Rudolf Serkin - Klaviergigant des 20. Jahrhunderts

  • Liebe Klavierfreunde,


    Geboren 1903 , ebenso wie Claudio Arrau und Wladimir Horowitz , studierte Rudolf Serkin in Wien Klavier und Komposition. Seine Kompositionslehrer waren immerhin Arnold Schönberg und Joseph Marx.
    Ab ca 1920 bildete er mit dem Geiger Adolf Busch ein Duo, später stieß der Bruder von Busch, der Cellist Hermann Busch datu und so entstand das Busch-Serkin-Trio.



    1933 debütierte Serkin in Amerika. 1939 emigrierte er dorthin und nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an. 1950 gründete er das Marlborough Festival .
    Zahlreiche Auftritte in der ganzen Welt, seit 1957 auch wieder in Deutschland. Seine Schwerpunkte lagen in der Klassik und der Romantik. Er zählt zu den bedeutendsten Pianisten des 20. Jahrhunderts, er selbst sah sich immer in Konkurrenz zu Horowitz in dessen Schatten er stand (zumindestens hat er das so empfunden)
    Serkin war nicht nur ein hohes Alter vergönnt, auch seine Kunst konnte er sehr lange ohne nennenswerten Temperaments- und Kraftverlust ausüben.
    Vor 2 Jahren wäre er hundert Jahre alt geworden, aber besonders beachtet wurde dieses Ereignis, soweit ich mich erinnere, nicht.


    Rudolf Serkin hat zahlreiche Schallplatten aufgenommen, wer könnte hier Empfehlungen aussprechen ? Vor einiger Zeit konnte man Neuveröffentlichungen am hiesigen Markt sehen, Aufnahmen die Serkin zeitlebens nicht freigegeben hat ........


    Beste Grüße aus Wien


    Alfred

  • Tag,


    die Diabelli-Variationen (Beethoven), eine Aufnahme der CBS, sind von Rudolf Serkin rauh gespielt, nicht langsam, nicht schön, eben rauh (so könnte Beethoven gespielt haben, es hieß, sein Klavierspiel sei rauh, Clementi soll sich so geäußert haben).


    MfG
    Albus

  • Hallo Klavierfreunde,


    mit Rudolf Serkin habe ich vor einigen Jahren endlich die Aufnahme der Brahms Klavierkonzerte Nr.1 und 2 gefunden, die mir ohne Einschränkungen gefällt.
    Bei vielen Solisten ist der erste Satz des Klavierkonzertes Nr.1 zerdehnt und ohne Spannung (ich finde 20Min dürfen nicht überschritten werden).
    Eine gute Alternative war für mich damals auf LP die alte Rubinstein-Aufnahme sowie die Fleischer/Szell-Einspielung, die aber fürchterlich rauscht. Später auf CD sollte es etwas klanglich besseres sein - Ashkenazy/Haiting auf Decca, war nicht schlecht; dann vor ein paar Jahren noch die Pollini/Abbado-Aufnahme auf DG.


    ;) das AHA-Erlebnis kam dann mehr zufällig wegen des Kauf der Burleske d-moll von Richard Strauß (gekoppelt mit dem Brahms-Konzert Nr.2) auf SONY mit Serkin/ClevelandOrch/Szell. Da hatte ich die Interpretation die mich wunschlos glücklich macht. Die SONY-CD des Klavierkonzertes Nr.1 wurde natürlich auch gleich besorgt und hat mich dann genauso positiv überrascht.


    Serkin/Szell das Traumgespann für Brahms !

  • Zitat

    Original von teleton
    Hallo Klavierfreunde,


    mit Rudolf Serkin habe ich vor einigen Jahren endlich die Aufnahme der Brahms Klavierkonzerte Nr.1 und 2 gefunden, die mir ohne Einschränkungen gefällt. Bei vielen Solisten ist der erste Satz des Klavierkonzertes Nr.1 zerdehnt und ohne Spannung (ich finde 20Min dürfen nicht überschritten werden).


    Aber der Satz dauert in dieser Aufnahme doch 21 Minuten und 4 Sekunden. :D Vielleicht bist Du ein Fall für Horowitz/Toscanini (17 Minuten 4 Sekunden)?

