Mozarts Zauberflöte: Mozarts beste Oper?

  • Heute vor 223 Jahren wurde die Zauberflöte uraufgeführt, am 30.9.1791.


    Vieles ist über diese Oper geschrieben worden - Ferdinand Hiller lobt die "Unverwüstliche Frische und Anmuth eines nie versiegenden Melodieenstromes", verweist jedoch auch auf das "vielgehöhnte" Textbuch, das er dennoch für "vortrefflich" hält.


    Quelle: Hiller, Ferdinand: Erinnerungsblätter. Köln 1884, S. 167-173.
    Permalink: http://www.zeno.org/nid/20003815889


    Was denkt Ihr - ist die Zauberflöte, trotz teilweise kruden Librettos, Mozarts gelungenste Oper? Oder hat sich Mozart in anderen Opern, die er komponiert hat, sogar noch übertroffen?


    Neben musikwissenschaftlichen Erwägungen soll dabei natürlich auch die Frage im Mittelpunkt stehen, ob Euch die Zauberflöte rein emotional näher steht als seine anderen Opern.


    Auch ergänzende Verweise auf Arien, Musikstücke, Textzeilen, Zitate aus und über die Oper sowie Einspielungen, die Euch besonders am Herzen liegen, sind dabei gerne gesehen.

  • Oder hat sich Mozart in anderen Opern, die er komponiert hat, sogar noch übertroffen?


    Da könnte man genau so gut die Schnelligkeit zwischen Radiowellen und Gammastrahlen vergleichen. Doch hat man schon Lichtgeschwindigkeit erreicht, ist eine Steigerung nicht mehr möglich.


    Cosí, Figaro und die Oper aller Opern, der Don Giovanni, haben daher keine Mühe, der Zauberflöte zu folgen.

  • Wahrscheinlich ist Mozarts "Zauberflöte" die populärste und meistgespielte Oper des Komponisten. Sie hat aber noch sehr stark den Singspielcharakter. Opern, wie z. B. die "Entführung aus dem Serail", "Figaros Hochzeit", Cosi fan tutte"und vor allem "Don Giovanni" sind kompositorisch und instrumental komplexer. Wer wollte und kann nun entscheiden welches Mozarts beste Oper ist? Sie sind alle überragende Geniestreiche!


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Nach all den Jahren konnte ich mich mit der "Zauberflöte" noch immer nicht anfreunden - ich finde die Da Ponte-Trilogie und den Titus bei weitem ansprechender. Ich kann mit den Libretto so gar nichts anfangen.. Und es mag mein persönliches Problem sein, aber es gibt da keine einzige Figur (vielleicht mit Ausnahme der Pamina und Papagena), die ich wirklich sympathisch finde. Rein musikalisch ist die Zauberflöte von der Komplexität auch hinter eine Cosi oder besonders hinter eine Nozze zu stellen (die letzten 20 Minuten des 2.Aktes sind einfach himmlisch...)

    Hear Me Roar!

  • Über die Zauberflöte wurde hier bereits viel geschrieben. Aber nict nur hier - sondern auch andernorts seit über 200 Jahren.
    Ach gestehe ich gerne, daß meine Meinung zur Zauberflöte einem ständigen Wandel unterworfen ist.
    Aber generell kann wohl gesagt werden, daß die Daponte-Opern Mozarts alle geschlossener und überzeugender sind als die Zauberflöte, die ein Sammelsurium der verschiedensten Stile ist.
    Ich war mir lange nicht sicher ob Herr Schikaneder ein raffinierter Theatermann oder ein Libettoschmierer ohne Geschmack ist.
    Nachdem ich "Das Labyrinth" - eine Fortsetzung - nein eigentlich ein zweiter, schaler Aufguss mit beinahe identischem Inhalt - gesehen habe - neige ich zu zweiterem. Peter von Winter - einem an sich vorzüglichen Komponisten ist das Kunststück - trotz einiger sehr mozartnahen Arien - nicht gelungen diesem Stumpfsinn ein geschlossenes Erscheinungsbild zu geben. Mozarts Verdienst besteht vor allem darin, daß seine Musik alle Gegensätze des konfusen Librettos zudeckt und (fast) jede Kritik im Keime erstickt. Musikalisch ein Meisterwerk - textlich ein Desaster. (?)
    Na ja - so streng sollte man auch wieder nicht urteilen - denn in dieser Hinsicht befindet sich dieses Singspiel - eher in guter Gesellschaft. Der Text wird erst dann unerträglich, wenn man in ihn Dinge hineininterpretieren will, die einfach nicht enthalten sind. Schikaneder hat sich drüber nicht so viel Gedanken gemacht wie wir - Er wollte . als nicht subventioniertes Theater - ein volles Haus - und das hat er ja letztlich auch bekommen.


