Antal Doráti - Der ungarische Dynamiker


  • Ungarn - das Land der Dirigenten:
    Fritz Reiner, George Szell, Eugene Ormandy, Ferenc Fricsay und natürlich - Antal Doráti.


    Im Grunde kann man sagen, daß die prägendsten Dirigentenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts aus eben diesem Land mit seiner langen Musiktradition und exzellenten Ausbildung stammen.



    Antál Dorati wurde am 9. April 1906 in Budapest geboren und starb am 13. November 1988 in Gerzensee in der Schweiz.


    Er begann als Korrepetitor an der Königlichen Oper in Budapest.
    Von 1924-1928 assistierte er Fritz Busch an der Staatsoper in Dresden, 1928 wurde er Erster Kapellmeister an den Städtischen Bühnen in Münster, 1934 dann Musikdirektor beim Ballett Russe de Monte-Carlo und von 1943-1945 Musikdirektor beim American Ballet Theatre.


    Es folgte eine internationale Dirigentenlaufbahn infolgedessen er Chefpositionen bei diesen Orchestern innehatte:


    1945-1948: Dallas Symphony Orchestra
    1949-1960: Minneapolis Symphony Orchestra
    1963-1966: BBC Symphony Orchestra
    1966-1970: Stockholm Philharmonic Orchestra
    1970-1977: National Symphony Orchestra Washington D.C.
    1977-1981: Detroit Symphony Orchestra
    1975-1979: Royal Philharmonic Orchestra
    sowie Ehrenpräsident der Philharmonia Hungarica


    Erwähnenswert ist, daß er die Weltpremiere des von Tibor Serly vollendeten Violakonzerts von Béla Bartok dirigierte (1949).


    Doráti war auch als Komponist und Arrangeur tätig.


    1983 schlug Ihn Königin Elisabeth II. zum Ritter.



    Obwohl er nie Chefdirigent des London Symphony Orchestra war, produzierte er mit diesem Orchester seine wohl wichtigsten und bemerkenswertesten Aufnahmen auf dem Label "Mercury Living Presence".


    Sein Musizierstil ist in erster Linie von einer großen dynamischen Palette geprägt, von der insbesondere slawische Werke profitieren.
    Ein durchgehend gespanntes und federndes Dirigieren sind weitere Markenzeichen.


    Beginnen möchte ich allerdings mit einer "Decca"-Aufnahme und zwar von den Slawischen Tänzen Dvoraks mit dem Royal Philharmonic Orchestra, die ich unübertroffen finde:




    Ich möchte jetzt nicht gleich eine ganze Palette an Aufnahmen runterbeten, sondern erstmal Eure Eindrücke von Antal Doráti lesen...



    :)Agon

  • Fabelhafte Idee, Antal Dorati einen Thread zu widmen. In der Tat, seine Deutung der "Slawischen Tänze" waren für mich ein Erstkontakt mit dem Dirigenten. Vollends bemerkenswert ist sein Engagement für Haydn, dessen Sinfonien er vollständig eingespielt hat. Zusammen mit seiner Frau Ilse von Alpenheim kamen dann die Klavierkonzerte noch hinzu.


    Meinerseits empfehle ich Doratis Respighi-Einspielungen:


    "Die Vögel" und "Brasilianische Impressionen" hat er mit dem LSO augenommen, "Römische Brunnen" und "Römische Pinien" mit dem Minneapolis Symphony Orchestra.



    Und dann noch "Alte Arien und Tänze". Alle drei Suiten mit der Philharmonia Hungarica (ist dieses in Marl ansässige Ensemble nicht auch Doratis Werk?).



    Es gibt viel zu rühmen an diesem Dirigenten.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Dorati ist mir zuletzt wieder im Zusammenhang mit den gemeinsam mit Janos Starker eingespielten Cello-Konzerten untergekommen.



    Ich verbinde mit Dorati vor allem seine Aufnahmen von Werken Kodalys und Bartoks:



    Und dann steht der Name Dorati auch für die sehr umfangreiche Beschäftigung mit Werken Joseph Haydns, insbesondere für die GA der Haydnschen Sinfonien.




    Dem populären war Dorati wohl auch nicht abgeneigt, was sich in dieser Produktion niederschlägt. Wahrlich konkurrenzfähig zu Kunzel.



