Was mich an Gustav Mahler fasziniert........

  • Und schon wieder ein Thread der neuen "Was mich ....fasziniert"-Serie


    Wie immer gilt auch hier:


    Zitat


    Mitglieder, welche dem jeweiligen Namensgeberm wenig bis nichts abgewinnen können - mögen warten bis ihr Favorit an der Reihe ist, es ist sinnlos (und in diesem Thread unerwünscht) sein Mißfallen über die Werke des
    entsprechenten Komponisten zu bekunde - desgleichen Gleichgültigkeit.


    Gustav Mahler war bis in meine Jugend (auch sochon ein paar Wochen her) eher umstritten - oder besser gesagt: Man ignorierte ihn - Natürlich nicht völlig - aber weitgehend. Zumindest gemessen an der ihm heutzutage zugesprochenen Bedeutung. Ähnlich wie bei Bruckner ist sein Oeuvre eher klein - desungeachtet wird er derzeit als einer der bedeutendsten Sinfoniker gesehen.


    Aber wenden wir uns mit der Frage an seine "Fans":


    Was fasziniert Euch an Mahler ?



    mfg aus Wien


    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Mich fasziniert an Gustav Mahlers Musik die Brüchigkeit, dieser unmittelbare Wechsel scheinbar unvereinbarer Stile, dieses Spiel mit Schein und Sein, die Ironie in der Musik, die Häme, der Spott, gleichzeitig die Suche, der (unerfüllbare?) Wunsch nach der ganz großen Liebe.
    Von den Symphonien ausgehend, liebe ich eine wie die andere. Die martialischen Märsche der meisten Werke, die großen langsamen Sätze, die vielen skurrilen Gestalten, die immer wieder auftauchen, das Kaleidoskop der Musikgeschichte, das sich in diesem Kosmos findet, gleichzeitig (für mich) die mit Worten nur schwer so eindringlich beschreibbare Psyche des "Fin de siecle" wie sie in diesen Symphonien durchhörbar ist, eine Musik der ausgehenden K&K Monarchie auf dem Weg zum Ersten Weltkrieg, zwischen Euphorie und Verzweiflung.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Freundlicher Gruß
    Alexander

  • Alfred,


    er ist ja nicht nur Sinfoniker, er hat auch Lieder vertont, so "Des Knaben Wunderhorn", oder "Das Lied von der Erde".


    Ich weiß nicht, wer das gesagt haben soll (ich habe es nur von Hörensagen), aber jemand muß bei der "Erfindung" der Stereophonie gesagt haben: "Nun kann man Mahler erst richtig hören". Worauf er sich bezogen haben soll, ist die Tatsache, daß bei Mahler in den Sinfonien so viel parallel verschachtelt stattfindet, daß man dies monophon nur sehr schwer auseinanderhören kann. Und damit bin ich dann bei einer Antwort auf Deine Frage:


    Bei Mahler fasziniert mich die Vielgestaltigkeit der "Stränge" der Musik, und die Auflösung dieser "Klänge", und dann das "Weiterspinnen" neuer Ideen.


    In den Liedern, insbesondere, ist es dann die Schwermut, die mit Leichtigkeit gepaart werden kann, und dennoch kongenial das Gefühl trifft, was im Liedtext genannt wird.


    Soviel mal als Einstieg von mir.


    Matthias


    P.S.: Natürlich habe ich auch meine Lieblingsstücke, aber, die nenne ich noch nicht... ;-)

  • Zitat

    Original von pfuetz


    Ich weiß nicht, wer das gesagt haben soll (ich habe es nur von Hörensagen), aber jemand muß bei der "Erfindung" der Stereophonie gesagt haben: "Nun kann man Mahler erst richtig hören". Worauf er sich bezogen haben soll, ist die Tatsache, daß bei Mahler in den Sinfonien so viel parallel verschachtelt stattfindet, daß man dies monophon nur sehr schwer auseinanderhören kann.
    P.S.: Natürlich habe ich auch meine Lieblingsstücke, aber, die nenne ich noch nicht... ;-)


