LES TROYENS von Berlioz


  • Hallo!
    Berlioz´ Opern sind ja hier bisher recht kurz gekommen, ich muß gestehen, daß mir seine Faust-Oper bis heute unbekannt ist, mir die Trojaner bis gestern völlig unbekannt waren.
    Dabei hat es das Meisterwerk Les Troyens unbedingt verdient, gehört zu werden und einen eigenen Thread zu bekommen.
    Von der oben abgebildeten DVD bin ich vollkommen betört.
    Die Anzahl der Einspielungen ist nicht so groß: zwei mal Colin Davis und Dutoit und die DVD von den Salzburger Festspielen unter Cambrelling - gibt es weitere nennenswerte Aufnahmen? Welche Aufnahmen kennt ihr? (Colin Davis alte Aufnahme (mit Jon Vickers) kommt bald in einer low-price edition auf den Markt, aber ist die neue LSO-Live CD vielleicht doch besser?) Gibt es eine Beecham-Aufnahme?

  • Lieber Thomas,
    die beste Aufnahme dürfte immer noch die alte / frühe Aufnahme mit Sir Colin Davis sein ; gefolgt von seiner zweiten Einspielung .
    Jürgen Kesting hat 2002 in der FAZ eine ausführliche Rezension geschrieben . Aber mit unlogischem Schluss !
    Eine tolle Oper auf jeden Fall .
    Grüsse
    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Die Aufnahme mit Vickers unter Davis ist hervorragend (hab ich schon gesagt, dass ich ein Vickers-Verehrer bin?)!! Davis Dirigat ist mitreißend, ebenso Vickers` Darstellung des Aeneas. Die ellenlange Restbesetzung ist ordentlich und stimmig.
    Du hast wohl recht, diese Oper ist sehr zu kurz gekommen, dabei ist es ein so wunderbares Werk! Dennoch zweifle ich daran, dass es in naher Zukunft eine Aufnahme geben wird, die jene eben genannte überbieten wird.

    Elen Rusco caluva tielyanna!

  • Lieber Beren fox ,
    die zweite Colins - Einspielkung soll lt. Jürgen Kestings Besprechung in der F.A.Z. ( Sommer 2002) genauso gut sein . Aber seine Argumentation ist nicht logisch , daher bleiben erhebliche Zweifel !
    Beste Grüsse
    Frank :hello: :hello:

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Ich kenne Kestings FAZ-Artikel nicht, aber ich kennen sein Urteil zur Zweiten Einspielung aus anderer Quelle. Sie scheint nicht ganz die Qualität der ersten zu erreichen, aber auch ganz hervorragend zu sein, wenn ich das richtig verstanden habe. Leider habe ich sie *kicher* selbst nicht gehört

    Elen Rusco caluva tielyanna!

  • Lieber Beren fox ,
    es ist in dem logisch nicht schlüssigen Artiekl 2002 in der FAZ umgekehrt gewesen : Eine unendliche Lobeshymne auf die erste Aufnahme , um dann Pünktchen für Pünktchen auszuführen ( Zeilengeld ??? ) , warum die n e u e Aufnahme insgesamt die bessere sein soll .
    Kestings Geschmack . Er hat sich hier jedenfalls Mühe gegeben !
    Grüsse
    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Zitat

    Original von Frank Georg Bechyna
    Lieber Beren fox ,
    es ist in dem logisch nicht schlüssigen Artiekl 2002 in der FAZ umgekehrt gewesen : Eine unendliche Lobeshymne auf die erste Aufnahme , um dann Pünktchen für Pünktchen auszuführen ( Zeilengeld ??? ) , warum die n e u e Aufnahme insgesamt die bessere sein soll .
    Kestings Geschmack . Er hat sich hier jedenfalls Mühe gegeben !
    Grüsse
    Frank


    @FGB,


    was ist den genau am Inhalt des Artikels unlogisch?
    Leider konnte ich bisher keinen Auszug aus dem Inhalt hier im Thread finden, der es ermöglicht auf der Basis von Textstellen die Verifizierung des von Ihnen
    als unlogisch bewerteten Textes vorzunehmen!
    Wäre doch für die Besprechung dieser Aufnahme von hoher Wichtigkeit wenn dieses u.g unlogische Ende mitgeteilt würde!


    grazie :D

  • Im Jahre 1965 gabe es bereits eine Einspielung der Trojaner
    unter Georges Prêtre und der Nationaloper Paris auf EMI, die offenbar
    niemand kennt. weil sie zu Vergleichen nicht herangezogen wird.


