Giacomo Puccini: Turandot - Unvollendetes Meisterwerk

  • Sagitt meint:


    das ist eine schöne Gelegenheit, der hunderste Beitrag, ihn meiner neuesten Entdeckung zu widmen.
    Turandot.
    Natürlich kannte ich vorher den Namen und nessun dorma ( wer nicht)
    Aber in diesen Werk habe ich mich erst sei kurzer Zeit vertieft und festzustellen, wie faszinierend es ist.


    Puccinis letztes Werk. Wenn man liest, er sei darüber verstorben, wird der Eindruck erweckt,ihm sei durch Tod die Vollendung unmöglich geworden. Aber Puccini arbeitete an Turandot seit 1920, hat immer wieder lange Zeit ausgesetzt, war von schwersten Schaffenskrisen gebeutelt und wusste einfach nicht, wie er das Werk zu Ende führen sollte. Ich weiss nicht,ob es ihm je gelungen wäre.


    Heute werden zwei Schlüsse gespielt. Einer von Alfano, der seit der zweiten Aufführung( die erste war von Toscanini da abgebrochen worden, wo der Komponist zu komponieren aufhörte) gespielt wird und mächtig/schwülstig ist und ein Ende von Berio ( der sich früher sehr abfällig über Puccini geäüßert hat).


    Zu den Interpretationen:


    a) visuell: ich kenne eine Aufführung der Met, Inscenierung Zefirelli mit Domingo, eine Aufführung aus Peking,Inscenierung Zang Mhiou und die Aufführung aus Salzburg,Inscenierung Poutney. Peking ist natürlich gigantisch, vor allem wenn man making off sieht. Metha sorgt für ordentlich musikalischen Bombast, die Solisten sind gut, aber keine Referenz, die Aufführung der MET deutlich weniger bombastisch,obwohl auch diese Inscenierung mit viel Aufwand arbeitet.
    Das tut Salzburg auch, aber es steht die IDEE dahinter, die Zeit zu inscenieren, in der Turandot entstanden ist- modern times.Der Schluß ist Berio, der ab 2001 immer öfter gespielt wird. Die Solisten in Salzburg sind gut, aber auch keine Referenz.


    b) akustisch. Die beste Turandot ist für mich eindeutig die Callas ( 1954). Das ist eine Turandot, vor der man sich fürchten muss. Ich habe von ihr auch die Arien der Liu- signore ascolta- die kein bisschen weniger großartig ist. Sonst Tebaldi, die frühe Caballé kenne ich nicht, vermute ich eine große Leistung. Pavarotti als Calaf ist ja weltweit bekannt. Er dehnt peinlich die hohen Töne( dabei sind diese gar nicht so hoch). Witzig Tauber 1928,eindrucksvoll Jussi Björling in einer Aufnahme mit Leinsdorf ( 1959). Insgesamt sehr mächtig auch Karajan (1981).Keiner macht das Finale des ersten Aktes so überwältig mächtig wie er, aber die Modernität des Stückes- Puccini achtete immer darauf, was gerade an musikalischen Entwicklungen dran war, er wollte nicht zum alten Eisen gehören- diese Modernität wird bei Karajan geglättet.


    Für mich sind die eindrucksvollsten " Stellen" das Finale des ersten Aktes, die drei Fragen im zweiten und die abschließende Arie der Liu mit der anschließenden Totenklage.


    Auf eine Bereichung durch Diskussion ist gespannt: Sagitt

  • Zitat

    Original von sagitt
    Puccinis letztes Werk. Wenn man liest, er sei darüber verstorben, wird der Eindruck erweckt,ihm sei durch Tod die Vollendung unmöglich geworden. Aber Puccini arbeitete an Turandot seit 1920, hat immer wieder lange Zeit ausgesetzt, war von schwersten Schaffenskrisen gebeutelt und wusste einfach nicht, wie er das Werk zu Ende führen sollte. Ich weiss nicht,ob es ihm je gelungen wäre.


    Das entsprach aber seiner üblichen Arbeitsweise.



    Zitat

    Heute werden zwei Schlüsse gespielt. Einer von Alfano, der seit der zweiten Aufführung gespielt wird und mächtig/schwülstig ist und ein Ende von Berio ( der sich früher sehr abfällig über Puccini geäüßert hat).


