Das Öl des Nibelungen in Bayreuth 2013

  • Aber: Eine derartige unmusikalischen Siegfriedstimme, wie diejenige von Lance Ryan habe ich in 40 Jahren nicht gehört. Das ist nichts als widerwärtiges tremolierendes Gebrüll. Wer nennt das Gesang? Brr! Aber beim momentanen Publikum würden mich selbst dafür Beifallsstürme nicht wundern! :no:


    Die "Beifallsstürme" nach dem 3.Aufzug glichen allerdings mer einer Schiffshupe ... :stumm:

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Zitat von Caruso41

    Also: zu Siegfrieden der letzten 40 Jahre kann man Hopf nun wirklich nicht zählen.

    Ja, natürlich! Ab Anfang der 80er Jahre hatte seine Stimme schon einige Schlacken. Ich habe mir, um ganz sicher zu sein, soeben eine LP mit Arien aus "Siegfried" mit Hans Hopf unter Heinrich Hollreiser angehört. Leider finde ich kein Aufnahme-Datum auf dem Cuver. Hervorragend seine SCHMIEDELIEDER mit Herold Kraus als Mime. Eindrucksvoll und kaum zu überbieten danach SIEGFRIEDS TOD. Obwohl ich einige Aufnahmen dieser Partien mit anderen Interpreten besitze, konnte ich mir zu dieser Zeit keinen besseren Siegfried vorstellen.

    W.S.

  • Ich habe mir, um ganz sicher zu sein, soeben eine LP mit Arien aus "Siegfried" mit Hans Hopf unter Heinrich Hollreiser angehört. Leider finde ich kein Aufnahme-Datum auf dem Cuver. Hervorragend seine SCHMIEDELIEDER mit Herold Kraus als Mime. Eindrucksvoll und kaum zu überbieten danach SIEGFRIEDS TOD. Obwohl ich einige Aufnahmen dieser Partien mit anderen Interpreten besitze, konnte ich mir zu dieser Zeit keinen besseren Siegfried vorstellen.

    Lieber Wolfgang,


    die Aufnahmen würde ich ja doch gerne mal hören! Aber offenbar sind die zur Zeit in keinem Medium mehr erhältlich.
    Ich habe die LP seinerzeit oft in der Hand gehabt aber mich nicht zum Kauf entschließen können, da die Erfahrungen, die ich mit Hopfs Siegfrieden in Bayreuth gemacht hatte, nicht wirklich ermutigend waren.


    Ich kenne nur ein Recital von Hopf und da singt er nichts aus Siegfried oder Götterdämmerung:



    Beste Grüße


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Lieber Caruso,


    so weit kann man in Wahrnehmung und Erinnerung auseinanderliegen. Mein Urteil über Hopfs Siegfriede fußt zum großen Teil gerade auf dem Bayreuther-Ring 1960/64, Wolfgang Wagner/Rudolf Kempe. Ich fand ihn damals sängerisch ausgezeichnet. Da ich Ring-Rezensionen verfasste hörte ich Proben und Aufführungen und befaßte mich recht intensiv mit den Gesangsleistungen. Damals hörte ich auch noch gut. Bestätigt wurde mir das auch von Birgit Nilsson, mit der ich ein kurzes Interview machen durfte. Sei bezeichnete Hans Hopf als Partner sogar als einen Glücksfall. Wenn Hopf dennoch Probleme mit de Partie hatte, dann lagen die allenfalls in der Darstellung und in einer blödsinnig,ungeschickten, befallheischenden Pose bei seinem Solovorhang. Für diese Unart gab es dann berechtigt kräftige Buhs. Übrigens gibt es von dem Kempe-Ring Aufnahmen und man kann mit der Einschränkung, dass Liveerlebnis und Aufnahme differieren nachhören und nachprüfen.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Ich komme wieder zurück zur Inszenierung. Und ich verstehe nicht ganz, warum es nicht eindeutig sein sollte, dass der Thread ganz speziell wegen Castorf eröffnet wurde.


    Nachstehend ein Ausschnitt der Premierenkritik von BR Klassik - Online zum "Siegfried". Ich bin der Meinung wie viele andere auch hier im Forum, man braucht die Inszenierung nicht gesehen zu haben, um so etwas abzulehnen!!!


    Zitat

    Schon als vor zwei Jahren der Name Castorf verkündet wurde, konnte man vor dem Festspielhaus überall Äußerungen wie diese aufschnappen: Na prima, der Castorf, das ist doch Berliner Trash! Ganz genau. Alles ist getreu nachgebildet und doch irgendwie surreal und verquer: die U-Bahn-Station Alexanderplatz, die Weltzeit-Uhr, die DDR-Fassaden. Es gibt Ostmark, mit Plaste-Folien abgedeckte Bierbänke und ein Postamt, in dem es allerdings gar nicht DDR-grau und bürokratisch zugeht. Grell geschminkte Damen bereiten sich auf ihre geschäftlichen Treffen vor, Krokodile tapsen vorüber; und der Waldvogel, in einer gigantischen Federboa, verführt Siegfried schon lange bevor er sich am Walküren-Felsen beim Anblick von Brünnhilde erschrocken fragen wird, was das eigentlich ist: eine Frau. Logik und Texttreue sind selbstverständlich keine Kategorien in dieser Theater-Wundertüte...


    :thumbdown: Uwe

  • ...so weit kann man in Wahrnehmung und Erinnerung auseinanderliegen. Mein Urteil über Hopfs Siegfriede fußt zum großen Teil gerade auf dem Bayreuther-Ring 1960/64, Wolfgang Wagner/Rudolf Kempe.


    Lieber Operus!


    Da werden wir uns damals ganz sicher in Bayreuth persönlich begegnet sein. Ich habe in den Jahren 1963 bis 1969 jeweils die letzten Probenwochen, alle Generalproben und alle Premieren erlebt! Da ich jeweils fast den ganzen Tag oben auf dem Hügel war, wäre es sonderbar, wenn wir uns nicht begegnet wären.
    Aber das gehört natürlich nicht hier in diesen Thread! Vielleicht finden wir mal einen Weg herauszufinden, "wie das war"?


    Auch eine breitere Diskussion über Hopf gehört wohl kaum in diesen Thread. Ich habe anderswo schon eingehender dargelegt, was mich an seiner Tonproduktion und an seinem Singen störte - und was ich auch heute noch selbst in seinen besseren Aufnahmen (Kaiser, Bacchus, Tannhäuser) nicht leicht ertrage.


