Anton Bruckner Symphonie Nr. 6, ein Stiefkind?

  • Hallo!


    Welch Zufall!
    Ich las gerade als Besucher die neuen Beiträge des Tages, als ich dann auf Christians neuen Beitrag über diesem stieß.
    Und was hörte/höre ich gerade: Bruckners Sechste! Und das nach einem langen Arbeitstag...


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Zitat

    Original von Caesar73
    (Wieso komme ich eigentlich immer in Versuchung Viktor anstelle von Otto zu schreiben?).


    - vielleicht, weil es einen berühmten Victor Klemperer gab, posthum bekannt geworden vor allem durch seine Tagebücher, in denen die Mechanismen und Funktionsweise des Dritten Reich aus einer Alltagsperspektive beleuchtet werden. Des weiteren ist seine Studie über die Sprache des Dritten Reichs hier und da bekannt: "LTI ( Lingua Tertii Imperii). Notizbuch eines Philologen"


    Mit Bruckners 6. Sinfonie tue ich mich eher schwer, sie gehört jedenfalls nicht zu meinen Favoriten. Bekannt sind mir die Aufnahmen von Klemperer. Celi und Wand. Ich Vgl. zu den anderen Sinfonie finde ich sie recht übersichtlich, es stellt sich für mich nicht die Faszination der "grüßeren Geschwister" ein.


    Viele Grüße,
    Christian B.

  • Hallo!


    Nach mehrmaligem Hören in letzter Zeit ist die Sechste nun ganz klar meine zweitliebste Bruckner-Symphonie (nach Nr.9). Dies ist aber relativ zu sehen, da ich Bruckner als Symphoniker längst nicht so sehr schätze wie z.B. Beethoven und Haydn.


    Eine Frage an die Bruckner-Experten hier:
    Bei meiner Barenboim-Aufnahme ist vermerkt: Leopold Nowak / Robert Haas Edition 1935
    Was hat es damit auf sich?


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Lieber Pius,


    das bedeutet, dass Barenboim für seine Einspielung die Edition von Haas und Nowak verwendet. Haas und Nowak sind die beiden ersten Herausgeber der kritischen Gesamtausgabe der Werke Bruckners, mit der 1933 begonnen wurde. Robert Haas war der wissenschaftliche Editionsleiter, Nowak wurde bald sein wichtigster Mitarbeiter und Mitherausgeber. Die kritische Edition der sechsten Symphonie wurde von beiden 1935 vorgelegt.


    Da es von einer Reihe von Brucknersymphonien mehrere Fassungen gibt, ist es Usus, dass die Dirigenten angeben, welche Fassung sie für ihre Aufnahme verwenden.


    Herzliche Grüße,:hello::hello:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Danke für die Info, Christian!


    Daß es zu Bruckner-Symphonien diverse Versionen gibt, weiß ich. Mich hatte hier die Jahreszahl verwirrt. Eigentlich sollte doch "1884-Version" oder so ähnlich dabeistehen (Jahr der Entstehung der Version). Na ja, egal. Ein Bruckner-Experte wird aus mir eh nie.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Servus Pius,


    von der sechsten Symphonie gibt es nur eine Fassung (soweit mir bekannt). Daher auch nur die Angabe der Edition, könnte ich mir denken. Schwer da durchzusteigen- ich weiß :D Komplett aufgeführt wurde die Symphonie erst nach dem Tod Bruckners- unter der Leitung Gustav Mahlers. Aber dies nur am Rande. Übrigens: Die Geschichte der kritischen Edition ist auch nicht ganz unkompliziert.


    Herzliche Grüße,:hello::hello:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Ich habe die Sechste bislang ein paar Mal gehört und mein Eindruck ist der, dass sich die diese Sinfonie bei mir sehr zögernd entfaltet. Ich schiebe das mal auf meine noch recht jungen Erfahrungen mit den Sinfonien Anton Bruckners. Ich denke aber, dass der Sechsten Bruckners und mir noch ein wundervoller Abend bevorsteht :yes:

    29.08.1958 - 25.06.2009
    gone too soon

  • Da ich in diesem Thread einige positive Worte über Klemperers Interpretation der Bruckner: Sinfonie Nr.6 gelesen habe, kaufte ich mir am Wo-Ende auf dem Flomarkt Rheinaue Bonn bei einem TOP-CD-Händler für Klassik-CD´s (der hat immer gute Sachen zur Auswahl) diese CD mit Otto Klemperer:



    Klemperer / New Philharmonia Orchestra
    EMI 1964/ADD


    Die Sinfonie Nr.6 gehört seit der Karajan-Aufnahme und nachdem ich Solti´s Aufnahme kennengelernt habe zu den sehr hochgeschätzten Bruckner-Sinfonien.


