Dmitri Schostakowitsch

  • pianoflo


    Kleine Anregung noch für die Zulassungsarbeit:


    Hans-Klaus Jungheinrich hat sich in seinem Buch der "Musikroman" iin einem besonderen Kapitel (S. 205 ff.) mit Schostakowitsch beschäftigt. Er vertritt, dass die scheinbare Propagandamusik in einigen Werken oft eine Doppelbödigkeit hat und stellt für die verschiedenen Musikformen Zusammenhänge zwischen den aufeinander folgenden Sinfonien und anderen Werken her. Also mit einer einfachen Formel Propagandamusik wegen des übergroßen politischen Drucks muß man wohl vorsichtig sein, da lassen sich vielleicht auch noch weitere Schichten aufdecken.


    Ich fands spannend.


    Mit freundlichem Gruß


    Matthias

    Tobe Welt, und springe,
    Ich steh hier und singe.

  • @ Matthias


    Danke für den Tipp, ähnliche Bemerkungen zur Doppelbödigkeit der Propaganda-Musik Schostakowitschs finden sich auch in der Biographie von Kryztof Meyer und teilweise in den Memoiren.
    Leider dreht es sich bei meinem Thema nur um Jazz-Einflüsse, so dass der höchst interessante politische Aspekt aussen vor bleiben muss. (Der ist aber schon ausreichend dokumentiert)


    Trotzdem nochmal dankeschön für den Tipp, nach Abgabe der ZULA (in zwei Wochen :wacky:) werd ich mich evtl. mal in Ruhe damit auseinandersetzen


    Ciao, flo

    "Das Leben ist zu kurz für schlechte Musik"


    Wise Guys 2000

  • Liebe Taminos,


    kann mir jemand etwas über die analoge Aufnahme von Schostakowitschs 10. mit Karajan und dem BPO (1966) sagen? Besonders ein Vergleich zu seiner Digitalaufnahme (1982) würde mich sehr interessieren, da ich diese besitze und für sehr gelungen halte.


    Grüße
    nubar

  • Hallo nubar,
    ich habe dunkel in Erinnerung, dass mir mal ein Teilnehmer in einem anderen Forum schrieb, nachdem ich meine Begeisterung für Karajan's Digital-Einspielung Kund getan hatte, seine erste Einspielung aus den 60ern wäre noch erheblich besser. Ist aber natürlich nur eine Einzelmeinung, die damals auch nicht näher begründet wurde.

    Herzliche Grüße
    Uranus

  • -ich muss das so auffällig machen, weil ich nicht weiß, wohin mit diesem posting (andererseits wird ein ehrenwerter thread hier [vielleicht] wachgeküsst).
    also edwin,
    du weißt so vieles aus der ecke, vielleicht weißt du auch folgendes:
    schosta und mravinsky standen sich sehr nahe, haben sich dann aber entzweit. in volkovs "memoiren" sind nur ominöse andeutungen zu lesen, und alain pâris schreibt in seinem lexikon, dass sie sich "politisch" zerstritten hätten.
    wobei mich hier ja die richtungen interessieren würden, waren die doch beide "staatskünstler" und fern von der möglichkeit, sich frei politisch zu äußern/entwickeln/verwirklichen.
    ich hoffe, du fühlst dich nicht belästigt durch die direkte aufforderung, sondern gebauchpinselt durch die kompetenz, die ich dir zumesse.
    :hello:

  • Hallo Observator!
    Alle Bauchpinseleien bitte unterlassen, allwissend bin ich ja nun wirklich nicht. :angel:


    Mit Mrawinskij und Schostakowitsch war es so:
    Mrawinskij hat seine Gefühle und seine Meinungen nie nach außen getragen. Auch mit seinen engsten Freunden hatte er lediglich Musik als Gesprächsthema. Weder private Konflikte noch politische Ansichten hat Mrawinskij mit einem anderen Menschen ausgemacht als mit sich selbst. Sogar seiner engsten Umgebung hat er sich nie offenbart.
    Meiner Meinung sagt das genug aus über seine politische Haltung, denn so handelt in der Sowjetunion nur jemand, der die offizielle Politik nicht mag. Aber das ist nur meine Interpretation.


    Schwierig wurde es, als Schostakowitsch Mrawinskij seine 13. Symphonie zur Uraufführung anbot. Mrawinskij war zu dieser Zeit quasi Schostakowitschs "Hausdirigent", und Schostakowitsch ging davon aus, dass Mrawinskij bei der 13. keine Ausnahme machen würde.


    Es kam anders.


    Die 13. hat bekanntlich einen Text, nämlich Worte von Jewegenij Jewtuschenko - und die sind in höchstem Maße parteikritisch. Gleich der erste Satz nimmt den (vor der Öffentlichkeit schamhaft versteckten) sowjetischen Antisemitismus zum Ziel. Die restlichen Sätze befassen sich mit dem Leben in der Sowjetunion - und nehmen es kritisch und ironisch unter die Lupe.
    Kurz: Aus Sowjetperspektive ist Schostakowitschs 13. eigentlich eine Frechheit. Nur war die offzielle Linie (in der Folge der 12. Symphonie) gerade pro Schostakowitsch - andernfalls wäre das Werk wahrscheinlich in Gorkij oder sonstwo uraufgeführt worden und dann in der Versenkung verschwunden.
    (Immerhin redeten, als dann die Uraufführung unter Kondrschin angesetzt war, immer noch echte und weniger echte Freunde auf Schostakowitsch ein, er möge die Uraufführung absagen. Es fand sich auch zuerst kein Bassist, der den Part singen wollte. Die Sache war einfach zu heiß.)