    Hier die Links zu einigen verwandten Threads


    Die Zauberflöte - Ein Machwerk ?
    Die Zauberflöte – Oper im Spannungsfeld von Kirche, Illuminaten und Aufklärung?
    "Die Zauberflöte" - welch großartige Musik trotz grauenvollem Libretto


    Das Labyrinth - und andere Verirrungen in Sachen Zauberflöte.


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

    Ich bitte alle Mitglieder, die über 25 Beiträge verfasst haben und noch keinen AVATAR besitzen

    sich im Thread Baustelle Avatarpool neu einen auszusuchen und am Threadende (gaaaanz weit untenI zu bestellen

  • Aber generell kann wohl gesagt werden, daß die Daponte-Opern Mozarts alle geschlossener und überzeugender sind als die Zauberflöte, die ein Sammelsurium der verschiedensten Stile ist.

    Was soll so eine pauschale, scheinbar objektive Aussage? Auch die zuvor von einem anderen Teilnehmer geäußerte Aussage, dass etwa die "Entführung aus dem Serail" "komplexer" sei als die "Zauberflöte", halte ich für mehr als zweifelhaft!


    Auch ich habe früher die da-Ponte-Opern noch mehr genossen als "Die Zauberflöte" - inzwischen, nach eingehender Beschäftigung (etwa durch das Assman-Buch) bin ich jedoch der Meinung, dass der "Zauberlöte" an Komplexität und Universalität kaum ein anderes Kunstwerk an die Seite zu stellen ist (im Schauspiel höchstens die besten Shakespeare-Stücke und im Musikbereich am ehesten die "Matthäus"-Passion.
    Das Ganze ist ein vielschichtiges Mysterienspiel und Welttheater allerersten Ranges, allein eine gründliche Analyse der Ouvertüre öffnet die Tür zu Welten. Für mich ist "Die Zauberflöte" Mozarts ganzheitlichstes, unterhaltsamstes und zugleich anspruchsvollstes, in einem Wort: Mozarts göttlichstes Werk.


    Und einige bedeutende Komponisten-Kollegen (bzw. -Nachfolger) haben das schon viel früher gespürt und auch geäußert:


    „Mozarts größtes Werk bleibt DIE ZAUBERFLÖTE.“
    (Ludwig van Beethoven)


    und:


    „Der Deutsche kann die Erscheinung dieses Werkes gar nicht erschöpfend genug würdigen. Bis dahin hatte die deutsche Oper so gut wie gar nicht existiert; mit diesem Werke war sie erschaffen. Der Dichter des Sujets, ein spekulierender Wiener Theaterdirektor, beabsichtigte gerade nichts weiter, als eine recht große Operette zu Tage zu bringen. Dadurch ward dem Werke von vornherein die populärste Außenseite zugesichert; ein fantastisches Märchen lag zugrunde, wunderliche märchenhafte Erscheinungen und eine tüchtige komische Beimischung mussten zur Ausstattung dienen. Was aber baute Mozart auf dieser wunderlich abenteuerlichen Basis auf!
    Welcher göttliche Zauber weht vom populärsten Liede bis zum erhabensten Hymnus in diesem Werke! Welche Vielseitigkeit, welche Mannigfaltigkeit! Die Quintessenz aller edelsten Blüten der Kunst scheint hier zu einer einzigen Blume vereint und verschmolzen zu sein. Welche ungezwungene und zugleich edle Popularität in jeder Melodie, von der einfachsten bis zur gewaltigsten! –

    In der Tat, das Genie tat hier fast einen zu großen Riesenschritt, denn, indem es die deutsche Oper erschuf, stellte es zugleich das vollendetste Meisterstück derselben hin, das unmöglich übertroffen, ja dessen Genre nicht einmal mehr erweitert und fortgesetzt werden konnte.“


    Richard Wagner, Über deutsches Musikwesen,
    in: Ein deutscher Musiker in Paris (1840/41)

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Bis auf weiteres keine neuen Beiträge mehr von mir außerhalb meiner Besetzungsrubriken!

