Was habt Ihr nur alle gegen Richard Strauss?

  • Die späteren Revisionen bei Strawinsky sind nicht substantiell gewesen, sondern meines Wissens in erster Linie Geldmacherei (Erneuerung der Urherberrechte).
    Und man erhält ja nur einen kleinen Ausschnitt. Die eigentliche neoklassizistische Phase mit z.B. Pulcinella und Apollon Musagete, um bei Balletten zu bleiben, folgt wenige Jahre später. Und nach dem 2. Weltkrieg nochmal was anderes.


    (Und man muß, anders als bei Strauss, keine Kalorienwarnungen aufs Plattencover schreiben ;))


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Die späteren Revisionen bei Strawinsky sind nicht substantiell gewesen, sondern meines Wissens in erster Linie Geldmacherei (Erneuerung der Urherberrechte).


    eben ...

    Zitat

    Und man erhält ja nur einen kleinen Ausschnitt. Die eigentliche neoklassizistische Phase mit z.B. Pulcinella und Apollon Musagete, um bei Balletten zu bleiben, folgt wenige Jahre später. Und nach dem 2. Weltkrieg nochmal was anderes.


    Das Verblüffendste an der "Histoire" ist für mich ja eben das frühe Entstehungsdatum. Und somit, was da in kurzer Zeit alles zusammenkommt.


    Nimmt man den gesamten Strawinsky, wird es ja noch viel facettenreicher, man denke vor allem an sein spätes Zwölftonwerk (requiem canticles, etc.)


    Im 20. Jahrhundert ist es aber nichts Ungewöhliches, in den widersprüchlichsten Stilen mitzutun. Strawinsky hat aber quasi 2 davon in den Jahren vor 1920 "erfunden". Von den "nicht-Erfindern" ist zum Beispiel Eisler ein recht interessanter Fall, da er parallel "arbeitertauglich" und schönbergnahe Zwölftonmusik schreibt. Nimmt man ein paar Werke aus den 30er Jahren heraus, wird man auch ein Spektrum bekommen, das mit den 4 genannten Straussopern mithalten dürfte.
    :hello:

  • Original von Theophilus:
    Ein sehr prominentes Ex-Mitglied des Forums bezeichnete Strauss als den überschätztesten Komponisten aller Zeiten...
    Meine Meinung dazu: Lieber ein "überschätzter Komponist" namens Strauss als ein überschätztes, sich selbstüberschätzt habendes "prominentes Ex-Mitglied".


    Revolutionär an seinem Schaffen waren m.M. nach Salome und Elektra.
    Perfekt inszenierte er die Opern danach (Markenzeichen "Aktschlüsse").
    Seine Tondichtungen gehören zum musikalischen Allgemeingut, mag man sie auch für plakativ halten, z'sammbringen muß man sie halt wie er.


    Strauss und das Nazi-Eck: Dieses Argument wird auch bei Wiederholung nicht richtiger (siehe Theophilus' Statement)

    Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
    (aus "Sprechen Sie Fußball?")

  • Zitat

    Original von Theophilus


    Entschuldige, aber das ist völliger Unsinn! Als die Nazis an die Macht kamen, war Strauss fast 70! Sie haben ihn praktisch ungefragt zur Galionsfigur der deutschen Musikszene gemacht, WEIL er mit Abstand der berühmteste deutsche Komponist dieser Zeit war. Die Nazis wussten leider allzugut, wen sie propagandistisch wirkungsvoll einzusetzen hatten.


    :hello:


    Ok, das war wieder mal ein Fettnäpfchen... :faint: :faint:
    Da habt ihr natürlich Recht, dass Strauss schon vorher sehr zentral dagestanden hat.
    Trotzdem hat er, als die Nazis kamen, einige Gelegenheiten, die sich durch sie geboten haben, beim Schopf gegriffen, (Beispiel: Präsident der Reichsmusikkammer o.ä) obwohl sie moralisch fragwürdig waren...


    Das meinte ich...


