Literarische Empfehlungen - was lese ich gerade

  • 9783550060618-de.jpgVon einem meiner geistigen Lehrmeister in jungen Jahren habe ich mir diesen Spruch gemerkt: "Wenn man älter wird, findet man zu Goethe." Nun werde auch ich älter und versuche es mal wieder. Obwohl dieses Buch bereits 1963 erschienen und die Forschung seither vorangeschritten ist, geht von ihm nach wie vor eine große Faszination aus. Diese Neugierde auf Goethe, die Lust an seinem Werk wirkt durchaus ansteckend. Außerderm ist es brilliant geschrieben. Der Stil und die Fabulierkunst von Friedenthal sind jenem, dem das Werk gilt, durchaus ebenbürtig. Zudem sprechen auch die zahleichen Auflagen für das Buch.

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • "Wenn man älter wird, findet man zu Goethe."


    Wie wahr! Ich, deutlich über die Achtzig, bin ein (noch) lebendes Beispiel dafür. Würde aber Rheingolds Zitat durch ein "wieder" ergänzen.

    Die Friedenthal-Biographie war die erste, die ich, Goethe betreffend, gelesen habe. Und sie hat mich regelrecht gefesselt damals, ich erinnere mich noch gut. Nun steht sie, in ihrem original rotbraunen Leinengewand, neben den vielen anderen, die ihr nachgefolgt sind, darunter die zweibändige von Eissler und die riesige in drei dicken Bänden von Boyle. Keine von ihnen kann ihr, was das Heranführen des Lesers an den Menschen und Autor Goethe anbelangt, das Wasser reichen.


    Mit Ausnahme vielleicht der Bücher, die Sigrid Damm über Goethe selbst und seine Beziehung zu den Menschen in seiner unmittelbaren Nähe geschrieben hat. Die vermögen einem auch die Person Goethe sehr nahe zu bringen.

    Mit diesem Buch hab ich angefangen, - und es inzwischen sogar zwei Mal gelesen, weil es da um ein Thema geht, das nun einmal im Zentrum des Fühlens und Denkens eines alten Menschen steht: Den Tod.



    Und dann konnte ich nicht mehr aufhören und las im letzten Halbjahr alles, was von ihr über Goethe vorliegt.

    So viel zu Rheingolds Zitat.


    Sein Nachwort leitete Friedenthal übrigens mit der Feststellung ein:

    "Es gibt Zeiten der Goethe-Nähe und Goethe-Ferne".

    Die Unsrigen heute sind - ganz gewiss - leider solche der Ferne.

  • 9783550060618-de.jpgVon einem meiner geistigen Lehrmeister in jungen Jahren habe ich mir diesen Spruch gemerkt: "Wenn man älter wird, findet man zu Goethe." Nun werde auch ich älter und versuche es mal wieder. Obwohl dieses Buch bereits 1963 erschienen und die Forschung seither vorangeschritten ist, geht von ihm nach wie vor eine große Faszination aus. Diese Neugierde auf Goethe, die Lust an seinem Werk wirkt durchaus ansteckend. Außerderm ist es brilliant geschrieben. Der Stil und die Fabulierkunst von Friedenthal sind jenem, dem das Werk gilt, durchaus ebenbürtig. Zudem sprechen auch die zahleichen Auflagen für das Buch.

    Danke für die Empfehlung, lieber Rheingold1876.


    Das Buch wurde soeben bestellt und wird wahrscheinlich schon in den kommenden Tagen bei mir eintreffen.


    Grüße

    Apollon

  • Etwas möchte ich zu meinem vorangehenden Beitrag, die Friedenthal-Goethe-Biographie betreffend, doch noch nachtragen. Der Historiker in mir mahnt das an.


    Ich hätte darauf hinweisen müssen, dass diese Biographie veraltet ist, und das in gleich mehrfachem Sinn. Einmal natürlich, weil sie infolge ihres Alters den heutigen Goethe-Forschungsstand nicht repräsentieren kann, aber sie verfährt auch nicht nach dem Gebot der um Objektivität bemühten kritischen Distanz der historischen Person gegenüber. Und schließlich kommt auch der Aspekt "Bedeutung des literarischen Werks" ein wenig zu kurz.

    Das alles ist natürlich Folge des literarischen Grundkonzepts, an dem Friedenthal sich ausrichtet: Der auf größtmögliche Anschaulichkeit ausgerichteten, Person und Leben in diesbezüglich relevanten Details erfassenden Darstellung. Das macht das Buch ja so fesselnd.

