Anna Netrebko - Einzigartig oder nur Marketing?

  • Zitat

    Original von Mignon
    Das Vorgehen von Annas Management ist legal und da sowohl Österreich als auch Deutschland Rechtsstaaten sind, ist zuerst einmal davon auszugehen, dass legales Handeln auch (moralisch) legitim ist. (Wenn Du, Edwin, die Kongruenz von Legalität und Legitimität in einem Rechtsstaat (grundsätzlich) infrage stellst, kann ich Dir, zumindest hier, auch nicht helfen.)


    Kann ich als Jurist natürlich nicht so stehen lassen, werde mich aber - da eher OT - auf dieses beschränken:


    Zu Österreich kann ich nichts sagen, aber zu D merke ich an, daß ein völlig irrsinniger Haufen Paragraphen (Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu übertreiben) und ein paar Richter noch keinen Rechtsstaat machen. Und die Gleichung legal = legitim ist im günstigsten Fall naiv.


    Wenn versucht wird, die Pressefreiheit durch wirtschaftlichen oder anderen Druck de facto in einem konkreten Fall (nicht generell) einzuschränken, dann mag das legal sein, legitim ist es nicht.

  • Lieber Edwin,
    es ist schon etwas kurios, dass du die gute Anna verteidigst! Anscheineind wohnt ihr wirklich ein bestimmter Zauber inne, der sich auf alle Menschen respektive auf die MÄNNER der Schöpfung auswirkt! ;)
    Nein im Ernst, Anna-unfreundlich ist nicht das Schlimmste auf der Welt! Es ist halt nur etwas ärgerlich, wenn man so wie ich eigentliche keine typische und euphorische Autogrammjägerin ist, sich dann aber doch (primär wegen Herrn Villazón ehrlich gesagt) dazu überredet hinzugehen, und im Endeffekt ignorant behandelt wird. - Aber sei´s drum; die diesbezüglichen positiven Erfahrungen mit besagtem RV, Leo Nucci u. Genia Kühmeier nach Opernvorstellungen wiegen das sowieso auf. :P
    Bezüglich RV bin ich ja schon sehr gespannt auf den Schumann-Liederabend im Juni im Konzerthaus, aber gut, das ist eine andere Geschichte ...

    "Oh ew´ge Nacht, wann wirst du schwinden,..."


  • Das Posting werde ich mir für einige Tage über den Schreibtisch hängen. Es besteht doch noch Hoffnung wenn sogar Edwin bei gutem Wind den weißen Ritter spielen kann...

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • ... und ich dachte bis jetzt immer, dass deutsche Juristen staatstragend seien... :D


    Tamino raubt mir wirklich endgültig die letzten Gewissheiten, auf denen meine fragile Existenz beruht ...


    Mignon :hello:

    Maybe the nation has found peace from its sins... I. A. a. W.E.B. Du Bois

  • Zitat

    Original von Mignon
    Tamino raubt mir wirklich endgültig die letzten Gewissheiten, auf denen meine fragile Existenz beruht ...


    Es gibt nur drei Gewißheiten im Leben, auf die Du sicher bauen kannst:


    Gott, die Kunst und Du selbst :D:hello:

  • Hallo Theophilus,

    Zitat

    Es besteht doch noch Hoffnung wenn sogar Edwin bei gutem Wind den weißen Ritter spielen kann...


    Nein, nein, keineswegs, ich bleibe schon ein "Gegner". Aber ich finde, man soll Stress-Sutuationen nicht gegen eine Person kehren - und daß die Netrebko durch das ganze Drumherum in Wien, das sie bei weniger Stress vielleicht genießen würde, derzeit nicht wunschgemäß reagiert, kann ich mir lebhaft vorstellen. :angel:


    Aber das entschuldigt nicht eine fehlerhafte Intonation! :evil:


    :hello:

    ...


  • Das habe ich auch nie bezweifelt, lieber Saulus. Und so war das auch nicht gemeint, aber dein Missverstehen meiner Aussagen hat ja schon eine liebe Tradition.