    Beste Grüße


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Liebe Freunde,


    hier wieder ein paar Artikel, die so richtig die "Lust" (Entschuldigt den Tippfehler! Das "L" sollte eigentlich ein "Fr" werden) schüren, diese Inszenierung zu "genießen".
    http://www.spiegel.de/kultur/m…ank-castorf-a-913723.html
    http://www.handelsblatt.com/pa…gfried-nicht/8566554.html
    http://www.welt.de/kultur/bueh…ikum-mit-Sturmgewehr.html
    http://www.n24.de/n24/Nachrich…er-den-magen-umdreht.html
    Bezeichnend ist für mich, dass die Medien - mal abgesehen von der Musik - in der letzten Zeit die "großen Würfe" nicht mehr so hoch bejubeln. Vielleicht hat sich das Blatt jetzt doch ein wenig gedreht.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Ich möchte gerne eine Kritik reinstellen, die von Klaus Billand, dem "Wagner-Reisenden" des "Neuen Merkers" verfasst wurde. Was mir daran gefällt ist, dass er ohne Häme und Provokation versucht, sachlich zu bleiben.


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    Der neue Bayreuther „Ring des Nibelungen“ in der Inszenierung von Frank Castorf ist nun in seiner Mitte angelangt und lässt große Teile des Publikums etwas ratlos. Nach einem weitgehend „gegen den Strich“ und äußerst kontrovers inszenierten „Rheingold“ folgte eine „Walküre“, die man im Prinzip in die mittlerweile auch schon eine gewisse Konventionalität entwickelnde Welt des Wagnerschen Regietheaters einordnen könnte.


    Besonders beeindruckt war Castorf immer von der Idee der „Route 66“, wo man auch andere Kulturen antraf. So fängt das „Rheingold“ dort an, „wo das Leben spannend wurde“ (woher nimmt er eigentlich die Annahme, dass es nicht auch vorher schon spannend war?! Ganz sicher war es das…) und „Was ist heute Gold und Geld – beides ist nicht essbar…?!“ So meinte Castorf auf der Pressekonferenz am Premierentag der 102. Bayreuther Festspiele und kam auf das Öl, welches zwar auch nicht essbar ist, aber die Vernichtung des Raumes durch Zeit (Karl Marx) und damit das völlige Freisein in dieser Welt bewerkstelligt hat. „Durch das Öl wurden der Lebensraum und die Zeitgeschichte neu geschrieben – gleichwohl ist aber die Welt nicht beherrschbar.“ An der „Route 66“, einem einfachen Motel mit Texaco-Tankstelle (die man übrigens auch schon bei Barry Kosky in seiner „Walküre“ in Hannover sah…) im Texas der 1950/60er Jahre will Castorf zeigen, dass es keine Geheimnisse mehr gibt, stattdessen die „Erotik des Verrats“: Ein Kameramann filmt alles und jedes, was sich dort (auch intim) abspielt. Da sei man dann auch schnell bei Anthony Perkins, Alfred Hitchcock und im Prinzip auch schon bei Tarantino. Castorf geht ganz offensichtlich mit einem filmischen Ansatz and das „Rheingold“ und wohl auch an den weiteren „Ring“ heran. Die Welt lebt von kurzen Momenten, nur das Öl fließt langsam aber bedächtig immer weiter. Seit 150 Jahren ist es nun von entscheidender Bedeutung. In einem von vielen Komma- und einigen Rechtschreibfehlern durchzogenen Aufsatz bemüht man sich im Programmheft zu erklären, ohne einen Autor anzugeben, warum das Öl eine so große Rolle spielte und weiterhin spielen wird. John D. Rockefeller, der 1870 die US-amerikanische Standard Oil Company gründete, begann das Ölgeschäft in großem Maßstab. Später machten die Brüder Alfred und Ludvig Nobel sowie Mitglieder der Bankiersfamilie Rothschild große Geschäfte mit der russischen Ölförderung am Kaukasus. So sehen wir uns in der „Walküre“ im Aserbeidschan zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder… Das klingt erst mal alles nach ganz großen Dimensionen und einer Art Welttheater…


    Castorf, der stets betont, dass er sich von Bert Brecht geprägt sieht, will jedoch mit seiner „Ring“-Deutung kein „Konzept“ realisieren, obwohl keines auch eines ist. Er ist auch gegen eine „Soziologisierung der Oper“. Vielmehr soll es eine Zeitreise sein (auch nichts wahrlich Neues), die dort anfängt, wo der „Aufbruch in die Illusion“ begann. Er hält den „Ring“ für ein „eklektizistisches Werk“ und somit für nicht eindeutig festlegbar. Für ihn haben die vier Einzelwerke keine wirkliche Stringenz. Allein die Leitmotive, die zu einem Wiedererkennungseffekt wie beim Film führen, bilden den kleinsten gemeinsamen Nenner. Man denke nur an die berühmte Filmszene US-amerikanischer Kampf-Helikopter aus Koppolas „Apokalypse Now“, der seit der Filmpremiere untrennbar mit dem Walkürenritt verbunden ist.


    Wie keine „Ring“-Inszenierung vor dieser in Bayreuth löst sich Castorf im „Rheingold“ von den Vorgaben des Stücks und veranstaltet im miefigen und abgetakelten Milieu dieses texanischen Südstaaten-Motels mit Tankstelle eine weitestgehend freie Assoziationsorgie zur Verkommenheit des „Götter“-Geschlechts und der Welt an sich. Das ist bisweilen durchaus unterhaltend und viel Abwechslung bietend. Einiges ist auch im interpersonellen Diskurs gut ausgearbeitet und emotional in der Nahaufnahme auf einer Leuchtdioden-Fläche über dem Moteldach aus nächster Nähe intensiver zu erleben als sonst – eine klare Anspielung auf das immer beliebter werdende public viewing. Geheimnisse soll es ja ohnehin keine mehr geben… Wie es aber bei einem solchen Ansatz meist geschieht, kommt es bei den Ideen und der Beliebigkeit von Assoziationen, insbesondere einer oft signifikanten Beziehungslosigkeit der ununterbrochen erscheinenden Video-Bilder zum Geschehen auf der Bühne (zur Musik sowieso) und einem unbändigen Aktivismus auf der Drehbühne von Aleksander Denic zu einer Verflachung der dramaturgischen Dichte. Große Momente werden ganz offenbar banalisiert. Es geht um Effekte, seien sie nun unmittelbar verständlich oder nicht, oft auch nur Gags.


