Orchesterstreik - oder: Oper am Klavier

  • Samstagabend im Duisburger Opernhaus:


    S T R E I K des Orchesters


    Die nagelneue Produktion des "Fidelio" wurde trotzdem aufgeführt.
    Dirigent Andreas Stoehr und seine Assistentin Dagmar Theelen ersetzten das Orchester, indem sie auf zwei Flügeln im Orchestergraben die Sänger begleiteten.


    Die Deutsche Orchestervereinigung hat zum Streik aufgerufen. Betroffen sind viele Opernhäuser, auch gestern in Düsseldorf hatte man den Graben halb hochgefahren und einen Konzertflügel hineingeschoben, um die Vorstellung der "Lady Macbeth von Mensk" nicht ganz ausfallen zu lassen. Nicht alle Zuschauer zeigten Verständnis dafür, dass die Vorstellung nur mit Klavierbegleitung stattfinden sollte.


    In Leipzig und Dortmund fielen Vorstellungen aus, in Münster gab es die Premiere des "Land des Lächelns" auch nur mit Klavierbegleitung, ebenso die "Zauberflöte" in Magdeburg.


    Wie geht es weiter?


    LG

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • ach weisst du ich denke das wird sich schon wieder einrenken 8)

    "Der moderne Komponist darf seine Werke einzig und allein auf der Grundlage der Wahrheit schreiben."
    Claudio Monteverdi


    "Der Komponist komponiert erstens für sich selbst und zweitens für das Publikum; aber für ein ideales Publikum und nicht für das...welches real existiert"
    Nikolai Rimski-Korsakow


    "Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche."
    Gustav Mahler

  • aber man sollte als opernbesucher natürlich rabatt verlangen können :motz:

    "Der moderne Komponist darf seine Werke einzig und allein auf der Grundlage der Wahrheit schreiben."
    Claudio Monteverdi


    "Der Komponist komponiert erstens für sich selbst und zweitens für das Publikum; aber für ein ideales Publikum und nicht für das...welches real existiert"
    Nikolai Rimski-Korsakow


    "Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche."
    Gustav Mahler

  • Laut Presseberichten konnte man auch in Frankfurt gestern Abend die erste Opernpremiere ohne Orchester seit 200 Jahren erleben. Die Begleitung übernahm dem Vernehmen nach der Repetitor.


    Alviano schrieb doch, dass er die Premiere besuchen wolle. Hoffentlich lässt er uns an seinen Eindrücken teilhaben.


    :hello:


    Emotione

  • Zitat

    Original von Emotione
    Laut Presseberichten konnte man auch in Frankfurt gestern Abend die erste Opernpremiere ohne Orchester seit 200 Jahren erleben. Die Begleitung übernahm dem Vernehmen nach der Repetitor.


    Alviano schrieb doch, dass er die Premiere besuchen wolle. Hoffentlich lässt er uns an seinen Eindrücken teilhaben.


    Genauso ist es - die Premiere von Verdis "Masnadieri" fand statt, allerdings nur vom Flügel begleitet. Die Zuschauer mit Kaufkarten konnten diese zurückgeben oder für eine andere Vorstellung tauschen, die Abonnenten können sich telefonisch beim Theater melden und erhalten dann eine Freikarte für eine andere Aufführung der "Masnadieri".


    Die Mehrheit der Zuschauer blieb und wohnte dieser etwas ungewöhnlichen Premiere bei.


    Meine Sympathie gilt klar den streikenden Orchestermusiker/innen, allerdings wäre es für mich von Vorteil, wenn ich einen Tag vorher wüsste, ob eine Veranstaltung stattfindet - oder ausfällt. Die Kosten wären für mich bei einer vergeblichen Anreise dann doch erheblich

  • Lieber Alviano,
    in diesem speziellen Fall hattest Du ja dann die Gnade des kurzen Weges.
    Du bist doch sicherlich dort geblieben? Mich würde schon interessieren, was mich am 27.12. erwartet. Eigentlich freue ich mich sehr darauf, die Masnadieri einmal auf der Bühne zu sehen, da ich sie bisher nur von der CD kenne.


    LG


    Emotione

  • Zitat

    Original von Prometeo
    aber man sollte als opernbesucher natürlich rabatt verlangen können :motz:


    Ich sage stattdessen: Hoffentlich werden die Forderungen der Orchestermusiker erfüllt. Eine Abkoppelung vom Öffentlichen Dienst halte ich nicht für gerechtfertigt. Gute Löhne für gute Arbeit!


    In Hamburg blieb es Sonnabend noch beim Zettelverteilen. Mit einem Streik wurde hier bislang nur gedroht.


    Viele Grüße
    Thomas


    Nachtrag: Wer sich nicht nur über den eingeschränkten Musikbetrieb ärgern, sondern sich über das Anliegen der Musiker informiern will, finden beispielsweise hier einen Anlaufpunkt:


    "http://www.deutsche-orchestervereinigung.online.de/Presse_und_Medien/presse/pressemitteilungen.php"

  • lieber thomas,


    ich ärgere mich ja gar nicht wirklich sondern habe vollstes verständnis !


    aber bei einer reduzierten darbietung denke ich eben auch daran ob es nicht gerechtfertigt ist ein paar euros in meinem geldbeutel verbleiben lassen zu können.


