Früher war alles besser ... - die Alten leben hoch !!

  • ... zugegeben, mal wieder ein wenig zugespitzt formuliert, aber vielleicht doch wahr? ?(


    doch nun zum thema ..wie vielleicht einige wissen, beschäftige ich mich seit gut 2 jahren fast ausschließlich mit historischen aufnahmen (ich ziehe hier das ende um ca. 1950) und kaufe mehr oder weniger alles neu ... ich habe beglückende entdeckungen gemacht, werke (in facetten) neukennengelernt, gedacht, SO muß es sein, viele herausragende künstler, ob dirigenten, pianisten, violinisten, sänger/innen entdeckt und mich immer mehr betrübt gezeigt, was seit den letzten 30 jahren für ein abstieg stattgefunden hat. ;( X( ich kann bald keine neuen aufnahmen mehr hören.


    glücklicherweise ist die aufnahmequalität durch die remastering-verfahren teilweise verblüffend gut, tlw. gut erträglich und nur noch in ausnahmefällen wenig befriedigend. ein weiterer vorteil: die geringen preise. und die interpretationen .... seufzzzz


    wie seht ihr das? war früher wirklich alles besser, können heutige musiker kaum noch angemessen interpretieren, ist alles nur noch show und musizieren ohne gefühl und inhalt? oder ist meine frage nur die übliche, die immer wieder gestellt wird und den rückblick verklärend (a la 'die heutige jugend' ...)?


    ich bin gespannt ...



    ps: nur zur erläuterung .. dass es seit den letzten jahrzehenten und auch heute noch ausgezeichnete, berührende aufnahmen und musiker gibt, steht natürlich wie die feststellung, daß es auch schlechte alte interpretation gab, außer frage ... ich beziehe meine feststellung auf das 'allgemeine' ...


    :hello:

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • In dieser Pauschalität finde ich das wirklich unsinnig. Wie sieht's denn mit dem großen Feld der Musik vor ca. 1750 aus? Welche historischen Aufnahmen soll man da denjenigen aus den letzten 30-40 Jahren vorziehen? Oder geht's um das klassisch-romantische Standardrepertoire? Obwohl ich HIP nicht als alleinseligmachend ansehe - welche neuen Einsichten und Interpretationen haben wir dieser Bewegung auch für die Musik des späten 18. und des 19. Jahrhunderts nicht zu verdanken! Und die großartige Ausdifferenzierung der Interpretation in den letzten Jahrzehnten bei vielen Komponisten - ich nenne nur mal Mahler. Auch im Bereich der Kammer- und Klaviermusik kann ich einen Qualitätsrückgang nicht erkennen.


    Allenfalls im vokalen Bereich mag da was dran sein. Aber selbst hier scheint mir manchmal Autosuggestion mitzuspielen.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Als werdende Mitglied der Alten, das immerhin die darauf folgenden 50 Jahre fast vollständig mitbekommen hat, möchte ich differenzieren. Ich habe zwar die Zeit Deiner Cäsur nur relativ knapp noch erlebt, aber damals waren viele Deiner "Alten" noch jünger als ich es heute bin.


    Wie ich in dem Schellack-Thread über Frauenstimmen kürzlich geschrieben habe, wünschte ich mir sehr, dass man eine Art JURASSIC PARK für alte Aufnahmen schaffen könnte, d. h. aus deren DNA eine wirklich zeitgemäße (und den damaligen Darbietungen gerechte) Tonqualität zu rekonstruieren. Dein Lob auf die heutige Kunst des Remastering in allen Ehren, es hat wirklich hörbare Fortschritte gebracht, aber sie machen deswegen noch nicht den Unterschied unhörbar.


    Zudem hat die eng begrenzte Spielzeit einer Schellack-Platte dazu geführt, dass es praktisch nur Ariensampler und ein paar Duette gibt, zumal die Aufnahmetechnik bei Ensembleszenen in aller Regel überfordert war. Selbst ein Monsterwerk (für damalige Verhältnisse) wie DER ROSENKAVALIER Robert Hegers mit Lotte Lehmann und Elisabeth Schumann ist so brutal gekürzt, dass bei jedem Strich die Freude schon wieder vergeht, kaum dass sie aufgekommen ist. Mehr als allerhöchstens Querschnitte waren also so gut wie nie drin. Außerdem habe ich mit der etwas breiten Darstellung aller Beteiligter einige Probleme. Bei vollständigen Aufnahmen, und nur die wären eigentlich als gerechter Maßstab anzulegen, wäre die Spreu der damaligen Künstler sicher breiter als mit ihren Highlights, die man gerechterweise eigentlich nur mit zeitgenössischen Ariensamplern vergleichen sollte.


    Unbestreitbar ist, dass es früher Stimmen gab, von denen wir heute nur noch träumen können - jedenfalls in den schwereren Fächern. Belcanto- und Koloraturgesang haben sich dagegen m. E. erheblich verbessert (vielleicht eine zwaqngsläufige Kehrseite der Medaille?). Mir jedenfalls gelingt es selten für länger, das Gezwitscher der 30er und 40er Jahre länger mit ernster Miene zu hören. Da war sicher auch der Zeitgeschmack nicht unschuldig (Jeanette MacDonald galt ja auch mal als große Sängerin).


    Schließlich ist zu bedenken, dass aus dem, was Du mit der immerhin fast 50-jährigen Epocher der "Alten" umfasst, fast nur die Besten der Besten überlebt haben. Eine ähnlich stattliche Zahl und Qualität traue ich mir zu, auch aus den etwa fünfzig Jahren seither auch zusammenstellen zu können. Dann dürfte man wohl feststellen: Auf's Ganze gesehen waren die Alten nicht besser als die Jungen, nur anders. Ähnliches wird wohl auch für die Künstler der nächstens ca. 50 Jahre gelten.


    Wem allerdings besser gefällt, was früher anders war, der wird Dir fraglos Recht geben müssen.


    :hello: Rideamus

  • Jörg hat ja angemerkt, daß seine These ein wenig überspitzt formuliert war. In der Grundtendenz sind meine Hörgewohnheiten vergleichbar.


    Was das weite Feld der Musik vor 1750 betrifft, so ließ sich in der Tat in den vergangenen Jahren reiche Ernte einfahren. Dennoch sei die hervorragende Archiv-Reihe der DGG erwähnt. Bei weitem zwar nicht so weit gespannt im Repertoire, doch qualitätvoll in den einzelnen Einspielungen. Die frühen Hüller waren ausgesprochen aufwendig; jeder PLatte lag ein Zettel bei, welcher Notentext verwendet worden warf, mit welchen Instrumenten gespielt wurde etc. HIP ist durchaus keine Erfindung der letzten Jahre.