    Aus Neugier habe ich mir mal angesehen, wie ein heutiger Goethe-Biograph diesbezüglich verfährt und, mich auf das Kapitel "Sesenheim" konzentrierend, Vergleiche mit dieser Goethe-Biographie angestellt, in deren Bibliographie übrigens, und das ist durchaus vielsagend, Friedenthal gar nicht angeführt ist:



    Was dabei herausgekommen ist, kann ich - leider! - hier nicht wiedergeben. In diesem Thread wäre es fehl am Platz. Es dürfte im Übrigen ja auch gar nicht von Interesse sein.

  • Hallo,


    zur Zeit lese ich


    Marx Wagner Nietzsche


    Man lernt dabei, die Person Wagner aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und ihn damit nicht allein auf seine künstlerischen Aussagen zu reduzieren bzw. diese besser zu verstehen.

  • Heute zog ich ein 100 Seiten dünnes Büchlein aus dem Regal. Peter Härtling hat 1983 Voneinander hören, Reden aus Zorn und Zuversicht im Radius Verlag veröffentlicht. Bemerkenswert ist die Rede "Gespräch zwischen den Generationen", die er 1981 am Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg gehalten hatte, die äusserst aktuell zu nennen ist. Zentrum ist ein Auszug aus Friedrich Hölderlins Gedicht Die Friedensfeier, über den Peter Härtling reflektiert. Der Text entstand in der Zeit, als sich die Friedensbewegung in Deutschland manifestierte und zu etablieren begann.

    Auch der Artikel, in der Süddeutschen 1982 erschienen, "Klagen über Hiob, die Schwierigkeit über den Frieden zu schreiben" hat nichts von seiner Gültigkeit verloren.

    Des weiteren sind literarische Reflexionen, ein Interview, Essays und ein Gedicht enthalten.


    Beim Lesen musste ich daran denken, wie der Autor über Frieden und den Krieg in der Ukraine geschrieben hätte. Peter Härtling hat den 2. Weltkrieg und die Lügen und Verführungen der Propaganda als Kind erlebt.


    Antiquarisch ist das Buch noch erhältlich.

    .

    Humor und Geduld sind die beiden Kamele, mit denen man durch jede Wüste kommt.


    marokkanisches Sprichwort

  • Dieses Buch lese ich auch schon seit einiger Zeit. Mir hat der Anfang nicht so recht gefallen, wo t'Haart sehr minutiös der Legendenbildung über Bachs Charakter nachspürt und dabei unterschiedliche Biografien über den Meister miteinander vergleicht. Das fand ich zum Teil überflüssig, weil viel zu wenig über Bachs Leben überliefert ist, um da wirklich zu stimmigen Aussagen zu kommen.
    Deshalb habe ich es eine Zeitlang weggelegt und anderes dazwischengeschoben. Aber nun, wo es um 't Haarts eigene Faszination für Bach und insbesondere sein Kantatenwerk geht, ist der Funke übergesprungen und ich habe einen schönen Nachmittag mit den Einspielungen der Netherlands Bach Society auf Youtube verbracht, mit BWV 104, 42 und 151.

  • GLEICH VORANGESTELLT: WEIL ICH EINE HANDVERLETZUNG HABE, IST DAS TIPPEN AM COMPUTER EINGESCHRÄNKT. DESHALB IST ALLES IN GROSSBUCHSTABEN GESETZT.


    SASCHA SOKOLOW


    DIE SCHULE DER DUMMEN


    DAS BUCH IST HINTERS REGAL GEFALLEN. BEIM RÄUMEN KAM ES ALS ERFREULICHER FUND WIEDER ZUM VORSCHEIN. ICH HABE MICH DARIN FESTGELESEN.

    ES IST EINE WIDMUNG VORANGESTELLT: DEM GEISTESSCHWACHEN WITJA PJASKIN, MEINEM FREUND UND NACHBARN.


    AUS DER PRODUKTINFORMATION DES SUHRKAMP VERLAGES:


    Sascha Sokolow, geboren 1943 in der Sowjetunion und heute in den USA lebend, macht uns in seinem ersten Roman aus dem Jahr 1976 zum Zeugen von Gedanken, Erinnerungen, Wünschen und Vorstellungen eines russischen Hilfsschülers.

