Lohengrin, Staatsoper Berlin, 13.12.2020

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    Auch wenn man es eigentlich weiß, so deutlich, wie bei Bieito, ist die entscheidende Parallele der beiden Paare selten zu sehen:

    Sie sind unfruchtbar.

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Auch wenn man es eigentlich weiß, so deutlich, wie bei Bieito, ist die entscheidende Parallele der beiden Paare selten zu sehen:

    Sie sind unfruchtbar.

    Lieber Hans, ja, das ist ein sehr interessanter Gedanke. Ich hatte mir den "Lohengrin" auch genau angesehen. Ich fragte mich allerdings, ob er, dieser Gedanke, so wichtig ist und sich aus dem Werk selbst ergibt? Für die Unfruchtbarkeit beider Paare finde ich eigentlich keine konkreten Anhaltspunkte. Oder ist mir etwas entgangen?

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Aus Langeweile habe ich gestern abend bei youtube diesen Lohengrin ansehen wollen. Ich habe eine gute Stunde ausgehalten, aber nach dem 1. Akt entnervt aufgehört. Damit muß ich den Vorrednern schon widersprechen, die behaupten, über etwas zu reden, was man nicht gesehen habe.

    Mir hat schon das wunderbar gespielte, silberklare Vorspiel gefallen. Ich fand es akustisch auf so hohem Niveau, daß manche Studioaufnahme schlechteren Klang hat. Extrem störend fand ich allerdings die Videospiele, welche die Klangschönheit und Musikalität des Vorspiels zerfetzten.

    Danach war ich nicht schockiert, ich wußte ja, wer inszeniert hat. Mir war schon beim Einschalten klar, daß der Regisseur die Vergangenheit in die Gegenwart holen wird, und da wurde ich nicht enttäuscht. Also zeigte ich guten Willen, zumal die musikalische Seite ausgesprochen großartig war. Ich habe die Augen geschlossen und nur der Musik gelauscht, und die war phantastisch. Sobald ich die Augen wieder öffnete, was ja eigentlich Sinn und Zweck in der Oper sein sollte, muß ich immer wieder und gebetsmühlenartig meinen Vorwurf an das "Regietheater" wiederholen: Musik und Text passen nicht zum Bühnengeschehen!!

    Deshalb war ich froh, den 1. Akt gesehen zu haben und ausmachen zu können. Es paßt nicht!! Alagna war ein toller Lohengrin, Elsa war sehr gut, und König Heinrich braucht sich hinter Kurt Rydl nicht zu verstecken. Ortrud und Telramund hätte ich im 2. Akt bewundern können, aber dazu fehlte mir der Wille. Man muß auch verzichten können.

    Von den 10 Lohengrins, die ich live erlebt habe (3 in Gera in verschiedenen Jahrzehnten, 3 in Dresden alle in der Inszenierung von Mielitz?, weiter in Erfurt, Weimar, Dessau und Chemnitz) war es nicht die ausgefallenste Inszenierung (das war Herr Lutz in Gera), aber den Wunsch, die ganze Oper zu sehen und dafür auch noch bezahlen zu müssen, den habe ich nicht. Als CD wäre es erstklassig. Allerdings habe ich auch mehrere "romantische Opern" namens Lohengrin am TV zumindest teilweise gesehen, die mich direkt angestunken haben (Bayreuth, Mailand u.a.). Da war Bieito eigentlich human, aber trotzdem nichts für mich. Er bleibt auf meiner Liste.


    Herzlichst La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Ich habe die Augen geschlossen und nur der Musik gelauscht, und die war phantastisch. Sobald ich die Augen wieder öffnete, was ja eigentlich Sinn und Zweck in der Oper sein sollte, muß ich immer wieder und gebetsmühlenartig meinen Vorwurf an das "Regietheater" wiederholen: Musik und Text passen nicht zum Bühnengeschehen!!

    Deshalb war ich froh, den 1. Akt gesehen zu haben und ausmachen zu können. Es paßt nicht!! Alagna war ein toller Lohengrin, Elsa war sehr gut, und König Heinrich braucht sich hinter Kurt Rydl nicht zu verstecken. Ortrud und Telramund hätte ich im 2. Akt bewundern können, aber dazu fehlte mir der Wille. Man muß auch verzichten können.

