Berwald, Franz: Sinfonien und Orchesterwerke - „bedeutendste Musikerpersönlichkeit“ oder Sonderling?

  • Franz Adolf Berwald (1796-1868 )


    Franz Berwald wurde am 23.07.1796 in Stockholm geboren und starb dort am 03.04.1868. Sein Name taucht immer wieder im Forum auf, er wird mal begeistert, mal vorsichtig abwägend genannt, Interesse für seine Musik oder für die Qualität der einen oder anderen Einspielung seiner Werke wird geäußert, aber ob seine Musik es überhaupt wert ist, sich vertieft mit ihr zu beschäftigen, scheint unklar. Deshalb bin ich gespannt, ob sich an dieser Stelle ein Konsens – mehr oder weniger – herausbilden wird. Da besonders seine Sinfonien immer wieder das Interesse herauszufordern scheinen, sollen vor allem sie neben seinen anderen Orchesterwerken einschließlich der Konzerte Gegenstand des Threads sein.


    Die Geschichte des Franz Berwald ist eine Geschichte der Zurückweisungen und Enttäuschungen. In Schweden sollte Berwalds Musik jahrzehntelang vom Publikum ungeliebt und unverstanden bleiben: seine Tonsprache war seinen Landsleuten zu fremd, zu progressiv (2) – wenig gilt der Prophet im eigenen Land. Obwohl es ihn immer wieder in seine schwedische Heimat zurückzog, blieb er doch Zeit seines Lebens unstet und sah sich über lange Zeiträume gezwungen, sein Leben im europäischen Ausland zu fristen: 1829 bis 1841 lebte er in Berlin, dann bis 1842 in Wien, wo er seine Berliner Mitarbeiterin Mathilde Scherer heiratete. 1846 bis 1849 trieb es ihn wieder aus dem Land, nach Paris, Wien, Salzburg (1847 immerhin Ehrenmitglied des Mozarteums (4)). Um überhaupt bei seiner Musik bleiben zu können, verdiente er sein Geld – wenn nicht gerade als Orchestergeiger oder -bratscher -, indem er zum Beispiel als orthopädischer Chirurg (1) in Berlin ein – allerdings einträgliches (6) - orthopädisches Institut gründete (2), später in Nordschweden eine Glashütte, dann ein Sägewerk (2) leitete.


    Die Musik war Berwald in die Wiege gelegt. Vier Generationen Musiker um ihn her, sein Vater und sein Bruder – wie er - Geiger, der Bruder auch – wie er - Komponist, sein Vetter Komponist und Dirigent. Die familiären Bande trugen auch zu seinem Verhängnis bei: eben jenem Vetter Johan Fredrik Berwald war die Uraufführung von Berwalds erster Sinfonie am 2.12.1843 übertragen; was auch immer seine Gründe gewesen sein mögen, er ließ das Orchester am Königlichen Opernhaus in Stockholm viel zu wenig proben, bereitete die Aufführung mangelhaft vor (6) und legte damit einen der Grundsteine für Berwalds Misserfolg in der Heimat. Berwald nahm sich die Publikumsreaktion zu Herzen, seine erste Sinfonie blieb die einzige, die er hören sollte (6). Obwohl er mit seiner Musik im Ausland deutlich erfolgreicher war (5), wurden seine der ersten folgenden weiteren drei Sinfonien (1842 bis 45 vollendet) spät uraufgeführt: die vierte 1878, die dritte 1905, die zweite 1914. Schweden erinnerte sich spät an ihn: erst 1867 im Alter von 70 Jahren wurde er an das Stockholmer Konservatorium als Lehrer für Komposition berufen, ihm dann noch erteilte Kompositionsaufträge konnte er in der kurzen ihm bis zum April 1868 verbleibenden Zeit nicht mehr vollständig erledigen (6). Immerhin wird er von manchen heute als "individuellste und bedeutendste Musikerpersönlichkeit" angesehen, "die Schweden je hervorbrachte" (5 ).


    1796–1868, also ein Zeitgenosse Schuberts (1797-1828 ), Berlioz' (1803-1869 ), Mendelssohns (1809-1847 ), Rossinis (1792-1868 ). Meines Erachtens werden Formulierungen angeblicher Parallelen zu solchen Komponisten überbetont, wie man dies stets gerne macht bei Komponisten, denen die Anerkennung zu lange verwehrt wurde. Berwald hat für meine Ohren einen sehr eigenen Weg gefunden, einen sehr persönlichen Stil entwickelt, der klanglich wie formal über seine Zeit hinaus wies und deshalb nicht verstanden wurde – Avantgarde im besten Sinne.


    Berwalds Werk ist nicht eigentlich umfangreich, aber breit gestreut; der Bärenreiter-Verlag hat die Auflage einer Gesamtausgabe aller Werke unternommen (3). Beispielhaft können ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne Berücksichtigung diverser Fragmente und nicht gezählter Werke genannt werden:


    4 Sinfonien
    1.Sinfonie Sérieuse g-moll (1842/1843)
    2.Sinfonie Capricieuse D-Dur (1842/1914)
    3.Sinfonie Singulière C-Dur (1845/1905)
    4.Sinfonie (Naïve) Es-Dur (1845/1878 )
    diverse Ouvertüren und Tondichtungen:
    Elfenspiel
    Erinnerung an die norwegischen Alpen
    Bajaderenfest


    Konzerte
    Violinkonzert cis-moll op. 2 (1821)
    Klavierkonzert D-Dur (1855/1904)
    Doppelkonzert für zwei Violinen
    Konzertstück für Fagott


    Kammermusik
    Duos für Violine bzw. Cello und Klavier
    fünf Klaviertrios
    drei Streichquartette
    Klavierquartett mit Bläsern
    zwei Klavierquintette
    Septett


    Vokalmusik
    Kantaten mit Soli, Chor, Orchester
    Arien


    Opern
    6 Opern:
    „Estrella de Soria“ (1862)
    „Drottingen av Golconda“ (UA 1968 )
    2 Operetten