    Mein Höreindruck ist subjektiv, für einig neuere Einspielungen spricht nicht zuletzt das wissenschaftliche Fortschreiten von Noteneditionen. Zu den verschiedenen Aspekten von HIP mag ich mich nicht äußeren.


    Was heute freilich eher unangenehm auffällt ist die Menge des Produzierten. In den früheren Jahren wurden viele Schätze für die Rundfunkarchive produziert, die Plattenproduktion war bei weitem nicht so umfangreich wie heute. Mutmaßlich führte das wohl dazu, daß der einzelnen Produktion mehr Sorgefalt gewidmet wurde. Die Platten heute sind gewiss nicht schlechter, es dürfet allerdings viel schwerer sein, die Spreu vom Weizen zu trennen.


    Dazu allerdings fehlt mir persönlich jede Spur von Lust. Somit tue ich weiterhin das Gleiche wie Jörg: ich höre vorzugsweise alte Platten.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Ich vergaß: Versteh ich Dich richtig, Du meinst die Zeit zwischen 1950 und 1970?

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Wie sieht's denn mit dem großen Feld der Musik vor ca. 1750 aus?


    Jetzt bin ich verwirrt. Ich dachte, es ginge um Stimmen zwischen ca. 1910 - 1954 und nicht um Werke aus der Zeit davor und danach.


    Ist 1750 vielleicht ein Dreckfuhler?


    Oder was habe ich falsch gelesen?


    :hello: Rideamus


  • Hallo Rideamus,
    »1750« ist wohl kein Tipfehler. Es geht klingsor allgemein um die Qualität von Interpretationen vor 1950 und Bernd hat IMO zurecht darauf hingewiesen, daß diese Zäsur etwas pauschalisierend ist, weil für die vor 1750 entstandene Musik erst nach 1950 entscheidende Impulse ausgegangen sind.
    Ganz herzlich,
    Medard

  • ähm... jetzt wird's aus irgendeinem grund verwirrend ...


    ich meine die großen künstler und interpretationen, die uns durch (hist.) aufnahmen bis ca. 1950 bekannt geworden sind.

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Rideamus hat sicher recht, so groß sind die prinzipiellen Unterschiede wohl nicht. Nur hat man damals große Stimmen weniger oft so schnell verheizt, wie es heute passiert. Daher gab es vielleicht mehr davon. Aber Jahrtausendstimmen sind dafür eine Gnade Gottes, die uns eben sehr selten geschenkt werden und die genauso gut auch noch heute oder in Zukunft auftauchen können. Ich würde dazu Lauritz Melchior und Fritz Wunderlich rechnen (was hätte der für einen Ruf, wäre er nicht so früh verunglückt). Bei den Damen zögere ich.
    Jahrhundertstimmen lassen sich etliche nennen, die Callas gehört natürlich zu ihnen, aber andere auch.


    LG


    Waldi

  • medard war schneller mit der erklärung ... :hello:


    und der einwand bzgl. der musik vor 1750 ist wohl berechtigt. dennoch auch hier: höre ich - auf die großen bekanten werke bezogen - hist. aufnahmen mit z.b. ferrier ... und vergleiche diese mit den meist blutleeren sängerinnen hipper aufnahmen ... dann brauch ich wohl nicht weiter auszuholen, was ich mit interpretationen von herzen meine .... (daß natürlich die orchester-behandung mehr rasanz, präsenz, swing haben kann, steht bei neuen aufnahmen auf einem anderen blatt) ...


    es geht mir vorwiegend aber um den direkten vergleich alter-neuer interpretation . alles andere wäre m.e. unfair . ich höre z.b. gerade einer brahms-sonate eingespielt von taschner und gieseking ... wer könnte da heutzutage noch das wasser reichen?


    :hello:

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Banner Trailer Gelbe Rose
  • Zitat

    Original von Santoliquido
    Was das weite Feld der Musik vor 1750 betrifft, so ließ sich in der Tat in den vergangenen Jahren reiche Ernte einfahren. Dennoch sei die hervorragende Archiv-Reihe der DGG erwähnt. Bei weitem zwar nicht so weit gespannt im Repertoire, doch qualitätvoll in den einzelnen Einspielungen. Die frühen Hüller waren ausgesprochen aufwendig; jeder PLatte lag ein Zettel bei, welcher Notentext verwendet worden warf, mit welchen Instrumenten gespielt wurde etc. HIP ist durchaus keine Erfindung der letzten Jahre.


    Ja, Aufnahmen aus der Archiv-Reihe der DGG kenne ich durchaus. Die haben ja zweifellos ihre Verdienste. Wenn ich aber irgendwo noch an einen Fortschritt bei der Musikinterpretation glaube, dann bei der Entwicklung von den HIP-Frühstadien zu der heutigen, ungeheuer ausdifferenzierten Fülle solcher Interpretationen.



    Zitat

    Was heute freilich eher unangenehm auffällt ist die Menge des Produzierten. In den früheren Jahren wurden viele Schätze für die Rundfunkarchive produziert, die Plattenproduktion war bei weitem nicht so umfangreich wie heute. Mutmaßlich führte das wohl dazu, daß der einzelnen Produktion mehr Sorgefalt gewidmet wurde. Die Platten heute sind gewiss nicht schlechter, es dürfet allerdings viel schwerer sein, die Spreu vom Weizen zu trennen.



    Ob damaligen Produktionen (und ich meine jetzt nicht die Ausstattung der LPs, die ich auch schätze) wirklich immer mehr Sorgfalt gewidmet wurde, sei mal dahingestellt (ja, ich weiß, Legge & Co). Und es wird sicherlich viel Unnötiges produziert. Letztlich wird dabei aber vor allem auch viel zu Tage gefördert. Was konnte man denn noch vor dreißig bis vierzig Jahren von vielen Komponisten aus dem Thread Missionarischer Eifer im Tamino Klassikforum (1) - Die Komponisten auf Tonträgern hören?



    Zitat

    Original von klingsor
    ähm... jetzt wird's aus irgendeinem grund verwirrend ...


    ich meine die großen künstler und interpretationen, die uns durch (hist.) aufnahmen bis ca. 1950 bekannt geworden sind.



