Bernard Haitink – ein unbeachteter Großer?


  • Während sich die Threads zu Bernstein und Karajan häufen und auch die Frage nach der Bedeutung von Solti immer wieder einmal gestellt wurde, ist es in diesem Forum erstaunlich ruhig um Bernard Haitink. Einen einzigen Thread habe ich gefunden, den Alfred 2005 eröffnet hatte, allerdings fokussiert auf Haitinks Bedeutung als Mahler-Vorkämpfer, so dass sich dort auch bald Spezialdiskussionen darüber entwickelten, wer denn nun die wahren Pioniere in Sachen Mahler gewesen seien… Das Thema ist dann auch bald eingeschlafen und hat sich in der letzten Zeit auf Geburtstagsglückwünsche beschränkt. (Zum Nachlesen: Bernard Haitink - Pionier in Sachen Gustav Mahler) Vielleicht ist es an der Zeit, sich noch einmal diesem Dirigenten zuzuwenden, da auch die Mitglieder dieses Forums teils gewechselt haben. Immerhin hat Haitink an der Spitze einiger der bedeutendsten Institutionen der Musikwelt gestanden: Von 1957 bis 1988 – und damit immerhin 31 Jahre! – war er Chefdirigent des Königlichen Concertgebouworkest in Amsterdam, welches als eines der besten Orchester der Welt anerkannt ist. Daneben war er von 1967 bis 1979 Principal Conductor des London Philharmonic Orchestra. Weitere Posten bei erstrangigen Klangkörpern schließen sich an: 1995 bis 2004 erster Gastdirigent des Boston Symphony Orchestra, 2006 bis 2010 Principal Conductor des Chicago Symphony Orchestra und von nur 2002 bis 2004 Chefdirigent der Staatskapelle Dresden. Dazu vermeldet Wikipedia, dass Haitink aufgrund eines Disputs mit dem Intendanten vorzeitig von diesem Posten zurückgetreten sei – vielleicht kann jemand dazu mehr sagen. Auch als Operndirigent ist er hervorgetreten: Musikdirektor der Glyndebourne Opera 1978 bis 1988 und Musikdirektor des Royal Opera House, Covent Garden für immerhin 15 Jahre von 1987 bis 2002.


    Bei dieser langen Karriere verwundert es nicht, dass die Diskographie umfangreich ist. Haitink hat mit dem Concertgebouw Orchester zunächst für Philips aufgenommen, aber auch bei EMI und Decca und weiteren Labeln wie LSO Live (dem Haus-Label des London Symphony Orchestra) finden sich zahlreiche Aufnahmen. Dazu zählen teils gleich mehrere Zyklen von Beethoven, Brahms, Schumann, Tschaikowski, Bruckner und Mahler mit unterschiedlichen Orchestern, aber auch Gesamtaufnahmen der Symphonien von Schostakowitsch und Vaughan-Williams. Im Opernbereich habe ich angesichts seines langen Wirkens in Covent Garden erstaunlich wenig gefunden: ein „Rosenkavalier“, ein „Ring“, ein „Don Carlo“, die „Zauberflöte“, „Don Giovanni“, „Cosi fan tutte“ – gibt es noch mehr?


    Trotz dieser umfangreichen Hinterlassenschaft vor allem im symphonischen Repertoire kommt Haitink in diesem Forum nach meinem Eindruck kaum vor – daher der Titel. Gibt es Einspielungen von ihm, die als Referenz dienen können? Kennt jemand seine Beethoven-Zyklen oder seine Einspielung der Klavierkonzerte mit Perahia? Welches Gewicht haben seine Interpretationen von Brahms und Schumann? Welchen Rang hat er als Dirigent von Bruckner, Mahler, Tschaikowski, Schostakowitsch und als Operndirigent?