    Das Kennenlernen von Berwalds Sinfonik zu erschwinglichen Preisen wird im Augenblick leicht gemacht: EMI bietet in einem Trifer die vier Sinfonien, das Violin- und das Klavierkonzert sowie eine ganze Reihe der Tondichtungen und die Ouvertüren der beiden oben genannten Opern an. Ulf Björlin dirigiert das Royal Philharmonic Orchestra. Die Aufnahmen wurden an sieben Tagen im Januar und September 1976 im Studio erstellt, eine Produktionszeit, die in ihrem beschränken Umfang ihre Spuren in der Orchesteraufnahme hinterlässt. Björlin hingegen ist ein echter Berwaldianer, mit Schwung und Einfallsreichtum reißt er sein Orchester und den Hörer mit. Diese Aufnahme mag ich sehr. Mit ihr habe ich mich diesem Komponisten mit einiger Begeisterung wieder angenähert, nachdem die Einspielung der Jenaer Philharmonie unter David Montgomery bei Arte Nova aus 1996 mich einigermaßen eingeschläfert und von Berwald abgeschreckt hatte.
    Die Alternative bietet wieder einmal Brilliant mit der Gesamteinspielung unter Dausgaard, die sicherlich schon einige kennen – deshalb würde ich gerne einen Bericht über diese Aufnahme lesen.


    Ich selbst schätze nicht alle dieser Sinfonien gleichermaßen, sondern mag eine von ihnen besonders. Deshalb bin ich gespannt darauf von Euch zu hören, ob es Euch ähnlich geht, und auch, welche Aufnahmen Euch besonders gut gefallen. Haltet Ihr den alten Schweden für des Landes bedeutendste Musikerpersönlichkeit? Oder findet Ihr seine Tonsprache genauso unzugänglich, wie die alten Schweden es taten?


    Liebe Grüße, Ulrich



    Quellen:
    (1) Franz Berwald, auf: en.wikipedia.org/wiki/Franz_Berwald, Abfragestand: 2008-05-06
    (2) Franz Berwald, auf: de.wikipedia.org/wiki/Franz_Berwald, Abfragestand: 2008-05-06
    (3) Bärenreiter-Verlag: Werkverzeichnis der Gesamtausgabe, auf:
    baerenreiter.com/html/completeedi/gaberwald.htm, Abfragestand: 2008-05-06, und
    baerenreiter.com/html/completeedi/nberweinhalt.htm, Abfragestand: 2008-05-06
    (4) Das große Metzler Musiklexikon 2.0 (Systhema, München 2005), Stichwort Berwald, Franz-Adolf
    (5) Lipka, Stefan, Franz Adolf Berwald – Sinfonien Nr. 1-4, 1996, in: CD-Beiheft zu Arte Nova Classics 74321 37862 2 3
    (6) Fanning, David, dt. Übersetzung: Carl Ratcliff, Berwald: Werke für Orchester, 2007, in: CD-Beiheft zu EMI Classics 50999 5 00920 2 4

  • Lieber Ulrich,


    zunächst vielen Dank für diesen m.E. nach wichtigen und längst überfälligen thread eines großen Meisters, dessen endgültiger Durchbruch hat lange warten lassen.


    Ich schätze die Symphonien inzwischen alle sehr, müßte ich mich jedoch für eine entscheiden, es wäre (mit denkbar knappen Vorsprung) die 3.
    Der erste Satz ist stellenweise ein Wink in Richtug Brahms, das Agadio himmlisch schön.


    Berwald scheint mir eh ein Meister des adagios bzw. der langsamen Sätze zu sein. Alle vier Symphonien lohnen IMO bereits alleine wegen derselbigen.


    :hello:
    Wulf

  • Hallo, Ulrich!


    Auch ich würde die "Singuliére" an die erste Stelle setzen. Melodik, Harmonik und Struktur weisen meines Erachtens nicht nur auf Brahms voraus, sondern nehmen die Welt des großen Dänen Carl Nielsen vorweg.


    Ich besitze die Einspielung der Sinfonien mit dem Swedish Radio Symphony Orchestra unter Roy Goodman bei Hyperion. Sie scheint nicht mehr erhältlich zu sein.


    Besten Gruß, Wolfgang


    Edit: Bei amazon ist sie nicht mehr erhältlich; bei jpc, wie andythr weiter unten, habe ich gar nicht mehr geschaut! :O

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Kennt einer von Euch diese Einspielung und mag mir kurz erläutern, warum ich sie mir kaufen oder es lassen soll?


    Malmö Symphony Orchestra
    Sixten Ehrling


    BIS



    Davidoff

    Verachtet mir die Meister nicht

  • Hallo,


    Ja, die dritte! Den Bezug zu Nielsen finde ich ausgesprochen passend!
    Die Symphonie ist sehr originell, in ihrer ganzen Art und hat wirklich etwas ausgesprochen eigenes!
    Kenne leider bislang noch nicht viel von Berwald, werde es aber nochholen!


    LG
    Raphael

  • Ich habe Berwald durch Fritz Buschs Probe und Aufführung der 1. Sinfonie schätzen gelernt (fantastisch): Berwald ist für mich ein Komponist, der "aus der Versenkung" geholt werden sollte.
    Die Aufnahme der Sinfonien mit Järvi sind IMO zum Kennenlernen sehr geeignet, keine Minute Langeweile.


    :hello:Heldenbariton

    Wie aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten
    GB

  • Ich kann mich nur anschließen. Auch mir gefällt die dritte Symphonie "Singuliére" am besten.


    Ich habe ebenfalls die Aufnahme mit dem Schwedischen Radiosinfonieorchester unter Roy Goodman und bin damit sehr zufrieden.