    Von den 10 Lohengrins, die ich live erlebt habe (3 in Gera in verschiedenen Jahrzehnten, 3 in Dresden alle in der Inszenierung von Mielitz?, weiter in Erfurt, Weimar, Dessau und Chemnitz) war es nicht die ausgefallenste Inszenierung (das war Herr Lutz in Gera), aber den Wunsch, die ganze Oper zu sehen und dafür auch noch bezahlen zu müssen, den habe ich nicht. Als CD wäre es erstklassig. Allerdings habe ich auch mehrere "romantische Opern" namens Lohengrin am TV zumindest teilweise gesehen, die mich direkt angestunken haben (Bayreuth, Mailand u.a.). Da war Bieito eigentlich human, aber trotzdem nichts für mich. Er bleibt auf meiner Liste.


    Herzlichst La Roche

    Genau so ist es, lieber La Roche. Die musikalische Seite mag zwar recht gut sein und als CD (ohne die völlig unpassende Handlung zu sehen, könnte mir der Lohengrin gefallen, vor allem, das ich auch Alagna sehr gerne höre. Aber zu einer Oper gehört für mich auch unbedingt das passende Bild und eine solche Inszenierung, die absolut nichts mit dem wagnerischen Lohengrin zu tun hat, zerstört auch - wie du es von der Ouvertüre schon festgestellt hast - die ganze Oper. So etwas über Stunden durchzustehen bleibt für mich, für dich und für viele, die ich kenne, lediglich eine Qual. Und für so etwas sollte man etwa auch noch Geld bezahlen??

    Wie oft wurde der arme "Lohengrin" schon verhunzt (Hamburg, München, Bayreuth, Mailand). Da reiht sich der Berliner "Horrorclowngrin" lückenlos ein. Da ich keine Langeweile habe, habe ich mich auf einen Querschnitt, der eindeutig die Entstellung des Stoffs erkennen ließ, beschränkt. Danach habe ich mir dann die Inszenierung von "Samson und Delila" aus der MET mit Alagna angesehen.


    Liebe Grüße

    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Für die Unfruchtbarkeit beider Paare finde ich eigentlich keine konkreten Anhaltspunkte.

    Die zu finden, gelingt mir auch nicht. Bei Ortrud/Telramund ist Unfruchtbarkeit nicht auszuschließen. Sind sie doch ein Paar, und das schon länger, und dennoch kinderlos. Ohne dass der Librettis Wagner dezidiert darauf hinweist, kann man davon ausgehen, dass die ungesicherte Erbfolge die Chancen Telramunds im Machtkampf schmälert.


    Dem Paar Elsa/Lohengrin Zeugungs- und/oder Empfängnisunfähigkeit zu unterstellen ist gewagt. Gab der mißliche Verlauf der Hochzeitsnacht doch keinerlei Gelegenheit zur Probe aufs Exempel. Zudem wäre es dramaturgisch unklug, diesen krassen Gegensatz fruchtbar-unfruchtbar gleich wieder zu verschenken.


    Hans Heukenkamp welche Hinweise entdeckst Du im Lohengrin-Text, und welche im szenischen Ansatz von Calixto Bieito, über die auf dem Foto erkennbaren Puppen hinaus?


    Leider habe ich von Brasilien aus keinen Zugriff auf die Aufführung, zu meinem großen Bedauern. Allein schon wegen der Weimarer Orchesterfassung würde sie mich brennend interessieren.

  • Was habe ich eigentlich falsch gemacht? Ich kenne drei Bieito-Inszenierungen von der Bühne her.

    Keine einziger Nackter war zu sehen, es gab ein eiziges mal nur minmale Blutspritzer.

    Ich nehme an, dass das blutrünstige und sexbetonte Image des Regisseurs der grauen Vergangenheit angehört, aber immer wieder gerne hervorgekramt wird.

    Dann kennst du die "Entführung aus dem Serail" nicht und auch nicht die "Armida", in der eine ganze Schar nackter Männer sich auf der Bühne der KOB tummelte. Mir hat das nicht gefehlt, der Regisseur hat sich natürlich durch ausgefallene Ideen einen Namen gemacht, die können mal mehr, mal weniger Zuspruch finden. Den "Lohengrin" fand ich gar nicht schlecht.

    :hello:

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

  • Bei Ortrud/Telramund ist Unfruchtbarkeit nicht auszuschließen. Sind sie doch ein Paar, und das schon länger, und dennoch kinderlos.

    Warum sind sie "schon länger" ein Paar?