    Von der Klemperer-Aufnahme war ich dann zu Hause nicht so 100% überzeugt, obwohl Klemperers Sicht schon einige Stärken und Tiefe aufweist. Besonders der 2.Satz, den Klemperer zügiger als andere nimmt, punktet bei mir.


    Klanglich bin ich durch Solti (Decca) ohnehin verwöhnt, denn die Streicher und Bläser klangen bei Klemperer(EMI-typisch) quäkig. Besonders bei lauten Stellen wird es dann unangenehm, ausgerechnet wenn mit den wichtigen Blechbläsern eine Steigerung aufgebaut wird. Was müssen die in den 60er Jahren für miese Mikrophone in London an gleicher Stelle verwendet haben, denn den gleichen Negativeffekt hatte ich schon bei den Brahms-Sinfonien mit old Klemp.


    Was mir gar nicht gefällt ist die Unterbelichtung der Schlagzeuggruppe - das rhytmische Element geht ganz unter - welch ein leuchten in dieser Beziehung bei Solti (und auch Karajan (DG) steht da kaum zurück). Gleiches hatte ich bei der Chung-Aufnahme, die mir seinerzeit Holger Grinz zur Verfügung stelle auch bemängelt.


    ;( Mir gefällt es so jedenfalls so ohne hörbare Pauken nicht !

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Die 6. rangiert bei mir schon seit längerem an 4. Stelle im "Bruckner-internen-Sinfonieranking" ( nach 7,8 und 9 ).
    Eine Aufnahme die ich erst vor ein paar Tagen das erste mal hörte kann ich wirklich jedem ans Herz legen.



    Sie trifft eigentlich alles was ich mir bei dieser Sinfonie wünsche ( wobei mein Augenmerk hierbei hauptsächlich am 1. Satz liegt ). Wunderbare Phrasierung, Rhythmik und Balance, genauso will ich Bruckner hören.


    LG

  • Mahlzeit allerseits !


    Ich habe mir vorhin diese Scheibe angehört,



    also die schon im Eröffnungs-Posting erwähnte Aufnahme mit dem Cincinnati Symphony Orchestra unter Jesús López-Cobos, und ich muss sagen - es hat mich fast vom Sofa geweht.


    Als ich die Scheibe einlegte, da dachte ich 'naja, was will ein Südländer mit einer Bruckner-Symphonie anstellen' ... tja, das hat mir der Herr L-C dann gezeigt. Im ersten Satz ging es dann zur Sache - dieses Stück muss ein feuriger Italiener komponiert haben, so fetzt das. So habe ich diesen Satz noch nie gehört, leidenschaftlich, temperamentvoll und trotzdem zart. Und die Coda dieses Satzes, die braucht sich vor den Finali der 'Über'-Symphonien Nr 4 und 8 nicht zu verstecken.


    Das Adagio war dann auch vom Feinsten, zart und sensibel. Die Sätze 3 & 4 lassen dann nach meinem Empfinden etwas nach, aber trotzdem, so wie heute habe ich lange keine Musik mehr genossen und empfunden.


    rolo

    Schenke deinen Mitmenschen ein Lächeln, und du bekommst ein Lächeln zurück.
    The Smiler

  • Hallo,
    jetzt hab ich gedacht ich wäre mit guten Aufnahmen eingedeckt,
    da viel mir diese recht günstig in die Hände:



    Neben Klemperer, Wand und Skrowaczewski noch ein Favorit mehr.
    Zudem in der deutschen Orchesteraufstellung :jubel:


    Und das Resultat, durchsichtiger gehts wohl nimmer, ich hör alles!
    Kein Klangbrei, kein Violinklotz links, alles wunderbar ausgewogen.
    Aber nie langweilig.