  • Ich habe die, anscheinend komplett in diese Dreierbox aufgegangene, Einspielung der Symphonien und einiger Orchesterstücke in dem früheren EMI-Doppelpack mit dem RPO unter Ulf Björlin:



    Meine Reaktion darauf ist eher eigentümlich: jedes Mal, wenn ich sie, wie zum Beispiel dank dieses verdienstvollen Threads, anhöre, gefallen mir diese Werke ausnahmslos sehr. Dennoch habe ich danach nur begrenzte Lust, sie intensiver und öfter anzuhören. Ich glaube nicht, dass das an der Interpretation liegt. So hastig sie auch eingespielt worden sein mag, ich spüre vor allem das Engagement der Aufführenden für diese bemerkenswerten Kompositionen. Meine Zurückhaltung liegt wahrscheinlich vor allem darin begründet, dass ich mich, zumindest derzeit, nicht so sehr für sinfonische Werke interessiere. So fallen mir doch immer eher die großen Klassiker in die Hände, wenn mir schon mal nach diesem Repertoire ist. Derzeit ist beispielsweise anlässlich des geplanten Haydn-Monsterthreads eher dessen sinfonisches Werk an der Reihe.


    Natürlich hat Berwald damit nicht mehr so viel gemeinsam. Beim Blindhören würde ich ihn eher in der Nähe seines etwas jüngeren Zeitgenossen Mendelssohns verorten. Allein dieser Vergleich ist für mich aber ein großes Kompliment. Allerdings fällt es mir schwer, seine gern feststellte damalige Modernität
    nachzuvollziehen, die es ihm bei seinem Publikum angeblich so schwer machte, wenn ich bedenke, wie weit fast zur gleichen Zeit ein Berlioz in das von Beethoven eroberte Neuland voran geschritten ist. Selbst gegenüber diesem oder auch Schubert klingt Berwald für mich keineswegs wie ein zur Irritation befähigender Neutöner.


    Allein diese Positionierung sollte dem Interessierten aber schon verraten, dass sich das Kennenlernen dieser Werke für jeden an Sinfonik Interessierten allemal lohnen dürfte. Ich selbst würde mir wünschen, dass ich die Werke schon kennen gelernt hätte, als ich mich noch viel intensiver damit beschäftigte. Leider hat auch mein Tag nur 24 Stunden, so dass ich mich hier nur mit einer sehr pauschalen Empfehlung dem Plädoyer dieses Threads anschließen kann. Aber was nicht ist, kann ja eines Tages noch werden. Wann immer dem so sein sollte, wird Berwald sicher ganz weit oben auf der Liste derer stehen, deren Werk ich gerne viel besser kennen lernen möchte.


    Schade, dass anscheinend bislang niemand Berwalds Opern einer Einspielung oder wenigstens einer Rundfunkaufnahme für würdig erachtet zu haben scheint. Da sollten doch mindestens ähnliche spannende Entdeckungen zu machen sein wie in zahlreichen zeitgenössischen Belcanto-Werken oder bei Lortzing. Das zumindest scheint bei all ihrem sinfonischen Charakter seine tragische Ouvertüre zu ESTRELLA DER SORIA anzudeuten, die in dem o.g. Set auch enthalten ist. Allein der sehr sangliche und höchst überraschend verklingende, langsame Schluss dieser Ouvertüre, bei dem man sich gut vorstellen kann, dass jetzt ein stimmungsvolles Gesangensemble folgen sollte, macht sehr neugierig darauf, ob und wie gut Berwald für die menschliche Stimme zu schreiben vermochte. Anscheinend aber hat das kaum jemals jemand zuhören bekommen.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Hat denn schon jemand Erfahrungen mit dieser CD gemacht?




    Die Schlacht bei Leipzig
    Konzert für 2 Violinen & Orchester;
    Thema & Variationen für Violine & Orchester;
    Ouvertüre & Polonaise aus "Estrella de Soria";
    Drottingen av Golconda (Ausz.)


    Künstler: Lörstad, Hagman, Malmö OPera Orchestra, Willen

  • Hallo,


    es gibt eine ganze Reihe von (relativ unbekannten) Komponisten, von denen ich mehr oder minder alles zu bekommen versuche. Berwald ist chronologisch betrachtet der erste davon. Zunächst habe ich seine Sinfonien in den Naxos-Aufnahmen mit Kamu kennengelernt, später habe ich mir dann wesentlich mehr zugelegt, sodass ich mittlerweile seine gesamten Orchesterwerke (bis auf ein paar Opernouvertüren) und ebenso seine gesamte Kammermusik in Aufnahmen vorliegen habe.


    Was ich an dieser Musik so mag, ist ihre eigentümliche Herbheit, die geistreiche Kühle, die ihr innewohnt. Neben der "nüchternen", aber ausdrucksstarken Lyrik der langsamen Sätze gefällt mir der rhythmische Vorwärtsdrang seiner Musik außerordentlich. Irgendwie hat er einen ganz eigenen Tonfall entwickelt, den ich schwerlich mit anderen Komponisten vergleichen könnte - in Ansätzen vielleicht der erwähnte Mendelssohn. Ich habe mal gelesen, dass Berwalds Musik eher eine Weiterentwicklung der Wiener Klassik darstellt als eine schwedische Variante der Romantik - zumindest halte ich diese These für bedenkenswert. Ein Klassizist ist Berwald zweifelsohne.


    Im schwedischen Kontext ist Berwald ganz klar ein geradezu unerhörter Neutöner gewesen - ich kenne z.B. zwei Sinfonien eines gewissen Adolf Fredrik Lindblad, ungefähr ein Berwald-Zeitgenosse, der sich damals erheblich größerer Popularität erfreute als Berwald. Um ehrlich zu sein, halte ich diese Sinfonien für relativ belanglose, vielleicht an Haydn gemahnende Stückchen, da ist ein Berwald wirklich um Längen moderner.


    Übrigens ist Berwald mangelnde Popularität im schwedischen Musikleben seiner Zeit nicht nur seiner Musik, sondern auch seinem wohl eher rauen Umgangston geschuldet; er galt als arrogant und unnahbar. In die Salons jener Zeit hat er offenbar nicht hineingepasst, er war seinen Zeitgenossen anscheinend nicht "glatt" genug (was ihn mir persönlich eher sympathisch macht, aber das nur am Rande).