    Auf der anderen Seite scheint mir, dass das Repertoire einige Lücken aufweisst: Ich persönlich bedaure, dass es keinen Beethoven-Zyklus gibt. Lediglich zwei CDs bei Mercury.



    Beim Stöbern habe ich auch eine Einspielung Brahmsscher Sinfonien gefunden, aber keine Sinfonien von Schumann, Mahler oder Bruckner. Mendelssohn ist vertreten mit Nr. 3 und 4. Und Tschaikowsky mit seinen 6 Sinfonien und den 4 Orchestersuiten. Irgendwie finde ich die Discographie doch etwas löchrig, angesichts der langen Zeit seines Wirkens. Oder verstaubt da noch einiges in den Archiven?



    Gruß enkidu2

  • Ich weiß nicht, ob er Mahler und Bruckner überhaupt im Repertoire hatte. (Mit Reiner oder Fricsay gibt es meines Wissens auch keine Bruckneraufnahmen, mit Szell und Ormandy nicht viel.)
    Durch Mercury ergaben sich gewisse Schwerpunkte einerseits im "Orchestral Spectacular" Repertoire, andererseits in der klassischen Moderne, besonders Bartok und Strawinsky (Ballette). Hier gibt es oft diverse Einspielungen mit unterschiedlichen Orchestern, die meisten sehr gut sind, auch klanglich. Dasselbe gilt für die (unterschätzten) Orchestersuiten Tschaikowskys (und vermutlich auch für dessen Ballette, diese Einspielungen kenne ich aber nicht.)




    Er hat auch einiges komponiert, davon habe ich jedoch noch nie etwas gehört:



    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Prima das Antal Dorati jetzt auch ainen Therad bekommt.


    Meine Dorati-Favoriten Dvorak: Slawische Tänze (Decca) und Cellokonzert mit Starker (Philips, bei mir); Kodaly-Werke (Decca); Tschaikowsky 1812 (Mercury) sind bereits von enkidu und Agon abgebildet worden.


    Dazu möchte ich gerne noch weitere wichtige Aufnahmen aus seiner Zeit in Amerika (Washington und Detroit) empfehlen. Hier kommt ihm auf klanglicher Basis zugute, das diese glänzenden Aufnahmen von Decca gemacht wurden:


    Copland-Werke
    Die Dance - Sinfonie klingt dagegen unter Copland selbst wie ein "harmloses Serenädchen".

    Detroit SO, Dorati
    Decca, 1991, DDD



    Bartok-Werke
    Hier findet sich die für mich bezwingend herausragenste Aufnahme der Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta. Neben Solti, der von Agon im Eingangsbeitrag bei den großen ung.Dirigenten vergessen wurde !
    Die CD hat bei mir das europäische Decca-Cover.

    Detroit SO, Dorati
    Decca, 1989, DDD



    Tschaikowsky - Sinfonische Dichtungen u.ä.
    Diese Interpretionen stehen denen Swetlanow´s kaum nach - nur klanglich eben absoluter Luxus !

    National PO Washington und Detroit SO, Dorati
    Decca, 1994, DDD



    Symanowski Sinfonien Nr.2 und 3
    Meine Referenzaufnahmen für beide Sinfonien !
    Die Abb meiner Decca-Einzel-CD ist nicht zu finden.

    Detroit SO, Dorati
    Decca, 1981, DDD



    Trotz des Alters ist Dorati´s ältere Aufnahme der Kodaly - Werke bei Mercury eine Alternative zur o.g. kompletten Kodaly-Decca-Doppel-CD.
    Astrein hier auch die Harry-Janos-Suite.
    Leider auch hier bei den Marrosseker Tänzen und den Tänzen aus Galanta wieder das gleiche Orchester, die Philharmonia Hungarica, wie bei der späteren Decca-Aufnahme. (Wegen der Orchesterwahl bleibt Ormandy bei diesen beiden Stücken IMO unerreicht.)



    Mineapolis SO und Philharmonia Hungarica, Dorati
    Mercury, 1954, 1958, ADD

  • Ich wußte doch, da fehlt Einer - und natürlich: Georg Solti!


    (Dirigenten wie Adam und Ivan Fischer sowie Christoph von Dohnanyi habe ich allerdings absichtlich nicht genannt - sie gehören einfach zu einer anderen Generation.)


