Modest P. Mussorgsky: Boris Godunow

  • Lyrica vs Preiser


    Ich kenne die Lyrica-Version des Golovanov-Boris, der übrigens mit Mark Reizen in der Titelpartie ist, im Gegensatz zu Preiser, wo Pirogov singt. Es handelt sich um ein ähnliches 1 1/2-Verfahren wie London-Petrov 15 Jahre später.
    Die Lyrica-Version klingt annehmbar, wer Reizen möchte, sollte abeer nach der altren Arlecchino-Version suchen, die diesen IMO größten aller russischen Bässe im Anhang in allen anderen Bass-Szenen der Oper bietet.
    Ich persönlich bevorzuge Reizen gegenüber Pirogov, aber das ist Geschmacksache. Edwin ist, glaube ich, eher von Pirogov überzeugt. Mit diesem gibt es übrigens auch die legendäre Verfilmung, die eine der beeindruckensten und eigenwilligsten Opernfilme ist, die ich kenne.


    Gruß aus FFM
    Dieter

  • Lieber Edwin,


    den Gergiew habe ich mir bereits vorgemerkt.


    Zu Fedoyesev: Hat er, wie Du oben schreibst, das Bild vor der Basiliuskathedrale in das Schlußbild integriert oder stammt das vom Komponisten selbst? Letzteres legt der Aufsatz von David Lloyd-Jones (im Booklet der Fedoyesev-Einspielung) nahe. Demnach hat Mussorgsky übrigens in seiner "definitiven" Fassung - "Originalfassung" - auch Kürzungen im 1. Akt, Bild 1 bei Pimens Schilderung des Mordes zu Uglitsch (Boris' Verbrechen in der Vorgeschichte, Hauptthema der Oper) vorgenommen.


    Arthur Jacobs (Einführungstext in der Semkow-Einspielung) schreibt, daß Semkow hier wie auch im Prolog (Hof des Jungfrauenklosters in Moskau, auch hier Kürzungen in Mussorgsky II gegenüber I) auf die erste Fassung ("Urfassung") zurückgreift, weil beide Szenen (Prolog wie Pimens Erzählung) gegenüber der zweiten Fassung "reicher und zwingender gestaltet" seien.


    Präsentiert Gergiew auch hier beide Fassungen?


  • Hallo Dieter,
    Hallo Edwin,


    ich kenne (leider) nur die Golovanov-Aufnahme mit M. Reizen - ein Bass-Phänomen - von 1948.


    Exkurs:
    Kesting schreibt, daß Mark Reizen (03.06.1905-25.11.1992) an seinem Geburtstag am 03.06.1985 zum 65 (!!!) Jubiläum seines Debuts am Großen Theater von Moskau in Tschaikowskys "Eugen Onegin" aufgetreten ist. Es zeichnet Reizen als "russischen Belcantisten" unter der Beitragsüberschrift: "Gigant unter den Bässen". Auch hier hat J. Kesting vollkommen Recht.
    [Vgl. Kesting, Jürgen; Die großen Sänger; Band II; 1. Auflage 2008; Hamburg; Seite 1181ff.]


    (Gem. Cover-Beschreibung!):


    Modest Mussorgsky
    Boris Godunov


    Boris Godunov - Reizen
    Xenia - Kruglikova
    Feodor - Zlatogorova
    Nurse - Verbitzkaya
    Prince Shuisky - Khanayev
    Andrei Shchelkalov - Bogdanov
    Pimen - Mikhailov
    Grigory - Nelepp
    Marina Mnishek - Maksakova
    Varlaam - Lubenzov
    Misail - Yakushenko
    Hostess - Turchina
    The Simpleton - Kozlovsky
    Nikitich, a police officier - Krasovsky
    Mityukha - Sipaev
    Boyar of the Duma - Peregudov


    Nikolay Golovanov
    Chorus and Orchestra of the Bolshoi Theatre


    Edwin, kann es sein, daß wir von zwei verschiedenen Aufnahmen sprechen/schreiben?


    Bis dann.

  • Mark Reizen


    Diesen Auftritt als Fürst Gremin im Alter von 90 Jahren kann mann bei youtube bewundern. Natürlich war nur noch eine Reststimme vorhanden, aber die Präsenz dieses kerzengraden riesigen Greises auf der Bühne ist allein schon phänomenal.


