Carlos Kleiber - sein Vermächtnis

  • Zitat

    Original von Robert Stuhr


    Ich will jetzt den Streit nicht wieder aufwärmen, warum Furtwängler besser ist 8) , aber etwas anderes frage ich mich: War der letzte Beethovenzyklus von Toscanini tatsächlich schon stereo?


    Nein.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Der Hype um C. Kleiber ist in der Tat etwas übertrieben. Was nicht heißen soll, dass seine wenige Aufnahmen nicht oft außerordentlich gut sind. Aber das bedeutet nicht dem Über-Alles-Ruf zu entsprechen.
    Andererseits kann man ihm Sänger, die man weniger schätzt kaum vorwerfen.
    Ich kenne von seinen Opernaufnahmen nur den Freischütz; die weiblichen Hauptrollen sind hier schon herausragend, ebenso Kleiber selbst. Adam ist m.E. fehlbesetzt, Schreier aber besser als man erwarten könnte, wenngleich gewiß nicht ideal.


    Natürlich ist sein Vater insgesamt in einer anderen Liga. Aber welcher Dirigent aus Carlos' Generation ist schon in der Liga von Klemperer, E.Kleiber, Furtwängler usw.?



    (Berlin 1929)


    :hello:

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo JR


    Was war denn der Anlass für dieses Gipfeltreffen? Wenn ich recht sehe, handelt es sich um Bruno Walter, Arturo Toscanini, Erich Kleiber, Otto Klemperer und Wilhelm Furtwängler.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von Theophilus
    Was war denn der Anlass für dieses Gipfeltreffen? Wenn ich recht sehe, handelt es sich um Bruno Walter, Arturo Toscanini, Erich Kleiber, Otto Klemperer und Wilhelm Furtwängler.


    Laut der Netzquelle von der ich es habe, wurde es anläßlich eines Banketts im Sommer 1929 aufgenommen. Der einzige wirkliche Gast ist Toscanini (sozusagen unterwegs von der Scala nach New York). Alle anderen arbeiteten damals in Berlin!
    Kleiber dirigierte an der Staatsoper, Klemperer an der sogenannten "Kroll-Oper", Walter an der Städtischen Oper Charlottenburg (war das ein Vorläufer der "Deutschen Oper"?) (irgendwie aber gleichzeitig ab 1929 am Gewandhaus in Leipzig, Furtwängler bis 1928, Ämterhäufung gab es auch vor dem jet set) und Furtwängler natürlich die Philharmoniker. Obendrein war der noch recht junge George/György Szell in Berlin tätig (Staatsoper und Rundfunk).


    (in Dresden war Fritz Busch, in Wien Clemens Krauss, in München Knappertsbusch)


    viele Grüße


    JR

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    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Herbert Henn
    Hallo,Robert,
    wer hat den behauptet ,es gäbe Toscannini-Aufnahmen in Stereo.


    Mein Fehler, ich habe zu schnell gedacht und Deine Formulierung so verstanden als hätte er neben den Monoaufnahmen noch andere vorgelegt ?(


    Ich halte im übrigen auch die Aufnahmen für die BBC und mit dem NYPO für besser als die Aufnahmen mit dem NBC SO.

  • Neben der von BBB sehr gerühmten 4. Symphonie Beethovens mit dem Bayerischen Staatsorchester ist ja inzwischen auch noch eine Aufnahme der 6. und 7. Symphonie mit den Bayern bei orfeo erschienen.


    Beim Reinhören in die Hörschnipsel bei jpc war ich von der Energie der 7. sofort begeistert.


    Nun würde mich interessieren: Kennt bzw. besitzt jemand beide Aufnahmen der 7. von Beethoven unter Kleiber - einmal mit den Wienern und die besagte mit Bayern? Und welcher würde dann der Vorzug gegeben, wenn man das bei solch Spitzenaufnahmen überhaupt machen kann?


    :hello:
    Wulf.

