Der wohl schlimmste Opernbesuch meines Lebens: Idomeneo in Zürich, 7.2.2018

  • Was für eine verquirlte Ka**e! So enttäuscht wie gestern, war ich, glaube ich noch nie nach einer Opernaufführung, es war für mich das erste Mal, dass ich eine Opernaufführung in der Pause verlassen habe.


    Aber nun mal der Reihe nach: Mit zwei Arbeits-Kollegen wollte ich an der Züricher Oper einen netten Abend verbringen, schlimmer als manch andere Sauerei an diesem Haus in den letzten Jahren wird es schon nicht werden. Dachte ich zumindest. Aber erneut wurde man eines Besseren belehrt. Bereits die Premierenkritiken waren diesmal sogar in den zahlreichen RT-freundlichen Online Portalen recht bescheiden gewesen, man ging mit gemischten Gefühlen in diesen Idomeneo.
    Ein schmuddeliger Zwischenvorhang bedeckte zunächst die Szene, der sich nach der Ouvertüre hob. Prinzessin-Ilia im modernen Sekretärinnen-Look trauerte in einem schmuddeligen Holz-Einheitsraum an der Särgen ihrer Family. Hach, wie ergreifend. Klar, macht ja grossen Sinn, dass der König Idomeneo erst die trojanische Königsfamilie ermorden liess und dann die Särge wohl in einem Staatsakt nach Kreta überführen liess. Dann kam Idamante hinzu. Auch im schmuddeligen Business-Look. Hatte man gehofft Hanna-Elisabeth Müllers schrill intoniertes «Padre, germani, addio…» sei in dieser Form der Anfangsnervosität geschuldet wurde man beim Auftritt von Anna Stephany als Idamante eines Besseren belehrt. Da hatte sich wirklich ein Paar gefunden, dass nicht sang, sondern für den Rest des Abends jaulte. Kaum eine Hand rührte sich auch den Arien zum Applaus. Dann kam ein schmuddelig kostümierter Chor hinzu, die Kostümabteilung hatte offenbar den nächsten Kleider-Entsorgungscontainer geplündert, man sah aus, wie auf der Akutstation, der nächsten Wald-und-Wiesen-Psychiatrie. Nur Elettra trug einen eleganten Hosenanzug. Während ihrer ersten Arie musste man mit ansehen wie sich im Hintergrund ihre Ellis Klytämnestra und Agamemnon grausam massakrierten. Die gute Guanqun Song mühte sich dabei stimmlich halbwegs erfolgreich um etwas stimmliche Authentizität, wirkte aber in dem runtergekommenen Setting wie verloren. Und weiter ging`s. Idomeneo wurde an Land gespült, die Rezitative die seine Rettung aus Seenot und seinen inneren Konflikt verdeutlichten wurden auf völlig willkürliche und unmusikalische Weise gestrichen. Seine Begegnung mit Idamante war völlig unmotiviert und von der völlig bekloppten Regisseuse Jetske Mijnssen total kaputt inszeniert. Dann schleppte der Chor runde Tische auf die Bühne, und sang den stark gekürzten Chor des Intermezzos. Der Marsch des Intermezzos war……gestrichen. Dann sang Ayram Hernandez mit wunderbar strahlendem Tenor die Arbace Arie, die erste Arie an diesem Abend, die wirklich glücklich machte. Während er sang, zog sich der Idomeneo um. Natürlich durfte man ihn oben ohne und in Unterwäsche anschauen, kein noch so billiges RT-Klischee wurde in dieser Inszenierung ausgespart. Ilia zeigte daraufhin ihrem Schwiegerpapi in spe die Fotos ihrer ermordeten Familie. Immerhin konnte Frau Müller ihren lyrischen Sopran in dieser zweiten Arie ungehindert strömen lassen, es kam so etwas wie Atmosphäre auf sehr niedrigem Niveau auf. Dann sang Joseph Kaiser mit rauem, unflexiblem und in der Höhe engem Tenor «Fuor del Mar», einfach nur grausam. Um seinen Zorn zu verdeutlichen fegte er dabei die verbliebenen Fotos von einem der Tische. Toll. Man wusste nicht ob man lachen oder weinen sollte. Elettra erschien zu ihrer Abfahrt mit einem Koffer (aha: Wir sind beim RT) und packte daraus ein Brautkleid aus. Dann kamen aus dem Hintergrund andere Bräute diversen Alters und standen auf den Tischen herum, beglotzt vom Chor, die Bräute begannen zu bluten, alles sah aus, als wäre man in einer Lucia di Lammermoor-parodie gelandet. Der Abschied von Idomeneo, Idamante und Elettra fand im Sitzen um einen runden Tisch statt, die Grimassen, die die drei schneiden durften, wären zum Lachen gewesen, wäre es nicht so traurig. Dann nahm, zur Erscheinung des Seemonsters Idomeneo eine Knarre und fuchtelte damit psychotisch grinsend herum, während sich der hölzerne Bühnenraum über im hob. Zum ersten Mal an diesem Abend wurde die musikalische Wucht dieser Mozartoper aus dem Orchestergraben spürbar. Denn was der Dirigent Giovanni Antonini mit dem tiefgestimmten Orchester in pseudo-historischer Aufführungpraxis geboten hatte, war lauter, verwaschener Einheitsbrei in breiten Tempi. Endlich Pause. Meine Kollegen waren sichtlich ermattet. Für die Eine war es der erste Opernbesuch, höchstwahrscheinlich auch der Letzte. Um den Abend zu retten, beschlossenen wir auf den Rest der Oper zu verzichten und den Abend in der benachbarten Belcanto-Bar den Abend bei einem Bierchen ausklingen zu lassen, wir plauderten und lachten gut gelaunt, fast war die versaute Oper vergessen. Als wir gingen war auch die Oper beendet. Man beobachtete wie sich das sichtlich ermüdete Publikum zur Trambahn schleppte.
    Wie tief kann ein Opernhaus noch fallen, bevor endlich jemand die Notbremse zieht?