  • Ob die Zauberflöte Mozarts beste Oper ist, kann man diskutieren. Meiner Meinung nach ist sie auf jeden Fall die beste deutsche Oper.
    Da kommt auch der Wagner nicht mit, auch wenn er sich mit seinem Ring in ihre Richtung bewegt.


    n der Tat, das Genie tat hier fast einen zu großen Riesenschritt, denn, indem es die deutsche Oper erschuf, stellte es zugleich das vollendetste Meisterstück derselben hin, das unmöglich übertroffen, ja dessen Genre nicht einmal mehr erweitert und fortgesetzt werden konnte.“

    Ich frage mich nur, warum er es trotz dieser Einsicht dann doch probiert hat. :stumm:




    John Doe

  • Zitat

    hami1799: Doch hat man schon Lichtgeschwindgkeit erreicht, ist eine Steigerung nicht mehr möglich.

    Wenn du die Lichtgeschwindigkeit, lieber hami, jetzt im Falle der Zauberflöte doch übertreffen könntest, mit welchem Gefährt auch immer, was wäre dir dann möglich?


    Im Ernst möchte ich mich doch eher der Meinung von Stimmenliebhaber, vor allem seiner Zusammenfassung "in einem Wort" anschließen und natürlich dem von ihm zitierten Beethoven.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Der Dichter des Sujets, ein spekulierender Wiener Theaterdirektor, beabsichtigte gerade nichts weiter, als eine recht große Operette zu Tage zu bringen.


    War das wirklich so?


    Doch wie dem auch sei, weder die aufdringlichste Popularität noch die vernichtendste Kritik können der Zauberflöte etwas anhaben. Sie ist und bleibt dieses gütige, geheimnisvolle Wesen, das schon seit über 100 Jahren seinen Zauber auch über jene breitet, die sonst von Oper wenig wissen wollen.
    Vermutlich entzieht sich die Zauberflöte jeder sinnvollen Analyse.
    Lassen wir den Schleier über dem Bild zu Sais auch weiterhin unberührt.

  • Zitat

    „Mozarts größtes Werk bleibt DIE ZAUBERFLÖTE.“
    (Ludwig van Beethoven)


    Ganz meine Meinung! Ich höre sie mindestens dreimal so oft wie Mozarts andere Werke.

    W.S.

  • Ich schließe mich den Vorrednern, die in der Zauberflöte etwas ganz Besonderes sehen, gerne an: obwohl Mozart auch andere geniale Opern komponiert hat, die vielleicht noch komplexer, stilistisch einheitlicher, formal geschlossener sein mögen, keine Oper regt die Phantasie mehr an, versetzt uns noch mehr als Zuhörer in eine Märchenwelt als diese.


    Sie ist und bleibt dieses gütige, geheimnisvolle Wesen, das schon seit über 100 Jahren seinen Zauber auch über jene breitet, die sonst von Oper wenig wissen wollen.
    Vermutlich entzieht sich die Zauberflöte jeder sinnvollen Analyse.

    Das ist sehr schön und pointiert formuliert, dem kann ich mich nur anschließen. Und nicht umsonst heißt es ja auch das "Tamino" - Forum und nicht das "Belmonte - Forum" oder "Lucio Silla - Forum" :D


    Irgendetwas besonders Poetisches, Zauberhaftes wohnt dieser volkstümlich-schlichten und doch so komplexen Musik wohl inne, das dieser eigentümlichen Oper einen ganz eigenen Rang zuweist.

  • Weil die Pyramiden den sozialen Wohnungsbau nicht ersetzen können.

    Besonders, wenn der so stattlich und luxuriös daherkommt, wie unter Ludwig II. :hahahaha:


    Aber Spaß bei Seite, eine Qualität der Zauberflöte liegt auch darin, dass sie seitens ihres Schöpfers eben nicht mit mit kunsttheoretischem und ideologischem Bombast überladen ist.
    Mozart hat im Gegensatz zu Wagnner nichts postulieren müssen. Sein Postulat war die Musik.


    John Doe

  • eine Qualität der Zauberflöte liegt auch darin, dass sie seitens ihres Schöpfers eben nicht mit mit kunsttheoretischem und ideologischem Bombast überladen ist.


    Wobei die Zauberflöte m.E. immerhin die einzige der Mozart-Opern mit einem ideologischen Impetus ist; immerhin lassen sich Bezüge zur Freimaurerei wohl nicht ganz von der Hand weisen. - Ich persönlich schätze die Zauberflöte im Vergleich am wenigsten ohne dies allerdings wirklich sachlich begründen zu können: Sicher, viele schöne und eingängige musikalische Ideen, aber ich bekomme den Zusammenhang nicht erfasst und am Ende bleibt immer der schale Nachgeschmack des abstrusen Märchens. So schlägt mein Herz schon immer auf der Seite der Entführung :untertauch:

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

  • Wobei die Zauberflöte m.E. immerhin die einzige der Mozart-Opern mit einem ideologischen Impetus ist; immerhin lassen sich Bezüge zur Freimaurerei wohl nicht ganz von der Hand weisen.