    Der Berio-Schluss ist erst vor wenigen Jahren entstanden und hat noch nicht die Verbreitung wie der Alfano-Schluss gefunden. Berio ging auch insgesamt viel freier mit dem zur Verfügung stehenden Skizzenmaterial um. Über die Qualität dieses Endes sage ich jetzt mal nix. - Ehrlicher dürfte das Alfano-Finale sein: Franco Alfano war umfangreich vertraut mit der Arbeitsweise des Luccesen, und hier waren Puccinis Familie und auch sein Verleger Ricordi sehr interessiert (Geld!) daran, die Oper mit einem fast echten Puccini enden zu lassen.



    Zitat

    Die beste Turandot ist für mich eindeutig die Callas ( 1954). Das ist eine Turandot, vor der man sich fürchten muss.


    In der Darstellung der Turandot ist die Callas in der Tat großartig - sie war eine meisterhafte Gestalterin ihrer Rollen. Leider hatte sie nicht die stimmlichen Qualitäten, die die Turandot fordert. (Aber das hat sie mit so ziemlich allen Sopranen gemeinsam, die sich gemeinhin in dieser Rolle blamieren. Die perfekte Turandot muss wohl noch geboren werden.)



    Zitat

    Insgesamt sehr mächtig auch Karajan (1981).Keiner macht das Finale des ersten Aktes so überwältig mächtig wie er, aber die Modernität des Stückes- Puccini achtete immer darauf, was gerade an musikalischen Entwicklungen dran war, er wollte nicht zum alten Eisen gehören- diese Modernität wird bei Karajan geglättet.


    Tja, leider... Karajan hat sich bei dieser Aufnahme zu sehr im Bombast gewälzt. Die Aufnahme ist "eindrucksvoll", aber damit wird er dieser Oper in keiner Weise gerecht, zumal er durch seinen Schwulst die Sänger (allen voran Ricciarelli, aber auch Domingo) mitunter stark überfordert: sie quälen sich durch die Rollen.



    Zitat

    Für mich sind die eindrucksvollsten " Stellen" das Finale des ersten Aktes, die drei Fragen im zweiten und die abschließende Arie der Liu mit der anschließenden Totenklage.


    Über die Ricciarelli als Turandot habe ich schon was gesagt: Blamabel. In diesem Zusammenhang muss ich auf eine Aufnahme, ein paar Jahre später, hinweisen: Maazel/Marton/Carreras/Wiener Staatsoper. Hier spielt die Ricciarelli die Liu, und zwar großartig! Die Beste, die ich kenne.


    Tja, diese Diskussion werde ich sicher noch ausführlich bereichern - immerhin wollte ich schon vor Wochen hier einen Turandot-Interpretationsvergleich starten. Dazu fehlt mir im Augenblick leider die Zeit. Ich werde hier aber schon mal mein Resumée verraten:


    Keine der verfügbaren Aufnahmen befriedigen insgesamt. Es gibt immer ein paar Highlights (Dirigate von Mehta (sowohl London als auch Peking/Florenz) und Leinsdorf, Turandots von Nilsson und Marton - in ihrer Art auch die Callas, Calafs von Corelli und Carreras, m.E. auch Pavarotti, die Liu der Ricciarelli und der Schwarzkopf...), aber eine ganzheitlich "perfekte" Aufnahme existiert nicht.


    Gruss,


    Hendrik

  • Sagitt meint:


    Es ist richtig, dass Puccini, je älter er wurde, desto weniger zügig komponierte, aber bei keiner Oper wie Turandot hat es solche Verzögerungen gegeben. Wahrscheinlich bei keiner anderen war Puccini so verunsichert, noch up tu date zu sein. Es wird ja in der Literatur vermutet, er habe nach dem Hören von Schönbergs Pierrot eine Art composers block gehabt.


    Zu den Interpretationen möchte ich schreiben, dass natürlich eine überall verlangte Turandot war ( mit Maazel ihr Debüt?), ich die Stimme aber ich nicht besonders schätze ( Frau Schnaut übrigens auch nicht). Callas hat die Partie ja in den fünfziger Jahren gesungen und strahlt eine Macht aus- das stelle ich mir unter Turandot vor- machtvoll und machtlüstern.


