Beethovens Sinfonien: Interpretationen und Irrwege

  • Nein, das ist kein Aufwärmen alter Threads.


    Es gibt zwar schon diesen: Ludwig van Beethoven: Sinfonien Nr 1-9 Welcher Zyklus ist der Beste ?


    aber hier geht es um etwas anderes.


    Welchen Eindruck sollten Beethovens Sinfonien hinterlassen ?


    Diese scheinbar banale Frage stellte sich mir, nachdem ich etliche Aufnahmen neueren Datums Revue passiern ließ, und mir nach abhören derer die Frage stellen mußst: Was wollen die eigentlich ?


    Ich kann nicht den auch nur den Ansatz eines Konsenses erkennen - Das Einzige was heutige Aufnahmen zu einen scheint ist: Anders um jeden Preis !!


    Anders als die "alten Aufnahmen" (das könnte man noch verstehen)
    Anders als die jüngste Neuaufnahme
    Anders als die Konkurrenten überhaupt


    Da kann man alles erleben: Ordinären Orchesterklang, kammermusikalischen Ansatz, Flüchtig drübergehuscht,grell und gehetzt, übertriebene Dynamik, eigenwilllige Tempi überhaupt .........


    Oft hat man den Eindruck, daß hier Werke aufgenommen wurden, die man gar nicht kennt......


    Wie sollten Beethovens überhaupt klingen ?


    Welche Aufnahme ist die, welche eurer Meinuing nach am meisten am Ziel vorbeischießt ?


    mfg
    aus Wien


    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Hallo Alfred,
    irgenwie versteh ich dich nicht ganz.... :pfeif:
    Egal...


    An neuesten Aufnahmen kann ich mich nicht erfreuen, ich besitze keine :untertauch:


    Meine neueste Beethoven CD ist die 8. mit Gielen, aber schon länger aufgenommen.


    Aufnahmen die übers Ziel (mein Ziel) hinausschiessen, hab ich gar keine.
    Oder doch?
    Nun ja Zinman schien mir sehr vielversprechend, anfangs....jetzt staubt er im Regal ein :D
    Aber nicht alleine wenn ich ehrlich bin...
    Giulini EMI+ DGG, Ashkenazy, Furtwängler, leisten ihm Gesellschaft :wacky:


    Aber eine richtig miese Aufnahme kenne ich nicht.


    :hello:
    embe

  • Zitat

    Wie sollten Beethovens überhaupt klingen ?


    Welche Aufnahme ist die, welche eurer Meinuing nach am meisten am Ziel vorbeischießt ?




    Nun ich stehe auf dem Standpunkt, dass man versuchen sollte ein Werk so wiederzugeben wie es vom Komponisten gedacht war (falls diese Informationen überliefert sind)
    Eine Interpretation bleibt es ja auch dann noch.


    Dazu kommen natürlich auch die jeweiligenen Gegebenheiten, Instrumente Spielweisen etc.


    Ich bin bei Beethoven ganz klar für historische Aufführungspraxis.


    Denn das was z.B. Jordi Savall mit der "Eroica" vollbracht hat, das muss man erstmal nachmachen. Oder dieses Feuer das Gardiner den Symphonien einhauchte.
    Da kommt auf einmal dieser ganze revulotionäre Geist Beethovens zum Tragen.



    Daneben sind für mich die älteren Aufnahmen, dieser ganze Bombast und diese Trägkeit der Vorträge die Überbeanspruchung des Vibrato - für mich - sehr ermüdend und unerträglich.
    Ich habe ständig das Gefühl, dass die Symphonien fettgefüttert werden und sich jetzt vor lauter Gewicht nicht mehr bewegen können.
    Und durch ihre süßliche romantische Pomade ihre ganze Kraft verlieren.



    Aber den interpretatorischen Vogel hat ganz sicher das Chinesische Staatsorchester abgeschossen.
    Die haben Beethovens 9. mit einer Megabesetzung und im Chinesischen Original ( :D ) aufgeführt.
    Man wusste echt nicht ob man :hahahaha: oder :kotz: sollte.



    :hello:


  • Dem kann ich mich nur voll und ganz anschließen!


    Was mich derzeit am meisten interessiert, ist in der Tat der "kammermusikalische" Ansatz, sprich, die solistische Besetzung - Schoonderwoerds Aufnahme der Klavierkonzerte 4 & 5 war nicht umsonst der Hit des Jahres 2007 für viele hier im Forum. Und da Dirigenten damals noch nicht unbedingt dabei waren, macht das Sinn. Was gefällt, ist erlaubt - jede Generation von Hörern und Interpreten muß sich gerade die tragenden Säulen des Repertoires immer wieder neu erarbeiten, und wenn es mehr Transparenz bringt und den revolutionären Geist wiederbelebt ... Beethoven muß uns schockieren und erschüttern - wenn er das nicht mehr kann, sollten wir ihn ein paar Jahrzehnte einmotten, wie z.B. schon 1970 gefordert wurde. Totgespielte langweilige Klassiker - es gibt nichts öderes.

  • Zitat

    Original von der Lullist


    Nun ich stehe auf dem Standpunkt, dass man versuchen sollte ein Werk so wiederzugeben wie es vom Komponisten gedacht war (falls diese Informationen überliefert sind)
    Eine Interpretation bleibt es ja auch dann noch.


    Dazu kommen natürlich auch die jeweiligenen Gegebenheiten, Instrumente Spielweisen etc.


    Lieber Lullist,


    ich habe gegen Interpretationen Beethovens unter HIP-Gesichtspunkten als ein Teil der Palette von Interpretationsmoeglichkeiten nichts einzuwenden, ich moechte Folgendes zu bedenken geben:


    "wiedergeben, wie es der Komponist gedacht hat" - was heisst das? Reproduktion des urspruenglichen Klanges oder der urspruenglichen Wirkung? Das kann zumindest ein Widerspruch sein, kann sich aber auch gegenseitig ausschliessen. Da ich davon ausgehe, dass es dem Komponisten um eine bestimmte Wirkung ging, stelle ich fest, dass diese Wirkung bei heutigen Ohren anders zu bewerkstelligen ist; als das zu Beethovens Zeiten der Fall war. Die akustischen Verhaeltnisse und die Hoererwartungen haben sich geaendert. Genauso wie ein Werk Beethovens durch eine "romantische" Aufuehrungsweise so "verdickt" werden kann (aber nicht muss!), dass sie ihren revolutionaeren Schwung verliert, kann das auch durch "HIP" geschehen, wo Beethoven "verharmlost" wird.