    Wotan ist eine Art umtriebiger Mafia-Boss im rosafarbenen Anzug, für den und die weiteren knalligen bis passend fantasievollen Kostüme Adriana Braga Peretzki verantwortlich zeichnet. Er hat offenbar ein krummes Geschäft gedreht, vergnügt sich aber dennoch mit Schäferstündchen mit fast allen im „Rheingold“ erscheinenden Damen und versucht, seine offensichtliche Nervosität mit Rauchen zu vertreiben, obwohl das bei jeder Tankstelle strengstens verboten ist. Auch Hochprozentiges fließt in großen Mengen. Der Barkeeper an der Theke der Tankstelle – der immer wieder in diversen stummen Rollen an beiden Abenden auftaucht – ist von Castorfs offenbar zu kostspieligem Wunsch übrig geblieben, Größen aus dem Theater- und Filmgeschäft wie Birgit Minichmeyer und andere in diese Inszenierung einzubinden. Die ein wohl auch schon stereotypes US-amerikanisches Männerideal treffenden großbusigen, blonden Rheintöchter vertreiben sich die Zeit am Pool der Tankstelle, nachdem sie schon zum Vorspiel ihre Bikinis zum Trocknen auf die allgegenwärtige Wäschespinne gehängt haben. Im Pool blinkt das Münzgold unscheinbar, später schwimmen (!) dort die Goldbarren… Alberich ist ein geiler Einzelreisender, der sich aus der Decke seines Liegestuhls windet, um sich an die Rheintöchter heranzumachen, nach Erfolglosigkeit aber auf die Bratwürste am Grill und seine gelbe Plastikente zurückgreift, um wenigstens etwas Spaß zu haben. Loriot lässt grüßen, immerhin ein großer Liebhaber des Wagnerschen Werkes. Vorher wird der Zwerg von den drei Nixen noch mit Ketchup bespritzt und schmiert sich selbst mit Senf die Brust ein. Später wird er beiläufig in einer Reihe von Liegestühlen, die man auch schon im „Rheingold“ von Gustav Kuhn in Erl sah, seinen Ring verfluchen und ihn praktisch freiwillig Wotan in die Hand geben. Freia ist hypernervös angesichts ihrer bevorstehenden Entführung. Sie kommt in einem knalligen schwarz-roten Lackanzug zurück, der mit ihren blonden Haaren wie der Sonnenschirm am Pool die schwarz-rot-goldenen deutschen Nationalfarben assoziieren lässt. WiFi gibt es auch schon frei, obwohl es erst 1960 ist. Loge ist ein von der Regie zu sehr zurückgehaltener Unterhändler für Wotans Machenschaften in rotem Anzug und Italo-Look. Nur Fafner mit einem schwarz verschmierten Gesicht, der mit seinem Bruder als Autoschlosser auftaucht und wohl für die Inspektionen von Wotans glänzendem Mercedes zuständig ist, sowie Mime mit seinem ölverschmierten Gesicht lassen etwas von der Öl-Thematik erkennen, die ansonsten kaum wahrnehmbar ist. Am Ende wird doch wieder nur Gold gestapelt… Der Verlust an thematischer Stringenz ist zumindest am Vorabend unverkennbar. Manches erinnert durch die vielen Gags und Slapstick-Einlagen an gehobenes Revue-Theater, zumal die Musik nicht zur gewohnten Bedeutung gelangt. Das Finale erleben die Mafia-Götter auf dem Dach des Motels, höher ging es halt nicht…


    „Das Rheingold“, welches Castorf mit seinem „Außenseiter-Team“, wie er es nennt, in nur neun Tagen inszeniert haben will, gibt bisher am besten wieder, was er eigentlich vorhat und wie er zur Musik in der Oper steht. Im Prinzip fühlt er sich durch die Musik in der Freiheit seines dramaturgischen Duktus’ eingeschränkt. Offenbar geht er an das Stück- naheliegenderweise vor dem Hintergrund seiner langen Erfahrung als Schauspielregisseur – wie an ein Theaterstück heran, wo er ja von musikalischen Vorgaben völlig frei ist. Die, wie er selbst sagt, ständige Bild- und Reizüberflutung soll ein Gegenprojekt zur Musik darstellen, eine Art dialektische Alternative mit anderer Geschwindigkeit. Dabei spielt seine postulierte „Ideenflucht“ eine große Rolle. Text und Musik sollen sich gewissermaßen gegen diese Bilderfülle wehren. Dazu betont Castorf durchaus zutreffend, dass es heute immer schwerer wird angesichts der Masse an Informationen zu beurteilen, welche richtig und falsch sind. Aus diesem Gegensatz und der Suche nach Paradoxa soll sich dann etwas Neues entwickeln. Sein „Rheingold“ tut wahrscheinlich niemandem weh, reißt aber wohl auch nicht allzu viele aus dem Sessel. Von Fallhöhe und Mythos kann zu keinem Moment die Rede sein. Das war bei Castorf auch nicht zu erwarten, der sich und seiner Ästhetik am Vorabend der Tetralogie somit völlig treu geblieben ist. Die Musik Richard Wagners weist allerdings oft in eine andere Richtung und Dimension. Sie gerät hier meist zur bloßen Begleitung bzw. Untermalung. Das Theater steht für Castorf offensichtlich weit vor dem Musiktheater, welches Wagner im Sinne seines Gesamtkunstwerks konzipierte.


    Mit der gewünschten Entwicklung zu etwas Neuem, welches eigentlich auch im „Rheingold“ noch nicht augenscheinlich wurde, ging es in der „Walküre“ erst einmal nicht weiter. Nun findet alles in einem zwar optisch imposanten Bühnenbild einer primitiven Ölförderanlage statt, einem riesigen Holzaufbau im Aserbeidschan des frühen 20. Jahrhunderts zur Zeit der russischen Domination. Es ist löblich, dass das Regieteam einmal die ganze riesige Bayreuther Bühne bespielt. Was man aber dramaturgisch und an Regieeinfällen auf der Drehbühne erlebt, hat weder viel mit dem „Rheingold“ zu tun, noch mit einer fulminanten Neudeutung der „Ring“-Tetralogie. Man hat also nun ein neues Thema, es ist das Öl als Schmiermittel des Lebens und der Macht und Mächte. Siegmund lässt sich erschöpft auf Strohballen nieder, die von Sieglinde, die zuvor noch den häuslichen Truthahn gefüttert hat, wie Sandsäcke vor ihm hochgestapelt werden, offenbar um ihn vor Angriffen zu schützen. Immerhin liegt schon ein Toter (der frühere Barkeeper) in einem Karren vor der Tür… Wotan ist nun ein aserbaidschanischer Ölmogul mit Rauschebart, Fricka eine orientalisch gekleidete Gattin, die wütend auf ihr Recht des Eheschutzes pocht. Brünnhilde und die anderen Walküren kommen im durchaus fantasievollen interkulturellen Outfit daher – vom Irokesenschnitt bis zum New Age Look ist alles dabei. Auch hier gibt es wieder Leinwände, auf denen die Handlung und v.a. die Gesichter der AkteurInnen näher zu sehen sind. So sieht man recht gut, wie Hunding gegen seinen Schlaf ankämpft und Brünnhilde sich später auf ein Hochbett der Ölarbeiter legt, nachdem sie freilich den Koffer gepackt hat. Immerhin sind die Videos von Andreas Deinert und Jens Crull nun schwarz-weiß und auch reduzierter und viel handlungsbezogener als im „Rheingold“. Wenngleich man hier auch stärker die Öl-Thematik erkennt, sind die Videos von den schlimmen Arbeitsbedingungen und Hungerstreiks der Öl-Arbeiter im Aserbaidschan der 1920er Jahre, die Ansammlungen alter Prawdas mit gelegentlichen Lenin-Ermunterungen auf der Titelseite sowie die Stalin-Assoziation bei Hunding doch allzu blasse Elemente, um wahre Fallhöhe in dieser Inszenierung mit dieser Thematik zu bewirken – wenn das überhaupt je gewollt wäre… Nach dem Aufsatz im Programmheft wäre es nicht auszuschließen.