    Für Mrawinskij ging dieses eindeutige politische Statement jedoch zu weit. Er hatte schlicht Angst, dass er nach dem langen mühevollen Aufbau seiner totalen politischen Unangreifbarkeit sich mit der Aufführung dieses Werkes ausliefern würde.
    Hätte sich Mrawinskij pro-sowjetisch engagiert gehabt, hätte er im Fall eines Angriffs auf ihn wenigstens seine pro-sowjetischen Taten anführen können. So aber war Mrawinskij praktisch ein unbeschriebenes Blatt - und das wollte er unbedingt erhalten.
    Also sagte er nein zu der Uraufführung. Und Schostakowitsch war verstimmt. Er konnte Mrawinskijs Vorsicht nicht akzeptieren und fühlte sich verraten. Zwischenmenschliche Unaufrichtigkeit war Schostakowitsch verhasst - und Mrawinskij hatte sich in seinen Augen genau dessen schuldig gemacht.
    Also gab Schostakowitsch die Uraufführung an Kondraschin weiter. Und auch die 14. und 15. Symphonie bekamen andere Dirigenten (Barschai und Maxim Schostakowitsch) zur Uraufführung. Schostakowitsch dürfte ernsthaft verstimmt gewesen sein.


    Allerdings hat Mrawinskij die 15. Symphonie nachdirigiert - sie scheint ihm ein Anliegen gewesen zu sein. Anders als die 13., die Mrawinskij nie mehr angerührt hat.

    ...

  • Leider kann ich im Moment das Zitat nicht finden, aber ich las in einem Interview mit Kurt Sanderling, der lange Zeit Mravinskys Assistent im damaligen Leningrad war, daß Mravinsky nicht aus Angst um seine Person das Dirigat der 13. Sinfonie verweigerte, sondern aus Fürsorge für die Choristen und Musiker, die die Uraufführung spielen sollten.


    Für das Programmbuch des diesjährigen Mikkeli Musik-Festivals, das eine Reihe von Schostakowitsch-Werken aufführt, fand ich Gedanken einiger Dirigenten zu diesem Komponisten, und zwar von von Gergiev, Jansons, Ashkenazy und Kurt Sanderling. Ich bitte um Entschuldigung, daß ich mir die Mühe erspare, sie aus dem Englischen zu übersetzen.


    Some conductors’ thoughts of Shostakovich


    Valery Gergiev, born 1953 in Moscow


    “Shostakovich was given fantastic strength because he was there to resist. He was there to remember, to document and not let go. He found his own way of silent opposition. He didn’t give many interviews. He didn’t describe what it was for him to be a composer, or what he thought of Stalin. He found a way of becoming stronger after the series of attacks on him…
    I spend a lot of time talking to people who knew Shostakovich, but that does not replace your artistic instinct. It helps, if people understand directly or indirectly the biographical cornerstones, but, after my generation, people will treat his symphonies from the purely musical point of view, rather than reading about the political situation and deciding on the tempo or the phrasing…
    If you give a score of Shostakovich to someone who did not live in Leningrad, he can make a fantastic performance if he is a great artist."


    Mariss Jansons, born 1943 in Riga


    ‘'In Shostakovich's music, I feel in almost every bar associations with the atmosphere and life of the time, with the individual that he was…
    I am completely convinced that, if Shostakovich had been a writer or a poet, they would have killed him, like many others. But music is abstract. Words can obviously be seen to be against the regime, but Shostakovich could write a symphony and say, 'Look, this is glorifying our system', whereas we know it is not - and he knows too.
    I personally think he was not pro-Communist, because generally his music is not pro-Communist. All those things he said and wrote, you can forget about. He had to speak, because they expected it of him as a leading figure. If Stalin calls you directly, you are afraid, because you expect that perhaps tomorrow you will be in Siberia. People ask why he made such speeches, but I would like to see how those people who criticise him would have lived in Russia at that time. “


    Vladimir Ashkenazy, born 1937 in Gorki, defected to England in 1963


    “With the constant brainwashing of the propaganda in the Soviet Union it would have been difficult to remain sane for the sanest of people. It is very hard for you to conceive how it was, to be living in the former Soviet Union. You can become a schizophrenic, in the sense that you try to retain your 'inner world' somehow and yet in public, in your daily work and relationships with other people, you have to be someone else. You can't really be yourself, you can't speak your mind.
    He knew, I'm sure, that if he wrote pieces of ‘glory’ to Stalin he'd be able do his own job, so to speak - his planned path as a great composer and a great individual - if he writes his Eleventh Symphony, Twelfth Symphony, the Song of the Forests and so on. 'Why don't I write it? I'll pay them off! Then I can write the Thirteenth, Fourteenth, Fifteenth.'”