    Und ja, die Copland-CD mit Detroit SO ist ganz große Klasse - wenn ich mich da nur an mein erstes Erstaunen über die "Fanfare for the Common Man" zurückerinnere...dieses irrsinnige Crescendo am Ende...die wuchtigen Pauken...das macht Spaß.


    Und auch der komplette "Feuervogel" mit dem LSO ist meine favorisierte Aufnahme dieses Stücks (neben New Philharmonia Orchestra/Ansermet). Da merkt man einfach, wie hervorragend Dorati die Musik kennt und umsetzen kann. Das LSO gilt ja sowieso als das beste Stravinsky-Orchester, und hier merkt man, warum!


    Und es ist natürlich der klangliche Luxus, den die meisten Dorati-Aufnahmen ausstrahlen, ob Decca oder Mercury. Seine Tchaikovsky-Sinfonien-GA mit dem LSO auf Mercury gebe ich sicher nie mehr her! Der Finalsatz der Vierten haut alles um, was ich sonst kenne. Die Entfesselung der Energien muß Dorati mal jemand nachmachen.



    Sinfonien Nr.1-6 u.a.


    Also, "Orchestral Spectacular" bietet Dorati satt.
    Ob er jemals Bruckner oder Mahler dirigiert hat, weiß ich leider nicht.


    Die o.g. Brahms-Sinfonien-GA habe ich auch, allerdings lange nicht gehört. Wird mal wieder Zeit.



    Agon

  • Hallo,
    einmal konnte ich Dorati live erleben - ich glaube es war 1968 - in einem denkwürdigen Konzert mit den Münchner Philharmonikern.
    Zu Beginn wars eine Mozart-Symphonie (ich weiß nicht mehr welche ) - die Wiedergabe war eher durchschnittlich.
    Dann ein erster Höhepunkt - das Mendelssohn Violinkonzert.Hier mußte der damalige 1.Konzertmeister Kurt Guntner für die erkrankte Susanne Lautenbacher einspringen - und er meisterte seine Aufgabe - offenbar zusätzlich von Dorati inspiriert - mit äußerster Bravour.
    Die Krönung war dann Stravinskys "Sacre" - Dorati holte die letzten Reserven aus den Philharmonikern heraus - ich kann mich ein keine packendere Interpretation dieses Stücks erinnern.
    Auffällig war noch die Schlagtechnik Doratis - als "Tiefschläger" hob er die Arme kaum über Brusthöhe hinaus - das Ergebnis war umso frappierender.
    Noch ein Zeichen der damaligen Kollegialität unter den Münchner Dirigenten:
    Rafael Kubelik und Rudolf Kempe wohnten gemeinsam gebannt den Proben zu Sacre bei.
    Viele Grüße
    Santoliquido

  • Noch eine CD aus Dorati´s herausragenden Decca-Aufnahmen habe ich vergessen. Die gibt es in verschiedenen Kopplungen:


    Gershwin: Porgy and Bess-Sinfonische Bilder
    Besser habe ich dieses Paradestück noch bei keinem anderen Dirigenten gehört. Die Grand-Canyon-Suite von Grofe ist natürlich auch eine Spitzenaufnahme, aber das Werk - na ja ....



    Detroit SO, Dorati
    Decca, 1991, DDD

  • Zitat

    Original von Agon
    Ich wußte doch, da fehlt Einer - und natürlich: Georg Solti!


    Agon


    Den Hinweis auf Solti hatte ich mir verkniffen. An Solti müsste ich nicht unbedingt erinnert werden, der ist für mich irgendwie immer zwangsläufig dabei, ähnlich wie Karajan oder Bernstein. Insofern machte die Aufzählung für mich Sinn, weil es um die ungarischen Dirigenten geht, die zu unrecht in Vergessenheit geraten oder doch in den Hintergrund gerutscht sind.


    Ansonsten erstaunlich, wie sich die Liste der Einspielungen füllt. Wie hatten wir solange ohne einen Dorati-Thread auskommen können, wenn er doch so präsent ist?


    Gruß enkidu2

  • Hallo enkidu,


    ob Du Solti mehr oder weniger schätzt, oder ob er (nicht ohne Grund) zwangläufig immer dabei ist, darauf kommt es nicht an.
    Wenn man im Eingangsbeitrag von "Ungarn - das Land der Dirigenten:" spricht, dann gehört Solti auf jeden Fall dazu. Deshalb hatte ich Agon auch auf Solti, den er nur vergessen hatte, aufmerksam gemacht.