    Ja, aber Mozart hat daraus keine Theorie gemacht im Sinne des Wagneraschen Musikdramas. Und die Botschaft, die in der Zauberflöte verkündet wird, ist eine zu tiefst humanistische, zu tiefst menschliche, was man jetzt von Wagner so nicht unbedingt sagen kann.


    John Doe

  • Meine Favoriten unter den Mozart-Opern sind "Le nozze di Figaro" und "Don Giovanni". Ich muss gestehen, dass ich mit der "Zauberflöte" nie so besonders warm wurde, auch wenn sie grandiose Stellen hat. "Così fan tutte" und den Rest kenne ich zu wenig.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Sicher, viele schöne und eingängige musikalische Ideen, aber ich bekomme den Zusammenhang nicht erfasst und am Ende bleibt immer der schale Nachgeschmack des abstrusen Märchens.


    Ach ja, die Freunde des Regietheaters müssen immer Rätsel lösen. Kann man nicht einmal nur die pure Schönheit genießen?

  • Ich liebe und schätze alle Opern Mozarts. Gerade die Da-Ponte-Opern haben in ihrer feinsinnnig interpretierten Psychologie und dramatischen Aktion sowie ihren wunderbaren Ensembles und Arien Qualitäten, die unübertroffen sind. Dennoch wage ich hier ein (möglicherweise kontroversielles) Statement abzugeben:


    Für mich gibt es in keiner anderen Mozart-Oper so viel wunderschöne Musik, wie in der Zauberflöte ! Vielleicht ist diese Oper weniger interessant, was dramaturgische Konzeption betrifft und möglicherweise ist sie ganz und gar nicht dazu geeignet, sich mit einem der Protagonisten zu identifizieren. Jedoch: wo hat jemals jemand schöner gelitten, als Pamina im ergreifenden g-moll ihrer Todessehnsucht ? Wo ist jemals wunderbarere Hilfe erschienen als in der reinen Dreistimmigkeit des "Bald prangt, den Morgen zu verkünden", und wo jemals hat eine Sehnsucht eine solch überirdische Erfüllung erlebt, wie in dem plötzlich sich staunend ins Dur wendenden "Tamino mein, Oh welch ein Glück !" ?



    :hello: Bachiania :hello:

    Man sagt, wenn die Engel für Gott spielen, so spielen sie Bach, füreinander aber spielen sie Mozart.
    (Sir Isaiah Berlin)

  • Ja, aber Mozart hat daraus keine Theorie gemacht im Sinne des Wagneraschen Musikdramas. Und die Botschaft, die in der Zauberflöte verkündet wird, ist eine zu tiefst humanistische, zu tiefst menschliche, was man jetzt von Wagner so nicht unbedingt sagen kann.


    Bzgl. Wagner gebe ich Dir durchaus recht. - Was allerdings die zutiefst menschliche bzw. humanistische Botschaft der Zauberflöte angeht, so habe ich diese nie wirklich nachvollziehen können. Für mich wimmelt es in dem Werk eher vor lauter mehr oder weniger zwielichtigen Gestalten (Die drei Damen, Die Königin der Nacht, Monostatos), die immerhin noch interessante sind, als die farblosen Helden (Tamino, Pamina) und selbst Sarastro steht für mich an Menschlichkeit und Humanität weit hinter der Figur des Bassa Selim zurück. Allerdings bin ich auch jemand, der den Dr. Heinrich Faust im Vergleich zum Mephisto stets für den mieseren Schurken hält.

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.


  • Ach ja, die Freunde des Regietheaters müssen immer Rätsel lösen. Kann man nicht einmal nur die pure Schönheit genießen?


    Allerdings vermag ich das Rätsel, was denn das eine mit dem anderen zu tun hat, nicht zu lösen. - Bitte um Aufklärung!

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

  • Und die Botschaft, die in der Zauberflöte verkündet wird, ist eine zu tiefst humanistische, zu tiefst menschliche, was man jetzt von Wagner so nicht unbedingt sagen kann.


    Kann man nicht? Vergisst man den Menschen Wagner hinter dem Werk, dann findet man viel Menschliches.
    Ist nicht der Ring eine Abrechnung mit der Korruption der Mächtigen und ein Plädoyer für die Rechte der Menschen? Ist nicht der Tristan das Hohelied der unbedingten Liebe?
    Und ist schließlich der Verzicht König Markes nicht eine wunderbare Manifestation der menschlichen Freundschaft und Treue?

