenn ich Fernando de Lucia zum Vergleich nehme, so wirken dessen Aufnahmen im Gegensatz dazu einheitlicher: Ich weiß, dass seine Rubati manches Rhythmische bei Verdi allzu ausgiebig dehnen; die Verzierungen und dynamischen Schattierungen passen jedoch dazu, es wirkt „wie aus einem Guss.“ Koslowskij singt linearer, rhythmisch pointierter auf der einen Seite, baut dann auf der anderen Seite seine technischen Finessen ein - und manchmal auch überflüssige Stunts, wie beim schon erwähnten „Ecco ridente“, wo der herausgestellte hohe Ton und der Schluss, der eigentlich gar nicht dazu passt, die zauberhafte Wirkung seines Singens (bei ihm sieht man wirklich die Morgenröte!) leider schwächen.


    Die Ausschnitte aus dem „Lohengrin“ sind traumhaft und machen neugierig auf die Gesamtaufnahme, ebenso sein herzzerreißender Gottesnarr, den ich leider bisher auch nur in Auszügen kenne. Auch Glucks Orfeo würde ich gern einmal mit ihm hören, denn seine Stimme gehört gewiss zu denen, die jeden Hades-Bewohner erweichen könnten!


    Bass erstaunt war ich, als ich bei Kesting las, dass er auch den Tenorpart in Brittens Serenade gesungen hat. Kennt jemand diese Aufnahme?


    Es ist ein Repertoire, das ich nicht unbedingt mit ihm verbunden hätte, und neugierig wie ich bin, habe ich mir diese Aufnahme bestellt. Jetzt bin ich erst einmal wieder gespannt, zumal auch die „Dichterliebe“ und Beethovens „An die ferne Geliebte“ auf der CD mit enthalten sind.


    Liebe Grüße
    Petra

  • Koslowskij, Iwan, russischer Tenor, * 24.3.1900 Marjanowka (Ukraine), † 21.12.1993 Moskau.
    Er erhielt seine Ausbildung in Kiew, debütierte 1920 in Poltawa und kam 1926 nach mehreren Provinzengagements ans Bolschoj-Theater, dem er bis 1954 angehörte. Besaß einen noblen, lyrischen Tenor, dessen feine Nuancierungskunst in frz. wie ital. Partien zur Geltung kam.
    Zu seinen Hauptpartien gehörten: Faust, Werther, Lenskij, Lohengrin.
    Zu seinem 90. Geburtstag wurde er mit einer Gala im Bolschoj- Theater geehrt.

    LG

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Ich hörte diese einzigartige Stimme zum Erstenmal vorgestellt von Jürgen Kesting auf Klassikradio.
    Ihm zur Seite gestellt, aus welchen schleierhaften Gründen auch immer, Quotenfrau Patrizia Moreno (unglaublich, daß man mit so wenig Hirn sogar später noch beim NDR Karriere machen konnte).
    Heute wird dort leider fast ausnahmslos nur noch Filmmusik der seichteren Art gedudelt.


    Später habe ich ihm dann im Rahmen einer drei stündigen Radiosendung beim FSK (nicht zuverwechseln mit FKK) neben Leonid Sobinov, Sergei Lemechev und Georgie Nelepp eine Stunde Sendezeit eingeräumt, um seine Vielseitigkeit zu beweisen.
    Ein Blick in mein damaliges Sendemanuskript zeigte mir, daß ich seiner Zeit die Brautgemachszene, In fernem Land, das Brindisi, Auszüge aus Rigoletto, Arie des Gottenarren und die Arie des Lensky ( nicht Kuda, Kuda ) ausgesucht hatte.
    Eine Stimme nach der man, meiner Meinung nach es gibt hier offenbar einige, die auf einen derartigen Einschub wertlegen, da sie es für ungewöhnlich halten, daß hier jemand seine eigene Meinung schriftlich kundtut und nicht die von dritten Vertritt) nach einmaligen Genuß süchtig werden kann.

  • Lieber Sven Godenrath,


    ich habe schon 2006 meine "Sucht" nach Kozlowskis Stimme bekannt, in der Zwischenzeit hat sich das nicht geändert, ich muss nur aufpassen, die Aufnahmen mit Kozlowski so vorsichtig zu dosieren, d.h. rar zu machen, dass aus Sucht nicht Überdruss wird. Auch das kann passieren, oder?


    Gruß Lohengrin

  • Ich denke nicht, von dieser Stimme kann man einfach nicht genug bekommen, weil sie so "unverdorben " klingt.
    Ich spiele hierbei jetzt auf den Verismo im Ausdrucksklang etlicher italienischer Tenöre aus der gleichen Zeit an, der viele Stimmen leider viel zu früh verschlissen hat.

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