    Zur Ergänzung:
    Das erwähnte Zitat stammt vom Musiksoziologen Kurt Blaukopf (1969, "Der Zeitgenosse der Zukunft", Molden Verlag).
    Ergoogelt: „(Mahlers) Sinfonien fünf, sechs, sieben sind durch die Schallplatte erlöst worden,“ da „dem Ideal der Deutlichkeit einer Musik, deren Themen von verschiedenen Seiten kommen und die in Rhythmik und Melodik völlig unterschieden sind die über das Mischpult integrierte Stereo-Aufnahme besser zu entsprechen“ vermag, „als die meisten Live-Aufführungen im Konzertsaal“.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Freundlicher Gruß
    Alexander


  • Dank Dir, wieder was gelernt!


    Matthias

  • Was mich an Gustav Mahler fasziniert?


    Seit jetzt bald 35 Jahren immer wieder die Entwicklung der musikalischen Themen, die Übergänge, die Wiederkehr in verwandelter Form. Im eigentlichen Sinn sind vor allem die Sinfonien Mahlers für mich eine vollendet dialektische Musik. Sie entwickelt sich aus Widersprüchen, gegenläufigen Themen, Übergängen, auch Brüchen, aber immer geht die Entwicklung wie ein organischer Prozess weiter.


    Dann die engste Verbindung mit direkten Lebensäußerungen, mit Alltagsmusik, mit banalen Lebenssituationen. Dies alles in höchster Verarbeitung der musikalischen Form. Schließlich das direkte Gegenüber einer unmittelbaren Liebe zur Welt und der tiefsten Verzweiflung an dieser Welt (Lieder eines fahrenden Gesellen). Das muss wohl denn doch als ein wesentliches romantisches Element in seiner Musik identifiziert werden. Auch wenn mir der Begriff der Romantik in keiner Weise geheuer ist, sondern eher suspekt. Warum, das ist ein Thema für sich. Dazu sollte man heute Safranski lesen. Diese Gegenübersetzung Ich ./. Welt findet sich analytisch in dem Abschnitt "Das unglückliche Bewußtsein" in der Phänomenologie des Geistes für mich am besten beschrieben.


    Mit besten Grüßen


    Matthias

    Tobe Welt, und springe,
    Ich steh hier und singe.

  • Die Zerrissenheit des modernen Menschen, die Gustav Mahler verkörperte, spiegelt sich auf exemplarische Weise in seinem Werk. Mahlers Musik antizipert (für mich) das 20. Jahrhundert in all seinen Schrecken, Hoffnungen, Zerrbildern, Maßlosigkeiten und Sehnsüchten.


    Florian

  • Zitat

    Original von Ulli
    Gustav Mahler ist für mich die Vollendung der Musik.
    :hello:


    Ulli


    Da wird Mozart aber zornig werden......du liebes bißchen, die Vollendung der Musik :rolleyes:

  • Zitat

    Original von Wulf


    Da wird Mozart aber zornig werden......du libes bißchen, die Vollendung der Musik


    Entweder Vollendung im Sinne der Vollkommenheit, da können dann freilich Mozart, Mahler und zahlreiche weitere problemlos nebeneinander stehen -
    oder Vollendung als Abschluss: Dann wird nicht Mozart sondern Schönberg sauer.
    :motz: :hahahaha:
    Was ich an Mahler faszinierend finde, schreibe ich, wenn ich mal wieder was von ihm gehört habe.
    :untertauch:

  • Sie handelt von den Menschen, all ihren Sehnsüchten, der Vergeblichkeit ihrer Hoffnungen, von ihrer Traurigkeit. Von ihrem Scheitern. Die 'Ausbrüche' sind Zeugnisse der Verzweiflung, manchmal auch der Gewalttätigkeit, die 'schönen Stellen' gesättigt von Trauer.