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Natürlich ist sein Vater insgesamt in einer anderen Liga. Aber welcher Dirigent aus Carlos' Generation ist schon in der Liga von Klemperer, E.Kleiber, Furtwängler usw.?
    (Berlin 1929)
    :hello:


    Na ja. Das halte ich, mit Verlaub, für einen typischen Fall von Nostalgitis.


    C. Kleiber stellt mit seinen Beethoven-Interpretationen so einige in den Schatten und die Aufnahmen, die man von seinem Vater von Beethoven hat, sind m.E. nicht deutlich überzeugender. Freilich auch nicht schlechter. C. Kleibers Orchesterbild ist unglaublich transparent und die Interpretationen zuegen von einer doch eher seltenen Energie, Freudentaumel und Menschlichkeit. Besonders im 4. Satz der 7. zaubert C. Kleiber wie kein zweiter "Streicherwirbel" unbändiger Energie.
    Für mich wäre eher der Hype um Furtwängler völlig übertrieben.. :stumm:

  • Zitat

    Original von Wulf
    Für mich wäre eher der Hype um Furtwängler völlig übertrieben.. :stumm:


    :D da hat aber einer wieder ins Bienennest reingestochen :pfeif:

    Viva la libertà!

  • Tamino Beethoven_Moedling Banner
  • Zitat

    Original von Wulf


    Na ja. Das halte ich, mit Verlaub, für einen typischen Fall von Nostalgitis.


    C. Kleiber stellt mit seinen Beethoven-Interpretationen so einige in den Schatten und die Aufnahmen, die man von seinem Vater von Beethoven hat, sind m.E. nicht deutlich überzeugender. Freilich auch nicht schlechter. C. Kleibers Orchesterbild ist unglaublich transparent und die Interpretationen zuegen von einer doch eher seltenen Energie, Freudentaumel und Menschlichkeit. Besonders im 4. Satz der 7. zaubert C. Kleiber wie kein zweiter "Streicherwirbel" unbändiger Energie.
    Für mich wäre eher der Hype um Furtwängler völlig übertrieben.. :stumm:


    Ich halte C. Kleiber eher für einen klaren Fall von Hype. Er schafft es zwar zugegebenermaßen zigmal abgenudeltes Repertoire frisch erscheinen zu lassen. Aber zum einen schaffen das auch Leute wie Harnoncourt, Norrington u.a., zum andern ist sein Repertoire, mit dem er sich ab ca. 1970 nur noch der Öffentlichkeit präsentierte, nicht anders als winzig zu bezeichnen:
    Rosenkavalier, Tristan, Otello, Traviata, Fledermaus, Freischütz und vielleicht noch ein oder zwei Opern
    zwei oder drei Mozart-Sinfonien (IIRC 33 und 36), Beethoven 4-7 und Brahms 2. und 4 (die 2. ist legendär, kenne ich aber leider nicht, da nur DVD), dann noch Heldenleben und eine Handvoll kleinererer Stücke.
    Perfektionist hin oder her, das klingt für mich nach künstlicher Verknappung und entsprechender Verteuerung einer begehrten Ware (denn als er noch normal angestellt war, hat er natürlich alles Mögliche dirigiert)


    C.Kleiber ist gewiß außerordentlich gut (gerade die DG 7. finde ich durch den künstliche MuiltimikingKlang aber deutlich entwertet), aber der Hype ist einfach jenseits von Gut&Böse.


    Ich finde den Furtwängler-Kult auch übertrieben. Aber er beruht immerhin nicht auf künstlichem Sich-Rar-Machen und einer Handvoll Konzerte bzw. Aufnahmen, sondern auf ca. 4 Jahrzehnten tatsächlichen Konzerten, größtenteils zu einer Zeit, als mit Medienhype oder solchen Selbstvermarktungstricks (oder nennen wir es genialisches Gebaren) wie sie C. Kleiber anwendet, kein Blumentopf zu gewinnen war. Ich halte Furtwängler hauptsächlich für interessant, weil er ungeachtet seines individuellen Zugangs eine Interpretationshaltung verkörpert, die es heute praktisch nicht mehr gibt: ein extremer Subjektivismus, der sich dennoch in einer Tradition verankert sieht. Gefallen tun mir letzlich häufig (gerade bei Beethoven) andere Interpretationen besser (z.B. Kleiber pére et fils ;))


    viele Grüße


    JR

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    (Bob Dylan)

