Schubert, Streichquartett Es-dur D 87 - Banales Jugendwerk oder früher Geniestreich?

  • Liebe Musikfreunde und -freundinnen,


    vor ungefähr zehn Jahren habe ich Schuberts Es-dur-Quartett zum ersten Mal gehört. Damals ist der Funke auf mich nicht übergesprungen. Wahrscheinlich lag es daran, dass zu Beginn das Hauptthema für meine Begriffe recht banal daherkommt und es der gesamten Komposition - vordergründig gesehen - an Konflikten und Dramatik fehlt. Ich habe das Stück also nur als eine ordentliche Talentprobe des 16 jährigen Schubert (er komponierte das Quartett im Jahre 1813) zur Kenntnis genommen, und die CD verschwand für lange Zeit im Regal. Erst vor wenigen Monaten bin ich beim Durchstöbern meiner CD-Sammlung wieder auf dieses Werk gestoßen. Beim erneuten Hören hat mich die Musik irgendwie berührt. Nachdem ich mich ein wenig näher damit befasst habe, musste ich meine bisherige Meinung grundlegend korrigieren. Zwischenzeitlich habe ich dieses Stück zu schätzen gelernt und ich zähle es derzeit zu meinen liebsten Streichquartetten.


    Es hat mich sehr gefreut, dass Schuberts Es-dur-Quartett nun für einen "Alle-reden-über..."-Thread ausgelost wurde. Zunächst hat es mich sehr überrascht, wie viele Aufnahmen davon existieren. Die Anzahl der hier vorgestellten CDs bestätigt, dass ich dieses Stück anfangs doch sehr unterschätzt habe. Davon abgesehen denke ich, dass sich eine nähere Betrachtung durchaus lohnt. Mich würde sehr Eure Meinung interessieren, und ich bin gespannt, welche Analysen und Gedanken sich zusammentragen lassen.


    Das knapp halbstündige Quartett beginnt mit einem Allegro moderato, welches von einem unauffälligen, nicht sehr spektakulären Hauptthema eröffnet wird. Ich gebe zu, dass ich diese Takte beim ersten Hören als schlichtweg langweilig empfunden habe. Allerdings lassen sogleich die beiden folgenden lyrischen und volksliedhaften Themen aufhorchen. Das zweite Thema davon erinnert mich ein wenig an an das Nebenthema aus Schuberts Klaviersonate in B-dur. Die Durchführung verläuft - wie bereits angedeutet - ohne große Dramatik. Die Musik fließt auf scheinbar natürliche Weise mit einer erstaunlichen Leichtigkeit dahin.


    Es folgt ein sehr kurzes Scherzo. In der Partitur nimmt es nicht mehr als zwei Seiten in Anspruch. Es wirkt auf mich überraschend aggressiv ("Prestissimo"!). Das Trio dagegen hat einen etwas ruhigeren und versöhnlicheren Charakter. Mir scheint es, als habe Schubert das Scherzo nur als Überleitung zum folgenden langsamen Satz gedacht. Möglicherweise steckt jedoch auch etwas mehr dahinter, was mir bisher entgangen ist.


    Das Adagio ist für mich der schönste und stimmungsvollste Satz des gesamten Es-dur-Quartetts. Die Themen sind sehr schlicht und rühren mich persönlich an. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Satz für die Quartettmusiker gerade wegen seiner Einfachheit und Durchhörbarkeit sehr schwierig zu spielen und zu interpretieren ist. Mein großer Respekt gilt hier Schubert, weil er es nach meiner Ansicht besonders hier schafft, mit verhältnismäßig wenig Noten eine große Wirkung zu erzielen. In Worte lässt sich das sehr schwer fassen. Die letzten Takte klingen ein wenig sentimental; mich erinnern sie an einen Abschied.


    Das Allegro bildet schließlich einen fröhlichen und kaum getrübten Abschluss des Quartetts. Auffällig ist, dass hier die erste Violine zum Hauptakteur wird. Die übrigen drei Stimmen spielen lediglich Begleitung und dürfen allenfalls gelegentlich einmal ein "Stichwort" beisteuern.


    Kleines Detail am Rande: Die Hauptthemen aller vier Sätze beruhen auf dem gleichen kurzen Motiv, das nur aus zwei Tönen besteht, nämlich der aufsteigenden großen Sekunde Es - F (die umgedrehten Initialen des Komponisten!?).


    Mich beeindruckt das Es-dur-Quartett vor allem wegen seiner Schlichtheit. Gerade deswegen wirkt das Werk auf mich "ungekünstelt" und glaubwürdig. Ist Schubert damit ein früher Geniestreich gelungen? Nach der Diskussion über diesen Begriff an dieser Stelle bin ich mit solchen Ausdrücken etwas vorsichtig geworden. Jedenfalls hat Schubert ein sehr eindrucksvolles und hörenswertes Stück Musik geschaffen, das schon sehr weit über die "Fingerübungen" eines Jugendlichen hinausgeht (auch wenn es sehr lange gedauert hat bis ich das gemerkt habe).


    Natürlich drängt sich auch die Frage auf, welchen Spielraum die Interpreten bei der Darstellung dieser Musik haben. Meine Eindrücke beruhen allein auf der nach meiner Meinung überzeugenden Aufnahme des Leipziger Streichquartetts. Andere Einspielungen zum Vergleich kenne ich nicht. Kann man bei diesem Stück überhaupt etwas "falsch" machen? Hier bin ich auf Eure Hörerfahrungen neugierig.