    ...und genau darauf bezog ich mich auch, wie ja schon Medard richtiggestellt hat - während Thomas immerhin noch bis etwa 1970 geht.


    Es ging Klingsor außerdem nicht nur um Stimmen...wie hier interessanterweise Rideamus und Walter anzunehmen scheinen... :D



    Viele Grüße


    Bernd

  • ich vergaß ... wenn ich die wissenschaftliche seite weglasse und hip jetzt mehr musikalisch auf rasanz, herbheit, anders gesetzte akzente, vibratoloses spiel etc.pp. beziehe, dann höre man einmal mozarts 35. mit koussevitzky ..einem m.e. nach größtem dirigentengenie aller zeiten ... da kann man alles hippe getrost vergessen ..und das - aus der erinnerung heraus bereits den 30er jahren ...


    ps: nicht, daß ich mißverstanden werde: ich bin ein sehr großer hip-fan :jubel:


    :hello:

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Zitat

    Original von klingsor
    ich vergaß ... wenn ich die wissenschaftliche seite weglasse und hip jetzt mehr musikalisch auf rasanz, herbheit, anders gesetzte akzente, vibratoloses spiel etc.pp. beziehe, dann höre man einmal mozarts 35. mit koussevitzky ..einem m.e. nach größtem dirigentengenie aller zeiten ... da kann man alles hippe getrost vergessen ..und das - aus der erinnerung heraus bereits den 30er jahren ...


    ps: nicht, daß ich mißverstanden werde: ich bin ein sehr großer hip-fan :jubel:


    :hello:



    Wenn man jetzt mal von HIP & Co und der Breite oder Enge des Repertoires absieht und wirklich nur das zum Vergleich heranzieht, was man vergleichen kann: selbst dann würde ich Dir nicht rechtgeben. Ich behaupte aber auch keineswegs das Gegenteil (nach 1950 sei alles besser geworden) - das wäre absurd. Ja, Koussevitzky war ein grandioser Dirigent, man sollte sich seine Aufnahmen auch heute anhören. Und es gibt ungeheuer viele Schätze bei den historischen Interpreten und Interpretationen zu heben. Mich stört nur, dass das wieder zu solchen polemischen Pauschalaussagen verdichtet werden muss ... kann aber verstehen, dass die Begeisterung ein wenig mit Dir durchgeht. ;)



    Viele Grüße


    Bernd

  • begeisterung - ja, klar. aber ich verweise auf mich selbst ...


    Zitat

    Original von klingsor
    ... zugegeben, mal wieder ein wenig zugespitzt formuliert, aber vielleicht doch wahr? ?(

    ;)



    :hello:

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Zitat

    Original von klingsor
    wie seht ihr das? war früher wirklich alles besser, können heutige musiker kaum noch angemessen interpretieren, ist alles nur noch show und musizieren ohne gefühl und inhalt? oder ist meine frage nur die übliche, die immer wieder gestellt wird und den rückblick verklärend (a la 'die heutige jugend' ...)?


    Salve,


    das finde ich nicht unbedingt. Wenn ich z.B. Clara Haskil heranziehe... sie hat begnadet gespielt... jedoch oft "die falschen Noten" gehabt. Man hat sich "früher" offenbar nicht so kritisch und intensiv mit dem Notentext befasst - die [eigene] Interpretation war wichtiger. Ich sehe das anders und höre "solche Sachen" daher eher wenig bis selten oder nie.


    Zudem ist mir die zumeist überromantisierte Interpretationsweise zuwider... ich mag es eher knackig und schlank.


    :hello:


    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Natürlich war vor 1789 alles besser!!! Leider sind aus dieser Zeit nur sehr wenige Schalldokumente übrig geblieben, ich denk da nur an die Orchester in Mannheim und Dresden 8)


    Aber im Ernst. Jede Zeit glaubt, früher sei alles besser gewesen. Wenn man sich Musikliteratur, sagen wir aus den 20er Jahren, durchliest, beklagen sich die Autoren auch (ja, früher, da haben die Pianisten noch richtig gut gespielt, keiner singt heute wie die Malibran uswusf.)


    Ich bin zuwenig Fachmann. um beurteilen zu können, ob man früher (vor 1950) besser gesungen oder besser gespielt hat (im Sinne von musikalisch, nicht technischer Perfektion).


    Aber mal folgende zwei Gedanken:


    1. Wie stark verzerrt sich unser Bild von den früheren Zeiten dadurch, daß idR die guten Künstler auf Schellack gebannt worden sind, und wir sie heute mit musikalischem Durchschnitt vergleichen? Gegen Caruso, Elisabeth Schumann, die Melba, Battistini usw. sehen doch die meisten alt aus.


    Würden wir genauso urteilen, wenn Fred Gaisberg damals Eulalia Rammbrammerdinger, Friedrich Rögenpitt und Wilhelm Drägenhagen von der Städtischen Oper in Kyritz an der Knatter aufgenommen hätte?



    2. Was bringt letztlich - von nostalgischen Stoßseufzern nach der guten alten Zeit abgesehen - die Trauer um vergangene musikalische Kompetenz? Erfreuen uns uns lieber an den heutigen technischen Möglichkeiten, die es uns erlauben, Debussy oder Scriabin am Klavier zu hören, das alte Pro Arte Quartett zu genießen, ergriffen Battistinis oder Melchiors Stimme oder Godowskys und Cortots Spiel zu lauschen!

  • Ein hochinteressantes Thema


    Ob die alten Interpretationen früher besser waren, das wird wahrscheinlich von Generation zu Generation verschieden beurteilt werden - weil es die Schwerpunkte sind auf die man Wert legt - oder eben nicht.


    Interpretationen sind (fast) immer ein Spiegel der Zeit in der sie entstanden sind. Die heutigen sogenannten HIP Interpretationen sind deswegen ruppiger, aggressiver und schneller, weil die Menschen HEUTE ruppiger, aggressiver und schneller sind - und weil man unter dem Mantel historisch informierter Aufführungspraxis jenen zeitgeistigen aggressiven Stil (er erinnert mich an Popmusik) durchpeitscht, der ohne diesen Kunstkniff nie von der Mehrheit des Klassikpublikums akzeptiert würde.


    Dieser Stilwechsel war notwendig um heutige Einspielungen von den alten abzugrenzen. Denn es gibt noch etwas Zeitgeistiges von heute: Die Belanglosigkeit - und sie ist fast noch ärger als die (oft interessante Ergebnisse hervorbringenden) Verfälschungen, der militanten HIP-Szene .