    :hello:

    "Der moderne Komponist darf seine Werke einzig und allein auf der Grundlage der Wahrheit schreiben."
    Claudio Monteverdi


    "Der Komponist komponiert erstens für sich selbst und zweitens für das Publikum; aber für ein ideales Publikum und nicht für das...welches real existiert"
    Nikolai Rimski-Korsakow


    "Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche."
    Gustav Mahler

  • ich kenne das gehalt eines orchestermusikers nicht und ob er die mucken damit noch nötig hat; aber wo ist bitte der kausalzusammenhang ? was die opernplätze mit den strassenkehrern und kassiererinnen zu tun haben ist mir jetzt noch nicht klar ?(

    "Der moderne Komponist darf seine Werke einzig und allein auf der Grundlage der Wahrheit schreiben."
    Claudio Monteverdi


    "Der Komponist komponiert erstens für sich selbst und zweitens für das Publikum; aber für ein ideales Publikum und nicht für das...welches real existiert"
    Nikolai Rimski-Korsakow


    "Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche."
    Gustav Mahler

  • Am Sonnabend wurden zur Information des Publikums der Staatsoper Hamburg Handzettel mit folgendem Inhalt verteilt:





    Viele Grüße
    Thomas

  • Ich wundere mich, wie oberflächlich hier gelesen wird. Ich zumindest lese nicht, dass Orchestermusiker per se überbezahlt sind, sondern dass sie im Vergleich zu anderen Berufsgruppen an den Theatern sehr gut da stehen (das gilt meines Wissens ebenso für Österreich) und dennoch per Streikandrohung ihre Situation weiter verbessern wollen (oder vielleicht auch nur präventiv drohenden Restriktionen zuvorkommen wollen). Um darüber aber sinnvoll diskutieren zu können, müsste man mehr über die konkreten aktuellen Zustände und genaueres über die Forderungen wissen.


    Zum Zweiten werden Orchestermusiker nicht mit Straßenkehrern und Kassiererinnen verglichen sondern nur festgestellt, dass letztere die relativ preisgünstigen Opernkarten mitsubventionieren. Eigentlich eine Binsenweisheit, aber erstaunlich, wie man sie missverstehen kann...


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Wenn wir uns ernsthaft mit dem Thema beschäftigten wollten, müssten wir uns erst einmal die derzeitige arbeitsrechtliche Situation der Orchestermusiker sowie ihre Forderungen näher anschauen und dann in Relation zu ähnlichen Berufsgruppen setzen. Auf dieser Basis könnten wir dann darüber diskutieren, ob die Forderungen der Orchestermusiker gerechtfertigt sind. Das allerdings würde eine höchst politische Diskussion, die an dieser Stelle bekanntlich nicht gewünscht wird.


    Bei meinem Kenntnisstand, dabei bleibe ich, erscheinen mir die Forderungen der Orchestermusiker nachvollziehbar und berechtigt. Dass andere das anders sehen, bleibt ihnen unbenommen.



    Versöhnliche Grüße
    Thomas

  • Die Abkoppelung einzelner Berufsgruppen aus einem Tarifgefüge wirkt sich aus der Erfahrung heraus immer nachteilig für die Arbeitnehmerschaft aus, weil es sie spaltet. M. E. ist der tiefere Sinn solcher Maßnahmen - neben eher vordergründig, aber kaum nachhaltig wirkenden Spareffekten - das schon antike Prinzip "Teile und herrsche".


    Das mag jetzt plakativ klingen oder bei manchen als sozialistische oder gewerkschaftliche Propaganda aufstoßen, lässt sich aber anhand häufiger Vorgänge dieser Art - in Deutschland merkbar so seit den neunziger Jahren - gut belegen.


    Beispielsweise ist meine Berufsgruppe der Verwaltungsbeamten in Bayern in punkto Besoldungs- und Arbeitszeitentwicklung seit gut 10 Jahren davon betroffen, dass eben die Tarifabschlüsse vergleichbarer Beschäftigter nicht mehr für uns übernommen werden. Das bedeutet, die Einkommensentwicklung fiel massiv zurück und wir arbeiten sein eben diesen 10 Jahren deutlich länger als die Beschäftigten. Momentan steht das Verhältnis 39 Wochenstunden für die Tarifkollegen und 42 für meine Beamtenkollegen und mich ohne Ausgleich, was einer Gehaltskürzung entspricht. Diese Umstände stehen überhaupt nicht mehr in irgendeinem nachvollziehbaren Verhältnis zueinander und bedeutet einen Rückschritt auf den Stand der 70ger Jahre und gilt zudem nicht einmal für sämtliche Beamte in Deutschland.


    Nur der Tatsache, dass die Tarifbeschäftigten dem massiven Druck auf ihre Arbeitszeiten nicht nachgegeben haben, verdanken wir, dass unsere Gewerkschaften und Verbände mit diesem Ungleichgewicht weiter argumentieren können und allmählich auch in der Politik endlich Gehör finden. Mehr geht eh nicht, denn wir dürfen ja nicht streiken.


    Man kann jetzt noch jede Menge Berufsgruppen anführen, wo es härter zugeht, aber das führt an dem Anliegen vorbei, denn auch diese oft übelsten Verhältnisse sind entstanden, weil sie einer wirksamen Interessenvertretung entzogen wurden.


    Auf diesem Hintergrund hat der Streik der Orchester, wenn er dem oben formulierten Ziel gilt (leider hat meine Zeitung hierzu nicht informiert), meine volle Unterstützung, auch wenn ich die Einzelheiten dieses Entlohnungsgefüges nicht kenne. Je weniger es gelingt, die Beschäftigten auseinander zu dividieren, desto wirkungsvoller können die Arbeitnehmer - Interessenvertretungen für alle agieren, incl. der genannten Kleinverdiener, die sich wohl eher über verpulvertes Geld durch Misswirtschaft berechtigt ärgern als über eine angemessene Bezahlung einer anderen Dienstleistung, die die Orchestertätigkeit trotz allem echten und vermeintlichen Glamour bleibt.