    Ich nehme mal an, dass Du das Feuer Toscaninis oder der revolutionaeren Aufnahmen von René Leibowitz (noch) nicht kennst...


    Zitat

    Daneben sind für mich die älteren Aufnahmen, dieser ganze Bombast und diese Trägkeit der Vorträge die Überbeanspruchung des Vibrato - für mich - sehr ermüdend und unerträglich.
    Ich habe ständig das Gefühl, dass die Symphonien fettgefüttert werden und sich jetzt vor lauter Gewicht nicht mehr bewegen können.
    Und durch ihre süßliche romantische Pomade ihre ganze Kraft verlieren.


    Das alles trifft auf die grossen Zyklen von Toscanini, Furtwaengler, Mengelberg, Szell, Schuricht und Leibowitz nicht zu. Auch fuer den ersten Karajan-Zyklus kann ich das nicht bestaetigen. "Suesslich" und Furtwaengler - das passt weissGott nicht zusammen

  • Zitat

    Original von miguel54


    Dem kann ich mich nur voll und ganz anschließen!


    Dem würde ich auch beipflichten wollen. Für mich ist das ideale Klangbild der Beethoven-Symphonien ziemlich deutlich durch die historisch informierten Interpretationen seit den 1980ern bestimmt. Überhaupt habe ich die Symphonien, die ich zunächst in Interpretationen von Bernstein, Böhm, Karajan und Jochum kennen gelernt und viel gehört, dann aber lange Zeit ziemlich satt hatte, erst durch die HIP-Interpretationen wiederentdeckt – mit dem vielleicht etwas paradox anmutenden Effekt, daß ich mich inzwischen aber durchaus auch wieder für ältere Einspielungen (insbes. Scherchen und Fricsay aber u.a. auch Klemperer oder Konwitschny) interessiere, die eben auch unbedingt ihre Berechtigung und ihre Meriten haben.


    Dennoch: das Ideal ist IMO ein HIPper Zugriff (das gilt aus meiner Perspektive für die Musik bis ca. 1850 ohnehin) und wird etwa durch die bereits vom Lullisten genannte 3. unter Savall markiert, mit Blick auf alle neune für meine Begriffe allerdings weniger durch Gardiner als durch Hogwood und insbesondere Goodman/Huggett. Hier gefallen mir Kantigkeit, Ungestüm und schroffe Dramatik bei zudem größter Transparenz. Das klingt für meine Ohren tatsächlich revolutionär!


    Interessant finde ich übrigens einige aktuelle Tendenzen, die Ergebnisse der historischen Praxis mit einem schlankeren modernen Klangkörper umzusetzten, wie dies etwa Paavo Järvi mit IMO ganz hervorragenden Ergebnissen praktiziert.


    Einen richtigen Irrweg der Beethoven-Interpretation kann ich eigentlich nicht erkennen (obwohl die chinesische 9., die der Lullist anführt, vermutlich ziemlich in die Irre geht) – markiert würde der allenfalls durch eine vollständige Ignoranz gegenüber den Entwicklungen der letzten 30 Jahre. Fricsays oder Klemps 5. sind in ihrer Art überwältigend – aber spielen muß man Beethoven im Jahr 2008 meiner Meinung nach so nicht mehr unbedingt.


    Dies ist selbstverständlich eine höchstsubjektive Einschätzung. :D


    Herzlichst,
    Medard

  • Zitat

    Original von Klawirr


    Dies ist selbstverständlich eine höchstsubjektive Einschätzung. :D


    Wie wohl alle hier. Wo kämen wir sonst hin? :D


    Trotzdem möchte ich mich über weite Strecken anschließen und Peter ein bisschen widersprechen. denn auch wenn hier im Regal Furtwängler, Fricsay, Giulini etc. friedlich neben Harnoncourt, Gardiner und vergleichbarem stehen, höre ich doch bei den ersten inzwischen zunächst einmal Denkmäler der Dirigierkunst – und zwar eben nicht unbedingt der neuesten. Dennoch finde ich das ebenso großartig wie die andere Sicht auf die Partituren. Und solange mir ein Stöckchenschwinger eine überzeugende, in sich geschlossene Leistung abliefert, bin ich mindestens zufrieden.
    Nur wende ich das Argument einmal auf die alten Größen an, dann möchte ich heute keinen Furtwängler und Klemperer mehr erleben.

  • Für mich die beiden besten Beethoven-Zyklen der jüngeren Jahre sind Paavo Järvi und Gustav Kuhn - wobei ich bei Kuhn gleich einschränkend dazu sagen will, daß die Orchesterleistung nicht immer Top und die Solisten bei der "Neunten" vernachlässigbar sind. Aber bei Kuhn entfaltet Beethoven wirklich seine revolutionäre Kraft, man spürt das Umstürzlerische dieser Musik. Keine Spur von Pathos oder falscher Feierlichkeit.
    Ähnlich, vielleicht weniger demonstrativ in die Extreme vorstoßend, aber ebenfalls aus der revolutionären Bewegung schöpfend sind die Ergebnisse bei Paavo Järvi, der natürlich die bessere Orchesterleistungen für sich verbuchen kann.


    Nach wie vor höre ich immer wieder Harnoncourt mit viel Gewinn, der mir weniger willkürlich und gewaltsam, insgesamt also logischer erscheint als Rattle.


    Von den älteren Zyklen ist mir Bernsteins erster in guter Erinnerung - aber ich gebe zu, ihn nicht mit fanatischer Leidenschaft zu hören, wenngleich er mich mehr anspricht als die auf ihre Weise sehr ordentlichen Böhm-Karajan-Abbado-etc.-Produkte, bei denen ich einzelne Höhepunkte finde, sicherlich auch historische Meilensteine der Interpretationskunst (etwa bei Furtwängler und Klemperer) die für mich aber trotz aller zugestandenen Qualitäten nicht ganz so interessant sind.


    Wenn's HIP sein soll: Goodman ist mein Favorit, wilder und herber hat Beethoven nie geklungen - nicht im Klang, aber im Temperament sind da Kuhn und Järvi gar nicht so weit davon entfernt.


    :hello:

    ...