  • Hallo Thorsten,


    mit den 20Minuten für den 1.Satz des Brahms-Klavierkonzertes Nr.1 habe ich gemeint: diese sollten nicht weit überschritten werden.


    Was hällst Du von der Kombination Serkin/Szell bei den Brahms - Konzerten. Du hast doch sicher auch hier wieder jede Menge Vergleichsaufnahmen ?

  • Sagitt meint:


    Zum Ausgraben dieses threads eignet sich eine Box von Sony mit den wichtigesten Beethovensonaten, Aufnahmen aus der Zeit von 1962 bis 1980. Von Altersmilde keine Spur. Auch mit 77 ist Serkin quicklebendig.Romantik ist nicht so seine Stärke,Anschlagskultur auch weniger, auch Struktur, und Kraft. So gelingt die Appassionata hervorragend, op. 27 Nr. 2 ist im ersten Satz etwas beliebig. Dafür "fetzt" er wieder recht wild im dritten Satz. Für relativ wenig Geld bekommt eine hochwertige Interpretastion vieler wichtiger Sonaten, op. 13,26,27,31 Nr.1,53,57,81 a,101,106,109 bis 111.


    Der Klang ist befriedigend. Das Alter der Aufnahmen hört man durchaus.

  • Weiß jemand zufällig, ob seine Goldbergvariationen auf CD erhältlich sind?


    Ich habe vor einem Jahr auf einem Radiosender diese gehört und war
    begeistert, obwohl die Aufnahmequalität natürlich schlecht war. Allerdings
    hat die Aufnahme schon echte Ähnlichkeiten zur Gouldschen
    Herangehensweise gehabt, und das, obwohl diese Jahrzehnte vor Goulds
    Aufnahme herausgekommen war.

  • Zitat

    Original von SMOB
    Allerdings
    hat die Aufnahme schon echte Ähnlichkeiten zur Gouldschen
    Herangehensweise gehabt, und das, obwohl diese Jahrzehnte vor Goulds
    Aufnahme herausgekommen war.


    Hallo,


    Damit ist wohl die Gouldsche Aufnahme von 1981 gemeint. Seine Ersteinspielung auf Schallplatte war im Jahre 1955.


    Viele Grüße,
    Daniel

  • Also ich meine, dass es sich dabei um eine Aufnahme aus den 30ern
    oder 40ern handelte, wenn mich nicht alles täuscht(kommt ja auch hin, da
    Serkin 1903 geboren ist). Damals gab es
    noch altertümliche Aufnahmetechnik; irgendwie auf Papierrolle wurde es
    aufgenommen und nachträglich übertragen. Leider habe ich die
    aufgenomme Radioaufnahme nicht mehr X(.

  • Hallo SMOB,


    diese Serkinaufnahme würde mich auch interessieren. Nach einer Recherche handelt es sich um eine Aufnahme auf einem Welte-Mignon Klavier erschienen bei Archiphone (ARC 105) und entstanden ist die Aufnahme ca. 1928. Aber wo sie zu bestellen ist, habe ich noch nicht herausgefunden. Falls ich was finde, melde ich mich wieder.


    Viele Grüße,
    Daniel

  • genau, genau. Jetzt wo du es sagst. Welte-Mignon Klavier war es. :) Danke
    Hoffentlich findest du etwas. Ich werde mich auch noch mal drum kümmern.

  • Liebe Leute,


    wie kann es sein, dass in einem Thread über Serkin noch nicht seine Kammermusik-Aufnahmen erwähnt worden sind?


    Die folgenden vielgelobten Aufnahmen sind uneingeschränkt empfehlenswert:


    Beethoven: Cellosonaten mit Casals

    Es gibt diese Cellosonaten in diversen Ausgaben, zwischenzeitlich immer wieder sehr günstig.


    Brahms: Cellosonaten mit Rostropowitsch


    Brahms: Streichquartette mit den Budapestern


    Schubert: Trio D929 mit Busch

    In dieser Ausgabe wohl nicht mehr erhältlich, vielleicht anderswo. Die Suche lohnt sich.