    Was aus meiner Sicht den Unterschied gegenüber früheren Interpretationen ausmacht ist die Einstellung der Menschen zu Welt und zur Gesellschaft.


    In vergangenen Zeiten hat man alles wichtiger genommen, man war generell pathetischer - sogar noch in meiner Jugend.
    Kann sich heute jemand vorstellen, daß wenn ein amerikanische Präsident erschossen wird, der heimische Rundfunk eine Schweigeminute einlegt ?


    Wohl kaum.


    Aber beim Tode Kennedys war das so.


    Wenn man ins Konzert oder ins Theater ging, hat man sich herausgeputzt, man wollte seinen Rang in der Gesellschaft dokumentieren - besonders dann wenn man gar keinen hatte....
    In der Vergangenheit war das noch ausgeprägter - man sieht das gut wenn man Die Widmungen von Kompositionen liest, oder die erste Seite alter Bücher.


    Liebevoll, langatmig, verziert und pathetisch - das war der Lebensstil bis etwa 1970. Es gab damals keinen Bruch, aber eine ständige Änderung. Das Internet-Du ist auch solch ein Symbol gesellschaftlicher Entwicklung - oder wenn man so will - gesellschaftlichen Verfalls.


    "Was hat das alles aber mit Musik und ihrer Interpretation zu tun?", wird so mancher fragen.


    Sehr viel meine ich.


    Die Grundhaltung: "Alles ist wichtig was ich tue" - Ich bin wichtig - und ich will es den anderen zeigen" (Mir fallen hiebei spontan Namen wie Elisabeth Schwarzkopf, Dietrich Fischer Dieskau, Herbert von Karajan,die Callas, Sergiu Celibidache und als letzter lebender Vertreter diese Schiene - Alfred Brendel ein.
    Der Künstler als Übermensch - Es war ja nicht so, daß dies nur ein PR Gag war - die Künstler fühlten sich auch so - Einerseits dem Perfektionismus verpflichtet - andrerseit sich selbst als etwas beinahe Göttliches betrachtend.......und ebenso vom Publikum als solches verehrt.
    Solch eine Attitüde wirkt sich natürlich auch auf die Interpretation aus - dieses "edel erhaben-überspannte ist zu hören - und wir lieben es.


    Man darf aber dabei nicht vergessen, daß dies die Spitze vom Eisberg war.
    Der Durchschnittspinterpret von heute, spielt ökonomischer, fehlerfreier und "unverbindlicher" als sein Kollege vor 50, 70 oder mehr Jahren.


    Es hat eine gewisse Nivellierung "wie übrigens in allen Lebensbereichen" stattgefunden. Das Durchschnittsniveau ist gestigen - die Spitze der Pyramide fehlt jedoch, weil sie von den meisten als solche gar nicht wahrgenommen würde.


    Ein für alle vertrautes Wort mag ein wenig erhellen, was ich meine.


    ELITÄR, einst ein angestrebter Begriff wird heute von vielen als "Schimpfwort gesehen - ja es gilt geradezu als UNANSTÄNDIG sich von der Masse abheben zu wollen - und genau so klingen heutige Interpretationen:
    Entweder saubere Konfektionsware von der Stange - oder fetziger zeitgeistiger HIP-Sound - Was fehlt ist das Erhabene, die Eleganz.*



    mit freundlichen Grüßen aus Wien


    Alfred



    *natürlich gibt es auch heute - selten aber doch - Ausnahmen

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • lieber alfred, in deinem beitrag (auch wenn ich nicht alles unterschreiben würde) ist wirklich sehr viel wahres. und noch dazu gut auf den punkt gebracht


    danke


    :hello:

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt


    Der Durchschnittspinterpret von heute, spielt ökonomischer, fehglerfreier und "verbindlicher" als sein Kollege vor 50, 70 oder mehr Jahren.


    Es hat eine gewisse Nivellierung "wie übrigens in allen Lebensbereichen" stattgefunden. Das Durchschnittsniveau ist gestigen - die Spitze der Pyramide fehlt jedoch, weil sie von den meisten als solche gar nicht wahrgenommen würde.


    Lieber Alfred,


    darf ich mir erlauben, das "verbindliche" Spiel heutiger Interpreten in "unverbindlich" umzuschreiben? Ich unterstelle, daß Du das gemeint hast, denn in diesem Punkte unterscheiden sich viele huetige Aufnahmen von den älteren: der Künster ist vom Subjekt zum Neutrum geworden, oder, wenn man so will, zum Medium.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Ich glaube, dass die Sehnsucht nach der "guten alten Zeit" (die in Wahrheit nie so gut war...)ein uraltes Phänomen ist, schon von antiken Schriftstellern gibt es endlose Klagen über den Niedergang der Kultur, den Verfall des guten Geschmackes, der Verderbtheit der Jugend usw. usw.
    Ich kann nur wiederholen, was ich schon in einem anderen Zusammenhang geschrieben habe, dass mir nämlich ältere Openbesucher, die in ihrer Jugend für Björling & Co geschwärmt hatten, erzählten, dass sie sich von den damals "Alten" genau das anhören mussten, was Klingsor zu den heutigen Künstlern sagt: "Ach, das ist ja alles gar nichts im Vergleich zu X, Y und Z!" (Von denen es oft gar keine Tondokumente gibt!)
    Was mich betrifft, so bevorzuge ich schon aus dem Grund lebende Künstler, weil ich Oper eben lieber live als auf Konserve genieße, mir die lebendige, authentische Atmosphäre wichtiger ist als absolute Perfektion. Außerdem, auch das habe ich schon oft erwähnt, kann ich mich mit historischen Stimmen nur bedingt anfreunden, weil das, was viele so lieben, für mich nur pathetisch und unkünstlerisch klingt. (Das tenorale Geschluchze von Caruso & Co z.B., das ich schlicht und einfach nicht aushalte) Wenn du, Klingsor, den heutigen Künstlern "Show" vorwirfst, so mag das bei einigen sicher stimmen, in meinen Augen trifft es aber auf noch viel mehr Sänger der von dir gepriesenen guten alten Zeit zu. Ich sage jetzt nicht, dass es so IST, sondern dass ich es so empfinde. Mir sagt einfach der heutige Gesangsstil, wo weniger dick aufgetragen wird und die Interpretation im Vordegrund steht, nicht das Zurschaustellen der eigenen Virtuosität, mehr zu. Aber das ist sicher Geschmackssache. Und natürlich gibt es auch eine Reihe historischer Aufnahmen, die ich wunderbar finde, aber ich fürchte, dass ich keine von ihnen auf die berühmte einsame Insel mitnehmen würde.
    lg Severina :hello:

  • Amateurfilm forum und -Produktion sucht Darsteller jeden Alters und technische Mitarbeiter aus Wien

    Tamino Testbanner
  • Hallo zusammen,
    Die Frage ob füher musikalisch alles besser war, habe ich mir auch schon gestellt. Im Moment würde ich sie eher mit nein beantworten.


