Mario Lanza - Verkanntes Genie?

  • Nennt mir doch einen Sänger, der "Cielo e mar" mit solcher tenoralen Strahlkraft singen kann wie er !!! Ich lege schon Wert auf Schöngesang, aber ein Tenor muß vor Allem glänzen, nicht nur bei Ponchielli!


    Lieber La Roche,


    Deine Lanza-Begeisterung in Ehren, aber da fallen mir auf Anhieb zwei Sänger ein, die Mario Lanza mühelos vom Feld kicken:


    und ganz sicher auch:
    obwohl Franco Corelli nicht zu meinen Lieblingstenören zählt! Doch er ist gegen Lanza fast ein Traumsänger, und erst recht besitzt Jussi Björling die tenorale Strahlkraft, vereint mit einer Stimmkultur, die ihn praktisch zum schier idealen Enzo Grimaldo macht. Leider gibt es keine GA der La Gioconda mit ihm, aber auf dem Decca-Recital zeigt er, wie diese Partie gesungen werden soll, während Lanza m.E. nur demonstriert, wie sie gesungen werden kann.

    Ich muß gestehen, daß ich noch nie zu den Verehrern des Sängers Lanza gehört habe. Meine erste Bekanntschaft mit seiner Stimme vermittelte eine 17 cm-EP, auf der er u.a. Schuberts berühmtes "Ave Maria" vortrug und dieses schlichte Gebet für eine Sopranstimme IMO schier in eine Kriegserklärung verwandelte und mich an den Nietzsche-Satz "Mit einer sehr lauten Stimme im Halse ist man fast außerstande, feine Sachen zu denken" erinnerte. Zweifellos hatte Lanza eine prachtvolle Naturstimme mit einem "klangsinnlichen Überrumpelungseffekt", aber wie grob ging er mit seinen Talenten um, von der mangelhaften Stimmtechnik ganz zu schweigen! Da ziehe ich aber sogar Carlo Bergonzi und Nicolai Gedda, wenn es um "Cielo e mar" geht (und nicht nur da), um Meilen vor, die zwar nicht über Lanzas Strahlkraft, dafür aber über eine Gesangskultur verfügten, von denen Lanza noch nicht einmal träumen konnte …… :no:

    LG, Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Ich weiß nicht, was das soll? Es geht hier um die Erinnerung an diesen Sänger, damit er nicht in Vergessenheit gerät. Natürlich könnte ich noch dutzende andere oder "bessere" Tenöre aufzählen. Aber darum geht es hier nicht.

    W.S.

  • Nennt mir doch einen Sänger, der "Cielo e mar" mit solcher tenoralen Strahlkraft singen kann wie er !!!


    Genau darum geht es hier, oder wie soll man diesen Satz von La Roche anders verstehen, lieber Wolfgang? Statt eines nenne ich gleich zwei Sänger, und dann fragst Du, was das soll? Ehrlich gesagt, da komme ich jetzt nicht ganz mit.


    Gruß, Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Deine Lanza-Begeisterung in Ehren, aber da fallen mir auf Anhieb zwei Sänger ein, die Mario Lanza mühelos vom Feld kicken:


    Lieber Nemorino,
    mit keinem Ton habe ich gesagt, daß Mario Lanza der beste Tenor aller Zeiten wäre. Ich hatte die La Gioconda-Arie angeführt, in welcher Lanza derart strahlt, insbesondere bei den Schlußtönen, daß es mir schwerfällt, dazu einen ernsthaften Konkurrenten zu benennen. Und wie immer ist es der persönlichen Empfindung zuzuweisen, wem was besonders und wem was weniger gefällt!! Auch ich höre bei manchen seiner Arien auf der Platte nicht nur Glanz, sondern auch Töne, die eine "Gaumigkeit" haben, Töne, die gepreßt klingen, nicht frei. Aber eben nicht beim Enzo!


    Übrigens möchte ich mich als ausgesprochener Corelli-Fan outen, dessen "a te o cara" für mich in der Spitzenliste aller Tenorarien ganz vorne steht, genau wie ich Björling sehr, sehr hoch einschätze und sein "che gelida manina" sogar unangefochten als Nummer 1 in dieser Arie benennen würde. Dabei weiß ich und akzeptiere, daß andere anders empfinden können (mir gefällt auch Gianni Raimondi, auch Big P). Ich habe von Lanza nur diese eine Platte, auch bei YT ist nicht die Vielfalt, die Corelli, Björling oder auch Monaco (für mich der beste Othello, ich beneide jeden, der diese Oper mit Monaco/Tebaldi live erlebt hat) präsent macht. Leider, denn mit 38 zu sterben, ohne richtig zeigen zu können was er wirklich kann, das ist tragisch, genau wie bei Wunderlich, Anders, Anheisser uva., die früh, viel zu früh von uns gegangen sind. Lanza hat es nicht verdient, vergessen zu werden. Und das mit der Strahlkraft bei "cielo e mar", das muß ja sogar nemorino zugeben. Aber wenn er richtig gelesen hat, dann wäre ihm sicher aufgefallen, daß nach meiner Meinung Strahlkraft bei einem Tenor eines der charakteristischen Merkmale ist und den Wiedererkennungswert fördert. Und jeder, der Stimmen erkennen möchte, der wird bei Lanza sofort fündig. Nochmals - schade, daß er aus seinem Riesentalent nicht mehr gemacht hat.

    Hätte ich mich zu Mario Lanza geäußert - und ich hatte es erwogen, nahm aber aus einer gewissen Verschämtheit Abstand davon - es wäre genau das herausgekommen, was Du hier schreibst, lieber La Roche.

    Lieber Helmut, danke für diesen Satz. Lanza gehört wohl für uns beide zu den Jugenderinnerungen, die entscheidend für unseren musikalischen passiven Lebenslauf waren. Das lassen wir uns nicht nehmen.
    Herzlichst La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Bei Wikipedia finden wir:


    Zitat

    Lanza galt dank seiner Hollywood-Filme in den 1950er-Jahren als der bekannteste Opernsänger der Welt.


    Hier haben wir schon die Einschränkung:


    "Dank seiner Hollywood Filme" So etwas ist natürlich gut für die Popularität,wird aber von der "Fachwelt" immer mit Skepsis, von den Kollegen mit Neid und von "Kennern" mit Ablehnung bestraft.
    Die Launenhaftigkeit, der Alkoholismus und der Mangel an Ausbildung machte aus ihm für die Gegner ein "gefundesnes Fressen"
    Und bevor seine Opernkarriere noch richtig begonnen hatte, war sie auch schon vorbei, Lanza sang (von Ausnahmen abgesehen) hauptsächlich "Schmachtfetztenrepertoire", was an sich keine Schande ist, denn kaum ein Tenor konnte sich diesem Genre entziehen. Bei Lanza ist es aber so, daß er vorzugsweisen mit diesem in erinnerung geblieben ist.
    Dennoch - es gibt "ganz große" Opernsänger der Vergangenheit, deren Name heute weniger bekannt ist, als jene von Mario Lanza. Ei früger Tod fördert die Legendenbildung.....


    mfg aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !


  • So ist es. Auch ich kenne einige seiner Filme, die früher öfter mal im TV liefen. Und ich meine, er hatte schon eine bemerkenswerte Stimme.
    Aber er war, wie es so schön heißt, "ein ungeschliffener Diamant" und hat sich für den schnellen Erfolg mit eben diesen Filmen vermarkten lassen.
    Darunter litt natürlich eine echte Opernsängerkarriere, bzw. es kam ja nicht dazu. So weit ich weiß, hat er wohl nur ganz wenige Male auf einer Opernbühne gestanden.

    Zitat

    Hätte ich mich zu Mario Lanza geäußert - und ich hatte es erwogen, nahm aber aus einer gewissen Verschämtheit Abstand davon - es wäre genau das herausgekommen,
    was Du hier schreibst, lieber La Roche.
    Ich lernte ihn ihm Kino kennen,und war von der Art und Weise, wie er mit viel Pathos und einem geradezu strahlenden Tenor populäre italienische Arien sang, derart hingerissen,
    dass ich - bitte nicht lachen- selber anfing, diese Musik zu schmettern, - im Wald allerdings, wohl wissend, dass man das keinem anderen Menschen
    als Hörer zumuten kann.

    Lieber Helmut,
    kein Grund darüber zu lachen! Ich finde Dein persönliches Bekenntnis großartig, kann das absolut verstehen und habe mich, im positiven Sinne, darüber köstlich amüsiert.
    Und möchte aus aktuellem Anlaß dazu etwas von mir ergänzen:
    Gestern abend waren wir wieder zu einer beglückenden Theatervorstellung von "Rigoletto" in Liberec /Reichenberg.
    Rigoletto ist ja eine meiner Lieblingsopern und die kenne ich natürlich in - und auswendig. Und voller Vorfreude habe ich über den Tag verteilt, immer mal das eine oder andere
    Tenorstück daraus vor mich "hingesungen". Und als ich zum wiederholten mal bei "E il sol dell`anima..." war, meinte meine Frau - nun könntest Du aber langsam mal aufhören!
    Darauf ich - singe, wem Gesang gegeben! Darauf sie - Dir ist aber keiner mehr gegeben! Womit sie ja wohl (im Gegensatz zu früheren Zeiten) nicht ganz Unrecht hat.


    Und der wirkliche, echte Tenor gestern Abend, war dann auch tatsächlich wesentlich besser als ich.
    Herzliche Grüße
    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • mit keinem Ton habe ich gesagt, daß Mario Lanza der beste Tenor aller Zeiten wäre.


    Lieber La Roche,


    das habe ich auch gar nicht so verstanden. "Bester Tenor (oder sonstwas) aller Zeiten" gibt es sowieso nicht, vor solchen Pauschalurteilen sollte man sich immer hüten.


    Eigentlich hatte ich zum Lanza-Thread gar nichts sagen wollen, aber Deiner Aufforderung, Sänger zu nennen, die mit gleicher Strahlkraft wie Mario Lanza singen können, konnte ich nicht widerstehen. Da fielen mir ganz spontan Björling und Corelli ein, die IMO mindestens die gleiche Strahlkraft, aber bedeutend mehr Stilgefühl als Lanza haben. Dass Lanza eine glänzende Naturstimme hatte, wird niemand ernsthaft bestreiten wollen, aber man darf doch bedauern, dass er so wenig daraus gemacht hat. Mit Fleiß und Ausdauer hätte sicher ein guter Opernsänger aus ihm werden können. Aber diese Eigenschaften besaß er leider nur in sehr begrenztem Maße. Er ist wohl zu schnell bekannt und berühmt geworden, und das ist ihm nicht gut bekommen ….. Ein "ungeschliffener Diamant" ist wohl die treffende Bezeichnung für den früh verstorbenen Sänger.


    schade, daß er aus seinem Riesentalent nicht mehr gemacht hat.