    Gruß :hello:

    Komponiert ist schon alles - aber geschrieben noch nicht. (W.A. Mozart)

  • Zitat

    Original von Hammel
    ...
    Ok, das war wieder mal ein Fettnäpfchen... :faint: :faint:
    Da habt ihr natürlich Recht, dass Strauss schon vorher sehr zentral dagestanden hat.
    Trotzdem hat er, als die Nazis kamen, einige Gelegenheiten, die sich durch sie geboten haben, beim Schopf gegriffen, (Beispiel: Präsident der Reichsmusikkammer o.ä) obwohl sie moralisch fragwürdig waren...
    ...


    Bitte nicht!


    Es ist schon erschreckend, was für Halbwissen da verbreitet wird!


    Was hat Strauss beim Schopf "gegriffen"? Nach der Machtübernahme der Nazis versuchten sie, die bedeutendsten Repräsentanten der verschiedenen Kulturbereiche für ihre Zwecke einzubinden. So wurde Strauss dazu gedrängt, die führende Position im deutschen Musikleben zu repräsentieren und er wurde im November 1933 Präsident der neu gegründeten Reichsmusikkammer. Zu diesem Zeitpunkt schien das vor allem eine ehrenvolle Aufgabe zu sein und wirkte auch wie eine Art Würdigung für sein Schaffen, so dass er die Stelle annahm. In dieser Zeit nahm er in erster Linie repräsentative Pflichten wahr, allerdings zeigte der an sich apolitische Strauss in einigen Situationen wenig Fingerspitzengefühl (zumindest aus heutiger Sicht). Interessant ist, dass er im politischen Sinn nicht opponierte aber in seinem persönlichen Umfeld sehr wohl. Schon nach eineinhalb Jahren kam es bei der Affäre Zweig zum Bruch mit den Nazis. Er wurde zum Rücktritt gezwungen und stand von da an auf der Abschussliste der Nazis. Aber er war immer noch wertvoll für die Propaganda und da seine Schwiegertochter Jüdin und nur mit Sondervollmacht vor dem KZ geschützt war, hatten die Nazis das perfekte Druckmittel gegen ihn in der Hand, um ihn wie eine Marionette tanzen zu lassen. Aus Rücksicht auf seine Familie musste er einige aus späterer Sicht recht unrühmliche Aktionen verantworten, zu denen er aber immer gezwungen war! Das sollten sich die heutigen Moralapostel einmal bewusst machen, bevor sie großzügige Urteile fällen.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Als Ergänzung noch: 1933 war das Ausmaß dieses Regimes ja in keinster Weise absehbar. Da haben sich noch ganz andere prominente und an sich redliche Personen mit den Nazis eingelassen (v. Hindenburg, v. Papen usw.). Da war Strauss ja beileibe kein Einzelfall. Und der schnelle Bruch mit den Nazis zeigt ja auch deutlich, was er von ihnen hielt.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Sehr bezeichnend in dem Zusammenhang finde ich auch, dass sich sogar Opfer mit ihm ausgesöhnt haben: drei seiner "Vier letzten Lieder" sind von Hermann Hesse, der ihn zu Zeiten des Dritten Reichs (auch zu Recht) heftig kritisiert hatte, und der trotzdem nach dem Krieg diese Gedichte vertonen durfte.

  • Hallo !


    Zum Thema Richard Strauss und die Nazis hier mal ein, finde ich ganz interessanter Artikel aus der Berliner Morgenpost ( geschrieben von Klaus Geitel ) :


    Richard Strauss und die Nazis
    Mittwoch, 10. Juni 2009 - Von Klaus Geitel

    Die Geschichte kennt keine Gerechtigkeit - heißt es im jüngsten Magazin der Berliner Philharmoniker. Ein Artikel beklagt sehr zu Recht die Schicksale der unter den Nazis verfolgten, bedrohten, verbotenen, in den Tod getriebenen Komponisten wie Erwin Schulhoff und Walter Braunfels.


    Dann aber fällt der Text über Richard Strauss her, den Komponisten, den offenbar sträflicherweise "die Nachwelt niemals vergessen hat". Hätte sie das tun sollen? Um einer historischen Gerechtigkeit willen? Welch ein Irrtum.


    Von den Philharmonikern begleitet sang der unvergessene Peter Anders bereits am 15. August 1945 in einer Abendmusik in der Argentinischen Allee unter Leo Borchard Richard Strauss-Lieder, und nur vier Tage später führte das Orchester, herzlich bedankt, im Titania-Palast Straussens "Don Juan" auf. Und bei diesem Respekt vor Straussens musikalischer Leistung ist es geblieben. Ich selbst bin noch als befrackter Champagner-Kellner unter seiner musikalischen Leitung in einer "Arabella"-Aufführung der Kroll-Oper über die Bühne geschossen und bin stolz darauf bis auf den heutigen Tag.