    Was wir damit sollen? »Nichts sollen wir damit«, schreibt Iris Radisch. »Hier gibt es nichts zu holen. Kein spätsozialistisches Epochendiagramm, kein Panorama des sowjetischen Endspiels. Nur das Glück der Dummheit, das ansteckend ist. Nur die zügellose Sprache, den wilden, zutraulichen Plauderton, der sich wie eine nie gehörte Musik im Ohr festsetzt. Nur den Herzschlag einer galoppierenden, rücksichtslosen, anarchischen Literatur, der fröhlich und traurig und schwindlig macht und den man nicht vergißt – ein grandioses Buch, richtig genial.«


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    Humor und Geduld sind die beiden Kamele, mit denen man durch jede Wüste kommt.


    marokkanisches Sprichwort

  • Ich empfehle das neueste Buch von Maarten 't Hart, "Der Nachtstimmer", wo ein Orgelstimmer in eine kleine Gemeinde kommt, um eine berühmte Orgel zu stimmen. Das beschreibt Hart mit großer Genauigkeit; er spielt ja selber Orgel. Dazu kommt eine Liebesgeschichte und ein harmloser Krimi. Ein Grundton bei ihm ist immer der, dass er den evangelikalen Fundamentalismus der Holländer "auf die Schüppe" nimmt. In einem anderen Buch kommen die Pietkong-Brüder (also die Oberfrommen) in seinem Dorf zu seinem Vater, dem Totengräber. Der Grund: die Überprüfung des Glaubens und der Bibelkenntnis des Totengräbers. Der erweist sich aber als viel bibelfester als sie und diskutiert sie in Grund un Boden.

    Mitten in der großen natürlichen Barbarei ist es den Menschen manchmal gelungen, kleine, warme, von der Liebe besonnte Plätze zu schaffen. Kleine, abgekapselte reservierte Bereiche, in denen Intersubjektivität und Liebe herrschten (Michel Houellebecq, Elementarteilchen)

  • Herbert Blomstedt: Mission Musik - Gespräche mit Julia Spinola

    Das war meine Urlaubslektüre. Ich liebe Herbert Blomstedt und war etwas enttäuscht darüber, dass das Buch keine 600 Seiten hat... ;-)


    Mit dem ersten Blick in die Diskographie fiel mir ein erster Fehler auf, eine Kleinigkeit nur, aber sowas sollte beim Abtippen von Information nicht passieren.

    Dass Spinola das San Francisco Symphony Orchestra mit "SFSO" abkürzt, finde ich noch ok, wenn auch die Eigenschreibweise "SFS" ist.

    Das Gewandhausorchester Leipzig als "GEW" ist mir fremd, ich kenne GOL und habe GO und GWO schon gesehen. Na ja...


    Das Buch hat mich gut unterhalten und ich beneide Spinola um die Gelegenheit, HB so lange begleitet zu haben.

    "Das Thema, welches die Pauke zuletzt hat, findet gewiß keiner heraus!" (Gustav Mahler)

  • Gestern bestellt:



    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • John Eliot Gardiner: Bach - Musik für die Himmelsburg



    Dieses Buch bekam ich vor einiger Zeit geschenkt, zu einem Geburtstag oder zu Weihnachten. Die Originalfassung wäre mir lieber gewesen, allerdings ist die deutsche auch toll, wunderbar übersetzt von Richard Barth.


    Nachdem ich zunächst nur das Vorwort und nach einer kleinen Pause das erste Kapitel gelesen hatte, lag es lange auf dem Nachttisch, stand dann wieder lange im Regal, bis ich neulich, ein wenig mit schlechtem Gewissen und auf der Suche nach Lektüre, in die musikalische Richtung inspiriert von Blomstedt und Dixon, wieder zum Bach-Buch griff.

    Ich finde es toll zu lesen, bin auf Seite 216 jetzt beim ersten Drittel angelangt und werde sicherlich auch weiterhin in Etappen lesen.

    Die Erläuterungen zur Kantate „Christ lag in Todesbanden“ (BWV 4) und dem Actus tragicus fordern das Mit- und Nachhören der Musik, was mir aber im Garten der Schwiegereltern nicht so gelingt, wie es erforderlich wäre. Spannende Details zur Harmonik und den Tonarten, wären mit klingendem Beispiel sicherlich noch eindrücklicher. Vielleicht hole ich das bei Gelegenheit nach.