    Ich dachte immer, das sei so: Telramund will Elsa, sie will nicht, Ortrud lässt Gottfried verschwinden und flüstert Telramund ein, dass Elsa die Schuld an diesem Verschwinden trägt, daraufhin klagt Telramund Elsa des Brudermordes an und freit zugleich Ortrud.


    Wenn dem so ist, finde ich in dieser Konstellation wenig Anhaltspunkte für "schon länger" - oder wie viel Zeit vergeht zwischen Anklage und Prozess?

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Nun reden wir darüber, wer in der romantischen Oper Lohengrin zeugungsunfähig sei. Müßt ihr nicht selbst darüber den Kopf schütteln? Wie wäre es, anstelle des Heerrufers einen Arzt auf die Bühne zu stellen, der keinen Streiter aufruft, sondern einen potenten Mann, der mit irgendwelchen Maßen seine Berechtigung beweisen muß, um Elsa zu freien? Und natürlich ein Attest zu bringen hat, daß er zeugen kann.

    Ich finde das alles nur lächerlich.


    Herzlichst La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Lieber Rheingold, lieber udohasso, das Frageverbot als notwendige Vorbedingung für den geschwisterlichen Inzest zu sehen, ist im Lohengrin-Diskurs üblich, wenn ich das als Amateur so feststellen darf. Mir haben Friedrich Dieckmanns Anmerkungen zu dem Komplex immer eingeleuchtet. Unfruchtbarkeit ist in der menschlichen Sphäre Vorbedingung dafür, über den Inzest auch nur spekulieren zu können. Der kategorische Bann, Monster oder Kretins zu zeugen, liegt als Barriere vor dem Wunsch, sexuelle Handlungen an Blutsverwandten vorzunehmen. Diese Sperre ist Manifestation des eigentlichen Tabus, die mögliche Nachkommenschaft betreffend. Lohengrin und Elsa sind also kein dynastisches Projekt, weshalb Lohengrin ja auch nur ein Jahr in Brabant bleiben wollte. Das Paar ist unfruchtbar by design.

    Bieito hatte für sein dunkles Paar mit Gantner und Gubanova sensationell gute Akteure zur Verfügung, weshalb ich ihnen wohl auch mit Vergnügen und Aufmerksamkeit gefolgt bin. Daß sie kinderlos sind, ist zu konstatieren. Daß Bieito die Unfruchtbarkeit des Paars zur Quelle der zerstörerischen Wut Ortruds gemacht hat, sieht man schon bei der Klage Telramunds im ersten Akt ("und nahm ein Weib, das meinem Sinn gefiel") an der Mimik Ortruds, und der Regisseur macht es in der ersten Szene des zweiten Akts mit den Babypuppen auf den Sitzreihen deutlich. Die NMZ gibt eine entsprechende Bemerkung des Regisseurs wieder. Es gibt keine Begründung für die Tatsache selbst - das Paar ist unfruchtbar by chance.


    In seiner Inszenierung nimmt der Regisseur diese Symmetrie unter die Lupe.

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Nun reden wir darüber, wer in der romantischen Oper Lohengrin zeugungsunfähig sei. Müßt ihr nicht selbst darüber den Kopf schütteln? [...] Ich finde das alles nur lächerlich.

    Hmmh, also wenn ich Hans Ausführungen lese, sehe ich eigentlich keinen Grund, den Kopf zu schütteln und finde diesen Interpretationsansatz auch durchaus nicht lächerlich ...

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Danke für die Antwort, lieber Hans. :hello:

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Manuel Brug bei "Welt Online":


    Robert Alagna: "angestrengt [...] viele Töne erreicht er nur noch im Forte oder mit Pressen [...] zu wenig Feuer und Temperament"

    Vida Miknevičiūtė: "nicht anrührend, aber eindrucksvoll"

    Matthias Pintscher: "weitgehend im kapellmeisterlich unaufgeregten Spektrum"

    Calixto Bieito: "[hat] auch schon inspiriertere Tage gesehen [...] ein wenig trashig, vor allem aber sehr atmosphärelos und kaum originell"

    Na denn. :D

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Lieber Hans Heukenkamp!