    Dass Strauss kein Nazi war, ist todsicher, obwohl er sich im November 1933 den Posten des Präsidenten der Reichsmusikkammer andrehen ließ, den er in der Folge anderthalb Jahre lang ausübte. Dann schmissen die Nazis den inzwischen über Siebzigjährigen hinaus. Sie hatten einen Brief von ihm an Stefan Zweig abgefangen, den weltberühmten, jüdischen Librettisten seiner Oper "Die schweigsame Frau". Dass Strauss die Beziehung zu Zweig nicht hatte abreißen lassen, war einer der Nazi-Vorwürfe, die auf ihn niedergingen. Strauss tat den Nazis nicht diesen selbstmörderischen Gefallen - glücklicherweise. Er schrieb stattdessen die "Metamorphosen", seine ergreifende Gedenkmusik an den Untergang seiner musikalischen Wirkungsstätten, seines Vaterlandes, seines Lebens, und bekrönte sie noch mit "Vier letzten Liedern", einem weiteren Evergreen für Zeit und Ewigkeit.


    Es ist ja schön, dass die Philharmoniker heute Abend nun Kammermusiken von Schulhoff und Braunfels aufführen. Aber sollten sie nun Straussens wundervolles "Capriccio"-Sextett deshalb aus dem Programm nehmen, weil er einst nach der Absage von Toscanini am Bayreuther Dirigentenpult für ihn einsprang? Er tat es doch nicht den Nazis, sondern Richard Wagner zuliebe. Er stellte sich mit seiner Olympischen Hymne von 1936 auch nicht hinter die Nazis, sondern hinter die Jugend der Welt.


    Es war nicht gerade einfach, unter den Nazis zu leben. Das erfuhren die Deutschen gründlich, selbst wenn sie nicht Richard Strauss, Schulhoff oder Braunfels hießen. Schulhoff ging weit gründlicher, als Strauss den Nazis, dem sowjetischen Kommunismus auf den roten Leim und bediente sich für eine Kantate sogar der Worte des kommunistischen Manifests. Warum auch nicht, wenn er der festen Überzeugung war, damit der Menschheit zu dienen?


    Die Wege von Strauss führten ihn zwangsläufig in die Nähe des braunen Regimes. Er war bekanntlich Deutschlands ruhmreichster Komponist. Die Nazis wollten sich gerne mit seinem Namen schmücken. Ihnen dabei eigenhändig in den Arm zu fallen, musste einigermaßen unvernünftig erscheinen, wenn man nicht gerade ein politischer Hellseher war. Auch die Philharmoniker waren es nicht, als sie sich, zumindest im Titel, zeitweilig zum "Reichsorchester" umfunktionieren lassen mussten. Sie haben deswegen nicht schlechter gespielt. Wenn schon die Geschichte keine Gerechtigkeit kennt, sollten zumindest wir Lebenden sie nicht ganz aus dem Auge verlieren.


    Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern


    :hello:


    Gruss
    Holger

    "Es ist nicht schwer zu komponieren.
    Aber es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen"
    Johannes Brahms

  • Zum "politischen Teil" des Beitrags von HolgerB folgender Hinweis:


    In seinem autobiografischen Buch DER WENDEPUNKT berichtet Klaus Mann von einem Gespräch, das er mit Richard Strauss unmittelbar nach Kriegsende in dessen Villa in Garmisch führte. Klaus Mann erinnert sich an ein Gespräch "von erstaunlicher Drolligkeit"
    Hier tritt zutage, dass Strauss als Mensch schon recht fragwürdige Gedankengänge formulierte. Aber eigentlich sollte es doch in diesem Forum primär um die Musik von Richard Strauss gehen.


    Als ich noch ein junger Mann war, galt Kurt Böhme als der beste Interpret der Partie des Ochs auf Lerchenau. Da ich Böhme unbedingt mal live hören wollte, habe ich eine Aufführung des Rosenkavalier besucht - es ist bis heute meine einzige Strauss-Oper geblieben; das Ganze war mir damals zu langatmig erschienen, heute würde ich das vielleicht anders sehen.
    Was Strauss-Opern angeht, kann ich also hier keine kompetenten Aussagen machen.