    Kurt Sanderling, born 1912 in Arys (formerly East Prussia), emigrated 1936 to the USSR, from 1941 – 1960 guest conductor of Leningrad Philharmonic.


    “I’m sure it’s not possible to describe a person in a few sentences, and certainly not someone as contradictory as Shostakovich. Contradictory because at the time one had to lead two lives: one for the public eye, the other privately. Outside the Soviet Union he was too frequently judged by the way he had to behave and the sort of person he seemed to be in public, and the message he conveyed through his music wasn’t understood.”


    Beste Grüße


    Sune

  • Die Sanderling-Aussage ist mir neu, aber ich halte das durchaus für eine Möglichkeit. Mrawinskij hat durch seine kluge Taktik der Vermeidung jeder persönlichen Äußerung nicht nur sich selbst sondern auch das Orchester unangreifbar gemacht; ich kann mir vorstellen, dass er diesen Schutzwall mit einer politisch eindeutigen Aktion nicht gefährden wollte.


    Ich muss jetzt allerdings noch etwas nachtragen. Nachdem ich jetzt noch einmal die Schostakowitsch-Memoiren durchgenommen habe, scheint es zwischen Mrawinskij und Schostakowitsch doch größere Differenzen bezüglich der Interpretation auch anderer Werke gegeben zu haben (vorausgesetzt, man glaubt den Memoiren). Schostakowitsch äußert sich da sehr giftig über einen Künstler, "der sich für den besten Interpreten meiner Werke hält" und der vom Memoiren-Herausgeber Solomon Wolkow als Mrawinskij identifiziert wird. Angeblich hat Mrawinskij die Final-Sätze der 5. und 7. Symphonie als Triumph-Finali aufgefasst, die Schostakowitsch lediglich kompositionstechnisch etwas missglückt seien, während Schostakowitsch ja in Wahrheit einen erzwungenen Jubel, einen Jubel unter Tränen darstellen wollte.


    Wobei es natürlich möglich ist, dass Schostakowitsch mit dieser Aussage seiner Kränkung Ausdruck verleiht, die er durch Mrawinskij erfahren hat. Und inwiefern jedes Wort in diesen Memoiren wirklich von Schostakowitsch ist, bleibt ja obendrein zweifelhaft.

    ...

  • Zitat

    Original von Uwe
    Hallo Taministen,


    Genosse Schostakowitsch ..............egal, wer dirigiert, nicht viel abzugewinnen: unmelodiös und ohne Spannung.
    Uwe


    Schostakowitsch hat aber doch auch regelrechte Unterhaltungsmusik geschrieben. Die Ballettsuiten sind IMO alles andere als "unmelodiös". Ich habe diese Doppel CD mit Järvi; "sperrig" ist da allenfalls die Suite aus Katerina Ismailova.


    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Ich muss jetzt allerdings noch etwas nachtragen. Nachdem ich jetzt noch einmal die Schostakowitsch-Memoiren durchgenommen habe, scheint es zwischen Mrawinskij und Schostakowitsch doch größere Differenzen bezüglich der Interpretation auch anderer Werke gegeben zu haben (vorausgesetzt, man glaubt den Memoiren). Schostakowitsch äußert sich da sehr giftig über einen Künstler, "der sich für den besten Interpreten meiner Werke hält" und der vom Memoiren-Herausgeber Solomon Wolkow als Mrawinskij identifiziert wird. Angeblich hat Mrawinskij die Final-Sätze der 5. und 7. Symphonie als Triumph-Finali aufgefasst, die Schostakowitsch lediglich kompositionstechnisch etwas missglückt seien, während Schostakowitsch ja in Wahrheit einen erzwungenen Jubel, einen Jubel unter Tränen darstellen wollte.


    Hallo Edwin,


    ich habe mir daraufhin nochmal das Finale der 5. mit Mrawinskij angehört und kann das mit dem "Triumph-Finale" überhaupt nicht nachvollziehen. Der Schlußjubel klingt absolut mechanisch und "falsch", was noch unterstrichen wird durch das gemessene Tempo, das sich auch zum Ende hin nicht beschleunigt.


    Im Gegensatz dazu paßt die Charakterisierung haargenau auf die Interpretation von Bernstein, der die Symphonie jeder Doppelbödigkeit entkleidete (ich erinnere mich da an den Ausschnitt aus "The Art of Conducting", wo er das Stück in London aufführte und seinem Affen am Schluß mächtig Zucker gab).


    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Über die Bernstein-Aufnahme breiten wir überhaupt einmal den Mantel des Schweigens...


    Lustig: Ich hab's genau so gemacht wie Du, und zwar mit der Mrawinskij-5. aus dem Jahr 1954 - und mir ging's ebenso wie Dir. Ich finde das nicht triumphal, für mich klingt das nach einem daneben gegangenen Jubel, ein Triumph, der sich in Klangkraft, aber nicht in Dichte entlädt.
    Es mag sein, dass Kondraschins Einspielung aggressiver und beklemmender ist. Aber zu behaupten, dass Mrawinskij eine Art affirmative Parade daraus macht, finde ich zumindest kühn.