    Ich habe Deinen Bericht und die verschiedenen Erläuterungen zu der Inszenierung von Bieito mit großem Interesse gelesen. Auch Dein Versuch, diese Inszenierung zu deuten, fand ich spannend. Die Übertragung selbst habe ich diesmal auch in voller Länge am Fernseher ausgehalten. Was man in Corona-Zeiten so alles tut. Eigentlich mag ich Übertragungen im Fernsehen ja nicht, aber diesmal habe ich durchgehalten. Allerdings habe ich mich eher auf das Hören konzentriert.
    Vermutlich deshalb würde mein Urteil über Sänger und Dirigenten wohl weniger positiv ausfallen als Deines. Das ist aber eine Frage, welche Vergleiche man im Hinterkopf hat. Schaut man sich an, was heute so die Alternativen wären, kann ich Dein Lob für die Sänger schon verstehen. Nur bei Alagna würde ich erhebliche Einschränkungen machen. Wenn man ihn nicht nur hört sondern auch sieht, dann gebe ich gern zu, dass er in dieser Inszenierung eine passende Besetzung war. Ein charismatischer und strahlender Lohengrin hätte da nicht gepasst. Allerdings muss man sich damit abfinden, dass er mit zunehmender Dauer doch angestrengt klang und die geforderten Tonhöhen oft nicht mehr traf. Da half auch ein Nachdrücken nicht!


    Liebe Grüße

    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Was glaubt ihr wohl, wie viele Opernbesucher sich Gedanken über Lohengrins und Elsas oder Telramund und Ortruds Zeugungsunfähigkeit machen?? Ob Wagner die Oper wohl für ein paar Experten gemacht hat, die alles Mögliche hineindeuten wollen? Wesentlich ist in meinen Augen, dass dem Zuschauer die Oper geboten wird, wie Wagner sie im Libetto festgelegt hat. Dann darf sich jeder Zuschauer seine eigenen Gedanken machen. So käme jeder zu seinem Recht, auch der Zuschauer - und das sind wohl die meisten - , der ohne Belehrungsversuche die Oper einfach nur genießen will. Alles, was bestimmte Regisseure den Zuschauer durch Entstellung der Werke aufzwingen wollen, ist Entmündigung des Opernbesuchers. Ich wehre mich weiterhin gegen den Gedanken, dass jeder in Werken Anderer nach Belieben herumpfuschen kann.

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Die Tonspur des HD-Videos des Streams von Arte habe ich mir soeben auf der Festplatte gesichert. Die Weimarer Urfassung von 1850 füge ich akustisch gerne meiner Sammlung aus diskographischem Interesse hinzu.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Ich glaube Ortrud benutzt Telramund nur um Einfluß zu gewinnen. Lohengrin war mir nie sympathisch. Warum spielt er nicht gleich mit offenen Karten und sagt wer er ist und woher er kommt. Wäre ich Elsa würde ich auch gerne den Namen meines Retters und zukünftigen Ehemannes wissen. Und wenn Elsa dann fragt, zieht er sich zurück anstatt ihr zu verzeihen . So groß kann die Liebe dann nicht gewesen sein. Da find ich Tannhäuser sympathischer.



    t

  • Was glaubt ihr wohl, wie viele Opernbesucher sich Gedanken über Lohengrins und Elsas oder Telramund und Ortruds Zeugungsunfähigkeit machen?? Ob Wagner die Oper wohl für ein paar Experten gemacht hat, die alles Mögliche hineindeuten wollen? Wesentlich ist in meinen Augen, dass dem Zuschauer die Oper geboten wird, wie Wagner sie im Libetto festgelegt hat. Dann darf sich jeder Zuschauer seine eigenen Gedanken machen. Alles Andere ist Entmündigung des Opernbesuchers. Ich wehre mich weiterhin gegen den Gedanken, dass jeder in Werke Anderer beliebig herumpfuschen kann.

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    Lieber Gerhard, dem Publikum wird nichts vorenthalten, auf das es ein Recht gehabt hätte. Es gibt das große Luftloch im dritten Akt, aber das ist bei den meisten Inszenierungen - sicher im Einverständnis mit den Sängern - so. Das Personal der Oper agiert vollständig auf der Bühne. Die wenigen Einschränkungen sind wohl Corona geschuldet. Bieito hat sich für den Defekt beider Paare interessiert, aber er zwingt niemanden, seiner Sicht sklavisch zu folgen. Die Zuschauer wissen ja, daß mit beiden Paaren etwas nicht stimmt und machen sich sowieso ihren eigenen Reim darauf.