    Noch zum Abschluss: Das Streikrecht (zum Zweck der Verbesserung von Arbeitsbedingungen) stellt in allen der hier vertretenen Länder ein grundrecht dar und ist eben keine "Unverschämtheit".



    LG
    :hello:
    Ulrica

  • Eine Holzhammer-Rhetorik ist in ihrer polemischen Verflachung wenig geeignet, um sachlich über die Situation zu sprechen. Man lässt völlig offen, ob man über die Arbeit an einem Theater im allgemeinen oder in einem Orchester im besonderen bescheid weiss, ob man über die Vergütung der in den Theatern beschäftigten Berufsgruppen etwas mitteilen könnte und ob man das mittlerweile nicht mehr ganz leicht zu durchschauende Tarifgefüge auch nur ansatzweise kennt. Dass ein Intendant sich in einer Streikfrage genauso verhält, wie jeder andere Arbeitgeber, ist ganz normal.


    Aber natürlich ist das auch ein Stück weit verräterisch, was der Intendant da erzählt. Solist/innen, Schauspieler/innen, Tänzer/innen - die kommen sogar krank zur Arbeit, weil sie eben kein Kollektiv hinter sich haben, wie ein Orchester, ein Chor oder die Bühnentechnik. Die Absicherung der erstgenannten ist mitunter so schlecht, dass sie im Zweifelsfall alleine da stehen.


    Es ist doch kein Argument, wenn hier gesagt wird, dass es dem Orchester noch verhältnissmässig gut geht, man möge sich mal die Arbeitsbedingungen von einem Solisten anschauen.


    Der Streit, um den es im Moment geht, läuft schon seit einiger Zeit - anscheinend von der Öffentlichkeit eher unbemerkt. Die Orchester spielten, das Publikum und der Intendant war zufrieden.


    Dass jetzt, nach mehreren Jahren, das Orchester klar sagt, wir müssen Öffentlichkeit herstellen, wir müssen streiken, wir müssen möglichst vielen Menschen deutlich machen, worum es hier geht, ist zumindest mir nachvollziehbar.


    Ansonsten kann ich mich Ulrica anschliessen, ihre Darstellung ist zutreffend - es geht hier nicht nur um den Verdienst, es geht die Vereinzelung von Berufsgruppen, um schlechtere Arbeitsbedingungen durchsetzen zu können.


    Was nun den weitgereisten Opernbesucher angeht: das kann mir auch passieren, klar. Allerdings hätte ich mir eine Klavierversion ganz sicher angeschaut. Fiele die Vorstellung komplett aus, würden mich die Kosten auch schmerzen, aber ich würde mit dem Abend dann eben etwas anderes machen - so unter uns, shiral: das sind dann schon echte Luxusprobleme, auch das sollte man fairerweise erwähnen.

  • Zitat

    Original von Alviano
    ...
    Der Streit, um den es im Moment geht, läuft schon seit einiger Zeit - anscheinend von der Öffentlichkeit eher unbemerkt.
    ...
    Dass jetzt, nach mehreren Jahren, das Orchester klar sagt, wir müssen Öffentlichkeit herstellen, wir müssen streiken, wir müssen möglichst vielen Menschen deutlich machen, worum es hier geht, ist zumindest mir nachvollziehbar.
    ...


    Das ist natürlich prinzipiell vollkommen OK. Es drängt sich aber sofort die Frage auf, ob und wie zuvor versucht wurde, "Öffentlichkeit herzustellen". Denn wenn der Streit bislang nur hinter den Kulissen schwelte, schafft Streik als erste sichtbare Maßnahme auch keine gute Optik...


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • alviano hat recht wenn er sagt dass man sich erst einmal wirklich informieren muss über die tatsächlichen gehälter und über den inhalt der vertäge.
    ich weiss nur dass mir orchestermusiker immer wieder gesagt haben dass sie ohne zusätzlichen mucken wirtschaftlich nicht die kurve bekommen.
    shiral hat übrigens kommentarlos die behauptung des magdeburger indendanten zitiert das orchestermusiker zu den spitzenverdienern am theater gehörten und besser bezahlt werden als die künstler (solisten)auf der bühne - dass kann ich mir nun nicht denken !
    nun ja der mann hat sich erst mal verdrückt....er wird sich sicher bei seinem nächten besuch wundern was er ausgelöst hat :D


    :hello:

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    Nikolai Rimski-Korsakow


    "Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche."
    Gustav Mahler

  • Lieber Theophilus,


    das ist ein wenig wie in anderen Berufszweigen auch. Man liest in der Zeitung, dass im Hotel- und Gaststättenbereich Tarifverhandlungen stattfinden oder ein neuer Abschluss vorliegt, da man selbst aber nicht - sagen wir - im Service beschäftigt ist, nimmt man das nur am Rand wahr.


    Wann merken die Menschen, dass da ein Tarifkonflikt auf eine Zuspitzung zuläuft? Wenn die Lokführer streiken oder wenn im öffentlichen Dienst gestreikt wird und die Müllmänner nicht mehr kommen.


    D. h., wer sich dafür interessiert hat, konnte in den Medien auch immer wieder Details über die entsprechenden Verhandlungen lesen - aber solange die Vorstellungen stattfinden, bleibt das Interesse - bei Nichtbetroffenen - doch begrenzt.