    Thomas

  • Die große Kunst des Klavierspiels von RUDOLF SERKIN zeigt sich m. E. vor allem in seiner grandiosen Einspielung von BRAHM´s Klavierkonzert Nr. 1 mit dem CLEVELAND ORCHESTRA unter GEORGE SZELL und seiner nicht minder imponierenden Interpretation der Klavierkonzerte Nr. 1 und Nr. 2 von MENDELSSOHN-BARTHOLDY mit dem Columbia Symphony Orchestra unter EUGENE ORMANDY! Nach vielen Vergleichen mit anderen Aufnahmen nimmt die BRAHMS-Einspielung durch RUDOLF SERKIN für mich eine absolute Spitzenstellung ein. Er befindet sich hier offenbar auf dem Zenit seines Könnens. Sein Spiel ist eindrucksvoll, wunderbar akzentuiert, und selbst bei schnellen Passagen immer noch glasklar und stets nuanciert. Das CLEVELAND ORCHESTRA folgt ihm kongenial. Es ist für mich schwer vorstellbar, wie man dieses herrliche Klavierkonzert noch einprägsamer spielen und hören könnte.


    Auch bei den beiden MENDELSSOHN-Aufnahmen handelt es sich für mich um Referenz-Einspielungen. RUDOLF SERKIN spielt diese stellenweise recht schwierigen Konzerte mit frappierender Technik und Leichtigkeit außerordentlich temperamentvoll, spannungsgeladen und mit vibrierender Unruhe im positiven Sinn.



    Viele Grüße


    wok

  • Rudolf Serkin sit der Zweite in der kalendarischen Abfolge der großen Drei aus dem Jahre 1903 nach Arrau. Als Dritter folgt Horwitz, der im Oktober geboren wurde. Zu Serkins Geburtstag habe ich diese Doppel-CD mitgebracht, die wunderbare Beethoven-Aufnahmen enthält:


    Heute ist die 112. Wiederkehr von Rudolf Serkins Geburtstag.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Bereits im Sommer sind Serkins komplette Columbia-Aufnahmen erschienen.



    Auf amazon.com hat sich John Fowler die Mühe gemacht und alle Aufnahmen aufgelistet - ein Drittel war bislang nicht veröffentlicht! So gibt es nicht weniger als drei Aufnahmen von Brahms 2. Klavierkonzert mit Ormandy. Ich besitze die Box leider (noch) nicht, aber inzwischen hat Sony daraus einige einzelene Aufnahmen veröffentlicht, darunter eine mitreißende Einspielung von Brahms erstem Klavierkonzert mit Fritz Reiner aus dem Jahr 1947. Das Remastering ist fantastisch!




    Auf CD unveröffentlich war bisher auch diese frühe Schumann-Aufnahme mit Ormandy aus dem Jahr 1948:




    Viele Grüße
    Christian


  • Heute gehört: Das ist der Rudolf Serkin, wie er weltbekannt wurde: als ein kompromissloser Ausdrucksmusiker. Bei ihm wird die Brahms-Spieltradition aber kräftig in Frage gestellt, da gibt es keine vorsichtigen Abwägungen, keine idealistischen Vermittlungsbemühungen zwischen Brahms dem Klassizisten und Brahms dem Romantiker, auch keine Brahmssche Schwermütigkeit und Grübelei. All das wird einfach mit einer wahrhaft dionysischen Ausdrucksbegeisterung "weggefegt". Nein: Serkins Brahms, das ist nicht Schwerblütigkeit, sondern expressionistische Heißblütigkeit!


    Was mir da durch den Kopf geht: Solche radikalen Sichtweisen braucht es einfach, um eingefahrene und gewohnte Spieltraditionen und Hörgewohnheiten in Frage zu stellen. Ist unser Brahms-Bild, das wir gemeinhin haben, eigentlich unantastbar? Angesichts dieser "historischen" Aufnahme denkt man schließlich: Die großen Alten, die zu solch "umstürzlerischen" Taten fähig waren, die weilen fast alle schon nicht mehr unter den Lebenden. :angel: :)


    Schöne Grüße
    Holger