  • Zitat

    Zitat von Don Gaiferos: Neben musikwissenschaftlichen Erwägungen soll dabei natürlich auch die Frage im Mittelpunkt stehen, ob Euch die Zauberflöte rein emotional näher steht als seine anderen Opern.

    Auf das Libretto will ich nicht eingehen. Von der Musik her ist die Zauberflöte wohl die populärste und meistgespielte Oper Mozarts, und viele Melodien sind geradezu Ohrwürmer, die man immer wieder hört. Aber gerade deshalb stehen mir inzwischen emotional die Opern "Don Giovanni" und "Figaros Hochzeit" näher.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • und viele Melodien sind geradezu Ohrwürmer, die man immer wieder hört. Aber gerade deshalb stehen mir inzwischen emotional die Opern "Don Giovanni" und "Figaros Hochzeit" näher.

    Aber ist das nicht ein Trugschluss? Weil "Die Zauberflöte" viele "Ohrwürmer" hat, kann sie emotional nicht so berühren wie etwa "Figaro" oder "Giovanni"? Ich will diese beiden Opern gar nicht schmälern, wie käme ich dazu, sie sind schlicht und ergreifend genial. Aber nehmen wir nur mal Pamina? Diese, die ja offiziell - im Gegensatz zu Tamino und Papageno - gar nicht "geprüft" wird, muss in Wahrheit die schlimmsten Prüfungen ertragen und bestehen, geradezu permanent, und geht wirklich durch die Hölle. Das beginnt schon mit ihrem durch Monostatos vereitelten Fluchtversuch bei ihrem ersten Auftritt. Dann verhindert die durch Pauken, Trompeten und Jubelchöre angekündigte Ankunft Sarastros den zweiten Fluchtversuch Pamina zusammen mit Papageno. Als dieser bang fragt: "Mein Kind, was werden wir nun sprechen?", anwortet sie - und besteht damit eine wirkliche Prüfung: "Die Wahrheit, die Wahrheit, sei sie auch Verbrechen". Sie gesteht Sarastro offen und ehrlich ihre Fluchtabsicht - dafür eine drakonische Strafe, die ihr droht, in Kauf nehmend, und sie sagt Sarastro auch den Grund: das Liebesverlangen des Monostatos. Sarastro begnadigt sie, doch er gibt ihr (vorerst) weder die Freiheit noch den geliebten Mann, sondern entzieht ihr diesen durch den lange beschwerlichen Prüfungsweg. Pamina bleibt dabei außen vor. Als sie schläft, nähert sich ihr Monostatos und will sie küssen, doch Paminas Mutter verhindert dies und lässt ihn fließen. Aus der Ferne belauscht er die bis dato schlimmste Prüfung für Pamina: die eigene Mutter fordert sie zu einem Mord auf und drückt ihr das Mordwerkzeug in die Hand. Im Falle der Befolgung des Mordauftrages winkt sie ihr mit dem Jüngling, im Falle der Nichtbefolgung dieses Mordauftrags droht die Mutter, die eigene Tochter zu verstoßen. Pamina sagt nach dem Verschwinden ihrer Mutter zu sich: "Morden soll ich? Das kann ich nicht!" und besteht damit die Prüfung ihrer Menschlichkeit. Monostatos nähert sich der Verzweifelten und bietet ihr einen "Ausweg" an Wenn sie ihn "liebe", werde er dieses "Geheimnis" nicht verraten. Wenn sie ihn aber nicht erhöre, werde er sie umbringen, droht er ihr, die "Mordabsicht" gegen Sarastro als Alibi benutzend. Auf seine Entscheidungsfrage "Liebe oder Tod?" antwortet sie mit "Niemals" und nimmt wieder lieber den Tod auf sich, als dass sie für ihr Leben ihre menschliche Integrität aufgeben würde. Dann wird sie durch das Flötenspiel Taminos zu ihm gelockt, doch ihre Wiedersehensfreude schlägt in Verzweiflung um, da Tamino sie zurückstößt und kein Wort mit ihr redet. Warum das so ist, weiß sie nicht. Die große g-moll-Arie ist ein emotional erschütterndes Dokument ihrer Trauer über den vermeintlichen Liebesverlust und ihrer daraus resultierenden Verzweiflung. Ohne diese Liebe will sie nicht mehr leben. Diese musikalisch erschütternd vorgeführte Erkenntnis führt sie direkt in ihren durchaus ernstgememeinten Selbstmordplan, der im letzten Moment von den drei Knaben verhindert wird. Sie sah keinen Ausweg mehr, die drei "Genien" zeigen ihr den Ausweg der Liebe und führen sie zu Tamino. Dort übernimmt sie (auch musikalisch) als inzwischen Wissende die Führung und beschreitet gemeinsam mit Tamino den Weg der entscheidenden Feuer- und Wasserprobe, dabei durchaus Tamino führend. Wenn ich das jetzt mit Konstanzes Marter-Arie vergleiche, dann triumphiert dort die (durchaus existentielle) Virtuosität, und das ist emotional auch packend, aber Pamina packt mich dann noch noch viel mehr, gerade weil die Virtuosität (welche ihre Mutter, die Königin der Nacht, charakterisiert) hier zugunsten der puren Emotion zurückgedrängt ist und einer durch Schlichtheit sich ausdrückenden tiefen Wahrheit gewichen ist. Und nun noch der Vergleich zu dieser grandiosen Oper "Don Giovanni": Welche Figur dieser Oper könnte mich auch nur annähernd emotional so sehr erschüttern wie Pamina? Welche Figur wird dort derart in die Ausweglosigkeit getrieben, dass sie sich das Leben nehmen will? Nein, gerade auch emotional stellt "Die Zauberflöte" für mich den Gipfel des Vorstellbaren dar, daran ändern auch die bösen "Ohrwürmer" nichts. Und Paminas Duett mit Papageno "Bei Männern, welche Liebe fühlen" ist durch die musikalische Schlichtheit so erfreifend und dadurch "göttlich", das ich diesem Stück kaum etwas Vergleichbares an die Seite stellen kann, vielleicht mit Ausnahme der wirklichen Himmelsmusik, mit welcher die drei Damen im Quintett Nr. 5 das Erscheinen der drei (überirdischen) Knaben ankündigen - das ist wirklich göttlich!