    Genau so ist es! Wenn er nicht so sehr mit seinen Pfunden (damit ist nicht sein Körpergewicht gemeint :D ) gewuchert und vor allem mehr Selbstdisziplin gehabt hätte, würde die Nachwelt wahrscheinlich ganz anders von ihm sprechen. Doch das muß Spekulation bleiben.


    LG, Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Vielen Dank lieber Greghauser für diesen Hinweis.

    Ich hatte schon immer ein Faible für diese kraftvolle Stimme. So leidenschaftlich gesungen habe ich noch keinen André Chénier vernommen. Das wäre die Rolle seines Lebens gewesen :hail:

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Lieber Greghauser,


    danke für dieses kleine Geschenk. Genau wie Siegfried mag ich diese Stimme und bedaure, daß er sein Leben und seine Karriere selbst zerstört hat.

    Mir gefällt aus Deiner Einstellung besonders das Lamento des Federico. Seine klare, in der Höhe metallische (aber manchmal auch gepreßt klingende ) Stimme läßt besonders bedauern, daß er die Nachwelt nicht mit noch mehr Beispielen seiner Gesangskunst beglücken konnte.

    Zum Andre muß ich sagen, daß die Kraft seiner Stimme durch die Klavierbegleitung etwas abgeschwächt rüberkommt. Ich habe eine Aufnahme von Eterna (Mario Lanza singt seine Lieblingsarien, darunter eben auch diese Arie), wo er begleitet wird von einem "Opernorchester unter Leitung von Ray Sinatra (mehr steht nicht drauf), und da klingt sein Tenor noch leidenschaftlicher, temperamentvoller, kraftvoller und voller Glanz. Siehe auch meinen Beitrag #64 hier im Thread.


    Herzlichst La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Vielen Dank lieber Greghauser für diesen Hinweis.

    Ich hatte schon immer ein Faible für diese kraftvolle Stimme. So leidenschaftlich gesungen habe ich noch keinen André Chénier vernommen. Das wäre die Rolle seines Lebens gewesen :hail:

    Jetzt, wo ich meine neue CD höre, denke ich mir das ehrlich gesagt öfter. Chenier, aber auch Radames, Alfredo, Alvaro … das klingt alles nach Rollen des Lebens! Aber das "Improviso" mit Klavier und Stimmen im Hintergrund (weil es vermutlich nur der Mitschnitt einer Gesangsstunde ist) schlägt wirklich alles.



    Lieber Greghauser,


    danke für dieses kleine Geschenk. Genau wie Siegfried mag ich diese Stimme und bedaure, daß er sein Leben und seine Karriere selbst zerstört hat.

    Mir gefällt aus Deiner Einstellung besonders das Lamento des Federico. Seine klare, in der Höhe metallische (aber manchmal auch gepreßt klingende ) Stimme läßt besonders bedauern, daß er die Nachwelt nicht mit noch mehr Beispielen seiner Gesangskunst beglücken konnte.

    Danke für das Lob. Aber die Einstellungen sind nicht von mir, sondern von echten Lanza-Experten.

  • Liebe 'Taminos',


    da ich mich in den letzten Wochen viel mit Mario Lanza beschäftigte und seine acht Musikfilme in dem Thread Mario Lanza und seine Filme detailliert vorgestellt habe, möchte ich nun auf seine sehr zahlreichen akustischen Dokumente eingehen.


    Wie man in diesem Thread mit dem provokanten Titel Mario Lanza – Verkanntes Genie? nachlesen kann, wird er von den 'Taminos' durchgehend kontrovers beurteilt. Dabei ist seine Popularität – vor allem in den USA, in Großbritannien und Italien – auch sechzig Jahre nach seinem Tod ungeschmälert und wird im nächsten Jahr zu seinem hundertsten Geburtstag vermutlich zunehmen. Mario Lanza war weder verkannt, noch ein Genie. Aber er ist innerhalb der Musikgeschichte ein Phänomen: ein klassisch ausgebildeter Sänger mit einem beachtlichen Stimmpotential, einem sofort erkennbaren Tenor-Timbre mit Höhenglanz und von überrumpelnder Virilität, einer guten Optik und darstellerischem Talent - der nur ein paar Mal auf der Opernbühne stand, der hauptsächlich durch Filme, Rundfunk- und Schallplattenaufnahmen und nur mit einem (allerdings weitgefächerten) Repertoire von Opernarien, Songs aus Musicals und Filmen sowie unzähligen Liedern des 'leichten' Genres unsterblich geworden ist!


    Dadurch ist er vielen Freunden der klassischen Musik verdächtig, denn 'Kunst' muss ernst sein und ernst genommen werden, zumal Mario Lanza durch eine penetrante Hollywood-Vermarktung („The American Caruso“) und eine skandalsüchtige Presse kaum dem Bild eines 'seriösen' Künstlers entspricht. (Überhaupt habe ich mit dem Begriff 'Kunst' – auf den Gesang bezogen – Schwierigkeiten; ist es denn weniger 'Kunst', wie z. B. Ella Fitzgerald, Judy Garland, Doris Day, Lena Horne, Barbara Cook oder Barbra Streisand sangen, nur weil es andere Formen von Musik sind?)


    Es hängt bei den darüber geführten Diskussionen doch davon ab, von welchem Standpunkt aus man an das Thema herangeht. Da ich u. a. auch ein bekennender Anhänger der 'klassischen' amerikanischen Unterhaltungsmusik bin, habe ich bei Mario Lanza keine Probleme mit seiner Anerkennung wie einige andere 'Taminos', die nur in der E-Musik („E“ wie ernst!) verwurzelt sind und diesen Sänger ausschließlich mit Interpreten der Klassik vergleichen. (Dasselbe gilt auch für Mario Lanzas Filme, die man als solche sehen muss, was sie genau genommen sind: der Unterhaltung des Publikums und dem Herausstellen eines 'Stars' dienende Streifen ohne den Anspruch, filmische Meisterwerke zu sein.)


    Maria Callas und Mario Lanza sind wohl die am meisten diskutierten und auch am kontroversesten beurteilten Sänger des zwanzigsten Jahrhunderts und bei beiden ging es in den häufig polemisch geführten Auseinandersetzungen nicht nur um ihren Gesang, sondern auch um ihre Persönlichkeit. Tatsächlich gibt es Parallelen, denn beide waren starken Anfeindungen ausgesetzt, allerdings zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihrer (in beiden Fällen) kurzen Laufbahn. 'Die' Callas polarisierte die Opernfreunde anfangs vor allem mit der 'Fremdartigkeit' ihres Stimmtimbres und ihrem fanatischen gesanglichen Ausdruckswillen, allerdings auch mit einem unattraktiven Äußeren; es dauerte gut zehn Jahre, bis sie sich durchgesetzt hatte - nicht zuletzt durch eine radikale Änderung ihres Aussehens herbeigeführt, was aber nach Meinung vieler Gesangsexperten auf Kosten ihrer stimmlichen Möglichkeiten geschah. Durch eine unglückliche Jugend hatte sie einen gewaltigen Minderwertigkeitskomplex und – wie es oft vorkommt - als Korrektiv dazu ein übersteigertes Selbstwertgefühl entwickelt: eine Kombination, die häufig zu negativen Überreaktionen und provokativen öffentlichen Statements führte, womit Maria Callas der – auch nicht-musikalischen - Öffentlichkeit ausreichend Angriffsflächen bot.


    Mario Lanza wurde – vor allem nach dem riesigen internationalen Erfolg des Films „The Great Caruso“ - durch ein geschicktes Marketing der Film- und Schallplattenindustrie in die Rolle des 'Caruso-Nachfolgers' gedrängt; ein 'Kostüm', das für ihn viel zu groß war und das er nicht ausfüllen konnte, was keiner so gut wusste wie er selbst. Akzeptiert wurde er in der Filmwelt – für die er nur ein 'Exot', ein schauspielender Sänger und Stimmbesitzer war – ebenso wenig wie von den Opernkennern, weil er ihnen durch seine mediokren Filme und seine auf Popularität abzielenden Schallplattenaufnahmen verdächtig war, zumal er keine Bühnenpraxis vorweisen konnte. Mehrere diesbezügliche Angebote – z. B. für die Titelrolle in „Andrea Chenier“ in Los Angeles im Oktober 1950 (mit Licia Albanese und Robert Weede unter Fausto Cleva) oder für die gleiche Rolle zur Saisoneröffnung an der Mailänder Scala im Dezember 1950 (Victor De Sabata lud ihn persönlich dazu ein) - lehnte er nach längerer Überlegung ab; auch ein Vorsingen bei Arturo Toscanini kam nicht zustande. (Die in späteren Jahren immer mehr erhobene Forderung nach einem öffentlichen Auftritt in einer kompletten Opernaufführung – quasi als Legitimitätsbeweis - wies er mit der Begründung zurück, dass er dies wohl nicht unbeobachtet tun könnte, weil es sofort von der allgegenwärtigen Presse ausgeschlachtet würde.) Nach Aussagen vieler Musiker, die mit ihm zusammen arbeiteten, fehlte es nicht an der nötigen körperlichen Stamina und der geistigen Aufnahmefähigkeit, auch war das Stimmvolumen groß genug, um ein Opernhaus zu füllen. Vermutlich war die Achtung vor seinen 'echten' Opernkollegen, denen Lanza geradezu demütig gegenüber trat, und die Angst, in ihrer Gegenwart zu versagen, doch zu groß.


    Diese negativen Gefühle überspielte er für die Öffentlichkeit mit einem aufgesetzten, künstlichen Selbstbewusstsein (was ihm dann als 'Star-Allüren' ausgelegt wurde), privat aber beruhigte er sein Gewissen mit zunehmendem Alkohol-Konsum und einem unkontrollierten Ess-Verhalten, was zusammen mit den ihm von den Film-Verantwortlichen immer wieder verordneten Diät-Gewaltkuren zu einer früh zerrütteten Gesundheit führte. Als sein Management darauf drängte, den nur von der Kinoleinwand, dem Fernsehbildschirm und der Schallplatte her bekannten Sänger seinem internationalen Publikum in Form von Konzerten auch 'leibhaftig' zu präsentieren, kam noch das Problem von panikhafter Versagensangst hinzu. Trotz eines intakten Familienlebens, relativem Wohlstand (der Sänger hielt sich, wie auch Beniamino Gigli, eine Art 'Hofstaat ' und geriet wie dieser deshalb einige Male in finanzielle Schieflage), allem äußeren Glamour und der Verehrung durch eine in die Millionen gehende Anhängerschaft war Mario Lanza letzten Endes wohl ein zutiefst unglücklicher Mensch.


    Doch zuerst möchte ich auch noch einige Dinge in Mario Lanzas Biographie klarstellen, die sich durch ständiges Kolportieren – auch hier im Forum – falsch festgeschrieben haben.