    Den Äneas hat Guy Chauvet gesungen und beide Partien,
    die Cassandra wie die Dido hat sich Regine Crespin vorgenommen.


    Zu dieser Zeit stand die Crespin im Zenit ihres Ruhms und hat
    unter Decca auch die Sieglinde unter Solti eingespielt. Die
    Herodiade, in der sie die Salome singt, stammt auch aus
    dieser Zeit.


    Die Crespin setzt ihren superschlanken silberhellen dramatischen
    Sopran ein und erstellt ein eindrucksvolles psychologisches Porträt
    beider Frauengestalten. Im Falle der Dido gibt sie sich keine
    Mühe, die Stimme abzudunkeln, um einen Mezzosopran zumindest
    anzudeuten.


    Deshalb meine Frage, war die Dido von Berlioz überhaupt für
    Mezzosopran vorgesehen oder hat die Graham, sich die Partie
    einfach "gekrallt", weil sie Berlioz über alles liebt.


    Die Francoise Pollet habe ich natürlich auch als Dido, allerdings nur mit
    der Sterbeszene "J'ai vais mourir" in der sie einfach überwältigt.


    Dies Recital wird von mir immer wieder abgenudelt, weil dort
    auch noch andere Kostbarkeiten aus französischen Opern
    vorhanden sind, die anderweitig erst in jüngster Zeit oder
    gar nicht greifbar sind:


    Die Königin von Saba (Gounod)
    Heinrich VIII (Saint-Saens)
    Cinq Mars (Gounod)
    Sapho (Massenet)


    Aufgefallen ist mir eine Oper "Sigurd" von einem
    Ernest Reyer, in der die Pollet die Brunehilde singt.
    "Salut! splendeur du jour" der Höhepunkt des Recitals überhaupt.


    Engelbert

  • Die Bewertung der beiden Davis-Einspielungen fällt für mich unter "Geschmackssache" - allein der sehr unterschiedlichen Interpretationen des Aeneas durch Vickers bzw Ben Heppner wegen. Da aber die jüngere immer schon sehr günstig war und die ältere (wohl wegen dieser Konkurrenz) auf ein ähnliches Preisniveau in gleicher Ausstattung gebracht wurde kann man ruhig beide besitzen.


    Zu den DVDs:
    Die Gardiner-Aufnahme ist wirklich exzellent, sowohl orchestral (mit einigen Musiksplittern, insb Percussionsinstrumente, die sonst weggelassen werden) als auch hinsichtlich der Stimmen.


    Die Cambrelling-Aufnahme aus Salzburg unterscheidet sich insbesondere durch ein kompromissloser durchgezogenes Regiekonzept (Herbert Wernicke) als auch durch die Tatsache, dass Deborah Polaski tatsächlich Kassandra und Dido sang - eine fast irrwitzige tour de force. Insofern ist diese Aufnahme wohl eher polarisierend als die neue aus Paris.

  • Ich habe die Dutoit-Aufnahme sowie auf Video die Aufführung von den Salzburger Festspielen. Musikalisch gesehen gefallen mir die Salzburger Trojaner besser, und Deborah Polaski als Cassandre und Didon ist wunderbar - ein Prädikat, das auf ihren Énée Jon Villars meiner Meinung nach nicht zutreffen kann. Er klingt ein bisschen nach Brutalo-Bariton, der gerne ein Tenor wäre, kommt mir vor. Außerdem sieht er im vierten Akt so sturzbetrunken aus! :D
    Régine Crespin kann ich mir irgendwie weder als Cassandre noch als Didon wirklich gut vorstellen, allerdings wäre es sehr reizvoll, sie darin einmal zu hören.