    Nehmen wir mal die Orchester: Das technische Niveau ist enorm höher geworden. Einer der Vorteile der Globalisierung ist, dass jedes gute Orchester aus einem Pool von internationalen Spitzenkünstlern wählen kann. Das heisst in Petersburg sitzen Heute gute Holzbläser mit guten Instrumenten, was zu Zeiten des eisernen Vorhangs ganz sicher nicht so war- das Problem ist bloss- Heute wird viel weniger geprobt als früher. Wenn allerdings viel geprobt wird, weil der Dirigent dies vielleicht durchgesetzt hat oder weil auf ein ganz besonderes Ereignis hin geprobt werden muss, dann sind die ergebnisse hervorragend und iner Menge historischen Aufnahmen vorzuziehen.


    Nehmen wir die Solisten:
    Bei Instrumenten, die solistisch traditionell nicht so im Vordergrund standen, hat sich das Niveau technisch wie musikalisch enorm erhöht:
    Es gab nie einen besseren Fagottisten als Sergio Azzolini, nie bessere Flötisten als Pahud und Bernold, das Niveau bei der Bratsche und dem Kontrabass ist auf enorme Höhen gestiegen.


    Beim Cello kann man auch sagen, dass es nie so viele hervorragende Solisten, wie im MOment gab.
    Bei den traditionellen solistischen Instrumenten, zu denen man eigentlich nur Violine und Klavier rechnen kann ist die Sache dann schon schwieriger. Ich habe beispielsweise noch keine Tzigane, wie die von Ginette Neveu gehört, dass heisst aber noch lange nicht, dass es das nicht gibt. Ich habe z.B letzte Woche das Korngold Konzert mit dem hierzulande noch recht unbekannten Geiger James Ehnes gehört und muss sagen, dass ich dafür die Heifetz und auch die Perlman -Aufnahme gerne stehen lasse. Von Bach und MOzart mal ganz zu schweigen, den ich weder mit einem HEifetz noch mit einem Oistrakh wirklich geniessen kann. Ich glaube eben, dass das Problem wirklich eher darin liegt, dass es auf dem Markt unglaublich talentierte Leute gibt, die aber einfach oftmals keine Chance auf Vermarktung haben, da oft die falschen Leute entscheiden und der Markt halt weitgehend gesättigt ist.


    Und bei den Pianisten ? Wer kann einen Richter, Horowitz und Gilels ersetzen- sicher kein LAng Lang, aber es gibt schon Aufnahmen von Volodos und Pletnev, die ich den genannten vorziehe oder zumindestens als ebenbürtig empfinde.


    Beim Gesang kann man sich mit Villazon und Cura im italiensichen Tenorbereich nicht beschweren und welcher historische Bariton käme an manche Aufnahme eines Thomas Hampson heran. Klar ist die Stimme im deutschen Tenorbereich von Fritz Wunderlich unersetzt, aber auch da gibts Ansätze, wie z.B. die Strausslieder mit Jonas Kaufmann, die ich denen von Herrn Wunderlich schon fast als ebenbürtig empfinde. Bei der Callas wird es dann schon eher schwierig. Was Ihre musikalische Präsenz und Ausstrahlung betrifft, so handelt es sich da vielleicht nicht um eine Jahrhundert sondern um eine Jahrtausenderscheinung, so dass wir da möglicherweise noch etwas warten müssen.


    Gruss :hello:
    Syrinx

  • Zitat

    Original von Santoliquido
    [...] in diesem Punkte unterscheiden sich viele heutige Aufnahmen von den älteren: der Künstler ist vom Subjekt zum Neutrum geworden, oder, wenn man so will, zum Medium.


    Gott sei dank! möchte ich erwidern. Nach einer Zeit, in der der Interpret im absoluten Vordergrund stand und alles weit weit dahinter zurückstehen mußte, kann man jetzt neben dem Interpreten auch Werk und Komponist erkennen. Freilich noch immer durch die Brille des Interpreten, was auch so seine Richtigkeit hat, aber der alles überragende und nichts anderes als sich selbst gelten lassende Pultstar, Gesangsvirtuose, Bogenakrobat, Tastenlöwe etc. ist passé.


    Dazu kann man nun stehen wie man will. Wer sich mehr für die Sichtweise eines Musikers auf ein Werk interessiert, der wird mit mit den Alten glücklicher werden. Wer auch etwas vom Werk selbst hören möchte, wohl eher nicht. Für mich sind das völlig unterschiedliche Dinge, die eigentlich nicht vergleichbar sind.


    Insofern ist meine Antwort auf die Themenüberschrift: Früher ist vieles anders gewesen, aber besser sicher nicht. Einfach nur anders. Ob das, was früher war und gemacht wurde, einem dann besser gefällt, ist eine völlig andere Frage. Dieses pauschale Abwatschen einer ganzen Generation (bzw. gleich mehrerer) ist deswegen totaler Unsinn, weil dabei persönliche Vorlieben als objektive Wahrheiten ausgegeben werden. Anstatt sich darüber zu freuen, dass es Aufnahmen von den Spitzenleistungen der Alten gibt und auf ansteckende Art und Weise das Feuer deiner Begeisterung weiterzutragen, haust du, lieber klingsor, mit dem gröbsten Hammer, den du finden konntest, alles andere zu Kleinholz. Du verlangst Respekt gegenüber den Alten und läßt sie hochleben, verweigerst aber gleichzeitig jeglichen Respekt gegenüber den Jungen.


    Dass in diesem Zusammenhang auch wieder dieses fürchterliche Wort "blutleer" fallen mußte, setzt dem Ganzen noch die Krone der Abscheulichkeit auf.