  • Die Beethovensinfonien (jedenfalls einige von ihnen) können in einem recht weiten Spektrum von Interpretationen funktionieren. Trotz HIP scheint mir das Spektrum aber heute nicht unbedingt breiter zu sein als in den 1950er Jahren. Die Wildheit, der revolutionäre Impetus von Scherchen, Toscanini und Leibowitz ist m.E. bei Gardiner oder Zinman einer gewissen Glätte (auch wenn die Tempi teils noch schneller sind) gewichen. "Gegenpole" wie Furtwängler, Mengelberg, aber auch Klemperer haben heute keine Entsprechung mehr. Was sicher gute Gründe hat, man kann nicht alle Zugänge beliebig aus Zeiten und kulturellen Kontexten herausnehmen.
    Eine Gefahr bei allzu kammermusikalischen Aufnahmen (abgesehen davon, dass vieles davon nur als Einspielung, nicht in einem modernen, großen Konzertsaal funktionieren dürfte) ist ein gewisser "Gewichtsverlust". Dass wir heute eher dazu als zu einer ideologischen Überfrachtung neigen, ist nachvollziehbar, man kann aber das Kind auch mit dem Bade ausschütten. Es sind auch klangliche Aspekte. Das Oboensolo in der Reprise in 5,i wirkt einfach anders, je nachdem ob vorher und nachher ein schlankes Kammerorchester kultiviert und transparent aufspielt oder wildgewordene Klangmassen toben usw.


    Wie auch immer, es ist erstaunlich genug, dass sich diese Werke nicht völlig abgenutzt haben und immer wieder (ein bißchen) neuartige Sichtweisen möglich sind.
    Man wünschte, es gäbe von anderen Werkgruppen ein ähnliches Spektrum hochkarätiger Interpretationen (selbst bei Beethoven z.B. den Klavierkonzerten, irgendwie scheint hier die Wechselwirkung von Dirigent und Solist sehr häufig zu "mittleren" Interpretationen zu führen, was leicht etwas langweilig wird...)


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Die Beethoven-Symphonien haben eine circa 200jährige Rezeptionsgeschichte hinter sich, die durchgehend so vielfältig und wechselhaft ist wie bei kaum einem anderen Werkkomplex der Musikgeschichte - und zwar nicht nur, was die rein aufführungspraktische Seite betrifft, sondern auch (im weitesten Sinne) politisch. Diese Rezeptionsgeschichte kann man nicht ausblenden. Es ist gut, wenn sie - nicht immer, aber doch ab und zu - in der Aufführungspraxis reflektiert wird.


    Dabei sind die Kategorien nicht einfach zu handhaben. Wohlfeile Gleichsetzungen wie "HIP=revolutionär" und "traditionell = totgespielte Klassiker" funktionieren kaum, worauf ja auch schon mehrfach hingewiesen wurde. Historisch gesehen rekonstruieren die Aufführungen in Kleinstbesetzung à la Savall und Schoonderwoerd Privataufführungen für den mäzenatischen Adel, die für Beethoven zwar außerordentlich wichtig waren, aber keineswegs dem "revolutionären" Impetus der Werke entsprachen. Dieser kam eher in den bekanntlich wesentlich größer besetzten öffentlichen Aufführungen zum Tragen. Überhaupt tendiert zumindest die Zeit Beethovens, wie die Revolutionsmusik (oder später auch Berlioz) zeigt, eher dazu, eine öffentliche Appellfunktion von Musik im Sinne eines "lever en masse" in großen oder gar gigantomanischen Besetzungen auszudrücken. "Masse" ist nicht ausschließlich ein äußerliches Kriterium, sondern kann - wie von Johannes im letzten Beitrag betont - manchmal auch in "Qualität" umschlagen.


    Soweit historisch argumentiert. In den 80er Jahren war es aber (trotz Leibowitz & Co) aufgrund einer eingefahrenen Interpretationspraxis mit eher großen Klangkörpern durchaus ein "revolutionärer" Akt, Beethoven in HIP aufzuführen. So habe ich Mitte der 80er den ersten Norrington-Zyklus empfunden, der mich seinerzeit begeistert hat und den ich heute noch sehr schätze. Das war unbedingt notwendig, kein Zweifel. Heute hat sich diese Form von Aufführungspraxis so durchgesetzt, dass sie fast schon zum Mainstream geworden ist. Jedes zweite traditionelle Orchester spielt Beethoven heute in Tempi, die den Metronomisierungen nahe kommen, schärft die Sforzati, lässt die Hörner auch mal gestopft spielen und die Pauken präzise fokussiert erklingen, reduziert den Streicherapparat und das Vibrato usw. usw. Der schon mehrfach genannte und auch von mir hochgeschätzte Järvi mit der Bremer Kammerphilharmonie macht das perfekt auf der Grenze zwischen HIP und traditionell (und das funktioniert auch im großen Konzertsaal, wie ich neulich in der Kölner Philharmonie erlebt habe). Aber auch sonst ist das der Zug der Zeit - man vergleiche nur die erste, sehr traditionelle Wiener Einspielung Abbados mit der merklich HIP-beeinflussten zweiten aus Berlin. Inwieweit die vielen Spielarten von HIP oder HIP-beeinflusst auch eine Tendenz zur Glättung beinhalten, ist zu überlegen. Ein guter Prüfstein ist immer die Neunte - ich kenne keine gute HIP-Einspielung dieses Werks, bei Gardiner etwa habe ich immer den Eindruck, die besungene "Freude" beziehe sich primär auf den nach der Aufnahmesitzung zu erwartenden Kaffee und Kuchen. Die Aufgeladenheit, auch die Problematik der Semantik des Finales gehen flöten - und eine "zweite Unschuld" lässt sich anscheinend nicht herstellen (gut, es hat ja auch nie eine "erste" existiert).


    Wenn es je eine Aufführungspraxis gegeben hat, die die gesellschaftliche Sprengkraft, den utopischen Gehalt der Symphonien auch im politischen Sinn zum Ausdruck gebracht hat, dann war es die (auch schon mehrfach erwähnte) Linie Scherchen - Leibowitz - Gielen. Gegen den Furor des Finales der Achten bei Scherchen verblassen die virtuosen HIP-Aufnahmen ziemlich. Und das Gewaltsame des Finales oder auch des ersten Satzes der Neunten höre ich bei Gielen (in ganz anderer Weise auch bei Furtwängler), nicht bei Gardiner oder Norrington.