    Die Didon gilt allgemein als Mezzosopranpartie, welchen Umfang sie exakt hat, weiß ich nicht. Ich möchte aber an dieser Stelle anregen, dass so etwas - wenn wir nun schon einmal einen Tamino-Opernführer haben! - von Leuten, die die Partitur einer Oper besitzen, herausgesucht und ergänzt wird, denn den genauen Stimmumfang einzelner Partien finde ich sehr interessant (und lässt auch genauere Rückschlüsse zu als "Sopran", "Mezzosopran" oder gar "Sopran/Mezzosopran" ;)).


    Zitat

    Original von Engelbert
    Aufgefallen ist mir eine Oper "Sigurd" von einem
    Ernest Reyer, in der die Pollet die Brunehilde singt.
    "Salut! splendeur du jour" der Höhepunkt des Recitals überhaupt.


    Ich habe die Oper vor langer Zeit einmal im Radio gehört, sie ist mir als nicht sonderlich überwältigend in Erinnerung, solides Handwerk eben und unverkennbar französisch. Die Brunehilde allerdings wird überall als Sopranpartie geführt: hat die Pollet sich die Arie
    einfach "gekrallt", weil sie Reyer über alles liebt? :stumm:

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  • Hallo Engelbert


    Zitat

    Im Jahre 1965 gabe es bereits eine Einspielung der Trojaner
    unter Georges Prêtre und der Nationaloper Paris auf EMI, die offenbar
    niemand kennt. weil sie zu Vergleichen nicht herangezogen wird.


    Bist du sicher, dass das nicht nur ein Querschnitt oder Auszug war? Mir ist von einer derartigen Gesamteinspielung auch nichts bekannt.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • "Opern - ein Verzeichnis aller Aufnahmen" von Karsten Steiger (1. Auflage 2000), das den Anspruch auf 90-95% Vollständigkeit erhebt, dafür keinen Anspruch auf Verfügbarkeit der Aufnahmen, listet bei "Les Troyens" folgende Gesamtaufnahmen:
    1947 Sir Thomas Beecham: Cassandre: Marisa Ferrer; Didon: Marisa Ferrer; Enée: Jean Giraudeau (live) [Melodram 303/5 LPs]
    1960 Robert Lawrence: Cassandre: Eleanor Steber; Didon: Regina Resnik; Enée: Richard Cassilly (live, gekürzt) [VAI Audio VAIA 1006/3 CDs]
    1960 Rafael Kubelík: Cassandre: Nell Rankin; Didon: Giulietta Simionato; Enée: Mario del Monaco (live) [Paragon DSV 52011/4 LPs]
    1969 Georges Prêtre: Cassandre: Marilyn Horne (ein Mezzo!); Didon: Shirley Verrett; Enée: Nicolai Gedda (live) [Arkardia 461/4 CDs]
    1969 Colin Davis: Cassandre: Berit Lindholm; Didon: Josephine Veasey; Enée: Jon Vickers [Philips 416 432-2/4 CDs]
    1993 Charles Dutoit: Cassandre: Deborah Voigt; Didon: Francoise Pollet; Enée: Gary Lakes [Decca 443 693-2/4 CDs]


    (Wobei die Prêtre-Version von 1969 recht interessant sein könnte, meiner Meinung nach!)


    Nur die Akte 3-5 gibt es auch noch in folgender Aufnahme:
    1952 Hermann Scherchen: Didon: Arda Mandikian; Enée: Jean Giraudeau [Tahra TAH 143-4/2 CDs]

  • Mit etwas Verspätung meine Reaktion:


    Die Einspielung, von der ich sprach, teilt das Thema Trojaner in zwei Opern auf. „La Prise de Troie“ und „Les Troyens a Carthage“ Es handelt sich ein Doppelalbum, komfortabel mit reichhaltigem Bildmaterial, darunter zwei wundervolle Porträts der Crespin im Kostüm der Dido. Das im Augzug beigegebene Libretto dürfte etwa 20% der beiden Opern ausmachen. An der Auswahl - es handelt sich vorwiegend um Ensemble-Szenen, auch mit Chor, erkenne ich, dass es sich um einen Auszug aus einer Gesamtaufnahme handelt. Die Glanzstücke „Le Grecs ont disparu!“ (Cassandra) „Dieux imortells“ und „Je vais mourir“ (Dido) sowie „Inutiles regrets“ (Enée) sind natürlich vorhanden.