    Erst, wenn dann die Vorstellungen nicht mehr wie gewohnt stattfinden, wird das Interesse an den Vorgängen breiter. Immerhin erreicht man mit einem Premierenstreik auch die politisch Verantwortlichen einer Kommune, das ist gar kein schlechter Zeitpunkt für einen Ausstand.


    Jetzt unterstelle ich mal, dass auch shiral viele schöne Stunden im Opernhaus erlebt hat, dass er sich an den Leistungen des Orchesters erfreut, vielleicht sogar eine besonders gelungene Passage in bester Erinnerung behalten hat. Und jetzt wenden sich die Menschen aus dem Orchestergraben einmal an ihn, an den Zuhörer, erzählen etwas über ihren beruflichen Alltag, über ihre Sorgen um die Zukunft, machen klar, dass ihnen der Schritt zum Streik nicht leicht gefallen ist, weil sie wissen, dass sie ihn, ihren Zuhörer, damit vielleicht verärgern werden, sie wünschen sich ein wenig Aufmerksamkeit, vielleicht sogar etwas Unterstützung. Und selbst wenn dann dieser Zuhörer sich der Auffassung "seines" Orchesters nicht anschliessen kann - ein wenig Bereitschaft, die Meinung der Musikerinnen und Musiker anzuhören, die ihm so oft Freude geschenkt haben, sollte vorhanden sein. Zumindest könnte sich der Zuhörer leicht beleidigende Begrifflichkeiten verkneifen. Das wollte ich noch loswerden.

  • Zitat

    Der Magdeburger Generaintendant, Tobias Wellemeyer, sagte zu diesem unverhältnismäßigen, ja unverschämten Streik folgendes "Ich schäme mich für das ungehörige Verhalten der Orchestergewerkschaft" und "Diese Kollegen sollen wissen, dass die meisten Künstler sich mit Unverständnis und Abscheu (!!!) abwenden. Künstler, die noch mit 40 Grad Fieber (wohl leicht übertrieben) singen, spielen und tanzen, damit der Lappen hochgeht, und nicht wie die Gilde der Orchestermusiker zu den Spitzenverdienern an den Theatern gehören. Wellemeyer spricht auch von von Erpressung und davon, dass die Musiker "ihre privilegierte Arbeitszeitregelung zum ewigen Gesetz machen" wollen.


    Solche Äußerungen eines Generalintendanten und Arbeitgebervertreters sind schlichtweg verantwortungslos. Wenn die Betreffenden mit Herzmuskelentzündung tot umfallen: Kommt er dafür auch auf? ich ahne, dass nicht....



    Was die Information über die Tarifbedingungen der Orchesterleute betrifft, so meine ich, dass sie diese Auskunft auf Anfrage sicher geben, aber ich weiß nicht, ob das in allen Details unserer Diskussion weiterhilft. Tarifvereinbarungen des öffentlichen Dienstes sind hochkomplexe Regelwerke mit weitgehenden Differenzierungen der Tätigkeiten. Dass ein "Flächentarif" vorliegt - wahrscheinlich -, bedeutet nicht, dass alles über einen Kamm geschoren ist, sondern lediglich, dass z. B. Oboisten oder Cellisten einigermaßen gleiche Eingruppierungsbedingungen (es gibt auch Rahmenformen) in einer größeren Region oder gar bundesweit vorfinden können und - was hier wichtig ist, die prozentualen Gehaltserhöhungen - meist Inflationsausgleich - branchenübergreifend in Sinne der von der Gewerkschaft Vertretenen auch erhalten. Um letzteres gehts hier wohl, auch wenn die Form des Tarifvertrages vielleicht in Details von meiner Vermutung abweicht.


    Während des Münchner Bühnenarbeiterstreiks, der auch Einschränkungen bei den Aufführungen mit sich brachte, habe ich mich mit den Streikposten von Verdi (Mitarbeiter, keine Gewerkschaftsfunktionäre) vor dem Bühneneingang unterhalten. Was da als Nettolöhne genannt wurde, konnte man in manchen Fällen nur als Hungerlohn bezeichnen. Damit kasnn man in München gleich gar nicht runkommen.


    Übrigens: Von ganz anderem Format hat sich damals Sir Peter Jonas erwiesen, als er sein Verständnis äußerte, auch wenn er keinen Einfluss auf diese Entlohnung hatte. So ginge das in der Position des Intendanten auch.


    Lieber Alviano: Danke für die zustimmende Äußerung


    LG
    :hello:
    Ulrica



  • Zitat

    Original von Alviano


    Es ist doch kein Argument, wenn hier gesagt wird, dass es dem Orchester noch verhältnissmässig gut geht, man möge sich mal die Arbeitsbedingungen von einem Solisten anschauen.



    Liebe Ulrica, lieber Alviano,



    volle Zustimmung!



    Was aus manchen anderen Zeilen herauszulesen ist, ist leider die übliche Neiddiskussion. Denn mit den "Diensten" ist die Arbeit eines Orchestermusikers ja genausowenig getan wie die Arbeit eines Lehrers mit den Unterrichtsstunden, die er an der Schule hält.