    Aber wie ich schon gesagt habe: Den Memoiren ist nur bedingt zu trauen, zumal die Anti-Mrawinskij-Aussage aus einem späten Kapitel stammt, bei dem Wolkow keine Gegenzeichnung seitens Schostakowitschs mehr vorlegen kann. Außerdem: Schostakowitsch selbst nennt keinen Namen; ich halte es für möglich, dass Wolkow Mrawinskij identifiziert, weil er ihn identifizieren will.

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Den Memoiren ist nur bedingt zu trauen, zumal die Anti-Mrawinskij-Aussage aus einem späten Kapitel stammt, bei dem Wolkow keine Gegenzeichnung seitens Schostakowitschs mehr vorlegen kann. Außerdem: Schostakowitsch selbst nennt keinen Namen; ich halte es für möglich, dass Wolkow Mrawinskij identifiziert, weil er ihn identifizieren will.


    Zu diesem Schluß würde auch ich kommen, denn es gibt Aussagen sowohl von DSchs Witwe Irina als auch von seinem Sohn Maxim, die sich von Volkovs "Memoiren" distanzieren und meinen, es sei mehr ein Buch über als von DSch.


    Nach allem, was ich mir über diesen Komponisten angelesen habe, kann ich mir nicht vorstellen, daß er gegenüber einem ihm relativ wenig Vertrauten mit einer derartigen Offenheit (auch, was Namen angeht) gesprochen hat. Über DSchs Vorsicht im Umgang mit allem, was für ihn eine Gefahr bedeutet hätte, gibt ein interessantes Buch Aufschluß :


    Dmitri Schostakowitsch : Chaos statt Musik / Briefe an einen Freund. Herausgegeben und kommentiert von Isaak Dawydowitsch Glikman.


    Sehr empfehlenswert!!!


    Sune

  • Zitat

    Sehr empfehlenswert!!!


    Nur leider fast nicht aufzutreiben. Neu überhaupt nicht, und beim zvab findet man's alle heiligen Zeiten einmal.


    Was mich bei Wolkow so irritiert, ist folgendes: Jeder, der mit Schostakowitsch zu tun hatte (auch Wolkow selbst), führt als eines der erstaunlichsten Details Schostakowitschs Gedächtnis an. Der Mann konnte nicht nur ganze Musikwerke detailliert auswendig, sondern auch eine mittlere Bibliothek: Seitenweise Tschechow, Puschkin, Lermontow etc. etc.
    Aber in den Memoiren kommen seltsame Irrtümer vor. So berichtet Schostakowitsch, dass er auf dem Konservatorium oft ein "Konzert für Klavier und Streichorchester" von Strawinskij gespielt habe. Welches Werk soll das sein? Kann Schostakowitsch das Konzert für Klavier und Bläser gemeint haben? Aber solch einen Irrtum in einer spezifischen Klangfarbe halte ich bei Schostakowitsch nicht für wahrscheinlich. Dass er einem Musikwissenschaftler wie Wolkow unterlaufen kann, glaube ich hingegen sofort...


    Was mich weiters stutzig macht: Schostakowitsch betont immer wieder, er wolle nicht über sich selbst sprechen, sondern er wolle sich an die Menschen erinnern, mit denen er zu tun hatte. Und in diesem Zusammenhang gibt es (bitte wieder an Schostakowitschs phänomenales Gedächtnis denken!) seltsame Lücken.
    Mit keinem Wort erwähnt er Britten, immerhin der Widmungsträger seiner 14. Symphonie und mehreren Biografen (sowohl Schostakowitschs als auch Brittens) zufolge einer der wenigen Komponisten, mit denen Schostakowitsch eine Art Gedankenaustausch pflegte. Rostropowitsch, der als Anti-Kommunist Schostakowitsch nahe gestanden sein muss, kommt nur als diplomatischer Vermittler vor, die Sopranistin Galina Wischnewskaja, Ehefrau von Rostropowitsch und eine von Schostakowitschs bevorzugten Interpretinnen, auch sie eine überzeugte Anti-Kommunistin, wird nur beiläufig erwähnt. Kyrill Kondraschin, Dirigent der ersten kompletten Einspielung der Schostakowitsch-Symphonien, ebenfalls überzeugter Anti-Stalinist, kommt überhaupt nicht vor - nicht einmal im Zusammenhang mit der stürmisch umkämpften Uraufführung der 13. Symphonie, für die sich Kondraschin gefährlich exponierte.
    etc. etc.


    Wiederum: Unterlaufen diese Lücken Schostakowitsch selbst, wundere ich mich. Unterlaufen sie einem Musikwissenschaftler, der ein bestimmtes Ziel vor Augen hat und alles weglässt, was davon ablenkt, wundere ich mich wesentlich weniger.
    Dazu kommen noch, Sune hat's angeführt, die Bedenken von Schostakowitschs Ehefrau und seinem Sohn Maxim (der in der Beurteilung schwankt, zuerst sprach er von Fälschung, später soll er die Echtheit anerkannt, dann aber wieder Zweifel geäußert haben).
    Ich glaube, dass die Memoiren ein gutes Bild davon zeichnen, in welcher Lage Schostakowitsch war. Als sozusagen autorisierte Grundlage eines Schostakowitsch-Bildes sind sie aber mit äußerster Vorsicht zu genießen.

