Zweite Rollen für Tenor

  • Angeregt durch eine Bemerkung im Thread "Neue Stimmen" würde mich interessieren, welche Rollen die Opernfreunde unseres Forums als interessanteste Zweitrollen bezeichnen würden. Als Stimmlage möchte ich Tenor vorschlagen. Nicht gemeint sind klassische Buffo-Rollen. Ausschließen möchte ich auch diverse Belcanto-Opern, in denen oft etliche beinahe gleichwertige Tenor-Rollen existieren (Rossini-Otello usw.). Ich meine Klassiker von Verdi, Puccini, Wagner etc. Gibt es darin für junge Tenöre Rollen, die zwar nicht zu den Hauptpartien zählen, dennoch dazu geeignet sind, auf sich aufmerksam zu machen?

    Was meint ihr?

  • Als Strauss-Liebhaber wären da bei mir z.B.


    der Orest in Elektra

    der italienische Sänger im Rosenkavalier

    evtl. auch der Narraboth in der Salome


    Wären das so Gestalten in Deiner Vorstellung? Oder ist der Narraboth eher eine erste Rolle? Nur zur Einordnung wäre Deine Meinung wichtig, sonst würde ich vielleicht noch den Steuermann aus dem Holländer nennen. Es gäbe viele, den Harlekin im Bajazzo mit Sicherheit, den Cassio auch noch.

    Von den Höflingen im Rigoletto würde ich z.B. den Borsa nicht anführen wollen, der hat ja keinen Auftritt, wo er sich empfehlen könnte. Wäre das auch Deine Meinung??


    Herzlichst La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Lieber greghauser, dann möchte ich auch den Cassio aus Othello und den Macduff aus Macbeth nennen. Bei Wagner würde mir noch der Erik aus dem fliegenden Holländer einfallen.

  • Danke für die ersten Antworten.

    Ja, so habe ich mir das vorgestellt.


    Allerdings bei Macduff ist schon die Frage, ob das nicht eine tenorale Hauptrolle ist, denn alle großen Fachvertreter hatten das im Repertoire. Vielleicht eher der Malcolm? Und statt Erik würde auch ich für den Steuermann plädieren.


    Borsa sehe auch ich als nicht sehr profitable Rolle an.


    Was ist mit Arturo aus "Lucia"? Kann man den innerhalb der Oper raushören?

  • Raushören kann man den Arturo schon. Immerhin hat er ein kurzes Arioso und ein ebenso kurzes Dutt mit Enrico.

    Außerdem fällt mir noch der Ismaele in "Nabucco" ein

    Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe (Tagore)

  • Wie steht es mit Jaquino im "Fidelio"?

    Daazu noch Jopas und Hylas aus Berlioz´"Troyens".

    Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe (Tagore)

  • Ich finde es schon erstaunlich, dass unter dieser Fragestellung zuallererst eine Bariton-Rolle genannt wurde...


    Abgesehen davon würde ich den Oberon in Webers "Oberon" sowie den Lorenzo aus "Fra Diavolo" nennen wollen. Lorenzo ist natürlich auch eine Hauptpartie, aber trotz der anspruchsvollen Arie ganz klar die Nummer 2 der Tenöre dieser Oper.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Wenn die Kriterien, wer erster und wer zweiter Tenor ist, genauer definiert wären, wäre mir bei Jenufa sehr geholfen. Was macht man mit Laca und Stewa?

    Orfeo wünscht euch allen, dass ihr gesund bleibt

  • Wenn im "Nabucco" der Ismaele die 1. Rolle ist, so wäre der Abdallo die 2.


    Erich

    Meine Meinung steht fest. Bitte verwirren Sie mich nicht durch Tatsachen.

  • In der Jenufa würde ich zu Laca tendieren, weil Stewa im 3. Akt nicht mehr vorkommt und Laca und Jenufa eines der großartigsten Schlussduette singen, die es in der Opernwelt gibt.