    Bei Aufnahme mit Maazel muss man bei Carreras erheblich Abstriche machen ( ich las irgendwo, dies sei eine Aufnahme kurz vor Ausbruch seiner Krankheit gewesen).


    Bei der Nilsson ( mit Leinsdorf) hätte ich eigentlich mehr Power erwartet.
    Also mir geht es auch so, eine ideale Aufnahme der Turandot kenne ich nicht und möchte noch dazu bemerken, dass die Aufnahmen aus Peking und Salzburg zwar optisch spannenst sind, aber stimmlich weniger befriedigen.

  • Zitat

    Die perfekte Turandot muss wohl noch geboren werden.


    Ich verweise da einmal ganz dezent auf Eva Turner: weit über allem, was ich in dieser Partie sonst noch kenne. Sie als Turandot live zu hören muss ein geradezu überwältigendes Erlebnis gewesen sein.



    Zitat

    Tja, leider... Karajan hat sich bei dieser Aufnahme zu sehr im Bombast gewälzt. Die Aufnahme ist "eindrucksvoll", aber damit wird er dieser Oper in keiner Weise gerecht, zumal er durch seinen Schwulst die Sänger (allen voran Ricciarelli, aber auch Domingo) mitunter stark überfordert: sie quälen sich durch die Rollen.


    Ob Karajans Puccini-Sichtweise den Werken gerecht wird, ist Ansichtssache. Solange die Besetzungen gut waren, hat sich darüber niemend beschwert, im Gegenteil! Meiner Meinung nach ist auch hier wie bei mehreren späteren Karajan-Opern das Orchester der eigentliche Star und liefert eine grandiose Vorstellung.
    Als HvK Ende der 70er auch die vierte große Puccini-Oper einspielen wollte, stand er vor dem Problem, dass es eigentlich keine Turandot gab, die optisch und stimmlich für Salzburg geeignet war. Er entschied sich dann eben für die Risiko-Variante Ricciarelli.
    Ich habe eine dunkle Erinnerung an ein Interview mit Katia Ricciarelli aus dieser Zeit. Als sie gefragt wurde, ob sie für Karajan die Turandot machen würde hat sie sofort mit großer Freude zugesagt, war aber natürlich überzeugt, als Liu engagiert zu werden. Als man ihr aber auseinandersetzte, nein nein - nicht Liu, Turandot!, war sie einigermaßen geschockt, denn natürlich hatte sie selbst niemals auch nur im Traum daran gedacht, jemals diese Rolle zu singen. Letztlich ließ sie sich doch dazu überreden, nicht ohne gehöriges Bauchweh bei der Sache zu haben, und sie versicherte dem Interviewer, dass sie ein derartiges Wagnis einzig und allein mit Karajan eingehen würde. Dieser hat es dann auch wirklich geschafft, sie über die Runden zu bringen (keine geringe Leistung!), aber mehr war es auch nicht - konnte es nicht sein. Gerade bei Turandot ist eben Stimme durch nichts zu ersetzen.


    Ciao

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von Theophilus


    Ich verweise da einmal ganz dezent auf Eva Turner: weit über allem, was ich in dieser Partie sonst noch kenne. Sie als Turandot live zu hören muss ein geradezu überwältigendes Erlebnis gewesen sein.


    Ja, so sagt man. (Ehrlich gesagt: ich hätte gerne mal wieder eine aktuell hörbare Turandot.)


    Zitat

    Ob Karajans Puccini-Sichtweise den Werken gerecht wird, ist Ansichtssache. Solange die Besetzungen gut waren, hat sich darüber niemend beschwert, im Gegenteil!


    Tja, man kritisiert halt nicht die Künstler mit den klangvollen Namen....


    Zitat

    Meiner Meinung nach ist auch hier wie bei mehreren späteren Karajan-Opern das Orchester der eigentliche Star und liefert eine grandiose Vorstellung.


    Ohja, Karajan wusste in der Tat ein Orchester zum Klingen zu bringen. Leider war er meistens daran interessiert, es schön klingen zu lassen und nicht so, wie die Komponisten es gerne hätten. - Na gut, es gibt ein paar Komponisten, die es wahrscheinlich tatsächlich so hätten klingen lassen, wie es Karajan dirigiert.


    Zitat

    Als HvK Ende der 70er auch die vierte große Puccini-Oper einspielen wollte, stand er vor dem Problem, dass es eigentlich keine Turandot gab, die optisch und stimmlich für Salzburg geeignet war.