    ...

  • Hallo Misha,


    ich habe deinen Beitrag erst heute gelesen.
    Die hervorragnde Chandos-Järvi-Doppel-CD mit den Fünf Ballettsuiten und der Katerina Ismailowa-Suite.
    Was allerdings an der Katerina Ismailowa - Suite sprerrig sein soll, wie Du schreibst ist mit Rätselhaft. Diese Suite gehört für mich zum Besten was auf diesen zwei CD´s an Orchestersuiten vorhanden ist und wird von mir oft gehört - eine spannende und tiefgehende Musik von Schostakowitsch.


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    Ein anderes Thema:
    Schostakowitsch - Sinfonie Nr.1 mit Maris Jansons



    ?( Diese CD habe ich mir 10/2005 wegen den Klavierkonzerten gekauft, die mir aber zu wenig Spielwitz aufweisen und zu langsam interpretiert werden.
    Die "Beigabe" Sinfonie Nr.1 überzeugt mich ebenso wenig. Die Sinfonie wirkt belanglos und konventionell unter M.Jansons., die geniale Paukenstelle im letzten Satz klingt brav, fast wattiert.
    Kondraschin, Roshdestwensky und Barschai werden von Jansons in dieser Sinfonie nirgendwo erreicht !


    :hello: Nun meine Frage:
    In der Kritik, auch hier im Forum, werden die Jansons-Schostakowitsch Aufnahmen der Sinfonien gelobt und haben allgemein gute Kritiken.
    Ich kenne bis auf die Sinf.Nr.1 keine weiteren Jansons-Schosty-Aufnahmen.
    Wie sieht es mit den späteren Sinfonien unter Jansons aus ?
    Nach der Nr.1 kann ich mir nicht vorstellen das diese herausragend sind !

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Jansons liebt Schostakowitsch, ist aber kein idealer Interpret. Interessant ist, dass er durch seinen Vater Arvid Jansons mit Mrawinskij verbunden ist und dessen Partituren als Grundlage für seine eigenen Interpretationen verwendet. Soviel zum Hintergrund.


    Jansons Schostakowitsch-Aufnahmen erstrecken sich über einen ziemlich langen Zeitraum, in dem Jansons einmal sehr gute, dann wieder sehr schwache Phasen hatte. Erschwerend kommt hinzu, dass Jansons nahezu alle Aufnahmen mit West-Orchestern gemacht hat, für die Schostakowitsch eher eine Angelegenheit der Brillanz als des Herzens ist. Insoferne halte ich Jansons "Achte" für den Tiefstpunkt.


    Gut ist seine "Siebente" (kein Wunder, da hat er mit den St. Petersburgern auch das richtige Orchester dafür), relativ gut ist seine Sechste, die er Mrawinskij nachdirigiert. Wirklich haben muss man meiner Meinung nach aber keine der Jansons'schen Schostakowitsch-Einspielungen. Vor allem dann nicht, wenn man Mrawinskij und Kondraschin hat.


    Barschai hat es geschafft, ein West-Orchester fast so körnig und hart klingen zu lassen wie ein russisches - und natürlich ist Barschai ein Schostakowitsch-Interpret reinsten Wassers. Daher sind seine Aufnahmen fabelhaft und gehören sicher zu den bedeutenden Zyklen. Ebenso glänzend ist der derzeit nicht zu bekommende Roschdestwenskij, der die Symphonien pathetischer angeht, mit mehr Druck und gewaltigen Entladungen - nicht in allen Punkten mein Fall, er knüppelt einen einfach nieder. Aber gegen solche Einspielungen ist Jansons eben doch nur ein laues Lüftchen, das die Notentexte sehr genau buchstabiert.

    ...

  • Hallo Uwe,
    Ihr Hinweis auf eine Aufnahme der Michelangelo-Suite op. 145A von Schostakowitsch mit Evgeni Nesterenko hat mich sehr aufmerksam und neugierig gemacht. Glaubte ich doch, die CD mit Fi-Di sei die beste von denen, die ich auch noch besitze (noch 3 andere), wäre ich an einer Anhörung sehr interessiert. Können Sie mir helfen? Ich wäre Ihnen unendlich dankbar.
    Am 15. Oktober dirigiere ich dieses Werk in Russland, deshalb wäre ich für eine baldige Nachricht sehr dankbar.
    Viele Grüße nach HH. Bin Norddeutscher, auch wenn ich im Süden lebe.
    Tschüß!
    Eckart
    06806-3717 oder mail

  • hallo,


    ich teile edwins einschätzung der jansons aufnahmen. habe sie mir kürzlich zu einem recht günstigen preis gekauft, bin aber ziehmlich enttäuscht. die interpretationen sind durch die bank viel zu brav, schön herunter gespielt, lassen aber intensives gefühl und feuer vermissen.


    wenn schon ein ganzer zyklus, dann barshai, der ja noch dazu ein schnäppchen ist. oder natürlich kondrashin, der ist aber im moment schwer erhältlich. dessen aufnahmen (ich habe 2, 7, 9, 11, 14, 15) sind meine favoriten.


    greetings, uhlmann

  • Hallo Schostakowitsch-Freunde,


    heute am 25.09.2006 ist der Geburtstag eines der größten Komponisten aller Zeiten: :angel:Dimitri Schostakowitsch :angel:.