    In Adornos Mahler-Buch findet sich eine Bestätigung:


    Zitat

    ... Darum sind seine Brüche die Schrift von Wahrheit... Die aus der Reihe gefallenen, Niedergetretenen allein... die ganz Unfreien verkörpern für Mahler die Freiheit. Ohne Verheißung sind seine Symphonien Balladen des Unterliegens, denn 'Nacht ist jetzt schon bald'.


    Doch das eigentliche Thema seiner Musik ist die Liebe. Im Finalsatz der dritten Symphonie kulminiert sein Bekenntnis zur Liebe wie später noch einmal in der Schlußapotheose der Achten. Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan. Im Verkennen dieser Dimension der Liebe gerade in der Achten liegt dann auch das Mißverständnis Adornos, wenn er diese Symphonie als den 'repräsentativen Karton', die 'symbolische Riesenschwarte', die 'mißglückte, objektiv unmögliche Wiederbelebung des kultischen' bezeichnet. Da ist objektiv überall was dran, aber Riccardo Chailly hat das entscheidende, subjektivistische Moment in dieser Symphonie richtig und konkret als eine einzige Liebeserklärung an Alma Mahler gedeutet. Aus diesem Verständnis heraus musiziert, gewinnt Mahlers letztlich nur an der Oberfläche pessimistischer Grundton dann auch seine obsiegende Kraft: es ist einzig die Macht der Liebe, die den Menschen Erlösung verspricht. Wobei ja schon von manchen Apologeten des technisch-zivilisatorischen Fortschritts die Frage gestellt wird, von was der Mensch denn überhaupt einer Erlösung bedürfe... ;)


    Von solchem Verständnis, von solcher Wirkung, scheinen wir heute, im Zeitalter der ungebremsten Ökonomisierung aller und selbst der intimsten Verhältnisse, dann auch weit entfernt. Es gibt aber keinen anderen Weg, als sie wieder und wieder zu entdecken, meiner Meinung nach. Deshalb ist Mahler gerade heute wichtig.


    :hello:

  • Hm - im Prinzip tue ich mich schwer damit, Gustav Mahler oder Kunst/Musik überhaupt als Heilmittel für tatsächliche oder vermeintliche gesellschaftliche oder kulturelle Fehlentwicklungen in Anspruch zu nehmen, wie helmutandres das im letzten Beitrag getan hat. Auch auf Formulierungen von der "obsiegenden Macht der Liebe" o.ä. reagiere ich gemeinhin allergisch. Ich gebe aber zu, dass ich mir - seitdem Alfred den Thread eröffnet hat - überlege, wie ich meine Gefühle anlässlich des Hörens von Mahler-Musik schildern soll: kein Werk eines Komponisten - dasjenige Schuberts vielleicht ausgenommen - steht mir emotional näher als das Mahlers, und keine Musik spricht zu mir so unverstellt von "Liebe", wie die Schlussätze der dritten und der neunten Symphonie. Keine aber auch so unverstellt von Verzweiflung und Tod, wie das Finale der Sechsten oder das Wunderwerk des ersten Satzes der neunten Symphonie. Vom dissonanten Choral und Neuntonklang im ersten Satz der Zehnten zu schweigen... Von den antisemitisch klischierten Negativurteilen über Mahler fand ich die Aussage, dass der Komponist nur "Gefühle aus zweiter Hand" zu bieten habe, schon immer die dämlichste und absurdeste, um nicht zu sagen einen Beleg für die Verrohung der so Urteilenden.


    Dann auch das, was Matthias Stauch hier als erster erwähnt hat: "die engste Verbindung mit direkten Lebensäußerungen, mit Alltagsmusik, mit banalen Lebenssituationen". Die Nobilitierung "niederer" Musik entspricht dem Mitleid mit den "Niedergetretenen", wie es sich so ergreifend in Liedern wie "Zu Straßburg auf der Schanz", "Revelge" und "Der Tamboursgsell" artikuliert. Ein der Fin-de-siècle-Ästhetik, an der Mahler anderweitig ja durchaus teilhatte, ganz fremdes Element.