    Zweifel, ob es jemals eine Totaleinspielung gab, sind berechtigt! Es gibt die Überlegung, dass die Gesamtaufnahme(n) nicht in den Export gekommen oder in der Planung stecken geblieben ist. Das Doppelalbum ersetzt eine Gesamteinspielung nicht, ist aber in jedem Fall eine Bereicherung jeder Berlioz-Kollektion und liegt über dem Niveau eines Sängerporträts. Ob inzwischen auf CD umgepackt wurde, müsste ergoogelt werden.


    Engelbert



    Nachtrag:
    „Online Musik Magazine“ erwähnt im Zusammenhang mit der Gardiner-Einspielung die Crespin, positiv, gibt aber keine schlüssige Information, ob die Gesamtaufnahme jemals erschienen ist:


    Zitat: „Trotz der nicht zu unterschätzenden Länge verließ man beglückt das am Ufer der Seine gelegene Opernhaus, in dem man einer bemerkenswerten, großartigen Vorstellung beigewohnt hatte, die das Ergebnis langjähriger Vorbereitungen und langer, intensiver Probenarbeit war, die sich ein deutscher Repertoirebetrieb so niemals leisten könnte.
    Nicht zuletzt freute man sich als Besucher aus Deutschland, die freilich merkwürdig zusammengestellten Ausschnitte aus Les Troyens mit der unvergleichlichen Régine Crespin (im Aufnahmejahr 1965 wahrlich auf dem Höhepunkt ihrer großen Kunst und natürlich mit perfekter Diktion) und den entsprechenden Band aus der verdienstvollen Reihe "L'Avant-Scène" erstehen zu können.“


    Dank an Philhellene für die sorgfälitige Auflistung der Einspielungen.

  • Für mich eine sensationell gelungen Aufnahme:


    2002 Colin Davis: Petra Lang, Michelle deYoung, Ben Heppner (LSO 0010)


    - Teil des zweiten Berlioz-Zyklus von Davis im Eigenverlag des LSO, daher zu einem bemerkenswert günstigen Preis.

  • Habe gerade diesen Thread entdeckt (der ja scheinbar seit geraumer Zeit im Schneewittchenschlaf ruht). Da »Les Troyens« einer meiner absoluten TOP-FAVORITEN ist, muß ich mal versuchen die Sache zu wecken.


    Also, ich bin stolzer Besitzer von fünf Gesamtaufnahmen und drei Video-/DVD-Einspielungen, die alle so ihre Vorteile haben, aber auch ihre Meriten:


    Die älteste Einspielung ist eine Aufnahme aus dem Jahr 1947, in der Sir Thomas Beecham das Royal Philharmonic Orchestra und den BBC Theatre Chorus leitet. Die zentralen Rollen werden von Maris Ferrer (in der Doppelrolle als Cassandra und Dido), Jean Gireadeau (Aeneas) und Charles Gambon (Corebus) gesungen. Es handelt sich hierbei um einen Radiomitschnitt - na klar mono (Ich hab das Ding in der Originalversion auf 3 MC im Schuber, es gibt diese Aufnahme aber inzwischen auch auf CD). Die Tonqualität ist für die damalige Zeit recht ansprechend, die Interpretation ebenfalls. Als historisches Dokument - immerhin die erste weitgehend vollständige Einspielung dieses Meisterwerks - wirklich hörenswert.