    Berwald Musik lebt auch von ihren Überraschungsmomenten, z.B. dem unvorhersehbaren, drastischen Paukenschlag im langsamen Satz der Dritten Sinfonie, oft auch plötzlichen Dynamikänderungen. Bemerkenswert originell ist auch etwa das fast bizarre Hauptthema des Finales der 3. Sinfonie. Sehr interessiert zeigte sich Berwald übrigens an Verknüpfungen mehrerer Sätze und quasi-einsätzigen Konstruktionen (2. Satz der Dritten Sinfonie, 2. und 3. Satz der 4. Sinfonie, Bogenform in Streichquartetten etc.). Berwald Instrumentation ist ebenfalls recht charakteristisch - im Allgemeinen eher durchhörbar. Hierzu habe ich übrigens mal gelesen, dass Berwald den Posaunen die Rolle zugesteht, die andere Komponisten seiner Zeit (etwa aus Deutschland) eher den (weicher klingenden) Hörner anvertrauen. Keine ganz unberechtigte Beobachtung, wie ich finde!


    Ich habe die Sinfonien mit Kamu und Goodman, wobei letzterer auch noch die frühe A-Dur-Sinfonie, ein Fragment von 1820, eingespielt hat. Schon in dieser Sinfonie findet man erstaunlich viele für den reifen Berwald typische Wendungen, sei es in der Melodik, Motivik oder Orchestrierung. Ansonsten sage ich offen, dass ich alle vier Sinfonien sehr schätze. Zwei davon habe ich mit Björlin. Ich denke, dass ich mir dessen Gesamteinspielung irgendwann auch noch zulegen werde, weil er diese Musik (in den mir vorliegenden Aufnahmen) schon ungewöhnlich gut trifft.


    Zu der letzten genannten CD (Schlacht bei Leipzig und anderes) folgende Bemerkungen: das ist meiner Meinung nach keine Sternstunde der Berwald-Diskographie, zum einen wegen der eher schwächeren, jedenfalls noch nicht den "echten", reifen Berwald zeigenden Werke (fast alles - bis auf die instrumentalen Opernausschnitte - Frühwerke aus dem Zeitraum 1815-30, die Schlacht bei Leipzig steht z.B. m.E. deutlich hinter Berwalds späteren Tondichtungen zurück), zum anderen auch wegen der mäßigen Interpretation, die Soloviolinen sind nicht immer unbedingt in Bestform, die Königin von Golconda-Ouvertüre habe ich auch schon zupackender gehört. Kann man sich anschaffen, wenn man schon viel von Berwald hat und noch mehr kennenlernen möchte, als Einstieg aber meiner Meinung nach völlig ungeeignet.


    Berwalds Opernschaffen soll nach Informationen der MGG nicht den Rang seiner Orchester- und Kammermusik besitzen, obwohl sich Berwald zeit Lebens sehr für Opern interessierte. Allerdings kenne ich auch keine seiner Werke aus diesem Bereich, ich referiere nur den Inhalt des MGG-Artikels.


    Übrigens hat Franz Liszt Berwalds Musik ziemlich geschätzt und ihm unter anderem in einem Brief geschrieben, er solle sich nicht von der mangelnden Anerkennung (durch das Publikum) beirren lassen.


    Viele Grüße
    Holger

  • Hallo Holger,


    vielen Dank für diese erhellenden zusätzlichen Ausführungen. Vielleicht sollte man sich Berwalds Musik (auch oder mehr) von dessen Biographie und Umfeld her nähern, denn das macht anscheinend einiges verständlicher.


    Allerdings sagte man auch Beethoven und Berlioz eher verschreckende Umgangsformen nach, ohne dass dies deren Nachruhm geschadet hätte. Vielleicht waren die Salons der europäischen "Provinz" wirklich träger und leichter zu verschrecken als die der Metropolen, und dort war man eben schon noch weiter als Berwald. Das hat sich ja bis heute nicht unbedingt radikal geändert oder allenfalls insofern, als man heute nahezu überall die Möglichkeit hat, Neues kennen und schätzen zu lernen. Tamino ist fraglos ein guter Wegweiser dahin.


    Jedenfalls stimme ich Dir gerne zu, dass sich eine nähere Beschäftigung mit diesem Komponisten allemal lohnt.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Hallo!


    Vielen Dank für diesen thread! :hello:
    Gibt es einen Grund, warum nur Orchesterwerke von Berwald behandelt werden sollen? ?( Es gibt bereits mehrere solche eigentlich allgemeinen Komponistenportraits im Forum für Instrumentalaufnahmen, die sich aber im Titel auf Orchestermusik beschränken. Ich traue mich dann stets nicht, die Kammermusik zu erwähnen, die ja dann Offtopic ist... :O


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Hallo, miteinander, vor allem Holger, Raphael und Pius!


    Ich spiele mal ein wenig dialogisch zitieren - aus der Serie: Wir üben am PC! :D


    Zitat

    Was ich an dieser Musik so mag, ist ihre eigentümliche Herbheit, die geistreiche Kühle, die ihr innewohnt.


    So würde ich die Musik auch charakterisieren!


    Zitat

    Neben der "nüchternen", aber ausdrucksstarken Lyrik der langsamen Sätze gefällt mir der rhythmische Vorwärtsdrang seiner Musik außerordentlich. Irgendwie hat er einen ganz eigenen Tonfall entwickelt, den ich schwerlich mit anderen Komponisten vergleichen könnte - in Ansätzen vielleicht der erwähnte Mendelssohn.


    Mendelssohn ist gewiss ein Klassizist, aber die Lyrismen in seiner Musik umweht eher ein mitteleuropäischer Fliederduft, bei Berwald steht mir eine Fjordlandschaft vor Augen.


    Zitat

    Berwald Musik lebt auch von ihren Überraschungsmomenten, z.B. dem unvorhersehbaren, drastischen Paukenschlag im langsamen Satz der Dritten Sinfonie, oft auch plötzlichen Dynamikänderungen.


    Und genau das sowie die kühle Spritzigkeit erinnert mich an Nielsen! :yes:


    Zitat

    Ich traue mich dann stets nicht, die Kammermusik zu erwähnen, die ja dann Offtopic ist...