    -------------------------------------------------------------------------
    Zurück zum Thema Dorati:


    Liebestraum hat die Dorati-Aufnahme mit den Liszt: Ungarischen Thapsodien Nr.1-6 und Enescu: Rumänische Rhapsody Nr.1 ohne weiteren Text genannt, die wirklich hier nicht fehlen darf. ((Die Abb. ist plötzlich wieder verschwunden???)) Ich hatte die CD vergessen - es wird nicht die letzte sein, die vergessen wurde!


    :angel: Mit so einem ungarischen Feuer und der in der Aufnahme mit dem LSO und dem bestens präsenten Soloinstrument Zimbal, wird man diese tolle Musik (ganz mein Geschmack) nie wieder hören können - absolut referenzwürdig.


    Als Filler (der keiner ist) dann die Rumänische Rhapsody Nr.1. Auch hier ein gekonnter Aufbau der Entwicklung, der im lodernden Feuer endet - Megaklasse.
    Was für ein Unterschied die Aufnahme mit dem rumänischen Dirigenten beim Label ARTE, die für sich gesehen gut ist, aber hier im Vergleich mit Dorati = :jubel:



    Mercury, ADD

  • @ Liebestraum


    Ich finde die Einspielung des Fliegenden Holländers enbenfalls exemplarisch. Gemäß meiner Vorstellung kam auf Tonträger nichts Besseres nach, was das Engagement und die stimmliche Präsenz der Hauptakteure anbelangt. Die Dynamik, welche die Ouvertüre ausstrahlt, ist ganz irre.


    Einen von Wagner und Klassik noch nicht Berührten habe ich gefragt, wie er die Ouvertüre unterbringt. Er antwortete, es sei bestimmt die Musik zu einem Piratenfilm mit Errol Flynn.


    Der Vollständigkeit sei aber noch erwähnt, dass sich zu den wenigen Opernvorstellungen Doratis aus dem Jahre 1979 noch eine Einspielung der Ägyptischen Helena mit dem Detroit Symphony Orchestra gesellt.


    Nicht günstig beurteile ich Gwyneth Jones als Helena (statt Dramatik, eher Hysterie) und Matti Kastu als Menelas, eine Nummer zu klein im ansonsten vorzüglichen Ensemble von Barbara Hendricks, Willand White und Curtis Rayam.


    Gruß
    :angel:
    Engelbert

  • Auf der anderen Seite scheint mir, dass das Repertoire einige Lücken aufweisst: Ich persönlich bedaure, dass es keinen Beethoven-Zyklus gibt. Lediglich zwei CDs bei Mercury.


    Hallo enkidu2,


    dann wird es dich freuen, daß doch einer existiert: Aufgenommen 1975/76 mit dem Royal Philharmonic Orchestra für die DG und bei Tower Records auf CD erschienen:



    LG


  • Eine Gesamteinspielung von Tschaikowskys Nussknacker Ballett hat Antal Dorati mit dem Concertgebouw Orchestra augenommen. Beim ersten Anhören war der Blumenwalzer für mich gewöhnungsbedürftig, da er ein zügiges Tempo mit ungewohnt starken Betonungen wählt. Dorati war in seinen Anfängen Dirigent von Ballettorchestern, und wird wohl gewusst haben, was er den Tänzern zumuten konnte. Es sind noch die Orchestersuiten Nr. 3 und Nr. 4 "Mozartiana" enthalten, die er mit dem New Philharmonia aufgenommen hat.
    Alle vier Orchestersuiten findet man mit dem gleichen Orchester in dieser 2-CD BOX. Mein Favorit ist der Variationensatz der 3. Suite mit einer packenden Steigerung.

    Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer


    Aus Solidarität mit Eugen Gomringer habe ich die Übersetzung eines seiner Poeme gesetzt, weil dieses Gedicht, das sich an einer Hausfassade in spanischer Sprache befindet, überpinselt werden muss. Grund: Sexismus-Vorwurf
    .

  • Heute vor 25 Jahren ist der ungarische Maestro 82jährig in der Schweiz gestorben:



    Antal Doráti, KBE (* 9. April 1906 in Budapest; † 13. November 1988 in Gerzensee, Schweiz) war ein ungarisch-amerikanischer Dirigent und Komponist.
    Doráti begann als Korrepetitor an der Königlichen Oper seiner Heimatstadt Budapest. 1924 bis 1928 assistierte er Fritz Busch an der Staatsoper in Dresden, bevor er 1928 eine Tätigkeit als Erster Kapellmeister an den Städtischen Bühnen Münster aufnahm. Danach war er ständiger Dirigent verschiedener Orchester, u. a. der Philharmonia Hungarica in Marl.