    Im Übrigen lohnt sich eine intensive Auseinandersetzung mit dem Freimaurertum wirklich sehr, wenn man sich nicht nur an der Oberfläche und den "Ohrwürmern" der Oper erfreuen, sondern in tiefere Schichten vordringen will, denn Mozart hat hier die freimarerischen Ideen der Aufklärung (Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit - Toleranz - Humanität) wirklich tief in das Stück verankert und auch zum Klingen gebracht - durch analysierbare musikalische Symbolik, wie wie schon erwähnt allein in der Ouvertüre die Göttlichkeit des Universums vollendet zum Klingen bringt.


    Das Ganze nur noch einmal als kleine Replik auf (meines Erachtens) Vorurteile gegenüber diesem Werk - von einem "Nicht-Freimaurer", der aber gerade in den letzten Monaten viel über dieses Thema erfahren und gelernt hat. Man kann dieses ganze Thema zur Seite legen und findet immer noch genug in dem Stück, an dem man sich erfreuen und von dem man sich unterhalten lassen kann, aber das wird der großen Komplexität dieses Stückes dann doch nicht gerecht.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Bis auf weiteres keine neuen Beiträge mehr von mir außerhalb meiner Besetzungsrubriken!

  • Vergisst man den Menschen Wagner hinter dem Werk, dann findet man viel Menschliches.
    Ist nicht der Ring eine Abrechnung mit der Korruption der Mächtigen und ein Plädoyer für die Rechte der Menschen? Ist nicht der Tristan das Hohelied der unbedingten Liebe?
    Und ist schließlich der Verzicht König Markes nicht eine wunderbare Manifestation der menschlichen Freundschaft und Treue?

    Menschliches, allszu Menschliches im Sinne von Menscheln in seiner übelsten Bedeutung!


    Im Ring sind es eine Reihe aufgeblähter Popanze, die sich auf Grund ihrer Ignoranz und Blödheit, ihrer Geilheit und Gier ohne Rücksicht auf den Rest der Welt gegenseitig massakrieren. Und zwar bar jeglicher kritischen Reflexion und ironischen Brechung.
    Je älter dass ich werde, desto mehr neige ich dazu, den Ring als Kommödie wahrzunehmen und zwar als rabenschwarze nihilistische. Ob Wagner das beabsichtigt hat, wag ich aber zu bezweifeln.


    In der Zauberflöte nun kommt ja das auch alles vor, da hüpft ja auch so mancher ignoranter und gierig geiler Popanz über die Bühne, jedoch werden diese von Mozart gleich entlarvt entweder durch die Musik und die Anlage ihrer Rolle selbst oder allerspätestens durch Papageno, der in all seiner Trolligkeit die Aufgabe eines die ganze Sache kritisch kommentierenden Hanswurstes hat.


