Sir Simon Rattle designierter Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters

  • Der üblicherweise gut informierte Manfred Brug von der "Welt" teilt in einem aktuellen Artikel mit, dass Sir Simon Rattle unverhofft offenbar kurz vor einer Rückkehr nach Deutschland stehe. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sucht seit dem Ableben von Mariss Jansons vor gut einem Jahr einen neuen Chefdirigenten. Rattle hat bereits häufig in München dirigiert und dort auch einige seiner besten kommerziellen Einspielungen vorgelegt (der sich im Entstehen befindliche "Ring"). Dies hieße folgerichtig, dass Rattles Amtszeit als musikalischer Leiter des London Symphony Orchestra mitten im Brexit- und Corona-Chaos sang- und klanglos enden würde. In London hatte man sich viel vom wohl berühmtesten lebenden britischen Dirigenten erhofft, doch nicht einmal Sir Simon gelang es, einen neuen, endlich den akustischen Erfordernissen gerecht werdenden Londoner Konzertsaal durchzusetzen. Auch deswegen, so Brug, wäre ein Wechsel Rattles zum Bayerischen RSO nach München, wo ein solcher Konzertsaalneubau ansteht, nur folgerichtig. Die offizielle Verlautbarung durch den scheidenden BR-Intendanten steht noch aus, allerdings spricht tatsächlich einiges für diese Meldung.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Für mich zumindest waren "Rheingold" und "Walküre" das Beste, was ich seit Jahren von Rattle hörte. Aus den Berliner Jahren fiele mir leider gar nicht viel ein. Mit dem LSO kam bisher nicht arg viel heraus. Das Video mit Waltons Erster wirkte durchaus CD-würdig.


    Könnte er. Laut Brug hört er beim LSO aber auf.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Wenn ich richtig informiert bin, wurde Rattle bei seinem Wechsel an die Spitze des LSO seinerzeit mehr oder weniger zugesichert, dass er diesen neuen Konzertsaal bekommen würde. Das Geld sitzt indes nicht mehr so locker, seitdem der Brexit immer chaotischer abläuft und jetzt auch noch die Pandemie hinzukommt. Da ist vielleicht auch persönliche Frust darob im Spiel, wenn er jetzt wirklich hinschmeißt.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Mit der Überschrift bin ich nicht ganz glücklich, denn sie suggeriert, dass Rattle aus Deutschland weg war. Sein Wohnsitz blieb meines Wissens in den letzten Jahren Berlin und gastiert/dirigiert hat er in den letzten Jahren in Deutschland auch, mindestens in Berlin und München. Und der Umfang dieser Chefdirigentenverträge ist ja nicht mehr so, dass man sie nicht in zehn bis zwölf Wochen abreißen könnte...

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Joseph II.

    Hat den Titel des Themas von „Sir Simon Rattle offenbar vor Rückkehr nach Deutschland“ zu „Sir Simon Rattle offenbar nächster Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters“ geändert.
  • Mit der Überschrift bin ich nicht ganz glücklich, denn sie suggeriert, dass Rattle aus Deutschland weg war. Sein Wohnsitz blieb meines Wissens in den letzten Jahren Berlin und gastiert/dirigiert hat er in den letzten Jahren in Deutschland auch, mindestens in Berlin und München. Und der Umfang dieser Chefdirigentenverträge ist ja nicht mehr so, dass man sie nicht in zehn bis zwölf Wochen abreißen könnte...

    Guter Punkt. Habe es abgeändert.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Habe es abgeändert.

    Danke! Diese Überschrift gefällt mir viel besser! :thumbup:


    Die Münchner wollen natürlich ein Zugpferd von der Güte Jansons. Davon gibt es nicht mehr viele. Insofern ist Rattle deren logische Wahl.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Was ist denn von Rattle noch zu erwarten?


    Ich bin da eher skeptisch. Für mich ist er eher ein großer Kommunikator; als Dirigent halte ich ihn eher für überschätzt.