    Schärfer wäre der durchaus interessante, wenn auch nicht mehr allzu aktuelle Ansatz der Öl-Problematik sicher ausgefallen, hätte man ihn in die jüngere Vergangenheit und Gegenwart gerückt. So aber blieb es – fast symbolisch für den ganzen Abend – bei einem kleinen „Feuerzauber“ um den Wasserkessel der Förderanlage herum, wo vielleicht die brennenden Ölfelder von Kuwait angezeigt gewesen wären. Stattdessen goutierte sich Wotan während seines „Dialogs“ mit Brünnhilde an Kaviar und Wodka. Inzestuöse Abschiedsküsse hat mach auch woanders schon gesehen. Da blieb doch einiges zu sehr in der für Castorf völlig ungewohnten Konvention, auf jeden Fall zu viel für eine wirklich überzeugende Weiterführung der Inszenierung nach dem „Rheingold“. Das kann es aber wohl nicht gewesen sein. Es ist zu vermuten, dass diese Zurücknahme der dramaturgischen Provokation nur ein Intermezzo war, um in den beiden Folgestücken erst recht „zuzuschlagen“ – sonst wäre es doch nicht Castorf. Wie überzeugend dieses mögliche Zuschlagen wird – das bleibt abzuwarten.



    “Die Walküre”. Foto: Enrico Nawrath


    Sängerisch befindet sich diese Neuinszenierung bisher auf hohem Niveau. Wolfgang Koch bleibt als Wotan allerdings sängerisch hinter den Erwartungen zurück. Bei sehr guter Höhe weißt die kultivierte Stimme eher in das Heldenbariton-Fach. Darstellerisch agiert er ausgezeichnet, wird in der „Walküre“ aber immer wieder zu allzu viel Statik verurteilt. Im „Rheingold“ ausgezeichnet sind Elisabet Strid mit intensiver Mimik und Ausdruck als Freia, Burkhard Ulrich mit kräftigem Tenor und ebenfalls gehaltvollem Spiel als Mime, Nadine Weissmann mit klangvollem Alt als Erda, Günther Groissböck als stimmlich blendender Fasolt und durchaus auch Sorin Coliban als Fafner. Unter den guten Rheintöchtern glänzt besonders die Flosshilde von Okka von der Damerau, neben der sehr guten Julia Rutigliano als Wellgunde und der guten Mirella Hagen als Woglinde. Claudia Mahnke ist eine gute Fricka mit differenziertem Spiel und kann bis auf eine paar unsaubere Höhen auch in der „Walküre“ überzeugen. Martin Winkler ist ein intensiver, vor allem die sängerische Komponente betonender Alberich, der in seiner dramaturgischen Wirkung von der Regie sträflich minimiert wird. Lothar Odinius singt einen guten, aber eher unauffälligen Froh, und Oleksandr Pushniak einen noch unauffälligeren und im Finale stimmlich kaum überzeugenden Donner. Am wenigsten kann Norbert Ernst als Loge beeindrucken. Der in der Mittelage gut geführten Stimme mangelt es gerade für diese Rolle an tenoraler Schärfe und Artikulation in der Höhe. Auch er wurde allerdings – und Loge ist immerhin die zweitwichtigste Figur im „Rheingold“ – sträflich von der Regie vernachlässigt.


    Johan Botha hatte als Siegmund in der „Walküre“ einen wahren Triumph – und man kann dieses Wort, welches viel zu häufig in Rezensionen aufscheint, hier mit Recht einmal wählen. Er brachte das Publikum mit seiner tenoralen Klangfülle und -schönheit schier aus dem Häuschen und hatte in Anja Kampe als stimmlich wie darstellerisch ebenso begeisternder Sieglinde eine kongeniale Partnerin. Sie sang die Partie mit viel Herzblut und enormer Emphase. Catherine Foster, ebenfalls mit ihrem Debut im Festspielhaus, steigerte sich im 3. Aufzug zu einer souveränen Brünnhilde mit hochdramatischem Aplomb und wie gewohnt blendenden Spitzentönen. Wolfgang Koch konnte sich als Wotan gegenüber dem „Rheingold“ steigern, aber mit seinem bassbaritonalen Volumen nicht ganz an seine Rollenvorgänger am Hügel anschließen. Franz-Josef Selig sang einen ausgezeichneten Hunding. Das Walküren-Oktett war bis auf ein, zwei Stimmen sehr gut besetzt mit Allison Oakes als Gerhilde, Dara Hobbs, der Mindener Isolde von 2012, als Ortlinde, Claudia Mahnke als Waltraute, Nadine Weissmann als Schwertleite, Christiane Kohl als Helmwige, Julia Rutigliano als Siegrune, Geneviève King als Grimgerde und Alexandra Petersamer als Roßweiße.


    Kirill Petrenko am Pult des Bayreuther Festspielorchesters schien sich im „Rheingold“ noch allzu sehr zurück zu halten und lieferte eine fast kammermusikalische Interpretation, die allerdings zur weitgehend höhepunktfreien Dramaturgie passte. Dennoch fehlte es hier an Akzentuierung und auch einem gewissen Maß an Dynamik. Aber es war sein Debut in Bayreuth, und da muss sich jeder erst einmal auf die speziellen Anforderungen der musikalischen Besonderheiten einstellen. Bereits in der „Walküre“ scheint Petrenko zu seiner wahren Form gefunden zu haben. Das Orchester klang sehr viel intensiver, schon das Vorspiel zum 1. Aufzug vermittelte eine ganz andere Dynamik und Prägnanz wie der Vorabend. Petrenko schuf musikalisch in der „Walküre“ die Intensität, die der Handlung auf der Bühne bisweilen fehlte. Man kann in jeder Hinsicht gespannt auf „Siegfried“ sein.