    Jedenfalls ist ein letztes Wort in der Beethoven-Interpretation nicht gesprochen, verschiedene Ansätze werden auch noch die radikalsten Winkel ausloten. Auf der anderen Seite scheint mir die Kombination von HIP-Elementen mit Agogik à la Furtwängler oder gar Mengelberg gar nicht so absurd zu sein. Die Rattle-Einspielung, obwohl ich sie für ziemlich missglückt halte, war sogar ein kleiner Schritt in diese Richtung. Ob ich sowas wirklich will, weiß ich nicht, aber darum geht's hier ja auch nicht. :D



    Viele Grüße


    Bernd

  • sehr erhellender beitrag, lieber bernd, dankeschön.




    Zitat

    Original von Zwielicht
    die Aufführungen in Kleinstbesetzung à la Savall und Schoonderwoerd


    so kleinst ist das concert des nations mit 46 eh nicht besetzt.
    anders das ensemble 28 unter grossmann, wo nomen omen ist.
    wir sprechen dabei nur von der eroica, mehr gibt's da leider (noch?) nicht.

  • Zitat

    Original von observator


    so kleinst ist das concert des nations mit 46 eh nicht besetzt.
    anders das ensemble 28 unter grossmann, wo nomen omen ist.
    wir sprechen dabei nur von der eroica, mehr gibt's da leider (noch?) nicht.



    Hoppla :D - tja, man sollte nur über Aufnahmen reden, die man wirklich gehört hat (von den genannten ist mir nur Schoonderwoerd mit den Klavierkonzerten bekannt) :O.


    Da habe ich wohl Grossmann und Savall verwechselt - ein 46 Mann/Frau starkes Kollektiv wie bei Savall entspricht ja durchaus der Orchestergröße, wie sie für die öffentlichen Beethoven-Aufführungen etwa im Theater an der Wien überliefert sind (und wie sie die meisten HIP-Ensembles oder auch Järvi praktizieren).



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    überlegen. Ein guter Prüfstein ist immer die Neunte - ich kenne keine gute HIP-Einspielung dieses Werks, bei Gardiner etwa habe ich immer den Eindruck, die besungene "Freude" beziehe sich primär auf den nach der Aufnahmesitzung zu erwartenden Kaffee und Kuchen. Die Aufgeladenheit, auch die Problematik der Semantik des Finales gehen flöten - und eine "zweite Unschuld" lässt sich anscheinend nicht herstellen (gut, es hat ja auch nie eine "erste" existiert).


    Es gibt hierzu einen ganz netten Text von R. Taruskin: "Resisting the Ninth" in Ders.: Text and Act, New York etc., Oxford UP 1995.


    Zitat


    Wenn es je eine Aufführungspraxis gegeben hat, die die gesellschaftliche Sprengkraft, den utopischen Gehalt der Symphonien auch im politischen Sinn zum Ausdruck gebracht hat, dann war es die (auch schon mehrfach erwähnte) Linie Scherchen - Leibowitz - Gielen. Gegen den Furor des Finales der Achten bei Scherchen verblassen die virtuosen HIP-Aufnahmen ziemlich. Und das Gewaltsame des Finales oder auch des ersten Satzes der Neunten höre ich bei Gielen (in ganz anderer Weise auch bei Furtwängler), nicht bei Gardiner oder Norrington.


    Ich muß nachher mal sehen, ob ich die grandiosen Formulierungen der Plattenempfehlungen des ersten der Beethoven-Interpretation gewidmeten Musik-Konzepte-Bandes finde...


    Zitat


    Auf der anderen Seite scheint mir die Kombination von HIP-Elementen mit Agogik à la Furtwängler oder gar Mengelberg gar nicht so absurd zu sein. Die Rattle-Einspielung, obwohl ich sie für ziemlich missglückt halte, war sogar ein kleiner Schritt in diese Richtung. Ob ich sowas wirklich will, weiß ich nicht, aber darum geht's hier ja auch nicht. :D


    Einiges bei Harnoncourt geht ein wenig in diese Richtung; die Beethoven-Sinfonien sind noch relativ geradlinig, aber höre Dir mal die neueren "Pariser Sinfonien" von Haydn an. Wobei es natürlich keine romantische, sondern eine irgendwie barock-rhetorische Agogik ist. Tempi sind jedenfalls flexibler und Agogik ausgeprägter als bei praktisch allen anderen HIPisten (bei Beethoven und Haydn). So irrwitzig wie Furtwängler ist es freilich lange nicht.
    Aber die Live-Aufnahmen mit dem CoE haben, obwohl mir einige Tempi nicht schnell genug sind, häufig eine außerordentliche Spannung und Vitalität, man scheint zu merken, dass die jungen Orchestermitglieder sich die Musik halt noch nicht zum hundertsten Mal spielen.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Das hätte ich auch so schreiben können.
    Grossmann und Savall gefallen mir am besten, schade, daß es nur die Eroika gibt, aber vielleicht kommen noch andere auf die Idee.


    Überhaupt nicht mehr hören mag ich das, was mir in der Kindheit geboten wurde: der Bombast unter Konwitschny in der Nachfolge alles, was seit dem 19. Jahd. so angehäuft wurde.


    Gardiners 9 finde ich auch mißlungen, Offenbar ist das nach wie vor ein Hinkelstein, wenn man sich auch die schwierige Rezeptionsgeschichte vor Augen führt.


    Beethovens Symphonien halten offenbar viel aus uns sind seit 200 Jahren noch immer reizvoll für neues Überlegen und Darstellen, unds ich glaube, da ist genug Substanz für weitere 200 Jahre.


    Lieben GRuß aus Bonn :hello:

    Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu

  • Die Aufnahme, die mich in der letzten Zeit am meisten enttäuscht hat, war Zinman. Trotz der neuen Ausgabe von Jonathan del Mar, trotz angeblich revolutionären Zugriffs, trotz des allgemeines Kritiker-Jubels werde ich mit der Einspielung nicht warm. Zinman zerfallen die Symphonien unter den Händen, es fehlt der große Spannungsbogen, der die Sätze zusammenhält. An vielen Stellen wird nur hektisch, rauh und zerfasert gespielt. Der Klang ist glanzlos.


    Kein Interpretationsansatz ist Garant für eine gelungene Einspielung, wie überhaupt bei Beethoven keine einzelne Interpretation den Anspruch erheben kann, die allein richtige zu sein. Die Rezeptionsgeschichte sollte uns gelehrt haben, dass bei Beethoven die ganze Bandbreite möglich ist von Mengelberg über Horenstein, Leibowitz bis Wand, Gardiner und Norrington.