    Unmittelbar damit zusammenhängend: die ungeheure Vielfalt von Mahlers Musik, die ja oft das Gegensätzlichste miteinander vereint - Nietzsche-Metaphysik mit dem Bimmbamm des Knabenchors in der Dritten, die Zerstörung der klassischen Form in der besonders klassizistisch aufgebauten Sechsten, Stilkopie, Tiefempfundenes und Ironisches in der Vierten, "gründerzeitliche" Monumentalität in der Achten und gleichzeitig kammermusikalische Auflösung im "Abschied" des "Liedes von der Erde".


    In Bezug auf "Komplexität" und "musikgeschichtliche Bedeutung" muss man sich nur den ersten Satz der Neunten anschauen, der eine gänzlich neue, nicht eindeutig auf einen Typ festzulegende Form entwickelt, in der sich wie in einem Brennglas die Wende der Musik an der Schwelle zur Moderne spiegelt. Dort auch die unglaubliche Vielfalt an instrumentalen Klängen, vom Verstummen bis hin zum Todesschrei, die bei aller Reflektiertheit ganz unmittelbar sprechende Musik, die plötzliche Wendung zu einem "objektiven", gläsernen Klang in der Misterioso-Passage der Coda. Zu Mahler gehört schließlich auch die bittere, desillusionierte, fast schon destruktive Seite, wie sie sich in der Rondo-Burleske der Neunten zeigt (auch dies wieder ein völlig anderer musikalischer Gestus). Und so vieles mehr.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Vieles ist schon gesagt worden. Aber ich will auch noch meine ganz persönliche Sicht beitragen.


    Mahlers Musik fasziniert mich, weil seine Musik immer noch die Themen/Fragen unserer Zeit wiederspiegeln - und damit natürlich auch meine eigenen. Insofern ist seine Musik mir persönlich ganz nahe.


    Mahlers Musik ist für mich Ausdruck der Suche des modernen Menschen nach Halt und Gewissheit - sei es in der Natur oder in Gott (für Mahler sicherlich 2 sehr verwandte Begriffe). Diese Suche ist begleitet von vielen Zweifeln und Ängsten. Denn, was ist noch gewiss?.
    Naturklänge bewegen sich in der Nähe zum Kitsch (echtes Naturempfinden wie zu Goethes Zeit ist nicht mehr so einfach aufzufinden). Volkstum, in Form von Tänzen, gewinnen plötzlich einen damönischen Sog, in den alles hineingezogen wird. Der Tod ist nicht mehr einfach nur Erlösung. Und der Glaube steht auch ständig am Abgrund des Zweifelns. Nichts mehr ist eindeutig und sicher, alles ist brüchig und hat mindestens 2 Seiten. Was bleibt ist ist die tiefe Sehnsucht, die in Mahlers Musik ebenfalls ihren vollkommenen Ausdruck erhält.


    Ja, Mahler gehört für mich zu den ganz großen Komponisten. Aber ich muss auch sagen, dass es für seine Musik immer wieder bestimmte Zeiten in meinem Leben gibt. Ich kann Mahler nicht ständig hören, aber ich finde immer wieder zu ihm zurück - wie übrigens auch zu Mozart.

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister


    Entweder Vollendung im Sinne der Vollkommenheit, da können dann freilich Mozart, Mahler und zahlreiche weitere problemlos nebeneinander stehen -
    oder Vollendung als Abschluss: Dann wird nicht Mozart sondern Schönberg sauer.
    :motz: :hahahaha:


    Ich meinte Vollendung im Sinne von Abschluß: Mehr geht [für mich] nicht, d.h. mehr und besser kann man mit Musik nichts ausdrücken in einer Form, die bei mir sofort ins Herz geht.


    :hello:


    Ulli

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Hm - im Prinzip tue ich mich schwer damit, Gustav Mahler oder Kunst/Musik überhaupt als Heilmittel für tatsächliche oder vermeintliche gesellschaftliche oder kulturelle Fehlentwicklungen in Anspruch zu nehmen, wie helmutandres das im letzten Beitrag getan hat. Auch auf Formulierungen von der "obsiegenden Macht der Liebe" o.ä. reagiere ich gemeinhin allergisch.