    Ich selbst habe nur sehr wenige Aufnahmen mit Haitink. Als ich zu sammeln begann, war er vor allem bei Philips vertreten, ein Label das ich nach einigen Reinfällen mit aufnahmetechnisch miserablen CDs gemieden habe. Und später waren es dann andere Namen, die für mich im Vordergrund standen. Ich kenne seine Gesamtaufnahmen von Schostakowitsch und Vaughan-Williams, die durchaus ihre Meriten haben. In beiden Fällen sind aber andere Zyklen meine Referenz-Einspielungen. Aus seiner Befassung mit Bruckner und Mahler habe ich einige einzelne Aufnahmen, und auch hier gilt: gut, aber es gibt bessere. Um am Ende dann aber doch noch eine persönliche Referenz zu nennen: Seine Aufnahmen der Klavierkonzerte von Rachmaninoff mit Ashkenazy haben mich von Anfang an begeistert und sind bis heute meine liebsten, zumal sie - Decca sei Dank - auch aufnahmetechnisch top sind:


    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Das Problem mit Haitink scheint mir zu sein, dass er zwar über Jahrzehnte auf hohem Niveau gute Aufnahmen des Standardrepertoires vorgelegt hat, aber sehr selten "Referenzeinspielungen". Als ich mich für klassische Musik zu interessieren begann, kam gerade die Kassette der Brucknersymphonien bei Philips heraus. Sie wurde damals als wichtige modernere Alternative zu der DGG Gesamtaufnahme durch Eugen Jochum bewertet. Durch sie habe ich die meisten Brucknersymphonien auch kennengelernt. Die GA war einige Jahre der Standard neben der von Jochum. Dann kamen aber die GA von Günter Wand aus Köln und Karajan aus Berlin heraus und dann begann der Stern der Haitinkaufnahmen zu sinken. Ich habe irgendwann auch diese Kassette mal weiterverkauft, möglicherweise sogar an ein Taminomitglied. Nichtsdestotrotz stehen einige Haitinkaufnahmen im Regal, die Brahmsorchesterwerke, Mahler 3 und 9, auch wieder ein paar Brucknersymphonien z.T. spätere Aufnahmen, Schostakowitsch 5 und 8 sowie die RVW Symphonien plus div. Werke, bei denen Haitink Solisten unterstützt, z. Klavierkonzerte von Arrau, Ashkenazy etc. Ich schätze diesen Dirigenten und würde ihn gerne noch einmal live erleben.

  • Ich schätze diesen Dirigenten und würde ihn gerne noch einmal live erleben.


    Ich schätze ihn auch, daher der Versuch, ihn noch einmal etwas ins Rampenlicht des Forums zu heben. Live habe ich ihn zweimal erlebt: vor vielen Jahren in Covent Garden beim Dirigat einer "Tosca", dort stand bei mir aber Pavarotti im Mittelpunkt des Interesses. Und zuletzt 2008 am Pult der Berliner Philharmoniker, wo er neben Bergs Violinkonzert mit Frank Peter Zimmermann eine wundervolle Große C-Dur-Symphonie von Schubert dirigierte.

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Das Spezifische bei Haitink dürfte m. E. sein, dass er "spektakulär unspektakulär" ist. Er ist sicherlich ein sehr guter Dirigent, aber die ganz außergewöhnlichen Aufnahmen fehlen in seiner Diskographie weitgehend. Er hat beinahe alles eingespielt, vieles sogar mehrfach. Ein wenig erinnert er mich an Eugene Ormandy, der auch immer im Schatten seines übermächtigen Vorgängers stand. Bei Haitink sind dies Eduard van Beinum und vor allem Willem Mengelberg.


    Haitink wurde übrigens 1959 zunächst Erster Dirigent des Concertgebouworkest, 1961 dann neben Eugen Jochum und ab 1963 dann alleiniger Chefdirigent. Seit 1999 ist er Ehrendirigent. Er stand dem Orchester somit ein Vierteljahrhundert alleinig vor. Eine lange Zeit. Allerdings finde ich im Allgemeinen die Aufnahmen anderer Dirigenten in der Zeit beim CGO spannender: Eben Jochum (großartige späte Bruckner-Aufnahmen), George Szell (Zweiter Dirigent 1958—1961) und Kirill Kondraschin (Zweiter Dirigent 1978—1981).