    Das Problem hätten wir aktuell auch wieder.


    Zitat

    Er entschied sich dann eben für die Risiko-Variante Ricciarelli.
    Ich habe eine dunkle Erinnerung an ein Interview mit Katia Ricciarelli aus dieser Zeit. Als sie gefragt wurde, ob sie für Karajan die Turandot machen würde hat sie sofort mit großer Freude zugesagt, war aber natürlich überzeugt, als Liu engagiert zu werden. Als man ihr aber auseinandersetzte, nein nein - nicht Liu, Turandot!, war sie einigermaßen geschockt, denn natürlich hatte sie selbst niemals auch nur im Traum daran gedacht, jemals diese Rolle zu singen. Letztlich ließ sie sich doch dazu überreden, nicht ohne gehöriges Bauchweh bei der Sache zu haben, und sie versicherte dem Interviewer, dass sie ein derartiges Wagnis einzig und allein mit Karajan eingehen würde. Dieser hat es dann auch wirklich geschafft, sie über die Runden zu bringen (keine geringe Leistung!), aber mehr war es auch nicht - konnte es nicht sein.


    Au contraire! Karajan hat eben ausgerechnet dieses nicht geschafft. Die Ricciarelli ist von allen Turandots, die ich auf Schallplatte kenne (und das sind so ziemlich alle bedeutenden Stereoaufnahmen zzgl. der Callas-Aufnahme), die mit Abstand Blamabelste! Aber auch anderen Sängern in dieser Aufnahme ließ der gute alte Herbie keine Zeit zum Luftholen - praktisch alle Protagonistendarsteller waren mit seinem Dirigat hoffnungslos überfordert. (Komischer Gedanke: Diese Oper, von Karawahn dirigiert, ohne Sänger - das müsste großartig sein.) Off topic kommt in diesem Fall dazu, dass sich die DG keine große Mühe mit der Klangqualität gemacht hat - sie klingt für späte 70er Jahre schrecklich.


    Nochmal zur Ricciarelli: Ihre Stimme gilt gemeinhin als spitz oder grell, das hört man speziell in dieser Aufnahme deutlich. Sie quält sich eben mehr. - Wie wohltuend ist dagegen die nur wenige Jahre später entstandene Turandot mit Maazel, in der sie die Liu singt. Diese Darstellung der Rolle lässt mir allein beim Gedanken daran Gänsehaut entstehen... wohingegen einige andere Aspekte dieser Aufnahme leider mäßig sind...


    Gruss,


    Hendrik

  • Hallo!!!


    Möchte mich nun auch mal zu Turandot äussern!


    Turandot war mein Einsteig zu Puccini. Dann folgten Tosca, Madame Butterfly, Fanchiulla del West und La Boheme. Mehr hab ich noch nicht. ;( ;( ;(


    Turandot ist meine Lieblingsoper von Puccini. Die monumentalen Anfangsszenen und der Wahnsinnschluss, der komische Beginn des zweiten Akts und der ruhige Teil mit dem Nessun dorma, in Turandot ist alles dabei. Ich war fasziniert von der Grausamkeit der Turandot und von der Athmosphäre der Gewalt die im ersten Akt auf der Bühne herrscht. Ein für mich eindrucksvolles und einprägendes Ereignis. Die drei Komiker Ping, Pang und Pong sind für mich eine geniale Idee. Die Komiker, Überbleibsel aus der Commedia dell´ Arte, in so eine "brutale und gewalttätige" Oper einzubinden ist der Beste dramaturgische Einfall den ich in einer "ernsten" Oper kenne.