  • Hallo Johannes,


    was ist denn schlecht daran, wenn ein Künstler ein sehr begrenztes Repertoir hat? Die meisten sind ja ohnehin nur mit einer Hand voll Referenzaufnahmen vertreten, der Rest ist unter ferner liefen; da kommen doch wenige Aufnahmen, die alle von herausragender Qualität sind, auch nicht so sehr anders daher oder? :rolleyes:


    :hello:
    Stefan

    Viva la libertà!

  • Zitat

    Original von Barezzi
    was ist denn schlecht daran, wenn ein Künstler ein sehr begrenztes Repertoir hat? Die meisten sind ja ohnehin nur mit einer Hand voll Referenzaufnahmen vertreten, der Rest ist unter ferner liefen; da kommen doch wenige Aufnahmen, die alle von herausragender Qualität sind, auch nicht so sehr anders daher oder? :rolleyes:


    Meiner Ansicht nach doch. Kleiber hatte natürlich eigentlich ein breiteres Repertoire, als er GMD oder was in Stuttgart (?) war. Kein normal arbeitender Dirigent könnte sich solch ein Mikrorepertoire leisten. Überhaupt scheint mir das erst ein Artefakt des Schallplattenzeitalters zu sein. In einer Kultur, in der der tatsächliche Opern- und Konzertbetrieb zentral ist, kann man sich gar keine solchen Spinnereien erlauben (es sei denn als Hobby-Dirigent wie Kaplan)
    Und dann ist es in gewisser Weise ja auch kein Kunsstück, bei der Handvoll Spezialitäten hervorragende Qualität abzuliefern. Für den Rang eines Künstlers zählt bei mir sehr wohl seine Vielseitigkeit. Da ist bspw. Kleiber senior (mit IIRC etlichen Erst- und Uraufführungen damals zeitgenössischer Musik obendrein) tatsächlich eine andere Liga als der Filius.
    Gerade weil CK ein ziemlich guter Dirigent war, finde ich es eine Schande, dass es nicht wenigstens alle Brahms- und Beethovensinfonien gibt


    Ich halte gewiß auch nichts davon, dass jeder alles gleich gut spielen oder dirigieren und daher auch aufnehmen muß (am besten dreimal). Aber gibt es irgendeinen anderen Künstler, der vergleichbar berühmt ist wie Kleiber, sich aber auch einige Spezialitäten kapriziert hat? Höchstens Sänger, bei denen ist das indes einzusehen, weil es stimmliche Grenzen gibt. Schwarzkopf konnte keine Isolde (nichtmal Sieglinde, Gott sei Dank) singen und hats glücklicherweise gelassen.
    Aber das jemand, der Beethoven 4-7 dirigiert, sich zu genial oder zu perfektionistisch ist, die restlichen 5 aufzuführen, finde ich einfach albern.


    viele Grüße


    JR

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  • Nun gut, für mich zählt letztlich die Qualität, die beim Musizieren herauskommt - wenn diese (wie beim Wein mittels Rückschnitt) durch Repertoirreduktion steigt, dann kanns mir nur Recht sein.
    Natürlich hast Du Recht und man ärgert sich manches Mal, dass C.K. nicht mehr aufgenommen hat - die Fülle der versäumten interessanten Aufnahmen ist groß ;(
    Hätte gern mehr als diese eine Verdi-Oper, von Mozart Opern und die letzten Symphonien, den gesamten Beethoven, Schubert und Brahms; vielleicht auch noch Haydn und Schumann :angel:


    :hello:
    Stefan

    Viva la libertà!

  • Hallo Johannes,


    Ich habe die "Traviata"-Aufnahme - jene sagenhafte Aufnahme kann ich besser sagen - und ich bin mehr als zufrieden. Ich bin entzückt davon.


