Die Berliner Philharmoniker und ihre Chefdirigenten

  • Wie ich in der FAZ vom heutigen Tage las, hat der Pianist Alfred Brendel in einem Leserbrief im englischen "Guardian" seiner Verwunderung über die Kritik an Simon Rattle Ausdruck gegeben.


    Er sei der Auffassung, dass sich die Berliner Philharmoniker in einem hervorragenden Zustand befänden und erinnerte an die früheren Kritiken bezüglich Karajan und Abbado.



    Mignon :hello:

    Maybe the nation has found peace from its sins... I. A. a. W.E.B. Du Bois

  • Und dass er auch meint, was er aus eigenem Antrieb in einem Leserbrief schreibt, ist natürlich von vornherein auszuschließen... ;)

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Nein. Aber wenn zwei Musiker miteinander gut gearbeitet haben und sich gegenseitig schätzen, ist es klar, daß sie einander helfen. Die Sabine Meyer hat ja auch nicht gesagt: "OOOOOch, der Alte soll endlich in Pension gehen, sein Gedächtnis ist mittlerweile viel zu schlecht, um auswendig zu dirigieren. Zeit, dass endlich Abbado kommt und aus den Berlinern wieder ein richtiges Orchester macht."


    Boshafter wäre es zu sagen: Ja, der Brendel und der Rattle, da haben sich die beiden richtigen gefunden. :stumm:

    ...

  • Zitat

    Nein. Aber wenn zwei Musiker miteinander gut gearbeitet haben und sich gegenseitig schätzen, ist es klar, daß sie einander helfen.


    Und muss es deswegen gleich inhaltlich falsch sein? Ist es wirklich so, dass die Berliner nicht mehr auf Topniveau spielen? Anstatt die Leute unterschwellig anzuschwärzen wäre eine klar formulierte Kritik wesentlich hilfreicher.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von Theophilus
    Ist es wirklich so, dass die Berliner nicht mehr auf Topniveau spielen?


    Laut David Hurwitz tun Sie das seit ca. 30 Jahren nicht mehr...und wenn man in Wien fragen würde...:D



    Nachdem ich Sie gestern mal wieder hören durfte, möchte ich mich dem aber keinesfalls anschließen. Vor allem im 2. Satz von Brahms 4. Sinfonie konnte man in der immensen Qualität der Streicher und Holzbläser schwelgen. Das Stück als Ganzes enttäuschte allerdings. Der wundervolle erste Satz ist Rattle wohl am Meisten ein wenig aus der Hand geglitten. Sehr zurückhaltend begonnen, aber auch nie auf einem Höhepunkt angekommen. Jener fand sich im zweiten Satz wie schon erwähnt. Die Passacaglia allerdings eine Enttäuschung. Ich halte Sie beileibe nicht für einen Selbstläufer mit den ganzen Zäsuren, dem immer wieder Innehalten zwischen den grandiosen Steigerungen. Rattle verfehlte allerdings klar die notwendige stringente Linie und so wurde aus einem grandios komponierten Finale eher ein netter Satz mit vielen halbherzigen Höhepunkten.
    In der Tat war das gescheitert auf hohem Niveau, kann ich nicht anders feststellen.


    Dann gabs noch Orpheus von Strawinsky... kannte ich noch nicht, hätte aber wohl auch damit leben können, es nicht zu kennen.


    Höhepunkt des Abends war dann das Flötenkonzert von Nielsen. Weniger die Komposition an sich, als der Solist Emmanuel Pahud..als Soloflötist sicher auch ein Aushängeschild des Orchesters.


    Zu Brendel: Nun ja, Künstler untereinander, da ist der Zuspruch wie auch die Abneigung meist trotz aller Kompetenz wenig hilfreich.