    Viele Grüße
    Frank

  • Zitat

    Original von Frank Pronath
    ...
    Mich beeindruckt das Es-dur-Quartett vor allem wegen seiner Schlichtheit. Gerade deswegen wirkt das Werk auf mich "ungekünstelt" und glaubwürdig. Ist Schubert damit ein früher Geniestreich gelungen?
    ...


    Man sollte nicht vergessen bzw. bedenken, dass die frühen Quartette echte Hausmusik sind. Diese Werke wurden "bei Schuberts" gespielt und er hat natürlich auf die spielerischen Fähigkeiten der Musiker zu Hause und etwaiger Gäste Rücksicht genommen.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!


  • Erst einmal vielen Dank an Frank für seine schöne Einführung in das Werk!


    Ich muss gestehen, dass ich über das von Frank aus eigener Erfahrung geschilderte "Erststadium" bisher nicht hinaus gekommen bin. Anders gesagt: Ich finde das Gehörte ganz nett oder vielleicht sogar recht schön, mehr aber auch nicht.


    Gut gefällt mir das Seitenthema (?) im vierten Satz, das für mich sehr wienerisch klingt.


    Ich kenne Schuberts Streichquartette leider nur oberflächlich, die späteren scheinen mir aber doch sehr viel dramatischer und auch kompositorisch dichter zu sein. Wenn ich das Werk ohne Angabe des Komponisten gehört hätte, wäre ich auf Schubert vermutlich nicht gekommen. Auch deshalb meine Frage an Kenntnisreichere als mich: Gibt es Stellen oder Passagen, an denen man den späteren Schubert (fast hätte ich gesagt: den richtigen Schubert) schon heraushört?


    Mit Gruß von Carola


    PS. Vielleicht sollte man den Link zur Partitur auch hier noch mal einstellen. Dann kann man unter Umständen über konkrete Stellen auch genauer und unter Angabe der Taktzahl reden.

  • Zitat

    Original von Klawirr
    Lieber Bernd,
    der Link funktioniert zwar noch - es wird aber keine Seite angezeigt... :D
    Ganz herzlich,
    Medard



    Lieber Medard,


    huch 8o! Bei mir wird da aber wirklich eine Pdf-Datei mit der Partitur geöffnet - während auf der Eingangsseite des Imslp nur noch der Sermon über das (temporäre?) Ende des Projekts zu finden ist...


    O Wunderwelt des Internets! :wacky:



    Viele Grüße


    Bernd

  • Tatsache! Jetzt funktionierts auch wieder bei mir. Vielleicht war der Server zwischenzeitlich einfach indisponiert... :wacky:
    Ganz herzlich,
    Medard

  • Zitat


    Interessant ist, dass die unter dem obigen Link erscheinende Partitur im zweiten Satz deutlich von der Eulenburg-Taschenpartitur abweicht:


    In der verlinkten Partitur wird im Anschluss an das Trio das Scherzo nochmals voll ausgeschrieben - mit allen Wiederholungszeichen! Die Eulenburg-Ausgabe verzichtet darauf. Nach dem Trio ist lediglich "Scherzo da capo" notiert. Da beim "da capo" üblicherweise die Wiederholungen weggelassen werden (so spielt es auch das Leipziger Streichquartett in seiner Aufnahme), wird damit der ohnehin sehr kurze zweite Satz nochmals erheblich kürzer.


    Viele Grüße
    Frank

  • Zitat

    Original von Frank Pronath
    Interessant ist, dass die unter dem obigen Link erscheinende Partitur im zweiten Satz deutlich von der Eulenburg-Taschenpartitur abweicht:


    In der verlinkten Partitur wird im Anschluss an das Trio das Scherzo nochmals voll ausgeschrieben - mit allen Wiederholungszeichen! Die Eulenburg-Ausgabe verzichtet darauf. Nach dem Trio ist lediglich "Scherzo da capo" notiert. Da beim "da capo" üblicherweise die Wiederholungen weggelassen werden (so spielt es auch das Leipziger Streichquartett in seiner Aufnahme), wird damit der ohnehin sehr kurze zweite Satz nochmals erheblich kürzer.



    Ich habe hier Band VI/4 der Neuen Schubert-Ausgabe von 1994 zur Verfügung, also eine quellenkritische Edition mit entsprechendem Bericht. Daraus geht hervor, dass die Variante der Eulenburg-Partitur (Dacapo-Angabe am Ende des Scherzos, keine ausgeschriebene Scherzo-Reprise) offensichtlich die von Schubert niedergeschriebene ist. Die Auslassung der Wiederholungen in der Scherzo-Reprise (auch wenn diese nicht ausgeschrieben wird) ist nicht zwingend - die Frage wurde auch schon im Forum diskutiert. Ich vermute mal, bei der im Netz verfügbaren Partitur war der unbekannte Herausgeber aufgrund der Kürze des Scherzos so von der Notwendigkeit dieser Wiederholungen überzeugt, dass er den Weg der ausgeschriebenen Scherzo-Reprise gewählt hat.


    Die in das Imslp eingespeisten Editionen sind (waren) oft relativ veraltet. Bei den Eulenburg-Partituren ist man auch nicht immer auf der sicheren Seite, ich könnte mir aber vorstellen, dass die Dir vorliegende Partitur auf der Neuen Schubert-Ausgabe beruht.


    Es gibt auch sonst kleinere Unterschiede zwischen der Internetpartitur und der kritischen Ausgabe, was u.a. auf die schwierige Quellenlage zurückzuführen ist (das Autograph ist nur fragmentarisch erhalten).