    Ein Komponist der zu seinen Lebzeiten ewig mit Sanktionen, politischer Bedrohung und Aufführungsverboten durch die politischen Diktatoren (Stalin) zu rechnen hatte. Dann folgten wieder Staatsaufträge und Reiseerlaubnisse für Schostakowitsch nach dem Motto: Zuckerbrot und Peitsche. Erst nach Stalins Tod wurde diese Methode allmählich abgebaut - der Künsteler blieb aber traumatisiert zurück.
    Ich wage nicht daran zu denken, wie Schostakowitsch´s Werke ohne die beeinflussenden Einwirkungen der Diktatoren ausgesehen hätten !
    Selbst durch Breschnew wurde Schostakowitsch noch bedrängt, was ebenfalls nicht ohne Einfluß auf die Werke aus jener Zeit war.


    Solche diktatorischen Einflüsse sind in jedem Falle zu verwerfen.
    Andererseits muß ich die Frage stellen, ob wir ohne diese politischen Einflüsse eine solch große Anzahl tiefgehender Werke von Schostakowitsch erhalten hätten ? Hätte er ohne äußeren Druck jemals so eine fantastische mit verstecktem Protest enthaltene Sinfonie Nr.5 geschrieben ? Seine Sinfonie Nr.9, vollgespickt mit ironischem Witz, hätte ganz anders ausgesehen !


    Schostakowitsch hat mehr als jeder andere Komponist seinen Protest zur Doktrin in seinen Kompositionen eingebaut und dabei einen geschickten Kunstgriff getätigt, daß die Machthaber es oft gar nicht merkten, der musikalisch aufgeschlosse Mensch und die musikalische Nachwelt aber doch.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Hallo Schostakowitsch-Freunde,


    wenn Edwin allgemein schreibt "über Bernsteinstein´s Schostakowitsch - Interpretationen sollte man den Mantel des Schweigens ausbreiten", dann ist das für mich trotzdem kein Grund dies nicht mal zu hören.


    Zumal ich von Bernstein´s Aufnahme der Sinfonie Nr.5 auf CBS (1975Tokyo-Live) sehr angetan war, habe ich mir meine heißheliebte Nr.9 mit der alten Aufnahnme der Nr.5 bei caiman bestellt (günstiger geht es nicht :D ).

    Schostakowitsch:
    Sinfonien Nr.5 und 9

    SONY Aufnahmen 1959(Nr.5) und 1965 (Nr.9)


    Die CBS-Aufnahmen haben offenbar nicht das interpretatorische Missverständniss Bernstein´s der DG-Aufnahmen, die die Sinf.Nr.9 zur "Operetten-Brassbalade" abstuft . Mit der alten Aufnahme der Sinfonie Nr.5, die hervorragend remastert ist kann man voll zufrieden sein - Bernstein in TOP-Form. Die Sinfonie Nr.9 ist auch mit ihrem ironischen Spielwitz nicht schlecht getroffen, wenn gleich hier Kondraschin natürlich unschlagbar ist.


    Der amerikanische Bläsersound bei Bernstein, den ich nicht als Brasssound umschreiben würde, stört mich nicht so, wie Edwin.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Im Radio, wo gerade die 5. Symphonie spielt, aufgenommen vorgestern im Musikverein, Dmitri Kitajenko dirigierte das Radio-Symphonieorchester Wien, wurde eben gesagt, dass Kitajenko einer der bedeutendsten Schostakowitsch-Dirigenten wäre und seine Gesamtaufnahme mit dem Kölner Gürzenich-Orchester mit mehreren Preisen bedacht wurde. Kann jemand von euch etwas dazu sagen? Für mich waren das gerade eben Neuheiten. Das Konzert finde ich übrigens sehr aufregend. Vorhin gab es ein Violakonzert von Schnittke.

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Na ja, das sind schon recht gute klangmächtige Einspielungen und Kitaenko hat zum Thema Schostakowitsch sicher einiges beizutragen. Aber so umwerfend finde ich die Einspielungen nicht - liegt am Orchester, dessen Konturen einfach zu weich und dessen Klang zu edel ist.
    Ich gebe jedem, der sich einen kompletten Schosta-Zyklus zulegen will, den Rat, ein wenig zu warten, bis die Einspielungen unter Maxim Schostakowitsch erscheinen, in etwa zwei Wochen kann ich vielleicht etwas mehr zum Thema sagen, sollte die Lieferung pünktlich eintreffen.
    :hello:

    ...

  • Hallo Edwin,


    ich habe es gerade bei jpc gesehen, da wird die Maxim Schostakowitsch - GA aller Sinfonien für knapp 90,-€ ab dem 20.10.2006 angeboten.