    Die zweite Einspielung ist dann die hier schon erwähnte Aufnahme unter Colin Davis mit Vickers, Veasy und Lindholm aus dem Jahr 1969. Dies ist natürlich eine Heldentat - mit einem erstklassigen Aeneas (Vickers) und einer tollen Dido (Veasy). Frau Lindholm dagegen gefällt mir in der Rolle der Cassandra gar nicht - ihr Timbre ist ungeheur schneidend. Da die Cassandra ja die zentrale Figur des ersten und eine bedeutende im zweiten Akt ist, fällt das nicht so gut auf den Gesamteindruck zurück, den die Einspielung bei mir hinterlassen hat . Ansonsten gestaltet Davis die Oper mit viel Verve und Druck - für meine Begriffe manchmal aber etwas wenig transparent. Das gilt leider auch für seine neue Einspielung aus dem Jahr 2002, die allerdings mit Ben Heppner ebenfalls einen exeptionellen Aeneas aufbietet. Insgesamt bevorzuge ich dennoch die ältere Davis Einspielung - ist aber vielleicht eher aus nostalgischen Gründen.


    Die schwächste Aufnahme, die ich besitzte, ist eine unter Pretre, von der ich augenblicklich gar nicht weiß, welches Orchester spielt oder wer die einzelnen Rollen singt (hab sie in einer Kiste im Keller). Es handelt sich jedenfalls um einen Live-Mitschnitt aus der ersten Hälfte der 1970er - kaum tontechnisch überarbeitet und entsprechend gräußlich. Ich hab auch in Erinnerung, daß Pretres Interpretation ziemlich lasch und blutleer ist - was übrigens für seine anderen Berlioz-Aufnahmen, zum Beispiel La damnation de Faust (EMI) ebenfalls gilt.


    Die letzte CD-Einspielung ist die mit dem Orchestre symphonique de Montréal unter der Leitung von Charles Dutoit. Hierbei handelt es sich um eine eher schlanke, sehr »französische« Interpretation. Natürlich hat Davis' Einspielung aus dem Jahr 1969 Maßstäbe gesetzt, sowohl was die Interpretation als auch die Qualität der Solisten - allen voran Jon Vickers als Aeneas. Dennoch kann die Interpretation von Dutoit durchaus bestehen. Da ist zunächst der Charakter der Interpretation: Dutoit setzt explizit auf die musikalische Architektur und auf Transparenz, ohne daß dies auf Kosten der Dramatik ginge. Deutlich arbeitet er Berlioz' Orientierung an der französischen Tradition der Oper heraus, an Rameau und Gluck. Auch die eher zügingen Tempi seiner Interpretation weisen in diese Richtung, die zudem durch die Leistung der Solisten gestützt wird: Deborah Voigt ist eine ergreifend verzweifelte Cassandre und Francoise Pollets Dido ist zutiefst emotional, ohne jemals ins melodramatische abzugleiten. Ein weiterer Vorzug dieser absolut rauschfreien Aufnahme ist, daß Dutoits eine Szene reintegriert, die Berlioz auf Drängen aus dem ersten Akt herausgekürzt hatte, sowie das Vorspiel, das er für die Aufführung der Akte III-V nachträglich komponiert hatte eingefügt. Einziger Schönheitsfehler: Gary Lakes ist mit der Rolle des Aeneas bisweilen ziemlich überfordert und gerät arg ins Quäken. Also: dicker Schönheitsfehler. :(
    Dennoch: dies ist mein Favorit unter den Audioversionen.


    Nun zu den Videos bzw. DVDs.


    Zuerst ist da mal ein Mitschnitt aus der Met, der - was die Namen anbetrifft - eigentlich allererste Liga sein sollte: Jessey Norman (Cassandra), Tatiana Troyanos (Dido), Placido Domingo (Aeneas) - und James Levine ist der Dirigent. Aber das ganz Ding ist absolut schrecklich. Die Inszenierung ist so, wie Europäer glauben, daß Amerikaner sich die europäische Antike vorstellen; ein kitschig antikisierendes, pseudonaturalistisches Cliché. Die Leistung der Sänger ist eigentlich ganz gut (insbesondere die von mir ohnehin hochverehrte Tatiana Troyanos ist eine überwältigende Dido). Allein: Dominge vermag in der Rolle des Aeneas nicht zu besetehen - er quäkt zwar nicht wie Gary Lakes, aber dafür knödelt er was das Zeug hält, als wäre Berlioz ein französischer Donizetti und Aeneas ein verliebter Galan aus einer von dessen schlechteren Opern. Dazu kommt, daß Domingo seinen französischen Text mit einem schrecklichen Akzent versieht. Und auch die Interpretation von Levine ist nicht mein Geschmack: alles etwas arg dick aufgetragen und pomadig.