    Ich hatte damals (um 2000) die Wahl eines neuen Chefdirigenten in Berlin sehr aufmerksam verfolgt. Das erste mal hatte ich ihn in dieser Zeit mit Mahler 10 gehört. Später hatte ich dann den Fidelio gehört . Es herrschte damals eine Rattle-Euphorie in Berlin. Mahler 10 war schon hochinteressant. Das lag aber weniger an der Interpretation; man kannte diese Musik kaum. Fidelio war dann die erste Enttäuschung. Er hat mit den Sängern nicht geatmet; die Sänger und das Orchester liefen so nebenher. Meiner Meinung hatte sich das in Berlin zumindest nicht geändert.


    Die ersten größeren Zweifel traten nach einer Johannes-Passion (noch ohne Sellars) auf. Das war "technisch" sicherlich gut. Aber die Musik ist an einem einfach vorbei geflogen. Man hat mehr die Leistungen der Musiker als die Musik von Bach bewundert. Ein Abend mit Bruckner 4 hat diesen Eindruck nur bestätigt. Ich konnte damals die Diskussionen über den "fehlenden Klang" gut nachvollziehen.


    Danach habe ich Rattle und die Berliner Philharmoniker nur noch über die DCH intensiv verfolgt. Mein Eindruck hat sich in dieser Zeit nicht verändert; er wurde eher bestärkt. Selbst Werke wie die Gurre-Lieder, Mahler 8, Bruckner 8 und Bruckner 9 hatten mich nicht überzeugt bzw. mich nicht emotional berührt. Und das sind Werke, die ich sehr liebe.


    Natürlich ist das alles sehr subjektiv. Man kann auch behaupten, dass es vielleicht einfach so, dass sein "Stil" mir einfach nicht liegt.


    Aber ich behaupte, dass Rattle in München nur eine Übergangslösung sein kann. Das schreibt auch schon Bug. Nach Jansons hat es ein neuer Chefdirigent sicherlich nicht einfach. Aber ich hätte mir für München eine mutigere Lösung gewünscht.

  • Inzwischen ist es amtlich: "Ich bin begeistert, die Position des Chefdirigenten von Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks anzunehmen. Es ist eine Ehre, die Nachfolge von Mariss Jansons anzutreten, und ich freue mich darauf, diese wunderbaren Musikerinnen und Musiker für viele Jahre zu leiten." Mit Beginn der Spielzeit 2023/24 wird Sir Simon Rattle das Amt des Chefdirigenten übernehmen.


    Am 3. Januar 2021 hat er einen Fünfjahres-Vertrag mit dem Bayerischen Rundfunk unterzeichnet.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Nun muss der Titel dieses Threads schon wieder geändert werden.

    Die Halbwertzeit solcher Titel, die auf die Aktualität schielen ist halt gering.


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Reinhard

    Hat den Titel des Themas von „Sir Simon Rattle offenbar nächster Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters“ zu „Sir Simon Rattle designierter Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters“ geändert.
  • Nun muss der Titel dieses Threads schon wieder geändert werden.

    Besser so?

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Zitat von Casimir

    Natürlich ist das alles sehr subjektiv. Man kann auch behaupten, dass es vielleicht einfach so, dass sein "Stil" mir einfach nicht liegt.

    Das wird es sein. Vor Jahren hatten wir schon einen Tamino im Forum, der mit dem "Stil" von Paavo Järvi einfach nicht zurecht kam.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Bei aller berechtigten kritischen Betrachtung dieser Personalie, ist doch nicht zu leugnen, dass Rattle einer der großen Dirigenten unserer Zeit ist. Ich bin auch nicht sein größter Fan, aber 16 Jahre Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, derzeit Chefdirigent des London Symphony Orchestra und beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks designiert - das soll ihm erst einmal einer nachmachen. Ich finde daher auch die häufig im Feuilleton zu lesende, abwertende Bezeichnung als "Lockenkopf" oder "Wuschelkopf" völlig unangebracht. Diese Reduzierung auf eine Äußerlichkeit ist unschicklich. Der Mann ist bereits seit 1994 zum Ritter Ihrer Majestät geadelt und seit 2014 sogar Mitglied des Order of Merit (OM), eine der höchsten Auszeichnungen überhaupt, die auch bei weitem nicht jeder Dirigent bekam, der es zum Sir brachte. Es ist auch beruhigend zu sehen, dass spätestens mit Rattle der Beweis erbracht wurde, dass ein Dirigentenleben nach Beendigung der musikalischen Führung der Berliner Philharmoniker nicht zu Ende sein muss. Schon Claudio Abbado übernahm nach seiner Berliner Zeit das Lucerne Festival Orchestra. Rattle ging noch einen Schritt weiter. Diese besonders in der deutschen Presse gern bediente Überhöhung der Berliner Philharmoniker ist heutzutage schlichtweg absurd und übernimmt unhinterfragt den von diesem Orchester gepflegten Mythos. Wieso sollte es Rattles Lebensplanung nicht erlauben, dass er mit dann 68 Jahren nochmal einen Chefdirigentenposten übernimmt? Christoph Eschenbach übernahm mit beinahe 80 noch das Konzerthausorchester Berlin.