    Natürlich begeistert mich Zarathustra und die Alpensinfonie hat man auch schon mal gehört...


    Aber ich bin im Laufe der Jahre zu einem begeisterten Kenner der Strauss-Lieder geworden und neige zu der Ansicht, dass jemand, der diese Lieder nicht kennt, eigentlich nicht so richtig gelebt hat...
    Zwar ist allenthalben zu lesen, dass Strauss keine erstrangigen Texte verwendet hat, aber darüber kann man auch unterschiedlicher Auffassung sein...


    Auf dem CD-Markt sind - wenn man einmal von "vier letzte Lieder" absieht - relativ wenig Aufnahmen von Strauss-Liedern verfügbar.
    Aus meiner Sicht war Strauss ein ausgezeichneter Kenner der Möglichkeiten einer Stimme. Schade, dass diese musikalischen Pretiosen so wenig bekannt sind.

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  • Hallo liebe Forianer,


    mir ist es auch schon aufgefallen, dass es eine Lieblingsbeschäftigung einiger Zeitgenossen ist, nachzuforschen, ob in der Suppe verschiedener Dirigenten (und Komponisten) aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bzw. ihrem Wirken in dem selben nicht das eine oder andere braune Haar zu finden ist. Sind ihre maßstäblichen Interpretationen wirklich weniger wert, wenn sie (nicht nur aus Eigenschutz, sondern auch um ihr Orchester zu schützen), nicht sehenden Auges in ihr Unglück (sprich: in die KZ's) gelaufen sind, sondern als wichtigstes Ziel es ansahen, weiter spielen und auftreten zu können?
    Im übrigen beschäftige ich mich gerade in diesen Tagen mit den gesamten Orchesterwerken von Richard Strauss (in der referenzwürdigen Interpretation von Rudolf Kempe und der Staatskapelle Dresden), und auf meiner Warteliste steht noch "Die Frau ohne Schatten" mit Jess Thomas, Ingrid Bjoner, Martha Mödl, Dietrich Fischer-Dieskau, dem Chor und Orchester der Bayerischen Staatsoper unter Joseph Keilberth.


    Liebe Grüße


    Willi

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Liebe Taminoeaner/innen


    Nun bin ich seit fast vier Monaten bei TAMINO....und sehe diesen "Thread" zum ersten Mal. Der Aufhanger >> Was habt ihr nur alle gegen Richard Strauss?" muss wohl sein, damit kontroverse und interessante Beiträge zu Stande kommen.


    ABER WARUM die Vermischung von "Politischer Karriere" und individueller Wertschätzung seiner Musik, bzw anderer musikgeschmacklicher Vorlieben.


    ICH halte Richard STRAUSS für einen der ganz großen Komponisten.....seine Opern FROSCH, SALOME, ROSENKAVALIER, ARIADNE (weniger die ELEKTRA) gehören zu meinen favorisierten Opern.....bei der Sinfonia Domestica, Till Eulenspiegel u.a. komme ich (je nach Stimmung) ins Schwärmen...und die"Alpensinfonie" kann bei mir einen sehr positiven Gefühlsdusel auslösen........


    Aber deswegen kann ich doch eine kritische Haltung zu diesem Komponisten und seiner Rolle im "Dritten Reich" haben...............


    DAS SIND DOCH NICHT DIE SELBEN PAAR SCHUH


    Ich habe einen guten Freund , dessen Lieblingsbuch O. Wilde(s) "Dorian Gray" ist....muß er deshalb "schwul" sein oder ein neurotischer Narziss, der eine Therapie braucht??? (Er ist glücklich verheiratet und stolzer Vater von zwei Kindern).


    WO IST DAS PROBLEM ???