    Das Orchester der Sinfonien-GA ist das Prag SO - - - ich bin gespannt ob dies das "richtige" Orchester für die Schostakowitsch-Sinfonien ist !?!
    Das Maxim "der" Interpret seines Vaters ist, davon konnte ich mich bisher Live in der Beethovenhalle Bonn und auf LP mit der Aufnahme der Sinfonie Nr.15 (Eurodisc) überzeugen.
    Leider gilt dies nicht für seine Aufnahme der Cellokonzerte mit Schiff,Cello.


    Schade das Maxim Schostakowitsch die Aufnahmen nicht in Moskau oder Leningrad machen konnte. Ich vermute politische Gründe ?
    Hat M.Schostakowitsch seinen Wohnsitz im Ausland (immer noch GB?) ?

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Hallo Wolfgang,


    in dem schon vom Observator erwähnten Septemberheft des FonoForum war auch ein Interview mit Maxim Schostakowitsch. 1981 ist er in die USA emigriert, wo er m.W. bis heute lebt. Seine Einspielung der 15. bei Eurodisc (er war ja auch der Uraufführungsdirigent) fand ich sehr überzeugend, habe ich aber lange nicht mehr gehört.


    Aus dem erwähnten Kitajenko-Interview ist mir noch in Erinnerung, dass er Kyrill Kondrashins Schostakowitsch-Dirigate zwar prinzipiell lobt, ihnen aber zu wenig Sinn für Klangfarbe unterstellt. Naja.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Ich bin seit heute Vormittag Besitzer der Maxim-Schostakowitsch-Einspielungen, die in meinem Stammgeschäft (Da Caruso in Wien) für knapp 80 Euro zu haben ist.
    Bisher gehört: 5., 8.
    Meine Begeisterung ist grenzenlos. Zumindest diese beiden Einspielungen sind rückhaltlos leidenschaftlich, sie teilen Schmerz, Verzweiflung, Agonie und Resignation auf eine dermaßen direkte Weise mit, daß es die Tränen in die Augen treibt.
    Das Orchester ist fabelhaft, der Klang ist ziemlich "russisch", nur den Blechbläsern feht es im fortissimo etwas an beißender Attacke; aber die Bandbreite von Zerbrechlichkeit über Klangschönheit bis zu grellem Aufschrei ist vorhanden.
    Soweit einmal die ersten Eindrücke.
    :hello:

    ...

  • Ich bitte um noch mehr Anmerkungen dazu! Ich bin verblüfft, denn jüngst - als ich nicht ins Konzert konnte - war er bei uns mit der 15. zu hören und ich habe nur enttäuschendes darüber gehört.

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Ich habe auf der Homepage vorbeigeschaut und bin auch ganz neugierig geworden auf die Aufnahmen mit Maxim Schostakowitsch.


    "http://www.supraphon.com/en/catalogue/news/?item=373"

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Hallo liebe TaminoanerInnen
    Kürzlich befassten wir uns etwas eingehender mit der 1. Sinfonie Schostakowitschs. Wir haben keinen eigenen Thread gefunden und schreiben deshalb unsere Eindrücke zur 1. Sinfonie in diesen allgemeinen Thread.
    Er war noch keine 17 Jahre alt, als er sich im Sommer 1923 mit dem Gedanken an eine Sinfonie beschäftigte; die richtige Ausarbeitung erfolgte dann im Oktober 1924, und das Werk wurde am 1. Juli 1925 beendet; Schostakowitsch reichte seine Erste als Diplomarbeit am Leningrader Konservatorium ein.
    Die erfolgreiche Uraufführung am 12. Mai 1926 in Leningrad brachte dem jungen Komponisten internationalen Anerkennung. In den folgenden Jahren wurde das Werk bereits im Ausland durch Bruno Walter, Leopold Stokowski und Arturo Toscanini aufgeführt.


    Wir haben fünf Interpretationen miteinander verglichen;


    Russisches Nationalorchester, Vladimir Jurowski
    Aufnahme Oktober 2004, PentaTone
    Diese Aufnahme ist für uns viel zu langsam und unpräzise gespielt und sagte uns gar nicht zu.


    Gürzenich-Orchester Köln, Dmitrij Kitajenko
    Aufnahme 3.7.-7.7.2004, Capriccio
    Kitajenko beginnt mit wenig Schwung mit einigen Unpräzisheiten, das Klarinettensolo eher schwach, insgesamt ein bisschen grob, das Scherzo ruppig, um 2 Takte zu frühes Acelerando und zu braves Klaviersolo.


    Tschechisches Philharmonisches Orchester, Karel Ancerl
    Aufnahme 7.4.-10.4.1964, Supraphon
    1. Satz sehr präzise gespielt, mit viel Witz gespielte Trompete und Piccolo, eher helles Klangbild, das Scherzo mit opernhaftem Spannungsaufbau, zum Teil freier Notentextumgang und grossem Drive, schönes Tristan Motiv im dritten Satz mit vollem Orchester, etwas zu dezente Streicher und ein Hauch zu langsam, das Cellosolo zu wenig Schmelz, üppig und romantisch, kleine dynamische Abstufungen am Schluss, wunderbares Orchester. Eine schöne Aufnahme mit wenigen Schwachpunkten.