    Alfred Arnold Cocozza (mit Eltern von italienischer Herkunft) wuchs als Einzelkind im „Little Italy“-Viertel in Philadelphia auf und half nach der Schulzeit (mittelmäßiger Schüler, guter Sportler) im Lebensmittelgeschäft seines Großvaters aus. Sein aus Neapel stammender Vater war ein großer Verehrer des Tenors Enrico Caruso und sammelte dessen Schallplatten; der junge 'Freddy' wuchs quasi mit dieser Stimme auf, sang zu diesen Schallplatten, nahm auf Betreiben des Vaters Geigenstunden und später als Neunzehnjähriger auch Gesangsunterricht bei der ehemaligen Opernsängerin Irene Williams; seinen Lebensunterhalt verdiente der mittelgroße (1,70 m) und kräftige junge Mann als LKW-Fahrer für ein Transportunternehmen in Philadelphia. (Aus dieser Zeit existiert eine Schallplatte, die „Freddy“ 1940 zum Geburtstag seines Vaters aufnahm.)


    Seine Lehrerin machte den Konzertmanager William K. Huff auf ihren talentierten Schüler aufmerksam, der über Serge Koussevitzky, den befreundeten Dirigenten und Lehrer an der Musikakademie in Philadelphia, für „Freddy“ ein Stipendium erreichte. (Die Geschichte, dass Mario Lanza 'entdeckt' wurde, als er beim Transport eines Klaviers in die Musikakademie half, sich an das Klavier setzte und dabei sang, ist eine typische Hollywood-Story, wie sie auch in Lanzas erstem Spielfilm „That Midnight Kiss“ erzählt wird.) Koussevitzky – auf dessen Rat der junge Sänger nach dem Mädchennamen seiner Mutter, Maria Lanza, seinen Künstlernamen wählte – lud den jungen Mann zum „Berkshire Music Festival“ in Tanglewood (Massachusetts) ein, wo junge aufstrebende Musiker wie Leonard Bernstein, Lukas Foss und Boris Goldowsky als Korrepetitoren mit den Gesangs-Studenten deren Partien einstudierten. Am 7. 8. 1942 kam es zum Debüt von Mario Lanza als 'Fenton' in zwei Aufführungen von Otto Nicolais „Die lustigen Weiber von Windsor“ (natürlich als „The Merry Wives of Windsor“); den Falstaff sang übrigens James Pease. Auch wirkte Mario in zwei Aufführungen des dritten Aktes aus „La Bohème“ mit, dirigiert von Leonard Bernstein..


    Das „Berkshire Music Festival“ galt als viel beachtetes Sprungbrett für eine Musiker-Karriere und so fanden sich dort 1942 nicht nur zahlreiche Agenten und Kritiker ein, sondern auch 'Talent Scouts' der wenigen amerikanischen Opernbühnen wie auch von Schallplattenfirmen; die 'RCA Victor Company' bot Mario einen Vertrag an und zahlte als Vorschuss 3000 $! Doch durch die Einberufung des hoffnungsvollen jungen Mannes zum Militär kam es nicht zu den vorgesehenen Probeaufnahmen. Bei der Air Force gab es zur Unterhaltung der Rekruten eine dem „Army Entertainment Unit“ angehörende reisende Truppe, die das Musical „On the Beam“ ('Im Lichtstrahl') aufführte; 'Private Cocozza', eigentlich stationiert in Marfa (Texas) und von einem musikbegeisterten Sergeanten durch die auch im Militärdienst beibehaltenen Stimmübungen 'entlarvt' – auch das wurde in einem Lanza-Film („Because You're Mine“) thematisiert - war mit von der Partie und bereiste Armee-Stützpunkte in den Vereinigten Staaten. Später folgte noch die 1944 von Hollywood (Regie: George Cukor) verfilmte Revue „Winged Victory“ mit Lanza in einer kleinen Rolle.


    Nach dem Krieg aus der Armee entlassen, machte Mario Lanza im Juni 1945 seine ersten Test-Aufnahmen für 'RCA' (u. a. Leoncavallos „Mattinata“, mit Klavierbegleitung, als Tondokument erhalten); weil man aber der Stimme noch Zeit zum Reifen geben wollte, kam es erst im Mai 1949 zu seinen ersten kommerziellen Aufnahmen, die auf Schelllackplatten und den neu eingeführten EPs veröffentlicht wurden. In der Zwischenzeit war der Tenor monatelang für Jan Peerce in der Rundfunk-Sendereihe „Great Moments in Music“ eingesprungen (u. a. mit dem Dirigat von Georges Sébastian), hatte sich einen Manager (Sam Weiler) genommen und bei Enrico Rosati, einem der Lehrer Beniamino Giglis, seinen Gesangsunterricht für über ein Jahr fortgesetzt. Bei einem seiner vielen Solo-Konzerte lernte er im April 1947 den Pianisten und Dirigenten Constantine Callinicos kennen, der in den 50er Jahren hauptberuflich Korrepetitor an der New York City Opera war. (Die Persönlichkeit Callinicos' – er schrieb auch eine umstrittene Biographie über Mario Lanza - und sein Einfluss auf den Sänger geben bis heute Anlass zu Spekulationen.)


    Ab Juli 1947 tourte er zusammen mit der Sopranistin Frances Yeend, die später an der New York City Opera zu den Stützen des Ensembles gehörte, und dem später weltberühmten Bass-Bariton George London als das von der Agentur 'Columbia Artist Management' gegründete „Bel Canto Trio“ für zehn Monate durch Nord-Amerika; die Tournee nahm am 19. 7. 1947 mit einem Freiluft-Konzert im 'Grand Park' in Chicago (Dirigent: Paul Breisach) ihren Anfang. Am 28. 8. 1947 fand dann jenes legendäre Konzert - mit Mario Lanza und Frances Yeend unter dem Dirigat von Eugene Ormandy - in der 'Hollywood Bowl' in Los Angeles statt (wovon es inzwischen einen mehrfach auf CD veröffentlichten Mitschnitt gibt), bei dem der mächtige 'Film-Mogul' Louis B. Mayer von 'Metro-Goldwyn-Mayer' (MGM) im Publikum saß. (So wurde es zumindest der Presse mitgeteilt; in Wahrheit war es wohl eine anwesende Sekretärin Mr. Mayers, die Mario Lanza hier für den Film entdeckte.)


    Weitere Details zu seiner Biographie habe ich der jeweiligen Besprechung seiner einzelnen Filme im Thread Mario Lanza und seine Filme hinzugefügt. Nächste Woche beginne ich dann mit der Auflistung seiner Tondokumente.


    Viele Grüße!


    Carlo

  • Schade, dass auf diesen Bericht von Carlo kein Echo gekommen ist. So ist es an mir, bezüglich der Biografie Mario Lanzas noch zwei Fragen zu stellen:


    - Constantine Callinicos: lebt der noch? Manche Quellen geben an, dass er heute 107 Jahre alt ist. Welche Spekulationen sind das, von denen du schreibst?


    - Könntest du, lieber Carlo, die Biografie noch fortsetzen bis zu den Auftritten Lanzas auf der Opernbühne von New Orleans? Wie ordnest du seine Vorstellungen ein? Seine Opernauftritte wären doch noch eine Analyse wert. Das wäre dann eine runde Sache, denn danach hast du ja bei deinen Filmvorstellungen auch immer wieder Biografisches geschrieben.

  • Lieber "Carlo",


    zunächst einmal Dank und tiefen Respekt für all das, was Du zu Mario Lanza zusammenträgst. Ich war noch sehr jung, als er starb, aber eine meiner ersten LPs war "Mario Lanza-Golden Records"- habe sie längst verloren. Er war damals ein Superstar, nur noch mit Frank Sinatra zu vergleichen (den ich alles in allem für den größten Pop-Sänger des 20. Jahrhunderts halte...).

    Auf Deine Besprechung der Tondokumente bin ich gespannt, besonders auf die seiner letzten stereophon aufgenommenen Aufnahmen, zum Teil ja in Living Stereo ("Mario!"). Vor mir liegt eine schöne CD der mir bis dato unbekannten Marke "Sepia Records". Vielleicht könntest Du zu diesen Wiederveröffentlichungen auch etwas sagen, hinsichtlich Inhalt und technischer Aufbereitung...


    VG

    Otello 50

  • Hallo, Gregor und 'Otello 50'!


    Von einigen 'Lanza-Experten' wurde mehrfach darüber spekuliert, wie die Karriere des Sängers verlaufen wäre, wenn er statt mit Constantine Callinicos – der 1986 im Alter von 73 Jahren starb - mit einem anderen Korrepetitor (das war Callinicos' Hauptaufgabe an der New York City Opera) und Dirigenten zusammen gearbeitet hätte - jemand, der ihn mehr gefordert und der vielleicht auch mehr Erfahrung besessen hätte. (Wobei es vermutlich mit anderen musikalischen Leitern zu Spannungen gekommen wäre, aber auch Kontroversen können befruchtend sein.) Mario Lanza schätzte vor allem wesentlich ältere Musiker und hoffte, von ihrem Wissen zu profitieren; Gleichaltrigen stand er manchmal kritisch gegenüber.


    Wie in meinem obigen Beitrag schon berichtet, hat Mario Lanza durchaus mit renommierten Dirigenten zusammen gearbeitet, aber das beschränkte sich auf einige wenige Proben und Konzerte. Mit Constantine Callinicos - von Lanza 'Costa' genannt - studierte er seine 'klassischen' Arien und Lieder ein und setzte ihn bei der 'RCA' als ständigen Dirigenten dafür durch. Für die weit über zweihundert Lieder und Canzonen in Lanzas Repertoire waren überwiegend Ray Sinatra und Henri René die musikalischen 'Impulsgeber'. Ob es seitens Lanzas nur Bequemlichkeit oder aber Unsicherheit war, sich auf neue und andere Persönlichkeiten einzulassen, ist spekulativ. Er war wohl ein Sänger, der einen musikalischen Weggefährten brauchte, zu dem er Vertrauen hatte und der mit ihm 'umgehen' konnte, und das war Callinicos zweifellos. (Über seine – über die Begleitung Mario Lanzas hinausgehenden - Qualitäten als Dirigent und Pianist ist nichts bekannt; nach Mario Lanzas Tod hat er nur noch eine Schallplatte mit griechischer halb-folkloristischer Orchestermusik eingespielt.)