    Ist mir schon bewußt - solche Formulierungen erscheinen vernutzt, abgegriffen, unreflektiert, mit naiv-positivem Ausschließlichkeitsanspruch. Wir haben halt alles schon gesehen und fallen auf nichts mehr rein ;)


    Daß allerdings Kunst und Kultur nicht als 'Heilmittel' für tatsächliche (nicht: vermeintliche - ein neues Thema wäre das) gesellschaftliche Fehlentwicklungen in Anspruch zu nehmen wären - dem würde ich entschieden widersprechen. Kunst ist nicht nur ein Reflex auf das, was schief läuft, sondern durch sie definiert sich der Mensch, durch sie bewahrt er sein Menschtum. Unterscheidet er sich von der Natur (gerade das ein Aspekt, der bei Mahler konfliktreich ausgetragen wird).


    Wieder so eine allergieauslösende Behauptung :D


    :hello:

  • Zitat

    Original von helmutandres


    Ist mir schon bewußt - solche Formulierungen erscheinen vernutzt, abgegriffen, unreflektiert, mit naiv-positivem Ausschließlichkeitsanspruch. Wir haben halt alles schon gesehen und fallen auf nichts mehr rein ;)



    Jetzt hast Du aber den Rest meines Postings unterschlagen, in dem ich Dir weitgehend rechtgebe - auch wenn ich das Wort "Liebe" zugegebenermaßen in Anführungszeichen gesetzt habe :D.




    Zitat

    Daß allerdings Kunst und Kultur nicht als 'Heilmittel' für tatsächliche (nicht: vermeintliche - ein neues Thema wäre das) gesellschaftliche Fehlentwicklungen in Anspruch zu nehmen wären - dem würde ich entschieden widersprechen. Kunst ist nicht nur ein Reflex auf das, was schief läuft, sondern durch sie definiert sich der Mensch, durch sie bewahrt er sein Menschtum. Unterscheidet er sich von der Natur (gerade das ein Aspekt, der bei Mahler konfliktreich ausgetragen wird).


    Wieder so eine allergieauslösende Behauptung :D


    :hello:



    Hier könnte ich mit Vilem Flusser und Medard antworten: "Die eigentliche Natur des Menschen ist die Kultur" :D. Aber nein: Ich bin ja ganz bei Dir, oder vielmehr: wäre es gern. Ich erlebe die Wirkung von Kunst bzw. Musik durchaus auch in der Weise, wie Du sie beschreibst - aber auf einer gesellschaftlichen Ebene sehe ich das nicht oder kaum.


    Um zum Thema zurückzukommen: Es gibt ein schönes, sicherlich etwas arrogantes Feuilleton von Eckhard Henscheid, in dem er anlässlich einer Frankfurter Aufführung von Mahlers Neunter einen desillusionierten Blick auf das Publikum wirft, an dem die Dringlichkeit, mit der diese Musik von Liebe und Tod spricht, mit tödlicher Sicherheit spurlos vorübergehen wird. Ähnliches habe ich auch allzuoft erlebt. Und eine solche Desillusionierung spricht m.E. auch aus der Rondo-Burleske der Neunten.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Ganz klar:


    An Oberster Stelle steht für mich seine Naturverbundenheit mit der Erde.
    Als hätte die Natur seine Musik geschrieben.
    Eine Musik aus Gegensätzen.
    Ein beständiges sich Verändern.


  • Marek Janowski hat sich in seiner Kölner Zeit mal zwischen alle Stühle gesetzt, indem er in einem Zeitungsinterview sinngemäß äußerte, daß er im Abo-Konzert am Ende mal gerade für drei, vier Leute musiziere. Egal, ob es sich um ein populäres Programm handele oder um was Exponiertes. Nun, die Soziologie des Konzertpublikums hat sicher noch ein paar Facetten mehr, und ich würde mich hüten, hier vorschnell in einen Dünkel zu verfallen. Bei Teilen des Abo-Publikums spielen aber sicherlich bürgerliche Traditionen immer noch eine Rolle, und hier 'gesellschaftskritisches Reflexionspotential' beim Konsum von Musik zu vermuten, wäre gewiß daneben.