    Gruß
    Dieter

  • Lieber Gurnemanz,
    ja, Gergiew hat definitiv beide Fassungen aufgenommen: 2 CDs für die Erstfassung, 3 für die Zweitfassung. Keinerlei Kompromisse (außer, wenn an einigen Stellen die Zweitfassung sozusagen mit sich selbst in Konkurrenz tritt, es gibt da einige unklare Stellen, die aber ausschließlich ein paar Noten in der Singstimme betreffen).
    Was Mussorgskij wirklich wollte, weiß wohl niemand: Lloyd-Jones hat glaubwürdige Quellen, aber mir erscheint die Idee relativ unlogisch. Es gibt eine Quelle, derzufolge Mussorgskij das Basilius-Bild entfernt hat, weil das Volk den Gottesnarren verspottet. Mussorgskij sagte, hier habe er über das Volk gelogen, denn das russische Volk würde niemals einen armen Teufel verspotten.
    Quellen solcher Art gibt es einige.
    Meiner Meinung nach hat Mussorgskij die Dramaturgie relativ planlos gehandhabt: Er hat einfach "szenische Bilder aus der Zeit des Boris Godunow" komponiert, die er dann zu einem dramatischen Ablauf gereiht hat (und Reihungen auch wieder verändert hat). Dieses Konvolut an Bausteinen, die man im eigenen Kopf zusammensetzen muß, macht diesen "Boris" zu diesem einzigartigen und revolutionären Meisterwerk, das im Grunde Brechts Dramaturgie vorwegnimmt.
    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Lieber Gurnemanz,
    ja, Gergiew hat definitiv beide Fassungen aufgenommen: 2 CDs für die Erstfassung, 3 für die Zweitfassung.


    Lieber Edwin,


    das steigert meine Neugier, zumal es mir heute beim Vergleichshören Semkow-Fedoyesev (hier bin ich zugunsten Semkow deutlich voreingenommen, weil seine Aufnahme mir als die lange einzige des Boris so vertraut und nah ist wie das liebe Gesicht eines Freundes) so erschien, daß sich auch Fedoyesev im Prolog und 1. Akt für eine Mischfassung entschieden hat, also in Pimens Erzählung für die ungekürzte Schilderung von Boris' Kindesmord (= "Urfassung" 1869), aber auch für die Hereinnahme von Grigoris Erwachen und Traum, mit den beiden ersten Chören der Mönche (das kam wohl erst in der "Originalfassung" 1872 dazu, bitte mich ggf. zu korrigieren; ich kenne die Partitur nicht und stütze mich lediglich auf die CD-Editionen samt den darin enthaltenen Einführungen). Der Kompromiß scheint mir dramaturgisch fast notwendig (war das Mussorgsky so nicht klar oder spielt hier Angst vor der Zensur eine Rolle?), wenn man Pimen als den Mann der Vergangenheit ansieht (er schließt gerade seine Chronik Rußlands ab eben mit Boris' Verbrechen) und Gregori als den der Zukunft (sein Traum handelt von einer Turmbesteigung, er sieht auf das Moskauer Volk herab wie auf Ameisen, die Menschen recken höhnisch drohend ihre Finger nach oben, er stürzt in die Tiefe und erwacht): Seinem zukünftigen Aufstieg als falscher Dimitri wird, nach Ende der hier abgehandelten Periode, der Absturz folgen: Rußlands Geschichte als die ewige Wiederholung: Herrscher kommen und gehen, das russische Volk bleibt im Elend (so auch der Narr am Schluß) - soweit eine Skizzierung der dramaturgischen Idee des Boris, wie sie sich mir erschließt. Auch die Pimen-Grigori-Szene gehört zu den faszinierenden "Bausteinen"! Die lockere Szenenfolge, die nicht so recht ineinander aufgehen will, erinnert mich auch an Büchners Woyzeck (auch hier das Problem divergierender Fassungen).


    Zitat

    Es gibt eine Quelle, derzufolge Mussorgskij das Basilius-Bild entfernt hat, weil das Volk den Gottesnarren verspottet. Mussorgskij sagte, hier habe er über das Volk gelogen, denn das russische Volk würde niemals einen armen Teufel verspotten.


    Kann ich verstehen, dabei finde ich gerade den verspotteten Gottesnarren (=Christus??) besonders anrührend. Das einfache bäuerliche Volk wurde ja gerade von einigen russischen Intellektuellen gegen Ende des 19. Jahrhunderts verherrlicht (z. B. extrem bei Tolstoi), da paßte die Horde der Jungen, die den Narren demütigen, nicht ins idealisierte Bild.