    Rattles Debüt beim BR-Symphonieorchester erfolgte 2010 erstaunlicherweise mit Schumanns "Das Paradies und die Peri". Die Zusammenarbeit hat sich offenkundig bewährt. Insofern begrüße ich es letztlich, dass man nun den logischen Schritt gesetzt hat. Und schaut man sich sonstwo um, so haben ja auch andernorts die Spitzenorchester Probleme, heutzutage überhaupt noch Chefdirigenten-Nachfolger zu finden. Erinnern wir uns etwa zurück an das Jahr 2018, als das Chicago Symphony Orchestra niemanden Adäquaten aufbieten konnte, so dass Riccardo Muti seinen eigentlich 2020 auslaufenden Vertrag nochmal um zwei Jahre verlängerte. Nun sind drei Jahre ins Land gegangen und noch immer ist die Muti-Nachfolge ungeklärt. Und auch das Concertgebouw-Orchester hat scheinbar noch niemanden gefunden.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Lesenwerter Beitrag - auch nach Jahren.


    Seine letzten Sätze"


    "Währenddessen befindet sich auch vor den Türen der Philharmonie alles im Umbau: Die Herbert-von-Karajan-Straße wird aufgebaggert und von Grund auf erneuert."


    Wenigsten dieses Projekt wurde bisher vollendet. ;)

    Es grüßt Rheingold1876

  • ...wobei es natürlich schon etwas seltsam anmutet, dass das Orchester, das nach der Ära Rattle angeblich so große Sehnsucht nach musikalischer Freiheit hatte, als dessen Nachfolger ausgerechnet Petrenko gewählt hat, der in der Branche als einer der detailverliebtesten Tüftler gilt, um es einmal positiv zu formulieren.

  • DAs Problem ist der Zeitgeist. Man will heute "angepasste" und "freundliche" Dirigenten mit denen das Orchester "auf Augenhöhe" diskutieren kann - übrigens eine Tendenz die sich auch in der Wirtschaft etc breitmacht.

    Die Stafe dafür ist "Mittelmaß". In der Tat gibt es heute nur selten schlechte Interpretationen (oder Produkte) ABER auch kaum je etwas Hervorragendes.

    Und wenn - dann wird es meistens nicht bemerkt. Denn all die GROSSEN Dirigenden der Vergangenheit galen als SCHWIERIG, einige davon waren regelrechte Ekel, Sadisten, Tyrannen etc.

    Die Berliner Philharmoniker beispielsweise haben schon unter Karajan revoltiert - und danach sind sie (aus meinder Sicht) in die Bedeutungslosigkeut versunken - auf höchstem Niveau - versteht sich. Aber das EINZIGARTIGE ist weg, das war unter Furtwängler und Karajan. Karajan konntes sich NACH Furtwängler vor allem durch die neue Stere-Aufnahmetechnik in den Vordergrund spielen. - Und er hat das weidlich genutzt. SeineNachfolger waren - wieder auf hohem Niveau - eher farblos. Aber das Orchester fühlt sich wohl dabei. Mit dem als "unbequem" verschrieenen Christian Thielemann hätten diese "Freigeister" wieder in die erste Reihe aufrücken können - aber sie wollten es nicht.

    'Damit hier kein Missverständnis aufkommt; Sie sind nach wie vor ganz vorne mit dabei - aber es ist nicht so, daß ich mir IHRETWEGEN einen neuen Zyklys der Beethoven Sinfonien kaufen würde. Allenfalls einen mit Klavierkonzerten, wenn der Pianist exorbitant interessant erscheint.