    Bitte unbedingt trauen! :D


    Besten Gruß, Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Hallo allerseits,


    Zitat

    Original von Pius
    Gibt es einen Grund, warum nur Orchesterwerke von Berwald behandelt werden sollen? ...
    Ich traue mich dann stets nicht, die Kammermusik zu erwähnen, die ja dann Offtopic ist...


    Auch ich verstehe nicht, weshalb Komponistenvorstellungs-Threads oftmals in der Rubrik 'Klassische Instrumentalaufnahmen' landen. In der Kategorie 'Allgemeine Klassikthemen' hätte man doch die Möglichkeit, einen Komponisten umfassender, d. h. neben den Instrumental- auch die Vokalwerke vorzustellen. Deshalb mein Vorschlag, den Threadtitel zu ändern und in 'Allgemeine Klassikthemen' zu verschieben. Optimaler wäre natürlich eine eigene Kategorie für Komponistenvorstellungen.


    :hello:
    Johannes


    Ich halte die Situation auch nicht für ideal, plädiere aber dafür, den thread erstmal hier zu belassen. Denn das Allgemeine Forum dient als Sammelbecken für alles Mögliche und es geht schnell etwas unter. Man kann hier erstmal mit Sinfonien u.ä. beginnen und ggf. später weitere threads eröffnen (und den hier auf Sinfonien umbenennen). Mir sind auf Werke/Werkgruppen zentrierte Threads eigentlich lieber.


    JR

  • Hallo zusammen,


    wieso denn nicht im Kammermusik-Forum einen Thread "Berwald, Franz: Die Kammermusikwerke" eröffnen und dort für das einführende Komponistenportrait nach hier verlinken - fände ich am "saubersten".


    Aber jetzt zu meinem eigentlichen Anliegen, weshalb ich zu so später Stunden noch mal den PC angeworfen habe.
    Gerade mit großem Vergnügen gehört habe ich die erste Sinfonie aus folgender Box (die zweite läuft momentan noch):


    Franz Berwald ( 1796-1868 )
    Die 4 Symphonien + Erinnerung an die norwegischen Alpen; Elfenspiel
    Erscheinungstermin: 9.4.2008
    Künstler: Danish National RSO, Thomas Dausgaard
    Label: Brilliant , DDD, 00-04


    Dies ist meine allererster Kontakt mit Berwalds Musik. Und was für einer! Wenn ich hier lese, dass vielen die dritte Sinfonie am besten gefällt, dann freue ich mich sehr, auf alles, was da noch kommt. Die Aussage weiter oben, dass vor allem die langsamen Sätze begeistern, traf für mich bei der ersten Sinfonie nicht zu - da gefiel mir das ganze Werk gleichermaßen sehr gut. Aber gerade läuft das Andante der zweiten Sinfonie - wunderschön mit Gänsehautstellen!


    Jetzt ein paar Worte zur Aufnahme (ehemals Chandos). Die Klangtechnik sehr gut - und ich bin da recht anspruchsvoll. Alle Instrumente präsent und klar, gut im Raum gestaffelt zu hören - perfekt!


    Die Interpretation mitreißend! Manchmal lerne ich neue Werke kennen und habe doch direkt das Gefühl, dass da noch mehr aus der Interpretation herauszuholen wäre - hier nicht! Ein anders ist natürlich denkbar - besser kann ich mir hier nicht vorstellen. Also für mich kein Bedarf nach anderen Einspielungen der Sinfonien momentan - diese hier werde ich aber noch oft hören! Wäre natürlich spannend, wenn jemand z.B. mit Björlich oder Järvi vergleiche könnte.
    Bei dem Schnäppchenpreis dieser Brilliant-Box, finden sich ja vielleicht noch weitere Käufer. Meine Empfehlung allemal (auch wenn ich gerade noch immer erst bei CD 1 bin und somit zur zweiten CD natürlich nichts sagen kann) !


    Viele Grüße
    Frank

    From harmony, from heavenly harmony
    this universal frame began.

  • Zitat

    Original von Jacques Rideamus
    Allerdings fällt es mir schwer, seine gern feststellte damalige Modernität
    nachzuvollziehen, die es ihm bei seinem Publikum angeblich so schwer machte, wenn ich bedenke, wie weit fast zur gleichen Zeit ein Berlioz in das von Beethoven eroberte Neuland voran geschritten ist.


    Ich verstehe widerum nicht ganz, warum man die Modernität eines Komponisten nicht mehr erkennen kann, weil ein anderer auch modern war.
    ;)
    Als ich zum ersten Mal die Singulière gehört habe, bin ich schon ziemlich vom Sofa gefallen, allein der Anfang ist verblüffend, wo ein leierndes Pendeln zweier Töne im Quartabstand schrittweise aufsteigt und den ganzen Oktavraum ausfüllt. Ähnlich frappierende Stellen kommen dann recht bald, wo etwas schräge Akkorde mit schwungvoll aufsteigenden Gesten kombiniert werden - mich hat das zunächst sehr an Glass erinnert, jedenfalls ist die Harmonik schon sehr originell und wird sehr direkt dem Hörer ans Ohr geknallt. Auch die letzten Überleitungstakte vor dem Seitenthema wirken wie aus viel späterer Zeit.


    Über die anderen Avantgarde-Komponisten wie Schubert oder Berlioz kann man natürlich auch so etwas schreiben. Aber man stelle sich vor, man würde in den 50er Jahren alles betreffs Modernität mit Cage vergleichen wollen, was dann so alles altmodisch und langweilig sein müßte ...
    8)

    Zitat

    Original von Holger Sambale
    Übrigens hat Franz Liszt Berwalds Musik ziemlich geschätzt und ihm unter anderem in einem Brief geschrieben, er solle sich nicht von der mangelnden Anerkennung (durch das Publikum) beirren lassen.


    Das finde ich hinsichtlich des Berwaldschen Quart-Aufstiegsthemas (Singulière) und Liszts chromatisch absteigendem Übermäßigen-Themas (Faust-Sinfonie) sehr interessant!
    :hello:

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister


    Ich verstehe widerum nicht ganz, warum man die Modernität eines Komponisten nicht mehr erkennen kann, weil ein anderer auch modern war.;)


    Deiner Argumentation kann ich mich voll anschließen. Ich bitte deshalb zu berücksichtigen, dass ich ausdrücklich von "mir" und nicht von "man" gesprochen habe, denn ich war und bin mir der Subjektivität meines gerade bei Berwald ohnehin eher oberflächlichen Eindrucks durchaus bewusst.