    Bezeichnend ist, dass „Lanza on Broadway“ - von Irving Aaronson geleitet – als das schlechteste seiner Recitals gilt, weil dieser Dirigient dem Sänger dabei zuviel Freiheiten ließ. Ich kenne nur Teile dieser LP, die ich in der Zusammenstellung „Mario Lanza in his Greatest Hits from Operettas and Musicals“ ('RCA' VCS-6192 / 3 LPs) habe, aber hier singt der Tenor so, als ob er nur daran interessiert war, seine Prachtstimme zu zeigen. Mit 'gestandenen' Musical-Experten wie Franz Allers, Lehman Engel oder Johnny Green wäre wohl ein anderes Ergebnis erzielt worden.


    Zuletzt muss auch berücksichtigt werden, dass die 'RCA' für ihre 'Lanza-Recordings' – die von 1949 bis 1956 überwiegend in Hollywood entstanden – wenig Zeit und Geld investierte; meistens reichte eine Probe und nur ein 'Take' für die Aufnahme eines Titels. Der Produzent Richard Mohr (bekannt für seine vielen großartigen Operngesamtaufnahmen bei der 'RCA'), der für die frühen Aufnahmen Mario Lanzas Ende der 40er Jahre zuständig war, hat berichtet, dass der Sänger in den Phasen seiner Diätkuren nicht nur psychisch, sondern auch stimmlich wenig belastbar war und nur möglichst schnell die 'Recording Sessions' hinter sich bringen wollte.


    Das Angebot, in Puccinis „Madama Butterfly“ aufzutreten, kam vom damaligen Leiter der New Orleans Opera Association, dem aus Deutschland stammenden Dirigenten Walter Herbert. Dass es nur ganze zwei Aufführungen (am 8. und 10. 4. 1948) waren, lag daran, dass im von Franzosen gegründeten und erst seit 1803 zu Amerika gehörenden New Orleans – wo man bereits im 18. Jahrhundert Opern spielte – damals nur zweimal im Jahr (im Frühjahr und im Herbst) lediglich zwei Opern und diese auch nur je zweimal gespielt wurden. (Seit 1859 gab es in New Orleans ein Opernhaus, das aber 1919 ein Opfer der Flammen wurde, und danach spielte man in verschiedenen großen Mehrzweckhallen, im Falle dieser „Madama Butterfly“ im 'Municipal Auditorium'. Erst 1973 wurde ein neues Opernhaus erbaut, das 'New Orleans Theatre of the Performing Arts', das - eröffnet mit „Madama Butterfly“ - 2005 durch den Hurrican 'Katrina' zerstört wurde.)


    Die Partner von Mario Lanza als Ltnt. Pinkerton in Puccinis „Madama Butterfly“ waren die japanisch-stämmige Amerikanerin Tomiko Kanazawa in der Titelrolle, Rosalind Nadell von der New York City Opera war die Suzuki und den Konsul Sharpless sang der Bariton Jess Walters, der später lange am Royal Opera House, Covent Garden, in London im Ensemble war; es dirigierte Walter Herbert. Wenn man Lanzas Biographen glauben darf, waren die Kritiken für sein professionelles Operndebüt in dieser relativ kurzen (und von den Tenören wegen der Rollencharakteristik wenig geliebten) Partie sehr gut, worauf ihm Walter Herbert anbot, in der nächsten Saison den Alfredo in „La Traviata“ (neben Eleanor Steber) zu singen.


    Dass es nicht zu weiteren Opernauftritten von Mario Lanza kam, liegt einmal daran, dass es in den Vereinigten Staaten damals kaum Opernhäuser gab und diese (außer der Metropolitan Opera und der New York City Opera) verfügten über kein ständiges Ensemble, sondern die Sänger wurden für die einzelnen - zeitlich sehr begrenzten - Spielzeiten von den meist privat finanzierten Operngesellschaften von Aufführung zu Aufführung engagiert. (Kein Wunder, dass in den 50er Jahren der 'Run' amerikanischer Sänger auf die europäischen Opernbühnen begann – hauptsächlich nach Deutschland, das bis heute in seiner Dichte an Theatern noch immer weltweit führend ist.) Der zweite - und wohl naheliegendste - Grund für Lanzas 'Opernabstinenz' ist in der Tatsache zu sehen, dass er schon seit dem legendären Konzert in der 'Hollywood Bowl' am 28. 8. 1947 seinen Sieben-Jahres-Vertrag mit MGM in der Tasche hatte und mit einer Gage von 15.000 $ für seinen ersten Spielfilm „That Midnight Kiss“ - nach dem Erfolg des Films nachträglich um 10.000 $ erhöht – ein Opernengagement für ein paar hundert Dollar pro Aufführung nicht mehr in Betracht zog.


    Carlo

  • Liebe "Lanza-Fans",



    gleich zu Beginn muss ich einige Erwartungen dämpfen – ich bin kein 'Mario-Lanza-Experte'! Ich bin lediglich seit Jahrzehnten mit seiner Stimme vertraut, habe mehrere Schallplatten und CDs von ihm und sieben seiner Filme auf VHS-Kassetten (dank 'Tamino' ist kürzlich auch noch ein achter Film - „The Student Prince“ - hinzugekommen). Außerdem habe ich noch das schmale Buch „Mario Lanza – Tragödie einer Stimme“ von Hermann M. Hausner von 1962 und diverse Zeitschriftenartikel, ergänzt um Internet-Recherchen. Ich habe (bisher) keine der sieben CDs von der - mit Wiederveröffentlichungen von anglo-amerikanischer Unterhaltungsmusik bekannt gewordenen – Londoner Firma 'Sepia Records Ltd.' (vergleichbar mit der deutschen 'Bear Family Records GmbH' auf einem Bauernhof bei Bremen), denen sicher im Hinblick auf Mario Lanzas 100. Geburtstag im kommenden Jahr noch einige folgen werden; seine Aufnahmen von Geistlicher Musik und seine Weihnachtslieder fehlen bisher noch.


    Um sich in seiner umfangreichen Discographie zurechtzufinden, werde ich in mehreren Teilen seine Recitals (in chronologischer Abfolge) hier vorstellen, wobei ich mich auf die Erstveröffentlichungen - auf Langspielplatten und einige mir vorliegende Compact-Discs - beschränke; die nach seinem Tod 1959 einsetzende Flut von Kompilationen seiner Aufnahmen muss wegen der großen Anzahl und Unübersichtlichkeit ausgespart bleiben. Auch werde ich diese Schallplatten nicht bewerten; es soll jedem selbst überlassen sein, sich ein (akustisches) Bild dieses umstrittenen Sängers zu machen. Eines wird aber doch deutlich, nämlich dass – abseits der von manchen Melomanen angelegten strengen Kriterien - die Stimme Mario Lanzas zu den großen 'Immortal Voices' der Gesangsgeschichte zählt.


    Zu der immer wieder kolportierten Vermutung, Mario Lanza (wie auch angeblich Lauritz Melchior, Ezio Pinza oder Luciano Pavarotti) habe keine Noten lesen können, gibt es keine zeitgenössischen Aussagen von Sänger-Kollegen oder Dirigenten, die mit ihm gearbeitet haben. Es ist schwer vorstellbar, wie er die schiere Anzahl der von ihm im Radio – manchmal sogar 'prima-vista' - und auch in Konzerten live gesungenen Titel memoriert haben kann. Und auch die in der Presse oft geäußerte Behauptung, dass es seiner Stimme an dem entsprechenden Volumen für die Opernbühne fehlen würde, steht im Widerspruch zu vielfach überlieferten Aussagen von Konzertbesuchern, dass auch in riesigen Hallen seine Stimme auch auf weit entfernten Plätzen klar und deutlich zu hören war – und er sang stets ohne Lautsprecherverstärkung! (Bei seinem Abend am 16. 1. 1958 in der ausverkauften Royal Albert Hall - mit 7000 Sitzplätzen - wies er selbst das Publikum auf die auf dem Podium postierten Mikrophone hin, weil das Konzert für die Schallplatte mitgeschnitten wurde; drei Tage später wiederholte er das Konzert ohne Mikrophone. Allerdings verweigerte Mario Lanza später seine Einwilligung zur Veröffentlichung dieses Mitschnitts, der erst nach seinem Tod 1960 auf Schallplatten erschien.)


    Als das früheste Tondokument von Mario Lanzas Stimme gilt eine Privataufnahme (mit Klavierbegleitung) von Gaetano Enrico Penninos „Pecché?“, die der Neunzehnjährige 1940 zum Geburtstag seines Vaters auf eine Schelllackplatte pressen ließ. ('Freddie' – ein Einzelkind und ein ausgesprochener Familienmensch – war seinen Eltern stets ein ihnen in Dankbarkeit zugetaner Sohn. Da sein Vater Antonio Cocozza durch eine im Ersten Weltkrieg erlittene Verletzung invalid war, sorgten dessen Vater mit einem Kolonialwarengeschäft und Freddies Mutter, Maria Lanza, als Verkäuferin für das Familien-Einkommen, wobei sie noch eine zweite Arbeitsstelle antrat, um ihrem Sohn das Gesangsstudium zu finanzieren.) Nach seinem 'demob' aus der Armee ging Mario Lanza - wie er sich ab 1948 legal nennen konnte – im Juni 1945 nach New York, machte dort einige Testaufnahmen für 'RCA', sang im Rundfunk (u. a. als Einspringer für Jan Peerce in der Sendereihe „Great Moments in Music“) und unternahm für die Agentur 'Columbia Artists Management' Konzerttourneen (als Solist und mit dem „Bel Canto Trio“) durch die USA.



    Vor einigen Jahren tauchte ein klanglich akzeptabler Mitschnitt des Konzerts vom 28. 8. 1947 aus der 'Hollywood Bowl' auf, einer riesigen Freiluft-Arena bei Los Angeles und vergleichbar mit der Berliner 'Waldbühne'. Begleitet vom Hollywood Bowl Orchestra unter der Leitung von Eugene Ormandy sang Mario Lanza drei Arien und drei Duette mit seiner Partnerin im „Bel Canto Trio“, der Sopranistin Frances Yeend (der Dritte dieses Gesangs-Ensembles, George London, saß im Publikum). Die Aufnahme des gesamten Konzerts, bei dem Mario Lanza für 'MGM' entdeckt wurde, ist u. a. auf der folgenden CD von 'Myto' zu hören:


    "Mario Lanza, Frances Yeend, Eugene Ormandy - at the Hollywood Bowl 1947": „Passacaglia und Fuge in d-moll, BWV 582“ (Johann Sebastian Bach) – 'Una furtiva lagrima'+ („L'elisir d'amore“ / Gaetano Donizetti) – 'Un dì all'azzurro spazio guardai profondo'+ („Andrea Chenier“ / Umberto Giordano) – 'E lucevan le stelle'+ („Tosca“ / Giacomo Puccini) - „Vierte Symphonie in A-Dur, op. 90 – Erster Satz“ (Felix Mendelssohn-Bartholdy) – Motette „Exsultate, jubilate, KV 165 – Allelujah“* (Wolfgang Amadé Mozart) – 'Wie nahte mir der Schlummer'* („Der Freischütz“ / Carl Maria von Weber) – Lied „Kling!, op. 48/3“* (Richard Strauss) – 'O mia Violetta!... Parigi, o cara'*+ („La Traviata“ / Giuseppe Verdi) – 'Vogliatemi bene, un bene piccolino'*+ („Madama Butterfly“ / Giacomo Puccini) – 'O soave fanciulla'*+ („La Bohème“ / Giacomo Puccini) – Walzer „An der schönen blauen Donau, op, 314“ (Johann Strauß Sohn) / Frances Yeend* (Sopran) / Mario Lanza+ (Tenor) / The Hollywood Bowl Orchestra / Dirigent: Eugene Ormandy (Los Angeles, Hollywood Bowl, 28. 8. 1947) 'Myto' MCD 00303 (1 CD, Kroatien, 2012).