    Berliner Philharmoniker, Mariss Jansons
    Aufnahme Juni 1994;EMI
    1. Satz zum Walzer hin verlangsamtes Tempo, nimmt gewisse Freiheiten gegenüber dem Notentext in Kauf. Gutes Orchester, partiell etwas eigenwillig interpretiert, das Scherzo wunderschön vorgetragen, im dritten Satz wunderbares Cello-Solostelle farbig vorgetragen, schöne Dynamik und wunderbares Crescendo, auch schöne Hörner, Schlusssatz mit zusammenhängendem Komplex, sehr organisch. Eine insgesamt sehr schöne Aufnahme mit einem etwas schwächerem ersten Satz.


    WDR Sinfonieorchester, Rudolf Barshai
    Aufnahme 30.9. - 3.10.1994, Philharmonie Köln Brilliant Classics
    Erster Satz sehr schön, etwas leise Fagotte, sehr inspiriert mit Witz und transparent gespielt, schöne Crescendo, das Scherzo mit mustergültigem Acelerando und wunderbar funkelndem Klavier, der dritte Satz transparent mit korrektem Tempo und guten Hörnern, Cello und Vibrato und unerbitterlichen Trompeten, im Schlusssatz mit schönen Geigen, sehr existentiell und wenig stark herausgehobene Extreme als bei Jansons.



    Die Dirigenten der von uns präferierten beiden Aufnahmen Barshais und Jansons kannten beide den Komponisten noch persönlich, kommen aber zu unterschiedlichen Interpretationen. Jansons mit den hervorragenden Berlinern hört alles fein aus, wird nie pathetisch und schlägt einen perfekten Bogen über alle vier Sätze. Barshais Version klingt schärfer, trockener und moderner und dringt trotzdem weit unter die Oberfläche vor.


    Welche Hörerfahrungen wurden von Euch mit der ersten Sinfonie gemacht?


    Herzliche Grüsse


    romeo&julia

  • Hallo Romeo und Julia,


    was hindert Euch einen neuen Thread zu Schotakowitsch´s Sinfonie Nr.1 aufzumachen, wenn keiner da ist ?
    Man sollte diesen öffnen und diese Beiträge entspechend verschieben.


    Bei den von Euch vorgestellten Aufnahmen ist meiner Meinung nach nur eine dabei, die Schostakowitsch autentisch trifft - die Barshai-Aufnahme, die nur vom Orchester her nicht so russisch klingt, wie es IMO sein sollte.


    Die Sinfonie Nr.1 gehört zu den Schostakowitsch-Sinfonien, die ich sehr gerne höre und als tollen Geniestreich des damaligen Musikstudenten einstufe. Die Sinfonie Nr.1 hatte damals nicht nur im Heimatland großen Erfolg sondern auch bei der Aufführung in den USA - kein Wunder.


    Meine erste Aufnahme, mit der ich diese Sinfonie mit großer Begeisterung kennenlernte war die Kondraschin-Aufnahme (Eurodisc), die nun wirklich aus ganz anderem Holz geschnitzt ist, als Beispielsweise die Jansons-EMI-Aufnahme.
    Die Jansons-EMI-CD hatte ich mir zum Interpretationsvergleich für die Klavierkonzerten Nr.1 und 2 gekauft (ich berichtete darüber im Klaviertkonzerte - Thread). M.Rudi , den ich schon bei Rachmaninoff in besserer Erinnerung hatte, ist viel zu langsam und ohne Feuer. Das gleiche Interpretationskonzept scheint mir auch bei Jansons bei der Sinfonie Nr.1 vorzuherschen - die Interpretation wirkt auf mich einfach nichtssagend und langweilig. Es mag ja sein, wie ihr schreibt, das die Berliner PH perfekt und schön spielen (wie soll es bei den Berlinern anders sein - die sind immer TOP), aber das Ergebnis ist IMO nicht sehr gut getroffen.


    :] Ich möchte daher auf zwei Aufnahmen hinweisen, die Schostakowitsch´s Sinfonie Nr.1 so interpretieren, wie es diesem Werk angemessen ist:
    1. die angesprochene Kondraschin-Aufnahme mit der Moskauer PH, die auch klanglich gut geraten ist (ich verstehe nicht warum manche den Klang bei den Kondraschin-Aufnahmen immer bemängeln - meine Eurodisc-LP gehört zu den TOP-LP´s, die AULOS-Aufnahme auf CD werde ich mir irgendwann besorgen, da das AULOS-Remastering die gestrichenen Melodia-CD´s übertrifft). Kondraschin trifft mit dem russischen Orchester natürlich den richtigen Ton und hällt das Werk unter Spannung- einfach Klasse.
    2. noch schärfer im Ton, mit unglaublichem Gänsehautfaktor, quasi an "jeder Ecke" in der Sinfonie ist die Roshdestwensky-Aufnahme mit gleichem Orchester (Eurodisc-CD) - dies ist, wie bei fast allen Schostakowitsch-Sinfonien, mein Favorit.


    Ich bin jetzt gespannt, was Edwin über die neue Maxim Schostakowitsch-Aufnahme mit dem Prager SO zur Aufnahme der Sinfonie Nr.1 schreibt.
    Ich denke, die muß ich auch noch haben :D !

    Gruß aus Bonn, Wolfgang