    Wenn Edwin hier wäre, hätte er HvK genannt, und geschrieben daß mindestens einer seine Klassiken kennt:

    Zitat

    In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.


    LG, Paul

  • In Michael Gielens Erinnerungen (Insel-Verlag 2005), aus denen ich ja hier im Forum schon gelegentlich zitiert habe ( :D), finden sich zwei interessante Passagen über Carlos Kleiber, die in die aktuelle Diskussion passen. Gielen hatte Carlos Kleiber und natürlich auch seinen Vater in den 40er Jahren im Exil in Buenos Aires kennengelernt. Später in Wien war C. Kleiber auch Trauzeuge bei Gielens Hochzeit.


    Unter den Dirigenten seiner und meiner Generation halte ich ihn für das einzige "Genie", bei allem Respekt für die anderen. Wie lebendig die Musik bei ihm wurde, wie er die Musiker motivierte, wie sicher sein Stilempfinden war, so daß auch extreme Rubati im "Rosenkavalier" oder in der "Fledermaus" nie "kippen" konnten, immer dem Gehalt und dem Zug der Musik entsprachen, dazu die Eleganz seiner Körperlichkeit und Bewegung, das alles war einmalig. Er wußte, wie Musik geht, ohne die Theorie darüber kennen zu müssen. Als ein Unglück empfinde ich es, daß er ein beschränktes Repertoire dirigierte ("sein" Mahler wäre hinreißend gewesen), ein noch größeres Unglück ist, daß er in den letzten Jahren nicht mehr dirigierte.


    Aus Gielens Zeit als Frankfurter Operndirektor 1977-87:


    Was uns mit einigen Regisseuren nicht gelungen war, gelang auch nicht mit Carlos Kleiber [...]. Er wohnte in den siebziger Jahren noch in Stuttgart und ich fuhr zu ihm, um ihn zu gewinnen. [...] Er war überhaupt nicht daran interessiert, ein für ihn neues Stück zu lernen, noch weniger, unserem Ensemble den "Rosenkavalier" beizubringen. Wenn überhaupt, dann würde er nur mit "seinen" Sängern kommen, mit denen er das Stück überall aufführte, in Wien, München oder Mailand. Eine mir ganz unverständliche, sterile Haltung. Als der geschäftliche Teil unserer Unterredung vorbei war, wollte er mir etwas vorspielen, es war seine hinreißende Aufnahme der Fledermaus-Ouvertüre mit dem Stuttgarter Rundfunkorchester. Ich war begeistert. Aber er sagte: "Jetzt spiele ich dir aber noch etwas Besseres vor." Und das war die Aufnahme desselben Stücks mit seinem Vater Erich Kleiber von 1928 mit dem Orchester der Lindenoper, der Staatskapelle. Das war viel strenger, sozusagen "klassischer", mit einem leicht preußischen Einschlag im Klang, ohne deshalb Charme und Grazie zu verlieren.



    Meine eigene bescheidene Meinung: Aus dem "Freischütz" hat C. Kleiber ein neues Stück gemacht, die ganze Dimension des Bedrohlichen, auch des sozialen Konflikts hervorbrechen lassen. Schon das Wahnsinnstempo der Introduktion, wo die Geigen so schnell spielen (aber nicht so falsch) wie die Kugel von Max fliegt (die Dresdener Staatskapelle soll zunächst gewaltig gemeutert haben). Und der "Tristan" ist vielleicht nicht durchgehend auf gleicher Höhe - aber bei den Dialogpassagen im ersten oder am Anfang des zweiten Aktes, bei den Brangänenrufen, bei den Fieberekstasen Tristans ist Kleiber unschlagbar. Ich spreche nicht von den sängerischen Leistungen, aber wie Kleiber mit Margaret Price (die sicher keine ideale Isolde ist) gearbeitet hat, merkt man: die verschiedenen Tonlagen im ersten Akt, Verzweiflung, Wut, aber eben auch Spott und Ironie sind unvergleichlich getroffen.