  • Lieber Figarooo,
    Ich habe mir diese "epochale Neudeutung" glücklicherweise erspart.
    Auffällig erscheint mir Folgendes: Ich habe drei Kritiken gelesen, aber in keiner wurde für einmal auf die Reaktion des Premièrenpublikums Bezug genommen... ;)

  • Lieber Figaroo, lieber M.Joho,


    leider habt ihr beide nicht verstanden, was die Regisseurin euch mitteilen wollte. Sie hatte Ideen und Vorstellungen davon, was sie mit dieser einzigen "Choroper" Mozarts anfangen wollte, welche Ereignisse seit der Uraufführung die Menschheit erschüttert haben und die jetzt dazu führen sollen, das alles aus einem neuen Blickwinkel zu sehen und schließlich zu verändern!! Nur ihr habt das nicht begriffen!!


    Die Rezension könnte sagen, daß man einen Idomeneo inszeniert hat nicht nach den Vorstellungen von Figarooo. Pech für Figarooo. Ein User dieses Forums, dessen Name mir entfallen ist (weil er auf meiner Ignorierliste steht!) wird euch Banausen noch viel deutlicher klarmachen, daß man als Konsument eines Angebotes in die Oper geht und nicht zum Wunschkonzert

    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Man darf doch nicht vergessen, die Mühe der Regisseure zu belohnen, die sich die Arbeit machen, alten, verstaubten Kram mit neuem Leben zu erfüllen. Wer liest noch im Klavierauszug von Idomeneo? In Zürich bekommst du's in heutiger, qualitätsvoller Weise präsentiert.


    Ach, wär ich doch ein Züricher ......

  • Ja, lieber Erich, ich kann Dich wirkliche nur bedauern, dass Du in Wien noch so alte, besch..ene Inszenierungen erleben musst, in welchen man das jeweilige Werk erkennt!
    Zeffirelli, Walmann, Otto Schenk etc. ! Pfui Teufel!!!!!

  • Lieber Figarooo,


    was bist du als noch so junger Mann denn für ein ausgefallenes Wesen und deine jungen Freunde ebenso? Du hast noch nicht kapiert, dass man junge Leute doch nur mit gequirlter Sch.... in die Oper locken kann. Bei uns Älteren schafft man das doch nicht mehr.
    Wann wirst du denn endlich einsehen, dass die Herren Befürworter solcher Verunstaltungen Recht haben und du schon weit überaltert bist??
    Schade, dass die jungen Leute, die noch gewillt sind, sich vielleicht mit Oper zu beschäftigen, schon beim ersten Versuch so abgeschreckt werden, dass sie fürs Leben genug davon haben. Wenigstens hattet ihr nach der schon während der Vorstellung heftig ersehnten Pause noch etwas Gemütlichkeit in der Belcanto-Bar. Dass ihr aber euren Ärger und die bittere Enttäuschung, Geld und auch einen Teil eurer Zeit für so etwas verschwendet zu haben, nicht im Alkohol ersäufen konntet, zeigt dein höchst eindringlicher Bericht.
    Wahrscheinlich werden aber jetzt zwei oder drei Mitglieder nach diesem "Idomeneo" geradezu lechzen.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Zitat

    Bei uns Älteren schafft man das doch nicht mehr.