    Gerade die gewisse Kargheit, für die sich der Regisseur entschieden hat, läßt uns allen Raum für eigene Interpretation des Geschehens.

    Es grüßt Hans

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Eine gute Frage Stimmenliebhaber, auf die uns der Librettist leider die Antwort schuldig bleibt...


    :)

    Ich denke, man sollte nicht den Fehler machen, die Dauer der heutigen Prozessbürokratie zugrunde zu legen. :hahahaha:


    Aber mal ernsthaft_ Telramund hat ein Interesse daran, Elsa schnell verurteilt zu sehen, um möglichst schnell selbst die Macht im Lande überlegen zu können.


    Und wenn du schon darauf hinweist, dass uns der Librettist die Antwort auf die Zeit zwischen Anlage und Prozess schuldig bleibt, dann gilt das für deine kühne Behauptung, dass Ortrud und Telramund "schon länger" ein Paar sind, erst recht. ;):hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • ...man sollte nicht den Fehler machen, die Dauer der heutigen Prozessbürokratie zugrunde zu legen. :hahahaha:

    :no:


    ...wer's täte, ginge in die Irre, kein Zweifel.


    Mit meiner Formulierung "schon länger" wählte ich bewußt einen vagen Zeitbegriff. Wenn sich schon Wagner nicht festlegen will, warum sollte ich es tun.


    Erscheint Dir, Stimmenliebhaber, der gedankliche Ansatz "Unfruchtbarkeit" völlig verfehlt?

  • Lieber Rheingold, lieber udohasso, das Frageverbot als notwendige Vorbedingung für den geschwisterlichen Inzest zu sehen, ist im Lohengrin-Diskurs üblich, wenn ich das als Amateur so feststellen darf. Mir haben Friedrich Dieckmanns Anmerkungen zu dem Komplex immer eingeleuchtet. Unfruchtbarkeit ist in der menschlichen Sphäre Vorbedingung dafür, über den Inzest auch nur spekulieren zu können. Der kategorische Bann, Monster oder Kretins zu zeugen, liegt als Barriere vor dem Wunsch, sexuelle Handlungen an Blutsverwandten vorzunehmen. Diese Sperre ist Manifestation des eigentlichen Tabus, die mögliche Nachkommenschaft betreffend.


    In seiner Inszenierung nimmt der Regisseur diese Symmetrie unter die Lupe.

    "Bin gar so dumm, nehmt mir`s nicht krumm"- was in aller Welt hat denn Inzest mit Lohengrin zu tun? Nebenbei bemerkt - ich habe seinerzeit den Livestream gesehen, bin aber nicht über den ersten Akt hinausgekommen, weil ich die Inszenierung öde und lächerlich ( Heerrufer, Origamischwan) fand.

    Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe (Tagore)

  • Lieber Hans Heukenkamp!


    Vermutlich deshalb würde mein Urteil über Sänger und Dirigenten wohl weniger positiv ausfallen als Deines. Das ist aber eine Frage, welche Vergleiche man im Hinterkopf hat. Schaut man sich an, was heute so die Alternativen wären, kann ich Dein Lob für die Sänger schon verstehen. Nur bei Alagna würde ich erhebliche Einschränkungen machen. Wenn man ihn nicht nur hört sondern auch sieht, dann gebe ich gern zu, dass er in dieser Inszenierung eine passende Besetzung war. Ein charismatischer und strahlender Lohengrin hätte da nicht gepasst. Allerdings muss man sich damit abfinden, dass er mit zunehmender Dauer doch angestrengt klang und die geforderten Tonhöhen oft nicht mehr traf. Da half auch ein Nachdrücken nicht!

    Lieber Caruso41, ja, manches von dem, was Du ansprichst, habe ich wohl auch gehört. Die Striche im dritten Akt waren diesmal geradezu unverzichtbar, weil die Kräfte Alagnas nach der Gralserzählung erschöpft waren. Auch bei den anderen Sängern ließen sich kritische Anmerkungen machen. Aber das wollte ich nicht. Die Premiere und sicher auch die Proben müssen unter besonders schwierigen Bedingungen stattgefunden haben, Kritik könnte da leicht ungerecht sein. Ich habe mich vor allem gefreut, eine neue Deutung einer meiner Lieblingsopern sehen und hören zu können. Es grüßt Hans

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Lieber Hans!