    Das Leben Bachs wird nicht stur nach Jahresfolge erzählt, sondern in Lebensabschnitten, größeren Blöcken sozusagen, die die Entwicklung des Komponisten im Kontext von Familie, Schule, Politik und Gesellschaft und anderen Komponisten nachzeichnen. So im Kapitel „Die 85er“, das mit den Worten beginnt: „Im Jahr 1703 feierten drei Musiker ihren 18. Geburtstag, die später gewaltigen Ruhm erlangen sollten: […] Scarlatti, […] Bach und […] Händel.“ Rameau, Mattheson und Telemann werden angeführt und immer wieder erwähnt mit ihrer Bedeutung für die Musikgeschichte allgemein und die Entwicklung Bachs im Besonderen.


    Naja, es wird mir nicht gut gelingen, meine Faszination für dieses Buch besser zu beschreiben. Es ist dick, detailliert, von unglaublicher Fülle, durchaus unterhaltsam und ein auch sprachlich appetitlicher Brocken Speziallektüre, die jedem interessierten Bach-Fan lohnende Beschäftigung bietet. Dessen bin ich mir sicher.

    "Das Thema, welches die Pauke zuletzt hat, findet gewiß keiner heraus!" (Gustav Mahler)

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    Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Roman von Laszlo Passuth eine Empfehlung sein kann. Dafür ist zu vieles frei erfunden. Die biographischen Fakten geben bekanntlich nicht sehr viele Einzeiheiten her. Dennoch macht die stimmungsvolle Lektüre Spaß. Die bessere Empfehlung ist gewiss der neue Monteverdi-Thread von Fiesco.

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Zitat von Rheingold1876

    Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Roman von Laszlo Passuth eine Empfehlung sein kann. Dafür ist zu vieles frei erfunden. Die biographischen Fakten geben bekanntlich nicht sehr viele Einzeiheiten her. Dennoch macht die stimmungsvolle Lektüre Spaß. Die bessere Empfehlung ist gewiss der neue Monteverdi-Thread von Fiesco.

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    .....meines sieht so aus!


    Hallo lieber Rheingold1876, das Buch habe ich gelesen bevor das von Silke Leopold erschien, gebracht hat es für mich nur....., dass ich richtig neugierig wurde! :D !

    Dagegen fand ich das Buch 41BX6k3GB3L._SX373_BO1,204,203,200_.jpgziemlich gut.....


    ....da geht es aber um Gesualdo!


    Vielen Dank für deine Weiterempfehlung!:jubel:


    Hier hatte ich noch was eingestellt Claudio Monteverdi: Orfeo- der Beginn der Oper!

    Und hier noch eine Empfehlung...41igKKCqt7L._SX324_BO1,204,203,200_.jpg


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Ersetzt in der Dichte der dramatischen historisch-politischen Ereignisse jeden Roman. Musste beim Lesen oft an meine Großeltern denken, die - mittlerweile schon lange im Jenseits - in jenem Jahr ältere Jugendliche und junge Erwachsene waren. Die haben dieses Jahr 1923 live und in Farbe miterlebt.


    Sehr schöne Lektüre für mich.



    Grüße

    Garaguly

  • Die haben dieses Jahr 1923 live und in Farbe miterlebt.

    Lieber Garaguly,


    .... wie auch meine Eltern und Großeltern!

    Vermutlich kennst Du das Buch, trotzdem möchte ich es hier ausdrücklich empfehlen, denn es behandelt in Romanform, aber in großartiger und sehr wirklichkeitsnaher Weise das schreckliche Inflationsjahr 1923:

    Wolf unter Wölfen online kaufen | eBay


    Hans Fallada: Wolf unter Wölfen


    Einer der großartigsten Romane, die ich in meinem Leben gelesen habe.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Ich habe "Wolf unter Wölfen" drei Mal gelesen und mir jetzt die Verfilmung besorgt.

    Genauso gut und spannend ist "Bauern, Bonzen, Bomben" aus der gleichen Zeit. Hier gibt es eine grandiose Verfilmung mit der ganzen deutschen Schauspielerelite der 60er!

    Mitten in der großen natürlichen Barbarei ist es den Menschen manchmal gelungen, kleine, warme, von der Liebe besonnte Plätze zu schaffen. Kleine, abgekapselte reservierte Bereiche, in denen Intersubjektivität und Liebe herrschten (Michel Houellebecq, Elementarteilchen)

  • Nein, "Wolf unter Wölfen" habe ich noch nie gelesen. Aber das ist jetzt der Anlass, es mir zu Gemüte zu führen.


    Grüße

    Garaguly

  • Ich habe "Wolf unter Wölfen" drei Mal gelesen und mir jetzt die Verfilmung besorgt.