    Bei symphonischer Musik muss ich abstufen: der Brahms ist in der Tat grandios, Beethoven sehr gut (aber hier gibt es wahrlich starke und stärkere Konkurrenz), Schuberts Unvollendete - naja, nicht schlecht, aber nicht mehr.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    ...
    Und dann ist es in gewisser Weise ja auch kein Kunsstück, bei der Handvoll Spezialitäten hervorragende Qualität abzuliefern.
    ...


    Hallo Johannes,


    das empfinde ich als Frage des Standpunkts. Wenn man von den vorhandenen Einspielungen Carlos Kleibers restlos beglückt sein kann, dann wird man seine Leistungen auch bei einem beschränkten Repertoire sehr wohl als Kunststück ansehen dürfen. Qualität ist ein Kriterium an sich, das sich eben nicht mit Quantität aufwiegen lässt.


    Ich verstehe aber auch Deinen Einwand, dass eine gewisse Vielseitigkeit nun mal dazu gehöre. Zumal man bei Carlos Kleiber zum Ende seiner Karriere - als peripherer Betrachter wie ich - das Gefühl gewinnen konnte, dass er sein Repertoire, das er eben beherrschte, abspielte, um sich vorrangig zu finanzieren. Und da setzt dann die eigentliche Enttäuschung ein: Warum hat er denn nicht mehr gemacht, war Musik ihm nicht das Wichtigste?


    Gleichwohl schätze ich die Aufnahmen, die ich von Carlos Kleiber besitze, außerordentlich. Sogar Beethoven 5 und 7, zu denen mich sonst nicht eben viel hinzieht - von Freischütz oder Tristan jetzt mal ganz abgesehen.


    :hello:


    Gruß, l.

  • Zitat

    Original von lohengrins


    das empfinde ich als Frage des Standpunkts. Wenn man von den vorhandenen Einspielungen Carlos Kleibers restlos beglückt sein kann, dann wird man seine Leistungen auch bei einem beschränkten Repertoire sehr wohl als Kunststück ansehen dürfen. Qualität ist ein Kriterium an sich, das sich eben nicht mit Quantität aufwiegen lässt.


    Ich verstehe aber auch Deinen Einwand, dass eine gewisse Vielseitigkeit nun mal dazu gehöre. Zumal man bei Carlos Kleiber zum Ende seiner Karriere - als peripherer Betrachter wie ich - das Gefühl gewinnen konnte, dass er sein Repertoire, das er eben beherrschte, abspielte, um sich vorrangig zu finanzieren. Und da setzt dann die eigentliche Enttäuschung ein: Warum hat er denn nicht mehr gemacht, war Musik ihm nicht das Wichtigste?


    Das frage ich mich eben auch. Gielen scheint ja davon ebenfalls etwas befremdet zu sein. Perfektion außer im spieltechnischen Sinne ist ja auch nicht objektiv. Es gibt in dem Standardrepertoire wie Beethoven 5 und 7 usw., in dem Kleiber hervorragendes geleistet hat, eine derart dichte Konkurrenz, dass man leicht eine Handvoll Einspielungen finden wird, die im Grunde ebenso "perfekt" sind. "Kein Kunststück" war natürlich etwas flapsig formuliert und es ist gewiß immer noch ein Kunststück, solche Interpretationen zu realisieren. Aber für mich hat ein Dirigent wie Harnoncourt eine vergleichbar mitreißende 7. von Beethoven vorgelegt, dazu Einspielungen die ich für ähnlich einsame Spitze wie einiges von KLeiber (z.b. die Händel Concerti) halte, dazu sehr viel, was umstritten und gewiß nicht so perfekt wie Kleibers Handvoll Aufnahmen ist, aber spannend und Ausdruck eines offenen und lebendigen Umgangs mit Musik


    Zu den Opern kann ich außer Freischütz nichts sagen. Der ist vom orchestralen gewiß sehr gut, bei den Sängern aber wieder durchwachsen, so dass ich den Über-Alles-Ruf der Einspielung auch nciht ganz nachvollziehen kann. Sollte man denn Freischütz nur nach der spannendsten Wolfsschlucht-Musik beurteilen?


    viele Grüße


    JR

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    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Zu den Opern kann ich außer Freischütz nichts sagen. Der ist vom orchestralen gewiß sehr gut, bei den Sängern aber wieder durchwachsen, so dass ich den Über-Alles-Ruf der Einspielung auch nciht ganz nachvollziehen kann. Sollte man denn Freischütz nur nach der spannendsten Wolfsschlucht-Musik beurteilen?