    Wenn man bei den vielen Themen und Werken, mit deren Beschäftigung man hier täglich konfrontiert wird, mit der gebotenen Intensität mithalten wollte, würden aber eigene Interessen, geschweige denn das Leben ganz allgemein, wohl völlig flach fallen. Da muss das eine oder andere eben auch etwas flach ausfallen. Oder ganz, aber wenn einem das lieber ist, sollte man abseits des Dreigestirns Inszenierungen, Karajan und Netrebko, bei denen sogar jeder Blödsinn erlaubt ist, weil gegenteilige Meinungen aus Prinzip abgestraft werden, keine allzu intensiven Diskussionen erwarten.


    Heißt das also, dass man sich lieber nur noch zu Dingen äußern sollte, in denen man sich, ob zu Recht oder Unrecht, wirklich firm fühlt? Ich sehe das anders, denn gerade die Empfehlung eines Fachfremden, um die es mir vor allem ging, könnte ja den einen oder anderen motivieren, der sich allgemein weniger zu diesem Repertoire hingezogen fühlt, in diese Werke auch einmal hinein zu hören, weil einem sonst etwas sehr Gutes entgehen könnte. Mehr wollte ich gar nicht.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Zitat

    Original von Jacques Rideamus
    Heißt das also, dass man sich lieber nur noch zu Dingen äußern sollte, in denen man sich, ob zu Recht oder Unrecht, wirklich firm fühlt? Ich sehe das anders, denn gerade die Empfehlung eines Fachfremden, um die es mir vor allem ging, könnte ja den einen oder anderen motivieren, der sich allgemein weniger zu diesem Repertoire hingezogen fühlt, in diese Werke auch einmal hinein zu hören, weil einem sonst etwas sehr Gutes entgehen könnte. Mehr wollte ich gar nicht.


    Oje, dann hast Du mich mißverstanden, ich sehe das, was Du hier schreibst, auch genauso wie Du.


    Vielleicht sollte ich einfach froh sein, dass Berwald mich sofort begeistert hat, und ich nicht erstmal seine Schwächen verglichen mit Schubert oder Berlioz herausgehört habe, resp. dass mich nicht befremdet hat, in welchen Aspekten er nicht an allererster Front musikalischen Neutönens beteiligt war (man sollte auch bedenken, dass seine Symphonien relativ spät komponiert wurden, 1840er Jahre, da ist Schubert schon lange tot, Berlioz hat die Fantastique bereits 1829 hingelegt, den Harold in den 1830ern, man ist also bereits mitten im sinfonischen Werk von Mendelssohn und Schumann mit denen verglichen Berwald dann doch überraschend FRÜH-romantisch wirkt. Aber er überrascht zum Glück nicht nur in "verspäteter" Weise sondern auch andersrum. Außerdem sollte man vielleicht auch ein bisschen Spohr vergleichshören und Gade, der wie Berwald in den 1840ern als Symphoniker auf den Plan tritt. Ich denke, dass Berwald zu den problemlosesten und attraktivsten Sinfonikern für das heutige Ohr zählt, wenn man Lust hat, abseits der GANZ berühmten Handvoll die Sinfonik des 2. Viertels des 19. Jahrhunderts kennenzulernen.)


    Wieso steht das jetzt alles in Klammer?
    ?(

  • Jetzt nochmal etwas genauer/ausführlicher:


    1830 Mendelssohn 5
    1830 Berlioz Fantastische
    1832 Berlioz Lélio, Episode
    1832 Spohr 4-Weihe der Töne
    1833 Schumann Zwickauer
    1833 Burgmüller 1
    1833 Mendelssohn 4-Italienische
    1834 Berlioz Harold in Italien
    1836 Burgmüller 2
    1837 Spohr 5
    1839 Spohr 6-Historische
    1839 Berlioz Romeo und Julia
    1840 Berlioz Funèbre
    1840 Mendelssohn 2-Lobgesang
    1841 Spohr 7-Irdisches und Göttliches
    1841 Schumann 1 & 4 (1. Fassung)
    1842 Mendelssohn 3-Schottische
    1842 Berwald 1 & 2
    1842 Gade 1
    1843 Gade 2
    1845 Berwald 3 & 4
    1846 Schumann 2
    1847 Gade 3
    1847 Spohr 8
    1850 Spohr 9-Jahreszeiten
    1850 Gade 4
    1850 Schumann 3
    1851 Schumann 4 (2. Fassung)
    1852 Gade 5
    1854 Liszt Faust


    (nicht, dass ich die jetzt alle kenne)
    :hello:

  • Zitat

    Original von Jacques Rideamus


    Schade, dass anscheinend bislang niemand Berwalds Opern einer Einspielung oder wenigstens einer Rundfunkaufnahme für würdig erachtet zu haben scheint. Da sollten doch mindestens ähnliche spannende Entdeckungen zu machen sein wie in zahlreichen zeitgenössischen Belcanto-Werken oder bei Lortzing. Das zumindest scheint bei all ihrem sinfonischen Charakter seine tragische Ouvertüre zu ESTRELLA DER SORIA anzudeuten, die in dem o.g. Set auch enthalten ist. Allein der sehr sangliche und höchst überraschend verklingende, langsame Schluss dieser Ouvertüre, bei dem man sich gut vorstellen kann, dass jetzt ein stimmungsvolles Gesangensemble folgen sollte, macht sehr neugierig darauf, ob und wie gut Berwald für die menschliche Stimme zu schreiben vermochte. Anscheinend aber hat das kaum jemals jemand zuhören bekommen.



    Lieber Rideamus,


    doch es gibt etwas - worauf Geerd Heinsen im aktuellen orpheus hinweist.