    Hear Me Roar!

  • Lieber Caruso,


    vielleicht können wir die "letzte Wahrheit" enmal bei einer persönlichen Begegnung und einem guten Glas Wein finden. Schön wär's


    Herzlichst
    Operus

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  • vielleicht können wir die "letzte Wahrheit" enmal bei einer persönlichen Begegnung und einem guten Glas Wein finden. Schön wär's


    Ich trinke zwar keinen Wein (wegen einer Allergie und als Sportler ja ohnehin nicht), aber Wahrheit kann man auch ohne Wein finden!


    Mal sehen, wie sich eine solche Begegnung arrangieren liesse! Du wohnst ja wohl irgendwie in Schwaben. Ich komme zwar ziemlich viel herum, aber kaum mal ins Ländle. Aber vielleicht schaffen wir es dennoch?


    Herzliche Grüße


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Lieber Dreamhunter,


    der Artikel war ja sehr interessant zu lesen. Nun hat Castorf ja die Möglichkeit, mit seinen Einfällen ein neues Stück zu erdichten und an seiner Volksbühne aufzuführen. Eventuell findet er auch einen Komponisten, der ihm dieses Stück entsprechend modern vertont. Gegen all dieses ist nichts einzuwenden. Aber wo "Wagner" draufsteht, sollte auch "Wagner" drin sein und nicht irgendein beliebiges Produkt, das die meisten nicht haben wollen. Das ist Betrug am Kunden! Und deshalb bin ich auch dafür, dass dieser Betrug schnell ans Tageslicht kommt und möglichst weit verbreitet wird.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • ..., das Finale mit der "Götterdämmerung" fand drei Jahre später, nämlich am 28. März 1976 statt - noch bevor sich in Bayreuth der Vorhang für die Inszenierung von Patrice Chereau hob. Chereau hat sich die Leipziger Aufführungen angesehen und davon einige wesentliche Einfälle für Bayreuth übernommen.


    Das ist meines Erachtens ein Ding der Unmöglichkeit. Ende März 1976 müssen die Bühnenbilder des Jahrhundert-Rings schon längst konzipiert und in Arbeit gewesen sein - teilweise wohl sogar schon fertiggestellt. Das heißt, dass das optische Konzept schon längst gestanden haben muss, als Chereau die Hertz-Inszenierungen gesehen haben kann.


    Abgesehen davon wäre man in Bayreuth wohl nicht sehr erfreut gewesen, wenn zu diesem besonderen Anlass vieles an eine schon bestehende Produktion erinnert hätte....


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Bitte, Theophilus, lies meinen Betrag - sollte Dich das Thema fortgesetzt interessieren - gründlich und zwar mit allen Jahreszahlen. Rechnen wirst Du ja wohl können. ;) Du zitiert unzureichend und ziehst daraus die falschen Schlüsse. Das halte ich für unseriös.


    Gruß Rheingold

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Er hält den „Ring“ für ein „eklektizistisches Werk“ und somit für nicht eindeutig festlegbar. Für ihn haben die vier Einzelwerke keine wirkliche Stringenz. Allein die Leitmotive, die zu einem Wiedererkennungseffekt wie beim Film führen, bilden den kleinsten gemeinsamen Nenner.

    Lieber Dreamhunter,


    danke für die Veröffentlichung des lesenswerten, analytisch tiefschürfenden Berichts von Dr. Klaus Billand. Die Ausführungen hätten eine gründliche Auseindersetzung verdient. Ich möchte kurz nur zwei Aspekte herausgreifen, die jedoch fundamentale Denkfehler bzw. Mißverständnisse und damit wesentliche Ursachen für das grandiose Scheitern dieser Ring-Inszenierung aufzeigen. Nahezu unfassbar, wenn Herr Casdorf nicht begreift, dass es sich gerade beim Ring um eine genial-geschlossene Einheit handelt. Allein die personalen Verbindungen zwischen den einzelnen Ring-Teilen durch Siegmund-Siegfried, Wotan-Wanderer, Alberich-Hagen, Fafner usw. demonstieren die durchgängige Vernetzung und Schlüssigkeit der Handlung des Weltendramas so eindeutig, dass bewußte Negation vermutet werden kann, weil Casdorf das Gesamtkunstwerk nicht deuten konnte und nie in den Griff bekam. Auch in der Musik sind es doch nicht nur die Leitmotive, die verbinden. Von den ersten Akkorden im "Rheingold" bis hin zum krönenden Schluss in "Götterdämmerung" erklingt eine sich ständig steigernde musikalische Architektur, die in ihrer Geschlossenheit einmalig genial ist.
    Das nächste Problem, auf das ich im Forum bereits verschiedentlich hinwies, besteht darin, dass sich Schauspiel- und jetzt verstärkt auch Filmregisseure an der Oper "vergehen", einem Metier, vom dem sie nichts verstehen, weil sie mit einem anderen Blick, Ansatz und Verständnis an eine Regiearbeit herangehen. Opernregie muss, wenn sie gelingen soll, von ausgewiesenen, erfahrenen Spezialisten: wie z. B. Rennert, Hertz, Lehmann, Wieland und Wolfgang Wagner, Poettgen, Arnold, Schenk usw. gestaltet werden. Solange "Gelegenheitsarbeiter" wie Casdorf sich an der Oper versuchen dürfen, nur weil man sich von ihnen noch mehr sensationsheischende, auffällige Provokation erwartet, ist von vorne herein das Gelingen in Frage gestellt. Ein Resultat, das von dem Operndilettanten Casdorf nachdrücklich bestätigt wurde. Leider zu Lasten des Wagnerschen-Werkes und des Opernpublikums.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Zitat

    Das nächste Problem, auf das ich im Forum bereits verschiedentlich hinwies, besteht darin, dass sich Schauspiel- und jetzt verstärkt auch Filmregisseure an der Oper "vergehen", einem Metier, vom dem sie nichts verstehen, weil sie mit einem anderen Blick, Ansatz und Verständnis an eine Regiearbeit herangehen. Opernregie muss, wenn sie gelingen soll, von ausgewiesenen, erfahrenen Spezialisten: wie z. B. Rennert, Hertz, Lehmann, Wieland und Wolfgang Wagner, Poettgen, Arnold, Schenk usw. gestaltet werden. Solange "Gelegenheitsarbeiter" wie Casdorf sich an der Oper versuchen dürfen, nur weil man sich von ihnen noch mehr sensationsheischende, auffällige Provokation erwartet, ist von vorne herein das Gelingen in Frage gestellt.