    Ich stimme severina in vollem Umfang zu, was sie über den Generationskonflikt geschrieben hat. Dieses gegenseitige Niedermachen, was ja nicht nur - wie hier geschehen - in eine Richtung geht, finde ich so überflüssig wie sonst nichts. Aber offenbar geht's nicht ohne... :wacky:



    herzliche Grüße,
    Thomas

    Da freute sich der Hase:
    "Wie schön ist meine Nase
    und auch mein blaues Ohr!
    Das kommt so selten vor."
    - H. Heine -

  • Zitat

    Original von salisburgensis


    Gott sei dank! möchte ich erwidern. Nach einer Zeit, in der der Interpret im absoluten Vordergrund stand und alles weit weit dahinter zurückstehen mußte, kann man jetzt neben dem Interpreten auch Werk und Komponist erkennen. Freilich noch immer durch die Brille des Interpreten, was auch so seine Richtigkeit hat, aber der alles überragende und nichts anderes als sich selbst gelten lassende Pultstar, Gesangsvirtuose, Bogenakrobat, Tastenlöwe etc. ist passé.


    herzliche Grüße,
    Thomas


    Und auch im ach so goldenen "Früher" fand z.B. ein Bruno Walter durchaus nicht, er habe im Mittelpunkt zu stehen. In seinem Essayband "Von der Musik und vom Musizieren" schreibt er auf Seite 38:


    Frei müssen wir uns fühlen, aber frei innerhalb der Gesetze, deren Verbindlichkeit wir für uns anerkannt haben, als wir wählten, Nachschaffende zu sein. Wenn wir die immanenten Gesetze eines musikalischen Kunstwerks als Zwang empfinden, dann eignen wir uns nicht zu seinen Interpreten.
    Und weiter: Das Kriterium unserer Begabung zum nachschaffenden Musiker ist ja gerade die Fähigkeit, uns das Fremde so zu eigen zu machen, daß die Anforderungen des Werkes uns nicht nur keinen Zwang bedeuten, sondern daß wir sie als die unseren empfinden."


    Bescheidener und werktreuer kann man wohl kaum noch formulieren.


    Was die Aufnahmen vor 1950 angeht, so sind das doch alles Mono-Aufnahmen und für mich schon deshalb nur im Ausnahmefall von Interesse.


    Mit Gruß von Carola

  • Lieber Thomas,


    Deine Groll in allen Ehren, aber neben den Individuen -die es übrigens auch heute noch oder wieder gibt- gab es ja immer schon diejenigen, die sich um die Sache selbst bemühten. Einer Individualistin wie Elly Ney stand zeitgleich ein demütiger Analytiker wie Wilhelm Backhaus gegenüber, dem Rhapsoden Furtwängler -freilich auf seine Weise genial- extrem sensible Deuter wie Wand, Schuricht, Scherchen oder Ansermet oder Klemperer, allesamt nicht eben Exponenten eines Individualstils auf Kosten der Musik.


    Daß einiges heute anders klingt liegt nicht zuletzt im philologischen Fortschritt begründet (Günter Wand musste immerhin in den 1950er Jahren aus den gängigen Orchesterpartituren der Beethoven-Sinfonien alle Veränderungen der Urfassung gegenüber ersteinmal rausstreichen (die genannten anderen Herren taten ein Gleiches), mithin sind Fragen von Orchersterstärke relevant, die Aufnahmetechnik tut ein Übriges, um den Klang zu verändern. Auch die Schellackfront sollte einen Gedanken darauf verwenden, wie durch die Restaurierungen der Klang der alten Platten verändert wird. Oskar Frieds Einspielung von Beethovens 9. wird von vier verschiedenen Labeln vertrieben. Und alle vier klingen anders. Fassung Nr. 5 habe ich selbst erstellt, von meinen Original-Schellacks. Rauscht nach Kräften, die alten Platten sind überdies Baßlastig mit einer Neigung, durch die Bassübersteuerung andere Stimmen zuzudonnern. Also durchaus Vorsicht bei den alten Schätzen. HiFi wird daraus auch dann nicht, wenn sich ein Top-Restaurator ans Werk macht.


    Der Klang der Aufzeichnungen ergibt also nicht nur aus der künstlerischen Interpretation, sondern auch durch deren Spiegelung durch die Aufzeichnungs- und Wiedergabtechnik.


    Allerdings würde ich auch immer eine Lanze für Individualität und Verbindlichkeit in der Interpretation brechen wollen: schließlich waren die Komponisten ja auch keine Neutren ;) . Auch geht den älteren Aufnahmen die Sterilität ab, aus hunderten von Schnitten zusammengebastelt zu sein. Ob Wolfgang Amadeus, Ludwig oder Johan Sebastian mit dergleichen zufrieden gewesen wären. Und war es nicht Klemperer, der das Schneiden in seinen späteren Jahren mitbekam, der angesichts einer solchen Platte schimpfte: Alles Lüge!?


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Früher war sicher nicht ALLES BESSER und heute ist sicher nicht ALLES SCHLECHTER !
    Ich denke, dass die Erinnerung Vieles in einem anderen Licht erscheinen läßt und auch aus der Vergangenheit bleiben nur die Spitzenleistungen in Erinnerung. Wie sprechen heute (berechtigt !) voll des Lobes von Björling, Gedda, Callas, Rysanek, Lehmann, Ferrier, .... Die Reihe kann noch durch ein paar Namen ergänzt und erweitert werden. Doch die große Menge der Sänger, Instrumentalsolisten oder Dirigenten ist - wenn überhaupt - nur einer kleinen handvoll Spezialisten ein Begriff.


    Und jetzt widerspreche ich mir schon selbst.


    In der Wiener Volksoper ist vorgestern nach der Vorstellung von "Gräfin Maritza" die beim Stammpublikum unvergessene Mirjana Irosch (für die Nichtwiener - sie war einst DIE Lustige Witwe) auf offener Bühne für 40 Jahre Zugehörigkeit zum Haus geehrt und gefeiert worden. Ich verschweige mit Absicht, wer in der Aufführung die Diva, die es ja in jeder Wiener Operette gibt, sein sollte - es gab sie einfach nicht.
    Das sind dann jene Momente, wo auch ich sage, jemand wie XY hat keine Nachfolge gefunden. (Und wo gibt es eine Operettendiva heute wirklich ?)


    ein in sich widersprüchlicher
    Michael 2

  • Zitat

    Original von brunello


    In der Wiener Volksoper ist vorgestern nach der Vorstellung von "Gräfin Maritza" die beim Stammpublikum unvergessene Mirjana Irosch (für die Nichtwiener - sie war einst DIE Lustige Witwe) auf offener Bühne für 40 Jahre Zugehörigkeit zum Haus geehrt und gefeiert worden. Ich verschweige mit Absicht, wer in der Aufführung die Diva, die es ja in jeder Wiener Operette gibt, sein sollte - es gab sie einfach nicht.
    Das sind dann jene Momente, wo auch ich sage, jemand wie XY hat keine Nachfolge gefunden. (Und wo gibt es eine Operettendiva heute wirklich ?)


    Lieber Michael,


    Du sagst es! Aber kann jemand überhaupt- so wie früher - zur Diva werden unter den jetzigen Bedingungen? Ensembletreue wird nicht unbedingt belohnt, eher im Gegenteil. Zugvogeltätigkeit wird allenthalben als qualitätshebend gepriesen, läßt aber den Betroffenen kaum oder keine Zeit um Ausreifen (siehe Anna, die Vielumstrittene). Das Publikum hat seine Lieblinge, im Original aber höchstens an ein paar Abenden im Jahr (es sei denn, man hat Zeit und Geld, überall herumzureisen). Es fehlt nicht an Begabungen, wann aber betreibt man Aufbauarbeit wie früher? Nicht daß es seinerzeit nur besser war. Mißbrauch und andere unschöne Gepflogenheiten hat es auch schon immer gegeben. Doch die Dimensionen haben sich verschoben.
    Heute wird zu oft zu sehr darauf geschaut, ob jemand werbewirksam zu vermarkten ist, wogegen gute Talente unnötig im Winkel verkümmern, weil sie mehr an Kunst als an Markt denken. Hat jemand begonnen, sich zu etablieren, wird trotzdem gerne gewechselt, denn das Publikum will ja angeblich immer nur Neues sehen und bald satt (ohne Gewaltreize kauft es auch nicht die 724.Version von "Una furtiva lagrima"). An diese Mätzchenbehauptungen glaube ich aber nicht. Der ganze Zirkus dreht sich heutzutage einfach schneller. In ein paar Jahren wird es heißen: Villazon (falls er seine Stimme behält) ist Schnee von gestern, Juan Diego Florez, naja, geht gerade noch, aber bringt's schon nicht mehr ganz, aber da gibt's den jungen XY, der ist die Sensation. Und daneben werden die Aufnahmen von Caruso bis Schock nach wie vor fleißig gekauft und geliebt werden, denn die ändern sich im Kern nicht. Bringen aber nicht das ganz große Geschäft. Und man wird sagen, ja, als der Pavarotti und der Domingo noch lebten, das waren Zeiten der heilen Opernwelt. Daß man sich der - dann - neuen Zeiten als nicht so im Gedächtnis haftend erinnert, liegt nicht nur an der menschlichen Natur, sondern einfach an der gesteigerten Schnellebigkeit.


    Und zu Mirjana Irosch: Sie war nicht nur eine wunderbare Witwe, sondern auch eine köstliche Rosalinde und sie hat auch wie wenige den Fachwechsel großartig geschafft (welch eine Palmatica!). :jubel:


    Fazit: Es war früher nicht alles besser und jetzt ist nicht alles schlechter, nur halt anders.


    LG


    Waldi

  • Ich muß Klingsor schon sehr in Schutz nehmen (obwohl er das eigentlich sicher nicht nötig hat ;) )


    Zum einen "haut er sicher nicht mit dem Hmmer drauf" sondern er startet einen Thread journalistisch überspitzt formuliert - etwas das die Diskussiion hervorruft und zu überraschenden, interessanten Ergebnissen führen kann.


    Der Konflikt "blutleer" bis "eigenwillig" ist keiner von heute, den gab es immer schon - und die Vertreter der beiden Gruppen bekriegten einander schon seit ich mich erinnern kann und wahrscheinlich noch länger.


    Stets waren es zwie Grundtendenzen:


    "Werktreue" Interpretationen (von denen wir heute wissen, daß sie alles andere als das waren) - sie versuchten möglichst wenig Subjektives in die Interpretation einfliessen zu lassen, sondern möglichst den reinen Notentext zu spielen - ohne Abweichung von Traditionen, ohne dynamische oder rhythmische Extreme. Die Vertreter dieser Richtung wurden von den Gegner beispielsweise als "Kapellmeister" (statt Dirigent) abgestempelt.



    "Geniale" Interpretationen - Hier wurden alte Werke gegen den Strich gebürstet (oder vermeintlich gegen den Strich gebürstet)
    Ihre Vertreter wurden stets von ihren Anhängern gefeiert und von ihren Gegenern verteufelt. Wichtigste Vertreter waren beispielsweise Glenn Gould oder Nikolaus Harnoncourt, Roger Norrington, Nigel Kennedy,Valery Afanassiev und Olli Mustonen. Aber auch Herbert von Karajan kann, wenn man will, zu dieser Gruppe gezählt werden.


    Zwischen den beiden Gruppen gibt es so etwas wie ein Pendel, welches alle paar Jahre in die eine oder ander Richtung ausschlägt.


    So darf man etwa die "romantischen" Kadenzen aus der Feder Wilhelm Kempffs deuten - er betrachtete sein Beethoven Spiel als "zeigemäß" (und das war es wohl auch) - Ein Spiel auf einem "hisstorischen Flügel wäre damals nicht in Fage gekommen, man betrachtete diese Instrumente als unzureichende Werkzeuge der Vergangenheit - vergleichbar mit einer Tranfunzel der Beethovenzeit....


    Auch die Kadenzen von Schnittke zu Beethovens Klavbierkonzert markieren eine Extremposition unter den Interpretatonen: Ich hatte zeitweise den Eindruck eines Raketenstarts - man kann abber nicht sagen, daß diese Kadenzen nicht interessant gewesen seien. Die Problemati liegt nur im "Ewigkeitswert" von Tonaufzeichnungen - Heute ist dies Phase von "modernen" Kadenzen - so glaube ich - überwunden.


    Ich persönlich plädiere dafür, daß ein Klassikeinsteiger das Werk pur kennenlern. Dafür eignen sich bestens die Einspielungen von "hausbackenen Orchestern" und deren Dirigenten, man kann getrost ein Budgetprodukt wählen.


    Mit der Zeit aber wird man erkennen, daß es eine Vielfalt von interessanten Interpretationsmöglichkeiten gibt - und man wird sie nicht missen wiollen.