    Skrowaczewski lässt es ab und an mehr knallen und bratzen doch so schön aufgefächert wie bei Nagano hab ich die 6. noch nicht gehört.


    Jetzt muss ich nur noch die Aufnahme mit Gielen besorgen :D
    Jaja, die Sucht :yes:


    Gruß
    embe

  • Davies und das Linzer Bruckner Orchester legen jetzt auch eine Sechste vor (erscheint am 5.9.08 ):



    Das macht mir die Entscheidung ob ich für eine Einspielung des Werks zu den wesentlich teureren Nagano oder Norrington-Einspielungen oder zu dieser Aufnahme greifen soll.

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Zitat

    Original von georgius1988
    Das macht mir die Entscheidung ob ich für eine Einspielung des Werks zu den wesentlich teureren Nagano oder Norrington-Einspielungen oder zu dieser Aufnahme greifen soll.


    Ich weiß zwar nicht, ob es Dir die Entscheidung leicht oder schwer macht ;), aber den Nagano gibt's z.Zt. bei 2001 für 4,99 €. Da könnte sich sogar der Import nach Österreich lohnen.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Also mit Porto komm ich bei 2**1 auf knapp 15€.
    Dadurch wirds allerdings nicht leichter.


    Norrington oder Nagano? Davies scheidet nach reinhören eher aus.

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Zitat

    Original von ben cohrs
    Ich finde Norringtons Aufnahme einfach herrlich. (Und nicht nur, weil ich den Booklet-Text geschrieben habe...)
    :untertauch:



    Zwar finde ich, dass ich mit Nagano schon eine sehr gute Aufnahme im Schrank habe, aber auf Norrington bin ich trotzdem neugierig. Ich habe die CD gerade bestellt.


    Habe ich schon einmal angemerkt, dass mich Tamino so langsam aber sicher dem finanziellen Ruin näherbringt .....;(


    Herzliche Grüße,:hello: :hello:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Zitat

    Original von georgius1988
    Davies und das Linzer Bruckner Orchester legen jetzt auch eine Sechste vor ( erscheint am 5.9.08 ):



    Das macht mir die Entscheidung ob ich für eine Einspielung des Werks zu den wesentlich teureren Nagano oder Norrington-Einspielungen oder zu dieser Aufnahme greifen soll.


    dies ist eine live-aufnahme eines konzerts vom 7.2.2008, in dem ich war.


    ich schrieb damals im bucknerforum:


    "dann bruckners sechste:
    dieses repertoire liegt sowohl dem orchester als auch drd hörbar besser. die sechste reiht sich nahtlos in russell davies bruckner interpretationen ein. die tempi eher auf der moderat langsameren seite (spielzeit ca. 62 minuten), die struktur recht klar herausgearbeitet, steigerungen bis zum ende richtig durchgezogen, damits auch ordentlich krachen kann, das orchester sehr bemüht, wenn auch nicht zur aboluten spitze gehörend. manche großen bögen fehlten etwas (letzte steigerung in satz eins), dafür gelangen andere sehr gut (finale). am ende gab es wohlwollenden applaus für eine solide leistung. eine ältere dame in meiner nähe meinte, es wäre "gigantisch" gewesen. immerhin."


    russell-davies' bruckner wird hier im forum generell abgelehnt, wie mir scheint. mache werfen ihm maneriertheit vor, ben meist die falsche tempowahl. ich persönlich habe einige bruckner-konzerte mit drd gesehen und auch die cds zuhause, und kann diese einschätzung nicht wirklich teilen. ich finde ihn nicht manerierter wie andere auch (wenn drd maneriert ist, was ist dann etwa norrington bei seiner londoner dritten?). auch seine tempowahl stört mich nicht (ich stoppe aber nicht mit und metronomangaben über das richtige tempo sind mir eher wurscht).


    ich finde drd's bruckner grundsätzlich ganz spannend, man spürt den versuch, die stücke organisch entstehen zu lassen. manchmal kann das etwas zu bemüht wirken, manchmal reißen ihm auch spannungsbögen ein wenig ab. aber im allgemeinen gelingt es ihm gut, in einzelnen sätzen durchaus auch grandios. einen versuch ist drd allemal wert.