    Interessant ist Monteverdi, weil es erste Tenöre eigentlich gar nicht gibt. "Ulisse": der Tenor ist Telemaco, das ist aber keine Hauptrolle (ich habe eine Video-Aufzeichnung einer Harnoncourt-Einspielung, bei der Jonas Kaufmann den Telemaco singt - ein lyrischer Tenor vom Singen und Spielen her ausgezeichnet - auch von da denke ich, dass er seine Stimme danach ruiniert hat).

    Im Orfeo singen ein paar Hirten schöne Solopartien (Francisco Araiza!!), aber eine richtige Rolle ist nicht dabei. In der Poppea wird schon mal Nero als Tenor besetzt, meist aber mit Alt oder Counter

    Owe, war sint verswunden alliu miniu jar! Ist mir mein leben getroumet, oder ist es war? (Walther von der Vogelweide)

  • Wenn die Kriterien, wer erster und wer zweiter Tenor ist, genauer definiert wären, wäre mir bei Jenufa sehr geholfen. Was macht man mit Laca und Stewa?

    ... und wer ist in DAPHNE der 1. und wer der 2. Tenor?


    In der ÄGYPTISCHEN HELENA ist die Hierarchie schon klarer.
    Da-Ud müsste sich wohl mit der Rolle als Zweiter begnügen.

    in der LIEBE DER DANAE ist wohl Midas der 1. und Merkur der 2. Tenor.

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Im "Tristan" gibt es gleich zwei Tenor-Nebenrollen, die der männlichen Hauptrolle zumindest zwischenzweitlich die Show stehlen können und ihm das Leben schwer machen können. Wenn der junge Seemann von einem besonders guten lyrischen Tenor gesungen wird (wie seinerzeit etwa in Bayreuth vom jungen Peter Schreier) wird der Erwartungsdruck auf den Haupttenor riesig und zumindest seiner ersten Szene auf Deck kann er einen richtig guten jungen Seemann kaum vergessen machen.

    Zu Beginn des 3. Aktes gibt es eine weitere Tenor-Rolle, den Hirten - wenn der besonders edel besetzt ist, misst man die vielen Töne von Tristans Fieberfantasien womöglich auch an dem Wohlklang des Hirten. Anfang bis Mitte der Neunziger war Pär Lindskog als Hirt ein absolutes Ereignis. Glücklicherweise hatte auch der Tristan Heikki Siukola genug Saft in der Stimme. Wenn dann noch die Premierenbesetzung Kurwenal Knut Kram angesetzt war, wurde der Beginn des 3. Aktes zum skandinavischen Gipfeltreffen: Norwegen (Skram), Schweden (Lindskog) und Finnland (Siukola) - und der Hirt sang hier absolut auf Augenhöhe mit den beiden anderen. Vielleicht ruhte in dieser Konstellation meine gewisse Vorliebe für skandinavische Stimmen (etwas im Gegensatz zu vielen russischen oder bulgarischen Stimmen, Ausnahmen bestätigen die Regel). Ich empfinde skandinavische Stimmen häufig als besonders saftig und leuchtend, nur selten als eng und gepresst.


    Unabhängig davon sind sowohl der junge Seemann als auch der Hirt (wenn er nicht mit einem abgesungenen Greis besetzt wird) gleich zwei Partien, in denen ein junger Nachwuchssänger durchaus großen Eindruck machen kann.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Danke für die vielen Antworten.


    Puccini hat wenig für zweite Tenorrollen geschrieben.

    Da gibt es einen Minister in "Turandot", der gemeinsam mit seinen Mitstreitern wundervolle Klänge produziert.

    Am Beginn von "Manon Lescaut" hebt Edmondo zu melodiösen tenoralen Versuchen an.


    Aber Prunier in "La Rondine" - der hat wirklich schöne Stellen zu singen (Duett und sogar eine halbe Arie).

  • ... und wer ist in DAPHNE der 1. und wer der 2. Tenor?

    Das ist ja wirklich interessant. Strauss, der als Nicht-Tenorfreund gilt, hat hier zwei größere Rollen eingebaut. In anderen Opern von ihm gibt es gar keine richtige Tenorrolle. Gilt nicht der Apollo als erste der beiden Tenorrollen?

  • In anderen Opern von ihm gibt es gar keine richtige Tenorrolle.