    Viele Grüße


    Bernd

  • Ich finde Franz Schuberts Streichquartett Es-Dur D 87 op. posth. 125 Nr. 1 ein ganz wunderbares Werk. Ich setze es nicht in Relation zu anderen Werken Schuberts. Es steht für sich, und hätte Schubert nur dieses eine Streichquartett geschrieben, vor allem den Adagiosatz, ich wäre allein deswegen Schubertmusikliebhaber (geworden). Mit der Taschenpartitur Edition Eulenburg No. 120 und den drei mir vorliegenden Aufnahmen mit dem Alban Berg Quartett (Die Zeit Klassik Edition Teil 16, live 1997), dem Melos Quartett (DGG, aufgenommen 1973) und dem Hagen Quartett (DGG, aufgenommen 1985) begebe ich mich auf die Reise durch diese Musik.


    In klar strukturierter Sonatenhauptsatzform bietet der erste Satz wie ich finde angenehm unkomplizierte klassische Themen. Das Prestissimo-Scherzo (das Melos Quartett spielt es erst als dritten Satz) erhält seine Eigenart durch die kurzen „Spitzentöne“ mit Vorschlägen. Ein schöner Kontrast dazu ist das wiegende c-Moll Trio. Für mich ein kleiner großer Satz für sich, so ganz versteckt in der großen Musikgeschichte, ist das Adagio. Was für herrliche, unirdisch schöne Musik, so voller Seelenfrieden, in sich vollkommen. Der Begriff ist viel strapaziert, aber ich traue mich doch: So etwas kann nur ein Genie komponieren. (Franz Schubert war im November 1813, als er diese Musik aufschrieb, 16 Jahre alt…) Das Allegro-Finale würde ich nicht nur zentriert auf die erste Violine betrachten, obwohl die natürlich melodiös wunderbar zur Geltung kommt. In der Durchführung fällt eine reizvolle Passage auf, in der die Viola und das Cello anregend miteinander „diskutieren“, und gegen Schluss von Exposition und Reprise gibt es jeweils eine markante Stelle, wo gewissermaßen eine Frage gestellt wird und das Cello mit einem „bewusst ratlosen“ Pizzicatoton reagiert, so als würde es „mit den Achseln zucken“, ehe die Frage noch einmal gestellt wird und man sich allgemein zu einer ausführlicheren Antwort entschließt.


    Das Alban Berg Quartett setzt die Musik weich an, ganz typisch wienerisch, mit etwas Wehmut und viel Sehnsucht, mit diesem Tonfall des „Auch wenn die Welt untergeht, wir haben unser Gefühl und unsere Seligkeit“. Da werden allerlei liebe Blicke geworfen, wohin auch immer. Viel Zuwendung ist zu spüren. Leider wird die Exposition des ersten Satzes nicht wiederholt. Innig und sehr empfunden hört sich das Adagio an. Auch im Finalsatz verzichtet das Alban Berg Quartett auf die Wiederholung der Exposition. Die Solovioline gibt sich als vornehmer Wiener, der gerne einen „gschamsten Diener“ macht, charmant, aber nicht ohne Hintergedanken.


    Das Melos Quartett – als einziges der drei Quartette – wiederholt beide Expositionen, im ersten wie im vierten Satz. Schuberts Werk will behutsam interpretiert werden. Grundsätzlich ist der Ansatz des Melos Quartetts ähnlich dem des Alban Berg Quartetts, und doch kommt die Musik ernster, „im Zweifelsfall“ strenger, unerbittlicher, nicht so tröstlich daher. Manchmal werden Begleitstimmen auch stärker hervorgehoben. Der „direktere Zug“ wirkt sich speziell beim Adagio und im Trio des Scherzosatzes aus. Bei aller vom Werk vorgegebener Innigkeit – dies ist die „distanzierteste“ der drei Aufnahmen.


    Die Tontechniker bei der Aufnahme des Hagen Quartetts setzten auf mehr Hall, viele Abrundungen erfahren in der Aufnahme des damals jungen Kammermusikensembles einen spezifischen Nachklang. Das sticht einerseits ins Ohr. Andererseits bleibt der Hörer, es sind die dritten fast 25 Minuten dieses „Abends für D 87“, völlig gebannt am Kopfhörer, denn der Ansatz des Hagen Quartetts, ohne Vibratospiel und ganz feingliedrig, filigran, dabei mit einem Höchstmaß an angestrebter und erreichter Präzision und Musikalität, macht aus dem Werk ein noch innigeres und ganz wunderbar zerbrechliches Geflecht. Leider wird hier weder im ersten noch im vierten Satz die Exposition wiederholt, das finde ich sehr schade. Beim Hagen Quartett ist nämlich einiges spannend „anders“. Die vorher genannten kurzen „Spitzentöne“ im Scherzo kommen fast wie schüchterne Hilferufe durch. Und dann „das“ Ereignis – das Adagio. Man muss manche Aufnahmen mehrmals und dann wieder ganz bewusst hören, um ihre Qualität erfassen zu können. Ich war völlig hin und weg, als ich dieses dritte Adagio hintereinander hörte. Das Hagen Quartett erreicht eine noch unglaublichere Ausdrucksintensität als das Alban Berg Quartett, entwickelt ein ganz eigenes, zartes Geflecht, ein Wunder an innigem Ausdruck. Ganz wichtig sind beim Hagen Quartett die Pausen – sie „atmen“, haben ihre eigene „Lautstärke“. Im Final-Allegro mögen andere erste Geiger forcieren. Lukas Hagen „singt“ lieber, das ist ganz, ganz positiv gemeint, „wie ein Vöglein im Walde“.