  • Zitat


    Lieber Norbert,


    Dein Wunsch ist mir Befehl :D:jubel:


    Eines vorab: Als Stiefkind habe ich die Sechste nie empfunden. Von Bruckners Symphonien gehört sie zu meinen Lieblingen seit ich sie so um 1991 herum das erste Mal hörte. Sie hat ander Qualitäten als ihre Geschwister in E-Dur und c-moll. Auf mich wirkte sie beim Hören immer moderner- ohne das ich diesen Eindruck zunächst sachlich hätte begründen können. Bens Ausführungen im Beiheft machen klar, wie dieser Eindruck der Andersartigkeit zustande kommt.


    Also: Ich habe die Aufnahme erst einmal hören können. Aber der erste Eindruck ist sehr gut. Außer Norrington besitze ich drei weitere Aufnahmen der Sechsten: Klemperer, Blomstedt und Nagano. Von der Herangehensweise erinnert mich Norrington an Nagano- auch was die Tempi angeht. Dabei ist Norrington noch ein kleines Stück schneller unterwegs. Im Schnitt ein bis zwei Minuten pro Satz. Damit wären wir bei einem Pluspunkt der Aufnahme: die Temporelationen sind absolut stimmig. Schon Naganos Aufnahme war sehr detailreich und unerhört transparent. Mir schien das kaum noch zu toppen. Aber Norrington schafft das: Immer wieder dachte ich mir beim Hören: Das habe ich vorher noch nicht gehört- wenn man so will ein permanentes Aha-Erlebnis. Alles wirkt dabei aber wie aus einem Guß, Norrington wahrt trotz aller Liebe zum Detail den Sinn für das große Ganze. Der Orchesterklang des SWR ist- wie nicht anders zu erwarten- ausgesprochen schlank, mit brillianten Bläsern wie ich finde. Norrington zelebriert die Sechste ohne permanentes Schwenken des Weihrauchfasses. Norrington tut das, wenn es angebracht ist: Im Adagio- für mich einer der Höhepunkte der Aufnahme. Einen Satz besonders hervorheben wäre allerdings unfähr gegenüber der gesamten Einspielung. Sehr informativ übrigens auch Bens einführender Text- insbesondere was die Quellenlage angeht. Knapp, übersichtlich klar. So mag ich das. Keine tiefenpsychologische Exegese. Das soll als erstes Fazit genügen. Ein andernmal gerne mehr.


    Herzliche Grüße,:hello::hello:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Lieber Christian,


    wenigstens einer, der auf mich hört... ;) Danke für die Beschreibung der Höreindrücke.


    "Transparenz" war einer der Gründe, weswegen ich mir die Aufnahme mit Michael Gielen zulegte.



    Daß ich Michael Gielen außerordentlich schätze, ist kein Geheimnis, seine Aufnahme von Bruckners 5. ist wahrscheinlich diejenige, die mir aus meiner gesamten CD-Sammlung am liebsten ist. Allerdings "verdanke" ich Gielen bei Bruckner einen einzigen Fehlkauf. Seine Aufnahme der 3. Sinfonie ist derart "trocken", daß sie schier staubt.


    Beim ersten Hören war ich allerdings sehr überrascht: Die Aufnahme klingt recht hallig, fast schon hart an der Grenze zum "verhallt". "Analytische Trennschärfe" ist hier nicht gegeben.


    Die zweite Überraschung entdeckte ich bei den Spielzeiten: Gielen ist recht "gemessen" unterwegs. "Nanu", dachte ich, "wird Gielen auf seine alten Tage (73 zum Zeitpunkt der Aufnahme) etwa konventionell?"


    Gielens Vorzüge erschließen sich nicht sofort; er dirigiert keinen "Bruckner für Anfänger". Der Detailreichtum der Aufnahme offenbart sich erst nach mehrfachem Hören.


    Im 2. Satz z.B. bei ca. 8'20'' hört man ein schönes Wechselspiel zwischen Klarinette und Oboe, das viele Dirigenten nur beiläufig erwähnen, im Scherzo vernimmt man nicht nur den voran schreitenden Streicherrhythmus, sondern auch die filigranen Pizzicato-Stellen der Violinen ab ca. 1'20'', und teleton hätte Freude an der differenzeirten (wenn auch leicht verhallten) Behandlung der Pauken.