    Und wer auf das vermeindlich ach so tolle Gehalt eines Orchestermusikers neidisch ist, möge sich überlegen, was ein solcher an Voraussetzungen mitbringen muss, um dieses überhaupt erzielen zu können. Begabung, harte Arbeit am Erlernen des Instruments seit frühester Jugend (und dann, wenn andere Freizeit hatten), ein meist teures Studium im wesentlichen auf eigenen Kosten, das (hochwertige) Instrument, dass vom Musiker selbst gestellt und gepflegt werden muss, dazu spezielle Auftrittskleidung (Frack, Abendkleid), alles wesentlich kostspieliger als das, was ein "normaler" Abeitnehmer für seinen Beruf aufwenden muss. Dabei eine Gehaltsstruktur, bei der die Musiker vieler Orchester wirklich Unterricht geben und/oder Mucken spielen MÜSSEN.


    Das alles wird nicht besser von dem Argument, es ginge anderen (meist nicht gewerkschaftlich vertretenen) Künstlern noch schlechter....



    Und vor allem:


    es geht ja den Orchestern bei den Streiks NUR darum, nicht noch weiter von der ohnehin mäßigen Einkommensentwicklung des öffenlichen Dienstes der letzten Jahre abgekoppelt zu werden - von Luxusansprüchen spricht da ja keiner.



    Soviel meine paar Cent....



    LG, Elisabeth

  • Hallo allerseits,


    nur mal eine kurze Zwischenfrage von mir: Sind von den Streiks lediglich die Orchester der Opernhäuser betroffen, von denen in diesem Thread, soweit ich ihn gelesen habe, ausschließlich die Rede war, oder streiken auch andere Orchester (z. B. Rundfunkorchester)?


    :hello:
    Johannes

  • Habe die Diskussion aufmerksam verfolgt - an meiner Seite den verflachenden Holzhammer. Hatte die Bühnentarifvertäge, darunter auch den TVK der Orchestermusiker aus Interesse einige Jahre als Loseblattsammlung für teueres Geld abonniert, weil in den Feuilletons immer nur kommentarlos die Interessenargumente der Lobbyorganisation der deutschen Orchestermusiker DOV zu lesen waren. Der Musikertarifvertrag ist wirklich voller unhaltbarer Pfründen und Privilegien. Die Regelung der Arbeitszeiten, die sog. Dienste, mit den vielen Ausnahmen wäre eine Realsatire, wenn es für den Steuerzahler nicht so traurig wäre.


    Möchte an die groteske Absicht der Streicher des Bonner Opernorchesters erinnern, vor das Arbeitsgericht zu ziehen, weil nur die Streicher die tariflich vorgesehenen Dienste geleistet haben, andere Instrumentengruppen aber nicht. Als sie sahen, dass sie damit ihrem Berufsstand einen Bärendienst erwiesen haben, sahen sie von der Klage ab.


    Vor einiger Zeit wurde bekannt, dass es Musiker im Orchester des Münchner Gärtnerplatztheaters gab, die über einen längeren Zeitraum nur drei Dienste hatten.


    Auch der Oberste Bayerische Rechnungshof wies vor einigen Jahren auf diesbezügliche Mißstände beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hin.


    Möchte nicht mit weiteren Beispielen langweilen. Fest steht, dass deutsche Orchestermusiker eine sehr privilegierte Berufsgruppe darstellen, weshalb die Streiks vom 30.11. eine Provokation der Opernbesucher und der Steuerzahler waren.

  • Die Leute streiken nicht um eine Berechtigung, nur drei Stunden Dienst zu haben (was eher eine Fehldisposition interner Art sein dürfte), sondern um eine tarifrechtliche Grundsatzfrage, die Auswirkungen auf das gesamte Tarifklima hat und nicht nur auf die Orchesterspieler. Um das zu unterstützen, wurden hier m. E. tragfähige Argumente genannt.


    Wenn man bis ins Detail die arbeits- und dienstrechtlichen Verhältnisse anführt, findet man für fast jedes hier genannte beispiel Widerlegungen, die sich allerdings eher als Ergänzungen für die gleiche Grundsituation entpuppen.
    So ist z. B. auch mein Arbeitszeitbeispiel der Diskrepanzen im öffentlivchen Verwaltungsdienst insofern mit berechtigter Einspruchsmöglichkeit behaftet, weil die Angestellten des Freistaats 40 Wochenstunden haben (schlechter verhandelt wohl, aber immer noch unverhältnismäßig im Unterschied) In den Kommunen jedoch besteht das Vehältnis 39 zu 42 Wochenstunden und somit mehr als ein Tag pro Monat für lau.


    Das man Unannehmlichkeiten durch Streikmaßnahmen hat, ist für unbeteiligte Kunden nicht schön, aber in unserem Gesellschaftsgefüge nicht als Störfall betrachtet, sondern als legales Mittel der Auseinandersetzung in einem Bereich, der jeweils große Teile der Bevölkerung betrifft.


    LG


    :hello:
    Ulrica

  • Hallo,



    Zuerst einmal das Gehalt:
    Reden wir bitte von einem durchschnittlichen deutschen TVK- Orchester.
    Da gibt es keine Pfründe.


    Antrittsgehalt bei meinem Orchester sind etwa 1000,- , das Endgehalt liegt bei etwa 1750,- .
    Netto.


    Ein Dienst ist eine Probe wie auch eine Aufführung.
    Es kann sich um eine stinklangweilige Probe oder um ein sehr schweres Konzert handeln, welches wochenlange Vorbereitung zu Hause abverlangt.
    Das ist auch Arbeitszeit, gelle?


    Um es mal ganz klar zu sagen:


    Ich hatte auch überhaupt keine Lust darauf, zu streiken und habe dies erst 30 min. vor der Premiere erfahren.
    Aber an diesem Tag war es anscheinend strategisch wichtig für unsere Gewerkschaft, einen bundesweiten Streik von erst einmal 15 Orchestern auszurufen.