    RATTLE - um ihn geht es hier - war hervorragend, als er das City of Birmingham Symphony Orchestra leitete und gewissermaßen neu formte.

    Danach erwartetn alle ein Wunder von ihm - vor allem die Tonträgerfira bei der er unter Vertrag war.

    Aber es gab keine goldene oder Silberne Ära unter ihm - was nicht an ihm lag, sondern an der Zeit - Es gibt immer nur EINE golgene Ära - und die ist vorbei.


    Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks war immer schon ein erstklassiges Orchester ohne den Druck "das Beste" sein zu müssen. Ihre bis heute andauernde Reputation verdanken sie Eugen Jochum, der dafür sorgte, daß das Rundfunkorchester über den Rundfunk hinaus Konzerte gab und bekannt wurde. Seine Nachfolger haben diese Linie konsequent weiterverfolgt. Zahlreiche Gastdirigenten von internationalem Format festigten den Ruf ebenso. Die Deutsche Grammophon im Hintergrund wird vermutlich Die Kombination Rettle und sein neues Stammorchester effektvoll vermarkten.....


    mfg aus Wien

    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Gut, dass das nochmal betont wird: Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist ja wirklich ein Rundfunkorchester. Irgendwie nehme ich dieses aber am wenigsten von allen deutschen Rundfunkorchestern als solches wahr. Es hatte bereits unter Jochum den besseren Ruf als die Münchner Philharmoniker, die in derselben Stadt sitzen und lange als zweitrangig galten. Daran konnte auch die Ära Celibidache nicht arg viel ändern, da man die Aufnahmen nach meiner Wahrnehmung primär wegen ihm, nicht wegen des Orchesters hört.

    Weil hier die Rede von fast nur mehr angepasst-freundlichen Dirigenten ist: Was ist mit Thielemann bei der Staatskapelle Dresden? Was mit Muti beim Chicago Symphony Orchestra? Die stehen doch durchaus im Rufe, "schwierig" zu sein und sind trotzdem weltweit begehrt. Der eine amtiert seit neun, der andere seit elf Jahren bei diesen Weltklasseorchestern. Hört man die Aufnahmen, so fallen sie gegenüber ihren Vorgängern insgesamt wohl schwerlich ab. Sollte man nicht auch langsam von einer Ära Thielemann in Dresden und einer Ära Muti in Chicago sprechen?

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks war immer schon ein erstklassiges Orchester ohne den Druck "das Beste" sein zu müssen. Ihre bis heute andauernde Reputation verdanken sie Eugen Jochum, der dafür sorgte, daß das Rundfunkorchester über den Rundfunk hinaus Konzerte gab und bekannt wurde. Seine Nachfolger haben diese Linie konsequent weiterverfolgt.

    Da sollte aber neben Eugen Jochum, der das Orchester 1949 gründete und bis 1960 leitete, unbedingt auch Rafael Kubelik genannt werden, der von 1961-1979 der Chefdirigent war und die bis heute eindrucksvollste Diskographie des Orchesters erarbeitete.

  • Auch hier gehört zur Wahrheit, dass "schwierig" heute etwas anderes bedeutet als früher. So wie ein Reiner oder Szell ihre Orchester behandelt haben, kann weltweit kein Orchesterleiter mehr mit Musikern sprechen. Warum es Thielemann nicht gelungen ist, von den Berliner Philharmonikern gewählt zu werden, obwohl er ohne Frage der bedeutendste deutsche Dirigent der Gegenwart ist, ist ein komplexes Thema. Das nur mit seiner Persönlichkeit zu begründen, würde meines Erachtens zu kurz greifen, obwohl der Pegida-Artikel, den er just in der Phase der Findung in der "Zeit" veröffentlicht hat, vielleicht den einen oder anderen Musiker dazu gebracht haben könnte, ihn nicht zu wählen. Die Hauptgründe dürften dennoch im künstlerischen Bereich liegen: Gerade nach Rattle, der in puncto Repertoireerweiterung und Vermittlungsprogrammen doch einen großen Schritt in Richtung Gegenwart gegangen ist, war die Mehrheit der Musiker offensichtlich nicht dazu bereit, wieder einen Schritt zurück zu gehen. Im Übrigen gilt Petrenko zwar als vergleichsweise freundlich, als "einfach" aber auch nicht.