    Und diese kritische Kommentierung, diese ironische Brechung findet man bei allen großen Mozart-Opern mit Ausnahme der opere serie.
    Bei Wagner dagegen fehlt das völlig.


    Zu Tristan möchte ich noch anmerken, dass sein Hauptwiderspruch diese Todessehnsucht ist: Liebe will Leben und Lust will Ewigkeit. Der Tod ist nun wirklich das allerletzte, was diese Gefühle gebrauchen können.
    Außerdem war der Liebestrank bis zum Tristan immer ein Sujet der Kommödie. Erst Wagner hat aus diesem Witz eine Tragödie gemacht.
    Hätte Mozart den Tristan vertont, wäre es mit Sicherheit eine Kommödie geworden, an deren Ende jeder jede bekommen hätte und wenn doch noch einer oder eine übrig geblieben wäre, dann wäre mittels des Liebestrankes Abhilfe geschaffen worden.


    John Doe
    :)

  • Was allerdings die zutiefst menschliche bzw. humanistische Botschaft der Zauberflöte angeht, so habe ich diese nie wirklich nachvollziehen können. Für mich wimmelt es in dem Werk eher vor lauter mehr oder weniger zwielichtigen Gestalten (Die drei Damen, Die Königin der Nacht, Monostatos), die immerhin noch interessante sind, als die farblosen Helden (Tamino, Pamina) und selbst Sarastro steht für mich an Menschlichkeit und Humanität weit hinter der Figur des Bassa Selim zurück.


    Genau so sehe ich das auch. Die menschliche oder humanistische Botschaft ist nach meinem Endruck ein Irrtum, der gewollt ist. Es gibt sie nicht, allenfalls in propagandistischer Form. MSchenk hätte ja auch noch die Sklaven nennen können, die am Hofe von Sarastro gehalten und mies behandelt werden. Sie treten übrigens in den meistens gestrichenen gesprochenen Dialogen noch stärker hervor. Sie haben aber keine Namen. Interessant ist, was sie sagen. Da wir alle lesen können, muss ich das nicht zitieren. Auch die drei Knaben bleiben undurchsichtig. Es lohnt es sich sehr, den Beitrag von Stimmenliebhaber (24) genau zu lesen. Das ist sehr gut analysiert. Aus all solchen Gründen liebe ich die ZAUBERFLÖTE ganz besondern. Weil sie so ein fieses, verlogenes Stück ist. Slavenhalter, die sich allzu menschlich geben, sind mir höchst suspekt. Das weist schon weit in die Moderne. Ich bin überzeugt, dass Mozart das alles auch bedacht hat. Die ZAUBERFLÖTE erinnert mich immer an die alte Geschichte des armenischen Mädchen Anait. Im Verlauf der Handlung gerät ein junger Mann, der Angebetete dieses Mädchens, in die Gefangenschaft einer Gemeinschaft, die sich nach außen hin so edel gibt, dass sie auf Stelzen geht, um nur kein Insekt am Boden zu töten, im Innern aber verderbt und verrottet ist, Menschen raubt und in Gefangenschaft hält.


    Um auf den Ausgangspunkt zurück zukommen, meine Reihenfolge für die Mozart-Opern ist rein persönlich und kann auch mal wechseln. Eine andere Ordnung kann ich mir nicht vorstellen. Mal steht IDOMENEO ganz oben, dann wieder COSI, dann FIGARO und auch mal TITO und natürlich DON GIOVANNI. Die ZAUBERFLÖTE war nie mein Favorit, obwohl es diese betörende Musik gibt. Am meisten kehre ich aber immer wieder zu COSI zurück, diesem Geniestreich in Wort und Musik. Mein Gott, was für eine Geschichte!

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Im Übrigen lohnt sich eine intensive Auseinandersetzung mit dem Freimaurertum wirklich sehr, wenn man sich nicht nur an der Oberfläche und den "Ohrwürmern" der Oper erfreuen, sondern in tiefere Schichten vordringen will, denn Mozart hat hier die freimarerischen Ideen der Aufklärung (Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit - Toleranz - Humanität) wirklich tief in das Stück verankert und auch zum Klingen gebracht - durch analysierbare musikalische Symbolik, wie wie schon erwähnt allein in der Ouvertüre die Göttlichkeit des Universums vollendet zum Klingen bringt.