    Wer Mario Lanza in diesem Konzert – bei dem stets ein falsches Datum (27. 8. 1947) genannt wird – 'pur' hören möchte, ist mit der folgenden CD gut bedient, da sie auch noch einige Tonbeispiele aus der von Juni bis September 1951 von diversen amerikanischen Rundfunksendern ausgestrahlten „Mario Lanza Show“ enthält, die von der Getränke-Firma 'Coca-Cola' gesponsert wurde und daher als „Coke Show“ bekannt ist.


    "Mario Lanza Live at the Hollywood Bowl 1947": 'Una furtiva lagrima' („L'elisir d'amore“ / Gaetano Donizetti) – 'Un dì all'azzurro spazio guardai profondo' („Andrea Chenier“ / Umberto Giordano) – 'E lucevan le stelle' („Tosca“ / Giacomo Puccini) – 'O mia Violetta... Parigi, o cara'* („La Traviata“ / Giuseppe Verdi) – 'Vogliatemi bene, un bene piccolino'* („Madama Butterfly“ / Giacomo Puccini) – 'O soave fanciulla'* („La Bohème) / Frances Yeend* (Sopran) / The Hollywood Bowl Orchestra / Dirigent: Eugene Ormandy (Los Angeles, Hollywood Bowl, 28. 8. 1947) plus

    "The Mario Lanza Show 1951": „Funiculi – Funiculà“ (Luigi Denza) - „My song, my love“ (Malcolm Beelby) - „Diane“ (Ernö Rapée) – 'Thine alone' („Eileen“ / Victor Herbert) – „A vucchella“ (Paolo Francesco Tosti) – Serenata „Rimpianto“ (Enrico Toselli) - „Because you're mine“ (Nicholas Brodszky) - „The loveliest night of the year“ (Juventino Rosas – Irving Aaronson) – 'Mi batte il cor... O paradiso' („L' Africaine“ / Giacomo Meyerbeer) - „The rosary“ (Ethelbert Nevin) - „If... they made me a king“ (Tolchard Evans) - 'They didn't believe me' („The Girl from Utah“ / Jerome Kern) - „The Lord's prayer“ (Albert Hay Malotte) - „Be my love“ (Nicholas Brodszky) / An Orchestra / Dirigent: Ray Sinatra (Hollywood, Juni – September 1951) 'Gala' GL 311 (1 CD, Niederlande, 2000).



    Nach sechs Aufnahmen Anfang Mai 1949 in Zusammenhang mit Mario Lanzas erstem Spielfilm "That Midnight Kiss" (siehe den folgenden Beitrag) wurden Ende Oktober 1949 in Hollywood weitere vier Schallplatten-Einspielungen gemacht, die von 'RCA' sowohl auf Schelllackplatten (SP, 30 cm) wie auch auf den damals neuen Vinylplatten (EP, 17 cm) veröffentlicht wurden: „Lolita“ (Arturo Buzzi-Peccia“), „O sole mio“ (Eduardo Di Capua), „Granada“ (Agustin Lara“) und „Mattinata“ (Ruggero Leoncavallo), alle dirigiert von Ray Sinatra.


    In einer Woche beginne ich dann mit den ersten Schallplatten-Recitals von und mit Mario Lanza.



    Carlo

    2 Mal editiert, zuletzt von Carlo ()


  • Liebe 'Taminos',


    nun komme ich zu den Recitals von und mit Mario Lanza, wobei zu beachten ist, dass die von der 'RCA' veröffentlichten Schallplatten „That Midnight Kiss“, „The Toast of New Orleans“, „The Great Caruso“, „Because You're Mine“ und „The Student Prince“ nicht die Soundtracks der entsprechenden 'MGM'-Filme darstellen, sondern eigene Studio-Produktionen der 'RCA' sind. (Dadurch differiert manchmal Lanzas Interpretation des gleichen Musikstückes zwischen der Film- und der Schallplattenaufnahme - im 'klassischen' Sektor weniger als bei Titeln der Unterhaltungsmusik, die dem Interpreten einen freieren Umgang mit den Noten und der Dynamik erlauben.) Hingegen sind die Aufnahmen der 'RCA'-LPs „Serenade“, „Seven Hills of Rome“ und „For the First Time“ mit der Tonspur dieser Filme – die nicht von 'MGM' produziert wurden – identisch.



    In Zusammenhang mit Mario Lanzas erstem Spielfilm („That Midnight Kiss“ / 'Ein Kuss um Mitternacht') veröffentlichte 'RCA' 1949 unter dem Filmtitel auch die folgende Langspielplatte:


    That Midnight Kiss“: 'Che gelida manina' („La Bohème“ / Giacomo Puccini) - 'Celeste Aida' („Aida“ / Giuseppe Verdi) - „Mamma mia, che vo' sapé?“ (Emanuele Nutile) - „Core 'ngrato“ (Salvatore Cardillo) - „I know, I know, I know“* (Bronislaw Kaper) - 'They didn't believe me'* („The Girl from Utah“ / Jerome Kern) / RCA Victor Orchestra / Dirigenten: Constantine Callinicos und Ray Sinatra* (Hollywood, RCA Studio, Mai 1949) 'RCA Victor' LM-86 (1 LP, 25 cm). Diese Aufnahmen wurden auch in zwei Boxen angeboten: DM 1330 (3 SPs, 30 cm) und WDM 1330 (3 EPs, 17 cm).

    Die von Constantine Callinicos dirigierten vier Titel wurden am 5. 5. 1949 in Hollywood eingespielt und gelten als Mario Lanzas erste kommerzielle Schallplattenaufnahmen. (Vermutlich nahm er die Arie aus „La Bohème“ und das Lied „Core 'ngrato“ 1948 mit dem 'MGM'-Orchester unter Charles Previn - Vater von André Previn – zusammen mit den anderen Gesangsnummern des Films, der von November 1948 bis März 1949 gedreht wurde, auch auf, aber in der Endfassung von „That Midnight Kiss“ sind sie nicht enthalten.)



    Mario Lanzas zweiter Spielfilm trug den Titel „The Toast of New Orleans“ ('Der Fischer von Louisiana') und auch hier benutzte 'RCA' den Filmtitel 1950 für ihre Schallplattenveröffentlichung. Statt seiner Filmpartnerin Kathryn Grayson, die keinen Vertrag mit der 'RCA' hatte, sang Elaine Malbin von der New York City Opera mit Mario Lanza in den Duetten aus „La Traviata“ und „Madama Butterfly“:


    The Toast of New Orleans“: 'Libiamo ne' lieti callici'* („La Traviata“ / Giuseppe Verdi) - 'Stolta paura, l'amor non uccide... Dicon che oltre mare se cade'* („Madama Butterfly“ / Giacomo Puccini) - 'Mi batte il cor... O paradiso' („L' Africaine“ / Giacomo Meyerbeer) - 'La fleur que tu m'avais jetée' („Carmen“ / Georges Bizet) - 'M'appari, tutto amor' („Martha“ / Friedrich von Flotow) / Elaine Malbin* (Sopran) / RCA Victor Orchestra and Chorus / Dirigent: Constantine Callinicos (Hollywood, RCA Studio, April 1950) 'RCA Victor' LM-75 (1 LP, 25 cm). Auch hier gab es Veröffentlichungen auf Schelllack- (DM 1395 - 3 SPs, 30 cm) und Vinylplatten (WDM 1395 - 3 EPs, 17 cm).



    Die beiden obengenannten Schallplatten sind 2001 auch auf einer CD der Firma 'Naxos' in der Serie „Nostalgia“ (8.120547) veröffentlicht worden - ergänzt um die bei 'RCA' ursprünglich nur auf SP (DM 1417) und EP (WDM 1417) erschienenen Songs aus „The Toast of New Orleans“, die alle von Nicholas Brodszky komponiert und von Ray Sinatra im Juni 1950 dirigiert wurden: 'The Toast of New Orleans' - 'Boom Biddy Boom' - 'The Bayou Lullaby' – 'Tina-Lina' - 'I'll never love you' und 'Be my love'. (Diese CD enthält auch eine gesprochene Würdigung von Johnny Victor: „Mario Lanza – A Musical Story“.) Der Film, der von Oktober 1949 bis März 1950 entstand, übertraf die Einspielergebnisse des vorhergehenden Streifens enorm und „Be my love“ war Lanzas erster Millionen-Bestseller, der sich 34 Wochen in der USA-Hitparade in vorderster Position hielt. Dieses Lied war auch die Erkennungs-Melodie von Mario Lanzas wöchentlicher Radio-Show bei der 'NBC' (National Broadcasting Company), die im Oktober 1951 diese Sendereihe von 'CBS' (Columbia Broadcasting System) übernahm und ein ganzes Jahr lang produzierte. Der Sänger wurde so sehr mit diesem Song identifiziert, dass er sich manchmal im privaten Kreis in Form von Parodien darüber lustig machte.


    Viele Grüße!


    Carlo

  • ich bin kein 'Mario-Lanza-Experte'!

    Lieber Carlo,

    mit welchem Kenntnisstand darf man als »Mario-Lanza-Experte« gelten? Da hast Du ja eine Menge zusammengetragen! Auch ich wollte mal ein »Mario-Lanza-Experte« werden, dann stand ich in einer kalten Januar-Nacht mit meinem Freund vor der verschlossenen, dunklen Rhein-Main-Halle in Wiesbaden, wo Mario Lanza hätte auftreten sollen. Nach meinem Gedächtnis könnte das in den späten 1950er Jahren gewesen sein. Damals konnte man das nicht so einfach recherchieren, ob ein Konzert nun stattfindet oder nicht. Soweit ich weiß, war Mario Lanza für Absagen berüchtigt, vielleicht kannst Du dazu etwas sagen ...

  • Lieber 'hart',


    im Thread Mario Lanza und seine Filme habe ich im Beitrag Nr. 33 über die Begleitumstände seiner Deutschland-Tournee im Januar 1958 geschrieben.