    Die "Ideal"-Aufnahme hat Carlos Kleiber sicher nicht vorgelegt - für alle Partien (insbesondere natürlich für den Kaspar) gibt es in anderen Einspielungen bessere Sänger. Papa Erichs Aufnahme ist da viel ausgewogener. Aber Carlos K. macht mehr, als nur eine gute Einspielung vorzulegen: Er entdeckt ein neues Stück - aus dem biedermeierlichen Singspiel mit Geisterbahnelementen wird ein Nachtstück der Romantik, in seinen Abgründen schon auf Bergs "Wozzeck" vorausweisend. Was heute fast schon zum abgestandenen Klischee geworden ist - "einem Werk die Gemütlichkeit austreiben" - das hat Kleiber Anfang der 70er mit dem "Freischütz" vorgemacht und bei diesem Stück hat ihn dabei keiner - auch nicht Harnoncourt - je wieder eingeholt.


    Die "Tristan"-Einspielung würde ich schon etwas tiefer hängen. Sie ist dirigentisch herausragend, in manchen Passagen die beste, die ich kenne. Aber hier gibt es erstens stärkere dirigentische Konkurrenz und zweitens sind hier die Männerstimmen wirklich desaströs: die Steigerung vor "Kurwenal, siehst du es nicht?" im dritten Akt hat niemand so ekstatisch herausgeschleudert wie Kleiber - und dazu muss man sich dann Kollos Geschrei anhören. Von Fischer-Dieskaus Geblöke ganz abgesehen.


    "La Traviata" ist wunderschön dirigiert und ausgewogen besetzt - aber doch viel stärker als die beiden anderen Werke eine Sängeroper, bei der es auf die Besetzung der drei Hauptrollen ankommt.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Ich möchte mir erlauben, auf ein soeben erschienenes (bzw. erscheinendes) Büchlein hinzuweisen: Fischer, Jens Malte: Carlos Kleiber - der skrupulöse Exzentriker. - Göttingen: Wallstein, 2007. - (Kleine Bibliothek der Bayerischen Akademie der schönen Künste ; 1). - Der Band basiert auf einem Vortrag, den Fischer voriges Jahr zur Erinnerung an das Akademiemitglied Kleiber gehalten hat, wurde für die Druckfassung erweitert und um unveröffentlichte Bilder sowie eine von mir bearbeitete Diskographie ergänzt.

  • Tamino Beethoven_Moedling Banner
  • Hallo Armin,


    listet die von Dir erstellte Diskographie auch die inoffiziellen Mitschnitte des "grauen Marktes" auf bzw. auch bisher noch nicht veröffentlichte Mitschnitte (wie z.B. den "Wozzeck" aus der Bayerischen Staatsoper)?


    :hello:


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo!
    Ich habe in die Diskographie die Titel aufgenommen, die irgendwann einmal auf kommerziellen Tonträgern erschienen sind, also auch den "grauen Markt". Wegen der ständigen Veränderungen, der oft nicht einfachen Zugänglichkeit (die ganzen japanischen Kleinlabels...) und um rechtlichen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, gab ich in diesem Fall aber nur die Existenz des Mitschnitts an ; Labels nenne ich nur bei den offiziellen Veröffentlichungen. Nicht enthalten sind indessen Einspielungen, die bislang nur in Sammlerkreisen kursieren und nicht in diesem Sinn veröffentlicht wurden, der "Wozzeck" also nicht, obwohl ich natürlich von ihm weiß (auch wenn ich ihn noch nicht gehört habe - ein Kollege hat ihn, und den wollte ich mir schon lange mal borgen).