    Vor einiger Zeit saß neben mir ein älteres, aber noch nicht altes Ehepaar, dem Habitus nach aus dem gehobenen Bürgertum. Es gab die Neunte von Bruckner, keine Rarität mehr in den Konzertprogrammen. Immerhin zuvor etwas 'Leichtes' vom Wolferl. Sie sei extra wegen dieser herrlichen Musik von Mozart mitgekommen, und nach dem ersten Satz der Brucknersinfonie: was für eine schreckliche Musik. Im Grunde hatte sie mit beiden Äußerungen recht, und Janowski befand sich ihr gegenüber im Irrtum.


    So ist das, wenn man eine Bewußtseinsschicht tiefer gräbt... :D


    Ich habe ihr dann gesagt, daß ich extra wegen dieser schrecklichen Musik von Bruckner gekommen sei.


    Viele Grüße

  • Hallo helmut, Hallo Zwielicht


    Zitat

    ...Sie sei extra wegen dieser herrlichen Musik von Mozart mitgekommen, und nach dem ersten Satz der Brucknersinfonie: was für eine schreckliche Musik


    Ähnliches weiss auch ich zu Berichten:
    In der Pause nach einer Aufführung von Mahler's 4. schritt ich gemütlich durch den Vorraum des Theater's in dem aufgeführt wurde und wechselte ein paar kurze Worte mit einem etwa gleichaltrigen Geschöpf; wie ihr Gehirn den auf dieses wundervolle Stück Naturgeschichte reagiert habe.


    - "Das war nicht ganz so schön. So viel Durcheinander"
    das liebste war mir allerdings der nächste Satz:
    - "Ich freu mich schon auf den Schostakowitsch. Der gibt mir mehr."
    (Gespielt wurde die komplette Bolzen-Suite).


    Das Fräulein sah hinterher im eigentlichen ebenso "unerfüllt" wie vor der Pause aus. Warum bloß ? :hahahaha:


    Man muß noch Ergänzen, dass das Konzert mit 30 Besuchern nicht gerade überfüllt war, jedoch die große Masse aus Leuten bestand, bei denen Mahler nicht so befremdlich anzuklingen schien. Eigentlich eine Seltenheit.


    :pfeif:

  • Schwer zu sagen, was mich genau fasziniert, jedenfalls liebe ich seine Musik, sie gefiel mir von Anfang an - ganz anders als bei Bruckner z.B.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • ...daß er bei einem Großteil der musikinteressierten Jugend sehr gut ankommt. Da könnten einige andere Komponisten neidisch werden...

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Hallo Siegfried,


    Zitat

    ...daß er bei einem Großteil der musikinteressierten Jugend sehr gut ankommt. Da könnten einige andere Komponisten neidisch werden...


    Ja. Stimmt :-)
    Und das ist durchaus gut so.
    Vielleicht gehen aus dieser Jugend ja ein paar hervorragende Musiker
    oder Dirigenten heraus, die sich an der Vielfalt des Mahlerschen Oeuvre
    und den tollen Klangbildern ergötzten und die später vielleicht bereits vorhandene Mahler-Interpretationen um ein paar wertvolle Neuaufnahmen berreichern, damit auch die Älteren, die dachten sie kennen Mahler, mal etwas neues zu hören kriegen...


    Wer versucht Mahler zu hören und ihn beginnt zu mögen,
    der wird sich auch schnell an den anderen Komponisten, die Momentan noch neidisch sein mögen, versuchen. Also...nur eine Frage der Zeit, bis
    auch jene zufrieden weiterruhen oder damit froh geworden sind.