    Lieber Hans,


    so ähnlich hatte ich kürzlich auch schon gesagt, dass alle möglichen Theater und Filmregisseure inzwischen auf die Oper losgelassen werden. Gibt es denn keine Opernregisseure mehr oder werden die nicht mehr ausgebildet? Wenn ich einen Wasserschaden habe, fordere ich ja auch keinen Elektroinstallateur an, auch denn ich kann mir von vorn herein ausrechnen, was dabei herauskommt.



    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Der Star dieses Öl-Rings ist eindeutig Kiril Petrenko. Bei den Sängern gab es Höhen (z.B. Burkhard Ulrich, Martin Winkler, Wolfgang Koch) und Tiefen (z.B. Lance Ryan) - das ist bei (heutigen) Ringen normal. Aber die Inszenierung... So leicht hätte ich zu meiner Zeit am Theater auch mal mein Geld verdienen mögen! Eine solche Missachtung des Publikums und demonstratives Desinteresse am Stoff, wie Castorf es zeigt, kann sich - Gott sei Dank - nicht jeder Regisseur leisten. Die Adjektive lächerlich und unzusammenhängend beschreiben Castorfs Murks wohl ziemlich treffend. Kurzweilig war das Ganze sicher, aber Unfug bleibt Unfug. Und eine Unverschämtheit dem Publikum gegenüber war es ausserdem.

  • Der Star dieses Öl-Rings ist eindeutig Kiril Petrenko. Bei den Sängern gab es Höhen (z.B. Burkhard Ulrich, Martin Winkler, Wolfgang Koch) und Tiefen (z.B. Lance Ryan) - das ist bei (heutigen) Ringen normal.


    Darf ich einige Damen ergänzen? - Catherine Foster als Brünnhilde über die drei Abend großartig gesteigert, Claudia Mahnkes Waltraute und die Sieglinde von Anja Kampe wahre Lichtblicke auf der Bayreuther Bühne. Nicht wirklich überzeugt hat mich heuer Johan Botha, den ich ansonsten sehr schätze; allerdings immer noch gaaaanz weit vor Lance Ryan, der zumindest in den letzten Tagen offenbar nicht auf der Höhe seiner Möglichkeiten gesungen hat.

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Die Musikjournalistin Rosemarie Frühauf über den Ring:


    Zitat

    Ihr Lieben, GUT, dass ich NICHT in BAYREUTH vor Ort war, sonst müsstet Ihr mich jetzt aus einer Zwangsjacke irgendwo aus einer Zelle der Bayreuther Polizei-Dienststelle befreien!
    ES IST NICHT ZU FASSEN wieviel geistige Zerüttung gerade das Kritiker-Trio in der sog. Diskussionsrunde des Bayerischen Rundfunks offenbart hat! Eleonore B. von der FAZ fand die Krokodile lustig und meinte, dass sie in den letzten Jahren noch nie so erbittert mit ihren Kollegen über eine Ring-Insz. diskutiert habe, spreche doch sehr für den Castorf-Ring. Ihr Kollege fand die sexuellen Aktivitäten zwischen Wotan und Erda einen guten Gag (und dass sie von einem Kellner unterbrochen werden, der ihnen die Rechnung bringt) und die Moderatorin fasste die "Diskussion" die eigentlich die reinste Propaganda-Veranstaltung war mit den Worten zusammen, das wäre doch ein schöner Beweis dafür, wie lebendig das Musiktheater in Bayreuth wäre!!!!!!!!! (Nur über Lance Ryan sind sie, wie zu erwarten, geschlossen hergefallen, von wegen Terz-Vibrato und wegen des Aussehens gecasted. etc). Ein ebenso dummes Publikum war bei dieser Diskussion live anwesend und hat nicht mal Zwischenrufe getätigt sondern tatenlos zugehört und an geeigneten Stellen geklatscht. Sie waren so 50 zu 50 Befürworter und Gegner, der Akustik nach. Ein paar sehr entschlossene Castorf-Gegner gab es ZUM GLÜCK im Festspielhaus, das heißt es gibt noch Menschen, die selber denken können und nicht bereit sind, sich einfach mit *** bewerfen zu lassen. Da waren eindeutig ein paar TRILLERPFEIFEN am Start! Anständig Auch sehr beruhigend für mich war der Umstand, das Castorf und Team minutenlang vor dem Vorhang rumstanden und C. offenbar Versuche machte, das Publikum zu beschwichtigen und ne kleine Ansprache halten wollte, was aber nicht klappte: Diejenigen, die ihn NICHT mochten, (und das waren, trotz der bedauernswerten Gehirngewaschenen, die für ihn geklatscht haben, EINIGE), diese Aufgebrachten waren konsequent genug, nicht nachzulassen und ihn minutenlang in Grund und Boden zu Buhen und zu Pfeifen ohne aus der Puste zu kommen! Irgendwann spitzte dann der Dirigent durch die Gasse und bat sie, die Bühne mal für den Orchestervorhang freizugeben, was die Dame vom Bayerischen Rundfunkt glücklicherweise alles detailliert schilderte. Tja und so endete die Übertragung mit einem Gedonner und Getrampel für´s hart arbeitende Orchester und der klitzekleinen guten Nachricht, dass es ein paar Leute gab, die ihre Missfallen bzgl. dem Bayreuther Ring-Desaster geäußert haben.

    Liebe Grüße,
    Figarooo

  • Vielleicht auch mal eine andere Stimme? Ich fand Sie heute morgen:


    http://www.bz-berlin.de/kultur…gkeit-article1716052.html


    Ich habe ja die Inszenierung nicht gesehen und werde mir kein Urteil erlauben, denke aber, man sollte verschiedene Stimmen hören: Also auch diese aus der BZ!


    Bayreuth: Castorfs Ring für die Ewigkeit
    31. Juli 2013 23:34 Uhr, Peter Huth | Aktualisiert 08:35 Frank Castorf und sein Team inszenierten ein Wagner-Ereignis, das Bayreuth noch lange beschäftigen wird.