    Worauf ich hinaus wollte war die etwas überraschende Tatsache, dass es dir immerhin prinzipiell nicht unmöglich ist, gegenüber AN eine Meinung zu vertreten, die einmal nicht von Hohn und Spott gezeichnet ist, also etwas, was man in den letzten eineinhalb Jahren fast nicht mehr für möglich gehalten hat. Du hast selbst weiter oben den Begriff "Relation" zur Sprache gebracht, was einigermaßen erheiternd war. Denn du selbst hast bei diesem Thema jegliche vernünftige Relation vermissen lassen. Nicht nur, dass du ihre Schwächen völlig überproportional aufgebauscht hast, während ihre Qualitäten entweder ignoriert oder bagatellisiert wurden, sondern du hast in den letzten Monaten in Alleinregie das Thema AN im Forum permanent am Köcheln gehalten und ihr damit forenintern eine Bedeutung gegeben, die sie nach deiner eigenen Einschätzung überhaupt nicht verdient. Ohne dich wäre sie bestenfalls sporadisch zur Sprache gekommen, du aber jammerst einerseits darüber, wieviel Aufhebens um sie gemacht wird, bist aber andererseits derjenige, der als einziger ständig auf abwertende Weise auf dem Thema herumreitet.


    Da fällt es natürlich auf, wenn du einmal sogar für sie Stellung beziehst...

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Hallo Theophilus

    Zitat

    Nicht nur, dass du ihre Schwächen völlig überproportional aufgebauscht hast,während ihre Qualitäten entweder ignoriert oder bagatellisiert wurden


    Das ist ein Trick, den ich mir merken muß: Bis zum "aufgebauscht hast" bezieht sich der Satz auf mich, ab "während" ist er unpersönlich. Nichts desto weniger wird im Konnex dem flüchtigen Leser suggeriert, ich hätte ihre Qualitäten ignoriert und bagatellisiert.
    Wenn ich dem aber entgegentrete und schreibe, Du müßtest zugeben, daß ich weder ihr schauspielerisches Talent noch den Klang ihrer Stimme negativ kritisiert habe, hast Du die Möglichkeit zu sagen, das habest Du ja auch nie behauptet.


    Da Du meinen weiter oben stehenden Eintrag offenbar überlesen hast oder meine Differenzierung nicht zu Dir durchgedrungen ist (in den altbekannten Mißverständnissen zwischen uns :D ), hier nochmals extra für Dich in Kurzform: Anna Netrebko aus der persönlichen Sicht von Edwin Baumgartner in tabellarischer Auflistung der Einfachheit halber nach österreichischem Schulnotensystem:


    Aussehen - gut
    Schauspiel - sehr gut
    Timbre der Stimme - sehr gut
    Phrasierung - genügend
    Wortdeutlichkeit - nicht genügend
    Spitzentöne: befriedigend
    Ausdruck - genügend
    Intonation - genügend
    Persönliches Auftreten in der Öffentlichkeit - gut
    Durch außermusikalische Akitivitäten vermitteltes Bild (inklusive Interviews) - nicht genügend


    Wie Du siehst, gibt es zwei Sehr gut, zwei Gut, ein Befriedigend, drei Genügend und zwei Nicht genügend, womit sich die Eckpunkte ungefähr die Waage halten.
    Und das nennst Du allen Ernstes "mangelnde Objektivität"? - Dann schau mal in dem speziellen Thread, was sich etwa beim Kollo-Bashing abgespielt hat. Ich hätte von einem einzigen Kollo-Gegner gerne die von mir bei Netrebko vertretene "Einseitigkeit" erlebt...! :D


    :hello:

    ...

  • Du hast die Note für Koloraturen vergessen, entspricht sozusagen als Spezialfach dem üblichen Schulzeugnisfach Sport. :D


    (für mich geht sie da eher in Richtung Turnbeutelvergesserin, wobei fairerweise angemerktwerden müsste, dass ihre Wahlfächer wohl andere Schwerpunkte setzen.) :stumm:


    Schauspieln käme bei mir nur auf gut, beim Timbre tue ich mich schwer, aber es ist wohl schon eine "reiche" Stimme.