    Dagegen finde ich die Mitschnitte der Aufführungen unter Cambreling einerseits und Gardiner (Suasan Graham ist eine wundervolle Dido) andererseits sehr überzeugend, wobei mein persönlicher Favoritenpendel eher in Richtung Cambreling ausschlägt. Die liegt zum ersten am Dirigat, weil Cambreling (darin Dutoit ähnlich) ein architektonisches und transparentes, dabei dramatisches und suggestives Klangbild präsentiert, zum zweiten an Daborah Polaski, die die Doppelrolle der Cassandra und Dido mit Bravour bewältigt und zum dritten an der Inszenierung, die nüchern und zugelich allegorisch ist und die Darstellung der beiden weiblichen Hauptrollen durch eine Sängerin auch dramaturgisch und inszenatorisch logisch erscheinen läßt.


    Grüße,
    Klawirr

  • Lieber Klawirr,


    ich hab grad diesen Thread entdeckt.


    Wenn Du diese Oper so sehr liebst, hattest Du denn Gelegenheit, sie auch live zu sehen ? Sie wurde in dieser Saison in Paris aufgeführt.


    Es grüsst LaCastafiore


  • Hallo LaCastafiore,
    ja, ich hatte Gelegenheit sie live zu sehen - allerdings nicht in Paris, sondern »nur« in Duisburg/Düsseldorf (Deutsche Oper am Rhein) und im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen, wo ich die Premiere im vergangenen Januar erleben durfte.
    Die Inszenierung an der Deutschen Oper am Rhein ist auf beide Spielstätten aufgesplittet. Die ersten beiden Akte (die »Troja«-Akte also) werden in Duisburg gegeben, die Akte 3-5 (die »Karthago«-Akte) in Düsseldorf. Als ich die Auführung gesehen habe, wurde man mit einem Transferbus von Duisburg nach Düsseldorf gefahren (weiß nicht, ob das noch gemacht wird). Das war schon ein sehr einizartiges Opernelebnis - wobei allerdings der zweite Teil IMO inszenatorisch gegenüber dem ersten abfiel. Die »Einnahme von Troja« war in der Duisburger Inszenierung allerdings ein musikalisches wie auch dramaturgisch-theatralisches Ereignis. Insbesondere Annette Seiltgen in der Rolle der Cassandre ist gesanglich und darstellerisch hinreissend.


    Die Gelesenkirchener Inszenierung ist ebenfalls überzeugend - die Rollen sind angemessen besetzt, das Orchester bewältigt den »Stoff« sehr gut. In den Karthago-Akten spielt die Inszenierung sehr stark auf faschistoid-diktatorische Systeme in Lateinamerika an: Dido (wunderbar: Anke Sieloff) erscheint als eine Art Evita Peron (Anspielungen auf die Musical-Verfilmung mit Madonna sind mehr als offensichtlich), überall schaut sie von Bildern auf sich selbst und auf ihr Volk herab. Alles recht bunt (die Bühne wird von einem Himmelblau und dottergelben Sonnenblumen dominiert). Das kann man mögen, oder überspannt finden. Mir hat es eigentlich recht gut gefallen und und die Deutung ist auch zulässig, wie ich meine.
    Insgesamt ist »Les Troyens« ja eine überaus bühnentaugliche Oper, weil auch das Libretto einfach ungewöhnlich stark ist, eine wirkliche (und zudem auch wirklich tragische) Handlung hat, die zudem auch noch aufgeht (eben keine seltsmen bzw. absurden Verwechslungsgeschichtem oder sowas). Naja, die Grundlage des Librettos ist ja auch einer DER Urtexte der europäischen Literatur.
    Beide Inszenierungen werden noch gespielt. Ich meine: es ist nicht die Opéra de Bastille - aber sehens- und hörenswert sind die Trojaner in Duisburg/Düsseldorf und in Gelsenkirchen allemal.