    Trotzdem gibt es ein paar wenige Aufnahmen von Haitink, die ich ohne Einschränkungen als referenzträchtig ansehen würde. Es handelt sich um Aufnahmen des "späten" Haitink, die in den letzten zehn Jahren entstanden sind:


    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Das Spezifische bei Haitink dürfte m. E. sein, dass er "spektakulär unspektakulär" ist. Er ist sicherlich ein sehr guter Dirigent, aber die ganz außergewöhnlichen Aufnahmen fehlen in seiner Diskographie weitgehend.


    Nach meinem Empfinden hat das Joseph II. treffend formuliert. Haitink zog ruhig und unaufgeregt seine Bahn. Er suchte nicht das Rampenlicht. Das macht ihn eigentlich sehr sympathisch. Wenn er in Berlin, wo ich lebe, auftauchte, dann fiel das nie so richtig auf. Eines der schönsten Konzerte, das er hier gegeben hat, habe ich schließlich noch verpasst. Ich kenne nur den Mitschnitt, weiß also erst im Nachhinein, was ich versäumt habe. Auf das Programm der Berliner Philharmoniker hatte er auch das SIEGFRIED-IDYLL von Wagner in der originalen Besetzung (Flöte, Oboe, 2 Klarinetten, Fagott, 2 Hörner, Trompete, Streicher) gesetzt. Das hört man ja so selten. Seine Zwiesprache mit den wenigen Instrumenten gehört für mich zum Schönsten, was ich als Konserve kenne. Haitink habe ich auch meine verstärkte Hinwendung zu Schostakowitsch zu danken. Seine Aufnahme aller Sinfonien reißt mich immer noch mit. Obwohl sie in starker Konkurrenz stehen. Von Referenz würde ich dennoch nicht sprechen, weil mir dieser Begriff suspekt erscheint. Wer legt das fest? Wer bestimmt die Regeln? Wenn ich richtig informiert bin, geht die derartige Begrifflichkeit ja auf eine Musikzeitschrift zurück. Was ist uns nicht alles als Referenz untergejubelt worden mit den Jahren? Nach meiner festen Überzeugung bestimmt jeder für sich selbst, was Referenz ist.


    Haitink hat immer auch die Nähe zur Oper gesucht. In seine Londoner Zweit fallen die Bemühungen um Verdis "Don Carlos/Don Carlo" in möglichst vollständiger Fassung. Er hat die Dunkelheit dieser Musik so wunderbar herausgearbeitet. Ich kenne acht Aufnahmen, bis auf eine alles Mitschnitte in unterschiedlichstem Zuschnitt. Seinen Wagner aus dem Studio finde ich uninspiriert bis langweilig. Die Besetzung ist oft grenzwertig. Mir scheint, Haitink hat nicht genug von Stimmen verstanden. Auch die Produktionen der Strauss-Opern "Arabella", "Daphne" und "Rosenkavalier" sagen mir nichts. Ich habe sie alle - wie auch den Wagner - wieder weggegeben. Mozart sagte mir auch nicht zu. Vielleicht fehlte ihm ja für Oper im Studio die Inspiration.


    Gemessen an der Zahl seiner Aufnahmen scheint mir Haitink gar nicht so "unbeachtet", um den zentralen Gedanken von Bertarido aufzugreifen. Man braucht einige Zeit, um allein die aktuellen Angebote bei unseren Werbepartnern JPC und Amazon zu sichten. Es ist für mich aber nichts dabei, was ich, angeregt durch dieses Thread, sofort hätte haben wollen.


    Gruß Rheingold

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Seinen Wagner aus dem Studio finde ich uninspiriert bis langweilig. Die Besetzung ist oft grenzwertig.


    Dann sind wir schon zwei. Gott sei Dank habe ich "Tannhäuser" oder den "Ring" nicht unter Haitink kennengelernt. Besser gelungen sind "Die Meistersinger", aber die sind auch live.