    Danke, Frank Castorf, für diesen unglaublichen Ring!
    Erschöpft, atemlos, ja, auch verwirrt, überwältigt und erschlagen nehmen wir Abschied von einem Wagner-Ereignis, das Bayreuth noch lange beschäftigen wird.
    Natürlich ist er ausgebuht worden, fast eine grausame, dumme halbe Stunde lang. Sie haben nicht nur geschrieen und gebrüllt, nein, sie hatten auch Trillerpfeifen dabei und das, was manche gerufen haben, ist auch in der robusten B.Z. nicht zitabel.
    Selig über die eigene Empörung marschieren die Traditionalisten aus dem Festspielhaus - sowas habe man noch nie erlebt, in einem Vierteljahrhundert nicht, so habe es noch kein Regisseur gegeigt bekommen, wie dieser Berliner.
    Er stand und er verbeugte sich, Arm in Arm mit seinem großartigen Team, Alexandar Denic, der die Bühne schuf, Patric Seibert, dem Assistenten, Andreas Deinert, dem Mann, dessen Videos diesen Ring geprägt haben. Und nicht zu vergessen Adriana Braga Peretzki, deren Kostüme von einer selten dagewesenen Schönheit waren und Rainer Casper, der kluge Mann am Licht.
    Natürlich hatten sie mit Ablehnung gerechnet, doch das, was dann kam, können wohl nur die in Relation setzen, die dabei waren, als Patrice Chereau 1976 für eine Inszenierung von der Bühne gepfiffen wurde, an der sich heute alles, was Wagner ist, messen muss.
    Nur ein Jahr später wurde er gefeiert, und so wird es auch Castorf gehen.
    Castorfs Ring ist eine, warum auch nicht, mühsam zu entziffernde Interpretation - nicht unbedingt des Werkes, aber unserer Zeit und der Zeitläufte, die sie geprägt haben. Der Volksbühnen-Intendant hat Bilder geschaffen, die keiner, der hier dabei war, jemals vergessen wird, er hat dem Publikum etwas gegeben, was eben nicht viele Regisseure tun: Die Freiheit, sich seinen eigenen, individuellen Ring zu schaffen. Das ist anstrengend, aber wer es einfach haben möchte, der kann ja, bei aller Liebe, ins Musical gehen.
    Wer meint, dieser Ring sei einfallslos, der hat die Augen nicht aufgemacht oder schon nach dem "Rheingold" den Stab gebrochen. Castorfs Ring ist wild und romantisch, politisch, ohne dogmatisch zu sein, er bricht mit Traditionen und Ideologien, auch denen, denen der Regisseur einst folgte.
    Die Ablehnung - man kann sie auch als Teil der großen Castorf´schen Inszenierung sehen, man muss nicht alles lieben, was man schafft, ein Spiegel zeigt immer auch die Fratzen, so ist das nunmal im Leben und auch in der Oper, erst Recht bei Richard Wagner.
    Troztdem tat er einem Leid da vorne, dann eine hilflose Geste, die weit aufgerissenen Arme und dann zeigt er dem Publikum den Vogel. Das ist nicht gerade höflich, aber so war sein Ring ja auch nicht. Gottlob.
    Applaus natürlich für Kiril Petrenko, der ein grandioses Dirigat, vor allem in der "Götterdämmerung" hinlegte, Pfiffe für Lance Ryan (etwas ungerecht) und Attila Jun (berechtigt). Catherine Foster zog sich am Ende beachtlich aus der Affäre, die Entdeckungen sind Anja Kampe (Sieglinde) und die zauberhafte Mirella Hagen (Waldvogel/Woglinde). Und einen besseren Mime als Burkhard Ulrich kann man sich nicht vorstellen.


    ;( ZITAT Ende :cursing:


    Noch einen schönen Streit!


    Herzlichst


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

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  • Die Ablehnung - man kann sie auch als Teil der großen Castorf´schen Inszenierung sehen, man muss nicht alles lieben, was man schafft, ein Spiegel zeigt immer auch die Fratzen, so ist das nunmal im Leben und auch in der Oper, erst Recht bei Richard Wagner.

    Über den Sinn dieses Satzes dürfen wir nun auch lange grübeln. Vielleicht gibt es ihn ja.

  • Danke für die Zitierung dieser grenzdebilen Rezension! Ist sie vielleicht gar nicht ernst gemeint, rein ironisch?


    Zitat

    Nur ein Jahr später wurde er gefeiert, und so wird es auch Castorf gehen.


    Vielleicht in der grün-roten Presse, die ihn ja jetzt schon als das arme Opfer darstellt, das er nicht ist. Apropos: Auch der Chereau-"Ring" wurde längst nicht von allen bereits 1977 gefeiert — viele, auch bei Tamino, lehnen ihn heute noch ab.


    Dieses Kasperltheater auf dem Grünen Hügel kann ich gar nicht mehr ernst nehmen. Tut mir auch leid für den Dirigenten Petrenko und einige Sänger, die ja künstlerisch eigentlich gute Resultate erzielt haben. Aber grad bei Wagner zählt nunmal das Gesamtkunstwerk, und das war gerade wegen Castorf und seinem Schwachsinn zum Scheitern verurteilt.


    Liebe Grüße
    Joseph

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Vielleicht auch mal eine andere Stimme? Ich fand Sie heute morgen:
    Ich habe ja die Inszenierung nicht gesehen und werde mir kein Urteil erlauben, denke aber, man sollte verschiedene Stimmen hören: Also auch diese aus der BZ!


    Nun gut oder eben nicht gut. Ich gebe zu, dass ich auch ab und zu dieses Boulevardblättchen BZ lese, aber ganz bestimmt nicht wegen des Kulturteiles.
    Die Zeitung kommt aus dem Hause Springer, was ich nicht für verwerflich halte, sondern das nur wertfrei feststelle, da hier schon wieder die Farbenlehre bemüht wird. Es ist absolut ungewöhnlich für diese Zeitung, dass so ein ausführlicher Bericht über eine Bayreuth-Produktion erscheint. Der Hintergrund: Es inszeniert ein Berliner Regisseur. Und aus Lokalpatriotismus muss der Boulevard natürlich Hurra schreien. Wenn man genauer liest, die "Rezension" hat null Tiefgang (sowohl über Regie wie die Musik ist nix gesagt, nur über die Randerscheinungen). Damit bleibt das Blatt sich treu. Und deshalb muss man das nicht lesen. Es gibt in Berlin auch eine Rivalität unter den Theaterintendanten so besonders zwischen Castorf und Peymann und die BZ schlägt sich damit auf Castorfs Seite.