    Prinzipiell entsprechen meinem Geschmack drei Herangehensweisen:


    1. Man kann versuchen, sich soweit wie möglich den Absichten und damaligen Möglichkeiten des Komponisten zu nähern. Das umfaßt mE nicht nur die historische Aufführungspraxis, sondern auch Interpretationen mit modernem Orchester, aber historisierender Spielweise.


    Aktuelles Beispiele gibt es genug. Sie reichen von kpl HIP-Zyklen bis zu Einzeleinspielungen wie Grossmanns Ensemble 28, Jaap Schroeders erste drei Beethoven-Symphonien bis zu Aufnahmen mit modernem Orchester wie Paavo Järvi oder Heinrich Schiff in kleiner Besetzung.


    2. Man kann versuchen, den Geist der Musik, das, was in der Musik steckt, aber hinter den Noten steht, lebendig werden zu lassen, dabei die Vorgaben des Komponisten als Grundlage benutzend, ohne sich sklavisch daran zu halten.


    Typischer Vertreter wären zB Furtwängler, Mengelberg oder Golowin.
    Furtwängler konnte, wenn er eine gute Stunde hatte, live Sternstunden der Beethoven-Interpretation liefern (siehe die Eroica aus 12.44, die 9te aus 1942 oder 1954), die bis heute nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt haben und jederzeit neben oder (für mich) über jeder HIP-Wiedergabe stehen.


    Auch Einspielungen wie die von Horenstein oder Leibowitz zähle ich hierher, auch den Vorkriegs-Toscanini, denn sie holen den "revolutionären", den himmelsstürmenden Beethoven aus der Versenkung und liefern einen völlig anderen Ansatz als Furtwängler und Co.


    Die 3.Variante ist mE eine zurückhaltend-werkgetreue Interpretation mit klassischem Orchester. In gewissem Sinn versuchen auch deren Vertreter, das hinter den Noten Liegende erfahrbar zu machen, aber sie wollen dies erreichen durch ein Zurücktreten der eigenen Person hinter das Werk, durch eine möglichst sich an der Partitur orientierende Einspielung. Klassischer Vertreter mE Wand.


    Bei allen Varianten gibt es krass mißglückte Einspielungen. Zinman wurde schon erwähnt, die 5. des Goodman/Hugget-Zyklus soll - ich habe sie noch nicht gehört - aufgrund des Hugget-Dirigates schlecht sein. Furtwängler hatte gewiß nicht immer seinen besten Tag. Die "werkgetreue" Variante führt leicht zur Beliebigkeit und Langeweile, wenn der Dirigent nicht ständig scharf aufpaßt.


    Durch dieses Raster fallen eine Menge Einspielungen, die vielleicht nicht wirklich schlecht, aber auch nicht wirklich gut sind. Musikalische Alltagsware, die die Plattenkataloge füllt und zu keinem persönlichen Erkenntnisgewinn weiterführt.

  • Anzahl der Orchestermusiker
    Musiker sind bei aller Wertschätzung ihrer Kunst Kostentreiber:


    Ziel daher: Reduktion der Musiker bei gleichzeitiger Steigerung der Qualität und Nutzung freigewordener Musikerplätze
    Wozu braucht man so viele Geigen, Bratschen und dergleichen, die dieselben Noten spielen?
    Einige davon spielen sie manchmal nicht ganz richtig (kann ich leider nicht hören, aber die Kritiker schreiben es).
    Durch mit den Musikern gemeinsam erarbeitete Lösungen kann dieser Kostenfaktor reduziert werden, ohne die Qualität in Frage zu stellen (weniger Musiker bedeuten weniger Gefahr, die Noten nicht zu treffen).
    Deshalb sehe ich auch beim von obsi zitierten Ensemble Grossmann noch großes Optimierungspotential.
    Die durch Reduktion der Musiker freigewordenen Flächen können zielgruppengerecht für die Präsentation von Werbung verwendet werden (bei Seniorenkonzerten für Kukident und Mittel gegen nächtlichen Harndrang beispielsweise).


    Spiele die Musik so, wie sie noch keiner gespielt hat, das ist nicht soooooo schwer:
    Berufe Dich dabei auf unbekannte Schriften Beethovens, die Du selbst bei einem Heurigen in Heiligenstadt entdeckt hast. Argumentativ hilfreich sind auch authentische e-mails von Mozart (der war seiner Zeit um Jahrhunderte voraus).


    Überzeuge die Presse und Klassikinteressierte auf der Suche nach Originalität


    Meine konservative Meinung dazu:
    Ich halt’s mit den Alten.

    Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
    (aus "Sprechen Sie Fußball?")

  • Obsi, Du bist ein Schmeichler


    Meine Lieblingsinterpretationen:
    C. Kleiber (leider nicht alle Neune getroffen)
    O. Klemperer
    W. Furtwängler
    L. Bernstein


    und fast hätt' ich's vergessen: K. Böhm

    Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
    (aus "Sprechen Sie Fußball?")

  • wenn sie nicht so teuer wären, hätt ich mir schon die symphonien mit dem schwedischen ko unter dausgaard besorgt (außer der 6. und 9. natürlich :evil: )
    da entspricht die eroica genau meinen bedürfnissen. ulli hat das aao ganz schön herausgearbeitet.

  • Lieber Obsi,


    Da ich erspare ich mir wieder viel Geld, was mache ich nur damit?

    Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
    (aus "Sprechen Sie Fußball?")

  • Lieber Alfred, liebe Taminchen


    Man darf imo nicht ist alle Sinfonien ins Korsett einer einheitlichen (wiedererkennbar sein wollenden Klangaesthetik) zwängen.

    Ich erläutere dies am Beispiel der Gesamtaufnahme mit David Zinman und dem Tonhalleorchester aus Zürich:


    Die meisten Aufnahmen wirken auf mich überhastet bis hässlich, weil alle Sinfonien – sag ich jetzt mal - ins Ausdrucksschema der Achten gepresst werden.
    M.a.W.: Die Achte finde ich gelungen, die Vierte mag noch angehen, den Rest höre ich mir nicht mehr an. (Die coole Zinman Dirigat hat mich eh noch nie begeistern können, auch live nicht, im Gegensatz etwa zu Dausgaard, der eine Leidenschaft auf das Podest zaubern kann, wie ich sie mir von der Person Beethoven erahnen könnte).