    Ein großer Wagner-Dirigent ist Haitink für mich trotzdem nicht.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Ein großer Wagner-Dirigent ist Haitink für mich trotzdem nicht.


    Dafür ein großer Bruckner-Dirigent (für mich jedenfalls). :pfeif:



    Ich zeige eben zwei grandiose Aufnahmen:



    Möchte beide nicht mehr missen.

    Einer der erhabensten Zwecke der Tonkunst ist die Ausbreitung der Religion und die Beförderung und Erbauung unsterblicher Seelen. (Carl Philipp Emanuel Bach)

  • Von Referenz würde ich dennoch nicht sprechen, weil mir dieser Begriff suspekt erscheint. Wer legt das fest? Wer bestimmt die Regeln? Wenn ich richtig informiert bin, geht die derartige Begrifflichkeit ja auf eine Musikzeitschrift zurück. Was ist uns nicht alles als Referenz untergejubelt worden mit den Jahren? Nach meiner festen Überzeugung bestimmt jeder für sich selbst, was Referenz ist.


    Das ist auch mein Eindruck. Nicht umsonst habe ich den Begriff in Anführungszeichen gesetzt.

  • Ich habe irgendwann auch diese Kassette mal weiterverkauft, möglicherweise sogar an ein Taminomitglied


    Wenn ich das noch richtig erinnere, habe ich die Box vor Jahren von Dir erworben (kann mich da aber auch täuschen).


    VG
    Frank

  • Wenn ich das noch richtig erinnere, habe ich die Box vor Jahren von Dir erworben (kann mich da aber auch täuschen).


    Dann müssten wir uns beide täuschen. Ich habe es auch so in Erinnerung. :D:hello:

  • Wie schon weiter oben erwähnt war eine der beachtetsten Einspielungen Haitinks jene Bruckner-Sinfonien -Einspielung für Philips, der man bei ihrem Erscheinen - und auch Jahre danach - Referenzstatus ex equo mit der ebenfalls legendären Jochum-Aufnahme (DGG) zugestand. Ich erinnere mich auch einen Mahler-Zyklus, ebenfalls für Philips der mit der DGG konkurrierte. Ich bin mir auch ziemlich sicher, daß die Aufnahme der Kindertotenlieder mit Hermann Prey von ihm dirigiert wurde. 1985 erschien anlässlich der 50 Jahr Jubiläums des Glyndebourne - Festivals eine damals sehr gepushte und von der Kritik wohlwollend beurteilte Gesamtaufnahme von Mozarts "Don Giovanni" mit Thomas Allen in der Titelrolle. Vielleicht ist es das "Problem" Haitinks, daß er eigentlich vielbeschäftigt war und es von vielen Schlüsselwerken mehrere Aufnahmen gab und er sich zudem nicht spezialisierte. Über seine Schostakowitsch-Aufnahmen beispielsweise hörte man im Forum seinerzeit nicht viel Gutes, was allerdings nicht überbewertet werden sollte.
    Haitink ist IMO ein guter Dirigent, kein "Blender" oder "Charismatiker", er vermittelt keine "neuen Erkenntnisse", bzw versucht es auch gar nicht. Das kann man als Nachteil, aber auch als Vorteil sehen. Allgemein wird immer wieder verlangt, ein Dirigent möge dem Werk dienen - und tut er es , dann wird er von der Kritik meist "übersehen".


    mfg aus Wien
    Alfred

    Ich bitte alle Mitglieder, die über 25 Beiträge verfasst haben und noch keinen AVATAR besitzen

    sich im Thread Baustelle Avatarpool neu einen auszusuchen und am Threadende (gaaaanz weit untenI zu bestellen

  • Über seine Schostakowitsch-Aufnahmen beispielsweise hörte man im Forum nicht seinerzeit nicht viel Gutes, was allerdings nicht überbewertet werden sollte.