    Beste Grüße aus Berlin


    :hello:


    Manfred

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

  • Die gestrige Diskussionsrunde im Anschluss an die Aufführung habe ich mit Interesse verfolgt und kann mich über den unqualifizierten Beitrag von Rosemarie Frühauf nur wundern, die Andersdenkende als bedauerliche Hirngewaschene bezeichnet. Wenn das Journalismus sein soll :no: . Andererseits wird dadurch m.E. eines der Hauptprobleme offen gelegt, dass darin besteht, die Meinungen und Urteile schon a priori zu fällen. Einem unvoreingenommenen und vor allem aufmerksamen Zuhörer kann kaum entgangen sein, dass zumindest zwei der Kritiker die Inszenierung einerseits an sich bewerteten und andererseits als Gesamtergebnis. Daher resultierte die aufzählende Nennung gelungener Regieeinfälle, wobei wohl zeitbedingt nicht der Raum für Begründungen war. Als es aber darum ging, das Bühnengeschehen als Ringinszenierung zu werten, bedienten sich zwei der Kritiker Begriffen aus der Wortfamilie "scheißen" und sprachen unmissverständlich von einem Fehlschlag. Nachstehende Aussage ist also unhaltbar (Hervorhebung von mir):


    ... und die Moderatorin fasste die "Diskussion" die eigentlich die reinste Propaganda-Veranstaltung war mit den Worten zusammen, das wäre doch ein schöner Beweis dafür, wie lebendig das Musiktheater in Bayreuth wäre!!!!!!!!!


    Außerdem:

    Ein ebenso dummes Publikum war bei dieser Diskussion live anwesend und hat nicht mal Zwischenrufe getätigt sondern tatenlos zugehört und an geeigneten Stellen geklatscht. Sie waren so 50 zu 50 Befürworter und Gegner, der Akustik nach.

    :hahahaha: Das sollte man ruhig mal in Ruhe lesen.

    "Geduld und Gelassenheit des Gemüts tragen mehr zur Heilung unserer Krankheiten bei, als alle Kunst der Medizin." (W.A. Mozart)

  • Ein solcher nichts sagender Artikel, dazu in einem solchen Boulevardblatt, das selbst häufig - wie die Bildzeitung - schreiend und alle Werte missachtend daherkommt, zählt für für mich überhaupt nicht. Natürlich haben auch einige, die gerne nur die negativen Seiten unserer Zeit dargestellt wissen wollen, wieder daran Gefallen gefunden, dass hier einer ein - wie auch der Schreiber zugibt - mühsam zu entzifferndes Hirngespinst eines Einzelnen gezeigt wird. Ob sie wohl ohne Anleitung auch nur wenige Irrgänge seiner Gehirnwindungen verstanden hätten? Die Wagnersche Version kann man vollständig ohne jede Anleitung verstehen. Aber wo bleibt Wagner in diesem seinem Jubiläumsjahr, noch dazu in seinem Stammhaus. Zum Geburtstag kein einziger Wagner!!!! Die Geburtstagstorte wurde aus Schrott und Abfall zusammengebacken. Armer Wagner und armes Bayreuth!!
    Es wird sicher auch wieder einige Verrückte geben, die diesen Müll zum Jahrhundertring hochstilisieren wollen. Musikalisch mag das z.T. berechtigt sein, szenisch absolut nicht.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Menschen wie Herrn Castorf mit seinem schlecht sitzenden Anzug kann ich gar nicht wirklich ernst nehmen. :rolleyes:


    Der Mann hat von Oper keine Ahnung und scheint darauf auch noch stolz zu sein. Das ist heutzutage aber offenbar die Voraussetzung, um in Bayreuth engagiert zu werden. Hauptsache, nur ja keinen blassen Schimmer von (Wagner-)Opern (jünges Beispiel: Meese).


    Den "Ring des Nibelungen" hat er jedenfalls nicht verstanden. Im Libretto ist doch die ganze Zeit die Rede vom Gold aus dem Rhein, sogar der Vorabend der Tetralogie hat diesen Titel. All das ging an Castorf vorbei, er hatte von vornherein sein Konzept vom Öl, in das er die Wagner-Opern hineinzwängte.


    Wie wurde eigentlich der Ring geschmiedet? Auch aus Öl?


    Liebe Grüße
    Joseph

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Ein erster Zwischenbericht von Dr. Billand im "Neuen Merker" - weiteres folgt dann morgen -


    Gestern Abend gab es für Frank Castorf und sein Regieteam einen fast 10-minütigen Buhorkan nach der „Götterdämmerung“, dessen Länge und Intensität er mit allerlei Gesten und Körperhaltungen selbst nahezu moderierte. Zu Beginn schien er allerdings über die Intensität der Ablehnung seiner Inszenierung durch das Bayreuther Premierenpublikum überrascht zu sein. Wie nach dem „Siegfried“ zu erwarten war, ging es in der „Götterdämmerung“ weiter, wenn auch nicht ganz so grell, aber grell genug. Die Zusammenhanglosigkeit der einzelnen Szenen, die nahezu völlige Beliebigkeit von selten an den entsprechenden Stellen vorgesehenen Handlungen waren in ihrer Fülle kaum noch nachvollziehbar und sollten es wohl auch nicht sein – ebenso wenig wie die Öl-Thematik wohl ernsthaft gar keine wirkliche Rolle spielen sollte und zu einem nur noch kursorisch angedeuteten Regie-Rohrkrepierer verkam. Stattdessen sah man sich am Ende und immer intensiver in der zum Überdruss bekannten und schon so oft abgehandelten DDR-Aufarbeitungs-Ästhetik wieder. Trotz einiger gelegentlicher interessanter Neudeutungen und Bilder machte sich an diesem Abend nun auch Langeweile breit. Dieser „Ring“ mit seinem immediatistischen Collagen-Charakter trägt einfach nicht, und da hilft auch keine Entschuldigung durch einen vermeintlichen Eklektizismus der Tetralogie – ganz abgesehen davon, dass Castorf die Musik zu keinem Zeitpunkt ernst nimmt. Vom Wagnerschen Gesamtkunstwerk „auch gar keine Spur“…


    Kirill Petrenko konnte bis auf einige Momente im 1. Aufzug auch in der „Götterdämmerung“ der Castorfschen „Gegengeschwindigkeit“ widerstehen und fand wieder zu einem facettenreichen und dynamischen und Höhepunkte klar herausarbeitenden Klangbild aus dem mystischen Abgrund. Er wurde mit Applaus überschüttet ebenso wie Catherine Foster für ihre starke Brünnhilde. Lance Ryan mit seiner ständig zu lauten und unbeweglichen Stimme bekam ebenso nennenswerte Buhrufe wie Attila Jun für seinen stimmlich überforderten und undeutlich singenden Hagen. Nun deuten sich auch wieder die altbekannten Besetzungsprobleme in Bayreuth an…

    Hear Me Roar!

  • Das ist zwar (noch) eine Gazette aus dem "Springer"-Imperium wie die BZ, aber der Rezensent Lucas Wiegelmann scheint dabei gewesen zu sein. Hier sein Bericht:


    Dennoch: Alle Achtung, wenigstens hebt sich diese Kritik wohltuend von den sonstigen Lobhudeleien ab!
    Mal sehn, was sonst noch für Abartigkeiten in Bayreuth zu sehen sein wird.


    :hello:


    Manfred

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

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