    Jede einzelne Sinfonie hat ihren unverwechselbaren Charakter. Eigentlich sollte die Klangaesthetik auf den jeweiligen Charakter der Komposition abgestimmt sein (nicht die Komposition auf die Klangaesthetik hingebogen...).


    Die Definition des Charakters liegt dann halt wieder im Ermessen des Interpreten.


    Die Achte und allenfalls die Vierte kommt der Klangaesthetik eines Zinman entgegen. Bei den anderen Sinfonien hören wir vor allem Zinman und sei tolles Orchester und leider weniger Beethoven. (aber immerhin alles auf hohem Niveau)


    Natürlich bin auch ich mit Karajans Beethoven aufgewachsen: Der lässt alle Werke so spielen, als wären sie die Neunte...


    Das ist imo grundsätzlich das Problem bei Gesamtaufnahmen, dass man meint, alle Werke über den gleichen Kamm scheren zu müssen,
    um einen geschlossenen Gesamteindruck mit Wiedererkennungswert zu erreichen.


    Ich bevorzuge deshalb Einzeleinspielungen.


    Wie tönt der richtige Beethoven? Um das herauszufinden, müsste man sich wohl in den Charakter des Komponisten einfühlen können.
    Etwas Ruppiges sollte jedenfalls spürbar sein.


    Die Geschmeidigkeit Karajans trifft es wohl eher nicht, aber auch nicht das stromlinienförmig Martialische des „Zin(n)soldaten“.
    Vielleicht hat Savalls Eroica etwas davon, aber eben: Eine savallsche Gesamtaufnahme würde ich mir wohl auch nicht antun...


    Liebi Grüessli aus Bern von Walter

  • Ich finde, dass dieser


    Zitat

    Original von pbrixius
    "wiedergeben, wie es der Komponist gedacht hat" - was heisst das? Reproduktion des urspruenglichen Klanges oder der urspruenglichen Wirkung? Das kann zumindest ein Widerspruch sein, kann sich aber auch gegenseitig ausschliessen. Da ich davon ausgehe, dass es dem Komponisten um eine bestimmte Wirkung ging, stelle ich fest, dass diese Wirkung bei heutigen Ohren anders zu bewerkstelligen ist; als das zu Beethovens Zeiten der Fall war. Die akustischen Verhaeltnisse und die Hoererwartungen haben sich geaendert. Genauso wie ein Werk Beethovens durch eine "romantische" Aufuehrungsweise so "verdickt" werden kann (aber nicht muss!), dass sie ihren revolutionaeren Schwung verliert, kann das auch durch "HIP" geschehen, wo Beethoven "verharmlost" wird.


    und dieser


    Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Die Beethovensinfonien (jedenfalls einige von ihnen) können in einem recht weiten Spektrum von Interpretationen funktionieren. Trotz HIP scheint mir das Spektrum aber heute nicht unbedingt breiter zu sein als in den 1950er Jahren. Die Wildheit, der revolutionäre Impetus von Scherchen, Toscanini und Leibowitz ist m.E. bei Gardiner oder Zinman einer gewissen Glätte (auch wenn die Tempi teils noch schneller sind) gewichen. "Gegenpole" wie Furtwängler, Mengelberg, aber auch Klemperer haben heute keine Entsprechung mehr. Was sicher gute Gründe hat, man kann nicht alle Zugänge beliebig aus Zeiten und kulturellen Kontexten herausnehmen.


    und dieser


    Zitat

    Original von Zwielicht
    Dabei sind die Kategorien nicht einfach zu handhaben. Wohlfeile Gleichsetzungen wie "HIP=revolutionär" und "traditionell = totgespielte Klassiker" funktionieren kaum, worauf ja auch schon mehrfach hingewiesen wurde. Historisch gesehen rekonstruieren die Aufführungen in Kleinstbesetzung à la Savall und Schoonderwoerd Privataufführungen für den mäzenatischen Adel, die für Beethoven zwar außerordentlich wichtig waren, aber keineswegs dem "revolutionären" Impetus der Werke entsprachen. Dieser kam eher in den bekanntlich wesentlich größer besetzten öffentlichen Aufführungen zum Tragen. Überhaupt tendiert zumindest die Zeit Beethovens, wie die Revolutionsmusik (oder später auch Berlioz) zeigt, eher dazu, eine öffentliche Appellfunktion von Musik im Sinne eines "lever en masse" in großen oder gar gigantomanischen Besetzungen auszudrücken. "Masse" ist nicht ausschließlich ein äußerliches Kriterium, sondern kann - wie von Johannes im letzten Beitrag betont - manchmal auch in "Qualität" umschlagen.


    Beitrag jeweils sehr richtig ist.


    Außerdem finde ich, dass hier


    Zitat

    Original von Klawirr
    aber spielen muß man Beethoven im Jahr 2008 meiner Meinung nach so nicht mehr unbedingt.


    jedenfalls das "mehr" fraglich ist, denn ich glaube nicht, dass Lesarten aus der Vergangenheit nicht wieder aktuell werden können.


    Und ich wundere mich hierüber,


    Zitat

    Original von Hildebrand
    Denkmäler der Dirigierkunst – und zwar eben nicht unbedingt der neuesten.


    weil das so klingt, als verfügten die Dirigenten heute (neben vielleicht wissenschaftlich genauerem Notenmaterial) über eine fortentwickelte, neuere, bessere Dirigierkunst, weshalb die Interpretation besser würden. Das hielte ich nicht für zutreffend.


    An Rienzis sehr amüsant dargestellten Erfolgsrezepten für die Interpretation ist aus meiner Sicht leider viel Wahres dran.


    Loge

  • Zitat

    Original von observator
    wenn sie nicht so teuer wären, hätt ich mir schon die symphonien mit dem schwedischen ko unter dausgaard besorgt (außer der 6. und 9. natürlich :evil: )


    Damit's Dir nicht zu billig wird: Es gibt auch Klavierkonzerte mit dem Schwedischen Kammerorchester Örebro unter Dausgaards Leitung, Boris Berezovsky an den Tasten [kennt den Jemand?].