    Gruß..............."Titan"

  • Da gebe ich jetzt auch meinen Senf dazu. Auch ich stehe Strauss - im Wortsinn - gespalten gegenüber. Und ich glaube, das liegt an seiner merkwürdigen musikgeschichtlichen Stellung als letzter romantischer Komponist, als der er sich ja selber auch gesehen hat (Brief zu Hofmannsthal vor FroSch: "Lassen sie uns die letzte romantische Oper machen" o.ä.). Die Romantik dauert in der Musik ja sowieso unproportional viel länger als etwa in der Malerei oder der Literatur. Dadurch kommt etwas unnatürlich Überkünstliches hinein, das ich schon bei Brahms höre und nicht mag. Man kann die Zeit, die ja bekanntlich ein wunderbar Ding ist, eben doch nicht anhalten.
    Wo die Musik von Strauss deutlich über die Romantik hinausweist, liebe ich sie. Das nehme ich vor allem wahr in Salome, Ariadne, Elektra, Metamorphosen (die ich für eines der größten Musikwerke des 20. Jahrhunderts halte) und vier letzten Liedern. Rosenkavalier mag ich nicht, bis auf die Musik der Marschallin, die für mich neben dem Hans Sachs die Figur der Operngeschichte ist, die die meiste humane Substanz besitzt. Die anderen Oper finde ich alle schwer, vor allem wegen der Manie, so hohe Melodiebögen für Sopran zu erfinden, dass selbst bei schweigendem Orchester kein Text zu verstehen wäre. Das gehört nicht auf die Bühne! Allerdings haben diese Opern auch alle himmlische Momente, wo auch ich denke "Toll!!!", wie es mir überhaupt so geht, dass ich Strauss immer noch entdecke und oft spontan begeistert bin, zuletzt bei dem Lied "Schlechtes Wetter", gesungen von Christiane Karg.
    Zurück zu den späten Opern: Die dramatischen Entwürfe gefallen mir teilweise noch, aber sie werden nur "verstrausst", nicht musikdramatisch gestaltet.


    Und, das muss ich gestehen, mit den Orchesterwerken bis zur Alpensymphonie komme ich nicht zurecht. Ich finde einfach keinen Zugang. Ich habe mir Don Juan, Heldenleben und Till Eulenspiegel unter tollen Orchestern und Dirigenten angetan und höre nur Lärm. Warum auch immer.


    Noch ein Wort zu den Dirigenten, die Strauss so lieben. Ich glaube, sie werden von dieser, oben erwähnten, Endzeitromantik magisch angezogen. Strauss ist schließlich der letzte große Behandler des klassisch-romantischen Sinfonieorchesters.

    Der Jugendtraum der Erde ist geträumt
    Grillparzer
    Macht nix!
    grillparzer

  • Zitat

    Original von Grillparzer
    ...
    Ich habe mir Don Juan, Heldenleben und Till Eulenspiegel unter tollen Orchestern und Dirigenten angetan und höre nur Lärm. Warum auch immer.
    ...


    Dass man bei Till Eulenspiegel nur Lärm hören kann ist allerdings wirklich schwer zu verstehen. Was heißt schwer zu verstehen - vollkommen unverständlich!


    ;)

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Auch ich stehe Strauss - im Wortsinn - gespalten gegenüber. Und ich glaube, das liegt an seiner merkwürdigen musikgeschichtlichen Stellung als letzter romantischer Komponist, als der er sich ja selber auch gesehen hat


    Grundsätzlich geht es mir so wie Grillparzer, ich kann (pi mal Daumen) den ganz frühen Strauß hören und den ganz späten, was in der großen Mitte ist, spricht mich nicht an, mehr noch, es nervt mich und stößt mich teilweise sogar ab. Tragisch finde ich das nicht, denn eine musikhistorische Lücke kommt ja nun wirklich nicht zustande, wenn man Strauss nicht hört.


    Strauß hat meiner Meinung nach die Neue deutsche Schule im 20. Jhdt. fortgesetzt, was bei einer Bewertung seines Werkes berücksichtigt werden sollte, wobei da weniger der Strauss auf den Prüfstand gehört, als die neue deutsche Schule als solche, ist die doch mit ihren Thesen und Theorien zu ihrer Blütezeit im letzten Viertel des 19. Jhdts. ad absurdum geführt worden.