    Inhaltlich ist allerdings einiges Bemerkenswert. So ist es durchaus richtig, dass es einige Zeit schick war, auf Karajan herabzublicken. Beziehungsweise ist es das ja jetzt noch...man macht sich ja geradezu angreifbar, wenn man einerseits behauptet, etwas Ahnung von Musik zu haben und andererseits ein gutes Haar am alten Herbie lässt. Letztendlich ist es auch vor allem die Art des F.A.S-Artikels, die mich störte. Das war ein typischer Verriss eines selbsternannten investigativen Journalisten: Man entscheidet sich vor dem Verfassen für Schwarz oder weiß und färbt dann jedes Wort, ja jeden verdammten Satz in diesen Tönen ein. Ich kann mich gut an die Zeiten Rattles Ernennung und auch an die ersten Konzerte erinnern. Das war - wie üblich - das genaue Gegenteil, auch in der FAZ. da wurde überschwänglich gejubelt, für kritische - oder sagen wir einfach differenzierte Betrachtungen ist da kein Platz gewesen. Spezialist auf dem Gebiet ist ja vor allem der Spiegel, ich erinnere mich an einige grandiose Verrisse von Abbado. Ansonsten teilt ja gerade ASM auch so ein Schicksal. Früher die beste Geigerin der Milchstraße, mittlerweile noch nicht mal fähig zum Notenlesen.


    Aber noch eine Bemerkung ist interessant - nämlich das Brendel erwähnt, das Abbado seinerzeit mit einer Kampagne kritisiert wurde, er habe das Orchester nicht rechtzeitig verjüngt. Später dann wurde kritisiert, er habe es zu sehr verjüngt***...manchmal ist es fast witzig.


    Problematisch ist allerdings der jetzt erreichte Zustand allemal, sicher nicht die beste Ausgangslage für hochrangige musikalische Leistungen. Insofern würde ich mir sehr wünschen, es würde Ruhe einkehren.


    Gruß
    Sascha


    ***inwiefern die Chefdirigenten nach Karajan bei den Berlinern Einfluss auf die Besetzung nehmen konnten, wäre nochmal eine ganz andere Debatte...

  • Zitat


    Zitat Theophilus
    Und muss es deswegen gleich inhaltlich falsch sein?


    Nicht zwangsläufig. Aber wenn Raimund Hedl über Axel Lawaree sagt, er sei ein toller Stürmer, ist das für mich nicht unbedingt überraschend.


    Was soll denn der Brendel sagen? - Etwa: "Rattle hat bei den Beethoven-Konzerten verzerrte Tempi genommen, unsinnige Zäsuren gemacht, die Bläser höchst seltsam ausbalanciert und die Streicher so dünn klingen lassen, daß das Ergebnis so jämmerlich ist, daß ich mich von der Aufnahme distanziere." Ein solches Statement à la Bernstein über Gould wirst Du doch nicht im Ernst erwarten.

    ...

  • Zitat

    Original von Antracis
    Höhepunkt des Abends war dann das Flötenkonzert von Nielsen. Weniger die Komposition an sich, als der Solist Emmanuel Pahud..als Soloflötist sicher auch ein Aushängeschild des Orchesters.


    Oh doch, Nielsens Flötenkonzert gehört IMO zu den herausragenden Beispielen dieser Werkgattung, und zu denen im 20. Jhd. sowieso.



    Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Boshafter wäre es zu sagen: Ja, der Brendel und der Rattle, da haben sich die beiden richtigen gefunden.


    Oh nein, lass das bleiben. Ich kann mich sonst wieder nicht beherrschen und würde Brendel wieder glatt als den .......sten Interpreten unserer heutigen Zeit bezeichnen. Was ich natürlich nicht mache.


    Ganz boshaft gesagt: Auch in der heiligen Klassik setzt sich meist Mittelmaß durch :stumm:
    (Ist natürlich nicht ganz ernst gemeint, da es genügend Beispiele gibt, die das widerlegen).


    :hello:
    Wulf

  • Hi Wulf,


    ich fand das Flötenkonzert in vielerlei Hinsicht durchaus originell komponiert (auch insgesamt ganz anders geartet, als vermutet), aber dennoch habe ich halt den wirklichen Zugang dazu nicht gefunden (siehe den entsprechenden "Zugangsthread" :D). Ich werde der Komposition aber sicher noch eine Chance geben, sie in Zukunft nochmal in Ruhe auf CD zu genießen.


    Pahud hat mich etwas zum Thema Flöte motiviert, besitze von dieser Instrumentengattung noch nichts - muß dringend nachgeholt werden...werde mal im Forum suchen, es gibt sicher schon entsprechende Flöten-Threads . ;)


    Gruß
    Sascha

  • Hallo Sascha!
    Gib dem Nielsen-Flötenkonzert eine zweite Chance. Glaube mir: Ein tolles Werk! Nur relativ spröde und ziemlich weit entfernt von dem nordischen Kolorit, mit dem uns Nielsen etwa in seiner 3. Symphonie so fasziniert.
    LG

    ...