    Allen voran [das wird meine nächste, da es die ideale Kombination zu sein scheint]:



    op. 58 und op. 61a


    zudem das Tripelkonzert:



    mit op. 37


    Wo ist das 5te? ?(


    und natürlich:



    op. 15 / op. 19 + WoO 6


    und dann natürlich die die Sinfonien



    1 und 2
    nebst Ritterballett WoO 1


    bereits gehabte:



    3
    nebst den Violin-Romanzen und WoO 14+96


    dann:



    4 und 5



    6
    nebst leonoren 1, 2, 3



    7 + Egmont



    8 + König István
    nebst Ouvertüre & Türkischer Marsch
    aus "Die Ruinen von Athen" op. 113
    Fidelio-Ouvertüre;Tarpeja WoO2
    Namensfeier-Ouvertüre op. 115
    Wellingtons Sieg op. 91


    und die 9te mochte Dausi offenbar auch nicht so sehr...


    Komplettpaket: 170,91 jpclinge... [irgendwie ist da 'ne Null zuviel]


    :hello:


    Ulli

  • Zitat

    Original von Ulli


    Damit's Dir nicht zu billig wird: Es gibt auch Klavierkonzerte mit dem Schwedischen Kammerorchester Örebro unter Dausgaards Leitung, Boris Berezovsky an den Tasten [kennt den Jemand?].


    Berezovsky? (Jahrgang 1969, lebt in Brüssel) Eigentlich jemand der vorwiegend bei Rachmaninov und Co zu Hause ist, aber der auch Hindemith (Eingespielt hat er den Ludus Tonalis) zu seinen Lieblingen zählt und gerade Medtner aufnimmt. Von Beethoven will er vorerst laut einem neuen Interview in den Piano News (Heft 1/ 2001 ) die Finger lassen. Aber ich sehe gerade, die von Dir erwähnte Einspielung der Beethoven-Konzerte ist aus dem Jar 2001. Eine Aufnahme, die mich wirklich umgehauen hat war seine Einspielung der Klavierkonzerte 1 & 4, gekoppelt übrigens mit der Paganini-Rhapsodie. Gerühmt wird neben seiner Technik besonders seine Fähigkeit zum polyphonen Spiel, was man bei seiner Hindemith-Aufnahme sehr schön hören kann:




    Herzliche Grüße,:hello:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • ich stehe auf dem Standpunkt, Beethoven hat den Beinamen "Titan" nicht von ungefähr bekommen, und fürwahr einige Interpeten haben dies als Richtlinie für ihre Interpretationen genommen


    (Klemperer, Celibidache, Szell)


    Andere haben Beethoven in erster Linie als "Klassiker" gesehen und in appollinarisch schön - ohne Einbuße von Dynamik interpretiert


    (Vor allem Böhm - aber es gab auch andere)



    Die (angeblichen) Versuche den Originalklang wiederherzustellen klingen imo ziemlich uneinheitlich - aber weitgehend blutleer, es fehlt der Bombast.


    Norrington nimmt den Werken etwas wesentliches, nämlich den ehernen Charakter. Seine Interpretationen stehen unter einer gewissen nervösen Dauerspannung - und wenn es drauf ankommt, dann kann er nicht mehr beschleunigen.


    Gardiners Einspielung - ich schätze den Dirigenten vozugsweise im Bereich "Barackmusik" - wirkt auf mich wenig überzeugend insgesamt ein wenig zu schlank - nicht eigentlich schlecht, aber ich war enttäuscht als ich diese "Jahrhundertaufnahme" hörte


    Paavo Järvi - er war eigentlich dar Anlass für diesen Thread.
    Ich habe nicht allzuviel gehört von dieser Aufnahme - aber was ich hörte ließ mich unwillkürlich denken: Anders um jeden Preis........


    Hier wird Beethoven flüchtig hingetupft - ich konnte mich mit dieser Einspielung ebensowenige anfreunden, wie mit jener "ordinären" unter Zinman......


    mfg aus Wien


    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    ich stehe auf dem Standpunkt, Beethoven hat den Beinamen "Titan" nicht von ungefähr bekommen, und fürwahr einige Interpeten haben dies als Richtlinie für ihre Interpretationen genommen


    (Klemperer, Celibidache, Szell)


    Lieber Alfred,


    und das ist das Stichwort, wenn man historische Aufnahmen kritisch betrachten will. Nicht "Süßliches" ist das Problem, sondern "Titanisches". Wo ein Übermaß an Pathos die kompositorischen Strukturen verkleistert, haben die Maestri in den falschen Topf gegriffen. Es war die damals euphorisch besprochene Aufnahme der Eroica unter Neville Marriner, die das Ohr für eine unpathetische Beethoveninterpretation öffnete.


    Wie immer stehen die großen Interpretationen über dem genannten Klischee, weil sie auch die Brüche vermitteln, die zu diesem Pathos dazu gehören (und da glätten mE HIP-Interpretationen oft genug), die Eroica-Einspielung von Furtwängler (1944) ist eine nicht wiederholbare, aber immer erneut zu bewundernde Interpretation in diesem Sinne. Wie da im zweiten Satz Aussichtslosigkeit und Leere zu einem verstörenden Kulminationspunkt kommen, ermöglicht erst den dritten Satz und den weit ausschwingenden Jubel des vierten Satz.


    Zitat

    Andere haben Beethoven in erster Linie als "Klassiker" gesehen und in appollinarisch schön - ohne Einbuße von Dynamik interpretiert


    (Vor allem Böhm - aber es gab auch andere)


    In diese Reihe würde ich auch die o.a. Aufnahme von Marriner stellen. Oft genug erschließen Aufnahmen erst bei wiederholtem Hören all die Feinheiten, deshalb sind Böhm, Schuricht und Wand nicht so spektakulär wie Celibidache & Co., aber durchaus wirkungsmächtig.



    Zitat

    Die (angeblichen) Versuche den Originalklang wiederherzustellen klingen imo ziemlich uneinheitlich - aber weitgehend blutleer, es fehlt der Bombast.


    Nun, Bombast braucht es nicht gerade zu sein, aber die notwendige Fallhöhe muss - wie in einer guten Tragödie - hergestellt werden. Da ich keine Berührungsängste mit Pathos (das heißt immerhin "Leidenschaft") habe, kann ich feststellen, dass mir meist das Pathos fehlt. Es hat da eine erstaunliche Reduktion gegeben von der Sprache der Leidenschaft über die Vermutung ihrer Lügenhaftigkeit ("falsches Pathos") bis hin zu dem von Enttäuschung gekennzeichnetem Verzicht auf leidenschaftliche Äußerungen.