    Meine Favoriten-Aufnahme für die Sinfonie Nr.8 ist immer noch die DECCA-Aufnahme mit HaitinK / CGO
    (das gilt lange nicht für die anderen Sinfonien).

  • Ich erinnere mich auch einen Mahler-Zyklus, ebenfalls für Philips der mit der DGG konkurrierte.


    Wie das? Als Haitink an seinem Mahler-Zyklus arbeitete gab es als Konkurrenz nur Solti/Decca und Bernstein/CBS, der bekanntlich als erster durchs Ziel ging ...

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Meine ersten Schostakowitsch-Dirigenten waren Kondraschin und Swetlanow auf LP - meist Eurodisc ! :angel: Ein glänzender Anfang !
    Damals wusste ich ja noch nicht, dass diese die massstabsätzenden Aufnahmen sein werden ... aber wenn dann Anfang der 80er ein Dirigent wie Bernhard Haitink einige fast ebenso mitreissende und angemessene Interepretationen auf den ersten Schostakowitsch-CD´s = DECCA ablieferte, dann ist das schon was ganz Grosses.


    Natürlich hat mich damals zunächst die umwerfende Decca-CD-Klangtechnik total begeistert, von der ich mich in erster Linie fastzineren lies - und dann das glänzende LSO und CGBO Amsterdam.
    Haitink stand ja nachvollziehbarerweise nicht hinter allen 15 Schostakowitsch-Sinfonien - und das hört man deutlich; hat aber im Rahmen der GA alle aufgenommen.
    :thumbup: Seine Aufnahmen der Sinfonien Nr.8 (ich finde eine der Besten Schost.8), Nr.4, 7, 11, 12 sind die herausragendem aus seinem Zyklus.
    :| Nr.5, 9 und 10 empfinde ich als nicht so stark, sondern eher zu klassisch konservativ und lassen es an Doppelbödigkeit vermissen. Meine heissgeliebte Fünfte ist im ersten Satz viel zu langsam und verliert auch insgesamt in allen Sätzen an Spannung.


    Damals in den 80ern gab es zunächst nur die Decca - Einzelaufnahmen, von denen ich die o.g. habe - aber diese 8te ist IMO die Beste von Haitink:
    -->
    Decca, 1982, DDD


    -->
    Decca, 1980, 1983, DDD

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Meine Klassikanfänge waren die sinfonischen Dichtungen von Franz Liszt in den Haitink-Aufnahmen mit dem LSO in der Philips-LP-Box.
    Die sind mir bis heute (natürlich nun auf CD) lieb geblieben und werden gerne gehört.


    +
    Philips, 70er, ADD



    Als Alternative zu den grossen Richter/Kondraschin-Aufnahmen (Philips) der Klavierkonuerte Nr. 1und 2 kaufte ich mir diese Brendel/Haitink-Version, die auch den Totentanz für Klavier und Orchester enthält. Bei den KK nicht so umwerfend, wie die Erstgenannten aber angemessen. Die CD hat sich jedenfalls nach ca 20Jahren immer noch in meiner Sammlung gehalten; bei Nichtgefallen wäre sie längst eliminiert ...



    Philips, 1972, ADD



    Wenn ich recht überlege war es das aber auch mit Haitink ...
    die Brahms - Sinfonien fand ich nicht überzeugend, die Dvorak - Serenaden Nr.1 und 2 gelangen ihm soetwas von fad (man höre Kertesz dagegen) .

    Noch eine habe ich gefunden - das Brahms - VC mit Szeryng/Haitink halte ich für eine gute Aufnahme; gekoppelt mit dem Doppelkonzert mit Starker/Szeryng/Haitink. Aber auch im Falle des VC finde ich u.a.Szeryng/Monteux (RCA) und beim Doppelkonzert Fournier/Walter (CBS) ungleich packender gelungen.