    LG


  • Mit der nebenstehenden Aufnahme eigener Sinfonien durch das Label BIS möchte ich an Antal Doratis heutigen 109. Geburtstag erinnern. Mir war zum Beispiel nicht bewusst, dass der gebürtige Ungar auch komponiert hat (was ich mir aber hätte denken können), dass er aber (ich hoffe, jetzt nicht eine Ente in die Welt zu setzen) als erster Dirigent alle Haydn-Sinfonien aufgenommen hat, sehr wohl. Mehr Wissenswertes über Dorati finden sich in den vorangegangenen Beiträgen.


    :hello:

  • Mit der nebenstehenden Aufnahme eigener Sinfonien durch das Label BIS möchte ich an Antal Doratis heutigen 109. Geburtstag erinnern. Mir war zum Beispiel nicht bewusst, dass der gebürtige Ungar auch komponiert hat (was ich mir aber hätte denken können), dass er aber (ich hoffe, jetzt nicht eine Ente in die Welt zu setzen) als erster Dirigent alle Haydn-Sinfonien aufgenommen hat, sehr wohl. Mehr Wissenswertes über Dorati finden sich in den vorangegangenen Beiträgen.


    Ja, das ist richtig. ANTAL DORATI war es, der in den 70er Jahren mit den aus Ungarn emigrierten Musikern der PHILHARMONIA HUNGARICA sämtliche 104 HAYDN-Sinfonien auf Schallplatte aufnahm. So erstaunlich ist es ja auch nicht, daß ein Ungar eine besondere Seelenverwandschaft zu HAYDN verspürte, der ja ganz in der Nähe der ungarischen Grenze geboren wurde. Und DORATI spielt HAYDN mit vollem, sattem Ton, straffer Rhythmik und temperamentvollen Allegri, er achtet auf präzise Phrasierung und arbeitet die einzelnen spezifischen Elemente in HAYDN's Musik plastisch heraus. Ich liebe besonders seine Einspielung von HAYDN's Sinfonie Nr. 101 "Die Uhr" mit dem LONDON SYMPHONY ORCHESTRA, für mich die Referenzaufnahme dieser Sinfonie.


    Ähnlich faszinierend seine Einspielung von MOZART's Sinfonie Nr. 36, KV 425, der "Linzer Sinfonie" mit dem gleichen Orchester, bei der einfach alles stimmig ist, und die ich mit keiner anderen Aufnahme dieser Sinfonie tauschen möchte.


    Natürlich liegen diesem straffen Rhythmiker und Freund des prallen und satten Klanges auch die Werke ROSSINIs, und so könnte ich mir auch für die Wiedergabe der Ouvertüren ROSSINIs kaum einen besseren Dirigenten vorstellen als DORATI, der bei Mercury Wing mit dem großartig aufspielenden MINNEAPOLIS SYMPHONY ORCHESTRA die bekanntesten Ouvertüren ROSSINIs mitreißend aufgenommen hat. "Wenn er dirigiert, steht der Konzertsaal in Flammen", schrieb ein Kritiker über DORATI.

    ANTAL DORATI, der bei KODÁLY und BARTÓK studierte und später in Dresden Assistenz von FRITZ BUSCH wurde, war ein Gedächtniswunder, und er kannte die Partitur von fast allen Werken, die er interpretierte, auswendig. Seine Souveränität und Vitalität spiegelte sich auch in seinen Auftritten und Interpretationen wieder. Er war am Pult kein Magier, und jede Show war ihm fremd, sondern ein sachlicher Vermittler der Werke, die er interpretierte. Er hatte einen ausgesprochenen Sinn für Klangfarben, nicht zuletzt auch für Musik des 20. Jahrhunderts, und er galt als einer der authentischsten Exegeten der Werke seines Landsmannes BARTÓK. Groß war die Anzahl der Ur- und Erstaufführungen von Werken des 20. Jahrhunderts. Gerühmt wurde er auch als großartiger Interpret von Balletmusiken. Obwohl er bei den Proben mit seinen Musikern stets zuvorkommend und kollegial umging, legte er größten Wert auf Präzision und eine genaue Auslegung der Partitur.


    Warum den so vorzuglichen Attributen und der enormen Vielseitigkeit dieses Dirigenten in Europa wohl nie eine vergleichbare Wertschätzung wie in den USA zuteil wurde, ist für mich nicht recht zu verstehen.


    wok



    com/watch?v=jQ-fyLyLq8A



  • Antal Dorati (1906-1988) ist als einer der bedeutendsten ungarischen Dirigenten des 20. Jahrhunderts in die Musikgeschichte eingegangen. Wie nicht wenige seiner Kollegen hat er auch komponiert. Dabei denkt man erst einmal an die berüchtigte "Kapellmeistermusik", was immer das sein soll (Kennt jemand ein typisches Beispiel?). Dorati's kompositorisches Schaffen hat sich wohl in zwei Phasen abgespielt, als junger Tausendsassa und dann nach über 20-jähriger Pause als gereifter Musiker ab Mitte der 50er Jahre. Die frühen Kompositionen sind weitgehend verloren gegangen oder vernichtet worden.


    Die Sette Pezzi entstanden 1963 als Exzerpte aus der Ballettmusik "Magdalena". Das knapp 30-minütige Werk ist von Bela Bartok beeinflusst, vor allen von den frühen Werken wie Herzog Blaubart. Dazu kommen teils recht dissonante Schlagzeugpassagen, die mich etwas an den Flug des Icarus von Igor Markevitch erinnerten. Die Nachtmusik von 1969 ist ein fünfsätziges Flötenkonzert, das ebenfalls der klassischen Moderne nahesteht. Berückend gespielt von der "Flötengöttin" Sharon Bezaly. Auch die Beiträge aus Aalborg unter Moshe Atzmon sind erfreulich. Eine nicht uninteressante Repertoireerweiterung, wenn auch nicht vielleicht ein "Muss".

  • Im Grunde kann man sagen, daß die prägendsten Dirigentenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts aus eben diesem Land mit seiner langen Musiktradition und exzellenten Ausbildung stammen.


    Auch wenn es vor Urzeiten geschrieben wurde: Das stimmt so in seiner Ausschließlichkeit natürlich mitnichten. Natürlich waren Reiner, Szell, Ormandy, Fricsay, Doráti und natürlich Solti auch prägend, aber was ist denn bitte mit Toscanini, Furtwängler, Knappertsbusch, Klemperer, Bernstein oder Karajan, um nur mal ein paar Nichtungarn zu nennen?

  • Auch die Tschaikowsky-Sinfonien müssen unter Dorati der Hammer sein - Abb von Agon in Beitrag 6. Die sind aber derzeit (und schon ziemlich lange, wie ich verfolgt habe) in einem Preissegment, was man dafür einfach nicht ausgibt. Für einen Normalpreis würde ich mir die GA gönnen !
    * Dafür habe ich wenigstens die ausgezeichnete Dorati-Doppel-CD (Decca) der Sinf.Dichtungen und Ouvertüren von Tschaikowsky - Abb in Beitrag 5.


    Klar, das Agon mit seinem Zitat nicht richtig liegt, wenn er die "prägenden Dirigentenpersönlichkeiten" auf die Ungarn reduziert; aber er wollte damit seiner Begeisterung für die genannten ungariuschen Dirigentengrössen Ausdruck verleihen - was ich dann wieder nachvollziehen kann.


    Zitat

    Die Aufnahmen der drei berühmten Stravinsky-Ballette wurden inzwischen auch wieder auf Vinyl gepresst.


    Diese Strawinsky-Aufnahmen habe ich auf CD und die sind wirklich Klasse (auch die noch besser klingenden auf Decca) ... aber was soll ich damit auf Vinyl-"Kratzware" :D .... nooooo - nooooo - 8-) die Vinyler "drehen auch bald ab" ...

  • Nachdem ich inzwischen die Symphonien 1-5 gehört habe, kann ich bestätigen, dass es sich hier um eine exzellente GA handelt, Nr. 2, 3 und 4 sind mit das Beste was ich kenne, 1 und 5 sind auch nicht schlecht, da gibt es aber zündendere (z.B. Tilson-Thomas in 1 und Fricsay in 5). Auch klanglich absolut konkurrenzfähig mit heutigen Aufnahmen, die Leute bei Mercury wussten, was sie taten. Dorati dürfte von allen nicht-russischen Dirigenten die breiteste Palette an Tschaikowsky Orchesterwerken eingespielt haben. Neben diesen 6 gibt es auch die vier Suiten in einer wunderbaren Aufnahme mit dem Philharmonia Orchester und die drei kompletten Ballette. Alles erste Sahne.