    Lieber Dr. Pingel,


    ein großartiger, hervorragend besetzter DEFA-Film, der 1964/65 gedreht und im DDR-Fernsehen gezeigt wurde. Wenige Jahre später lief der Vierteiler auch im Westdeutschen TV, ich habe alle vier Folgen mit atemloser Spannung angesehen:

    Quellbild anzeigen


    Das ist die DVD-Ausgabe.

    Besetzt ist der Film mit der damals ersten Schauspielergarde der DDR: Armin Müller-Stahl (Pagel), Wolfgang Langhoff (v.Prackwitz), Annekathrin Bürger (Petra Ledig), Herbert Köfer (v. Studmann), Ekkehard Schall (Diener Hubert Räder) u.a. Regie führte Hans-Joachim Kasprzik.


    Natürlich ist der Film längst nicht so ausführlich wie Falladas Buch, das ca. 1000 Seiten umfaßt, aber die Handlung lehnt sich sehr eng an den Roman an. Als es die DVD endlich zu kaufen gab, habe ich ein Wiedersehen mit dem Film gefeiert. Buch und Film sind gleichermaßen ganz große Klasse.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Nein, "Wolf unter Wölfen" habe ich noch nie gelesen. Aber das ist jetzt der Anlass, es mir zu Gemüte zu führen.

    Lieber Garaguly,


    ich kann Dir schon jetzt dazu gratulieren, es ist (für mich) der großartigste Roman, den ich jemals gelesen habe (und das mindestens sechsmal!). Wenn auch die Spannung des Kennenlernens nachgelassen hat, so bin ich immer wieder begeistert von diesem wirklich tollen Buch, dessen Handlung atemberaubender und spannender ist als jeder Kriminalroman. Inzwischen bin ich 80, aber ich habe die feste Absicht, mir noch einmal dieses Drama in vier Akten zu Gemüte zu führen.


    Schon vor Jahren habe ich mal gesagt: Wenn ich nur einen einzigen Roman mit auf eine einsame Insel nehmen dürfte, so stünde ich vor der Wahl "Wolf unter Wölfen" oder Erich Maria Remarques "Die Nacht von Lissabon". Letztlich würde ich mich aber wohl für den Wolf entscheiden.


    LG und einen schönen Sonntag wünscht

    Nemorino :hello:

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Ein, wie ich aus vielerlei Gründen finde, spannendes Buch ...



    Abgesehen davon, dass mich die Frage, wie Musik funktioniert, schon immer interessiert hat, gab es den Auslöser im einleitenden Text


    Zitat von Music as Discourse


    But what if we conceive of analysis as a mode of performance, or as a mode of composing, not as an unveiling of resident truths, not as an exercise in decoding? What if we think of the truth of a musical work as emerging from doing, from engaging with musical materiality, and not as a summary narrative that is produced after the doing? What if we think of analysis as a means to an unspeci- fied end, a flexibly conceived end that may range from making relatively trivial observations about style and history to the less trivial pleasure of inhabiting the composition’s space for prolonged periods and engaging in diverse ways with its elements?


    Das kommt dem, was ich mir selbst in diesem Zusammenhang denke wirklich nahe. Da versuche ich jetzt mal zu verstehen, warum das auch gut so ist .... :)

  • Nochmals ein Wort zu dem Roman von Hans Fallada "Wolf unter Wölfen". Ich empfehle besonders dieses rororo-Taschenbuch, weil es eine wirklich vollständige Replik der Original-Ausgabe ist:

    gebrauchtes Buch – Hans Fallada – Wolf unter Wölfen

    Andere, von mir durchgesehene, enthalten meist leichte Kürzungen.


    Hans Fallada betätigt sich in seinem Buch als Chronist der bewegten Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, mit den Schrecken der Inflation, dem Rausch des Geldes und der Liebe, in denen jeder das Glück auf Kosten des Anderen zu erjagen suchte. "Ein gigantisches Epos, das literarische Dokument einer aus den Fugen geratenen Zeit."


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Ich empfehle besonders dieses rororo-Taschenbuch, weil es eine wirklich vollständige Replik der Original-Ausgabe ist:

    Gilt das auch für die doppelbändigen Ausgaben des Aufbau-Verlages? Die waren bei Fallada immer sehr gründlich (ich beziehe mich da auf den "Eisernen Gustav").


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Hallo, Thomas,


    soeben erst habe ich Deine Frage gelesen, ich brauchte mal wieder ein paar Tage "Tamino-Pause"!


    Leider muß ich die Antwort schuldig bleiben, weil ich die Ausgaben des Aufbau-Verlags nicht kenne. Das von mir in Beitrag #2.874 gezeigte rororo-Taschenbuch von 1964 (klein gedruckt, 731 Seiten) ist, soweit ich das feststellen kann, identisch mit der 2-bändigen Original-Ausgabe des Rowohlt-Verlags von 1937:

    Quellbild anzeigen

    Das Original, noch in Fraktur-Schrift, habe ich von meinem Vater geerbt, der ein eifriger Fallada-Leser war (wie ich).


    Außerdem kenne ich noch u.a. diese gebundene Ausgabe von Loewig:

    fallada - wolf unter wölfen - ZVAB

    die ich mir gekauft hatte, nachdem das rororo-Buch nach mindestens 5maligem Lesen dementsprechend ausschaute. Leider mußte ich aber feststellen, daß diese Ausgabe, wenn auch nur geringfügige, Kürzungen aufweist. In einer Bibliothek fand ich einmal eine Nachkriegsausgabe (2 Bände), die habe ich aber nur flüchtig durchgesehen, weiß auch nicht mehr den Herausgeber.


    Sehr empfehlen kann ich Dir aber das folgende Buch:

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    von Hannes Lamp "Fallada unter Wölfen" (Verlag Druckerei Steffen, Friedland, 2002).

    Es berichtet höchst interessante Details über die Entstehung und Hintergründe des Romans, beschreibt die einzelnen Personen und (soweit möglich) ihre "Vorlagen", und ist vor allem reich bebildert mit Fotos vom Original-Schauplatz. Es handelt sich um Radach (im Buch: Neulohe), in der Neumark gelegen, wenige Kilometer östlich der Oder. Auf dem Buchdeckel (siehe oben) ist das Schloß des "Alten Herrn" (Mitte) und die Villa des Rittmeisters von Prackwitz (links hinten) gut zu erkennen. Beide Gebäude befinden (bzw. befanden) sich im Jahr 2000, als die Aufnahmen entstanden, im Zustand des Verfalls. Im Buch gibt es noch zahlreiche Abbildungen (u.a. vom Inspektorenhaus, in dem "Negermeier" lebte und liebte). Leider ist es z.Zt. nur zu einem Mondpreis erhältlich.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).


  • Ist lesenswert, zweifellos zu empfehlen als Lektüre für Freunde klassischer Musik.

    Der Untertitel verspricht das, was der Autor angestrebt und auch perfekt erreicht hat: Auf erzählende und schildernde Weise lässt er die Leser in das Leben, das Schaffen und den gesellschaftlichen

    Verkehr der großen Komponisten und Komponistinnen dieser Zeit blicken, - das Femininum deshalb, weil der Schwerpunkt auf Claude Debussy und der englischen Komponistin Ethel Smyth liegt.

    Aber sie treten natürlich alle auf: Von Schönberg über Webern, Mahler und Strauss, bis zu Strawinsky. Aber nicht nur den Komponisten, sondern auch jenen, die mit ihnen zu tun hatten, mit ihnen verkehrten begegnet man. So wird zum Beispiel das Gespräch zwischen Mahler und Sigmund Freud ausführlich geschildert.

    Es entsteht ein überaus buntes und detailliertes Bild aus dieser Perspektive der musikalischen Künstlerszene, wobei Hagedorn auch fiktional deskriptive und dialogische Mittel einsetzt. Diese erweisen sich aber, wie sich das für mich im Falle von Gustav Mahler erwiesen hat, allemal als sachlich gut fundiert, und der Verfasser zeigt sich darin als hervorragender Kenner der Sache, über die er in diesem Buch schreibt (er ist selbst Musiker, studierte Viola in Hannover).

    Ein schönes Beispiel für diese Kennerschaft ist, dass er, gestützt auf die Untersuchungen von Raymon Charles Coffer, mit der in der einschlägigen deutschsprachigen Fachliteratur weit verbreiteten Legende aufräumt, das Zerbrechen der Tonalität in Schönbergs Opus 10 sei der Erfahrung der Untreue seiner Frau geschuldet. Er kommentiert das mit der witzigen Bemerkung:

    "Es stünde schlecht um die Lyrik aller Zeiten, würde sie nur von Menschen verstanden und vertont, die gerade um die Liebe ihres Lebens fürchten."