    Ich sag´s ganz kurz und bündig: Haitink zeigt mir insgesamt zu wenig Emotionen ... er ist mir zu "klassisch normal" und bleibt bei weitem Repertoire für meinen Geschmack zu sehr auf dem Teppich.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Um am Ende dann aber doch noch eine persönliche Referenz zu nennen: Seine Aufnahmen der Klavierkonzerte von Rachmaninoff mit Ashkenazy haben mich von Anfang an begeistert und sind bis heute meine liebsten, zumal sie - Decca sei Dank - auch aufnahmetechnisch top sind:


    Hallo Bertarido,


    diese Aufnahmen der Rachmaninoff-Klavierkonzerte mit Ashkenazy/Haitink waren gutes und TOP klingendes Decca-Material, mit dem ich selber auch beinahe Jahrzehnte zufrieden war - Du wirst lachen - ich habe die beiden CD´s mit den KK Nr.1, 3, 4 nicht mehr ! Nur die mit Nr.2 und den mit Ashkenazy fabelhaften Paganini-Var.


    Seit ich Wild/Horenstein (Chesky und Chandos) gehört habe, sind mir fast alle Anderen zu konservativ normal und können kein wirkliches Interesse mehr auslösen ...
    in der Richtung solltest Du mal reinhören - :hail: der Wahnsinn!

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Seit ich Wild/Horenstein (Chesky und Chandos) gehört habe, sind mir fast alle Anderen zu konservativ normal und können kein wirkliches Interesse mehr auslösen ...
    in der Richtung solltest Du mal reinhören - der Wahnsinn !


    Hört sich vielversprechend an - die Aufnahmen werde ich bei Gelegenheit mal erwerben, auch wenn ich von Chandos hinsichtlich der Klangqualität bislang nicht so angetan war.


    Das Orchester in den von Dir genannten Aufnahmen (Schostakowitsch, Liszt) ist aber nicht das LSO (=London Symphony), sondern LPO (=London Philharmonic).


    Ich höre nach längerer Zeit gerade einmal wieder die Gesamtaufnahme der Vaughan-Williams-Symphonien mit Haitink (auch mit dem LPO), die mir immer noch sehr gut gefällt.


    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Ich kenne zwar nicht viel davon, aber die Mahler- und Bruckner-Einspielungen waren meiner Erinnerung nach im analogen und frühen Digitalzeitalter ganz klar bei den "Referenzen", wenn auch vielleicht nie "Kult" (wie Bernstein bei Mahler oder Wand bei Bruckner). (Klanglich und vom Orchesterspiel ist Haitinks Bruckner meiner Erinnerung nach erheblich besser als Wand/Köln.)


    Ebenso evtl. eine Anzahl von Aufnahmen anderer Musik der (Spät)romantik, zB Brahms und Strauss. Der Schostakowitsch-Zyklus war der erste "westliche" in entsprechender Klangqualität, daher noch in den frühen 1990ern nahezu konkurrenzlos (wenn klangliche Qualität im Vordergrund stand), wobei die Aufnahmen schon damals teilweise als nicht sehr idiomatisch galten und Haitink wohl selbst eingeräumt hat, einige Stücke nur der Vollständigkeit halber eingespielt zu haben.


    Seither hat sich gerade bei Bruckner, Mahler, Schostakowitsch natürlich die Anzahl der Einspielungen vervielfacht und diese neueren Aufnahmen bieten typischerweise noch bessere Klangqualität. Und es sind auch mehr ältere Aufnahmen leicht zugänglich. Um 1990s waren Philips/Decca-Aufnahmen sehr viel leichter zu haben (normalerweise einfach ins Geschäft gehen und kaufen) als Melodiya o.ä.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ich sag´s ganz kurz und bündig: Haitink zeigt mir insgesamt zu wenig Emotionen ... er ist mir zu "klassisch normal" und bleibt bei weitem Repertoire für meinen Geschmack zu sehr auf dem Teppich.

    Hallo Wolfgang,


    genau das ist seine ganz, ganz große Stärke, wie ich es im Konzert in Chicago live von ihm erleben konnte. Im Programmbeiheft sprach er sich gegen das "overemphasising" aus!