    Ich kam jedenfalls über Mahler zu Schnittke und Schostakovich. Und die sind ja auch nicht gerade minder beliebter als Mahler.
    Das macht wohl mit die breitere Masse an CDs und Einspielungen, die
    der Markt momentan anbietet und durch den auch Jugendliche einmal angeregt werden, sich mit klassischer Musik zu beschäftigen. Gut so.


    Gruß Jan

  • Hallo,
    Mahler hat mich vollends zur Klassik gebracht.
    Wollte ich nicht missen diese gewaltigen Klangwogen.
    Regelrechte Rauschzustände hab ich schon gehabt.
    Eine meiner Drogen und legal zu erwerben :yes:
    Schwärm...



    :hello:
    embe

  • Das Mahlerjahr 2010 fordert seinen Tribut.
    Der entsprechende Bekenntnis- oder Nicht-Bekenntnisthread wurde bezeichnenderweise sei 2007 (!) also gut drei Jahre nicht mehr ergänzt, das Tamino-Klassikforum hat sich erneuert oder gewandelt - egal wie man es sieht. Neue Mitglieder, neue Namen, neue Meinungen beherrrschen das Bild des Forums gut vermischt mit einigen Taminos "alter Schule"


    Zeit also zum Phänomen Gustav Mahler - vorerst in allgemeiner Form Stellung zu nehmen. Dem Anlass entsprechend werden dann alte Spezialthreads zu diesem Thema wiederbelebt, bzw der Themenkomplex durch neue ergänzt....


    mfg aus Wien


    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Was mich an Mahler in erster Linie fasziniert, ist die Tatsache, dass er wie kaum ein anderer eine „Übergangs-Erscheinung“ zwischen zwei Musikepochen repräsentiert – Abschluss (der „Romantik“) und Beginn (der „Modernen“) in einem. Für mich wird diese herausgehobene Stellung in der Musikgeschichte ganz besonders bereits in seiner 1. Sinfonie drastisch und dramatisch deutlich – man höre den Übergang vom dritten (Romantik „pur“ mit Ländler-Seligkeit, wobei dem kundigen Hörer auch hier schon die Verfremdungseffekte nicht verborgen bleiben dürften, die dem zeitgenössischen Publikum auch schon übel aufgestoßen haben) zum vierten Satz mit seinem absolut „bruitistischen“, ja geradezu brutalen Beginn, den man darüber hinaus ohne Not auch noch als atonal bezeichnen kann. Es ist vielleicht übertrieben zu sagen, dass Schönberg (und damit der weitaus bedeutsamste Bereich der auf der Dodekaphonie basierenden zeitgenössischen Musik) denkbar gewesen wäre, aber jedenfalls verdankt er Mahler ganz entscheidende Impulse.
    Was mich an Mahler aber weiter fasziniert, ist sein „Expressionismus“, will sagen, seine Fähigkeit, Textinhalte musikalisch darzustellen, ohne dabei „deskriptiv“ oder gar sentimental zu werden. Man höre sich nur die „Fischpredigt“ an: Ein im Prinzip banaler Text in einer ebenso im Prinzip banalen Vertonung, die einen aber vom ersten bis zum letzten Takt fesselt. Das ist schier unglaublich genial. Drastischer wird das natürlich noch bei den „Liedern eines fahrenden Gesellen“, von den „Kindertotenliedern“ ganz zu schweigen.
    Für mich ist Mahler der bedeutendste Liedmeister (ob Solo- oder Orchesterlied) nach Schubert, was sich auch in einigen seiner Sinfonie-Sätzen dokumentiert. Ob man allerdings seine Achte als eine „Weiter-Entwicklung“ von Beethovens Neunter auffasst, muss wohl jedem selbst überlassen bleiben.