    Aufnahmen will ich keine empfehlen, da ich nur eine mit unbekannten rumänischen Sängern besitze. Aber eine mit Nilsson und di Stefano ist schon bestellt! :D :D


    Zu Nessun Dorma: Björling ist unübertroffen!!!!! :jubel: :jubel: :jubel:


    Die bekannteste Arie von Puccini. Der Großteil meiner Klasse kennt sie und das will was heissen. :D :D :D


    Mfg Joschi

  • Turandot ist meine Lieblingsoper von Puccini. Musikalisch. Inhaltlich ärgere ich mich immer über die egomanischen Protagonisten: Auch Calaf geht völlig skrupellos über Leichen (die potentielle seines Vaters und die von Liu) um Turandot zu kriegen. Ich habe die Aufnahmen mit Corelli/Nillsson/Scotto (mit Gänsehauteffekt in der Rätselszene) und Sutherland/Pavarotti/Caballé (insgesamt sehr gut besetzt; Pavarotti in einer seiner besten Aufnahmen).
    Letzhin habe ich mir die Agostini DVD zugelegt; ich hatte Marton aus einer anderen, ich glaube Wiener, Aufführung, in besserer Erinnerung; gut schlägt sich der mir bis dahin unbekannte M. Sylvester als Calaf.
    Die Inszenierung gefällt mir übrigens sehr gut.
    Besonders der groteske Aspekt der 3 Minister, die "mit Entsetzen Scherz treiben" und zwischen Komik und melancholie changieren ist gut gelungen. Der Beginn des 2. Aktes gehört auch zu meinen Lieblingsstellen.

    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha

  • Turandot könnte für mich die größte Oper aller zeiten sein, wenn da nicht der Schmarrn mit dem allzukitschigen Finale wäre. Allein die Polyrhtythmik und -harmonik im ersten Akt ist einfach genial. Die Rätselszene ist von einer solch packenden "Einfachheit". Es wäre einfach schön wenn das Finale auch nur annähernd mit dem mithalten könnte was vorher ( musikalisch ) passiert.

  • Lieber Sagitt ,
    für mich war und bleibt d i e Turandot-Aufnahme die mit Birgit Nilsson und Franco Corelli ( EMI ) .
    Grüsse
    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Eine wunderschöne Oper! Kenne die Karajan-Aufnahme (1981) sowie die mit Callas (1954) auszugsweise - haben beide was.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

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  • Der einzig legitime Schluss ist, das Finale einfach nicht zu spielen, wie es Toscanini bei der Uraufführung getan hat. Das Alfano-Finale (das noch dazu nahezu immer in der von Toscanini gekürzten Fassung gespielt wird) würde vielleicht zu einer um dreißig Jahre älteren Puccini-Oper passen, aber zur Turandot passt es einfach nicht. Es ist meiner Meinung nach ein zu großer Stilbruch, und wenn am Schluss die alte Leier, diese Kaiserhymne, wieder auftaucht, ist das nur noch zum :kotz:! Es ist doch unmöglich, dass nach allem, was im Schlussduett vorfällt, diese Hymne noch existiert!


    Das Berio-Finale trifft den Charakter besser, ist aber stilistisch ein noch viel größerer Bruch, also ebenfalls alles andere als gut, geschweige denn optimal.

  • Ich persönlich finde das Alfano-Finale eigtl. sehr ansprechend. :rolleyes: Suum cuique.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Ich muss ein wenig zur Ehrenrettung des Alfano-Finales beitragen. Alfano war ein sehr guter Komponist, der nur einen Nachteil hatte: Seine eigene Musik hat mit Puccini relativ wenig zu tun. Auch Alfanos veristisches Frühwerk orientiert sich nicht an Puccini, sondern geht zumindest in der Deklamation eigene Wege.
    Alfano war als Fertigsteller der "Turandot" nicht Puccinis Wahl. Puccini hätte in dieser Rolle lieber (bitte alle hinsetzen und fest anhalten) Franz Lehar gesehen. Da Ricordi aber einen Vertrag mit Alfano hatte und keinen mit Lehar, kam Alfano zum Zug.


    Jetzt kommt etwas, wovon ich ehrlich sagen muss, es ist Hörensagen: Angeblich hat Toscanini vom wesentlich weitläufigeren Finale alles weggestrichen, was Puccini an Klangpracht übertrumpft hätte. Es soll auch Retuschen in der Instrumentierung geben. Allerdings wurde das ungekürzte Alfano-Finale meines Wissens nach bisher nie aufgeführt.


    Das Berio-Finale ist eine freie Fantasie über Puccinis Themen aus der Sicht des modernen Komponisten. Der Stilbruch ist bewusst eingesetzt, es wird deutlich gemacht, dass es eben kein Puccini ist. Meiner Meinung nach ein interessanter Ansatz, der ein unbefriedigendes Ergebnis zeitigte.

    ...