    Und zwar einerseits einen Radiomitschnitt der " Drottningenaf Golconda" mit Söderström aus dem Jahr 1968 (es entzieht sich allerdings meiner Kenntnis, ob und ggf. wo der erhältlich ist) und andererseits diese CD:


    Franz Berwald (1796-1868 )
    Estrella de Soria


    Künstler: Nordin, Dalayman, Smith, Lorentzson,
    Helsingborg SO, Westerberg
    Label: MS , DDD, 93




    LG, Elisabeth


  • Das ist ja hochinteressant. Kennt jemand diese Aufnahme oder ist die noch zu neu?


    Wird jedenfalls umgehend vorgemerkt, wenn es auch noch etwas dauern wird, bis ich dafür Land sehe.


    Danke


    :hello: Jacques Rideamus

  • Hallo zusammen,


    inzwischen habe ich auch die zweite CD der Dausgaard-Box und somit auch die Sinfonien 3 und 4 angehört. Ja, auch mir gefällt die 3. Sinfonie am besten. Faszinierend der erste Satz und sehr schön der zweite. Dass mich der zweite Satz der 2. Sinfonie emotional noch mehr bewegt hatte, lag vielleicht ja an meiner euphorischen Stimmung des Abends, an dem ich die erste CD hörte. Muss die Werke einfach erneut hören. Weiterhin sehr angetan bin ich von Interpretation und Klang der Dausgaard-Box. Mir liegt auch ein so klarer, gut durchhörbarer, eher heller und nicht zu halliger Klang.


    Erst nach dem Hören habe ich nach Rezensionen im Internet gesucht. Es fällt auf, dass bei classicstoday.com die beiden Kritiker David Hurwitz und Joseph Stevenson die Dausgaard-Aufnahmen zwar ordentlich finden, aber in Klang und Interpretation beide als Referenz die folgende Aufnahme nennen, welche schon Davidoff weiter oben genannt hatte:


    Zitat

    Original von Davidoff
    Kennt einer von Euch diese Einspielung und mag mir kurz erläutern, warum ich sie mir kaufen oder es lassen soll?


    Malmö Symphony Orchestra
    Sixten Ehrling
    BIS


    Nun hat sich für mich schon öfters gezeigt, dass ich häufig nicht einer Meinung bin mit Kritikern. Selbst was die Klangtechnik angeht, gehen die Geschmäcker auseinander. Da ich die Ehrling-Aufnahmen aber nicht kenne, bin ich nun doch neugierig geworden, ob er nicht doch noch mehr aus den Berwald-Sinfonien herausholt. Hinzu kommen übrigens noch vier extrem positive Rezensionen der Ehrling-Aufnahmen auf amazon.com.


    Viele Grüße
    Frank

    From harmony, from heavenly harmony
    this universal frame began.

  • Zitat

    Original von Guercoeur
    Auch ich verstehe nicht, weshalb Komponistenvorstellungs-Threads oftmals in der Rubrik 'Klassische Instrumentalaufnahmen' landen. In der Kategorie 'Allgemeine Klassikthemen' hätte man doch die Möglichkeit, einen Komponisten umfassender, d. h. neben den Instrumental- auch die Vokalwerke vorzustellen. ... Johannes


    ... das Allgemeine Forum dient als Sammelbecken für alles Mögliche und es geht schnell etwas unter. Man kann hier erstmal mit Sinfonien u.ä. beginnen und ggf. später weitere threads eröffnen (und den hier auf Sinfonien umbenennen). Mir sind auf Werke/Werkgruppen zentrierte Threads eigentlich lieber.
    JR


    Hallo Johannes, JR,


    die Kammermusik Berwalds scheint mir auch ein sehr lohnendes Feld zu sein, und wer es auf sich nimmt, uns das vorzustellen, kann allen Lobes gewiss sein. Die Trennung der Threads in Rubriken finde ich aber sehr sinnvoll. Zu Recht weist JR darauf hin, dass bei einer zu groben Vermischung schnell etwas untergeht - und dies oftmals unverdientermaßen. Besonders bei Vokalmusik, die bei uns ohnehin ein Schattendasein führt, wenn's nicht gerade Oper ist, täte mir das außerordentlich leid. Deshalb habe ich die Zuordnung des Threads mit Bedacht gewählt.


    Liebe Grüße, Ulrich


  • Hallo Johannes,


    bei Deinem Schwerpunkt in Richtung Vokalwerke ist deine Reaktion nachvollziehbar. Ich finde aber das "Deine" Vokalwerke ohne mit der Wimper zu zucken ruhig in der Instrumental-Werke-Reihe mit behandelt werden können.


    Ich finde, schon zur besseren Übersichtlichkeit, die Vorstellung von Komponisten und ihren sinfonischen Werken im Bereich der Klassischen Instrumentalaufnahmen voll in Ordnung.
    ;) In diesem Bereich fühle ich mich zudem immer am besten aufgehoben.
    Bei Allgemeine Klassikthemen ist zu viel anderes Themenmaterial gegeben, sodass einzelne Komponisten dann völlig untergehen.
    Ich suche mich da immer "zum Schänzchen".
    Zum Thema Kammermusik sollte man allerdings dort einen entsprechenden Thread öffnen.



    Zum Thema Berwald-Sinfonien:
    Aufgrund der derzeitigen Diskussion habe ich mich nach vielen Jahren (bestimmt 10) auch wiedermal mit Berwald: Sinfonie Nr.3, die ich zuerst wählte, beschäftigt.
    Auch weil die Reaktionen hier so einhellig positiv sind.


    Meinen damaligen Ersteindruck muß ich revidieren.
    Und ich muß sagen, dass ich die Järvi-Aufnahme mit dem hervorragenden Gothenburg SO (DG) wirklich gut finde und die Sinfonien mir sehr gut gefallen.


    :) Da jetzt nach Dausgaard (Brillant) noch eine weitere GA der Sinfonien mit Ehrling (BIS) ins Spiel gekommen ist, die vielleicht sogar noch besser ist, bin ich gespannt welche in der Gunst am besten abschneiden wird.