    Dem habe ich mich zu fügen, ohne wenn und aber, auch wenn es mir sehr schwerfällt.



    Andererseits geht es auch um meinen Arbeitsplatz.
    Die meisten Orchester sind z.G. noch an den öffentlichen Dienst angekoppelt.


    Gehaltserhöhungen des öffentlichen Dienstes sind aber seit Jahren nicht an uns weitergegeben worden.


    Aber das ist nur das kleinste Problem.
    Es geht um die Abkoppelung der Orchester vom öffentlichen Dienst, und dann, in diesem Falle, haben wir fast gar keine Rechte mehr.




    Blöde Beispiele mit diesen nur drei Diensten in der Woche betreffen vielleicht mal den Tuba-Spieler oder einen der Schlagzeuger, aber das Gros eines Orchesters sind die Streicher.
    Und die spielen so gut wie immer.


    Außerdem ist es völlig egal, ob es in einer Woche mal nur drei Dienste geben kann.
    Der Ausgleichszeitraum beträgt 60 Tage, und in diesem Zeitraum gibt es eine sehr große Anzahl von Diensten, welche vom Arbeitgeber abgeschöpft werden.


    Das gleicht sich alles, wie auch in anderen Berufen, wieder aus.


    Keine Sorge, wir arbeiten schon genug!


    Es wird von uns größere Flexibilität gefordert.


    Haha, wir stehen ständig standby, bei sich ständig verändernden Wochendienstplänen.


    Wie fühlt sich denn so ein Job an?


    Treffen mit Freunden oder Verabredungen tätigen, welche dann auch stattfinden können:
    Fehlanzeige.


    Weihnachten, Neujahr, Wochenende u.v. mehr besinnlich verbringen?
    Quatsch....
    Ich persönlich habe Anrecht auf einen freien Tag in der Woche, und der liegt immer irgendwo anders, nicht planbar.


    Ich kann es wirklich nicht mehr ertragen, was von irgendwelchen Kulturhuschen so alles in die Welt gesetzt wird:



    Mir bleibt fast keine Zeit, sehr wohl finanziell benötigte Mucken anzunehmen.
    Für meine letztmonatige Japantour habe ich eine Aushilfe privat bezahlt, damit ich 8 Tage aus dem sog. ( :angry: ) Dienst herauskam.
    Ich habe dann letztendlich draufgezahlt, anders ging es nicht, denn man kann nicht einfach mal so Urlaub bekommen.



    Übrigens haben an unserem Hause alle andern Beschäftigten schon lange die Lohnerhöhung erhalten, nur das Orchester nicht.


    @ Theophilus

    Zitat

    und dennoch per Streikandrohung ihre Situation weiter verbessern wollen


    Wie wollen unsere Situation nicht weiter verbessern, wir wollen nur nicht vom öffentlichen Dienst abgekoppelt werden.


    Und wenn diese -kleine- Lohnerhöhung, um die es auch gar nicht geht, nicht auch auf uns zurückfällt in diesem Fall, dann wird es immer so bleiben.
    Das wäre ein Schritt, ein Orchester abzukoppeln und letztendlich kaltzustellen.




    So, liebe Mittaminoaner,
    Ihr habt sicher gemerkt, daß ich richtig sauer bin.


    Ich mache auch lieber Musik und halte mich aus allem anderen heraus.


    Mir ist es auch peinlich, daß viele Konzertbesucher an diesem einem Abend verprellt wurden.


    Aber in diesem Falle mußte uns einfach auch mal das Recht zugestehen werden, welches der Müllabfuhr und allen andern möglichen Arbeitnehmern auch zugestanden wird.


    Als Mitglied des Gewerkschaft DOV mußte ich gehorchen, und das ist auch gut so!


    Nur kann und will ich nicht weiterhin jetzt hier den Tamino-DOV - Vertreter machen.


    Ich habe es jetzt einmal gemacht, bin riesig erfreut über die überwiegend positive Resonanz und das große Verständnis der meisten hier.


    Gruß,
    Michael

  • Lieber Micha,


    gräme Dich nicht zu sehr über solchen Hochadel.
    Auch unter den Wittelsbachern gibt es halt Kunstmäzene und Soldatenkönige.



    audiamus



    .

  • So, ich kopiere dann mal meine Anmerkung vom vergangenen Freitag thematisch passend in diesen Thread, er kann dann bei "Vorschläge an die Moderation" gelöscht werden.


    Am gestrigen Donnerstag (04.12.2008 ) haben wieder Verhandlungen zwischen den Parteien (also der DOV, der "Deutschen Orchestervereinigung" und dem DBV, dem "Deutschen Bühnenverein") stattgefunden und die Tarifgegner haben von einer guten Gesprächsatmosphäre, sowie vom Willen zur Einigung gesprochen.


    Erstes Ergebnis: die Streiks werden ausgesetzt und noch vor Weihnachten soll eine weitere Verhandlungsrunde stattfinden.


    Das ist doch erstmal keine schlechte Nachricht.

  • Zitat

    Der Musikertarifvertrag ist wirklich voller unhaltbarer Pfründen und Privilegien. Die Regelung der Arbeitszeiten, die sog. Dienste, mit den vielen Ausnahmen wäre eine Realsatire, wenn es für den Steuerzahler nicht so traurig wäre.


    Ich bitte ergebenst um eine Aufzählung der "unhaltbaren Pfründe und Privilegien" !