    Im Beiheft gesteht Gielen: "Ich liebe das Stück". Auch wenn man Gielen oft attestiert "nüchtern-analytisch" zu dirigieren (Gielen selbst sagt über sich, er sei ein "Spezialist für Transparenz"), entdecke ich in vielen kleinen Details diese Liebe.


    Gielen stuft dynamisch fein ab, er gewährt den oft vernachlässigten Holzbläsern den Raum, den sie zur gleichberechtigten Entfaltung benötigen, lediglich die Akribie, mit der Gielen rhythmische Strukturen zu betonen pflegt, erscheint mir nicht mehr ganz so prägnant zu sein.


    Ich will damit nicht sagen, daß Gielen diese gerade für Bruckners 6. so wichtige Rhythmusbetonung vernachlässigt, aber er scheint mir nicht mehr ganz so "streng" zu sein. Es mag sein, daß dieser Eindruck durch die etwas hallige Aufnahmequalität verstärkt wird, vielleicht ist doch so eine Art "Altermilde" zu erkennen, unsympathisch freilich ist Gielens Leseart bei Bruckners 6. nicht.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Nachtrag: Gielens Aufnahme ist ein gutes Beispiel dafür, welch immenser Unterschied zwischen "isoliert Hören" und "Vergleichshören" besteht.


    Nachdem ich mir Gielens Einspielung intensiver zu Gemüte führte, hörte ich danach zum Vergleich die Aufnahmen mit Ferdinand Leitner und Kent Nagano.


    Erst im Vergleichshören fällt auf, wie viel wert Gielen auf die Ausarbeitung der rhythmischen Strukturen und der erwähnten Details legt. Leitner un Nagano klingen erheblich "beiläufiger" und "glatter".

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • In der Oktober-Ausgabe von Fono-Forum findet sich auch eine Besprechung der Norrington-Einspielung. Kurzgefasst sieht das Resümee so aus: Schöne Einzelheiten- aber die Fähigkeit große Bögen zu spannen ginge Norrington ab. Wobei ich offengestanden diesen Eindruck nicht nachvollziehen kann. Im Gegenteil: Die Lesart Norringtons zeichnet sich für mein Empfinden eben dadurch aus, dass die einzelnen Sätze eben nicht auseinanderfallen sondern dem ganzen Geschehen ein schlüssiges Gesamtkonzept zu Grunde liegt- was durch die Temporelationen zwischen den einzelnen Teilen der Symphonie nur um so deutlicher wird.


    Herzliche Grüße,:hello: :hello:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Nachdem ich heute das (immense) Vergnügen hatte die Norrington UND die Nagano-Aufnahme zu hören, hier meine Eindrücke:



    Norrington:
    Unglaublich differenzierte Einspielung. Fantastisch meiner Meinung nach wie er die Symphonie ausrhytmisiert. Man höre sich nur mal den Anfang des ersten Satzes oder das Scherzo an (Mahler 6 ick hör dir trapsen!). Sehr durchsichtiges Orchester, bloß ist das vibratolose Spiel der Streicher - Authentizität hin oder her - nicht unbedingt meine Sache und stört mich ein bisschen im zweiten Satz. Die rasanten Tempi bewirken besonders im Finale eine imense Sogwirkung.



    Nagano:
    Langsamer und näher am gewohnten Bruckner-Klang. Norberts Urteil "glatter" kann ich nur bestätigen. Zwar spielt das Orchester sehr klangschön und auch mit der nötigen Power an den Tutti-Stellen, der letzte Funke will einfach nicht überspringen. Hätte ich die Norrington-Aufnahme nicht gehört, würde ich sicherlich anders schreiben. So bleibt Nagano zwischen zwei Stühlen: Norrington und Wand.
    Die Aufnahme ist sehr gut, man verstehe mich bitte nicht falsch, aber es gibt eben noch bessere.



    Fazit: Der Kauf beider Aufnahmen hat sich gelohnt. Beiden werden öfter in den Player kommen. Zusammen mit Günter Wand bilden sie die IMO perfekte Trias zu dieser leider unterschätzten Symphonie.