  • Die Deutsche Grammophon im Hintergrund wird vermutlich Die Kombination Rettle und sein neues Stammorchester effektvoll vermarkten.....


    Wieso die DG? Es gibt doch das Label BR Klassik … ;)

    Einer der erhabensten Zwecke der Tonkunst ist die Ausbreitung der Religion und die Beförderung und Erbauung unsterblicher Seelen. (Carl Philipp Emanuel Bach)

  • ... nur mal so ein Zwischenruf!

    ... dass Rattle einer der großen Dirigenten unserer Zeit ist ...

    Ich Kategorie der Größe stammt aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert. es ist ein begriff, der direkt mit dem Wandel des Feudalsystems zum Absolutismus verbunden ist Aus unterschiedlichen Interessen wurden bestimmte Personen (eigentlich nur Männer) als große Kaiser, Könige, Feldherren usw. hervorgehoben. Dass der Begriff in die Welt der Kunst und der Künstler kam, hat vielfältige Gründe. Der wirkmächtigste könnte meines Erachtens das Bedürfnis des kulturell aufblühenden Bürgertums gewesen sein, sich den feudalen Verhältnissen anzupassen und für den eigenen Gegenstand und die in ihm wirkenden Menschen auch Hierarchisierungen zu schaffen. Da dafür bot sich das Etikett der Größe an, das in keiner Hofrangliste stand und dennoch konkurrenzfähig war.


    Eine Maßeinheit für Größe ist mir jedoch nicht bekannt. Größenklassen, Skalierungsmethoden und Messeinheiten gibt es ebenso wenig wie Klarheit darüber, wer eigentlich misst und entscheidet.

    Spätestens seit der Irrsinn des Größenwahns im 20sten Jahrhundert Verheerendes angerichtet hat, wäre wir gut beraten, den un-sinnigen Begriff in unseren aktuellen Diskussionen und Wertungsversuchen zu meiden.


    Das zwingt uns freilich dann, genau zu sagen, was wir an - zum Beispiel - einem Dirigenten schätzen und was eher nicht, und warum wir - um beim Beispiel zu bleiben - diesen Dirigenten dem anderen oder gar allen anderen vorziehen würden.


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Größenklassen, Skalierungsmethoden und Messeinheiten gibt es ebenso wenig wie Klarheit darüber, wer eigentlich misst und entscheidet.

    Vielen Dank für diesen Zwischenruf Caruso41. Beckmessers Täfelchen liegt in der Mottenkiste, Gott sei Dank.


    Im konkreten Fall hat sich ein erstklassiges Orchester für einen herausragenden Dirigenten entschieden, und umgekehrt. Mich würde wundern, wenn Beide ihre primäre Aufgabe darin sähen, das ohnehin inflationäre Angebot an Tonträgern zu erweitern.


    Ich wünsche Sir Simon Rattle und dem Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks viele Jahre fruchtbarer Zusammenarbeit.

  • Beckmessers Täfelchen liegt in der Mottenkiste, Gott sei Dank.

    Ist es wirklich Beckmessers Täfelchen? Oder muss er - ich gehe davon aus, dass es hier um Wagners Meistertsinger" geht, am Ende nicht dafür herhalten, dass er durchsetzen möchte, was die Tabulatur, die sich die Meister gegeben haben, vorschreibt? Ein bisschen Täfelchen finde ich so schlecht mich. Die Schönheiten und Eigenheiten einer Sprache sind nicht dadurch zu retten, dass man sie weichspült und von historisch überkommenen Eigenheiten befreit.

    Eine Maßeinheit für Größe ist mir jedoch nicht bekannt. Größenklassen, Skalierungsmethoden und Messeinheiten gibt es ebenso wenig wie Klarheit darüber, wer eigentlich misst und entscheidet.

    Spätestens seit der Irrsinn des Größenwahns im 20sten Jahrhundert Verheerendes angerichtet hat, wäre wir gut beraten, den un-sinnigen Begriff in unseren aktuellen Diskussionen und Wertungsversuchen zu meiden.