    Carlo

  • Lieber 'hart',


    im Thread Mario Lanza und seine Filme habe ich im Beitrag Nr. 33 über die Begleitumstände seiner Deutschland-Tournee im Januar 1958 geschrieben.


    Carlo

    Lieber "Carlo", das ist ein ganz toller und unglaublich lesenswerter Beitrag, den du da geschrieben hast. Ich hatte mich bislang für diese Rubrik zu Lanzas Filmen nicht sehr interessiert, aber die von dir geschilderten Umstände seines Endes haben mich doch sehr berührt.


    Damit alle anderen nicht so lange nach dem Beitrag suchen müssen wie ich:


    Mario Lanza und seine Filme

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Lieber Carlo,

    Meinem Vorredner schließe ich mich vollinhaltlich an!


    Dito. Wieviel Arbeit und wieviel Wissen steckt in Deinen Beiträgen. Freue mich auf die Fortsetzungen...

  • Liebe 'Taminos' ('Stimmenliebhaber', 'hart' und 'Otello50'),


    vielen Dank für so viel Anerkennung!



    Lieber 'hart',


    Deine Enttäuschung über das abgesagte Konzert Mario Lanzas in Wiesbaden am 29. 1. 1958 kann ich nachempfinden. Vielleicht ist es Dir möglich, die unten genannte 'RCA'/'BMG'-CD "Mario Lanza live from London" zu bekommen (z. B. bei 'Amazon'), die einen Mitschnitt des Auftritts von Mario Lanza in der Londoner Royal Albert Hall am 16. 1. 1958 bringt. Da der Sänger in allen Stationen seiner Europa-Tournee (die am 4. 1. 1958 in England begann und ihn - mit einer fünfwöchigen Unterbrechung nach dem Stuttgarter Konzert vom 27. 1. 1958 - u. a. nach München, Manchester, Edinburgh, Belfast, Paris und Rotterdam sowie nach Hannover und am 13. 4. 1958 zu seinem letzten öffentlichen Auftritt in Kiel führte; insgesamt 22 Konzerte) das gleiche Programm – mit wechselnden Zugaben – präsentierte, kannst Du Dir mit dieser CD das Wiesbadener Konzert akustisch imaginieren.


    Weil Mario Lanza immer wieder vorgehalten wurde, er habe nicht das stimmliche Durchhaltevermögen für eine ganze Opernvorstellung und sein Tenor sei nicht voluminös genug für ein großes Opernhaus, wies der Sänger in seinem Konzert in der innerhalb von vier Stunden ausverkauften riesigen Royal Albert Hall (7000 Sitzplätze) auf die auf dem Podium postierten Mikrophone hin, die nicht dazu dienten, seine Stimme durch Lautsprecher zu vergrößern, sondern sie sollten seinen Auftritt für eine Schallplatten-Veröffentlichung festhalten. (Zwei Tage später wiederholte er das Konzert in der Royal Albert Hall ohne Mikrophone.) Mario Lanza gab diesen Mitschnitt merkwürdigerweise nicht frei; die 'RCA' veröffentlichte ihn erst 1960 nach seinem Tod auf der Schallplatte LM-2454 (mono) bzw. LSC-2454 (stereo), wobei die Lieder „Lasciatemi morire“ von Claudio Monteverdi und 'Softly as in a morning sunrise' aus der Operette „New Moon“ von Sigmund Romberg sowie die Zugabe 'La donne é mobile' aus „Rigoletto“ wegen Platzmangels auf der Platte ausgespart sind und auch die von Lanza im Konzert gesprochenen Erläuterungen zu einigen der zu Gehör gebrachten Gesangsnummern fehlen. (Leider habe ich weder diese Schallplatte noch die oben genannte CD, sondern nur vier Ausschnitte auf einem alten Tonband.)


    Das komplette zweiteilige Londoner Programm bestand aus zwei Opernarien, drei alt-italienischen Arien, drei Kunstliedern zeitgenössischer amerikanischer Komponisten, drei italienischen Canzonen und zwei Liedern aus amerikanischen Operetten sowie drei Zugaben. 1. Teil: 'É la solita storia del pastore' („L'Arlesiana“ / Francesco Cilea – Mario Lanzas Lieblingsarie!) - „Lasciatemi morire“ (Claudio Monteverdi) - 'Già il sole del Gange' („L'honestà negli amore“ / Alessandro Scarlatti) - „Pietà, Signore“ (Alessandro Stradella) - „Tell me, o blue, blue sky“ (Vittorio Giannini) - „Bonjour, ma belle“ (Arthur Henry Behrend) - „The house on the hill“ (Ernest Charles) - 'E lucevan le stelle' („Tosca“ / Giacomo Puccini) / 2. Teil: „Mamma mia, che vo' sapé?“ (Emanuele Nutile – Mario Lanzas Lieblingslied!) - „A vucchella“ (Francesco Paolo Tosti) - „Marechiare“ (Francesco Paolo Tosti) – 'Softly as in a morning sunrise' („The New Moon“ / Sigmund Romberg) - 'I'm falling in love with someone' („Naughty Marietta“ / Victor Herbert – dieses Operettenlied sang er auch 1945 bei seinem Schallplattentest für 'RCA') / Zugaben: „Because you're mine“ (Nicholas Brodszky) - „Seven hills of Rome“ (Victor Young) – 'La donna é mobile' („Rigoletto“ / Giuseppe Verdi) / Am Klavier begleitete Constantine Callinicos, der auch folgende Musikstücke beisteuerte: 'Phantasie-Impromptu Cis-Moll, op. 66' und 'Polonaise As-Dur, op. 53' (beide von Frédéric Chopin) – 'Clair de lune' (Claude Debussy) – 'Feuertanz' („El amor brujo“ / Manuel de Falla) – 'Nerantzula' („Greek Dances“ / Constantine Callinicos). Die Gesangsstücke sind mit einigen gesprochenen Erläuterungen des Sängers komplett auf der CD „Mario Lanza live from London„ von 'RCA'/'BMG' 09026-61884-2 (1994) zu hören.


    Übrigens hat Constantine Callinicos, der mit einer Deutschen verheiratet war, nach Mario Lanzas Tod mehrere Jahre in Deutschland gelebt. Im Januar 1961 strengte er einen Prozess gegen den Autor Jürgen Thorwald an, weil dieser in seinen Fortsetzungsberichten mit dem Obertitel „Aller Ruhm auf Erden“ in der Münchner Illustrierten „Quick“ in neun Folgen („Der tödliche Appetit“) über Mario Lanza berichtet hat und dabei ohne Quellenangabe ganze Passagen aus Callinicos' umstrittenen Buch „The Mario Lanza Story“ abgeschrieben haben soll. (Callinicos charakterisierte den 'Freund' in dieser Biographie als alkohol-, tabletten- und fresssüchtig - was er Jahre später wieder zurücknahm – und stellte ihre Beziehung als wesentlich intensiver und langfristiger dar, als sie es tatsächlich war.) Callinicos und Thorwald einigten sich auf einen außergerichtlichen Vergleich und die sehr beliebte populär-wissenschaftliche Serie in der „Quick“ wurde nach 68 Folgen beendet.


    Carlo

  • Guten Abend!


    Mit dem vorigen Beitrag habe ich im chronologischen Ablauf etwas vorgegriffen, aber nun fahre ich zeitlich korrekt fort mit Mario Lanzas berühmtester und auch meistverkaufter Schallplatte: „The Great Caruso“ ('Der große Caruso').


    Im Jahre 1951 gedachte die Musikwelt des dreißigsten Todestages von Enrico Caruso und die 'MGM' konnte mit Mario Lanza endlich eine schon lange geplante Film-Biographie des schon zu seinen Lebzeiten berühmtesten und durch die riesige Anzahl seiner Schallplatten – fast 500 Titel! - auch populärsten Tenors der Welt realisieren. Dieser von der 'Traumfabrik' Hollywood perfekt gemachte (und vermarktete) Film überzeugte auch die Mehrzahl der Cineasten, die sonst 'Biopics' von noch nicht allzu lange verstorbenen Berühmtheiten nicht sehr gnädig beurteilen; selbst Menschen, die diesen bereits legendären Sänger noch gut gekannt hatten ( wie z. B. der Schauspieler Enrico Caruso jun., ein unehelicher Sohn Carusos aus der jahrelangen Beziehung des Tenors mit der Sängerin Ada Giachetti), sahen in Mario Lanza eine Art 'Wiedergeburt Carusos'.


    Dass die Schuhe, in die man ihn fortan steckte, viel zu groß waren, wusste wohl niemand besser als Mario Lanza selbst. Mit dem beispiellosen internationalen Erfolg dieses Films begann der Tenor aus Philadelphia, seine 'Unschuld' zu verlieren und sein 'Caruso-Trauma' – eine ungute Mischung aus unterschwelligen Selbstzweifeln, ihm entgegen gebrachter, fast fanatischer öffentlicher Bewunderung und ihm verwehrter Anerkennung durch die konservative Musikjournaille – nahm seinen Anfang, das er durch phasenweise übermäßigen Alkohol-Genuss, unkontrolliertes Essverhalten und manchmal provokantes Benehmen gegenüber Filmleuten und Pressevertretern zu bewältigen versuchte. Mario Lanza, dem nur seine kleine Familie und eine Handvoll Freunde Stabilität gaben, hätte in dieser Situation die Hilfe eines guten Psychotherapeuten gebraucht, doch in der 'Schlangengrube' Hollywood wäre auch das nicht unbemerkt und unkommentiert geblieben.


    Die von 'RCA' zu „The Great Caruso“ veröffentlichte Schallplatte enthält nur Opernarien – vermutlich war es ein Wunsch Mario Lanzas, mit dieser Platte als Operntenor präsentiert zu werden - und spart die im Film gesungenen italienischen Canzonen ebenso aus wie Lanzas zweiten 'Millionen-Hit' „The loveliest night of the year“ (ein Arrangement Irving Aaronsons von Juventino Rosas' berühmtem Walzer „Sobre las olas“, im deutschen Sprachraum bekannt als „Über die Wellen“); auch fehlt auf der Platte die Arie des Rodolfo aus Puccinis „La Bohème“, die im Film kurz zu hören ist. Bemerkenswert ist ferner, dass die Aufnahmen dieser Opernarien Wochen vor dem Beginn der Dreharbeiten (Juli bis Dezember 1950) entstanden, während die 'RCA'-Aufnahmen von „That Midnight Kiss“ und „The Toast of New Orleans“ erst nach der Fertigstellung der Filme eingespielt wurden. (Die restlichen von Lanza im Film „The Great Caruso“ gesungenen Titel wurden als 'Singles' - sowohl auf Schelllack wie auch auf Vinyl – veröffentlicht.)