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Zitat



    -auf der Suche nach "dem Besonderen", aber feststellend, daß neben viel Licht auch einiger Schatten vorhanden ist...
    (also in etwa dem Gesichtsausdruck des Herrn Norrington ähnelnd )



    Lieber Norbert,


    da bin ich mal gespannt! Erzähl!



    Herzliche Grüße,:hello: :hello:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Hallo Christian,


    ich denke, ich werde am Wochenende etwas ausführlicher berichten können.


    Für den Moment: Stellenweise kann ich die Kritik vom Fono-Forum nach dem Fehlen des "großen Bogens" nachvollziehen. Ab und an (namentlich im ersten Satz) ist für mich ein bißchen zu sehr "erhobener Zeigefinger" und zu wenig musikalischer Fluß vorhanden.


    Das Scherzo hingegen gerät für mich grandios.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Das Wochenende ist angebrochen, ich höre gerade wieder einmal Norringtons Aufnahme und überlege, wie schwer es ist zu erfassen, "was fehlt".


    In keiner anderen mir bekannten Aufnahme werden die Tempoänderungen und -verschiebungen derart deutlich herausgearbeitet wie bei Norrington. Gielen kommt Norringtons Lesart schon sehr nahe, erreicht aber das Maß der Tempodifferenzierung nicht ganz (wenngleich bei Gielen zu hinterfragen ist, ob er auf das gleiche Quellenmaterial zurückgreifen konnte wie Norrington).


    Wie Gielen arbeit Norrington exemplarisch die rhythmischen Strukturen der Sinfonie heraus und verdeutlicht, daß es keinen "einheitlichen Grundrhythmus" gibt, sondern verschiedene Rhythmen, die sich spontan ablösen oder auch stellenweise gegenläufig gleichzeitig auftreten.


    Die deutsche Orchesteraufstellung bringt -wie üblich- einen ungeheuren Gewinn in der Durchhörbarkeit, das betont vibratolose Orchesterspiel ist Geschmackssache (wenngleich "historisch korrekt"). Man gewöhnt sich immerhin schnell daran...


    Was aber "fehlt"?
    Habakuk Traber hat für die Nagano-Aufnahme einen sehr informativen Text geschrieben. Unter anderem heißt es dort:
    "Mehrschichtiges Denken
    Die verschiedenen Themen und Motive bilden die eine Schicht der Komposition, ihr traditionsverankertes Fundament. Bruckner legte eine zweite dramaturgische Ebene darüber, sie wird durch die unterschiedlichen musikalischen Ausdrucksformen und Charaktere gebildet: durch Naturlaut und Idyll, Hymnus und Choral, Signal, Fanfare und heroische Pose. Sie gehen oft rasch und unvermittelt ineinander über, bedienen sich gar der gleichen Substanz. Hier, in den Klangbildern ereignen sich die Brüche, die in der motivischen Konstruktion vermieden werden. Die Verläufe beider Ebenen verhalten sich nicht synchron..."


    Das alles bietet Norrington, aber namentlich im ersten Satz gelingt es ihm imo nicht immer, aus den verschiedenen Verläufen "ein Ganzes" zu formen. Beim Hören des ersten Satzes fühlte ich mich des öfteren an eine Bruckner-Aufnahme von Harnoncourt erinnert: Schaut her, hier ist ein Detail, hier hat Bruckner dieses und jenes gemacht, dort wechselt er wieder einmal das Tempo usw.


    Auch mit den zweiten Satz bin ich nicht uneingeschränkt "glücklich": Norrington wollte Bruckner ein "menschliches Gesicht" geben und hoffte, daß der "himmlische Klang der langsamen Sätze" beeindrucken würde.
    Den Ansprüchen wird er weitestgehend gerecht, doch obwohl der Engländer (auch) für das Adagio ein schnelles Grundtempo wählt (wenngleich Klemperer fast eine Minute schneller war), entdecke ich in ruhigen Passagen (bei ca. 5'50'') einige "Längen".