  • Lieber Gurnemanz,
    Fedosejew scheint bestrebt gewesen zu sein, möglichst viel Musik halbwegs sinnvoll in seine Fassung zu integrieren. Als seinerzeit die Schallplatte herauskam, hatte man mehr "Boris" als in sämtlichen anderen Versionen.
    Semkow ist auch mir vertraut. Ich mußte die Schallplatte ein zweites Mal kaufen, weil ich es geschafft habe, die erste so abzuspielen, daß sie an einigen Stellen wirklich schon defekt war. Es war eine ungeheuer wichtige Pioniertat mit Folgen - obwohl die Aufnahme Mängel hat. Aber bedenken wir: Die Sowjetunion hielt eisern an Rimskij fest, nur einige wenige Häuser wagten Schostakowitsch; das Original spielten nur Tollkühne.
    Im Westen spielte man Rimskij, weil man mit russischen oder bulgarischen Bässen besetzen wollte, die natürlich aufgrund ihrer Engagements in der Sowjetunion nur Rimskij kannten. Lediglich Kegel nahm in der DDR einen (deutsch gesungenen) Querschnitt in der Schostakowitsch-Version auf.
    Hätte Semkow nicht die Tauglichkeit des Originals nachgewiesen, wäre sicherlich sehr viel Zeit verstrichen, ehe anderer Dirigent gewagt hätte, es mit dem Original zu versuchen.
    Bei "Chowanschtschina" ist die Lage noch schlimmer: Da war bis vor Kurzem die Rimskij-Version etabliert; man versuche, sie in einer kritischen Ausgabe des Klavierauszugs (ev. Lamm) mitzulesen - spätestens auf Seite 20 fängt man hektisch zu blättern an. Und kommt doch auf keinen grünen Zweig mehr... Die Schostakowitsch-Version wiederum wurde nachbearbeitet, um sie dem, was der Musikdramaturg oder Dirigent für das Original hielt, möglichst anzupassen. Somit wurden die Arbeiten von zwei Komponisten korrumpiert, nämlich Mussorgskij und Schostakowitsch. Die einzige wirklich vollständige und nicht korrumpierte Schostakowitsch-"Chowanschtschina" ist die alte Sony-Einspielung unter Tschakarow.

    Übrigens - für alle, die sich auch notenlesend mit dem "Boris" befassen wollen: Die Partitur der Oxford UP ist eine kritische Ausgabe (Lloyd-Jones); man sollte die zweibändige Version kaufen (auch wenn sie schweineteuer ist), denn die Varianten und Kommentare sind im Ergänzungsband. Die Rimskij-Version gibt es bei Dover als Partitur.
    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner



    Ist gut und jeden Cent wert.


    Hab ich jetzt bei Amazon.com bestellt, dort kostet sie nur 21$ (inkl. Versand). Wir sollten eh die USA leerkaufen, solange der Dollar schwach ist.


    Vielen Dank an alle!



    Thomas Deck

  • Hallo miteinander!


    Ich suche eine Aufnahme des Boris Godunow mit Schostakowitsch-Instrumentierung.
    Ist euch eine bekannt, die auch erhältlich ist?


    Danke!


    Viele Grüße
    John Doe

  • Boris Godunow,
    musikalisches Volksdrama in 4 Akten und einem Prolog (9 Bilder)
    von Modest Mussorgskij.
    Text vom Komponisten nach dem gleichnamigen Drama von Alexander Puschkin (1831).
    Uraufführung der 1872 revidierten ersten Fassung: 8.2.1874 St. Petersburg, Mariinskij-Theater
    mit Iwan Melnikow als Boris • Osip Petrow • Julia Platonowa • Fedor Komissartschewsky • Sobolew,
    Dirig. E. Naprawnik



    Erstaufführung der 1. Bearbeitung von Rimskij-Korsakow: 10.12.1896 St. Petersburg, Großer Saal des Konservatoriums.
    Erstaufführung der 2. Bearbeitung Rimskij-Korsakows: 19.5.1908 Paris, Opéra. –
    Erstaufführung des so genannten Ur-Boris, der Fassung von 1869: 5.3.1929 Moskau, Staatliches Operntheater K. S. Stanislawskij. Erstaufführung der Fassung von Dmitrij Schostakowitsch: 4.11.1959 Leningrad, Kirow-Theater.


    LG


    :hello:

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)