    Leider hat die 'MGM', die Ende der 50er Jahre auch ins Plattengeschäft einstieg, wohl wegen der exclusiven Bindung Mario Lanzas an die 'RCA', nie die vollständig aufgenommenen (und im Film nur bruchstückhaft gezeigten) Opernteile veröffentlicht; mit Sängern wie Lucine Amara, Dorothy Kirsten, Marina Koshetz, Jarmila Novotna (von der man nicht nur das Duett 'È il sol dell' anima' aus „Rigoletto“, sondern sogar eine ganze Szene – in der sie sich als Primadonna Maria Selka bei Enrico Caruso für ihr Verhalten ihm gegenüber entschuldigt – aus dem fertigen Film wegen Überlänge herausschnitt), Blanche Thebom, Nicola Moscona und Giuseppe Valdengo unter der Leitung des renommierten Dirigenten Peter Herman Adler von der NBC.


    The Great Caruso“: 'Questa o quella' – 'La donna è mobile' – 'Parmi veder le lagrime' („Rigoletto“ / Giuseppe Verdi) - 'Recondita armonia' – 'E lucevan le stelle' („Tosca“ / Giacomo Puccini) – 'Una furtiva lagrima' („L' elisir d'amore“ / Gaetano Donizetti) – 'Cielo e mar' („La Gioconda“ / Amilcare Ponchielli) – 'Recitar!... Vesti la giubba' („I pagliacci“ / Ruggero Leoncavallo). RCA Victor Orchestra / Dirigent: Constantine Callinicos (Hollywood, RCA Studio, Mai 1950) 'RCA Victor' LM-1127 (1 LP, 30 cm). Diese Arien wurden auch in einer Box (WDM 1506) mit vier auf rotem Vinyl gepressten EPs veröffentlicht. In den 60er Jahren gab es auch eine Version in elektronischem 'Stereo' mit der Katalognummer LSC-1127(e).


    Von 1951 an kooperierte die amerikanische 'RCA' mit der englischen 'HMV' (z. B. erschienen Furtwängler-Aufnahmen in den USA bei 'RCA' und Toscanini-Platten wurden in Großbritannien unter dem 'HMV'-Label veröffentlicht.) Zu dem 'Caruso-Film' präsentierte die 'HMV' eine eigene Schallplatte, die der im Film enthaltenen Musik-Auswahl entsprach:


    The Great Caruso“: „Marechiare“ (Francesco Paolo Tosti) – „A vucchella“ (Francesco Paolo Tosti) – 'Cielo e mar' („La Gioconda“ / Amilcare Ponchielli) – 'La donna è mobile' („Rigoletto“ / Giuseppe Verdi) - „Core 'ngrato“ (Salvatore Cardillo) – 'Che gelida manina' („La Bohème“ / Giacomo Puccini) - „Mattinata“* (Ruggero Leoncavallo) – 'Recitar!.... Vesti la giubba' („I pagliacci“ / Ruggero Leoncavallo) - „Ave Maria“ (Johann Sebastian Bach – Charles Gounod) - „The loveliest night of the year“+ (Juventino Rosas – Irving Aaronson) – 'Questa o quella' („Rigoletto“ / Giuseppe Verdi) – 'E lucevan le stelle' („Tosca“ / Giacomo Puccini) / RCA Victor Orchestra / Dirigenten: Constantine Callinicos und Ray Sinatra („Mattinata“) (Hollywood, RCA Studio, Oktober 1949*, Mai 1950 und Februar 1951+) 'HMV' ALP 1071 (1 LP 30 cm). Diese LP ist außerhalb Großbritanniens nicht veröffentlicht worden.


    Bei der Popularität Mario Lanzas durfte auch eine Weihnachtsplatte nicht fehlen:


    Mario Lanza sings Christmas Carols“: „The Lord's prayer“ (Albert Hay Malotte) - „The first noel“ (Trad.) - „O come, all ye faithful“ (Trad.) - „Away in a manger“ (William James Kirkpatrick) - „We three kings of Orient are“ (John Henry Hopkins) – „O little town of Bethlehem“ (Lewis H. Redner) - „Silent night“ (Franz Gruber) - „Guardian angels“ (Harpo Marx) / Jeff Alexander Choir / RCA Victor Orchestra / Dirigent: Ray Sinatra (Hollywood, RCA Studio, September und Dezember 1951) 'RCA Victor' LM-155 (1 LP, 25 cm). Auch diese Aufnahmen wurden in zwei Boxen veröffentlicht mit je vier Platten: DM 1649 (SP, 30 cm) und WDM 1649 (EP, 17 cm). Es überrascht, hier den Namen des Schauspielers Harpo Marx („The Marx Brothers“) zu lesen, aber er war auch Komponist und ein ausgebildeter Harfenist, der in der Aufnahme von „Guardian angels“ Mario Lanza an 'seinem' Instrument begleitet.


    1956 wurden die oben genannten Aufnahmen der 'Weihnachtslieder' - ergänzt um neu eingespielte sieben weitere Titel - auf der Platte LM-2029 (30 cm) wieder veröffentlicht; diese LP, die dem in Italien entstandenen Stereo-Remake von 1959 vorzuziehen ist, wird demnächst hier detailliert vorgestellt.


    Viele Grüße!


    Carlo

  • Heute folgt mein siebter Beitrag in diesem Thread.


    Nach dem enormen Erfolg von „The Great Caruso“ erschien vielen Anhängern von Mario Lanza - die hofften, dass der Tenor nun im 'klasssichen Fach' reüssieren würde - der nächste Film „Because You're Mine“ ('Mein Herz singt nur für Dich') als Rückschritt, zumal hier der Sänger wie in seinen ersten beiden Filmen nur in wenigen Opernszenen zu sehen ist, weshalb die von 'RCA' 1952 veröffentlichte Schallplatte auch nur einen Operntitel enthält:


    Because You're Mine“: 'Mamma, quel vino è generoso' („Cavalleria rusticana“ / Pietro Mascagni) - „Granada“+ (Agustin Lara) - „Mamma mia, che vo' sapé?“ (Emanuele Nutile) - „The Lord's prayer“*+ (Albert Hay Malotte) - „Because You're Mine“ (Nicholas Brodszky) - „The song angels sing“ (Johannes Brahms, arr. Irving Aaronson) - "You do something to me" (Cole Porter) – „Lee-Ah-Loo“ (Ray Sinatra) / Jeff Alexander Choir* / RCA Victor Orchestra / Dirigenten: Constantine Callinicos und Ray Sinatra+ (Hollywood, RCA Studio, Oktober 1949, Mai 1950, September 1951 und August 1952) 'RCA Victor' LM-7015 (1 LP, 25 cm). In Boxen mit jeweils vier Platten wurden diese Aufnahmen unter den Katalognummern DM 7015 (SP, 30 cm) und WDM 7015 (EP, 17 cm) ebenfalls angeboten.


    Die Lieder „Because you're mine“ und „Lee-Ah-Loo“ wurden von Nicholas Brodszky bzw. Ray Sinatra speziell für diesen Film komponiert, „The song angels sing“ ist Irving Aaronsons Bearbeitung einer Melodie aus dem dritten Satz von Johannes Brahms' dritter Symphonie und „You do something to me“ (nicht im Film enthalten) stammt aus der Revue „Fifty Million Frenchmen“ von Cole Porter. Diese vier Titel der zweiten Plattenseite wurden Anfang August 1952 eingespielt, während die erste Plattenseite aus älteren Aufnahmen besteht.


    Um die Nachfrage nach Aufnahmen mit Mario Lanza – der inzwischen zu den bekanntesten Musik-Interpreten der Vereinigten Staaten zählte - zu befriedigen und gleichzeitig auch den Siegeszug der Langspielplatte im 'großen' Format (30 cm) zu beschleunigen, vereinigte die 'RCA' 1952 einige schon vorher als 'Singles' veröffentlichte Aufnahmen auf der folgenden Schallplatte:


    Love Songs and a Neapolitan Serenade“: „Because“ (Guy d' Hardelot) - „For you alone“(Henry Ernest Geehl) - „I love thee“ ('Jeg elsker dig'* / Edvard Grieg) – „My song, my love“* (Malcolm Beelby) - „Be my love“* (Nicholas Brodszky) - „I'll never love you“* (Nicholas Brodszky) - „Mattinata“* (Ruggero Leoncavallo) - „O sole mio“* (Eduardo Di Capua) - „Marechiare“ (Paolo Francesco Tosti) - „A vucchella“ (Paolo Francesco Tosti) – Serenade „Rimpianto“ (Enrico Toselli) – Serenade 'Notturno d'amore' („I millioni d'Arlecchino“ / Riccardo Drigo) / Jeff Alexander Choir / RCA Victor Orchestra / Dirigenten: Constantine Callinicos und Ray Sinatra* (Hollywood, RCA Studio, 1949–1951). 'RCA Victor' LM-1188 (1 LP, 30 cm).


    Über die konfliktreiche Entstehung des Films „The Student Prince“ ('Alt-Heidelberg') nach der Operette von Sigmund Romberg habe ich schon im Beitrag Nr. 18 im Thread „Mario Lanza und seine Filme“ ausführlich geschrieben. Um auch vom erhofften Erfolg des Films zu profitieren, nahm 'RCA' 1952 eine Szenenfolge der Operette auf, die zusätzlich auch die von Nicholas Brodszky für diesen Film komponierten Titel „Summertime in Heidelberg“, „Beloved“ und „I'll walk with God“ enthält. (Es gibt Uneinigkeit darüber, ob diese Aufnahmen teilweise auch als 'Playback' für den 'MGM'-Film dienten; wie Ann Blyth – die im Film die weibliche Hauptrolle spielt - im Interview mit „Opera News“ erklärte, durften aus vertraglichen Gründen ihre Duette mit Mario Lanza nicht auf der 'RCA'-Platte veröffentlicht werden.)


    The Student Prince“: Orchestral Introduction – Overhead the moon is beaming – Golden Days – Drink, drink, drink!+ - Summertime in Heidelberg* – Beloved – Gaudeamus Igitur+ – Deep in my heart, dear* – I'll walk with God+ / Elizabeth Doubleday* (Sopran) / Jeff Alexander Choir+ / RCA Victor Orchestra / Dirigent: Constantine Callinicos (Hollywood, RCA Studio, Juli 1952) plus

    Other Great Musical Comedies“: 'Yours is my heart alone' („Das Land des Lächelns“ / Franz Lehár) – 'Romance' (Film „Cameo Kirby“ / Edgar Leslie) – 'I'll see you again' („Bittersweet“ / Noel Coward) – 'If I loved you' („Carousel“ / Richard Rodgers) – 'I'll be seeing you' („The Royal Palm revue“ / Sammy Fain) – 'One night of love' („One Night of Love“ / Victor Schertzinger) / An Orchestra / Dirigent: Ray Sinatra (Hollywood, 1951–1952) 'RCA Victor' LM-1837 (1 LP, 30 cm).