    Herzlichst,
    Klawirr

  • bei mir blieb die gelsenkirchener aufführung nicht in so guter erinnerung.
    ich fand´s über weite strecken ziemlich fade.lag´s am orchester,an der musik,keine ahnung.
    die inszenierung selbst hat nicht sonderlich gestört,die gesanglichen leistungen waren OK.
    da hat das MiR schon besseres gebracht.("il furioso..."rosmonda d'Inghilterra)


    lg yago

  • Zitat

    Original von yago
    bei mir blieb die gelsenkirchener aufführung nicht in so guter erinnerung.
    ich fand´s über weite strecken ziemlich fade.lag´s am orchester,an der musik,keine ahnung.
    die inszenierung selbst hat nicht sonderlich gestört,die gesanglichen leistungen waren OK.
    da hat das MiR schon besseres gebracht.("il furioso..."rosmonda d'Inghilterra)


    lg yago


    Hm, weiß nicht so recht. An der Musik kann's nicht gelegen haben, die ist alles andere als fad. Wie gesagt: ich fand die Sache schon sehr anregend...


    :hello:


    Klawirr

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  • Hallo,


    Ich war auch in der Gelsenkirchener Aufführung zu Premiere...(Ich kam wegen der DB eine halbe Stunde zu spät... :motz: )
    Die Inszenierung war ein bisschen merkwürdig...bei der Premiere gabs einige dicke Pannen...aber nicht weiter tragisch.


    Problematisch wurde es bei dem Orchesterpart...der wurde meines Erachtens in keiner Weise bewältigt. Das Orchester mag für Belcanto-Ausgrabungen geeignet sein und auch im barocken Bereich habe ich schon gutes von der "Neuen Philharmonie Westfalen" gehört - Diesem dicken Schinken waren die Musiker aber keinesfalls gewachsen - die schäbige Akkustik des MIR tat ihr übriges dazu! Gesangstechnisch durchwachsen.


    Mag sein, dass nach der Pannen-Show bei der Premiere einiges geändert wurde, aber die Premiere war ein ziemlicher Reinfall für das MIR, welches sich mittlerweile einen wirklich guten Ruf erarbeitet hat - besonders was "Ausgrabungen" angeht. Wenn ich an Platée oder "Die Wahnsinnigen von der Insel Wasweissichdennwo" denke, dann waren das echte Erlebnisse!


    Viele grüße,


    Raphael

  • ja, ja, ja, wir sind unnachsichtig... sooo schlimm war das nicht. vielleicht war ich ja auch geblendet, weil ich das Ding endlich mal am Stück live sehen konnte... Aber ein Reinfall?? Neeeee!


    :hello:


    Klawirr

  • ich tendiere ja auch eher dahin,dass es das orchster einfach nicht derpackt hat.und ich das das was aus dem orchstergraben kam,fad empfand.
    die paar wirklich kleinen pannen bei der premiere sind aber zu vernachlässigen.
    lg yago

  • Aus aktuellem Anlass hierher kopiert:



    Ich habe den Mitschnitt einer früheren Ausstrahlung und kann jedem, der sich für diese Oper interessiert und Ö1 empfangen kann, nur raten, die Sendung mitzuschneiden oder eine/n Tamino seines Vertrauens darum zu bitten, das für sie/ihn zu tun. Viel besser wird man trotz einiger Probleme im Detail, die Oper selten zu hören bekommen.


    :hello: Jacques Rideamus


  • Halt a bisserl spät, der Aufruf...


    ;)

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • :faint: :faint: :faint: :boese2: :O


    Aber vielleicht hat ja jemand trotzdem mitgeschnitten und nimmt das zum Anlass, die Aufnahme mal zu hören und, besser noch, zu verbreiten.


    :hello: Jacques der zu Recht Gerügte

  • Zitat

    Original von Jacques Rideamus
    :faint: :faint: :faint: :boese2: :O


    Aber vielleicht hat ja jemand trotzdem mitgeschnitten und nimmt das zum Anlass, die Aufnahme mal zu hören und, besser noch, zu verbreiten.


