Dietrich Fischer Dieskau - eine Referenz

  • Sehr hübsch und zutreffend schreibt das allseits bekannte online-Lexikon zum Begriff "maniriert": "Haltung oder Sprechweise, die als gekünstelt, geziert, pathetisch oder schwüstig empfunden wird" - Unterstreichung von mir. Es liegt im Auge des Betrachters, hier wohl richtiger "im Ohr des Hörers"...

    Lieber Udo,


    aber das ist nicht grundlos. Wo die Grenze liegt, was als "manieriert" empfunden wird, ist abhängig von einem ästhetischen Werturteil. Wenn die sogenannte "Empfindsamkeit" die natürliche, schlicht gesungene Melodie zum Maßstab erhebt, dann gerät der rhetorische Vortragsstil, der von Natur aus "übertreibt", weil sein Sinn die deklamatorische Wortverdeutlichung ist, generell in den Verdacht des Manierierten. Die Empfindsamkeit - vor allem die romantische dann auch - ist nicht zufällig rhetorikkritisch. Das Problem bei der Empfindsamkeit ist, dass sie den rhetorischen Stil nicht mehr differenziert betrachten kann. Der rhetorische Stil will auch gar nicht "natürlich" sein, er ist - wie die Barockästhetik - eine Ästhetik nicht des Natur-, sondern des Kunstschönen. Die gewisse Übertreibung, die zur rhetorischen Deklamation als einem betont artifiziellen Stil gehört, wird erst dann manieriert, wenn sie ein bestimmtes Maß übersteigt. Es gibt eine schöne Thomas Mann-Parodie von Armin Eichholz. Thomas Manns hochartifizieller Schreibstil ist immer an der Grenze zum Manierierten. Wir haben damals im germanistischen Seminar diese Parodie ("Der Sturz") besprochen. Da meinte unser Professor (Jürgen Born): An dieser Parodie sieht man die hohe Kunst von Thomas Mann. Wenn man nur eine Spur mehr übertreibt, kippt dieser Stil sofort ins Lächerliche - dann ist das nur noch Manierismus. Genau diese Grenze überschreitet Thomas Mann aber nicht, das ist seine große Kunst - Thomas Manns Stil ist artifiziell, aber nicht manieriert. Und genau das würde ich zu Fischer-Dieskau sagen. Seinen rhetorisch-deklamatorischen Gesangsstil muss man nicht mögen - wer "empfindsames" natürliches Singen mag und keine Rhetorik, der mag Fischer-Dieskau nicht. Aber genauso wenig wie Thomas Mann die Grenze zum Manierierten jemals überschreitet, überschreitet sie Fischer-Dieskau. Ich habe Fischer-Dieskau noch nie als "manieriert" empfunden. :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Wie das?, - lieber udohasso?


    Die Erfahrung von Vergänglichkeit als etwas, das "froh" stimmt?


    Musik ist klanglich konkretisierte und strukturierte Zeit. Also solche ist sie wesenhaft vergänglich, und im Akt ihrer Rezeption kann sich eben gerade deshalb so etwas wie Beglückung einstellen.


    Lieber Helmut Hofmann ich fand es drollig, dass Du Dir die an mich gestellte Frage selbst beantwortest, und das gar nicht mal so schlecht...


    :)


    Die Heroen meiner frühen Jahre waren ausnahmslos Provinzgrößen, die den Tonträgern entgingen. Einer Konservierungsmethode, von der wir irrig annehmen, sie entzöge Musikerleben der Vergänglichkeit.


    Vermutlich erginge es mir bei einem Konzertmitschnitt aus Jugendtagen so, wie es oft mit alten Fotos geschieht. Es stellt sich kein Bezug zur Erinnerung her, oder schlimmer noch, die Aufnahme widerspricht ihr.


    Ich bin froh, dass mir diese Enttäuschung erspart bleibt.