  • Moin,


    die "Zeit" hat sich jetzt auch des Themas angenommen. Demnach stammte der FAS-Beitrag von einem "Welt am Sonntag"-Journalisten, der zuvor bereits in der Hochglanz-Postille "Park Avenue" Rattle zur Nullnummer erklärt hatte (um ihm in der FAS einen finalen Hieb zu setzen). Offenbar ist man in der FAZ mit dem Beitrag im Schwester-Sonntagsblatt mehr als unglücklich.


    Scheint demnach mehr eine gemachte Geschichte als ein Bericht zu sein. Bleibt uns also unser Rattle doch erhalten. Warum auch nicht. Ich bin schon gespannt auf die nächsten Konzerte mit ihm.


    Gruß, l.

  • Als Konsequenz dieses von Axel Brüggemann (so der Name des Journalisten) ausgelösten medialen Sturmes im Wasserglas musste er offenbar sein auf der Website der "Welt am Sonntag" erscheinendes Weblog "Lauschangriff" einstellen. In einem Magazin unter Pseudonym über angebliche Ablösunggelüste hinsichtlich Rattle zu schreiben, um dann unter richtigem Namen in einer anderen Zeitung den Ball aufzunehmen, ist ja auch nicht gerade die feine englische...


    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Theophilus,
    ich bin hier ja wirklich einer der "Modernen", also erlaube ich mir die Feststellung: So ein Programm ist weder ausgefallen noch mutig, sondern dumm.
    Abgesehen davon, daß es entweder kein Publikum findet oder nur ein Publikum zusammengesetzt aus jenen Hörern, die Rattle erleben wollen, aber keine anderen Karten bekommen haben, läßt er zuviele zeitgenössische Stücke miteinander in Konkurrenz treten. Am Schluß ist nichts hängen geblieben als der Debussy.
    Für mich klingt das nach Absolvieren von lange Zeit aufgeschobenen Aufführungszusagen.
    :hello:

    ...

  • Hallo Edwin,


    du magst schon Recht haben, das dieses Programm mehr dumm als mutig ist, aber wenn das nicht ausgefallen ist (zumindest für 90% der Klassikhörer), weiß ich nicht nicht, was ich so titulieren sollte.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Moin,


    also auf "ausgefallen" müsste man sich bezogen auf dieses Programm eigentlich wirklich einigen können.


    Ich fürchte jedoch, dass es Sir Simon manchem Forumsteilnehmer nicht recht machen kann, was auch immer er nun anstellt.


    :hello:


    Gruß, l.

  • Hallo Edwin,


    eine kleine Antwort auf meine Jansons-Einschätzung. Danke für deine Hinweise. Es waren ganz subjektive Eindrücke meinerseits, die sich vor allen Dingen auf seinen derzeit mir bekannten Einspielungen gründeten. Ich habe ihn jedenfalls noch nicht Live erlebt und weiß auch nicht, wie er seine Konzertsaison gestaltet - ein Fehler.


    Zu Rattle:
    Persönlich bin ich mittlerweile dafür, ihm viel mehr Zeit zu geben, was allerdings dank der medialen Ausschlachtung sehr schwierig wird. Seine von einigen empfundene Mittlmäßigkeit auf hohem Niveau gründet sich für mich in seinem Zugang zur Musik. Er hat ja bekanntlich neben dem Dirigat auch noch Klavier und Schlagzeug studiert, mit besonderem Schwerpunkt auf letzterem. Schaut man sich dann auf diesem Hintergrund das Interview auf der "Rhythm is it"-DVD an, wo er die Behauptung aufstellt, dass der Rhythmus die Urkeimzelle der Musik ist (historisch begründet durch die ersten Lautkontakte der Urmenschen "in ihren Höhlen") und deswegen auch von daher angegangen werden sollte, so verkennt er meiner Meinung nach die Bedeutung der Harmonik und insbesondere der Melodik, die nämlich die Musik von ihrem animalischen Charakter befreien. So scheitert er zwangsläufig gerade beim klassischen und romantischen Repertoire.
    Nebenbei: Meiner Meinung nach haben wir seit dem 20.JH. die Tendenz, uns diesem Alleinanspruch des Rhythmus immer mehr zuzuwenden, womit wir das Menschliche in uns immer mehr abstumpfen oder besser gesagt ausrotten, also auch in gewisser Weise animalischer werden. Dies ist für mich auch einer der Hauptgründe, warum es die klassische Musik heute so schwer hat, die so viel reichhaltiger ist an Inhalten.