    :hello: Jacques der zu Recht Gerügte



    Lieber Rideamus,



    die links dürfen zwar nicht veröffentlicht werden, aber bei Operashare gibts den Mitschnitt schon ;)


    Auf meinem Hörprogamm steht er jedenfalls schon....



    LG, Elisabeth



    BTW: Da wir längst von den reinen DVD-Aufnahmen weg sind: wie wärs mit einer Verschiebung dieses threads ins Opernforum?

  • Seit Heute habe ich die Oper auch in meinem Besitz.
    Ich habe mich für diese Einspielung entschieden - weil recht günstig zu haben und bisher hab ich mit den Einspielungen von Sir Colin Davis immer gute Erfahrungen gemacht:






    ich habe auch bisher nur kurz hineingehört und jetzt bin ich gerade dabei die erste CD vollständig zu hören.
    Deshalb kann ich noch nichts wirkliches beitrgen, und doch bin ich jetzt schon begeistert !



    Nein ich bin völlig geplättet.
    Ich hätte nicht gedacht dass ich die Ästhetik der Oper Rameaus und Glucks im 19. Jahrhundert wiederfinden könnte.
    Les Troyens hört sich fast an, wie eine romantisch interpretierte Tragèdie Lyrique von Rameau.


    Auch der Aufbau ist fast gleich.
    Es ist genauso wie das Edwin angesprochen hat - die Ähnlichkeiten sind faszinierend.
    Wenn alle "Grand Operas" so gestrickt sind, dann habe ich eine weiteres Betätigungsfeld :D


    Besonder umgehauen hat mich das Air mit dem der 5. Akt eröffnet wird "Vallon sonore"
    So eine Instrumentierung kenne ich wirklich nur von Rameau.
    Ungewohnt ist für ich nur das fehlen einer Ouvertüre.


    Das war jedenfalls ein ganz großer Tip - und ich wäre fast von Wagner begeistert gewesen, aber gegen so eine kunstvolle Opernsprache ist mir die Leitmotivik zu banal und lzu angweilig.


    :untertauch:

  • Lieber Matthias,


    da ich gerade dabei bin, den umgekehrten Weg von Berlioz zu Rameau zu finden, freut es mich sehr, dass nun auch Dich die Begeisterung für Berlioz' Meisterwerk erfasst hat, das schon lange zu den Fixsternen meines Opernhimmels zählt. Die Aufnahme, die Du ausgewählt hast, ist zum Glück nicht nur eine günstge, sondern dank Ben Heppner auch eine der besten. Mit der Zeit wirst Du Dich sicher auch für die Alternativaufnahmen interessieren, die im TMOO - Troyens, Les aufgeführt wurden.


    Zu diesem Werk gibt es in der Tat noch sehr viel zu sagen, aber ich möchte dem von Zwielicht angekündigten ausführlicheren Beitrag nicht vorgreifen, auch wenn er ähnlich auf sich warten lässt wie der meine zu Chabriers LE ROI MALGRÉ LUI. :untertauch:


    In dem Zusammenhang schon mal ein OT-Tipp zur bevorstehenden Weihnachtssaison: mit Berlioz' "Oratorium" L'ENFANCE DU CHRIST wirst Du wahrscheinlich eine ähnliche Erfahrung machen. Details hierzu in dem entsprechenden Thread: Berlioz' musikalischer Weihnachtsfilm: L'ENFANCE DU CHRIST


    :hello: Jacques Rideamus

  • Zitat

    Original von Jacques Rideamus
    Zu diesem Werk gibt es in der Tat noch sehr viel zu sagen, aber ich möchte dem von Zwielicht angekündigten ausführlicheren Beitrag nicht vorgreifen, auch wenn er ähnlich auf sich warten lässt wie der meine zu Chabriers LE ROI MALGRÉ LUI. :untertauch:


    :untertauch:


    Der Beitrag kommt auf jeden Fall noch in diesem Jahr... :O (das letztemal schrieb ich: "bevor die Blätter fallen", aber wenn ich so aus dem Fenster schaue, haut das nicht mehr ganz hin).



    Viele Grüße


    Bernd

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