  • Liebe Kleiber-Gemeinde,


    ich möchte neben aller musikalischer Diskussion, zu der ich gern noch mein Scherflein beitragen werde, eine privat erlebte Anekdote loswerden.
    Im Jahr 2001 schickte ich einen Brief an Carlos Kleibers Adresse in Grünwald, in dem ich um eine Autogrammkarte bat. Als PS hatte ich die knappe Frage angehängt: "Aber wieso Rebroff als Orlofsky?"
    Zwei Tage später (!) hatte ich eine - bis heute als Schatz gehütete - Postkarte im Briefkasten, auf deren Rückseite mir CK erläuterte, weshalb er Rebroff besetzt hatte, daß er allerdings mit dem Resultat äußerst unzufrieden sei (mit fiesen Seitenhieben auf Rebroff).
    Ich weiß bis heute nicht, aus welchem Grund er sich gemeldet hat, habe aber später irgendwo gelesen, daß dies durchaus vorkommen konnte - gar so scheu war er denn wohl doch nicht, der Doppelhaushälftenbewohner und in Pudelmütze joggende Carlos Kleiber.


    Ich werde die Karte auf ewig als Reliquie hüten und freue mich an den Aufnahmen, die ich von CK besitze; einige sind es schon.


    Grüße aus Berlin,


    Christian

  • Zitat

    Original von Il Grande Inquisitor
    ... weshalb er Rebroff besetzt hatte, daß er allerdings mit dem Resultat äußerst unzufrieden sei (mit fiesen Seitenhieben auf Rebroff).


    Hallo Christian,


    ich respektiere zwar gerne Deine Zurückhaltung bei den fiesen Seitenhieben, aber die Mitteilung, warum Kleiber Ivan Rebroff besetzt hat, wäre schon seeehr interessant. :yes:


    Im übrigen sollte das ja ursprünglich mal ein Thread über die Lieblingsaufnahmen der Taminos sein. Habe ich was überlesen, oder warum hat niemand seine beiden Sylvesterkonzerte und die beiden ROSENKAVALIER-DVDs genannt (Letztere immerhin en passant)?


    Diese beiden DVDs gehören für mich zu dem besten, was je an Opernaufführungen aufgezeichnet wurde. Auch wenn er beide Male mit der Marschallin leicht daneben gegriffen hat, mindestens Brigitte Fassbaender, Anne Sofie von Otter, Lucia Popp und Barbara Bonney finde ich unübertrefflich. Auch den Ochs habe ich selten besser gehört, höchstens idiomatischer von Otto Edelmann, als von Kurt Moll. Wahrscheinlich würde ich diese Mitschnitte auch ohne die verklärende Erinnerung an seinen Münchener ROSENKAVALIER, den ich sogar live erleben durfte, als gleichwertige Referenz bezeichnen.


    :hello: Rideamus

  • Kleiber muß in der Tat auch im Alltag ein ausgesprochenes Original gewesen sein. Martha Mödl erzählte einmal, daß sie ihn regelmäßig vormittags beim Bäcker traf und er sie stereotyp begrüßte: "Ah, Frau Mödl, holen Sie auch gerade Brötchen?" Und der Legende nach konnte man ihn ab und an mit Alditüten bepackt in der Fußgängerzone sichten...

  • Lieber Rideamus (auch bei diesem Thema),


    ich muß nochmal die Karte vorholen, um im Wortlaut zu zitieren.


    "Betr. Rebroff:
    Dachte mir
    1. Er hat die Höhe
    2. Es ist ein Prinz und keine Prinzessin
    3. Ein "Hormongeschädigter" erschien mir adäquat für den blasierten Orlofsky.


    Aber, OK, ich gebe zu: es ist nicht so geworden, wie ich's mir vorgestellt hatte...
    Die leidige Altistin-Lösung ist doch die beste, alles in allem.
    Countertenöre sind graus, find ich"


    Das also der Originaltext, den ich auch nur zitiere, weil Rebroff auch dem Vernehmen von Kollegen nach so eine fiese Type ist/war.