    Ob es gerade bei der Zauberflöte nötig ist, sich den Zutritt zu ihr über das Alibi des Verstehens zu verschaffen, ist keinesfalls selbstverständlich.
    Es gibt doch viele Dinge in der Welt, deren Schönheit man nur instinktiv erfassen kann, ohne sich selbst im Klaren darüber zu sein, worin die Faszination besteht.
    Romantiker haben es da leichter, denn selbst der scharfsinnigste Analytiker wird sich schwer tun, zu ergründen, was an einer einem Wald vorgelagerten, mondbeschienen Wiese aus der leichte Nebel steigen so wunderbar ist.
    "Wann also wird das Dunkel schwinden" fragt Tamino an einer der schönsten Stellen der Oper und bekommt zur Antwort "bald oder nie"
    Der schon zitierte Einfluss des Freimaurertums erscheint mir hier am deutlichsten. Warum das so ist, kann ich aber nicht erklären, sicher auch nicht bald, sondern nie.


    "Wenn ihr's nicht fühlt,
    ihr werdet's nicht erjagen,
    Wenn es nicht aus der Seele dringt
    Und mit urkräftigem Behagen
    Die Herzen aller Hörer zwingt." (Faust)

  • Die Analyse von Stimmenliebhaber finde ich auch gut. Ich habe mich vielleicht etwas unglücklich ausgedrückt. Ich sprach zwar zu Beginn, dass es mir nicht um das Libretto, sondern lediglich um die Musik Mozarts ginge, denn inhaltlich stammt die Oper ja von Schikaneder. Ich hätte sagen müssen, dass mich die Musik von "Don Giovanni" oder "Figaros Hochzeit" inzwischen weit mehr anspricht als die der Zauberflöte. Ob Mozart oder Schikaneder solche Betrachtungen wie hier angestellt haben, möchte ich allerdings bezweifeln. Vielleicht wäre dann ein weit besseres Libretto herausgekommen.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Ich habe mit der Fragestellung dieses Threads etwas Probleme. Ob "Die Zauberflöte" MOZART's "beste" Oper ist, könnte doch vermutlich nur ein musikalisches Genie, das noch über dem MOZARTs steht, beurteilen, und ob es ein solches jemals noch geben wird? Und selbst dann müßte man differenzieren zwischen Inhalt der Oper, Sinn der Handlung, und musikalischer Gestaltung. Vermutich ist mit der Frage ja auch gemeint, welche Oper MOZARTs wir am liebsten mögen, welche uns am meisten sagt und gibt, und da hätte bei mir wohl Don Giovanni etwas die Nase vorn.


    wok

  • "Wann also wird das Dunkel schwinden" fragt Tamino an einer der schönsten Stellen der Oper und bekommt zur Antwort "bald oder nie"

    Im Originaltext heißt es: "Wann also wird die Decke schwinden?"


    Ob Mozart oder Schikaneder solche Betrachtungen wie hier angestellt haben, möchte ich allerdings bezweifeln. Vielleicht wäre dann ein weit besseres Libretto herausgekommen.


    Haben sie. Beide waren Logenbrüder. Schikaneder flog schnell wieder raus, aber Mozart war das über Jahre (zu einer Zeit, als es nur noch sehr wenige gab). Wenn man die Musik analysiert, ist man fassungslos über das, was die dort verwendete Symbolik (z.B. die in musikalische Linien verwandelte geometrische Freimarer-Symbolik) alles sehr eindeutig erzählt. Natürlich merken das nur die Wenigsten, aber gemäß den Prinzipien solcher "Geheimorganisationen" gibt es eben Codes für "Eingeweihte."


    Im Übrigen halte ich das Textbuch für viel besser als sein Ruf. Hier muss Mozarts Einfluss groß gewesen sein (wie übrigens umgekehrt auch Schikaneder Einfluss auf die musikalische Gestaltung nahm, etwa bei Fragen wie Vorspiel oder kein Vorspiel vor Gesangseinsatz usw.). Was ein wirklich grottenschlechtes Textbuch ist, kann man beim "Labyrinth" studieren. Ich empfehle jedem, das mal zu lesen, um im Vergleich dazu die gewaltigen Qualitäten des Librettos der "Zauberflöte" zu erkennen (mit den verschmolzenen Hauptquellen der Erzählung "Lulu oder die Zauberflöte" von Liebeskind und des Sethos-Romans von Terrason). Wenn man es als ein Welttheater begreift (und in der Welt verläuft nicht immer alles linear und "logisch"), dann muss man dieses Textbuch trotz aller aus heutiger Sicht zweifellos auch vorhandenen Schwächen eigentlich lieben. Zumindest kenne ich keine Mozart-Oper mit mehr trefflichen Textstellen, die als Zitate ihre Wirkung erzielen.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Bis auf weiteres keine neuen Beiträge mehr von mir außerhalb meiner Besetzungsrubriken!