    Nebenbei: Ein Thread über "Der Sänger, reduziert aufs Schulzeugniss" wäre bestimmt höchst unterhaltsam, besonders, wenn Texte zum allgemeinen Betragen und Fehlzeiten erklaubt wären. :D


    Gruß
    Sascha

  • Zitat

    Du hast die Note für Koloraturen vergessen


    Ganz unter uns: Theophilus ist bei meinen Beiträgen ein solcher Meister im Zitieren außerhalb des Zusammenhangs und im gezielten Mißverstehen eines Beitrags, daß ich hie und da einfach schummeln muß, um mir weiterhin den Anstrich der Objektivität zu geben. Um nun zu einem ausgewogenen Plus-Minus-Verhältnis zu kommen, habe ich gewisse Fächer, die ein glattes Nicht genügend geben würden, weggelassen. Also Koloratur, musikalische Intelligenz etc., Sprachgewandtheit außerhalb von Bühnenauftritten usw. :D


    :hello:

    ...

  • Seit über 5 Stunden kein neuer Beitrag im Netrebko-thread?
    Ist ja ein unhaltbarer Zustand...! Also:


    heute der Zeitung entnommen: (Frankfuter Neue Presse)


    Carignani (der frankfurter noch-GMD) wurde von der MET eingeladen, im Oktober/November 2008 La traviata mit der Netrebko zu leiten...

  • Zitat

    Original von ThomasBernhard
    Seit über 5 Stunden kein neuer Beitrag im Netrebko-thread?
    Ist ja ein unhaltbarer Zustand...! Also:
    heute der Zeitung entnommen: (Frankfuter Neue Presse)


    Carignani (der frankfurter noch-GMD) wurde von der MET eingeladen, im Oktober/November 2008 La traviata mit der Netrebko zu leiten...


    Das liegt daran, dass Edwin gerade Vöslauer bunkert, um für die morgige Galanacht gerüstet zu sein ;) !
    lg Severina :hello:

  • ich freue mich sehr darüber, dass hier endlich Ruhe ist, denn ich hoffe viele daran gemahnt zu haben, sich nicht mit Mittelmäßigkeit zufrieden zu geben...



    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

  • Da freust du dich entschieden zu früh 8) , und im übrigen erkühne ich mich AN auch ohne deine geschätzte Erlaubnis zu mögen! :]
    lg Severina

  • Zitat

    Original von Liebestraum
    ich freue mich sehr darüber, dass hier endlich Ruhe ist, denn ich hoffe viele daran gemahnt zu haben, sich nicht mit Mittelmäßigkeit zufrieden zu geben...


    Na, sehr erfolgreich warst Du aber nicht :D - Anna Netrebko steht bei den Lieblingssängerinnen 2007 hier im Forum an 4. Stelle ex aequo mit Grümmer.... (lt. letztem Zwischenstand)



    Netten Abend noch,
    Austria

    Wir lieben Menschen, die frisch heraus sagen, was sie denken - vorausgesetzt, sie denken dasselbe wie wir (Mark Twain)

  • Lieber LT,


    ich kann es leider nicht so hübsch veranschaulichen wie Austria, aber ich muss sagen, Dein jüngstes Posting war bislang das lustigste im gesamten Thread.


    Danke.


    :hello:


    Gruß, l.

  • Gut Ding will Weile haben, Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut...


    immerhin steht sie jetzt schon auf Platz 5, und die letzten in der Abstimmung haben überhaupt nicht für sie gevotet.


    Und vor allem freut mich, dass sie auch hier im Thread insgesamt gesehen verdientermaßen nicht all zu gut wegkommt.



    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

  • Zitat

    Original von ThomasBernhard
    Carignani (der frankfurter noch-GMD) wurde von der MET eingeladen, im Oktober/November 2008 La traviata mit der Netrebko zu leiten...


    Das wären schon zwei wichtige Gründe, sich das nicht anzuhören...

  • Zitat

    Original von severina
    Da freust du dich entschieden zu früh 8) , und im übrigen erkühne ich mich AN auch ohne deine geschätzte Erlaubnis zu mögen! :]
    lg Severina


    Liebe Severina, WAS magst du denn an Netrebko?
    Natürlich ist sie nicht die schlechteste Sängerin, aber wenn man die Realität mit den Bezeichnungen in den Medien vergleicht, ist man doch schon arg enttäuscht (Sensationell, primadonna assoluta, traumhaft, göttlich ..... denk dir hier noch 347 ähnliche Begriffe).