    Grüße
    nubar

  • Hallo nubar,


    das ist ja mal wirklich ein interessanter Blick auf die Rattle'sche Situation. Ich glaube allerdings weniger, dass die Kritik an ihm mit seinem Zugang zur Musik über die Rhythmik zu tun hat. Immerhin halten ihm ja auch einige der hiesigen Kritker zu Gute, dass er einstens ambitionierter Musik machte (es eigentlich also besser kann; oder dies zumindest versprach).


    Ich denke die Crux ist eher die, das bei Rattle das Marketing ein Eigenleben entwickelt hat und sich mancher fragt, was dieses Image noch mit dem zu tun hat, was er tatsächlich an Arbeit abliefert. Ich habe aus manchen Beiträgen hier eher eine Enttäuschung darüber herausgelesen, dass Rattle inhaltlich nicht mehr geworden ist als das, was er jetzt ist (bekannter als je, aber auch leerer oder flacher). Vielleicht ist das ja der Preis, den man für den Ruhm heutzutage entrichten muss.


    Gruß, l.

  • Dieses Buch:

    kann man auch online lesen.
    http://www.physik.fu-berlin.de…ta/kleinertab6/index.html


    Was ich gleich machen werde.
    Dank Durchfall und Grippe ist zwar aus dem Korstick, der gerade jetzt in der Alten Oper spielt, nichts geworden, aber naja - bissi Tee und ggf. n' Zigarette, das Büchelchen - auch ein angenehmer Abend. :]

    Wenn ich mir vorstelle, was es für Deutschland bedeuten würde, wenn die heilige Kuh zu uns käme, welches Glück und welcher Segen ginge von allgegenwärtigen heiligen Kühen aus!

  • Hier ein Pressehinweis zum Thema Berliner Philharmoniker:


    "http://www.welt.de/berlin/article1928649/Philharmoniker_schwanken_wie_ein_Schiff_im_Sturm.html"


    Anmerkung dazu: Ich finde "Das Paradies und die Peri" keineswegs "schwächlich".


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Freundlicher Gruß
    Alexander

  • Die Berliner Philharmoniker sollen sich Presseberichten zufolge auf eine Vertragsverlängerung von Rattle als Chefdirigent geeinigt haben:


    "www.welt.de/kultur/article1938752/Berlins_Philharmoniker_wollen_Rattle_behalten.html"

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo,
    zum Thema Wien-Berlin eine kleine - sicher erfundene Anekdote:
    Furtwänglers Einsätze sollen ja immer etwas "verschwommen" gewesen sein.So unterhielten sich eines Tages ein Berliner und ein Wiener Philharmoniker über ihre Methode, den richtigen Einsatz zu Beginn zu erwischen.
    Der Berliner:"Wenn der Taktstock des Maestro mit der Horizontalen des Dirigentenpultes exakt einen Winkel von 45 Grad bildet,dann setzen wir ein".
    Der Wiener:" Wanns uns z'bläd wird,fang ma o".
    Viele Grüße
    Santoliquido

    M.B.

  • Zitat

    Original von GiselherHH
    Die Berliner Philharmoniker sollen sich Presseberichten zufolge auf eine Vertragsverlängerung von Rattle als Chefdirigent geeinigt haben:


    "www.welt.de/kultur/article1938752/Berlins_Philharmoniker_wollen_Rattle_behalten.html"


    Na ja, das ist ja nicht wirklich eine gute Nachricht. :stumm:

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Hi


    Wenn da schon zwei enttäuschte Meinungen stehen, würde mich interessieren, wer sich denn eurer Meinung nach für einen Berlin-Chef aufdrängt?

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von Joseph II.
    Vielleicht Thielemann. Ansonsten fiele mir spontan auch niemand ein.


    Thielemann hat doch sein Berlin schon hinter sich wie andere ihr Cannae. Die ungeheuere Breite seines Repertoires wie sein unangefochtenes Renommee machen ihn sicher zu einem Kandidaten der zweiten Wahl. Dass ihn die Philharmoniker wählten, glaube ich eben nicht.


    Liebe Grüße Peter
    (jedem Cäsar einen Brutus ...)