    Da bist du aber auf dem Holzweg ! :)


    LG Fiesco


    Vom Smartphone gesendet!

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Ich verstehe Euch überhaupt nicht!


    Da tut man mal was für die Umwelt, indem man noch funktionable Kleidungsstücke einer Zweitverwendung zuführt, versucht, die hohen Kosten der Oper durch eine etwas bescheidenere Bühnenausstattung zu senken und die durch rauhe Bässe und quietschige Sopräne akustisch herausgeforderten Zuhörer durch beruhigenden Einheitsbrei des Orchesters zu entspannen, und dann ist es auch wieder nicht recht.

  • Wie tief kann ein Opernhaus noch fallen, bevor endlich jemand die Notbremse zieht?

    Und das in Zürich, wo doch unter Pereira hohes Niveau erreicht war. Wie lang kann sich Homoki im konservativen Zürich wohl noch halten? Sind solche Inszenierungen, wie die geschilderte, der Anfang vom Ende, was in diesem Fall eher ein glücklicher neuer Anfang wäre?


    Herzlichst
    Operus


    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • dass man junge Leute doch nur mit gequirlter Sch.... in die Oper locken kann.

    Der Gehalt dieses Postings ist kaum noch zu toppen und trägt zweifellos ungemein zum Image von Tamino als bedeutendes deutschsprachiges Klassikforum bei. :thumbup:

    Schade, dass die jungen Leute, die noch gewillt sind, sich vielleicht mit Oper zu beschäftigen, schon beim ersten Versuch so abgeschreckt werden, dass sie fürs Leben genug davon haben.

    Da du ja regelmäßig Opernhäuser besuchst, folglich ausgesprochen sachkundig und differenziert Verunstaltungstheater entlarvst und somit - jedenfalls dem Anschein deines Postings nach - sogar auch dabei regelmäßigen Kontakt zu den jungen Opernbesuchern dort pflegst, wirst du sicher in der Lage sein, folgende aus deinem Posting sich aufdrängende Frage zu klären: Worin besteht denn dieser erste Versuch dieser jungen Leute ?

  • Wow. Jetzt haste es mir aber gegeben :thumbup: Dein Posting erreicht fast das Niveau von Nr. 7 in diesem Thread.

    Hallo, Ihr beiden: wie wäre es, wenn ihr diese Äusserungen den tollen Karnevalstagen zurechnet und ihr einfach darüber lacht und Euch im Geist zuprostet und dabei Gerhard den unermüdlichen Kämpfer gegen das "Verunstaltungstheater" gleich mit einbezieht? Ich mache mit!
    Herzlichst
    Operus
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Zitat

    Operus: Hallo, Ihr beiden: wie wäre es, wenn ihr diese Äusserungen den tollen Karnevalstagen zurechnet und ihr einfach darüber lacht und Euch im Geist zuprostet und dabei Gerhard den unermüdlichen Kämpfer gegen das "Verunstaltungstheater" gleich mit einbezieht? Ich mache mit!


    Mein lieber Hans!
    Deine Bemühungen in Ehren. Aber das bringt wohl bei Amfortas 08/09/10 nichts!

  • wie wäre es, wenn ihr diese Äusserungen den tollen Karnevalstagen zurechnet und ihr einfach darüber lacht und Euch im Geist zuprostet und dabei Gerhard den unermüdlichen Kämpfer gegen das "Verunstaltungstheater" gleich mit einbezieht? Ich mache mit!

    Es gibt erfreuliche Anzeichen, dass M. J. bereits den passenden Pfad beschreitet. Denn sein: es ist nicht leicht, wenn man sich eine 'Mucke' 'reinziehen' will drückt doch so was wie Empathie mit leidenden Usern aus. Das vermöchte sogar in Mitleidsethik umschlagen, wie sie etwa in Wagners Parsifal zur ästhetische Gestalt wird.


    Allerdings wäre es auch für eingefleischte Anti-RTler hilfreich, dass Gerhard Wischniewskiersten Versuch dieser jungen Leute“ näher erläutern würde. Denn als unermüdlicher Kämpe fürs Wahre und Schöne kann er doch kein Interesse daran haben, dass selbst seine treuesten Leser ihn möglicherweise missverstehen..