    Strauß nun als letzten romantischen Komponisten zu bezeichnen, wird bei näherer Betrachtung immer fragwürdiger, wobei es keine Rolle spielt, dass er sich selbst so gesehen hat. Es gibt nämlich durchaus mehr als genügend Komponisten, die man auch im 20. Jhdt. noch der "alten deutschen Schule" zurechnen kann, z. B. Reger, Weingartner, Mahler, Schmidt allein schon auf nationaler Ebene. Auf gesamteuropäischer wird es noch enger, da nimmt sich Strauss neben den ganzen Egländern, Italienern, Skandinaviern und Russen doch um einiges bescheidener aus.


    Das einzige Problem, was da besteht, ist die Rezeption seiner Konkurrenz, wobei ich behaupten möchte, dass selbige sehr wohl im verändern begriffen ist und das 20. Jhdt. in einigen Jahren mit einigem Abstand, anders bewertet wird, als es jetzt noch der Fall ist.


    Wenn Strauss also die Ehre als irgend ein letzter zu Teil werden sollte, dann höchstens die, dass er der letzte romantische Mainstream-Komponist war.


    Viele Grüße
    John Doe

  • Hallo Forianer,


    zunächst einmal möchte ich den Beiträgen von titan und William B.A. voll inhaltlich zustimmen.
    Ich besitze fast den ganzen Strauß und den ganzen Wagner. Ich bin Jahrgang 1944.


    Man mag diese Musik, oder man mag sie nicht. Aber bei dieser Musik handelt es sich nicht um Auftragskompositionen der damals Herrschenden, anders als bei Haydn und Mozart. Mein Vater, Jahrgang 1913, war es gelungen, Stalingrad zu überleben. Trotzdem blieb seine Lieblingsoperette von Franz Lehar Die Lustige Witwe", doch aber sicherlich der Musik wegen. Er spielte 4 Jahre in der Gefangenschaft in einem Tanzorchester 2. Geige. Barenboim durfte als erster Dirigent in Israel wieder Wagner aufführen.


    Die Musik ist nicht korrumpierbar. Bei Menschen mag das anders sein.



    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Hallo Bernward Gerlach


    Die politische Coleur eines Komponisten sagt grundsätzlich nichts über die Qualität seines Werkes aus. Selbstverständlich darf sie angesprochen werden, trägt sie doch vielleicht zu einem besseren Werks- und Zeitverständnis bei.
    Problematisch wird es nur, wenn Komponist und Werk auch heutzutage noch für die ideologische Positionierung seiner Rezipienten herhalten soll, gleich ob es sich dabei um den Versuch handelt, die alte Botschaft durch die Blume neu zu verkünden oder sie auch bloß zu relativieren.
    Aus mir unverständlichen Gründen wird nun gelegentlich Strauss dieses Glück zu Teil, obwohl oder gerade weil seine besten und bekanntesten Werke alle deutlich vor 33 bzw. nach 45 entstanden sind. Ich persönlich finde das lächerlich, denn wenn ich mit Strauss was assoziiere, dann höchstens einen Hochgesang auf die Bourgeoisie und eben nicht einen Soundtrack zu Braun, Schwarz und Feldgrau. Meines Erachtens erweist man da Strauss "zu viel der Ehre" und lädt sein Werk mit Sachen auf, die gar nicht drin sind und zwar von beiden Seiten her!


    Ähnlich verhält es sich übrigens auch mit Schostakowitsch, welcher nachweislich Mitglied der KPdSu, Deputierter des Obersten Sowjets und Sekretär des sowjetischen Komponistenverbandes war. Auch dieser kann allem Anschein nach bei uns nur dann entsprechend goutiert werden, wenn aus ihm ein strammer Antikommunist gemacht wird.


    Ich jedenfalls bemühe mich immer, Musik frei von ihrem gegebenen oder hineinnterpretierten ideologischen Überbau, also Musik als Musik zu hören, wobei mir aber da der Staruss auch nicht besser gefällt.


    Viele Grüße
    John Doe
    :hello:

  • Zitat

    Original von John Doe
    Grundsätzlich geht es mir so wie Grillparzer, ich kann (pi mal Daumen) den ganz frühen Strauß hören und den ganz späten, was in der großen Mitte ist, spricht mich nicht an, mehr noch, es nervt mich und stößt mich teilweise sogar ab.
    ...


    Wie weit geht bei dir der ganz frühe und wo beginnt der ganz späte Strauss?