    (Und genauso grrrr fand ichs, als statt Villazon dieser Calleja aufgetreten ist. Aber das ist ein anderes Thema).

  • Lieber Wanderer, ich glaube den Medien prinzipiell sehr wenig bis gar nichts (verzeih, Edwin :O ), deshalb tangiert es mich nur sehr wenig, mit welchen Attributen Sänger dort bedacht werden. Da müsste ich z.B. auch Calleja lieben, der zu Beginn seiner Karriere doch immer wieder als der einzig wahre Nachfolger der 3 Tenöre bezeichnet worden ist, in Wahrheit denke ich über ihn genau wie du. Warum ich AN mag? Ganz einfach, mir gefällt ihr warmes Timbre und mich fasziniert die Intensität ihrer Rollengestaltung, weil mir Stimme alleine auf der Opernbühne nicht genügt. Nichts an ihr wirkt gekünstelt, übertrieben, eingelernt, sie macht einfach alles instinktiv richtig, da stimmt jede Geste, jeder Ton (womit ich jetzt den AUSDRUCK meine, nicht die richtige/falsche Intonation!!!). Wenn du ihre Juliette gemeinsam mit Villazons Romeo erlebt hast, dann weißt du vielleicht, was ich meine. Die beiden haben mich für den Rest meines Lebens für diese Oper verdorben, denn diese Authentizität wird wohl nie wieder ein Sängerpaar erreichen. Und da war es mir dann herzlich gleichgültig, ob Villazon den Spitzenton im Duett gecancelt hat und Netrebko den einen oder anderen Ton nicht so sauber gesungen hat.
    Bei der Manon ist es nicht ganz so, da ziehe ich ehrlich gesagt immer noch die Malfitano vor, die eine fulminante Interpretation geboten hat und zumindest in der Saint-Sulpice-Szene auch wesentlich erotischer war als die Netrebko. Zumindest habe ich das so empfunden, vielleicht sieht ein Mann das anders.
    lg Severina :hello:

  • Zitat

    Original von severina
    Und da war es mir dann herzlich gleichgültig, ob Villazon den Spitzenton im Duett gecancelt hat und Netrebko den einen oder anderen Ton nicht so sauber gesungen hat.


    lg Severina :hello:


    Hallo Severina =)


    so seh ich das auch :beatnik:
    das Auge isst mit - bei CD-Aufnahmen mag man über das alles wieder erneut diskutieren - wer mag - aber wenn es eine Aufführung ist, dann muss man auch das Optische bewerten, und da hab ich nichts davon wenn die Sänger/innen gut singen aber nix gleich schaun



    LG Paul? :angel:

  • Der eben gefundene Artikel aus der Zeit passt zwar noch zu ca. einem anderen Dutzend Threads, ist hier aber sicherlich gut aufgehoben :D


    "Klassik, jetzt für alle!
    Dank Anna Netrebko, Sting und Rolando Villazon gewinnt die Plattenbranche neuen Auftrieb. Wie die "ernste Musik" langsam zum Pop wird, berichtet Rabea Weihser