    Naja, so macht ein jeder Fehler; ansonsten zählt auch die Fledermaus zu den einmaligen Referenzaufnahmen für den parallelen Thread.


    Grüße,



    Christian

  • Ich möchte die Interessenten darauf hinweisen, daß soeben eine erste umfangreiche Kleiber-Biographie erschienen ist:
    Werner, Alexander:
    Carlos Kleiber. - Mainz: Schott, 2007. -
    ISBN: 3795705983
    Der Band hat annähernd 600 Seiten, sollte also auch gehobeneren Ansprüchen bereits genügen.
    Bestellt habe ich ihn und werde ihn am Montag bekommen, dann kann ich nach den Ferien erste Eindrücke berichten.
    Gruß Armin

  • Zitat

    Original von Rideamus


    Im übrigen sollte das ja ursprünglich mal ein Thread über die Lieblingsaufnahmen der Taminos sein. Habe ich was überlesen, oder warum hat niemand seine beiden Sylvesterkonzerte und die beiden ROSENKAVALIER-DVDs genannt (Letztere immerhin en passant)?


    Diese beiden DVDs gehören für mich zu dem besten, was je an Opernaufführungen aufgezeichnet wurde. Auch wenn er beide Male mit der Marschallin leicht daneben gegriffen hat, mindestens Brigitte Fassbaender, Anne Sofie von Otter, Lucia Popp und Barbara Bonney finde ich unübertrefflich. Auch den Ochs habe ich selten besser gehört, höchstens idiomatischer von Otto Edelmann, als von Kurt Moll. Wahrscheinlich würde ich diese Mitschnitte auch ohne die verklärende Erinnerung an seinen Münchener ROSENKAVALIER, den ich sogar live erleben durfte, als gleichwertige Referenz bezeichnen.


    Lieber Rideamus,


    Habe mir gerade eine Tamino-"Nachlesestunde " gegeben und bin dabei auf diesen Thread gestoßen. Gerne stimme ich in Dein Loblied auf diese beiden "Rosenkavaliere" ein. Und was das Terzett Marschallin/Octavian/Sophie betrifft, so löst es in beiden Einspielungen bei mir Gänsehaut aus (sogar mehr als bei Erich Kleiber, bei dem Marie Reining nur gut, aber nicht außerordentlich ist wie die Marschallinnen des Sohns - tut mir leid, daß ich Dir da widerspreche, aber das innerlich Gebrochene kombiniert mit Haltung, das haben sowohl die Lott wie die Jones wunderbar vermittelt, wobei die Jones ja an sich gar keine so idealen Voraussetzungen für diese Rolle mitbringt; da spielt Kleiber schon eine große Rolle, ebenso wie Schenk und Rose). Selbst wenn er nichts anderes dirigiert hätte als diese beiden Aufführungen, wäre er für mich schon ein Olympier.
    Allerdings irrt er mit der Altistin-Lösung in der "Fledermaus". Der beste Orlofsky, den ich kenne, ist - trotz Brigitte Faßbaender - Wolfgang Windgassen, der sonst nicht so sehr mein Fall ist.


    LG


    Waldi

  • Lieber Walter,


    ich denke auch, daß der Meister da irrte, obwohl ich seine generelle Abneigung gegen Counter gut verstehen kann. Wenn man aber die Tenor-Lösung nicht akzeptabel findet, muß man ja auf temperamentvolle Mezzi/Alti zurückgreifen. Mir hat - trotz obiger Einschränkung - der junge Jochen Kowalski durchaus als Orlofsky gefallen, aber auch Agnes Baltsa unter dem grauenhaften Dirigat von P. Domingo.


    LG,


    Christian


    PS: Je öfter ich den Rebroff-Prinzen höre, desto schlimmer wird es; aber auch verdreht-lustiger. Gewissermaßen ein unterbewußter "pythonesque moment" des Carlos Kleiber. Zum Scherzen (und gar dem grimmen) war er ja durchaus aufgelegt...

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