  • Ein Wort zum Alfano-Schluss. Er wirkt nicht zuletzt auch deshalb ein wenig zusammengestoppelt, weil er nur eine Kurzfassung bietet. Der eigentliche Alfano-Schluß ist ca. 350 Takte länger, fand aber nicht Gnade vor Toscaninis Gehör, der, vom Verlag sekundiert, dem Komponisten eine kürzere Fassung befahl. Franco Alfano war stinksauer, fügte sich aber und strich seine Erstfassung ziemlich lustlos zusammen. Es wäre interessant, mal den vollständigen Schluss hören zu können. Doch selbst die handelsübliche Ricordi-Partitur bietet lediglich die Kurzversion.


    Florian

  • Kennt jemand von euch die Aufnahme mit Inge Borkh (Turandot), Mario del Monaco und Renata Tebaldi (Liu)? Ich habe neulich gelesen, dass es eine solche gibt.


    Meine liebste Aufnahme bisher ist auch die mit Nilsson und Corelli gewesen, obwohl das Zustandekommen etwas dubios war und die Aufnahme auch ein paar Wünsche offen lässt (Protagonisten, Orchester, Tontechnik).
    Seit einiger Zeit mag ich aber die scharfe Stimme der Nilsson nicht mehr so gerne hören. Außerdem habe ich bei ihr oft das Gefühl, dass die Tonhöhe nicht ganz stimmt. Bei allen anderen Sängerinnen, die sich an die Turandot gewagt haben, stimmt meist nur die der Spitzentöne nicht. Und bei Corelli habe ich auch so Phasen, in denen er mir mal mehr und mal weniger auf die Nerven geht mit seinem Nichtbeanspruchen aller Mundpartien, die weiter vorne liegen als der weiche Gaumen.


    Die Jones hätte mich wirklich mal interessiert. Leider finde ich keine Aufnahmen mit ihr.


    "http://www.youtube.com/watch?v=q6TfeTGKSFg

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Ich habe sie so gesehen:



    Die Tonqualität soll gut sein. Ob es sich um dieselbe Aufnahme handelt?

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Hallo,


    ich habe die Callas-Aufnahme und bin damit vollauf zufrieden, so dass ich mich nie so recht nach Alternativen umgesehen habe. Abgesehen von Callas (deren Turandot-Arie interpretatorisch genial, wenn auch stimmlich am Limit ist) schätze ich diese Aufnahme auch als Gesamtleistung: Ein guter, wenn auch eher unbekannter Calaf (Eugenio Fernandi) und eine Luxus-Liu in der Person von Elisabeth Schwarzkopf. Im Unterschied zu anderen ihrer Aufnahmen singt Callas hier einmal nicht alle anderen an die Wand, sondern es handelt sich um ein homogenes Ganzes.


    Daneben habe ich auch die Turandot-Arie in der Aufnahme mit Eva Turner auf einer CD EMI Great recordings of the century (Aufnahme von 1928 ), die glaube ich von Kesting als das non plus ultra gelobt wird. Das ist stimmlich schon mächtig, hat aber eben nicht die Spannung der Callas-Aufnahme.


    Beste Grüsse,


    Jürgen

  • Zitat

    Daneben habe ich auch die Turandot-Arie in der Aufnahme mit Eva Turner auf einer CD EMI Great recordings of the century (Aufnahme von 1928 ), die glaube ich von Kesting als das non plus ultra gelobt wird. Das ist stimmlich schon mächtig, hat aber eben nicht die Spannung der Callas-Aufnahme.


    Wäre ja auch ein wenig viel verlangt. Auf der anderen Seite, was braucht man da noch an Spannung? Beim Hören dieser Entladung vergisst man ohnehin selbst auf das Atmen...


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Ein Zitat aus dem Thread zum 99. Geburtstag von Herbert von Karajan:



    Besonders hervorgehoben seien die fett markierten Stellen.


    Ich frage mich als zugegebenermaßener (interessierter) Laie nun:
    Wieso nahm Karajan, der doch sicherlich um die stimmlichen Probleme seiner beiden wichtigsten Sänger wußte, gerade Ricciarelli und Domingo? 1981 wären doch auch die Sänger der 1972er Mehta-Aufnahme, Sutherland und Pavarotti, zur Verfügung gestanden.
    Kann mir jemand diesen "Fehlgriff" des Maestro erklären?