    Seit ich Wild/Horenstein (Chesky und Chandos) gehört habe, sind mir fast alle Anderen zu konservativ normal und können kein wirkliches Interesse mehr auslösen ...

    Das ist Rachmaninow mit "overamphasising", mit virtuosem Knalleffekt! :D Genau deshalb ziehe ich Haitink/Ashkenazy vor - das ist idiomatisch einfach in jeder Hinsicht treffend!


    Von Haitink meine eindeutige Referenz ist Daphins et Chloe von Ravel - auch seine späte Aufnahme der 4. Mahler habe ich noch zu hören. Da werde ich noch berichten! :hello:


    Schöne Grüße
    Holger

  • genau das ist seine ganz, ganz große Stärke

    Hallo Holger,
    wenn Du das so empfindest ist das ja für Dich in Ordnung, aber nicht allgemeingültig !


    Ich finde ein Dirigent sollte das höchstmöglich Machbare aus einer Partitur herausholen. Und wenn er sagt, dass er das nicht machen will, dann hat sich das für mich eigendlich schon erledigt ...
    Wenn Du damit auskommst und das noch als Stärke empfindest, dann sei Dir das unbenommen ...



    Das ist Rachmaninow mit "overamphasising", mit virtuosem Knalleffekt!

    Nein, das stimmt total nicht. Das sind die Referenzaufnahmen, die schon vom Tempo her nah an den Rachmaninoff-Eigenen Aufnahmen angesiedelt sind; total kurzweilig ohne unnötige Gefühlsduselei, richtig - hochvirtuos von Earl Wild und orchestral megapackend von Horenstein dargeboten. Die Rach-KK und besonders das KK Nr.3 ist in dieser Aufnahme deutlich in meiner Gunst gestiegen. Dagegen verblasst alles Andere.


    Diese grossartigen Wild/Horenstein-Aufnahmen waren mir seinerzeit von Michael Schlechtriem (der ja leider nicht mehr bei Tamino weilt) empfohlen worden.
    Aber das ist ja hier bereits OT und dazu sollte man jetzt nichts mehr schreiben.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Nein, das stimmt total nicht. Das sind die Referenzaufnahmen, die schon vom Tempo her nah den von Rachmaninoff-Eigenen Aufnahmen angesiedelt sind; total kurzweilig ohne unnötige Gefühlsduselei, richtig - hochvirtuos von Earl Wild und orchestral megapackend von Horenstein dargeboten. Die Rach-KK und besonders das KK Nr.3 ist in dieser Aufnahme deutlich in meiner Gunst gestiegen. Dagegen verblasst alles Andere.


    Rachmaninow kurzweilig und ohne Gefühlsduselei: das ist einfach kein Rachmaninow, sondern einer, der auf Anti-Rachmaninow getrimmt ist. (Die Wild Aufnahme ist zweifellos sehr gut, aber eben letztlich doch nicht so ganz Rachmaninow-idiomatisch!) :D :hello:


    Schöne Grüße
    Holger

  • Ich hoffe, Norbert wird es mir verzeihen, wenn ich seinen Beitrag aus der "ich höre gerade"-Rubrik entführe. Ich finde den Hinweis auf die mir bislang unbekannten Tschaikowski-Aufnahmen von Bernard Haitink sehr interessant:


    Ich höre gerade die ersten beiden Sinfonien von Tschaikowsky in dieser für mich sehr gelungenen Interpretation:



    Haitink bietet die richtige Balance aus Temperament und Sorgfalt, gepaart mit hervorragendem Orchesterspiel.