    Die mir vorliegende Ausgabe der Eulenberg Taschenpartitur weist im Adagio bei Takt 38 einen Fehler auf, weil die Sechzehntelanzeige über der verlängerten Viertelnote der Viola in der zweiten Takthälfte fehlt. (Alle drei Quartette spielen dort Sechzehntel.) Abgesehen davon halte ich es für Notenkundige schon für sehr wertvoll, ein Werk wie D 87 mitlesend zu erfahren. Man bemerkt viele Details, die man sonst vielleicht überhören würde. Aus den Hörerfahrungen des Abends mit D 87 nehme ich ein ganz lieb gewonnenes Streichquartett von Franz Schubert mit – und eine Aufnahme des Adagios mit dem Hagen Quartett, die mich einmal mehr staunen macht, wie ganz eigen, ganz empfunden, ganz innig, wunderbar gut große Musik gemacht werden kann.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Freundlicher Gruß
    Alexander

  • Tamino Beethoven_Moedling Banner
  • Hallo zusammen,


    Ein sehr schönes Werk hat Frank für uns ausgesucht, aber mir ging es mit dem Hörerlebnis anfangs nicht viel anders als Frank. Ich hatte Probleme der Musik konzentriert zuzuhören. Den Grund dafür konnte und kann ich mir bis jetzt nicht erklären. Ich brauchte einige Anläufe, um die wirkliche Schönheit dieser Musik zu erkennen.


    Mir fällt es als Anfänger natürlich sehr schwer ein Werk zu beurteilen und meine Höreindrücke zu schildern. Ich versuche es dennoch.


    Wie Alexander schon so treffend beschrieben hat, ist besonders das Adagio von unbeschreiblicher Schönheit.


    Das Adagio ist wie ein Blick in das Wohnzimmer einer Familie die sich an ihrem eigenen Spiel der Hausmusik erfreut, voller Zufriedenheit und Sinnlichkeit.


    Dagegen kommt mir das Allegro zuweilen frech vor. Die "Diskussion" wie Alexander schrieb zwischen der Viola und dem Cello haben m.E. nach etwas witzig freches, als würden sich die Kinder der Familie necken, aber immer unter der melodieangebenden Regie der Violine.


    Mir gefällt dieses Werk besonders auf Grund seiner ausstrahlenden behaglichen Wärme.


    LG


    Maggie

  • Hallo!


    Dieses Streichquartett wurde bis zur Wiederentdeckung des Autographen Schuberts späten Werken zugeordnet. Dies kann ich kaum nachvollziehen (aber bei Beethovens op. 129 liegt ja ein ähnlicher Fall vor).
    Unter Schuberts frühern Quartetten gibt es einige, die mich auf Anhieb mehr ansprechen als dieses. Insofern geht es mir ähnlich wie Frank am Anfang. Zwar besitze ich die Aufnahme mit dem Henschel Quartett schon lange, habe mich aber um D 87 eigentlich nie gekümmert.
    Inzwischen weiß ich den frühen Schubert zu schätzen und kann jedem Kammermusikfreund nur nahelegen, sich mit den Quartetten vor D 703 zu beschäftigen.
    Auch mir gefällt im Es-dur-Quartett der langsame Satz am besten.
    Von einem "alle Taminos hören" sind wir weit entfernt, aber für Kammermusikforum-Verhältnisse ist hier durchaus was los...


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Guten Abend allerseits!


    Nachdem ich das Werk heute nochmals gehört habe, möchte auch ich einige Gedanken niederschreiben.


    Mich hat das Werk ebenfalls zunächst enttäuscht. Ganz nett, durchaus gefällig, dachte ich. Viel besser ist es seither nicht geworden. Wenn mich jemand fragte, ob wir das Quartett hören wollen, würde ich noch immer antworten: „Ja, warum nicht“, und nicht „Oh, sehr gern!“


    Zwei Punkte sind es im Wesentlichen, die eine positivere Bewertung (bislang?) verhindern:


    Die einzelnen Sätze sind mir zu wenig voneinander abgegrenzt. Dieser Eindruck ist objektiv falsch, wenn ich z. B. den doch recht aggressiven Beginn des Scherzos mit der Weichheit des Adagios vergleiche. Dennoch ist er da. Wahrscheinlich ist er darin begründet, dass alle Sätze dieselbe Tonart haben und ich das intuitiv als langweilig empfinde.


    Es gibt den schönen Satz vom Streichquartett als Gespräch zwischen vier intelligenten Menschen. Hier trifft er nicht zu, ist nur die erste Geige intelligent. Die anderen drei Instrumente bekommen kaum mal etwas Anständiges zu spielen. Ein hin und her der Themen findet nahezu nicht statt. Am Schlimmsten trifft es das Cello. Man versuche mal probehalber, nur ihm zuzuhören. Es ist kaum möglich. Der Blick in die Partitur bestätigt: Das Cello hat kaum etwas zu spielen. Frank schrieb in seinem Einleitungsbeitrag zum Allegro: „Auffällig ist, dass hier die erste Violine zum Hauptakteur wird. Die übrigen drei Stimmen spielen lediglich Begleitung und dürfen allenfalls gelegentlich einmal ein "Stichwort" beisteuern.“ Nein, nicht erst im Allegro. In allen Sätzen ist das so, abgesehen von einzelnen Stellen, die aber eben Stellen bleiben. Angemerkt sei, dass der Grund für dieses Missverhältnis in den unterschiedlichen Spielstärken der beteiligten Hausmusiker, für die Franz Schubert komponiert hat, liegen dürfte. Nur: Das erklärt zwar den Zustand, macht ihn aber nicht besser.