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Hallo Theophilus,


    die ganz frühe Schaffensperiode von Strauss geht bei mir bis zu seinem op. 16 "Aus Italien", welches auch noch als Frühwerk gilt. Sie umfasst also die Zeit, in der auch sein Violinkonzert und sein frühes Hornkonzert entstanden sind, zwei Werke, die ich durchaus schätze.


    Die ganz späte Schaffensperiode von Strauss beginnt bei mir 1943 mit seinem 2. Hornkonzert und umfasst das Oboenkonzert, das Concertino für Klarinette und Fagott, die Metamorphosen und die vier letzten Lieder.


    Von den Werken dazwischen sagen mir noch die Burleske für Klavier und Orchester und stark interpretationsabhängig die Alpensinfonie, Salome, Electra und Ariadne zu.


    Viele Grüße
    John Doe

  • Zitat

    Original von Theophilus


    Dass man bei Till Eulenspiegel nur Lärm hören kann ist allerdings wirklich schwer zu verstehen. Was heißt schwer zu verstehen - vollkommen unverständlich!


    Lärm finde ich auch eher weniger. Manches wirkt eben ein bißchen banal.


    Aber gerade Don Juan und Till haben m.E. eine Frische, die mit der verbreiteten Fin-de-Siecle-decadence oder Gründerzeitpomp wenig gemeinsam hat.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

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  • Zitat

    Original von John Doe
    Hallo Theophilus,


    die ganz frühe Schaffensperiode von Strauss geht bei mir bis zu seinem op. 16 "Aus Italien", ...


    Danke.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Ein ganz anderer Strauss ist auch in der Tondichtung "Don Quixote" - meinem persönlichen Lieblingsstück - zu erleben. Wie berührend menschlich er hier die Todesseufzer des sterbenden Don Quixote im Solo-Cello darstellt,ist eine einzigartige Leistung,aufgrund derer Richard Strauss es schon wert ist,unsterblich geworden zu sein.
    Viele Grüße
    Santoliquido


    Es beglückt mich, dass Du gerade den "Don Quixote" besonders hervorhebst, ist er doch ein faszinierendes Meisterwerk, in dem Orchester und vor allem das Solo-Cello (Don Quixote) sowie die Solo-Viola (Sancho Pansa) und auch die Violine als Rosinante großartige Charakterstudien liefern. Glücklicherweise besitze ich an die 60 Aufnahmen dieses Werkes, wobei es nicht leicht ist, eine einzige aus dem Reigen der hervorragenden Interpretationen hervorzuheben, dennoch wage ich es, 3 Aufnahmen (pars pro toto) besonders zu erwähnen:


    Berliner Philharmoniker - Rostropowitsch unter Karajan (DGG)
    Boston Symphony Orchestra - Piatigorsky unter Münch (RCA)
    Staatskapelle Dresden - Tortelier unter Kempe (Plattenfirma kann ich nicht sagen)


    Auch das "restliche" Oeuvre dieses Komponisten ist für mich unverzichtbar, egal, ob Oper, Liedschaffen, Kammermusik (leider viel zu wenig!) oder Tondichtungen und Solistenkonzerte (vor allem sein Violinkonzert).


    Grüße aus Wien
    von Fritz

    Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

  • Lieber Milletre,
    Deine Meinung kann ich nur nachdrücklich unterstreichen. Neben den Opern sind gerade die großen Tondichtungen außerordentliche musikalische Juwelen. Ganz abgesehen davon, dass Richard Strauß gerade mit diesen Werken wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der Musik setzte.
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Glücklicherweise besitze ich an die 60 Aufnahmen dieses Werkes


    Hier gibt's gerade keinen Smiley, der beeindruckt staunt...


    Die Torteilier-Aufnahme mit Kempe und den Dresdnern dürfte von EMI stammen.

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Die Torteilier-Aufnahme mit Kempe und den Dresdnern dürfte von EMI stammen.


    Tut sie ganz sicher. Aber die Kempe-Strauss-Kassette wurde von der EMI an Brilliant verscherbelt.


    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Zitat von Theophilus:


    Tut sie ganz sicher. Aber die Kempe-Strauss-Kassette wurde von EMI an Brilliant verscherbelt.