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Ich hoffe, Norbert wird es mir verzeihen, wenn ich seinen Beitrag aus der "ich höre gerade"-Rubrik entführe. Ich finde den Hinweis auf die mir bislang unbekannten Tschaikowski-Aufnahmen von Bernard Haitink sehr interessant:


    Die habe ich, lieber Bertarido! Ausgezeichnet! Die 1. z.B. gefällt mir mit Haitink am besten - ich stelle sie vor Karajan und Abbado! :hello:


    Schöne Grüße
    Holger

  • Ich hoffe, Norbert wird es mir verzeihen, wenn ich seinen Beitrag aus der "ich höre gerade"-Rubrik entführe. Ich finde den Hinweis auf die mir bislang unbekannten Tschaikowski-Aufnahmen von Bernard Haitink sehr interessant:


    Es sei Dir verziehen, lieber Bertarido ;) .
    Meine kurze Beschreibung passt für alle Sinfonien.
    Tschaikowskys Sinfonien laden zu "übermäßigen Knalleffekten" (4. Sinfonie, Kopfsatz, Finale) oder Sentimentalitäten ("Pathétique") ein. Haitink verzichtet auf solche Mätzchen und zeigt, dass - wie so häufig - weniger mehr sein kann.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Ich werde das große Vergnügen haben, den Maestro am 19. 6. 2016 live in der Kölner Philharmonie mit meiner Lieblingssinfonie von Gustav Mahler, der Dritten, zu erleben. Mit dabei ist das RSO des Bayerischen Rundfunks. Den Solopart wird die Altistin Gerhild Romberger singen. Gut drei Monate vorher werden wir alle, falls wir noch dabei sind, ihm zum 87. Geburtstag gratuleiren können.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Obwohl teleton auf die Liszt-Aufnahmen hingewiesen hat, sei mir gestattet, sie noch einmal zu nennen.



    Ich meine, Haitink ist hier wie kaum ein anderer der musikalischen Struktur dieser Werke gerecht geworden. Ich kann nachvollziehen, dass das manchem zu wenig ist, aber man darf nicht vergessen, welchen großen Gefallen Haitink hier Liszt getan hat, indem er ihn vom Knall-Effek-Komponisten abrückte. Das halte ich bei aller Subjektivität der persönlichen Empfindung für eine solche Aufnahme für ein durchaus objektives Kriterium, um sie positiv zu bewerten. Man kann das durchaus mit Brendel vergleichen (der allerdings noch etwas früher angefangen hatte, Liszt zu rehabilitieren). Ich finde nicht alle sinfonischen Dichtungen gleich gut gelungen, aber was Haitink hier auf CD gebannt hat, ist eine ganz bestimmte Lesart, auf die andere in der ein oder anderen Weise (z. B. auch durch bewusste Absetzung von einer solchen Lesart) Bezug nehmen.

    Mit bestem Gruß
    JLang

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)


  • Eine Aufnahme (Konzertmitschnitt), bei der einfach alles stimmt: Das Concertgebouw-Orkest beherrscht alle wechselnden Mahler-Töne von einschmeichelnd, derb bis leidenschaftlich-schmerzvoll, eine ungewöhnlich engagiert singende Christine Schäfer (eine der allerbesten Gesangsleistungen beim "himmlischen Leben"), Haitink gelingt die perfekte Balance von Expressivität und Klassizität. Dazu ist auch noch die Aufnahmetechnik toll. Dieser Mitschnitt gehört ab jetzt zum exklusiven kleinen Kreis meiner Referenzen... :)

    Schöne Grüße
    Holger

  • Täusche ich mich, oder ist Bernhard Haitink mittlerweile (fast) der letzte aus der Dirigenten-Riege der "großen, alten"? Mir fällt kein anderer ein - ach doch: von Dohnanyi und Blomstedt. Aber dann wird's eng... zumindest bei denen, die noch regelmäßig ernsthaft dirigieren (deswegen kann man z.B. Ozawa und Levine leider nicht mehr dazu zählen).

    Herzliche Grüße
    Uranus

  • Ozawa und Levine wollte ich gerade nennen, aber, lieber Uranus, die hast Du noch editiert... ;)


    Dann fallen mir spontan Riccard Muti (*1941), Charles Dutoit (* 1936) oder Zubin Mehta (*1936) ein. Im "Rentenalter" befinden sich z.B. Jiří Bělohlávek (* 1946) oder Daniel Barenboim (* 1942).

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler