Konzertbesuche und Bewertung

  • Staatskaelle Dresden, Christian Thielemann, Anton Bruckner: Symphonie Nr. 8 c-moll, 06. 09. 2011, Philharmonie Essen


    Ich habe selten so gut gehört, was in den zweiten Geigen passierte, sowohl die ersten Geigen als auch die zweiten Geigen legten ein berückendes Pianissimo an den Tag: überhaupt, das ganze Orchester, alle Instrumentengruppen, folgten jeder noch so kleinen Geste Thielemanns auf dem Fuße. Das legte Strukturen frei und erzeugte Wohlklang im besten Sinne. Er trieb aber auch sein Orchester zu den großen Steigerungen gnadenlos an.


    Ich war beim Gastspiel der Staatskapelle Dresden mit dem designierten Chefdirigenten Thielemann in Berlin und kann das hier Gesagte nur voll unterstreichen. Hier gab es keinen Bruckner, sondern als Hauptwerk die 1. Sinfonie von Johannes Brahms. Das ist ja nunmal ein Werk, das man wirklich meint zu kennen und wenn man dann doch noch Neues entdeckt, um so großartiger. Faszinierend immer wieder die Spannung, die Thielemann aufbaut und wenn das wunderschöne Gesangsthema im Finale mit einer noch nicht gehörten Leichtigkeit erklingt, einfach gut! Ich hab ja mit ihm auch schon Beethoven erlebt, aber diese Aufführung zeigt mir, dass Thielemann die romantische Musik einschl. der Spätromantik einfach besser liegt (weil er Beethoven auch wie Brahms dirigiert). Vorzüglich die Streicher aber auch keine Abstriche bei den Bläsern, sehr gut z.B. der Solohornist und beide Flöten.
    Eingeleitet wurde das Konzert (es gab kein modernes Alibi-Stück auf dem Programm :) ) mit zwei mir unbekannten Werken von Busoni und Pfitzner. Zuerst von Busoni die Nocturne Symphonique aus dem Jahre 1914. Ein durchgängig ruhiges Stück, was einen Schwebezustand vermittelte und ein Gefühl des Überirdischen. Die Überraschung des Abends: Nach dem Ende verkündete Thielemann dem Publikum, zum besseren Verstehen würde man das gerade gespielte Stück sofort wiederholen. Na ja, so was soll ja auch mal Günter Wand gemacht haben, aber irgendwie hatte Thielemann nicht unrecht, beim zweiten Hören erschloss sich die Musik in der Tat viel besser.
    Als Solokonzert spielte Tzimon Barto das Klavierkonzert von Hans Pfitzner (1922). Ich habe Pfitzners Violinkonzert auf CD, das Klavierkonzert gibt es im Handel wohl nur in einer Pfitzner-Gesamtausgabe. Das Konzert hat vier Sätze, die ziemlich pausenlos aneinandergereiht sind und dauerte etwa 40 Minuten. Ein schwieriges Werk für das Hörverständnis, mit einigen schönen Motiven und auch Höhepunkten. Der Solist , der einen recht akkordreichen Part hatte, spielte vom Blatt und musste zusehen beim Umblättern, sich nicht zu verheddern. Ob man diese Musik nun braucht oder nicht - eigentlich sollte man das auch zweimal hören, um sich ein Urteil zu bilden.
    Das ist nun bei der abschließenden Zugabe nicht nötig, bei Wagners Vorspiel zum 3. Akt des "Lohengrin" ist Thielemann nun wieder voll in seinem Element.
    Ich hatte den Eindruck einer Aufbruchsstimmung bei den Musikern der Staatskapelle, die sicher in der künftigen Zusammenarbeit mit Christian Thielemann einen Aufschwung und weitere Entdeckungen und Wiederentdeckungen erwarten können.


    Viele Grüße


    :hello:


    timmiju

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

  • Sagitt meint:


    Gestern erneut Gardiner, diesmal mit der 1ten und 9ten.


    Das Tempo wie so oft, sehr schnell. Die Musiker konnten es. Bei der 9ten hat das auch einen gewissen Charme.-Gardiner meinte einmal im Interview, man müsse die Musiker an die Grenzen bringen, damit etwas Adäquates herauskomme bei Beethoven.


    Manche Besonderheiten konnte man hören, etwa diminuendo bei der Pauke, 2ter Satz der 9ten.


    Der Chor war wie immer fabelhaft- kleiner Gag, nur die erscheinen zu lassen, die "dran" sind. Da merkt man erst einmal, wie wenig die Soilisten zu singen haben.


    Die wiederum hörte man höchst eingeschränkt.-Sie standen hinter dem Orchester, und wurden teilweise vom Chor zugedeckt.


    Gardiner wurde bejubelt- erwartbar.

  • Ich war gestern Abend in der Berliner Philharmonie um, man glaubt es kaum, meine allererste Live-Aufführung von Mahlers Achter zu erleben, dirigiert von einem der großen Mahlerdirigent unserer Tage, Sir Simon Rattle.
    Vorauf gingen der Achten noch die beiden a capella Chorsätze "Crucifixus c-moll" für achstimmigen Chor von Antonio Lotti (1666-1740) und dem "Spem in alium nunquam habui", einer Motette für acht fünfstimmige Chöre von Thomas Tallis (1505-1585).


    Schon diese beiden excellenten Chorsätze wurden von einem der beiden beteiligten Hauptchöre, dem Berliner oder dem Leipziger Rundfunkchor, die ja beide zu den besten Chören Deutschlands zählen, meisterhaft dargebracht und ließen die Vorfreude auf das Hauptereignis noch ansteigen. Ich weiß wirklich nicht, welcher von beiden es war.
    Durch meine etwas eigenartige Hörposition, die aber in Konzertsälen wie der Berliner Philharmonie durchaus nicht unüblich ist, hatte ich ein für mich wirklich seltenes Hörerlebnis. Die Klängen kamen mir nicht entgegen, sondern sie stiegen zu mir auf.


    Dies fiel besonders bei der sich anschließenden Symphonie ins Gewicht. Dadurch hörte ich ganz anders und vieles klarer als beim sonstigen stetigen Frontsitzen. Die Geigen klangen anders, die Celli kamen wunderbar rüber, die Holzbläser konnte ich viel differenzierter hören, besonders die Fagotti. Weiterhin wurde man von der Klangwucht der Orchester- und Chortutti nicht so erschlagen wie man es bei frontalem Hören zuweilen wird.
    Ich habe es bei der schon ziemlich oft live erlebten Zweiten ein ums andere Mal erlebt, und die Achte hat an Klangwucht, vor allem beim Veni creator spiritus, noch einiges mehr zu bieten. Aber dass sich der Klang nach oben ausbreitete, macht ihn auch transparenter, und das tat dem Stück ganz gut, zumal es von Rattle zügig dirigiert wurde, er brauchte nur etwas über 80 Minuten.


    Rattle erwies sich einmal mehr als der Meister des Live-Konzertes. Ich konnte ihn ja jetzt innerhalb von 12 Tagen zum zweiten Mal live erleben, davor mit der Siebten. Er trieb sein Berliner Orchester, aber auch die beteiligten drei Chöre (die Hauptchöre mit ca. 160 Sängern und den Knabenchor nochmal mit ca. 80 Sängern, zu Höchstleistungen an. (Ich hatte vor dem Konzert noch Gelegenheit, den Knaben beim Einsingen in einem Zelt hinter der Philahrmonie zu lauschen).
    Von den beteiligten SolistInnen gefiel mir bei den Damen Erika Sunnegardh, Sopran, am besten, noch vor Susan Bullock und Anna Prohaska, ebenfalls Sopran, sowie Karen Cargill, Mezzo und Natahlie Stutzmann, Alt. Bei dem stimmlich (noch) potenten Tenor habe ich Sorgen, dass er nicht mehr lange singt, wenn er so weiter macht (isst). Pavarotti in seinen besten (schwersten) Tagen könnte sich heute mühelos hinter Botha verstecken. Leider war Matthias Goerne erkrankt und wurde dur David Wilson-Johnson vertreten, der seine Sache aber ganz gut machte ebenso wie der Bass-Bariton John Relyea.


    Das Veni creator spiritus war schon so mitreißend, dass die ersten Zuschauer nach dessen Ende zu applaudieren begannen, aber nach Rattles Abwinken schnell wieder aufhörten, und nach dem faszinierenden zweiten Teil mit seinem gewaltigen Schluss war es mucksmäuschenstill, zig Sekunden lang, und dann brandete der verdiente Beifall auf, gefolgt von stehenden Ovationen.
    Leider kann ich die Neunte nicht miterleben, weil sich zu der Zeit meine Frau einer schwierigen Gehirnoperation unterziehen muss, aber irgendwann und irgendwo wird Rattle sie schon noch dirigieren, die Zweite und die Sechste ist er mir ja auch noch "schuldig".


    Ich hatte auch gestern wieder den Eindruck, dass das Publikum anders über Rattle denkt als mancher selbsternannte Experte unter den Taminos.


    Nichts für ungut und liebe Grüße


    Willi :rolleyes:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Sagitt meint:


    Heute abend in Bonn missa solemnis:
    Helena Juntunen (Sopran)
    Sarah Connolly (Mezzosopran)
    Paul Groves (Tenor)
    Matthew Rose (Bass)
    London Symphony Chorus
    London Symphony Orchestra
    Sir Colin Davis (Dirigent)


    Sehr grosser Chor,über hundert Sänger,gerade bei den Männern nicht gerade dien jüngsten.
    Der Dirigent ist auch schon betagt.


    Es war eine weihevolle Aufführung. Sehr mächtig,aber ohne spezielle Spannung. Früher habe ich diesen Zugang zur missa gar nicht gehabt. Erst die fulminante Interpretation von Gardiner hat mir die Ohren geöffnet.


    Dieses war ein ganz konventionelle Aufführung, auf technisch hohem Niveau. Die Solisten ohne besonderen Glanz,wieder kaum zu hören, wenn der Chor dabei war. Der Chor zu gross,um wirklich geschmeidig die Koloraturen im Gloria und Credo bewältigen zu können. Ausserdem waren die Soprane nicht so leicht in der Höhe wie im vorigen ein wunderbarer Chor, den Herreweghe beim Bremer Musikfest leitete.


    Die Weihe am Schluss wurde von ungeduldigen Zuhörern durchbrochen. Für die älteren ist eine durchgehende Aufführung von über 80 Minuten ohnehin eine sehr spezielle Herausforderung.


    Fazit: nicht begeistert.

  • Heute Abend habe ich mein erstes Konzert der neuen Saison erlebt. Im Rahmen der "Debüt"-Reihe, bei der junge Solisten und Dirigenten vom hr-sinfonieorchester eingeladen werden, traten heute auf: Eugene Ugorski (Violine) aus Russland und der junge Dirigent José Luís Gómez, der aus Venezuela stammt und aus dem gleichen "Sistema" hervorging wie auch der mittlerweile allseits bekannte Dudamel.


    Das Programm:


    Wolfgang Amadeus Mozart: Ouvertüre "Le nozze di Figaro" (1786)


    Dmitri Schostakowitsch: Violinkonzert Nr. 1 a-moll op. 77 (1947/48 )


    Sergej Rachmaninov: Symphonie Nr. 2 e-moll op. 27 (1906-08 )


    Meiner Meinung nach hätte man sich den Mozart schenken können. Passt hier überhaupt nicht zu Stimmung und Gewicht der übrigen Werke. Wenn man schon mit einem kurzen Orchesterstück einleiten will, dann vielleicht mit Schostakowitschs "Festive Overture" op. 95 oder etwas ähnlichem. Das ist zwar auch kein übermäßig gewichtiges Stückchen, doch es hätte dem Abendauftakt besser zu Gesicht gestanden. Zumal das Orchester bei der Mozart-Ouvertüre zunächst noch etwas uninspiriert wirkte (oder war ich noch nicht richtig im Konzertsaal angekommen?? - Manchmal ist das glaube ich gar nicht so leicht zu entscheiden.).


    Aber beim dann folgenden Schostakowitsch-Konzert zeigte das hr-sinfonieorchester was es 'drauf' hat. Wenn hier in Frankfurt der Hessische Rundfunk Schostakowitsch, Prokofiev, Bartok, Strawinsky et al. auf's Programm setzte, fühlte ich mich bei diesem Orchester schon immer sehr gut aufgehoben - zunächst einmal auch ganz unabhängig davon, wer der Dirigent des jeweiligen Programms war.


    Heute Abend waren es auch wieder einmal der Bläser-Bereich und die Perkussionisten, die mit äußerster Brillianz und Schärfe zu Tage traten und das Schostakowitsch-Konzert von orchestraler Seite zum Erlebnis werden ließen. Ugorski überzeugte mich mit seinem Solopart besonders in der langsamen Passacaglia, dem dritten Satz des Konzerts. Er legte sich hier (aber auch im übrigen Werk) mit dunklem Ton ins Zeug, der teilweise richtig üppig und voll aufblühte. Im ersten Satz schien er mir vielleicht noch zu zurückhaltend zu agieren, doch in den folgenden Sätzen änderte sich dies dann deutlich.


    Rachmaninovs Zweite geriet dann zu einem opulent dargebotenen Klangfest, das von Gómez aber auch ohne alle grüblerischen Ansätze umgesetzt wurde. So erschien mir manches gar zu leichtgewichtig genommen, zu sehr nach Oberflächen-Politur (auch wenn die dann gut gemacht war) zu klingen. Das geht bei Rachmaninov schon noch anders.


    Insgesamt eine gelungene Vorstellung.....


    Grüße,


    Garaguly

  • Guten Abend zusammen!
    Gerade komme ich aus der Liederhalle und habe zum ersten Mal die Winterreise (in Musikerkreisen auch als "Winterreifen" bekannt) live gehört.
    Es war beeindruckend, sehr intim und ergreifend. Gerhaher und Huber hatten für mich auch ihre Live-Premiere, und sie haben gehalten, was sie auf CD versprechen. Es mag ein paar Stellen gegeben haben, an denen die in einer Produktion mögliche Perfektion fehlte, nein, eigentlich "fehlte", denn sie fehlte nicht wirklich. Wie so oft bei großartigen Konzerten.


    Ein toller Abend, sicherlich nicht meine letzte Winterreise und nicht das letzte Konzert mit Gerhaher und/ oder Huber.



    Kritik am Abend:
    Kommen denn die Schwaben gar nicht zu Potte? Was war denn das? Sitzplatzsuche bis in die ersten Töne hinein. Ich konnte es nicht glauben. Da erwarte ich eine bessere Saal-Regie.
    Die Huster aus Hedelfingen und einige Spatzen aus Sputum waren auch da. Schade. Geht ins Bett, nicht ins Konzert.
    Ich bin im Falle großer Begeisterung auch einer der Bravo-Rufer. Am Ende dieses Stücks in die Stille hinein "Bravissimiii!" zu rufen, geziemte sich in meinen Ohren nicht. Gnä' Frau, setzen, sechs.


    Schönen Abend! Und wer kann, hingehen! :)
    Grüße von Accuphan

    "Das Thema, welches die Pauke zuletzt hat, findet gewiß keiner heraus!" (Gustav Mahler)

  • Zu Bundeswehrzeiten bin ich am Karl-Muck-Platz in Hamburg immer nur vorbeigefahren, einen flüchtigen Seitenblick auf die Hamburger Musikhalle werfend. Wer weiß, vielleicht stand gerade in dem Augenblick Günter Wand am Pult seines NDR-Sinfonieorchesters? Heute nennen sie dieselbe Location Laeiszhalle und den Platz haben sie auf Johannes-Brahms-Platz umgetauft.


    Trotzdem schlugen die Erwartungen gestern Morgen hoch, von wegen des kollektiven Gedächtnisses, das ein Orchester ja angeblich entwickelt, und die Vorfreude darauf, das Orchester, das 20 Jahre Bruckner unter Wand gespielt hatte, hören zu dürfen, war groß. Bruckners „Sechste, die Keckste“ stand auf dem Programm, vor der Pause Bruckners Requiem d-moll und davor die Missa Quadragesimalis MH 552 von Michael Haydn. Ausführende: das NDR Sinfonieorchester, der NDR Chor (Einstudierung: Philipp Ahmann), Solisten bei dem Requiem: Sonya Yoncheva, Sopran, Anna Stephany, Mezzosopran, Werner Güra, Tenor, Dimitry Ivashchenko, Bass – Werner Güra, endlich sollte ich ihn einmal im Konzert hören, das erwartete ich wenigstens genauso gespannt. Am Pult: Thomas Hengelbrock.


    Thomas Hengelbrock also, der Wunderknabe aus Wilhelmshaven, über dessen „Opening Night“ sich nicht nur Kollege MSchenk begeistert äußerte, glaubt man dem Hamburger Abendblatt, steht ganz Hamburg Kopf vor schierem Glück, dass Hengelbrock dem NDR Sinfonieorchester nun vorsteht. Glaubt man dem dortigen Rezensenten, muss Hengelbrocks Erscheinung in seinen Musikern eine energetische Umwälzung ausgelöst haben,die alles neu werden lässt. Grund genug also, diesen zweiten Aufguss des ersten Abonnementkonzerts des Orchesters unter seinem neuen Chef zu besuchen. Mir selbst, muss ich zu meiner Schande gestehen, war Hengelbrock in erster Linie als Autor des Fonoforum, als Mitglied des Concentus Musicus Wien, Dirigent des Freiburger Barockorchesters und als Dirigent von Bachs h-moll-Messe mit seinem Balthasar-Neumann-Chor ein Begriff – letzteres allerdings in einer Version, auf die Bezug zu nehmen sich stets lohnt. Dass der Mann inzwischen eine vollwertige Dirigentenkarriere hinter sich gebracht hat, Assistenz bei Lutoslawski, Kagel und Dorati usw. fiel mir erst bei der Vorbereitung dieses Konzerts auf.


    Wie gesagt, die Erwartungen schlugen hoch, aber entweder ist es mit dem kollektiven Gedächtnis nach Günter Wand bei den Norddeutschen nicht so weit her - immerhin, das Blech hat den wünschenswerten, von Wand gekannten Brucknerschmelz nach wie vor - oder Hengelbrock hat sein neues Orchester tatsächlich, wie vom Abendblatt angedroht, mit einem Handstreich übernommen und seine Musiker fressen ihm aus der Hand. So soll es ja im Übrigen sicher auch sein. Und das Ergebnis, das Hengelbrock aus seinem Orchester heraustanzt und herausmalt … fernab von Wand ist es echter Hengelbrock, und das ist gut so!


    In eher straffem Tempo nimmt er das Majestoso, gut für die Blechfanfaren. Das Tempo hindert ihn nicht, das Seitenthema rund auszuformen, großzügig elegant ausgespielt. Kraftvoll, wie er die Pauke los kesseln und nicht hinter dem Orchester untergehen lässt. Das Adagio von großer Eleganz und Sanglichkeit. Aber „sehr feierlich“: das höre ich nicht. Das Scherzo lässt besonders schön das „Keckste“ hervor schimmern. Aber ob die Tempi „Nicht schnell“ und „Langsam“ wirklich getroffen sind, wird jeder für sich entscheiden. Mächtig das Finale. Gekonnt arbeitet Hengelbrock unter großen Bögen die Details heraus. Was mir gefällt: Es war bisher die Sechste, mit der ich am Wenigsten anfangen konnte. Nicht mit der viel gelobten Referenz unter Klemperer. Etwas mehr mit Wands Kölner Einspielung, mit Celibidaches Aufnahme. Kent Nagano brachte dann für mich etwas mehr Licht hinein. Unter Hengelbrock nun habe ich erstmals das Gefühl, etwas von der Sinfonie verstanden zu haben und sie zu mögen: Der Konzertbesuch hat sich auf jeden Fall gelohnt.


    Auch wegen der beiden geistlichen Werke im ersten Teil. Bruckners Requiem, ein Frühwerk des Fünfundzwanzigjährigen, hat mit der Tonsprache des Sinfonikers nur gemein, dass Bruckner schon damals offenbar den Klang des Blechs liebte. Ansonsten ist dies ein Werk in der Tradition der Wiener Klassik, steht mit klassischer Melodie- und Harmonienführung klangsprachlich und strukturell dem Requiem Mozarts näher als dem Verdis oder jedes anderen Romantikers. Ein kraftvolles spannendes Werk, absolut kennenswert. Schön, hier die große Orgel des Saales hören zu dürfen - und den NDR Chor, der hier wirklich aufblühte und zeigen konnte, dass er zu den hervorragenden Chören in Deutschland gehört, jede Stimme brillant abgegrenzt, sehr schön gegen Ende das a capella gesungene zweite Requiem aeternam. Von den Solisten hervor zu heben sind Anna Stephany, Mezzosopran mit großer runder Stimme und Dimitry Ivashchenko, endlich einmal ein echter Oratorien-/Lied-Bass mit wirklich sehr schöner Stimme und gut beherrschter Tiefe.


    Da passte Michael Haydns Messe als eines von Bruckners offenbaren Vorbildern recht gut, um die Herleitung des klassischen Ansatzes beim frühen Bruckner deutlich und unmittelbar erhörbar zu machen. Schön gesungen nach anscheinend nicht ganz so ausgiebiger Probe wie für das Requiem – manche Stellen lagen aber auch allzu eklig hoch und offen für den Sopran -, schön gespielt und ausgearbeitet. Sehr schön die Verwendung einer separaten Truhenorgel (statt der Saalorgel) zu der vom Solo-Kontrabass gespielten Basslinie. Der NDR Chor sang (wie auch das Requiem) in Kammerbesetzung mit 19 Damen und 19 Herren.


    Die Akustik dieses Saals ist vorbildlich, brillant, durchsichtig, vollmundig, wirklich schön anzuhören (Parkett Reihe 20 Mitte). Einem Bonner, der sich in der Beethovenhalle mit einer Akustik zufrieden geben muss, die in jeder Turnhalle angenehmer zu finden ist, drängt sich die Frage auf: Was ficht eine Stadt, die einen Saal mit einer solchen Akustik hat, an, Millionen und Abermillionen in einen Neubau zu stecken, in dem die Akustik im günstigsten Fall nur schlechter werden kann? Das kann wohl nur erklären, wer ein Verständnis für hanseatische Pfeffersäckigkeit hat …


    Andererseits: Wie machen die Hanseaten das bloß? Nach Günter Wand kommt neben Simone Young nun Thomas Hengelbrock mit Bruckner in die Stadt, mit seiner eigenen großartigen und neuen Bruckner-Auslegung. Und die Hanseaten, die am Sonntag mit uns im Konzert saßen, haben das ohrenhörlich genossen, gefeiert und beklatscht.


    Unterm Strich: Weihevoll geht anders, zum Glück. Hengelbrock lässt uns einen neuen frischen Bruckner hören und bleibt nicht in überkommenen Strukturen stecken: Er weist nach vorne.


    Und gerade lese ich noch MSchenks Eindrücke von dem Konzert am Donnerstag Abend, in dem dieselben Ausführenden dasselbe Programm darbrachten. Von Donnerstag Abend zu Sonntag Morgen hat Hengelbrock ganz offenbar einen Qualitätssprung erster Güte getan und alles, was er am Donnerstag noch "falsch" machte, am Sonntag "richtig" gemacht. Die Entscheidung des NDR war also wohl richtig, erst das Sonntagskonzert live zu übertragen. Bei so rasanter Lernfähigkeit Hengelbrocks ist um Hamburgs musikalische Zukunft in der Tat nichts zu besorgen.

  • Hallo Ullrich,


    das finde ich ja hervorragend :thumbsup: Gerade habe ich meine Konzertbeschreibung zum selben Programm, aber zur Abendvorstellung am Donnerstag ins Forum gestellt. - So muss es sein! Gerne wollte ich mir die Live-Übertragung des Sonntagskonzertes im Radio anhören und habe es leider nicht geschafft. So bin ich über Deinen Artikel gleich doppelt erfreut :jubel:


    p.s. In Einführung hatte Hengelbrock übrigens noch geasgt, dass er mit demselben Programm nicht nur am Sonntag, sondern zusätzlich noch am zwischenliegenden Freitag in einem Konzert für die Mitarbeiter des NDR auftritt. Insofern kann ich mir gut vorstelle, dass sich zwischen unseren Konzerten etwas entwickelt hat.

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Und es wäre natürlich eine feine Sache, könnte endlich mit Jorge Caballero eine Alternative den Tonträgermarkt erreichen.


    :hello:


    Caballero stand während der Pause des Konzerts am nächsten Tag im Kirchenportal und fröstelte (was in Iserlohn nicht so schwierig ist), und wir haben ihm zu seinem Konzert gratuliert und gefragt, wann es denn mehr CDs von ihm gäbe: er lächelte aber nur und meinte, CD-Aufnahmen seien nicht so sehr sein Interesse.


    Es ist schon traurig! Als ich ihn da so stehen und vor sich hin frösteln sah, dachte ich, eigentlich müßte er doch irgendeine Art von Heiligenschein haben, als derjenige, der von etwa 8 Milliarden Leuten auf diesem Planeten am besten Gitarre spielt. Hat er aber genauso wenig wie Messi. Den kann man nun wenigstens einmal pro Woche auf dem Bildschirm erleben, seine Kunst ist also quasi öffentlich. Caballero sollte verpflichtet werden, mindestens eine CD pro Jahr aufzunehmen, der beste Gitarrist darf nicht nur sich selbst gehören!


    Aber so wie es aussieht, werden wir noch einige Zeit in die Röhre gucken.

  • Ich war gestern Abend in der Berliner Philharmonie um, man glaubt es kaum, meine allererste Live-Aufführung von Mahlers Achter zu erleben, dirigiert von einem der großen Mahlerdirigent unserer Tage, Sir Simon Rattle.
    Rattle erwies sich einmal mehr als der Meister des Live-Konzertes. Ich konnte ihn ja jetzt innerhalb von 12 Tagen zum zweiten Mal live erleben, davor mit der Siebten. Er trieb sein Berliner Orchester, aber auch die beteiligten drei Chöre (die Hauptchöre mit ca. 160 Sängern und den Knabenchor nochmal mit ca. 80 Sängern, zu Höchstleistungen an. (Ich hatte vor dem Konzert noch Gelegenheit, den Knaben beim Einsingen in einem Zelt hinter der Philahrmonie zu lauschen).
    Ich hatte auch gestern wieder den Eindruck, dass das Publikum anders über Rattle denkt als mancher selbsternannte Experte unter den Taminos.


    Willi :rolleyes:


    Ich möchte keinen Essig in den Wein geben, aber nicht nur selbst ernannte Experten unter den Taminos sondern auch sowohl der Rezensent des "Tagesspiegel" als auch der der "Berliner Zeitung" urteilen völlig anders über diese Aufführung. Da ist zum einen von ohrenbetäubendem Lärm die Rede, weiter Ulrich Amling im "Tagesspiegel": "Mit den Schlussversen von „Faust II“ soll sich eine reinigende Himmelfahrt durch Liebe vollziehen – leider sind die Solisten dagegen. Kaum dessen bewusst, was sie singen, lassen sie sich von Rattle zu karikierendem Operngestus hinreißen. Einzig Nathalie Stutzmann hält dagegen. ...Mahlers Achte bleibt auch beim Musikfest musikalische Utopie, von seinem Glaubensbekenntnis bleibt ein Klingeln in den Ohren zurück. Im Programmheft liegt dazu die passende Ankündigung: Am 25. September geben die 12 Cellisten ein Benefizkonzert zugunsten der Deutschen Tinnitus- Stiftung." Peter Uehling schreibt in der "Berliner Zeitung": "Simon Rattle am Pult wirkte fahrig bis aggressiv, seine Gestik animiert Sänger und Musiker zu bisweilen unkontrollierter Klangabgabe. Die Solisten stellen im Kampf ums Hörbarwerden jeglichen Gestaltungsehrgeiz ein und immerhin: Gelegentlich dringen ihre Stimmen sogar durch"...... usw.


    So ist es und ich kenne es, wenn man begeistert aus einem Konzert kommt und dann in der Zeitung einen Verriss liest. Man denkt, man war woanders.
    Ich habe das Konzert nicht erlebt und stelle nur mal diese ganz verschiedenen Positionen in den Raum, es wäre ja schön, wenn jemand anders unter den Taminos in diesem Konzert war und seine Eindrücke schildern könnte.


    Herzliche Grüße


    :hello:


    timmiju

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

  • Schumann Zyklus in Bremen


    Die Kammerphilharmonie nimmt an vier Tagen alle Schumann-Sinfonien auf, DVD, in Kooperation mit DW und arte.


    Man konnte sponsernd Karten kaufen, damit Schüler einer Gesamtschule einen Konzertbesuch ermöglichen.



    Sagitt meint:


    heute war die dritte dran. Das Orchester, wie immer,höchst transparent und virtuos. Järvi ist ein Detailarbeiter( die Nacharbeit für die Aufnahme konnte man ebenfalls mitverfolgen). Das Orchester folgt ihm vorbehaltlos, auch wenn immer wieder Anregungen aus dem Orchester kommen.


    Die dritte störte die Hörgewohnheiten, weil es ein Kammerorchester ist und fünf Celli nicht klingen können wie die doppelte Anzahl. Der breite Fluss des zweiten Satzes wurde so eher zu einem Flüsschen.


    Ansonsten transparent, maximal virtuos.


    Man darf gespannt sein, was das Aufnahmeteam daraus macht.

  • ... Man darf gespannt sein, was das Aufnahmeteam daraus macht.


    Ich wette darauf, dass diese in die Kategorie der Aufnahmen fällt, die vom Tonträger besser klingen als im Saal. Die Transparenz bleibt erhalten uind der "dünne" Orchesterklang, der dafür verantwortlich ist, kann etwas korrigiert werden und ist in den kleinen vier Wänden ohnehin nicht so auffällig wie in einem großen Saal.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    timmiju:Ich möchte ja n icht Essig in den Wein geben, aber nicht nur selbsternannte Experten unter den Taminos, sondern auch sowohl der Rezensent des "Tagesspiegel" als auch der der "Berliner Zeitung" urteilen völlig anders über diese Aufführung. Da ist zum einen von ohrenbetäubendem Lärm die Rede....

    Nun zumindest die Taminos muss ich hier doch in Schutz nehmen, lieber timmiju, sie haben, zumindest in diesem Thread, nicht nur nicht völlig anders über diese Aufführung geurteilt, nein sie haben, jedenfalls bis heute, gar nicht darüber geurteilt.
    Und was die Rezensenten betrifft, das Stück hat den Beinamen "Sinfonie der Tausend". Da sitzt kein Streichquartett auf dem Podium, sondern fast 400 Sänger und Instrumentalisten, und das Stück beginnt auch nicht im Pianissimo. Da klingelt es zwangsläufig. Vielleicht haben diese Herrschaften ja in der "ersten Reihe" gesessen. Das ist bei Mahler (und Bruckner) ohnehin nicht zu empfehlen. Ich saß ein Stückchen über dem Orchester, und da klingelte nichts, das war machtvolle, majestätische Musik, kein ohrenbetäubender Lärm. Über die Solisten habe ich mich etwas detaillierter ausgelassen als die Kritiker, jedenfalls als das, was du hier von ihnen zitiert hast.


    Und wie gesagt, wenn man das Publikum betrachtet, vielleicht waren ja die Kritiker in einem anderen Konzert. Es will mir jedenfalls nicht in den Kopf, dass pausenlos 2000 Leute irren und zwei nicht.


    Liebe Grüße


    Willi :rolleyes:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Heute war ich in der Essener Philharmonie, wo die Academy of St. Martin in-the-Fields unter dem jungen deutschen Dirigenten Patrick Lange auftrat. Solistin war Gabriela Montero, die ich zum ersten Male live erleben durfte.
    Das Konzert begann mit der Sinfonie Nr. 1 D-dur op. 25 "Symphonie classique" von Sergej Prokofjew, die die Academy unter dem schwungvollen Dirigat von Lange "leichtfüßig" vortrug.
    Zum zweiten Programmpunkt, den "Tres piezas para Orchestra de camara" von Astro Piazolla, trat bereits Gabriela Montero zum ersten Mal auf. Sie bestach von Anfang an durch einen klaren, hellen Klavierton, den sie dem großen Steinway entlockte. Dies setzte sich auch in ihrem ersten selbst komponierten Stück fort: "ExPatria" für Klavier und Orchester, das als nächstes folgte. Sie versuchte, die misslichen Zustände und die hohe Kriminalität, die ihr das Leben in ihrem Heimatland Venzuela wohl vergällt haben, musikalisch darzustellen, nachdem sie hierzu mit dem Mikrofon eine einleitende Erläuterung gegeben hatte.
    Glanzpunkt des Abends aber war das Konzert für Klavier und Orchster Nr. 5 Es-dur. op. 73 von Ludwig van Beethoven, was sie nach der Pause spielte. Hier konnte man endlich ihre große Kunst, ihr kristallklares Spiel und ihre hohe Technik, vor allem ihre schon phänomenale Anschlagskultur, bewundern. Auch meine anfängliche Befürchtung, dass die Academy mit gerade einmal 40 Musikern bei dem "Emperor"-Concerto nicht würde mithalten können, bewahrheitete sich Gottseidank nicht. Das Orchester entfaltete einen satten Klang und hielt gut die Balance. Man kennt ja Aufführungen dieses Konzertes auch mit der doppelten Orchesterstärke, nicht mit zwei Kontrabässen und vier Celli, sondern mit 8 Kontrabässen und 10 bis 12 Celli, nicht mit zweifachem Blech, sondern mit vierfachem (Karajan und Bernstein). Nicht dass man mich falsch versteht. Beides klingt gut und schlüssig, wenn die Musiker gut sind.
    Wenn Frau Montero beim nächstjährigen Klavierfestival Ruhr wieder dabei ist, bin ich es auch.


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Eigentlich schade, dass dieser Thread etwas vor sich hindümpelt, so dass ich mich bald auf jeder Seite selber wiederfinde, obwohl doch das Konzertangebot in den Großstädten und auch darüber hinaus wirklich sehr gut ist, weshalb es sich lohnen würde, darüber mehr zu erfahren. Aber vielleicht ist das auch dem Platz ganz unten auf der Themenübersicht geschuldet.


    Ich war glücklich darüber, endlich Nikolaus Harnoncourt mal llive in einem Konzert erleben zu dürfen und dann auch noch mit Beethoven!
    Die drei Konzerte mit den Berliner Philharmonikern waren seit langem ausverkauft.


    Auf dem Programm die Messe C-Dur op. 86 für Soli, Chor und Orchester und die 5. Sinfonie c-Moll op. 67.
    Obwohl ich seit Jahrzehnten Konzerte besuche, die Messe war bisher noch nicht dabei. Auch das Orchester hatte sie vor 25 jahren letzmalig gespielt. Sicher weil sie nicht zu Unrecht im Schatten von Beethovens Meisterwerk, der Missa Solemnis steht, obwohl das Werk den Vergleich mit ähnlichen chorsinfonischen Werken nicht zu scheuen braucht.


    Es gibt nichts Pompöses oder Weihevolles in der Messe, wenngleich sich kraftvolle Passagen mit ruhigen Abschnitten abwechseln und alles gut strukturiert wirkt. Auch das Orchester kommt gut zur Geltung, darunter das Solo-Cello und im letzten Teil kann sich der vorzügliche Solo-Hornist Stefan Dohr auszeichnen. Nicht aufdringlich aber sehr solide das Solistenquartett mit Julia Kleiter, Elisabeth von Magnus, Werner Güra und Florian Boesch. Zum vortrefflichen Gesamteindruck trug wesentlich auch der Rundfunkchor Berlin bei, den ich seit Jahren zu den führenden Konzertchören im
    deutschsprachigen Raum zähle.


    Dann Beethovens 5. Sinfonie, deren Hauptthema im Gegensatz zur Messe sogar Lieschen Müller trällern kann. Die Berliner Philharmoniker spielten in einer sehr reduzierten Streicherbesetzung, was dem Werk ob der guten Durchhörbarkeit in den einzelnen Gruppen durchaus zugute kam. Im ersten Satz, der zügig dargeboten wurde, war so gar nichts vom erdenschweren Schicksal, das da an die Pforte klopft, zu spüren. Und so ging es dann auch ganz schlackenlos weiter, mit markanten Blechbläsereinsätzen und im Finale mit schöner Piccoloflöte, die nicht bei den Holzbläsern platziert war, sondern sich neben den Trompeten befand. Ein furioser Paukenwirbel beendete die Sinfonie. Für mich erstaunlich, wie viel Neues man in dieser Aufführung eines vermeintlich "abgedroschenen " Stückes hören konnte.


    Viel Beifall und Bravos, nicht nur von mir, für den vitalen Dirigenten.


    Bis zum nächsten Mal
    grüßt aus Berlin


    :hello:


    timmiju

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

  • Ich beneide dich, lieber timmiju, weil ich dieses Konzert auch im Visier hatte, von einer Kartenbestellung aber Abstand genommen hatte, als ich erfuhr, dass zu diesem Zeitpunkt eine Gehirnoperation meiner Ehefrau anstand. Da war ich dann selbstverständlich nicht abkömmlich.


    Liebe Grüße


    Willi :rolleyes:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Wie ich heute Nachmittag im Beethoven-Thread schon sagte, war ich heute in der Essener Philharmonie, wo Christoph Spering ein Gesprächskonzert gab, in dem er im ersten Teil erläuterte und an Musikbeispielen zeigte, welche Teile des Mozart-Requiems original von Mozart komponiert und instrumentiert waren, bei welchen Teilen er die Gesangsstimmen mit dem bezifferten Generalbass ausgearbeitet hatte, die dann von Süßmeyer ergänzt wurden, und welche Teile vollständige Neukompositionen Süßmeyers waren. Dies gelang Spering sehr gut sowie auch der von ihm so genannte Versuch der Ehrenrettung des Komponsiten Franz Xaver Süßmeyer.
    Es war wohl so, als wäre Süßmeyer in der Tat der einzige in engerem Kontakt auch als Schüler Mozarts gewesen, der fähig gewesen war, das Requiem so zu vollenden, wie wir es heute kennen. Christoph Sperin moderierte diesen ersten Teil des Konzertes sehr kurzweilig und konzentriert und brachte auch die Musikbeispiele mit seinen Künstlern in der gewohnt professionellen Form.
    Nach der Pause wurde dann das Requiem komplett aufgeführt. Auf der Bühne waren die 46 Sängerinnen und Sänger des Chorus Musicus (12 Sopranistinnen, 12 Tenöre, 11 Altistinnen und 11 Bässe, sowie ca. 40 Mitglieder des Neuen Orchesters,, dazu die Solisten Bibiana Mwobilo, Sopran, Eva Vogel, Alt, Thomas Jakobs, Tenor und Yorck Felix Speer, Bass. Sie erfüllten alle ihre Aufgabe bravourös, wobei m.E. Yorck Felix Speer als "Pfundiger" Steinbass etwas herausragte. Sein "Tuba mirum" war vom Feinsten und erinnerte mich an Robert Holl in der denkwürdigen Allerheiligen-Aufführung des Requiems 1981 unter Nikolaus Harnoncourt im Wiener Musikverein, die ich heute noch als Referenz ansehe.


    Spering nahm das Requiem aeternam am Beginn nicht zu breit, rhythmisch federnd und dynamisch sehr flexibel. Von Beginn an merkte man, dass der Chor der eigentliche Star des Abends war, (wie eigentlich so oft in Sperings Konzerten). Der Chorus Musicus, vor nunmehr 26 Jahren von Christoph Spering gegründet, besteht aus Musikstudenten, professionellen Sängern und einigen qualifizierten Laien und besticht durch eine eminente Durchschlagskraft (wobei er mich an den Monteverdi Choir erinnert), eine enorme dynamische Spannweite, eine gute Textverständlichkeit und eine vorbildliche Pianokultur.
    Das Kyrie nahm Spering als Allegro vergleichsweise breit, auch, wie er im ersten Teil des Konzertes begründete, um es deutlich von dem in doppeltem Tempo genommenen "Cum sanctis tuis" aus dem Lux aeterna abzusetzen, das er nach dem dunklen, sich dramatisch steigernden Kyrie als hellen positiven Teil der musikalischen Klammer ansah, in dem sich der Rest des Requiems befindet. Dies Konzept ging vorbildlich auf.
    Der erste Teil der Sequenz, das "Dies irae", geriet zu einer beinahe dämonischen Raserei, die das Ensemble gleichsam mit Bravour meisterte. Das von den Solisten vorgetragene, von dem prächtigen Bass Yorck Felix Speer eröffnete Tuba mirum und vom flexiblen, aber noch entwicklungsfähigen Tenor Thomas Jakobs fortgesetzte Mors stupebit und Liber scriptus wurde dann von den Damen mit dem Judex ergo und dem Quid sum miser fortgesetzt, bevor der Chor wieder mit dem gewaltigen Rex tremendae majestatis das Regiment übernahm, das in das elysische Salva me fons pietatis mündet.
    Amschließend trug das Solistenquartett das wunderbare Recordare vor, bevor das dämonische Confutatis des Männerchores ertönte, das vom eindrucksvollen Voca me der Damenstimmen in mezza voce vorgetragen wird. Schließlich folgte mein persönlicher Höhepunkt des Requiems, das Lacrimosa. Jedenfalls habe ich es so empfunden, als ich es vor ziemlich genau drei jahren als Chortenor mit aufgeführt habe. Erstaunlich an diesem großartigen Stück ist, dass ein Großteil von Süßmeyer komponiert wurde.
    Das nun folgende Offertorium wird von dem bewegten Domine Jesu Christe eingeleitet mit dem eindrucksvollen libera eas der ore leonis und dem finsteren ne absorbeat eas tartarus, ne cadant in obscurum (auf "tartarus" legte Harnoncourt einen bis heute unerreichten Akzent- damals mit dem Wiener Staatsopernchor-). Das Offertorium wird beschlossen mit dem anrührenden hostias. Dann folgen die drei komplett von Süßmeyer komponierten, aber nichts desto trotz von großer Könnerschaft zeugenden Sanctus, Benedictus und Agnus Dei.
    Der Schluss ist wieder von Mozart, das heißt das Lux aeterna ist eins zu eins auf die Melodie des Kyrie gelegt, womit sich der Kreis schließt.


    Der begeisterte Schlussapplaus brandete dann auch vor allem für den Chor auf, aber auch die übrigen Künstler wurden reichlich bedacht.


    Ein verklärender Musikabend.


    Liebe Grüße


    Willi :rolleyes:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Im Rahmen der Zeitinsel zu Esa Pekka Salonen fand gestern im Dortmunder Konzerthaus die deutsche Erstaufführung der konzertanten Multivision von Herzog Blaubarts Burg statt. Salonen dirigierte das Philharomonia Orchestra, Sir John Tomlinson sang den Blaubart, Michelle deYoung die Judith. Das Orchester war an vielen Instrumenten doppelt besetzt, jedenfalls habe ich im Frühjahr die Oper schon einmal wesentlich weniger gewaltig instrumentiert im Konzerthaus gehört. Sogar die verhüllte Orgel kam hier beim Öffnen des fünften Zimmers, des weiten Landes zum Einsatz.
    Die Sänger waren stimmgewaltig, von ihrer Gestik her wäre manchmal ein wenig mehr Zurückhaltung bei einer konzertanten Aufführung mehr gewesen. Das Orchester war perfekt eingespielt und das Klangerlebnis gewaltig. Leider war das Spruchband zur Übersetzung aus dem Ungarischen sehr weit oben angebracht, so dass man in den ersten acht Reihen seinen Kopf sehr verrenken musste, um mitzulesen und gleichzeitig das Geschehen auf der Bühne zu verfolgen.
    Begonnen wurder Arbeit mit einem sehr zarten und leuchtenden "L'aprèsmidi d'un faune" und der gewaltig instrumentierten Tanzsuite Sz. 77 von Bartok.


    tukan

  • Hallo,


    Heute um 11 Uhr gab es in der Meistersingerhalle, Nürnberg, den "Messiah" (in engl. Sprache), G. F. Händel, mit dem Philharmonischen Chor Nürnberg (ca. 120 Sänger/innen), dem Barockorchester La Banda, Augsburg (ca. 40 Musiker/innen auf hist. Instrumenten), Kirsten Drope - Sopran, Partrik Van Goethem - Alt (Counter-Tenor), Markus Brutscher - Tenor, Markus Simon - Bass, Dr. Richard Taubald - Orgel, Gesamtleitung KMD Gerhard Rilling.


    Sehr angenehm empfand ich zu hören, dass der Chor nicht von einem großen Sinfonieorchester zugedeckt wurde; die Klangbalance war sehr gut, in die sich auch der Organist hervorragend eingebunden hat.


    Der Chor sang in bekannt guter Qualität; wenn die Stimmführung über mehrere Töne abwärts führt, ist die Gefahr des Sinkens der Intonation groß - wurde hier z. B. bei "Und er wird läutern das Volk…" prima gemeistert. Beim "Amen-Schlußchor" hätte ich mir am Anfang bei den Männerstimmen etwas mehr Akzentuierung gewünscht (reine Geschmacksache).


    "La Banda" auch bei den ff-Stellen des Chores in guter Balance und die sehr guten Naturtrompeten waren besonders bei "The trumpet shall sound..." (deutsche Übersetzung, "Es wird die Posaune(?)… - in Anlehnung an die Posaunen von Jericho?) ansatz- und tonrein zu hören. Ich habe kein absolutes Gehör: Hat/haben La Banda - und damit Alle - in tiefer Stimmung gespielt/gesungen?


    Auch die Solisten haben sich gut eingefügt, nur der Bass schien mir bei "Warum denn rasen und toben…" etwas überfordert, besonders im direkten Vergleich mit der tragenden Stimme des Tenors bei "Du zerschlägst sie…", was der Bass aber bei "Es wird die Posaune (nein Trompete!) erschallen…" wieder wettgemacht hat. Lag es nun an KMD Rilling, an La Banda oder doch am Countre-Tenor: Beeindruckend, wie er selbst bei seinen Pianostellen eine Balance gefunden hat - ihn hörend sehr zurück genommen piano, aber doch noch deutlich abgehoben vom Orchester.


    Was kann unter KMD Rillings Leitung schon schief gehen?


    Laut Programmheft hat Händel den Messias "wie in einem wahren Rausch" innerhalb von 24 Tagen vertont. Ich bin kein Händel-Kenner, aber: Die Tenorarie "Ev'ry valley..." - "Alle Täler ..." klingt doch sehr, sehr ähnlich dem Sopran-Tenorduett aus " Acis and Galatea" - "Happy we". Selbst wenn es noch mehr solche Stellen gäbe - 24 Tage!!!


    Herzliche Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Konzertbesuche und ihre Bewertung
    Liebe Freunde
    Vor kurzem haben wir uns hier im Forum ausgetauscht über verschiedene großartige Aufnahmen des Weihnachtsoratoriums. Natürlich sind diese alle qualitativ hervorragend. Und doch ist es ganz anders, wenn man bei einer Aufführung live dabei ist.


    Vorhin gerade nach Hause gekommen, bin ich noch immer ganz ergriffen und beeindruckt vom am Abend erlebten Weihnachtsoratorium, in der Kreuzkirche meiner Heimatstadt.


    Evangelische Kreuzkirche Görlitz

    Weihnachtsoratorium

    Kantaten 1 - 3
    Mi - Seon Kim.................. Sopran
    Annekathrin Laabs.......... Alt
    Sebastian Reim................Tenor
    ein ganz kurzfristig eingesprungener
    Gast aus Cottbus.............Bass
    Bachchor Görlitz, Wolfram Wagner........ Orgel
    Mitglieder der Neuen Lausitzer Philharmonie
    Leitung : KMD Reinhard Seeliger


    Es war vor einem sehr gut besuchten Publikum ein beeindruckendes und qualitativ hochwertiges Konzert, das am Schluß mit lang anhaltendem und verdientem Beifall für alle Beteiligten bedacht wurde. Das Solistenensemble war wunderbar und passend aufeinander abgestimmt. Auch der Bass, der für einen erkrankten Kollegen ganz kurzfristig eingesprungen war, fügte sich nahtlos ein.
    Der Tenor, ein noch relativ junger Mann, hatte das für die Partie des Evangelisten, typische Timbre. Ihm war eine hingebungsvolle Sangesfreude anzumerken. In den Rezitativen, die ja stellenweise sehr hoch angelegt sind, hatte er keine Schwierigkeiten. Besonders beeindruckend bewältigte er die wegen der Koloraturen technisch schwer zu singende Arie "Frohe Hirten". Für mich ist im Oratorium immer ein totaler Hörgenuß die helle Solo- Trompete. Klanglich ganz hervorragend im Eingangschor und bei der Bass- Arie "Großer Herr und starker König". Dem Bach- Chor gebürt ebenfalls höchstes Lob. Vor allem wenn man bedenkt, daß hier größtenteils Laien vereint sind. Etliche kenne ich persönlich. Es sind Menschen aus verschiedensten Berufen, darunter Ärzte, eine Pfarrerin, Bibliothekarin, Mitglieder der Kirchenleitung... Insgesamt agierten 53 Damen und 20 Herren. Großes Lob und Hochachtung für die Gesamtleistung des Dirigenten KMD Seeliger für die Einstudierung und Aufführung. Es war ein rundum gelungener Abend, der wohl bei allen einen nachhaltigen sehr positiven Eindruck hinterlassen hat.
    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Hallo!
    War gestern Abend im Musikverein in Wien und hab mir das Weihnachtsoratorium angehört. War für mich das erste Mal, dass ich dieses Stück live gehört/gesehen habe, und daher kann ich nichts Seriöses über einen Vergleich sagen. Daher meine Frage an euch:
    War jemand ebenfalls da und kann eine vergleichende Rezension schreiben?
    Meine subjektiven Eindrücke waren:
    Markus Landerer machte seinen Job wirklich gut - er führte Chor, Orchester und Solisten mit großer Präzision. Habe keinen falschen Ton vernommen ;-)
    Cornelia Horak - Sopran
    Efva Maria Riedl - Mezzosopran
    Gernot Hienrich - Tenor
    Klemens Sander - Bass
    kamen stimmlich gut an, lediglich Riedl war m.E. nach zeitweise etwas zu laut und musste von Landerer ein bisserl "gebremst" werden.
    Wenn man bedenkt, dass der Dom-Chor zu St. Stephan zu großen Teilen aus Laien besteht, dann muss die gestrige Leistung absolut gewürdigt werden.
    Allerdings war ich etwas erstaunt, dass die Teile IV und V ausgelassen worden sind. Ist das üblich?
    LG
    Max, der einen tollen Abend genossen hat. Und der für eine tolle Logenkarte auch garnicht viel bezahlt hat (zu seiner Überraschung ;-)

    "It´s not how many years we live but what we do with them" (C. Boothe)

  • Wenn man bedenkt, dass der Dom-Chor zu St. Stephan zu großen Teilen aus Laien besteht, dann muss die gestrige Leistung absolut gewürdigt werden.


    Hallo, lieber Max
    Mit Interesse habe ich Deinen Bericht gelesen. Ich finde besonders Deine Würdigung des Laienchores schön, denn es ist schon ein schwieriges Werk. Und wenn es dann klanglich und fehlerfrei gestaltet wird, dann verdient es schon einer großen Achtung. Bestimmt hast Du auch meinen Bericht gelesen und da fühle ich mich bestärkt, wenn man bedenkt, meine relativ kleine Stadt gegenüber Wien. Und auch bei uns sind bis auf ganz wenige alles "Laien".

    Allerdings war ich etwas erstaunt, dass die Teile IV und V ausgelassen worden sind. Ist das üblich?

    Ja, das ist meistens so üblich. Ich kenne es eigentlich auch nicht anders. In der Regel werden die Kantaten 1 - 3 oder 4 - 6 aufgeführt. Das Gesamtwerk aufzuführen würde wahrscheinlich den zeitlichen Rahmen sprengen. Außerdem will man ja auch mit der Aufführung des nächsten Teiles nochmal finanzielle Einnahmen haben. Bei uns war übrigens der Eintrittspreis 15 € + Kollektespende.
    Herzliche Grüße nach Wien
    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Allerdings war ich etwas erstaunt, dass die Teile IV und V ausgelassen worden sind. Ist das üblich?


    Ja, das ist tatsächlich, wie chrissy schon schrieb, üblich. Ob, wie er weiter meint, der zeitliche Rahmen gesprengt würde, kann man dahingestellt sein lassen. Wer Bach nicht mag, wird schon nach den ersten drei Kantaten froh sein, gehen zu können, wer aber Bach mag, kann die restlichen drei durchaus noch ertragen.


    Wichtiger scheint mir als Begründung zu sein, daß die Kanaten 4 bis 6 zwar zum Weihnachtsfestkreis gehören, aber vom Autor für den Neujahrstag, den Sonntag nach Neujahr und für das Epiphaniasfest bestimmt wurden (wie die Kantaten 1 bis 3 auch für die damals noch geltenden drei Weihnachtsfeiertage bestimmt waren). Rein theologisch-inhaltlich sind sie vor Weihnachten insofern deplaziert.


    LG vom

    .


    MUSIKWANDERER

  • Rein theologisch-inhaltlich sind sie vor Weihnachten insofern deplaziert.


    Genauer: Vom liturgischen Standpunkt sind Kantaten 4-6 im Advent noch deplatzierter als Kantaten 1-3.


    Denn die Adventszeit war zu Bachs Zeiten eine Zeit des Innehaltens, der Stille, und ist es eigentlich heute noch (auch, wenn uns der Kommerz erfolgreich umerzogen hat). Nach dem 1. Advent gab es üblicherweise keine "Music" (d. h. Kantaten) mehr im Gottesdienst bis Weihnachten.


    Advent und Weihnachten verhalten sich wie Passionszeit und Ostern. Das Weihnachtsoratorium im Advent zu spielen, ist ungefähr so angemessen wie das Spielen von freudig-festlich-fröhlichen Osterkantaten am Karfreitag.

  • Gestern im Konzert:


    Mozart: Klarinettenkonzert A-Dur KV 622
    Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 10 e-Moll op. 95


    Ich war auf dieses Konzert sehr gespannt, zu einen gab es für mich ein Wiedersehen mit dem früheren Chefdirigenten dieses Orchesters, Günther Herbig, zum anderen gab es eine Weltklasse-Solistin, nämlich Sabine Meyer.


    Der jetzt 80jährige Herbig war als Nachfolger von Kurt Sanderling von 1977 bis 1983 Chefdirigent des Berliner Sinfonie-Orchesters, so hieß das Konzerthausorchester damals noch. Ich habe ihn in dieser Eigenschaft wiederholt erlebt und er ist mir von daher in sehr guter Erinnerung. Ihm war zugesagt worden, nach Wiederrichtung des Schauspielhauses am Gendarmenmarkt als Konzerthaus, die Gesamtleitung von Orchester und Konzerthaus zu bekommen. Jedoch wurde auf allerhöchste Weisung beschlossen, Haus und Orchester voneinander zu trennen und als Intendant ein farbloser Parteifunktionär ernannt, dem der Vorzeigesänger Peter Schreier als Kuratoriumsvorsitzender beigeordnet wurde. Daraufhin verließ Herbig das Orchester und ging in die USA . Ich habe ihn dann noch einmal im Februar 1989 bei einem Gastspiel in der Philharmonie als Music Director des Detroit Symphony Orchestra erlebt. 2001 ging er nach Deutschland zurück und dirigierte das RSO Saarbrücken bis 2006.


    Nun also zum Konzert. Es sind noch etwa vier oder fünf Musiker von damals im Orchester, das sich inzwischen sichtbar verjüngt hat. Dennoch hatte man das Gefühl, es steht kein Gastdirigent am Pult, sondern ein dem Orchester gut Vertrauter. Zunächst aber spielte Sabine Meyer das Mozartkonzert, Pflichtstück bei allen Orchesterprobespielen von Klarinettisten. Doch wie sie dieses Konzert spielte, das macht eben den Unterschied aus. Die Klarinette jubelte und weinte, es war ein Vergnügen diese Läufe und Kapriolen zu erleben. Eine ganz großartige Künstlerin!


    Und dann das Hauptwerk. Schostakowitsch hat das Orchester noch unter Kurt Sanderling kennengelernt. Herbig dirigiert auswendig. Aus der Dunkelheit der Celli und Bässe entwickelt sich eine spannungsgeladene Atmosphäre. Das Orchester reagiert sehr aufmerksam auf Herbigs präzise Zeichengebung. Und wie es reagiert: Mit einem Armschwung geht ein Aufschwung in der Streichern los. Man hört das selbst erliebte Leid, das der Komponist erfuhr, die Gewalt die er erlebte und die ihn auch zu diesem brutalstmöglichen Scherzo trieb, eine Karikatur Stalins? Und der dritte Satz mit dem Thema das sich aus den Anfangsbuchstaben des Komponisten zusammensetzt und dem Hörer Fragen aufgibt, die nicht beantwortet werden. Allmählich und tastend dann der Versuch der Auflösung im Finale, der ein Versuch bleibt. Das Ganze in fast einer Stunde, also nicht gehetzt, aber mit einem gelungenen Spannungsbogen vom ersten bis zum letzten Takt. :jubel:


    Nach dem Konzert gab es im Musikclub des Konzerthauses ein Gespräch mit dem Dirigenten, in dem es vor allem um seinen Werdegang und die Unterschiede im Konzertleben in den USA und in Europa/Deutschland ging. Interessant war Herbigs Antwort auf die Frage nach der Orchesteraufstellung, da der deisgnierte Chef Ivan Fischer eine andere Aufstellung will. Das Konzerthausorchester spielte an diesem Abend in der amerikanischen Aufstellung, die aber vor Jahren in Deutschland üblich war. Also Celli und Bässe rechts, 1. und 2. Geigen links, Bratschen mittig. Herbig verlangte diese Sitzordnung als Bedingung und lehnt vehement die Aufstellung der Kontrabässe hinter den Blechbläsern ab. "Was hören Sie dann noch von den Bässen bei vollem Tutti?"
    Und ich finde er hat damit Recht.


    Von den nicht wenigen Konzerten, die ich in Berlin erleben kann, war dieses mit Abstand das beste, dabei kann man dann auch mal einen Hornwackler vergessen.


    Mit besten Grüßen


    :jubel:


    timmiju

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

  • Heute morgen habe ich währen des Gottesdienstes die Pastoralmesse von Machavelli gehört. Dieses war meine erste Begegnung mit dem Stück und ich war doch sehr angetan. Teilweise klang es als ob Mozart mitkomponiert hätte. Schade das es keine Informationen zu den Ausführenden Künstlern gab, denn die waren wirklich hervorragend. Am Dienstag werde ich mal beim Oberkantor der die Orgel gespielt hat und alles geleitet hat nachfragen.

  • Doch wie sie dieses Konzert spielte, das macht eben den Unterschied aus. Die Klarinette jubelte und weinte, es war ein Vergnügen diese Läufe und Kapriolen zu erleben. Eine ganz großartige Künstlerin!


    Hat Sabine Meyer die gängige Form des Konzerts gespielt oder ist sie mit ihrer Bassklarinette gekommen?


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Am Sonntag durfte ich in der Essener Philharmonie Andras Schiff erleben, der den zweiten Teil des Wohltemperierten Klaviers (BWV 870-893) von Johann Sebastian Bach gab. Obwohl ich (trotz einer Gesamtaufnahme im Bestand) nicht der ganz eifrige Bachhörer bin, habe ich doch das Wohltemperierte Klavier in zwei gegensätzlichen Einspielungen, einmal von Robert Levin im Rahmen der Gesamteinspielung, der Cembalo, Clavichord, Orgel und Fortepiano zum Einsatz bringt und zum Zweiten von Sviatoslav Richter, der das Werk auf einem Bösendorfer spielte.
    Andras Schiff schließlich spielte auf einem Fabbrini Steinway, und das, was ich schon bei meinen Ausführungen zur Richteraufnahme sagte, dass sein Bach auch auf einem großrahmigen Flügel gut klingt, sah ich hier im Live-Erlebnis bestätigt. Schiffs scheinbar völlig entspanntes, technisch von keinen Grenzen eingeengtes, aber dennoch sehr spannungsvolles Musizieren schlug die Zuhörer vom ersten Ton an in ihren Bann und wurde denn auch vom Publikum mit dem entsprechenden Jubel gewürdigt. Immerhin hat dieses so von mir nicht erwartete Musikerlebnis dazu geführt, dass ich nun wieder mehr Bach hören werde, dabei ist Bach derjenige Komponist, von dem ich mit usnerem Chor bisher die meisten Chorwerke mitgestalten durfte, noch vor Mozart.
    Dass Andras Schiff den Ruf als einer der führenden Bach-Pianisten unserer Tage genießt, konnte man nach disem Konzert gut verstehen.


    Liebe Grüße


    Willi ^^

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Gestern war es wieder soweit:
    Die Frau verschwindet ne gefühlte Stunde im Badezimmer und ich muss mir die schwarzen Budapester anziehen und "National Health" Hören einstellen.
    Es geht ins Konzert: Beethoven Marathon in Kiel. Alle 5 Klavierkonzerte an einem Abend.
    Mit dem Kieler Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Georg Fritsch und Gerhard Oppitz an der Tastatur.
    Gespielt wurde in der Reihenfolge 2, 1 dann Pause. 3, 4, Pause und dann 5.


    Ein denkwürdiger Abend, der mit 5 Minuten Standing Ovations für die beteilgten Ausführenden schloss.
    Aber der Reihe nach.
    Oppitz war an seinem 59. Geburtstag in Hochform und das Orchester, wie immer glänzend geführt von Georg Fritsch, begleitete ihn hervorragend. Die Idee haben die beiden angeblich bei einer Flasche Rotwein gehabt.
    Und so anstrengend sei es auch nicht. Ein Soloklavierabend benötigt mehr Noten und Lohengrin dauert auch länger. So der Chef in einer Einführung.
    Aber die Stimmung von 19 Jahren Entwicklung in der Musik Beethovens einzufangen, das war die Herausforderung.


    Dabei wurden historische Instrumente mit eingebunden; erst wunderte ich mich über den "dünnen" Geigenklang und die seltsamen Hörner. Aber es waren wohl "auf Alt" gemachte Instrumente. Interessante Klangfarben kamen so zustande.


    Dem 2. fehlt bekanntlich die Pauke, deshalb wird Teleton :D es wohl nie so richtig mögen, es war aber ein sehr guter Start. Das Eis war gebrochen und es wurde ein "Heimspiel". Das Orchester steigerte sich wie man es sonst vom THW Kiel kennt.


    Im 1. zeigte Oppitz, das er, wenn er gelöst ist, und das war er freilich gestern, unglaublich den beethovenschen Witz hervorbringen kann.
    Das war im 3. nach der 1. Pause fast noch besser. Wer die humorfreie Interpretation Kempff/Leitner des 3. im Ohr hat, fragt sich, wieso Oppitz nun als Schüler von Kempff gelten mag. Doch gemach..
    Im 4. gibt es diesen schönen Anfang. Der Pianist gibt das Thema vor und darf dann mehrere Minuten zuhören (und darüber nachdenken, was er gerade für einen Mist gespielt hat, so ein berühmter Pianist einmal in einem Bonmot). Das 4. gelang meines Erachtens wunderbar, es war nach dem 1. der 2. Höhepunkt des abends.
    Aber es kam noch mehr:
    Das 5. ging ab, wie ich es in Erinnerung hatte. (Kempff/Leitner).
    Wären da nicht einige Stellen im letzten Satz gewesen, wo ich mehr Druck vom Orchester erwartet hätte, es wäre fantastisch gewesen.
    Aber für ein kleines Orchester im Norden mit einem (noch nicht) bedeutenden Dirigenten und einem bereits bedeutenden Pianisten, war es ein wunderbarer Abend.


    In den Pausen hatte Frau König mit CD Verkauf gut zu tun, überall hingen historische Kostüme herum oder wurde von jungen Menschen getragen und zudem wurden alte mit neuen Instrumenten verglichen.


    Gab es was zu bemäkeln?
    Der 2. Satz des 3. war mir zu langsam, wie auch die Tendenz, grundsätzlich die jeweils 2. Sätze zu intensiv auf lyrische Stellen zu befummeln. Aber das ist mein Geschmack.
    Und das Parkhaus! Aber das hat mit Musik nix zu tun.


    Gruß aus Kiel