    Als unschön empfinde ich überdies die Pizzicati. Es scheint, als habe Schubert damit noch nicht recht umzugehen gewusst. Einmal gezupft, schon ist es wieder vorbei. Wenn man dem Pizzicato nichts zutraut, so finde ich, sollte man es doch lieber ganz weglassen.


    Meine einzige Einspielung ist vom Alban Berg Quartett, live aufgenommen im Jahre 1994.



    In dieser Aufnahme spielt das Alban Berg Quartett alle Wiederholungen mit Ausnahme die der Exposition des vierten Satzes.


    Wirklich verblüffend zu lesen war für mich der obige Beitrag von Alexander. Das von ihm dort zum Verhältnis der Einspielungen Melos Quartett / Alban Berg Quartett Geschriebene sehe ich genau umgekehrt – wobei ich die Aufnahme des Melos Quartett nur einmal bei Uwe gehört habe (nicht einmal ganz) und meine Aufnahme des Alban Berg Quartetts eine andere ist als die von Alexander.


    Das Alban Berg Quartett spielt nach meinem Dafürhalten deutlich kontrastbetonter als das Melos Quartett, sowohl dynamisch als auch interpretatorisch – festzumachen u. a. am Tonansatz, der beim ABQ deutlich ruppiger ist, vor allem im Scherzo. Dem Werk bekommt dieser Ansatz ausgezeichnet, insbesondere wegen der nach meinem Empfinden bestehenden Gefahr der zu großen Eintönigkeit. Erst mit der Partitur in der Hand fielen mir kleine „Mängel“ der Aufnahme auf: Zum Beispiel steht in der Partitur einige Male „dolce“. Herausgehört hätte ich das nicht, klingt doch das Dolce von Herrn Pichler arg heiser. Mehr Süße, auch im Adagio, hätte gut getan. Aber sonst? Nichts sonst. Es handelt sich um eine hervorragende Aufnahme.


    Mein Fazit habe ich oben schon benannt. Mal sehen, ob es dabei bleibt. Das Adagio entfaltet jedenfalls auch bei mir schon seine Wirkung. Es ist in der Tat eine große Leistung, so etwas schlicht-schönes zu schaffen.


    Viel Spaß beim Hören wünscht
    Thomas

  • Hallo,
    ich habe von dem besagten Es-dur-Quartett nur eine einzige CD, und zwar diese ungefähr zehn Jahre alte Einspielung des Leipziger Streichquartetts:



    Auf mich macht diese solide Aufnahme einen sehr stimmigen und "richtigen" Eindruck, so dass ich eigentlich kaum etwas vermissse (abgesehen vom für meine Begriffe etwas dumpfen Klangbild). Der zweite Satz sticht in dieser Aufnahme besonders hervor, nämlich sehr aggressiv. Selbst im Trio will keine richtige Ruhe aufkommen, dafür ist der Satz sicherlich auch zu kurz.
    Ich nehme an, dass Thomas an dieser Aufnahme wohl keine rechte Freude hätte, denn das Leipziger Streichquartett vermeidet, besonders im zweiten Satz, die von Thomas bereits beim Alban-Berg-Quartett vermisste Süße. Aber das dürfte lediglich eine Geschmacksfrage bleiben.


    Viele Grüße
    Frank

  • Hallo,


    über dieses Quartett möchte ich mich, wie einige meiner Vorschreiber hier auch, weder bewundernd noch ablehnend äußern. Es ist für mich ein solides Jugendwerk, das nicht allzu schwierig zu spielen (das meine ich positiv) und ziemlich einfach zu durchschauen ist, dabei aber durchaus Charme hat und einheitlich konzeptioniert ist.


    Ich besitze es in der Dover Partitur sämtlicher Streicherkammermusik Schuberts, bisher habe ich es allerdings noch nicht sonderlich beachtet. Aus gegebenem Anlass habe ich mit die mir einzig vorliegende Einspielung nun einige Male angehört, und zwar folgende des Melos Quartetts:



    Die Interpretation hat mich beim Anhören dieser CD nicht sonderlich angesprochen; ich fand sie viel langweiliger als das Überlesen der Partitur. Nachdem ich mir das auf der CD folgende Quartett, nämlich D 804, ebenfalls noch einmal angehört habe, war mir der Grund klar: Die Einspielungen auf dieser CD sind ziemlich leblos. Ich mag die beiden ersten Sätze des "Rosamunde"-Quartetts eigentlich sehr gerne und kenne gute Interpretationen; in dieser Einspielung des von mir sehr geschätzten Melos Quartetts (sie haben die Beethovenquartette einmal mittelmäßig, aber einmal wunderbar eingespielt) empfand ich jedoch nur gelangweiltes Abspielen des Stückes. Deshalb: Man sollte diese Aufnahme nicht zum Maßstab machen - eine andere dieses Stückes kenne ich jedoch nicht, aber aus Interesse werde ich mir wohl noch eine zulegen.


    Das Es-Dur-Quartett scheint mir aber ziemlich geeignet zu sein, als junger Musiker erste spielpraktische Erfahrungen mit dem Streichquartettspiel zu machen, oder was meint Ihr?


    Gruß,


    Uwe

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

  • Hallo Uwe,


    deine Charakterisierung als nicht bewundernswertes, sondern solides Jugendwerk mit Charme finde ich sehr treffend.


    Nur frage ich mich noch immer, ob in diesem Stück nicht doch mehr steckt. Indizien dafür sind:


    - Wir haben mit Frank und Alexander zumindest zwei Begeisterte.
    - Es gibt eine erstaunliche Vielzahl von Aufnahmen.
    - Im von mir vorgestern für wenig Geld gekauften "Franz Schubert Musikführer" von Dürr / Feil, zwei ausgewiesenen Schubertkennern, heißt es u. a.: "Daß dies herrliche Kammermusik ist, ideen- und figurenreich, wird durch den serenadenhaften Seitensatz auch im Finale unterstrichen."