  • Nachdem ich inzwischen die Symphonien 1-5 gehört habe, kann ich bestätigen, dass es sich hier um eine exzellente GA handelt, Nr. 2, 3 und 4 sind mit das Beste was ich kenne, 1 und 5 sind auch nicht schlecht, da gibt es aber zündendere (z.B. Tilson-Thomas in 1 und Fricsay in 5). Auch klanglich absolut konkurrenzfähig mit heutigen Aufnahmen, die Leute bei Mercury wussten, was sie taten. Dorati dürfte von allen nicht-russischen Dirigenten die breiteste Palette an Tschaikowsky Orchesterwerken eingespielt haben. Neben diesen 6 gibt es auch die vier Suiten in einer wunderbaren Aufnahme mit dem Philharmonia Orchester und die drei kompletten Ballette. Alles erste Sahne.

    Ich stimme Dir vollkommen in Deinen Ausführungen zu. Diese Gesamtaufnahme ist unfassbar gut, zeitlos und gültig. Das sind Aufnahmen für die Ewigkeit, unvergänglich, die alle Zeiten und Moden überdauern. Ich brauche sowieso keine russischen Lärmdirigenten für Tchaikovsky.

  • Wer sich für den Dirigenten Antal Dorati und seinen Werdegang näher interessiert und wer des Englischen mächtig ist, dem kann ich wärmstens seine Autobiografie empfehlen, die ich gerade mit Begeisterung lese. Das ist alles menschlich warm und sympathisch erzählt, hochinteressant mit vielen witzigen kleinen Anekdoten. Eine der besten Künstlerautobiografien, die mir bisher untergekommen sind.


  • Ich habe Antal Dorati erstmals kennengelernt mit seiner Aufnahme von Dvoraks Sinfonie Nr. 9 "Aus der Neuen Welt", die auf dieser CD enthalten ist und hier noch gar nicht genannt wurde:

    Die Stereo-Aufnahme von 1959 ist hier gekoppelt mit dem Cellokonzert, das von Heinrich Schiff gespielt und von Sir Colin Davis begleitet wird.


    In einem alten Schallplattenführer von 1960 heißt es zu Doratis Einspielung der Neunten: "Ich finde, daß Dorati mit den Gefahren dieser Sinfonie am besten fertig wird. Er >nimmt< keine Tempi, sie kommen ihm intuitiv, er vermeidet ferner alle emotionalen Übertreibungen, und doch, wie singt unter ihm selbst die Pauke! Im letzten Satz wird das Amsterdamer Concertgebouw-Orchester wie zur Naturgewalt, die Musik überkommt die Ausführenden, und in gleicher Weise überkommt sie auch den Hörer. Und wie füllt Dorati die beiden Mittelsätze mit Klangfarben an! Sein langjähriger Aufenthalt im Süden der Vereinigten Staaten wird ihn hier inspiriert haben: Wer den Zauber der Mississippi-Landschaft kennt, hört ihn aus jedem Takt heraus, ein Erlebnis, das selbst auf einen Komponisten von Dvoraks Ursprünglichkeit so tiefen Eindruck ausüben konnte."


    Ich selber besitze mehr als ein Dutzend Aufnahmen der "Neuen Welt", darunter so berühmte wie die von Toscanini, Fricsay (2x), Kubelik (2x), Szell, Karajan, Klemperer, Bruno Walter, Giulini und Solti, doch mir scheint in der Tat Dorati den Ton dieses Werks am besten getroffen zu haben. Ich kann die alte Aufnahme, die übrigens technisch überraschend gut klingt, nur wärmstens empfehlen. Für jeden Dorati-Verehrer scheint sie mir unverzichtbar zu sein, zumal sie bei Amazon gebraucht für 60 Cent + Versandkosten zu haben ist.


    Inzwischen ist sie in der australischen "eloquence"-Serie ebenfalls (in derselben Koppelung) wieder erschienen und sieht so aus:

    Mit diesem Cover ist sie allerdings erheblich teurer.


    LG, Nemorino