    Wo ich das Problem mit einer Reihe von HIP-orientierten Einspielungen habe, liegt aber anderswo. Die großen Zyklen sind alle in einer Reihe von Jahren erschienen, das gilt auch für die HIP-Zyklen von Norrington und Goodman. Das zeigt sorgfältige Erarbeitung des Zyklus (und Walter hat zu Recht darauf hingewiesen, wie unterschiedlich die einzelnen Teile zu interpretieren sind). Aber dann spuckten gerade die doch sorgfältige Quellen- und Probenarbeit fordernden HIP-Künstler (und nicht nur sie) die Zyklen in kürzester Zeit auf den Markt - und entsprechend gesichtlos blieben die immer beim Erscheinen hochgelobten, dann aber schnell wieder von der Bildfläche verschwindenden Zyklen, von denen sich nur der von Gardiner dank der Reputation des Dirigenten noch einigermaßen gehalten hat, aber ob Brüggen, Rattle oder Barenboim oder Zinman - alles Schnellschüsse - und das gilt für den in Einzelheiten noch immer überzeugenden Gardiner-Zyklus ebenso wie für den unter Harnoncourt, der auch eine Reihe von überzeugenden Lösungen bietet.


    Liebe Grüße Peter


  • Ob Rattle oder Barenboim in die Serie der HIP-Zyklen gehören? Ich meine nein. Auch Harnoncourt und Zinman sind zwar modern, aber nicht im engeren Sinne HIP wie Brüggen, Gardiner, Goodman, Norrington oder Hogwood.


    Brüggens Zyklus ist mW von seiner Firma Philips recht stiefmütterlich behandelt worden, was das Marketing angeht. Die Aufnahmen entstanden über eine ganze Reihe von Jahren hinweg, die Veröffentlichung des Zyklus wurde wegen Gardiners Beethoven eigens um ein dreiviertel Jahr hinausgezögert und ist meiner Meinung nach zu Unrecht untergegangen.


    Auch haben die Veröffentlichungspraxis und der Zeitraum, über den hinweg eine Aufnahme im Katalog einer Firma ist, nichts mit der künstlerischen Qualität einer Aufnahme zu tun, sondern mehr mit wirtschaftlichen Erwägungen.

  • Zitat

    Original von Robert Stuhr
    Hier irrt Alfred: Die Dirigenten versuchen eben nicht, den Originalklang "wiederherzustellen", sondern sich ihm soweit wie möglich anzunähern. Auch wenn niemand sagen kann, wie es damals wirklich geklungen hat, kann man sich durch gründliches Quellenstudium den Absichten des Komponisten doch deutlich stärker nähern als wenn man die Rituale des herkömmlichen Konzertbetriebes sinnfrei fortführt nach dem Motto "Das haben wir schon immer so gemacht, das haben wir noch nie so gemacht, und wo kommen wir denn da hin". HIP bietet trotzdem erheblichen Gestaltungsspielraum, wie die verschiedenen Einspielungen zeigen.


    Lieber Robert,


    um das einmal festzuhalten: Klang ist zwar kein unwichtiges, aber bei weitem nicht das wichtigste Element einer Komposition. Klang ist aber auch kein "absolutes" Phänomen, es ist eines, das im Rezipienten entsteht als Interpretation von Höreindrücken. Dabei spielen die Hörerfahrungen eine entscheidende Rolle. Die Fetischisierung des Klanges, die Du sicher nicht meinst, führt nicht gerade ins Zentrum einer Komposition.


    Zitat

    Gegen Pathos habe ich bei einigen Symphonien jedoch nichts einzuwenden. Wie ich im Thread über Gardiners Beethoven-Zyklus bereits geschrieben habe, ist es gerade dessen Fehlen, das den Zyklus mE stark entwertet.


    Da sind wir uns einig ...




    Zitat

    Ob Rattle oder Barenboim in die Serie der HIP-Zyklen gehören?


    Barenboim sicher nicht, bei Rattle wurde tatsächlich so etwas an vielfältiger Stelle in Kritiken geäußert. Ich hatte dies auch bezweifelt, wurde dann aber von einem Rattle-Kundigen umgehend zurecht gewiesen (i=informed!). Es macht die Einspielung allerdings auch nicht besser ... (Ich habe übrigens mit Absicht nicht nur HIP-Zyklen genannt, die Liste ist lang, leider!)


    Zitat

    Auch Harnoncourt und Zinman sind zwar modern, aber nicht im engeren Sinne HIP wie


    Das "informed" wird sicher unterschiedlich interpretiert, ich bin da weitherzig. Im Falle Zinmans spielt ja u.a. die Neuausgabe der Beethoven-Sinfonien, an der er sich orientierte, bei der Bewertung (wie bei Gardiner) eine gewisse Rolle.


    Zitat

    Brüggen, Gardiner, Goodman, Norrington oder Hogwood.


    Die stehen auch alle in meinem CD-Regal, wobei Norrington sich ja inzwischen quasi selbst korrigierte und dem damals umstrittenen Zyklus (Gerrit Stolte machte mich noch vor einer Anzahl von Jahren mit dem Ausdruck "Borington" bekannt) eine vibratolose Variante mit "normalem" Sinfonieorchester folgen ließ, die überall mächtig gelobt wurde.


    Zitat

    Brüggens Zyklus ist mW von seiner Firma Philips recht stiefmütterlich behandelt worden, was das Marketing angeht. Die Aufnahmen entstanden über eine ganze Reihe von Jahren hinweg, die Veröffentlichung des Zyklus wurde wegen Gardiners Beethoven eigens um ein dreiviertel Jahr hinausgezögert und ist meiner Meinung nach zu Unrecht untergegangen.


    Auch da bin ich mit Dir einig. Trotzdem möchte ich auf den Unterschied zu den "alten Meistern" bestehen, da ging es nicht um Jahre, sondern um ein Jahrzehnt oder mehr - und meist entstanden die Einspielungen auch erst nach einer langen Praxis als Dirigent.


    Zu den Einspielungsdaten bei Brüggen:
    1984 - 1. Sinfonie
    1987 - 3. Sinfonie
    1988 - 2., 7. Sinfonie
    1989 - 8. Sinfonie
    1990 - 4., 6. Sinfonie
    1991 - 5. Sinfonie
    1992 - 9. Sinfonie


    Gardiners Zyklus entstand vor allem 1992 - in einem erstaunlich kurzen Zeitraum, wenn man weiß, welche Probleme die Neuausgabe von del Mar mit sich bringt, die man zugrunde gelegt hat.


    Liebe Grüße Peter