    Und hier sind wir wieder beim Thema: Unsere heutige Zeit lässt wenig spielraum für Individualität - man sollte gleichzeitig im Strom mitschwimmen - und zudem der Beste sein. Der Arbeits- und Klassikmarkt hat wenig Verständnis für Individualisten: Es kommt nur drauf an rasch Kohle zu machen......


    mfg aus Wien


    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Hallo Waldi,
    ich kann dir nur zustimmen, aber so sehr wir auch die negativen Tendenzen im heutigen Klassikbetrieb - die Schnelllebigkeit, die Gier nach immer neuen "Sensationen" - beklagen, wir können es leider nicht ändern, denn dem Zeitgeist in die Speichen zu greifen empfinde ich als Kampf gegen Windmühlen. Ich finde es auch sehr traurig, wie schnell heute wirkliche Talente (Villazon ;( ) verschlissen und andere aus Marketing-Gründen fallen gelassen werden, weil sie irgendwie halt doch nicht ins Konzept passen. Ich bin sicher, dass viele auch an dieser Brutalität, diesem gnadenlosen Konkurrenzkampf zerbrechen (Siehe z.B. Jerry Hadley), den es früher in diesem Ausmaß sicher nicht gegeben hat, weil das Ensemble einen gewissen Schutzhafen geschaffen hat. Man darf doch auch nicht vergessen, welchem medialen Druck die Künstler heute ausgesetzt sind, und damit meine ich jetzt nicht Yellow-press-Stories, die den echten Klassikliebhaber ja kaum interessieren, sondern einfach die Tatsache, dass ihre künstlerische Leistung dank moderner Technologie ständig unter Beobachtung steht, sie sich quasi keinen Fehler erlauben dürfen, ohne dass der via Internet weltweit dokumentiert und abrufbar ist. (Wäre ich Sängerin, bekäme ich schon alleine beim Gedanken an Youtube Alpträume....)
    Wenn ein Caruso an der MET einen schlechten Abend hatte (Und das hatte auch er!), tangierte das außerhalb NY kaum jemanden, weil man's einfach nicht wusste, passiert einem heutigen Star so etwas, weiß das innerhalb kürzester Zeit jeder Opernfan mit Internetanschluss, und wenn der Pechvogel in der nächsten Stadt gastiert, ist ihm bewusst, dass jetzt 2500 Menschen gespannt lauern, ob er's diesmal bringt. Kein Wunder, dass so viele Künstler psychische Probleme haben, denn nicht jeder ist von Mutter Natur mit einem so robusten Nervenkostüm ausgestattet, das einfach wegzustecken.
    Früher brauchte es unendlich viel länger, bis ein Newcomer weltweite Beachtung fand, er hatte also viel mehr Zeit, seine Karriere langsam aufzubauen. Heute ist ein neuer Name innerhalb kürzester Zeit in aller Munde, und dann will ihn halt jeder hören, haben - und damit beginnt der Teufelskreis aus schneller Popularität, viel Geld und oft ebenso schnellem Abstieg. Ich habe Freunde in der Plattenbrache und weiß daher zu gut, dass heutzutage ein Label an Dauerbrennern wie z.B. Domingo gar nicht rasend interessiert ist, sondern an neuen Sensationen, mit denen man schnell den ganzen Opernkanon einspielt (ohne Rücksicht, ob das für die Stimme nicht vielleicht viel zu früh kommt), und dann schon nach der nächsten Sensation Ausschau hält.
    Eine sehr traurige Entwicklung, aber s.o.! :(
    lg Severina :hello:

  • Liebe Severina, deine Erläuterung kann ich 100%ig unterschreiben!
    Allerdings finde ich, dass man als Musik-Liebhaber und KONSUMENT durchaus etwas tun kann. Man kann z.B. durch Kaufverhalten klare Zeichen setzen. Man kann in Musikalienhandlungne immer wieder nach Aufnahmen fragen, vbis sie dann bestellt werden und wieder im Programm sind. Man kann sich verweigern kurzlebige Hochglanzprodukte ohne Inhalt zu kaufen. Man kann Mäzen von Künstlern werden. Man kann Opernabos kündigen und Protestbriefe an die Direktion schreiben Und und und.
    Da der Konsument angeblich der König ist und ncihts mehr geht wenn die Vermarktungsstrategie nciht greift...
    Das ist zwar ein sehr langsamer und mühevoller Weg und der Erfolg wird sich evtl niemals wirklich einstellen, aber immerhin: steter Tropfen höhlt den Stein! :yes:
    Und wenn Tamino wirklich so einflussreich sein sollte in der Klassikwelt..... :]



    F.Q.

  • Zitat

    Original von salisburgensis
    Dieses pauschale Abwatschen einer ganzen Generation (bzw. gleich mehrerer) ist deswegen totaler Unsinn, weil dabei persönliche Vorlieben als objektive Wahrheiten ausgegeben werden. Anstatt sich darüber zu freuen, dass es Aufnahmen von den Spitzenleistungen der Alten gibt und auf ansteckende Art und Weise das Feuer deiner Begeisterung weiterzutragen, haust du, lieber klingsor, mit dem gröbsten Hammer, den du finden konntest, alles andere zu Kleinholz. Du verlangst Respekt gegenüber den Alten und läßt sie hochleben, verweigerst aber gleichzeitig jeglichen Respekt gegenüber den Jungen.


    Dass in diesem Zusammenhang auch wieder dieses fürchterliche Wort "blutleer" fallen mußte, setzt dem Ganzen noch die Krone der Abscheulichkeit auf.


    hallo, thomas,
    daß auch du zu denen gehörst, die meinen thread (bewußt) falsch verstehen (wollen), wundert mich. wie alfred schon schrieb - danke für den 'schutz' ;) - ist der titel überspitzt formuliert. auch haue ich nicht mit dem hammer auf die folgenden generationen und oute mich sogar später noch als hip-fan. ich denke, das komm talles im text zum ausdruck - man muß nur mal genau nachlesen... dennoch stehe ich zu meiner allgemein getroffenen aussage und meinung und stelle sie zur diskussion.


    und das wort 'blutleer' beziehe ich nicht generell auf die hip-generation, sondern auf die vielen - vor allem - sängerinnen, die sich mit dünnsten stimmchen an den tönen abarbeiten. ..so leider -w ie egsagt - in vielen gardiner-bach-aufnahmen bei der dg ..einfach entsetzlich. und wieder, um einem mißverständnis vorzubeugen: ich binein sehr großer gardiner-fan ...


    :hello:

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Amateurfilm forum und -Produktion sucht Darsteller jeden Alters und technische Mitarbeiter aus Wien

    Tamino Testbanner