    Wegen der Verzögerung des Beginns der Dreharbeiten durch Mario Lanzas 'Ausstieg' und die Umbesetzung seiner Rolle mit Edmund Purdom (der zu Lanzas Gesang den Mund bewegt), kam der Film erst 1954 in die Kinos und infolgedessen erschien auch dann erst die obengenannte Schallplatte mit den Aufnahmen von 1952. Um die Spieldauer des nun bevorzugten Schallplatten-Formats einer 30er LP voll zu nutzen (die 'Highlights' aus „The Student Prince“ dauern nur insgesamt 26 Minuten), veröffentlichte 'RCA' mit Einwilligung von Mario Lanza, der sich nach dem Eklat mit der MGM und dem 'Skandal' um seinen TV-Auftritt bei der CBS aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, mehrere Aufnahmen aus der hier schon öfter genannten „Coke Show“. (Erst im Mai 1956 betrat Mario Lanza wieder das 'RCA'-Aufnahmestudio in Hollywood für das Album „Lanza on Broadway“.) Die obengenannte Platte LM-1837 wurde mit der Nummer ALP 1186 von 'HMV' auch in Großbritannien veröffentlicht. Die – elektronisch stereophonisierten – Ausschnitte aus Sigmund Rombergs Operette, die in Deutschland als „Alt-Heidelberg“ vor allem durch Touristen-Aufführungen vor der Schlossruine der Neckar-Stadt bekannt ist, erschienen zusammen mit dem Querschnitt von 1959 aus Rombergs „The Desert Song“ ('Das Lied der Wüste') 1989 auf der 'RCA'-CD GD 60048.


    Carlo

  • Lieber Carlo,


    es ist bewundernswert über welche, sonst nicht jedem zugängliche Informationsquellen, Du verfügst. Da Du bereit bist, sie umfangreich im Forum zu veröffentlichen, leistest Du dadurch eine wertvolle, bereichernde Arbeit für uns alle, Danke! Nun eine etwas neugierige Frage, die Du bitte nicht beantwortest, wenn Du sie für zu indiskret hältst. Wie kommst Du an solche Quellen heran? Hat das etwas mit Deinem Beruf zu tun? Außer, dass ich neugierig bin, möchte ich ausschließen, dass wir einen Leitenden aus einem Opernhaus unter uns haben, denn dann würden wir sicherlich noch tiefer gehende Fragen an Dich stellen und Deine Beiträge entsprechend richtig einordnen können. Bitte bereits im Voraus um Nachsicht, wenn ich Dir zu nahe getreten sein sollte.

    Herzlichst

    Operus (Hans)

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Lieber Carlo!


    Ich bin alles andere als ein Mario-Lanza-Experte.

    Ein Mario-Lanza-Verehrer oder gar Fan bin ich schon gar nicht.

    Trotzdem lese ich alle Deine so exzellent recherchierten Beiträge. Mit Gewinn und Genuss!

    Wo Du denn mal etwas zu Stimme und Gesang sagst, schien mir das abgewogen und wohlbegründet.


    Vor allem dieser fein formulierte Absatz, hat mir gefallen.

    Dass die Schuhe, in die man ihn fortan steckte, viel zu groß waren, wusste wohl niemand besser als Mario Lanza selbst. Mit dem beispiellosen internationalen Erfolg dieses Films begann der Tenor aus Philadelphia, seine 'Unschuld' zu verlieren und sein 'Caruso-Trauma' – eine ungute Mischung aus unterschwelligen Selbstzweifeln, ihm entgegen gebrachter, fast fanatischer öffentlicher Bewunderung und ihm verwehrter Anerkennung durch die konservative Musikjournaille – nahm seinen Anfang, das er durch phasenweise übermäßigen Alkohol-Genuss, unkontrolliertes Essverhalten und manchmal provokantes Benehmen gegenüber Filmleuten und Pressevertretern zu bewältigen versuchte. Mario Lanza, dem nur seine kleine Familie und eine Handvoll Freunde Stabilität gaben, hätte in dieser Situation die Hilfe eines guten Psychotherapeuten gebraucht, doch in der 'Schlangengrube' Hollywood wäre auch das nicht unbemerkt und unkommentiert geblieben.


    Soweit ich das beurteilen kann, bringt er die psychischen Probleme des Tenors auf den Punkt!


    Beste Dank


    Caruso41


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Das ist wahr, lieber Caruso41.

    Ich war schon von Jugend an Lanza-Fan und schätze diese Texte daher ganz besonders.

    Wir haben es hier vermutlich mit der besten Auseinandersetzung mit Mario Lanza und seinem Werk zu tun, die je im deutschsprachigen Raum erfolgt ist. Vor allem, wenn man sie mit dem Thread "Mario Lanza und seine Filme" kombiniert. Psychologisch und musikalisch fundiert und auch noch flüssig geschrieben. Carlo sei Dank.

  • Lieber Hans, lieber Caruso41, lieber Gregor,


    vielen Dank für Euer Lob, über das ich mich sehr freue. Die Fragen zu meinem 'Hintergrund' beantworte ich gerne.


    Um es möglichst kurz zu sagen: mein 'Wissen' ist in erster Linie angelesen und beruht auf dem jahrzehntelangen Sammeln von Fachzeitschriften wie z. B. „Opera News“ (New York), „Opera“ (London), „Opéra“ (Paris), „L' Avant-Scène Opéra“ (Paris), „Orpheus“ (Berlin) und „Opernglas“ (Hamburg) – das Abonnement mit der „Opernwelt“ seit deren Beginn 1961 habe ich Ende der 70er Jahre gekündigt, weil sie mir zu 'abgehoben' wurden - sowie Rundfunk- und Fernsehzeitungen. Hinzu kommen etliche Fachbücher (Sängerbiographien und Sammelbände), Schallplatten- und CD-Beilagen und Programmhefte, hauptsächlich aus der Zeit meines 30jährigen Abonnements von Aufführungen an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf. (Ich war zwar relativ oft in Wien und München, meiner Geburtsstadt, und habe dort zahlreiche Opern- und Theateraufführungen besucht, aber ich bin aus zeitlichen – ich arbeitete beim Denkmalschutz und bin nun Rentner – und finanziellen Gründen nur selten verreist; ein 'Operntourist' war ich nie.)


    Da kommt also im Laufe von 65 Jahren viel zusammen, denn meine erste Oper sah ich mit 9 Jahren: „Das Christelflein“ von Hans Pfitzner mit Anneliese Rothenberger zu Weihnachten 1955, u. z. als Fernsehsendung auf unserem neuen, ersten Fernsehgerät. (Der Eindruck war derart stark, dass ich mich heute noch an einige Szenen daraus erinnern kann.) In meinem Elternhaus gab es keinen Bezug zur klassischen Musik und ich sah diese Opernsendung wie ein Fernsehspiel, nur mit dem Unterschied, dass nicht gesprochen, sondern gesungen wurde. Also haben meine Eltern und ich fortan auch Opern auf dem Bildschirm gesehen, denn bei nur einem Fernsehprogramm und wenigen Sendestunden pro Tag gab es nur die Alternative, den Fernseher nicht einzuschalten, aber dafür war das neue Medium denn doch zu attraktiv.


    Das Fernsehen der Adenauer-Zeit hatte damals einen 'Kultur- und Bildungsauftrag' zu erfüllen; dementsprechend wurden oft große Theaterstücke und Opern gesendet und die Zuschauer quer durch alle Bevölkerungsschichten sahen sich diese Sendungen auch an. (Schauspiele von Schiller und Shakespeare waren 'Straßenfeger'! Heute gibt es dafür 'Nischensender' wie „arte“ oder „3sat“, die aber nur von einem Bruchteil der Fernseh-Konsumenten gesehen werden.) Anderntags wurde dann am Arbeitsplatz darüber gesprochen, so wie man sich heute montags über den „Tatort“ vom Abend vorher unterhält (ich sehe diese Krimi-Reihe nur ganz selten, weil ich finde, dass es zuviel Brutalität im TV gibt), aber mit dem Unterschied, dass damals das Niveau des Gesprächsthemas wesentlich höher war...


    Die Anregung zum Thema „Mario Lanza“ kam von 'Tamino'-Kollegen Gregor Hauser, nachdem ich die Filme von Maria Cebotari und Beniamino Gigli hier vorgestellt hatte. Natürlich war mir der Sänger schon lange ein Begriff, seine Stimme war früher regelmäßig im Radio zu hören, das Fernsehen zeigte seine Filme und die Boulevard-Presse hielt die Leser mit mehr oder weniger 'wahren' Geschichten auf dem Laufenden. Über meine 'Quellen' hierzu habe ich schon im Beitrag Nr. 77 geschrieben; neuerdings finde ich auch vieles im Internet, beispielsweise unter:


    http://www.mariolanzatenor.com


    Ich erinnere mich noch gut an die verlogenen Reaktionen mancher Journalisten beim Tod des Tenors 1959: erst sahen sie in ihm ein 'Kunstprodukt' Hollywoods, sprachen ihm ab, ein wirklich guter Sänger von eindrucksvoller vokaler Qualität zu sein und stellten ihn auf eine Stufe mit der 'Heulboje' Elvis Presley – nichts gegen Presley, aber so wurde der damals genannt, und er konnte wirklich singen im Gegensatz zu vielen heutigen 'Pop-Stars' – und dann überboten sie sich mit sentimentalen Stories über Mario Lanzas Leben und sein tragisches Ende, spekulierten sogar, die Mafia habe ihre Finger im Spiel gehabt. Besonders scheinheilig war die Reaktion des MGM-Bosses zu Lanzas Zeit in Hollywood, Dore Schary, auf die Vorwürfe, der Sänger sei von Hollywood und dem 'Studio-System' zerstört worden: „Good heavens, this man was catered to! He was given all sorts of thoughtful, believe me, very thoughtful training and thoughtful care. And somebody writes he was destroyed by Hollywood. He was not! It's within the nature of men and women to destroy themselves.“ (Zitat aus „The Magic Factory“ von David Knox.) Die Schicksale vieler anderer Hollywood-Größen sprechen aber eine andere Sprache!


    Da die von mir sehr verehrte Sopranistin Helen Donath gerade 80 Jahre jung geworden ist: auch von ihr ist bekannt, dass sie durch den Film „Der große Caruso“ zu dem Entschluss gekommen ist, klassischen Gesang zu studieren. Mit 12 Jahren erklärte sie, ein „Lady-Tenor“ werden zu wollen! Jetzt ist meine Antwort doch wieder länger geworden, als ich beabsichtigte. Aber wenn ich einmal loslege...


    Viele Grüße!


    Carlo


    Das ist mein 600. Beitrag seit dem 11. 2. 2018.