    Das zwingt uns freilich dann, genau zu sagen, was wir an - zum Beispiel - einem Dirigenten schätzen und was eher nicht, und warum wir - um beim Beispiel zu bleiben - diesen Dirigenten dem anderen oder gar allen anderen vorziehen würden.

    Das halte ich in diesem Zusammenhang nun wirklich für leicht übertrieben und zu hoch gegriffen. Wir sind in einem Forum und nicht in einem Oberseminar. ;) Der Begriff "großer Dirigent" hat zumindest den Charme, dass man auf Anhieb versteht, was gemeint ist.


    Doch zurück zum Thema: Ich fand und finde Rattle immer dann überzeugend, wenn er sich Werken zuwendet, die ihm liegen und zu denen er eine sehr enge Bindung hat. Seine konzertante "Jenufa" in der Berliner Philharmonie - um nur dieses Beispiel zu nennen - war sehr, sehr bewegend.

    Es grüßt Rheingold1876

  • Seine konzertante "Jenufa" in der Berliner Philharmonie - um nur dieses Beispiel zu nennen - war sehr, sehr bewegend.

    Ich erinnere mich nur an einen konzertanten 2. Akt mit Prokina und Silja in Kombination mit Beethovens "Pastorale", kann und will aber nicht ausschließen, dass der die "Jenufa" danach auch noch komplett konzertant dargeboten hat.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • will aber nicht ausschließen, dass der die "Jenufa" danach auch noch komplett konzertant dargeboten hat.

    Hier ist das Konzert vom 10. 09. 2005 gelistet. Ich hätte nicht gedacht, dass es schon so lange her ist. So präsent ist es mir, was auch für Rattle spricht.

    Es grüßt Rheingold1876

  • Lieber Rheingold!


    Bei allem Respekt: ich verstehe ihn nicht!

    Der Begriff "großer Dirigent" ist in höchsten Maße ideologieverdächtig. Da schwingt ja mehr mit, als mit verifizierbaren oder falsifizierbaren Aussagen vorgebracht werden könnte. Mit der Behauptung, jemand sei ein "Großer", kann man sich argumentativ nicht auseinandersetzen, weil sie keine Ansatzpunkte für Argumente enthält. Er stellt auf den Sockel und entzieht jeder Diskussion über den Ausgezeichneten den Grund. Um ihn ist dann eine Aureole, ein Strahlenkranz von Heiligkeit.


    Und: der Hinweis, dass wir in einem Forum und nicht in einem Oberseminar sind, ist herzlich old-school. Erstens gibt es keine Oberseminare mehr. Und zweitens käme an einer Universität schon lange niemand mehr auf die Idee, Personen "Größe" zuzusprechen oder abzusprechen. Das haben vielleicht Kunsthistoriker noch in den 60er Jahren getan. Sonst freilich niemand.


    Trotz alledem: Herzliche Grüße


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Ich erinnere mich an den verzweifelten Versuch eines Universitäts-Professors vor etwa anderthalb Jahrzehnten, Karl den Großen künftig politisch korrekt als Karl I. bezeichnen zu lassen. Abgesehen davon, dass dadurch ständige Verwechslungsgefahr bestanden hätte, ging die Zeit darüber geflissentlich hinweg.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Lieber Joseph II!


    In meinem Argument ging es um die Verwendung des Begriffs der "Größe" in der Kunst!

    Das sollte beim genauen Lesen des Beitrages #23 eigentlich deutlich geworden sein.


    Dass die historischen Zuschreibungen nicht zurückgeholt werden können, ist eigentlich unstrittig. Dass es in Wien offenbar ein Hochschullehrer versucht hat ist ehrenwert aber auch irgendwie naiv.
    (Allerdings: der "alte Fritz" wird inzwischen auch in historischen Abhandlungen kaum mehr als "Friedrich der Große" geführt. Nur seine Kompositionen werden weiter als Werke von "Friedrich der Große" verkauft. Sei's drum.)

    Warum wird Furtwängler Größe attestiert und Bruno Walter oder Fritz Busch nicht?
    Oder um aufs Thema zurückzukommen: muss Simon Rattle "Größe" zugeschrieben werden. Wem nutzt das? Ich kann einfach nicht umhin, in dem Zusammenhang gleich an den "GröFaZ" oder den "Greatest President of all time" zu denken.


    Beste Grüße

    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!