    :yes: Die Järvi-Aufnahmen (DG) wirken auf mich jedenfalls ansprechend - und positiv - ein Langeweiler ist Järvi nicht ! Die gefühlvollen Sätze werden sehr schön ausbalanciert und mit Hingabe präsentiert.
    Die Aufnahmen wirken auf mich so gut, wie wir Järvi aus seinen zahlreichen guten Einspielungen kennen.
    ;) Ich sehe jedenfalls derzeit keinen Grund diese um Dausgaard oder Ehrling zu erweitern - es sei denn es kommen hier noch ziehende Argumemte - dann wird es für mich auch teurer - wie ggf. bei Frank.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Zitat

    Original von Teleton
    bei Deinem Schwerpunkt in Richtung Vokalwerke ist deine Reaktion nachvollziehbar. Ich finde aber, daß "Deine" Vokalwerke ohne mit der Wimper zu zucken ruhig in der Instrumental-Werke-Reihe mit behandelt werden können.


    Es geht hier nicht um "meinen" Schwerpunkt, sondern generell darum, daß Vokalwerke, die ca. 50 % des Oeuvres der meisten Komponisten ausmachen eben nicht in der Rubrik 'Instrumentalwerke' abgehandelt werden können, schlicht weil es keine Instrumentalwerke sind! ;)
    Deshalb mein Vorschlag, die entsprechenden Threads in 'Allgemeine Klassikthemen' oder in eine neue Kategorie 'Komponistenvorstellungen' zu verschieben.


    :hello:
    Johannes

  • Liebe Berwald-Freunde,


    meine anfängliche Begeisterung für die Symphonien von Franz Berwald wurde ausgerechnet durch die hier so angepriesene dritte Symphonie getrübt. Das ist wieder mal typisch für mich; das Werk, das den meisten gefällt, lässt mich völlig kalt. Wie kann das sein? Beim hören der ersten beiden Symphonien hatte ich noch viel Spaß und freute mich darauf, die letzten beiden Werke zu hören. Was mir dann aber in der dritten Symphonie geboten wurde hat mich so gar nicht berührt. Ich kann das Lob, das dieser Symphonie ausgesprochen wird, nicht teilen. Der naive vierte Beitrag hat mir dann wieder etwas besser gefallen. Alles in allem ist Berwald für mich dann wohl eher ein Komponist aus der dritten Reihe. Einzig allein die tolle Aufnahme mit Sixten Ehrling und der frische und saubere Klang waren ausschlaggebend, das ich mir die letzten Werke überhaupt angehört habe.


    Da finde ich die 3 Streichquartette von Berwald interessanter.


    Eine wundervolle Aufnahme bietet ebenfalls das Label BIS:


    Streichquartette 1-3
    Yggdrasil Quartet



    Davidoff

    Verachtet mir die Meister nicht

  • Zitat

    Original von Davidoff
    Alles in allem ist Berwald für mich dann wohl eher ein Komponist aus der dritten Reihe.


    Und wer von seinen Zeitgenossen sitzt bei Dir in der 2. Reihe?
    :hello:

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister


    Und wer von seinen Zeitgenossen sitzt bei Dir in der 2. Reihe?


    Wird hier zwar niemandem gefallen: Franz Schubert sitzt in der zweiten Reihe neben Louis Spohr. In der ersten Reihe sitzen Ludwig van Beethoven und Robert Schumann (später dann Johannes Brahms).


    Wer in der letzten Reihe sitzt verrate ich lieber nicht, sonst schimpft Alfred. :D


    Davidoff

    Verachtet mir die Meister nicht

  • Ich würde die Zeitgenossen doch etwas enger fassen (auch wenn sich die Lebensdaten Berwalds mit Beethovens überschneiden); KSM hat sie ja freundlicherweise aufgelistet.
    Es geht auch weniger darum, wer irgendwie "besser" wäre, sondern darum, daß Berwald ein hochorigineller, sehr hörenswerter Komponist ist. Was ihm vielleicht fehlt, ist ein gewisser (melodischer) Charme (der vermutlich einzige Grund, warum die ersten 6 Schubert-Sinfonien so beliebt sind :stumm: ).
    Ebenso wird, wer Hyperromantik a la Berlioz sucht, mit dem etwas kühl wirkenden Klassizismus Berwalds nicht ganz warm werden.


    Ich setze Berwalds Sinfonien jedenfalls ziemlich weit nach vorn in der 2. Reihe, deutlich vor z.B. Gade (oder Spohr, wobei ich von dem noch keine Sinfonie gehört habe). Auch wenn vielleicht keine davon als Gesamtwerk so herausragt wie Schumanns 4. oder Mendelssohns 3. u. 4., so sehe ich hier nur sehr wenig Abstand und einzelne Sätze würde ich durchaus manchem bei Schumann und Mendelssohn vorziehen.


    Ich habe am Wochenende zwar nur die 3. Sinfonie richtig hören können (ich kenne den Rest auch, habe sie aber nicht ohne Wiederhören präsent) und schließe mich den positiven Kommentaren an. Meines Wissens ist das das erste Mal, daß jemand ein Scherzo als Mittelstück eines langsamen Satzes verwendet (es gibt natürlich gewisse Vorboten bei Haydn & Beethoven). Der eigenartige Eindruck, man höre trotz der eigentlich klassizistischen Haltung den "skandinavischen" Ton Nielsens und Sibelius heraus, obwohl gar keine volkstümlichen Klänge (wie bei Grieg) verwendet werden, wird ebenfalls von mir geteilt. Mag sein, daß es einerseits an einer gewissen "Kühle" liegt, dann an den irgendwie räumliche Weite evozierenden Steigerungen auf der Basis sehr simpler Motive (wie des Quartenmotivs). Am Satzschluss wird dann, fast ironisch?, die Quarte nochmal signalartig wiederholt herausgeschmettert. Insgesamt ein durchaus einprägsamer Ton, obwohl die Melodien und Motive als solche betrachtet, oft ziemlich unauffällig sind.


    Bevor jemand, der Interesse an Musik dieser Zeit hat, sich die 2. Gesamtaufnahme der Mendelssohnschen oder frühen Schubert-Sinfonien holt, kann man wirklich nur empfehlen mal in den Berwald hineinzuhören.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)