    Sting singt Renaissance-Arien, Jimi Tenor remixt das klassische Repertoire der Deutschen Grammophon, Thomas Quasthoff und Nigel Kennedy machen jetzt Jazz. Was ist denn da los im Musikzirkus? Ja, dürfen die denn das? Kann ein Altrocker wie Sting tatsächlich John Dowlands Lautenlieder zum Besten geben? Und wie klingen die Standards des Great American Songbook aus dem Munde eines Opernstars?
    Derlei Fragen sind berechtigt, wenn sie auf die Qualität der musikalischen Umsetzung zielen. Die Empörung und Abscheu allerdings, die solche Grenzgänge zwischen den Genres bei einigen Feuilletonisten auslösen, erwachsen aus einem törichten, überkommenen Gedanken: Klassik und Pop, ernste und unterhaltende Musik seien unvereinbar. Ein Frevler, wer die edle Klassik durch die Niedertracht des Populären verunreinige!
    Die Vermarktungschefs der Plattenfirmen sehen das mittlerweile ganz anders. Um die Jahrtausendwende vollzog sich der Wandel in den Köpfen der Klassikmanager. Die Branche lag am Boden, Verkäufe gingen zurück. Karajan und Bernstein hatten die Welt verlassen, die drei Tenöre waren abgenutzt, und es gab keine lebende Klassikszene für die breite Masse. Neue Betriebsstrukturen und Vermarktungsansätze mussten her. Da lohnte ein Blick hinüber zum Pop.
    Zwar hatte man dort aufgrund illegaler Downloads ebenfalls mit Umsatzeinbrüchen zu kämpfen, doch ein Prinzip des Pop hatte sich als zeitlos erfolgreich bewiesen: Man muss den Musiker zur Marke machen.
    So suchte Universal Classic mit ihrer Tochter, der Deutschen Grammophon, nach einem neuen Star. Attraktiv, sympathisch, zugänglich, gewinnend und natürlich virtuos sollte er sein. Man fand eine Dame, die Sopranistin Anna Netrebko. Sie brachte alles mit, was ein Popstar braucht, nur sang sie Opern. Ein Segen für die Klassikwelt, endlich kam mal wieder Schwung in die Bude. Auf einmal tat sich ein neues Publikum auf, mit dieser Frau konnte man Menschen erreichen, die noch nie einen Konzertsaal von innen gesehen hatten. Das Fernsehen half dabei. Anna Netrebko betrat den Boulevard und setzte sich zu Thomas Gottschalk auf die Couch. Das war ein anderes Bild, als es Jahre zuvor die großformatige Montserrat Caballé oder die biedere Anne-Sophie Mutter abgegeben hatten. Die Netrebko hatte den Glanz einer modernen Film-Diva und erleuchtete damit den gewundenen Pfad zur klassischen Musik. Das Massenpublikum, auf der Suche nach Unterhaltung, nach leichter Muse und Zerstreuung, folgte ihr und wollte ihre Platten.
    Die Musikbranche spricht vom „Netrebko-Effekt“. Um einen Musiker zu einer starken, zugkräftigen Marke aufbauen zu können, muss er medientauglich sein. „Stars, die nicht reden, also solche Überflieger wie Glenn Gould, gibt es alle 100 Jahre einmal“, sagt Per Hauber, Marketingleiter der Universal Classics. „Medienscheue Künstler können nicht die ganz großen Erfolge erzielen. Um die Klassik in der Gesellschaft zu verankern, braucht man andere Künstler.“ Hauber scheint ein Auge für das Andere zu haben. Die Künstler der Universal-Gruppe belegen in diesen Wochen acht von zehn Plätzen der deutschen Klassikcharts. Lang Lang, Rolando Villazon, Elina Garanca, Janine Jansen und nicht zuletzt Anna Netrebko sind zu neuen, jungen Popstars der Klassik geworden. Sie sprechen über ihr Privatleben, haben Foto-Termine und besuchen Fernseh-Shows.
    Durch attraktive Produkte konnte die Klassikbranche im vergangenen Jahr ihren CD-Absatz um sechs Prozent auf fast 11 Millionen verkaufte Tonträger steigern. Besonders die großen Plattenfirmen Universal Classics (Decca, Deutsche Grammophon) und Sony BMG Classical (RCA, Harmonia Mundi) haben es gut getroffen. Anna Netrebko ersingt sich regelmäßig Platinstatus, ihre Alben verkaufen sich jeweils rund 200.000 mal. Stings Dowland-Lieder und der Konzertmitschnitt Anne-Sophie Mutters auf der Berliner Waldbühne bringen es auf 25.000 Exemplare. In der Popabteilung sieht es weiterhin recht finster aus: Illegale Downloads sind noch immer nicht unterbunden, und die ehrlichen Kunden werden mit absurden Kopierschutzmechanismen vergrault.
    Im Klassikbereich jedoch ist was zu holen, das Publikum ist älter, meist zahlungskräftig und computerscheu. Man lädt sich keine Opern aus dem Netz herunter, sondern kauft sie als „Enhanced CD/DVD-Package“. Der Absatz an Konzert- und Opern-DVDs ist 2006 um 28 Prozent gestiegen. Zum einen gibt es mehr und mehr Abspielgeräte, zum anderen ist die DVD gefragt, weil sie sich zur Musikvermittlung eignet. Der digitale Datenträger ermöglicht eine brillante Bild- und Tonqualität, mit der die VHS nie dienen konnte. Man macht sich seinen Opernabend am heimischen Großbildfernseher, umgeben von Dolby Surround Sound, kann die Untertitel mitlesen und jederzeit husten, austreten oder Rotwein nachschenken. Die neuen Produkte der Klassikbranche sind kundenorientiert.
    „Heute sind Aufnahmetechnik und Artwork viel zeitnäher und moderner. Die Tonträger sind haptisch und optisch überzeugender“, erklärt Per Hauber den Erfolg Universals. Mit aufwendigen Begleitheftchen, opulenten CD-Boxen und Gesamt-Editionen großer Komponisten versuchen die Plattenfirmen, Privatkopien unattraktiv zu machen.
    Dass die Klassik sich derweil auch den Vertriebsformen des Pop annähert, zeigt das Beispiel Janine Jansens. Sie ist die geigende Lily Allen, eine Download-Prinzessin, und verkauft die meisten ihrer Interpretationen als Dateien übers Netz. Um Künstler wie Jansen und ihre Präsenz in Internet-Läden publik zu machen, nutzt Universal Classics den wöchentlichen iTunes-Newsletter. „Der normale iPod-User ist kein Feuilletonleser, er schaut auch kein Wetten Dass. Also erreichen wir ihn online“, sagt Per Hauber. Die Deutsche Grammophon, die jahrelang als ehrwürdig aber verstaubt galt, geht ins Internet. Über ihre eigene Website wie auch über Napster und iTunes vertreibt sie Quasthoff-Klingeltöne und Dowland zum Download als Podcast. Mit ihrem klassischen Hör-Bar-Projekt Yellow Lounge betritt sie gar die virtuellen Lebenswelten von Second Life. Wenn das kein Pop ist!
    Seitdem Anna Netrebko und Co. der Klassik ihre freundlichen Gesichter gegeben haben, wächst die Hörergemeinde. Entspannte Streicher-Klänge lockern verspannte Bürohengste. Sir Simon Rattle kümmert sich mit den Berliner Philharmonikern um das Rhythmusgefühl der Jugend. Prestigeträchtige Sozialprojekte schießen empor und bereiten einer sensiblen Saat den Boden: Die klassische Musik muss in die Gesellschaft hineinwachsen. Der Keim ist da. Und finden die PISA-Gärtner bald erste Knospen, wird niemand mehr behaupten, Klassik dürfe nicht populär sein."


    :hello:
    Stefan

    Viva la libertà!

  • Zitat

    Original von Barezzi
    Durch attraktive Produkte konnte die Klassikbranche im vergangenen Jahr ihren CD-Absatz um sechs Prozent auf fast 11 Millionen verkaufte Tonträger steigern. Besonders die großen Plattenfirmen Universal Classics (Decca, Deutsche Grammophon) und Sony BMG Classical (RCA, Harmonia Mundi) haben es gut getroffen. Anna Netrebko ersingt sich regelmäßig Platinstatus, ihre Alben verkaufen sich jeweils rund 200.000 mal. Stings Dowland-Lieder und der Konzertmitschnitt Anne-Sophie Mutters auf der Berliner Waldbühne bringen es auf 25.000 Exemplare. In der Popabteilung sieht es weiterhin recht finster aus: Illegale Downloads sind noch immer nicht unterbunden, und die ehrlichen Kunden werden mit absurden Kopierschutzmechanismen vergrault.
    Im Klassikbereich jedoch ist was zu holen, das Publikum ist älter, meist zahlungskräftig und computerscheu. Man lädt sich keine Opern aus dem Netz herunter, sondern kauft sie als „Enhanced CD/DVD-Package“. Der Absatz an Konzert- und Opern-DVDs ist 2006 um 28 Prozent gestiegen. Zum einen gibt es mehr und mehr Abspielgeräte, zum anderen ist die DVD gefragt, weil sie sich zur Musikvermittlung eignet. Der digitale Datenträger ermöglicht eine brillante Bild- und Tonqualität, mit der die VHS nie dienen konnte. Man macht sich seinen Opernabend am heimischen Großbildfernseher, umgeben von Dolby Surround Sound, kann die Untertitel mitlesen und jederzeit husten, austreten oder Rotwein nachschenken. Die neuen Produkte der Klassikbranche sind kundenorientiert.
    „Heute sind Aufnahmetechnik und Artwork viel zeitnäher und moderner. Die Tonträger sind haptisch und optisch überzeugender“, erklärt Per Hauber den Erfolg Universals. Mit aufwendigen Begleitheftchen, opulenten CD-Boxen und Gesamt-Editionen großer Komponisten versuchen die Plattenfirmen, Privatkopien unattraktiv zu machen.


    Solange dabei die Kunst nicht auf der bleibt ist das ja eher begrüßenswert. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich hierdurch der Kreis der Klassikliebhaber vergrößert. Edwins und Wulfs Angst, dass hier nur Personen angehimmelt werden und nicht die Kunst an sich ge- bzw. erlebt wird, bleibt. Ich würde mir wünschen, dass auch meine Urenkel auf ein reichhaltiges Angebot an Klassischer Musik zurückgreifen können und es dann auch noch Menschen gibt, die Ihnen diese wunderbare Welt abseits von Personenkult näherbringen.


    Liebe Grüße
    GalloNero

    ... da wurde mir wieder weit ums Herz ... (G. Mahler)

  • Frau Netrebko hat mein sopranöses Weltbild, zumindest qualitativ, nicht bereichert. Sicher ist sie optisch ansprechend, musikalisch nicht schlecht, aber was die Medien mit ihr hochstilisieren, geht doch reichlich über die Realität hinaus.


    Ciao :yes: Principe

  • Zitat

    Original von Principe
    Frau Netrebko hat mein sopranöses Weltbild, zumindest qualitativ, nicht bereichert. ...


    Ist das etwas Ansteckendes? :D


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Hallo Edwin,


    habe soeben erfahren, dass die Anna in "Manon" ziemlich überzeugt hat. Wir erwarten mit Spannung deinen Kommentar.


    Nein, das ist keine Provokation. Ich lasse mich beim Kauf von CDs durchaus von "Expertenmeinungen" beeinflussen, sei es hier oder auf Amazon. Wenn sich die "Experten" aber in eklatanter Weise widersprechen, komme ich ins Grübeln...



    Gruß
    Thomas

  • Zitat

    Original von Barezzi
    Entspannte Streicher-Klänge lockern verspannte Bürohengste.


    :hahahaha:
    Beunruhigenderweise sehe ich ja auch die Möglichkeit als positiv an, dass mehr Hörer dieses quietschende Gekreisch der Streichinstrumente anhörbar finden und auch ohne Schlagzeug zurecht kommen.


    Dass wirkliche Qualität dann aber auch noch eine Nische im Klassikbetrieb wird, ist offenbar ja bereits eingetreten, da DG mit den momentanen Alben große Umsatzsteigerungen verzeichnet. Die auflagenstärksten Dinge werden dem Pop-Prinzip folgen und sich in erster Linie mit dem Sound beschäftigen. Netrebko scheint ja bereits eine Folge dieser Klassikverpoppung zu sein, da an ihr der Sound geschätzt wird, Tonhöhen, Phrasierung und Aussprache sind wurst. Sie ist insofern ja eher Pop-Star als Sängerin ernster Musik. Aber so neu ist das ja auch nicht, Karajan ist wohl auch eher ein Pop-Star gewesen als ein Dirigent.
    :hello:

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    Karajan ist wohl auch eher ein Pop-Star gewesen als ein Dirigent.


    Das würde ja bedeuten, dass Alfred et.al. Fan einer Pop-Ikone sind :D

    Viva la libertà!

  • Zitat

    Hallo Thomas Deck,
    Wenn sich die "Experten" aber in eklatanter Weise widersprechen, komme ich ins Grübeln...


    Mich direkt anzusprechen und Experten unter Anführungszeichen zu setzen, ist eine Deiner üblichen kleinen Frechheiten, mit denen Du hier immer wieder aneckst.
    Es wären diese Anführungszeichen übrigens auch jedem anderen Tamino-Mitglied gegenüber eine Frechheit.


    Ciao

    ...