    Auch bei den anderen Sängern ließen sich kritische Anmerkungen machen. Aber das wollte ich nicht. Die Premiere und sicher auch die Proben müssen unter besonders schwierigen Bedingungen stattgefunden haben, Kritik könnte da leicht ungerecht sein.

    Dass es in diesen Zeiten schwierig ist, Sänger zu beurteilen, finde ich auch. Deshalb habe ich auf Rodolfos Problemanzeige auch im NEUE-STIMMEN-Thread reagiert!: Entdeckungen: Neue Stimmen

    Ich hatte über die Fernsehübertragung des Berliner Lohengrin eigentlich gar nicht schreiben wollen. Mich hat dann aber geärgert, dass einzelne Mitglieder des Forums über die Regie mit ihren bekannten Klischees und Floskeln hergezogen sind, ohne sich tatsächlich auf die konkrete Aufführung zu beziehen. Das, so fand ich, hattest Du nicht verdient. Um Dir zu sagen, dass ich Deinen Bericht und die Erläuterungen zur Inszenierung informativ und interessant fand, habe ich mich überhaupt nur eingemischt.


    Beste Grüße

    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Um Dir zu sagen, dass ich Deinen Bericht und die Erläuterungen zur Inszenierung informativ und interessant fand, habe ich mich überhaupt nur eingemischt.

    Auch ich fand die Erläuterungen zur Inszenierung durch Hans Heukenkamp informativ und interessant. Sie haben mein Urteil über den Regisseur nur verstärkt und meine Vorurteile wurden beim Sehen des 1. Aktes noch weiter bestätigt. Das hat mit Klischees überhaupt nichts zu tun. Ich fand (schon geschrieben) die Videozerstörung des Vorspiels grauenvoll, den Auftritt des Schwanes albern und lachhaft und die gesamte Kostümierung total unangepaßt. Und Bild, Text und Bühnengeschehen incl. Kostümierung passen für mich nicht zusammen. Grob gesagt finde ich das einer Karnevalskostümierung entnommen, wo die Vergangenheit in die Gegenwart geholt wird.

    Aber mit keinem Wort habe ich mich oder ein anderer der Kritiker hier im Forum negativ über die positive Reaktion von Hans geäußert. Wir haben unsere Ablehnung zum Ausdruck gebracht, teilweise die musikalische Qualität gelobt (mehr als Du!) und Hans sein Vergnügen gegönnt. Wobei ich nicht dazu gekommen bin, den 2. und 3. Akt zu beurteilen. Mir war schon vorher der Appetit vergangen.


    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Wir haben unsere Ablehnung zum Ausdruck gebracht, teilweise die musikalische Qualität gelobt (mehr als Du!) und Hans sein Vergnügen gegönnt.

    Das ist wirklich überaus großzügig von euch. Nicht auszudenken, wenn es anders wäre.

  • Aber mit keinem Wort habe ich mich oder ein anderer der Kritiker hier im Forum negativ über die positive Reaktion von Hans geäußert. Wir haben unsere Ablehnung zum Ausdruck gebracht, teilweise die musikalische Qualität gelobt (mehr als Du!) und Hans sein Vergnügen gegönnt.

    Für Dich trifft das sicherlich zu, für einen anderen ebenso sicher nicht:


    Von mir aus sollen sie doch solchen Schwachsinn sehen, solange sie wollen.

    Es ist schade, dass das Niveau der Oper immer seichter und schlechter wird und der Freunde der wahren Werke kaum mehr eine Chance haben, etwas Gescheites zu sehen.

    Ob Wagner die Oper wohl für ein paar Experten gemacht hat, die alles Mögliche hineindeuten wollen?

    Zusammengefasst: Jemand, der wie Hans diese Aufführung mit Gewinn angesehen hat, erfreut sich an Schwachsinn, seichtem Niveau und ist kein Freund der "wahren Werke", dafür aber einer der paar Experten, die alles Mögliche hineindeuten wollen. :no:

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Wir haben unsere Ablehnung zum Ausdruck gebracht, teilweise die musikalische Qualität gelobt (mehr als Du!) und Hans sein Vergnügen gegönnt.


    Das ist wirklich überaus großzügig von euch. Nicht auszudenken, wenn es anders wäre.

    Danke für die Freundlichkeit. Es wäre überaus großzügig, wenn die Anhänger des RT den Gegnern auch einmal das Vergnügen gönnen würden, eine Inszenierung nach deren Vorstellungen zu sehen.


    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.