    Und wo sind diese "rhythmischen Unstimmigkeiten"?

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

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  • Zitat

    Original von Felipe II.


    Ich frage mich als zugegebenermaßener (interessierter) Laie nun:
    Wieso nahm Karajan, der doch sicherlich um die stimmlichen Probleme seiner beiden wichtigsten Sänger wußte, gerade Ricciarelli und Domingo? 1981 wären doch auch die Sänger der 1972er Mehta-Aufnahme, Sutherland und Pavarotti, zur Verfügung gestanden.


    Woher willst du das wissen? Erstens einmal hat Joan Sutherland nie in Salzburg gesungen. Zweitens war sie keine Turandot. Sie konnte sie zwar sehr gut singen, aber ich weiß nicht einmal, ob sie sie jemals auf der Bühne geboten hat, und wenn ja, dann mit Sicherheit nur sehr sparsam, aber ganz gewiss nicht mehr am Ende ihrer Karriere.


    Wir hatten das Thema schon einmal irgendwo. Katia Ricciarelli war sicherlich eine gewisse Verlegenheitslösung, wahrscheinlich ist da eine andere geplante Sängerin ausgefallen. Auf jeden Fall glaubte Frau Ricciarelli anfangs, man wolle sie für die Rolle der Liu engagieren und war nicht schlecht überrascht, dass sie die Hauptrolle übernehmen solle.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von Theophilus


    Woher willst du das wissen? Erstens einmal hat Joan Sutherland nie in Salzburg gesungen. Zweitens war sie keine Turandot. Sie konnte sie zwar sehr gut singen, aber ich weiß nicht einmal, ob sie sie jemals auf der Bühne geboten hat, und wenn ja, dann mit Sicherheit nur sehr sparsam, aber ganz gewiss nicht mehr am Ende ihrer Karriere.


    Wir hatten das Thema schon einmal irgendwo. Katia Ricciarelli war sicherlich eine gewisse Verlegenheitslösung, wahrscheinlich ist da eine andere geplante Sängerin ausgefallen. Auf jeden Fall glaubte Frau Ricciarelli anfangs, man wolle sie für die Rolle der Liu engagieren und war nicht schlecht überrascht, dass sie die Hauptrolle übernehmen solle.


    Wissen kann ich das nicht, nein; ich nahm nur die beiden der meines Wissens zeitnächsten großen Turandot-Aufnahme (und das war eben die 1972er, grad mal neun Jahre zuvor; wahrscheinlich gab es noch etliche Aufnahmen dazwischen ... :rolleyes: ).
    Aber darum geht es ja nicht in erster Linie. Ich fragte mich nur, wieso Karajan die Ricciarelli nimmt, wenn sie nicht dafür geschaffen ist. Gab es 1981 wirklich keine andere Sängerin, die in Frage kam? (Darum ging es mir in erster Linie.)


    Habe gerade einige Rezensionen zu der Aufnahme gelesen (u.a. von amazon.com). Ich weiß nicht, wie weit die Rezensenten Fachkenntnis haben, aber der überwiegende Teil sieht die Aufnahme positiv - trotz schwacher (oder sagen wir: ungewohnter) Turandot und einem Nicht-Vorzeige-Calaf.


    Da ich jetzt auch den Vergleich zur Mehta-Aufnahme habe, muß ich nach wie vor sagen: Orchester und Chor klingen mir bei Karajan besser! :)

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Zitat

    Original von Felipe II.


    Gab es 1981 wirklich keine andere Sängerin, die in Frage kam? (Darum ging es mir in erster Linie.)


    Es sieht fast so aus. Man hat sicher alle Möglichkeiten ventiliert und letztlich Frau Ricciarelli gefragt. Sie hat danach zugegeben, ein derart riskantes Experiment ausschließlich unter der Stabführung Karajans einzugehen bereit gewesen zu sein. Anfragen aus Salzburg hatten eben schon etwas sehr verlockendes....



    PS: Man kann natürlich in Sachen Stilistik unterschiedlicher Meinung sein, aber in meiner Erinnerung war der orchestrale Part ganz großartig. Über die Hauptdarstellerin kann man mehr oder weniger streng urteilen, aber gegen Domingo kann man eigentlich nicht viel sagen (und ich riskiere den Tipp, dass man Domingo nicht zuletzt aus optischen Gründen Pavarotti vorgezogen hat; ich bin auch nicht überzeugt, dass Pavarotti gesanglich nennenswert besser gewesen wäre).