    In welchen Strauss-Opern gibt es denn keine "richtigen" Tenor-Rollen? Selbst die "Elektra" hat zwei Tenor-Rollen, wenn auch kurze, aber trotzdem "richtige", was insbesondere für den Aegisth gilt, der eine ganz wichtige Farbe hinzugibt.

    Gilt nicht der Apoll als erste der beiden Tenorrollen?

    Ich sehe das auch so, auch wenn der Abstand zwischen beiden Rollen nicht sehr groß ist.


    Klarer ist die Sache bei "Capriccio": die erste Tenor-Rolle ist der Flamand, die zweite der Italienische Tenor, der meines Erachtens durchaus sehr gut in dieses Rubrikthema passt.


    Friedenstag ist zwar ohne große Tenorhauptrolle, die erste, größte ist sicher der Bürgermeister, denn gibt es noch den Schützen und vor allem den jungen Piemonteser, der gut in diese Kategorie passt.


    In "Salome" ist es - nach dem Herodes - der Narraboth.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Im Rheingold tu ich mich etwas schwer:

    Nehme ich Loge als gesetzten 1. Tenor,

    wem gebührt dann die 2?

    Mime?

    Froh?

    Freundliche Grüße Siegfried

  • In welchen Strauss-Opern gibt es denn keine "richtigen" Tenor-Rollen? Selbst die "Elektra" hat zwei Tenor-Rollen, wenn auch kurze, aber trotzdem "richtige", was insbesondere für den Aegisth gilt, der eine ganz wichtige Farbe hinzugibt.

    "Richtige" Tenorrollen war natürlich ein falscher Terminus. Bei "Daphne" ist eben auffällig, dass es gleich zwei Tenorrollen gibt, von denen selbst der Leukippos (den wir übereinstimmend als "zweite Rolle" eingestuft haben) doch einiges mehr zu singen hat als jede Tenorrolle im "Rosenkavalier" (an diese berühmte Oper habe ich speziell gedacht, denn der "Sänger" ist schon ein Spezialfall) oder in "Elektra" oder in "Intermezzo" oder auch in "Arabella" (sind nicht Matteo und Elemer beides eher "zweite Rollen"?).


    Danke, Stimmenliebhaber und Siegfried für die Ergänzungen bezüglich Strauss, Mozart und Wagner.


    Wenzel in "Die verkaufte Braut" würde auch passen, oder?

  • Der ist leider Bariton oder Bassbariton!

    Verzeihung, ich meinte natürlich den Aegisth!!


    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Wenzel in "Die verkaufte Braut" würde auch passen, oder?

    Naja, du hattest ja so etwas merkwürdige Ausschluss-Kriterien getroffen, wie dass Buffo-Rollen tabu sind. Ist Wenzel nun eine "Buffo-Rolle" oder nicht? So klar lässt sich das meines Erachtens nicht entscheiden. Er hat sicher auch buffoneske Züge, ist aber doch weit mehr.

    Mein vorletzter live erlebter Wenzel war Benjamin Bruns vor anderthalb Jahren in Dresden, da passte das auf alle Fälle, da hatte es Pavol Breslik als Hans nicht so einfach, als wenn der Wenzel wirklich nur mit einem richtigen Buffo besetzt gewesen wäre.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Ist Wenzel nun eine "Buffo-Rolle" oder nicht? So klar lässt sich das meines Erachtens nicht entscheiden. Er hat sicher auch buffoneske Züge, ist aber doch weit mehr.

    Genau das waren auch meine Gedanken, deshalb habe ich ihn jetzt erst gebracht. Auf jeden Fall kann ein Wenzel im guten Fall auch tenoralen Schmelz verbreiten, wie du schön dokumentiert hast.

  • ... und wer ist in DAPHNE der 1. und wer der 2. Tenor?

    Wenn in einer Daphne Fritz Wunderlich den Leukippos singt und James King den Apoll, dan kann man wohl nicht entscheiden, daß einer davon die Hauptrolle singt und einer die Nebenrolle . Beide sind tragende Säulen dieser Oper.


    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.