    Außerdem bitte ich ergebenst um eine detailierte Beschreibung des( meines) Musikertarifvertrages, bevor solche Behauptungen in die Welt hinausposaunt werden.


    Darum darf ich doch bitten?



    Es gibt anscheinend Menschen, welche meinen Vertrag besser als ich selber kennen, oder kennen zu glauben.



    Davon abgesehen ist die tatsächliche Regelung meiner Arbeitszeit für mich keine Realsatire sondern Realität, und nicht immer eine erfreuliche.


    Ich bitte wirklich, vorsichtig zu sein mit Argumenten wie "wenn es für den Steuerzahler nicht so traurig wäre" .


    Was soll denn das bitte?


    Auch der Sessel, auf dem der Opernliebhaber geruht seinem Genusse zu frönen, ist vom Steuerzahler mitfinanziert.


    Ist das auch traurig?


    Zitat

    Fest steht, dass deutsche Orchestermusiker eine sehr privilegierte Berufsgruppe darstellen, weshalb die Streiks vom 30.11. eine Provokation der Opernbesucher und der Steuerzahler waren.


    Ich bitte darum, mal eine Gang zurückzufahren:


    Viele Opernbesucher, die meisten übrigens, hatten volles Verständnis für den Streik vom 30.11.


    Nicht das Opernpublikum sollte provoziert werden, sondern der deutsche Bühnenverein.


    Wenn ein Opernbesucher sich mit dem deutschen Bühnenverein solidarisieren sollte, dann wird er sich u.U. natürlich persönlich angegriffen fühlen.


    Für Anhänger des deutschen Bühnenvereins ist es natürlich ein großes Ärgerniss, daß die Orchester Ihre eigene Gerwerkschaft, die DOV, haben.
    Sorry, das tut mir echt ehrlich leid, aber der deutsche Bühnenverein vertritt NICHT meine Rechte, im Gegenteil........, sondern die DOV.


    So sind die Spielregeln.


    Die Erweiterung auf "und der Steuerzahler" finde ich absolut lachhaft.


    Ich zahle auch Steuern- man sollte es kaum glauben, da ich doch so ein privilegierter Orchestermusiker bin- und ich zahle natürlich auch Steuern zur Finanzierung des Sitzplatzes eines Opernbesuchers.


    Also finanziere ich persönlich durch meine Steuern schirals Opernbesuch mit.


    Schade eigentlich, das Geld würde ich mir nun gerne in diesem Falle sparen.
    Geht aber nicht......



    Von einer "Provokation der Steuerzahler und Opernbesucher" rate ich dringend Abstand zu nehmen, da dies eine unhaltbare und unverschämte Äußerung darstellt.


    Ich stehe gerne Rede und Antwort auf folgendes:


    Zitat

    Vor einiger Zeit wurde bekannt, dass es Musiker im Orchester des Münchner Gärtnerplatztheaters gab, die über einen längeren Zeitraum nur drei Dienste hatten.


    Wo wurde dies bekannt?


    Ich frage deshalb, weil es ersichtlich sein sollte, daß ein Tubist in einer Mozart-Oper fehl am Platze ist, was man dem Musiker aber nicht zum Vorwurf machen kann.
    Zu diesem Vorwurf müßte sich dann Mozart äußern, aber das wird schwierig.....


    Zitat

    Möchte an die groteske Absicht der Streicher des Bonner Opernorchesters erinnern,


    DAS ist der einzige Punkt, wo ich schiral rechtgebe!


    Die Streicher in einem Orchester haben wirklich am meisten zu tun, trotzdem kam der Vorstoß der Streichergruppe des Bonner Orchesters bei uns gar nicht gut an.


    Das war wirklich ein Bärendienst.......


    Daß einzelne Musiker im Orchester weniger zu tun haben, ist


    Zitat

    Auch der Oberste Bayerische Rechnungshof wies vor einigen Jahren auf diesbezügliche Mißstände beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hin.


    kein Mißstand.


    Es gibt halt eine gewisse Grundstärke der Besetzung eines Orchesters, und bei Mozart u.ä. kommt halt eine Tuba, Schlagzeug, überhaupt eine große komplette Besetzung nur, äh....., bedingt vor.


    Das sind halt auch die Spielregeln.


    Wenn es um Bürokratismus geht, dann erschient alles mögliche als Mißstand für Leute, welche eigentlich keine Ahnung von Musik und Musikern haben.


    Das ist traurig aber leider wahr, auch bei uns könnte sich das Theater sicherlich, was die Verwaltung angeht, selber supermäßig mit sich selber beschäftigen, wären da nicht immer diese komischen Musikanten, welche Probleme machen.


    Es gibt leider viele Personen, welche am Theater arbeiten oder glauben, sich wirklich für ein Theater zu interessieren und daraus ableiten, sich auszukennen.


    Das Interesse hört aber meistens spätestens im Erdgeschoss oder im Besucherbereich und auf der Bühne auf.


    Zu uns in den Keller auf die Probebühnen und die Stimmzimmer kommt allermeistens niemand, oder wenn, dann wird die Nase gerümpft, wie dreckig und stinkig es hier bei uns ist.


    Kein Wunder, denn renoviert wird immer erst ab dem Erdgeschoss.......


    Kein weiterer Kommentar, denn ich will keinen Ärger bekommen.


    Aber wer macht denn überwiegend die Musik, frage ich mich?


    Wir Kellerkinder, denke ich-oder liege ich da falsch?



    Schönen Gruß,


    Michael

  • Der eigentliche Punkt, der schon weiter oben angedeutet wurde, ist gar nicht mal, ob Musiker (zu) gut oder (zu) schlecht bezahlt werden. (Wer von uns, egal in welchem Job, ist der Ansicht, daß er deutlich überbezahlt ist? ich kenne niemanden...) Sondern daß Streik praktisch die einzige Arbeitskampfmaßnahme ist, die ihnen offen steht (und auf die es ein Grundrecht gibt). Die Idee (egal wie oft sie heutzutage unterhöhlt wird), ist, daß der "angemessene" Lohn nicht extern festgesetzt, sondern in Tarifverhandlungen gefunden wird. Ohne Arbeitskampfmaßnahmen (und die dürfen keine leeren Drohungen bleiben, eine Drohung, von der der Bedrohte nicht annehmen muß, daß sie tatsächlich umgesetzt wird, ist wirkungslos) ist die Verhandlungsposition der AN aber so schwach, daß dieses Aushandlungsverfahren nicht funktioniert. Und natürlich muß jemand unter dem Streik leiden, oft auch Unschuldige, sonst hilft er nichts, weil der notwendige Druck nicht ausgeübt wird. Dabei ist völlig unerheblich, ob es sich um Beschäftigte in der Privatwirtschaft oder im öffentl. Dienst handelt, die aus Steuergeldern bezahlt werden. Ich ärgere mich auch darüber, daß meine Steuern bankrotten Bankstern etc. zugeschustert oder davon Piraten in jenem deutschen Hoheitsgewässer, dem indischen Ozean, gejagt werden, statt damit die Schlaglöcher, denen ich beinahe täglich ausweichen muß, zu flicken oder genügend Steuerprüfer zu bezahlen, um entsprechende Gauner dingfest zu machen. Oder eben Orchestermusiker, Schauspieler usw. zu bezahlen. Hilft mir leider wenig...
    Der Milliardär Buffett hat das schon richtig erkannt:
    There’s class warfare, all right, but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.
    -Warren E. Buffett (New York Times, 26.11. 2006)


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • @Michael: Ich weiss nicht, bei welchem Orchester du angestellt bist, bei dem Gehalt, das du nennst, handelt es sich wahrscheinlich um ein C-Orchester.


    Zur allgemeinen Information: Die Tariforchester sind in vier Gruppen von A (höchste) bis D (niedrigste) eingestuft. Daneben gibt es noch sogenannte Fussnoten, also A mit Stern z.B.


    Die Tarifgehälter an den Orchestern sind seit einer Reihe von Jahren nicht erhöht worden, d.h. eine Nullrunde folgte der anderen. Um überhaupt eine Stelle in einem Orchester zu bekommen, ist ein Probespiel erforderlich. Dazu muss man sich bewerben, dann erfolgt unter den bis zu 100 und mehr Einsendungen eine Auswahl, hat man das Glück, eingeladen zu werden, spielt man dem ganzen Orchester vor und, hat man noch mal Glück, dann bekommt man nach mehreren Ausscheidungsrunden den Job. Natürlich ist ein jahrelanges Studium die Voraussetzung. Und dann der Schock, wenn man erfährt, dass das Anfangsgehalt ohne Tätigkeitszulage in einem B-Orchester (die meisten sind B oder A) etwa 2400 EUR brutto beträgt. So kommt es eben, dass viele froh sind, neben der anstrengenden Orchestertätigkeit (ich will das mal mit dem Leistungssport vergleichen), noch Musikunterricht geben zu können oder mal bei einem anderen Orchester als Aushilfe "muggen" zu können.


    Streiks sind natürlich immer unangenehm, hier in Berlin streikten zu Jahresbeginn die Verkehrsbetriebe und man musste lange Fusswege oder Umwege erdulden, das war natürlich gewollt, denn nur so kam letzten Endes eine vertretbare Einigung zustande. Also es muss schon etwas weh tun, und wenn kürzlich mein Opernbesuch wegen des Streiks ins Wasser gefallen wäre, dann wäre das ärgerlich, ich hätte aber Verständnis dafür. Mehr will ich dazu nicht schreiben, weil dieses Forum zum Glück keine politische Plattform darstellt, ich hoffe nur, dass es endlich mal eine vernünftige Einigung gibt und die Orchester nicht weiterhin völlig abgekoppelt von den überall sonst üblichen Tarifsteigerungen sind.


    Allen beste Vorweihnachtsgrüße
    Manfred

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

  • Zitat

    Original von timmiju
    [...] ich hoffe nur, dass es endlich mal eine vernünftige Einigung gibt und die Orchester nicht weiterhin völlig abgekoppelt von den überall sonst üblichen Tarifsteigerungen sind.


    Dieser Hoffnung schließe ich mich gern an. Letzten Sonntag wäre ich in Heidelberg auch beinahe vom Streik betroffen gewesen (konzertante Aufführung des 2. Tristan-Akts). Es kam gottseidank nicht so, die Musikerinnen und Musiker spielten hochengagiert und begeisternd - jetzt wünsche ich Dir, Michael, und allen Deinen Kolleg/innen einen vernünftigen Abschluß, mit dem Ihr möglichst gut leben könnt. Viel Erfolg!


    PS: Bin selbst nicht nur Konzertbesucher und Musikliebhaber, sondern auch Arbeitnehmer und Gewerkschaftsmitglied und habe in den letzten Monaten ebenfalls gestreikt. Solidarität gibt es nicht nur über die Musik.