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Ich habe mir gerade nochmal einige Stellen mit Domingo angehört, u.a. das Nessun dorma. Habe ihm bisher ein wenig Unrecht getan. Klingt auch fabelhaft.


    BTW: Das Alfano-Finale mit dem letzten Duett finde ich wirklich vorzüglich, kann die Kritik daran gar nicht nachvollziehen.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Zitat

    Ich habe mir gerade nochmal einige Stellen mit Domingo angehört, u.a. das Nessun dorma. Habe ihm bisher ein wenig Unrecht getan. Klingt auch fabelhaft.


    eben, wollts gerade schreiben. Ich habe Domingo auf DVD in der Met gesehen und das war hervorragend. Das Publikum flippt auch zu Recht völlig aus nach "Nessun Dorma"


    Ansonsten habe ich Turandot erst im Dezember in Zürich gesehen. Jose Cura war als Calaf sensationell. Elena Mosuc als Liu auch sehr schön, aber die Turandot mit Paoletta Marrocu war einfach nur laut.
    Die Inszenierung war ganz interessant- Calaf hat seine 3 Rätsel mit dem Laptop gelöst, was im Publikum nicht nur Begeisterung ausgelöst hat. Ansonsten war die Grundidee durchaus nachvollziehbar. Calaf bringt die moderne Welt nach China. 8)


    Zitat

    BTW: Das Alfano-Finale mit dem letzten Duett finde ich wirklich vorzüglich, kann die Kritik daran gar nicht nachvollziehen.


    Ich sehe das ähnlich, ich finde allerdings das bestimmte Themen ein bisschen zu oft zitiert werden. Es wäre aber sehr interessant, die Oper einem Puccinikenner vorzuspielen, der gar nicht weiss, dass der Schluss nicht von Puccini ist, ob dieser das wohl merken würde. ich denke beim ersten Hören wäre mir nichts aufgefallen (würde mich aber auch nicht als Kenner in dem Bereich bezeichnen).



    Gruss


    :hello: Syrinx

  • Zitat

    Original von Syrinx
    Es wäre aber sehr interessant, die Oper einem Puccinikenner vorzuspielen, der gar nicht weiss, dass der Schluss nicht von Puccini ist


    ob es einen kenner gibt der DAS nicht weis ?? :wacky:

    "Der moderne Komponist darf seine Werke einzig und allein auf der Grundlage der Wahrheit schreiben."
    Claudio Monteverdi


    "Der Komponist komponiert erstens für sich selbst und zweitens für das Publikum; aber für ein ideales Publikum und nicht für das...welches real existiert"
    Nikolai Rimski-Korsakow


    "Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche."
    Gustav Mahler

  • Zitat

    Original von Prometeo


    ob es einen kenner gibt der DAS nicht weis ?? :wacky:



    Sicher ist mir beim Lesen auch aufgefallen... Das ist ja sowieso hypothetisch, also stellen wir uns doch vor es wäre gar nicht bekannt.


    Gruss


    Syrinx :hello:

  • Zitat

    Original von Syrinx
    ich denke beim ersten Hören wäre mir nichts aufgefallen (würde mich aber auch nicht als Kenner in dem Bereich bezeichnen).


    Mir war es auch lange Zeit nicht bewußt, daß der Schluß nicht von Puccini ist (vor dem ersten Kontakt mit "Turandot" interessierte mich Puccini auch nicht, was ein Fehler war, wie ich heute weiß).
    Sicherlich, die Kaiserhymne am Ende nochmal mag etwas einfallslos erscheinen, aber sie klingt einfach phantastisch und monumental, als Abschluß einer solch schönen Oper durchaus würdig.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid




  • Die deutschsprachige Aufnahme des WDR ist jetzt endlich in einer


    vernünftigen technischen Qualität erschienen.


    :hello:Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • lieber Syrinx
    auch ich habe Turandot aus Zürich mit Cura und Mosuc gesehen.
    Ich stimme mit Dir in allem überein.
    Die Lösung mit dem Laptop finde ich gelungen.
    Und Cura! Wow!!!! Sensationell


    Rita

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