    Schöne Grüße und frohe Ostern, harry

  • Hallo, liebe Mahler-Freunde,


    auch ich kann mich seit vielen Jahren der Musik Gustav Mahlers nicht mehr entziehen. Die Hinwendung erfolgte nur wenig später als die zur Musik Bruckners, und der Grund ist der gleiche, kein überrgagend großes Oeuvre, aber die Werke, die er komponiert hat, allesamt exemplarisch und am Anfang des 20. Jahrhunderts ohne Konkurrenz, später sowieso nicht mehr. Formal wird das symphonische Gebäude nach Bruckner wiederum geändert, die Viersätzigkeit scheint weitgehend überwunden.
    Ich bin auch gleichfalls wie einer meiner Vorredner nicht der Meinung, dass die Achte eine Weiterentwicklung von Beethovens Neunter darstellt. Dazu gibt es keine Weiterentwicklung mehr. Die Achte ist in meinen Augen eine allerdings auch einmalige, formal und inhaltlich riesige Weltkantate.
    Vieles, was ich noch sagen könnte, auch zu den musikalisch handwerklichen Aspekten, wurde schon gesagt, vielleicht noch allgemein, dass Mahlers Musik ähnlich wie die seiner Vorgänger bzw. "Beinahe"-Zeitgenossen Mozart, Beethoven, Schubert, Bruckner und Wagner tief in die Gefühlsebene dessen vordringt, der sich auf sie einlässt und bereit ist, sie "auszuhalten".
    Als letztes Werk habe ich im letzten Jahr im Konzert in Essen die Kindertotenlieder und das Adagio aus der Zehnten gehört mit den Bochumer Sinfonikern unter Steven Sloane und gesungen von der großartigen Sophie Koch, und als nächstes Werk werde ich im Juli auf dem SHMF in Lübeck die Neunte unter Gergiev und dem Orchester des Mariinsky Theaters hören.


    Liebe Grüße


    Willi

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Hallo!
    Auch ich möchte mich als großen Mahlerfreund outen. Was mich an ihm fasziniert? Neben Beethoven war er wohl derjenige, der mich der klassischen Musik nahe gebracht hat. Der Mix aus alten klassischen Elementen und seinen neuen Elementen, die etwas von experimenteller Klassik haben überzeugen mich während jedem hören erneut. Er schafft es nahezu perfekt in seinen Sinfonien Naturliebe, Tragik, Trauer und Nachdenklichkeit zum Ausdruck zu bringen - das sind jedenfalls Assoziationen, die ich beim Hören von Mahler kriege und die ich immer mehr zu schätzen weiß, denn während viele andere Komponisten großartige Euphorien und Eindrücke auslösen können, vermischen sich all diese Gefühle in der Musik von Mahler.
    Sie wirken vermischt - gleichzeitig aber auch extrem differenziert.

    Zitat von André Glucksmann:
    Philosophieren bedeutet zuallererst, gegen die eigene Dummheit zu kämpfen.

    Einmal editiert, zuletzt von Manuel ()

  • Zu Mahler habe ich ein sehr gespaltenes Verhältnis. Ich muss gestehen, dass mich das meiste eher langweilt, dann aber gibt es Sätze, die einfach zum ergreifendsten gehören, das ich je gehört habe:


    Allen voran das Schluß Adagio der Dritten. Vielleicht gibt es neben dem Adagio von Beethoven's Neunter kein Adagio, dass mich derart berührt. Empfindet Ihr nicht auch, dass das Hauptthema die symphonische
    Ausprägung von Beethoven's letztem Adagio, dem Lento aus dem F-Dur Streichquartett op. 135 ist?


    Dann liebe ich die ganze 2. Sinfonie, den herrlich melodischen langsamen Satz der Sechsten, das Schluß Adagio der Neunten und das aus Entwürfen Mahlers orchestrierte Schlußadagio der unvollendeten Zehnten (für mich viel schöner als das vollendete Anfangs-Adagio).


    Von dem ersten Satz der Fünften habe ich auf einer alten Kassette von mir etwas ganz kurioses - eine Klavieraufnahme von Mahler eigenhändig gespielt und auf einer Art Walze festgehalten!! Einfach super,
    das mich viel mehr anspricht als die bombastische Orchesterfassung. :-))


    Gerd

    "When I was deep in poverty, you taught me how to give" Bob Dylan