    Und: Frank hat berichtet, dass sich der Reiz des Werkes bei ihm nur langsam entfaltet hat, er das Werk erst nach langer Zeit wirklich schön fand. Vielleicht wird es auch mir noch so ergehen. Den Anfang des von Frank beschrittenen Weges habe ich bereits zurückgelegt. So war ich geradezu erstaunt, als ich den langsamen Satz plötzlich schön fand - beim ersten Hören fand ich ihn eher banal. "Viel besser ist es noch nicht geworden", schrieb ich oben. Etwas besser aber eben doch.


    Vielleicht versperrt ja gerade der Blick auf die Partitur, die kennerhafte Attitüde, die zur (vor)schnellen Feststellung: "Nichts besonders" führt, den Zugang zum Werk, ist dieses Quartett auf einen Hörer angewiesen, der sich dem Werk nicht über die Vernunft nähert, ist nicht nüchterne Abwägung geboten, sondern heitere Gelassenheit?


    Dürr / Feil bieten übrigens eine Erklärung für das Normale, das "auffällig Unauffällige" des Werkes an. Sie schreiben: "Im dritten Satz scheint Schubert wie zum ersten Mal zu versuchen, das Charakteristische eines Adagio-Satzes für ein Quartett zu treffen; vielleicht ist die Zurückhaltung in der Wahl der Mittel daher zu erklären; zu heikel sind ihm die Ausbrüche, die ihm sonst für die kontrastierenden Mittelteile in der Gangart der Andante-Sätze leicht von der Hand gehen."


    Die Antwort auf deine am Ende deines Beitrages gestellt Frage scheint mir einfach: Die Eignung als Einstiegswerk für das Quartettspiel ergibt sich zwanglos aus dem Zweck Hausmusik.


    @Frank:
    Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn das Werk nicht süß, also ruppig gespielt wird, finde sogar - wie oben bereits erwähnt -, dass solche Ruppigkeit dem Stück gerade wegen seiner die Gefahr der Langeweile in sich tragenden Unaufgeregtheit entgegenkommt. Nur sollte, wenn in der Partitur "dolce" steht, dieser Teil dolce gespielt werden und sich somit deutlich von dem vorherigen Teil abheben. Nur darum ging es mir, nicht um die Gesamtspielweise.


    Freundlich grüßt
    Thomas

  • Es gibt in der Tat vermutlich mehr Einzelaufnahmen dieses Werks als von allen anderen frühen Quartetten Schuberts zusammen.
    Ich habe allerdings bisher nur ein weiteres dieser frühen Stücke gehört, D 46. Das ist wesentlich ehrgeiziger, z.B. mit einer düsteren Fugato-einleitung im Kopfsatz, die dann wieder auftaucht. Stellenweise faszinierend, aber wesentlich weniger "flüssig" als das vorliegende Werk.


    Das zweifellos positive an D 87 ist, dass es ganz unprätentiös daherkommt. Keine Experimente oder Nachmachen eines großen Vorbildes, sondern etwas ziemlich Eigenes, mit allerdings recht bescheidenem Anspruch.
    Am besten finde ich ebenfalls die beiden Mittelsätze, an denen gibt es wenig auszusetzen. Das Finale ist immerhin spritzig, mit dem schon erwähnten "Kaffehaus-Geiger" in einem Seitenthema, vielleicht dienten Haydns op.76,1 und Beethoven op.18,3 als Vorbilder für das Finale, obwohl das wesentlich dramatischere Sätze sind. Die Dominanz der 1. Geige und die primitive Begleitung weiter Strecken im Finale (häufig tremolo) wird man bei den Vorgängern kaum finden.
    Im Kopfsatz findet sich schon die für Schubert typische Flächigkeit, aber ich halte ihn doch für den schwächsten des Werks. Thematische Arbeit und auch die Nebenstimmen stärker einbeziehender Satz sind anscheinend, was dem jungen Komponisten noch weitgehend fehlt. Dieses Manko kommt natürlich im traditionell "dichtesten" Satz am deutlichsten hervor. Aber immerhin verzichtet er auf plumpe Versuche, zu versuchen, was er noch nicht kann.


    Insgesamt mangelt es dem Werk auch etwas an Kontrasten; auf melodische Ähnlichkeiten wurde ja schon hingewiesen. Wenn ich recht sehe, stehen alle Sätze in der Grundtonart (außer dem Trio des Scherzos), was bei Haydn, Mozart, Beethoven fast nie vorkommt, normalerweise bringt der langsame Satz einen Kontrast (beim späten Haydn schon in recht entfernte Tonarten).


    Also m.E. kein Geniestreich wie der Erlkönig oder Mendelssohns Oktett oder so, aber ein im gesteckten Rahmen gelungenes, nett anzuhörendes Werk
    (ich zögere aber immer noch ein wenig, mir eine Gesamtaufnahme zu holen, ich weiß nicht, ob ich diese Frühwerke alle brauche...)


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    (ich zögere aber immer noch ein wenig, mir eine Gesamtaufnahme zu holen, ich weiß nicht, ob ich diese Frühwerke alle brauche...)


    Dochdoch, brauchst Du! :D
    Die Naxos-Aufnahmen halte ich für gelungen und kann ich hierzu empfehlen; zumindest D 74, mein Referenzwerk unter den frühen Schubert-Quartetten, sollte man kennen. Das ist IMO eher als "genial" zu bezeichnen als D 87.
    Warum ausgerechnet D 87 so beliebt bei der Plattenindustrie ist, kann ich auch nicht verstehen. D 173 würde sich wegen der Molltonart (sind meist beliebter) eher anbieten, und ich halte es für ähnlich gut wie D 87.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • brauchst du auf jeden fall! (wieso nicht? was hat man nicht noch alles? 8) )


    schon allein wegen dem nummer 2 d94, 1. und 4. satz.
    oder dem nr 5 d46, mit seinem mitreißenden menuetto.
    oder dem nr 6 d68, hier v.a. der 1. der beiden sätze.
    vom nr 7 d74, möchte ich das menuetto wieder hervorheben, das hinter seiner vordergründigen "tapsigkeit" herrlichste schubertwehmut verbirgt.
    das nr 9, wo der 1. satz so zart beginnt und dann in eine tiefe abtaucht, für die er ja inzwischen in den späteren großen werken bekannt geworden ist...
    und dann wegen dem nr 10 d173, für mich der höhepunkt dieser 11 frühen streichquartette: jeder satz ein juwel. hier wieder auf den 3. hingewiesen, das haydneskeste menuett, das ich kenne. ein satz, der auch einen spezi wie den lieben ulli länger zu beschäftigen vermag (in der blindverkostung).
    und zum schluss den anfang:
    den beginn des 1. streichquartetts d18 "in verschiedenen tonarten", wo er in 6 minuten ein versprechen an schmerzlichem aufbegehren und ungestümer dramatik abgibt, dessen spätere einlösung wir ja alle(?) so bewundern, sollte man sich gelegentlich zu gemüte führen (können).


    :hello: aus schubert-town

  • Ich hatte mich bisher noch nicht mit Schuberts Streichquartetten beschäftigt, vor allem weil ich Aufnahmen in HIP bevorzuge und Schubert bisher kaum so aufgenommen wurde; aber bei einem Bummel in Basel letzten Freitag fiel mir diese Aufnahme in die Hände:



    Laut Auskunft des sehr kompetenten Händlers (Classica heißt der Laden) leider vergriffen. Eine wunderbare Aufnahme, die diese Musik so richtig erblühen lässt. Da stellte sich mir die Frage nach dem unreifen Jugendwerk erst gar nicht. Wenn man natürlich als Hörer oder Interpret mit einer so gerichteten Voreingenommenheit an das Werk herangeht .....

  • Tamino Beethoven_Moedling Banner
  • Bevor schon der nächste "Alle sprechen über ..."-Thread eröffnet wird, schnell noch mein Senf sowie einige Lesefrüchte zu D 87.


    Ohne dem Werk Unrecht zu tun, darf man schon eine Kluft in puncto Originalität, Komplexität und eben deshalb auch Qualität zwischen D 87 und den vier letzten Werken Schuberts für diese Besetzung konstatieren. Schubert selbst sah das nicht anders - als er 1824 (nach der Komposition von D 804 und 810) erfuhr, dass im Familienkreis wieder seine frühen Werke gespielt wurden, schrieb er an seinen Bruder Ferdinand (Brief vom 16.7.1824): "Aber besser wird es seyn, wenn Ihr Euch an andere Quartetten als die meinigen haltet, denn es ist nichts dran, außer daß sie vielleicht Dir gefallen, dem alles von mir gefällt."


    Man muss sich vor Augen halten, dass die frühen Streichquartette wirkliche Jugendwerke sind: 1813, als D 87 entstand und Schubert bereits zwei Drittel seiner Quartette geschrieben hatte, war gerade mal das Jahr der ersten Symphonie - die erste Klaviersonate (für zwei Hände) entstand sogar erst 1815, als mit einer Ausnahme das Corpus der frühen Streichquartette bereits vollständig vorlag.


    Es gibt außerdem einige handfeste Gründe für eine gewisse Simplizität der frühen Quartette, die hier teilweise auch schon genannt wurden: in erster Linie die Zweckbestimmtheit für das Schubert'sche Familienensemble - Schuberts Brüder Ferdinand und Ignaz an der Geige, Franz strich die Viola und Vater Schubert das Cello. Des letzteren spieltechnische Fähigkeiten waren offenbar extrem limitiert (wie den Quellen zu entnehmen ist), woraus sich die bereits von Thomas konstatierte überaus einfache und unselbständige Stimmführung erklärt.


    Wie Salome Reiser in ihrer Dissertation "Franz Schuberts frühe Streichquartette" (Kassel 1995) ausgeführt hat, darf man die frühen Werke nicht einfach an dem uns heute bekannten zeitgenössischen Standard für die Komposition von Streichquartetten messen (also an Beethovens mittleren Quartetten). Erstens waren Schubert mit großer Sicherheit 1813 die Quartette Beethovens noch nicht bekannt – selbst von Haydn und Mozart hatte Schubert in seiner Konviktszeit wohl nur wenige Streichquartette kennengelernt. Zweitens sei als musikalischer Kontext eher eine heute verschüttete, damals aber sehr rege Enklave des Wiener Musiklebens Anfang des 19. Jahrhunderts namhaft zu machen: durch die zunehmende Popularität des Quartettspiels auch in bürgerlichen Kreisen seien z.B. Quartettbearbeitungen von Orchesterwerken sehr verbreitet gewesen. Dies sehe man auch an Schuberts frühen Quartetten, die in puncto Klangfülle und Parallelführung von Stimmen (insb. der Geigen), aber auch in der Orientierung an konkreten Orchesterwerken eher Orchestermusik als spezifische Quartettmusik rezipierten. Für die sehr ausgeprägten experimentellen Züge vieler früher Quartette Schuberts verweist Reiser auf Werke u.a. von Peter Hänsel, Andreas Romberg und Joseph Mayreder (Komponisten, die selbst in diesem Forum kaum vorkommen – Leute, da sind bestimmt noch wahre Schätze zu heben! :D).


    Nun ist es für D 87 ja gerade charakteristisch, dass diese experimentellen Züge anderer früher Quartette (auf die in diesem Thread schon hingewiesen wurde) fehlen. Carl Dahlhaus hat 1978 genau aus diesem Umstand die Beliebtheit dieses Quartetts abgeleitet, dessen Kopfsatz er als den ersten Versuch Schuberts beschrieb, die Sonatensatzform in einem Streichquartett zu erproben (alle früheren Kopfsätze Schuberts in dieser Gattung sind ja tatsächlich monothematisch). Ich zitiere (Carl Dahlhaus, Formprobleme in Schuberts frühen Streichquartetten, in: Schubert-Kongreß Wien 1978, hg. von Otto Brusatti, Graz 1979, S. 191ff.):


    Das Problem des scheinbar problemlosen, einerseits deutlich gegliederten und andererseits dicht gewobenen Satzes besteht in dem bloßen Nebeneinander von thematischer Struktur und motivischer Arbeit. Die thematische Konzeption ist schlicht dualistisch, ohne daß zwischen Haupt- und Seitenthema die Verflechtung von Abhängigkeit und Gegensätzlichkeit […] fühlbar wäre. Die Konfiguration der Themen ist spannungslos, und die musikalische Entwicklung wird unabhängig von den Themen ausschließlich von dem Motiv der Überleitung, das zugleich Motiv der Durchführung ist, getragen.


    Unabhängig von solchen Analysen und Urteilen ist es natürlich jedem unbenommen, den spezifischen Charme und die Qualitäten dieses Werks besonders zu schätzen – das haben ja die emphatischen Beschreibungen von Frank und Alexander gezeigt. Ich finde es aber besonders interessant, dass bei bestimmten Charakteristika „Rückschritt“ und „Fortschritt“ unauflöslich miteinander verwoben sind: So hat JR darauf hingewiesen, dass alle Sätze in der gleichen Tonart stehen. Das deutet einerseits wohl tatsächlich auf Vorsicht und Konvention – andererseits greift Schubert dann im d-moll-Quartett mit überwältigender Wirkung zum gleichen Mittel. Auch der von Dahlhaus bemängelte Tatbestand, dass die musikalische Entwicklung sich unabhängig von den Themen vollziehe, lässt sich auf einer höheren Ebene in manchem späten Schubert-Werk wiederentdecken (etwa im Kopfsatz der c-moll-Klaviersonate D 958; Durchführung). Und die Tatsache, dass man in D 87 die Hauptthemen der Sätze 2-4 als Varianten des Themas aus dem ersten Satz auffassen kann (darauf weist u.a. Werner Aderhold im Vorwort des entsprechenden Bands der Neuen Schubert-Ausgabe hin), wirkt sogar wie die Vorwegnahme einer spezifisch romantischen, vereinheitlichenden Konzeption.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Etwas spät,


    aber ich mach noch mit - es steht ja nirgends, daß alle Taminos gleichzeitig hören müssen.


    Ich habe mir die hier enthaltene Aufnahme [eigentlich wegen D703 und dem Artis-Quartett] zugelegt:



    allerdings in dieser augenweiderischeren Verpackung:



    Franz Schubert [1797-1828]
    Quartett a-moll D804
    Quartett Es-Dur D87
    Quartettsatz c-moll D703


    Artis Quartet:
    Peter Schuhmayer, Violine Domenico Montagnana [1727]
    Johnnes Meissl, Violine Andrea Guarneri [c1690]
    Herbert Kefer, Viola Giovanni Battista Guadagnini [1784]
    Othmar Müller, Violoncello A. Amati [c1573]


    Mir gefällt das Werk sehr gut - ich höre es gerne! Zwar empfinde ich es im Vergleich zum früheren, m. E. aber reiferen C-Dur-Quartett D46 sehr viel leichter, aber es muß ja nicht gleich alles an Beethovens op. 59 Nr. 3 anknüpfen. Mit dieser "Anknüpfung" meine ich im Besonderen, daß in beiden Fällen [Beehoven/Schubert] das gewählte C-Dur nach allem Möglichen klingt, nicht aber nach Standard-C-Dur.


    D87 hat im ersten Satz einen leichten Kaffeehauscharakter, den ich als sehr "wienerisch" empfinde - jedenfalls wienerischer als irgendeine seiner Sinfonien. Vom auffällig kurzen Scherzo gefällt mir das Trio am besten - ich weiß nicht, woran mich das erinnert? Als "ländlerisch", wie es im Booklet bezeichnet wird, empfinde ich es weniger. Hmmlisch schön ist natürlich das Adagio, der dritte Satz: Gerade die Einfachheit des Themas ist beeindruckend - und langweilt nicht. Das Booklet weist hier auf die Sonderstellung eines Adagiosatzes bei Schubert hin, der bei den Sinfonien garnicht, bei den Klaviersonaten nur einmal, in 41 Kammermusikwerken 6mal vorkommt. Besonders reizend ist wieder der Finalsatz, ein fünfeinhalbminütiges Allegro von divertimentohaftem Esprit.


    Soweit meine Hörerfahrung, die nicht so reichhaltig ist, wie die meiner Vorgänger - aber das meiste wurde bereits geschrieben.


    :hello:


    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)