    Norrington hat immer dann seine stärksten Momente, wenn die Musik "voran schreitet". So gerät das Scherzo mit dem stampfenden Rhythmus für mich zum Höhepunkt der Sinfonie.
    In wieweit das sehr rasante Finale dem Charakter "Bewegt, doch nicht zu schnell" genügt, sollte jeder Hörer für sich entscheiden. Auffällig ist, daß Norrington durch das schnelle Grundtempo, das er zu Beginn anschlägt, Schwierigkeiten hat, zum Ende der Schlußcoda (ab ca. 10'05'', bei der das Tempo noch einmal anzieht) die Musik nicht verhetzt klingen zu lassen. Gielen beschleunigt am Schluß auch, aber er hat durch das langsamere Grundtempo noch "Reserven", die Norrington nicht mehr besitzt. Durch das sehr gut disponierte Orchester kann sich der Dirigent das rasante Tempo erlauben, ein weniger virtuoses Ensemble wäre bei der Tempowahl heillos überfordert gewesen.


    Fazit: Es gibt bei Norrington viel faszinierendes und einiges "neues" zu entdecken. Allerdings ist Gielen in der Ausarbeitung kaum weniger akribisch und schafft es trotzdem, den musikalischen Fluß dauerhaft zu bewahren. Somit behält letztgenannter für mich "die Nase vorn".

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Unlängst hörte ich diese Sinfonie wieder - übrigens unter der Einspielung Günter Wands mit dem NDR-Sinfonieorchester.


    Was mich aber jedes Mal beim hören des Finales beschäftigt und hier noch keine Erwähnung gefunden hat - ich muß jedes Mal beim Seitenthema an den 2.Satz
    v. Schuberts großer C-Dur-Sinfonie denken, geht es noch Jemanden so oder ist das von mir zu weit hergeholt?
    Da ich leider von beiden Werken keine Partitur besitze und daher keine Taktangaben machen kann muß ich es anhand der CD-Zeiten konkretisieren, das Thema der Wand-Einspielung der 6. Bruckner setzt bei 1:38 ein und müßte eigentlich in C-Dur stehn - das Schubert-Thema das diesem sehr ähnelt ist das Seitenthema des langsamen Satzes und ist bei der Harnoncourt-Einspielung ab 2:49 zu hören und müßte in A-Dur stehn.
    Beide ähneln einander von der Charakteristik sehr auch wenn sie natürlich nicht genau identisch sind und möglicherweise hat sich Bruckner wie zuvor bei seiner 5. wo er ein paar Motive des Mozart-Requiems einbauen wollte hier bei Schubert inspirieren lassen. Das ist zwar nicht sensationell aber mich wundert es ein wenig das dies noch keiner hier erwähnt hatte (oder vielleicht ist es sowieso unbedeutend und ich langweile gerade 8o)


    lg
    Thomas

    „Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter eines Irrtums von gestern sein.” (Marie von Ebner-Eschenbach)


  • Ich kann mich den guten Bewertungen der Karajan-Aufnahme nur anschließen. Die Tonqualität dieser 1979er DGG-Aufnahme ist zwar noch nicht digital, aber dennoch sehr gut.


    Hier die Zeiten:


    Gesamtspielzeit 57'36
    I. 15'16
    II. 18'58
    III. 7'52
    IV. 15'13


    Wieso die Sechste so relativ vergessen ist, liegt auch m. E. daran, daß sie zwischen zwei Monumenten, V und VII, sich befindet.


    Mich würde in diesem Zusammenhang interessieren, wie Norbert die Stein-Aufnahme (Decca) von 1972 findet, die erst seit kurzem dank des australischen Eloquence auf CD zugänglich gemacht wurde.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Gemeint ist diese Aufnahme



    Lieber Joseph II,


    ich bin nicht sonderlich begeistert, denn zu viel Schatten wechseln sich mit einigem Licht ab.


    Stein gelingt es zu selten, die "Mehrschichtigkeit" des musikalischen Verlaufs im ersten Satz (siehe Zitat von Habakuk Traber bei der Norrington-Aufnahme) herauszuarbeiten; er ebnet sie ein. Das erleichtert zwar den musikalischen Fluß, widerspricht aber Bruckners Intention.


    Auch vermag mich die Klangtechnik nicht zu überzeugen. Die Decca hat mit den Wiener Philharmonikern im Sofiensaal aufgenommen, was fast immer aufnahmetechnisch herausragends zur Folge hatte.
    Selbst für 1972er Verhältnisse klingen die Wiener Philharmoniker hier zu "dünn", zu wenig durchsichtig und im Blech zu verhallt.