    Das tut ihrer referenzwürdigen Qualität aber keinen Abbruch, lieber Theophilus, sondern ich denke im Gegenteil sogar, dass dank der äußert moderaten Preise bei Brilliant die Verbreitung dieser schönen Aufnahmen noch gefördert wurde.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • dank der äußert moderaten Preise bei Brilliant die Verbreitung dieser schönen Aufnahmen noch gefördert wurde.


    Lieber Willi,


    :thumbup: stimmt genau. Als sehr interessierter R.Strauss-Hörer war ich bereits mit TOP-Aufnahmen aller mich interessierenden R.Strauss-Orchesterwerke bestens eingedeckt.
    Als Brillant diese 9CD-Box mit Kempe von EMI herausbrachte, habe ich diese 9CD - Box gleich erworben (und mich kringlich gelacht über die, die noch den vollen EMI-Preis zahlten :stumm: ).
    Für mich war das eine hochwillkommene Ergänzung, weil die Kempe - Aufnahmen wirklich referenzwürdige Qualitäten aufweisen und diese 9CD-Box ziemlich komplett das bietet, was mirnoch fehlte !


    :!: Aber trotzdem möchte ich nicht auf eine ganze Reihe von Einzelaufnahmen verzichten, die Kempe IMO noch übertreffen:
    Till Eulenspilegel mit Solti / Chicago SO (Decca)
    Also Sprach Zarahustra mit W.Steinberg / Boston SO (DG, 1970)
    Ein Heldenleben mit Karajan / Beriner PH (DG, 1959)
    Tod und Verklärung mit Karajan / Wiener PH (Decca, 1960)
    Macbeth mit Maazel / Berliner PH (DG)
    Don Quixote mit Reiner / Chicago SO (RCA)


    Referenz hin und her - ist mir egal - denn obwohl Kempe auch eine ganz exquisite Alpensinfonie bietet, ist mir die weit fetzigere Aufnahme mit Mehta (Decca) noch lieber.
    Und Aus Italien mit Ashkenazy / Cleveland Orchestera (Decca), mit den hier wirklich italienischen Temprament, ebenfalls.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Wenn es noch anderes in dieser Art und Klasse von Strauss gibt, dann wäre ich froh, das kennenzulernen ...


    Gerd


    Lieber Gerd, ich möchte auf die Erkennungsszene in "Elektra" hinweisen - vor allem in der Solti-Aufnahme mit Nilsson und Krause sowie den Wr.Philharmonikern (Decca) bin ich jedesmal, wenn ich sie mir anhöre, einem Herzinfarkt nahe.


    Aber Du sollst ja Deine Gesundheit nicht aufs Spiel setzen!


    Grüße aus Wien
    von Fritz

    Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

  • Lieber Fritz,
    um Gottes Willen bitte nie wieder diese für Dich gesundheitsgefährdende Elektra-Szene anhören. Wir brauchen Dich auch hier im Forum als hoch qualifizierten Opernfreund und -kenner. Ha, Ha, Ha, da ich laut kürzlich durchgeführter kardiologischer Untersuchung ein robustes Herz habe werde ich jetzt gleich statt Dir diese Szene anhören. Schadenfreude ist halt doch die schönste Freude. :jubel::jubel::jubel:
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Vielleicht tanze ich hier schon wieder aus der Reihe, aber ich schätze und liebe auch einige von Strauss' kleineren Werken: die Bläserkonzerte, und, man sehe es mir als Bläser nach, vor allem seine Werke für Bläserensemble: die Serenade (op.7 glaube ich), die Suite (op.4?) und die späten Werke 'Aus der Werkstatt eines Invaliden' und die 'Fröhliche Werkstatt'. Stücke der reinen Spielfreude; die Fuge in op.4 und dort auch der langsamste Satz gehörte zu meinen liebsten Werken als Aktiver, und ganz besonders auch der Kopfsatz der Invaliden-Werkstatt.
    In die gleiche Richtung gehen auch seine Metamorphosen: ein dichtes Gewebe vieler Einzelstimmen, meisterhaft gewoben.


    Das ist vielleicht nicht das gaaanz große Gewicht der Musikgeschichte, aber nichtsdestotrotz großartige Musik. Es lohnt sich m.E., sich auch mit diesen 'Kleinodien' (obwohl die Bläserwerke leicht auch zwei CDs zum Bersten füllen) mal auseinanderzusetzen.

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