    Wegen der beiden Weber-Ouvertüren kann man sich die Aufnahme gerne kaufen, wer aber lieber Bruckner und Horst Stein genießen möchte, der ist imo mit der ebenfalls in der eloquence-Reihe erschienenen Aufnahme der 2. Sinfone erheblich besser bedient.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Wieso die Sechste im Schatten der anderen späten Bruckner-Symphonien steht, wurde ja bereits diskutiert. Es ist wohl in der Tat das relative Fehlen von der Monumentalität, welche die Symphonien Nr. V und VII–IX auszeichnet. Dabei halte auch ich dieses Werk für sehr interessant. Es schwingt irgendwie etwas mehr Leichtigkeit mit als bei den anderen späteren Bruckner-Symphonien. Gerade der I. Satz hat ein exotisch, in meinen Ohren fast orientalisch anmutendes Thema, das ich sehr einprägsam finde. Insgesamt würde ich die Sechste sogar der Siebenten vorziehen, mit der ich – es klang an anderer Stelle bereits an – komischerweise die meisten Probleme habe unter den späten Symphonien (vergleichbar bei mir mit der Dritten bei den frühen, wo ich I, IV und II vorziehe). Letztlich wohl individuelle Geschmackssache, die man rational kaum erklären kann. Bin jedenfalls mit der oben erwähnten Karajan-DGG-Aufnahme vollauf zufrieden und kann sie nur weiter empfehlen.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Hallo Bruckner-Freunde,


    der Threadtitel, der die Sinfonie Nr.6 im Schatten der Anderen stehend ausweist, hat mir von Anfang an nicht gefallen. Für mich steht diese Sinfonie Nr.6 ganz hoch im Kurs --- und ganz besonders seit dem ich die zwei folgend genannten Favoriten-Aufnahmen besitze.


    In den letzten Tagen wurde in anderen Bruckner-Threads mehrfach über die Solti-GA (Decca) geschrieben.
    :angel: Was diese Solti-GA ganz herausragend auszeichnet ist die Solti - Aufnahme der Sinfonie Nr.6 (Decca, 1979, ADD).
    In den neunziger Jahren bekam ich die Decca-Einzel-CD der Sinfonie Nr.6 von einem Kollegen ausgeliehen, der mir bestes verprach. Eigendlich konnte ich mir damals nicht mehr vorstellen, dass die Karajan-Aufnahme (DG, 1980, ADD) , die ich ebenfalls sehr hoch schätze, noch getoppt werden könnte ... Norbert in Beitrag 4 und Joseph in Beitrag 57 sind ebenfalls von Karajan überzeugt.
    :thumbup: Aber was ich zu Hause hörte hat mich dermaßen umgehauen, dass ich mir diese Decca-CD mit Solti gleich auch zugelegt habe.
    Solti ( und auch Karajan) verstehen es dieses Werk derart spannend umzusetzen, das sämtliche Bewertungen als Schattendasein auf der Stecke bleiben. ;( In diesem Thread ist gar von pastoraler Stimmung bei der Sechsten die Rede ... das kann nicht wahr sein ...


    Kurze Zeit später folgte bei mir auch die fabelhafte Decca-Solti-Aufahme der Sinfonie Nr.8 mit den Wiener PH (in der GA ist die Digitale mit dem CSO). Durch diese positiven Hörerlebnisse bei Bruckner mit Solti konnte nur noch eines als logische Konsequenz folgen - der Kauf der Bruckner-Solti-GA ! Den Einzel-CD´s hinterherzulaufen wäre ohnehin zu aufwendig geworden (es liegen auch nicht alle einzeln vor).



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    Den Klemperer-Anhängern möchte ich auf meinen Beitrag 38 von 2007 verweisen.
    Swjatoslaw hat die Klemperer- Aufnahme in einem anderen Bruckner-Thread positiv erwähnt. Ja, diese hat zweifellos ihre Stärken, aber der fast paukenlose Klang dort ??? Das geht für meinen Geschmack bei der Sechsten gar nicht !

    Gruß aus Bonn, Wolfgang