Griechisches Feuer – Agnes Baltsa


  • Agnes wurde am 19. November 1944 in Lefkas, Griechenland geboren. Ihre Ausbildung führte sie zunächst nach Athen, dann mit Hilfe eines Maria Callas-Stipendiums nach München.


    Kein Geringerer als Herbert von Karajan bezeichnete Agnes Baltsa einmal als »eine der herausragendsten dramatischen Mezzosopranistinnen unserer Zeit«, und so sind in gemeinsamer Zusammenarbeit denn auch zahlreiche Schallplatteneinspielungen entstanden, z.B. von Verdis "Don Carlo", Bizets »Carmen« und Strauss' »Rosenkavalier«. Die Sängerin, die auf ihren Konzert-Tourneen in Europa ebenso gefeiert wird wie in den USA, Lateinamerika oder Japan, erhielt ihre Ausbildung in Athen sowie als Stipendiatin der Maria-Callas-Stiftung in München.

    Schon bald nach ihrem Debüt als Cherubino in Mozarts »Le nozze di Figaro« in Frankfurt führten sie Gastspiele an die großen Opernhäuser der Welt - von Mailand bis New York. Dabei erarbeitete sie sich ein Repertoire, das Hosenrollen wie Mozarts Sesto und Glucks Orfeo ebenso umfasst wie die Titelrolle in Rossinis »L'italiana in Algeri« oder die Santuzza in Mascagnis »Cavalleria rusticana«. Nicht zuletzt an der Wiener Staatsoper, deren Ehrenmitglied sie seit 1988 ist, feierte sie Triumphe - beispielsweise mit Giordanos »Fedora« und Massenets »Hérodiade«.


    Wenn die Baltsa die Bühne betritt, besticht sie mit einer Präsenz, die unvergesslich bleibt.


    Leider hat auch sie es vergessen, rechtzeitig von der Bühne Abschied zu nehmen.


    Herzliche Grüße
    von LT :hello:


  • Hallo LT,


    ich kenne von Agnes Baltsa leider nur wenig Aufnahmen, konnte sie aber im Juni in Wien in “L'italiana in Algeri“ neben Juan Diego Florez live erleben (Sie ist für Olga Borodina eingesprungen).


    Trotz einiger vokaler Schwierigkeiten war sie vor allen darstellerisch wirklich sehr eindrucksvoll.


    Viele Grüße von
    Jimi

  • Das mit der rechtzeitig Abschied nehmen finde ich nicht schlimm, wer kann das schon? Und außerdem bleiben ja noch die älteren Aufnahmen.
    Andererseits habe ich generelles Problem mit Agnes Baltsa (von ihren darstellerischen Fähigkeiten will ich jetzt nicht sprechen, die nützen einem auf CD nichts), das nicht leicht zu beschreiben ist. Am ehesten triff es was Jürgen Kesting über sie geschrieben hat: "Sie ist in vielen Stilen bewandert, aber in keinem wirklch zu Hause"


    Keine ihrer Aufnahmen ist schlecht, nirgends wirkt sie deplaziert, aber in keiner (die ich gehört habe) empfinde ich sie als DIE Interpretin dieser Rolle schlechthin. Ein Gefühl, das sich mir bei Maria Callas oder Lotte Lehmann bei fast allen ihren Rollen einstellt...
    Ich gebe zu, daß ich jetzt wirklich schweres Geschütz auffahre, was ich jedoch sagen will, ist das Agnes Baltsa immer irgendwie austauschbar bleibt (im übrigen geht es mir mit Placido Domingo ähnlich, der ebenfalls in beeindruckend vielen Stilen bewandert ist, aber...)
    Vielleicht kann man es so sagen: Sie ist singt alles von Gluck bis Richard Strauss und alles ist ordentlich. Das ist in seiner Gesamtheit beeindruckend und davor ziehe ich den Hut. Eine einzelnes Rollen-Portrait von ihr vor dem ich den Hut ziehen möchte (oder gar muß), kenne ich nicht (und auch hier wieder die Parallele zu Placido Domingo)

  • Da schrieb ich gerade über Caballé


    Zitat

    Sie kann alles, aber ich finde es so seelenlos. Ich sah so gerne etwas von Callas' Pathos darin.


    Vielleicht gilt das auch für Baltsa, obwohl ich es bei ihr nicht sooooooo schlimm finde wie bei :stumm:


    LG, Paul

  • Hallo


    Ich kann mich dieser Einschätzung nicht ganz anschließen. Ich gehe rein gesanglich nicht mit Liebestraums Superlativ konform. Sie war keine herausragende Mezzosopranistin, die Geschichte bietet zu viele und zu gute Konkurrenz, aber sie war zu ihrer besten Zeit in der ersten Liga. Und sie war eine Sängerin, die zu hören nur das halbe Vergnügen war. Sie war eine außerordentliche Sänger-Darstellerin. Man muss nach Aufzeichnungen von ihr suchen, sie ist da als Carmen, Eboli oder Octavian ganz vorzüglich, ähnliches dürfte für Rossini gelten (da habe ich aber keine Erinnerung an sie).


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Hallo,


    ich hörte sie in der WSO:


    1995: Carmen
    1995: Fedora
    1996: Maria Stuarda
    1998: Le Prophète
    2001: L'Italiana in Algier
    2002: Jenufa
    2003: Hérodiade


    Wenn ich mich richtig erinnere, war ich ab 1998 enttäuscht - gesanglich, darstellerisch war sie ein Phänomen und da verzeiht man halt so manches.


    Austria

    Wir lieben Menschen, die frisch heraus sagen, was sie denken - vorausgesetzt, sie denken dasselbe wie wir (Mark Twain)

  • Habe Sie sehr oft live gehört und fand sie immer außergewöhnlich gut.
    Nun war sie in München im letzten Dezember mit einem Arienabend im Herkulessaal mit Orchester.
    Ich bin nicht gegangen, weil mir die positive Erinnerung bleiben sollte.
    :untertauch::untertauch::untertauch:
    Recht hatte ich, denn die Kritiken waren ganz, ganz schlimm
    negativ. Und zwar waren sich da alle Damen und Herren der
    schreibenden Zunft einig!!!
    Am Rande: die teuersten Karten für 160.- Euro .
    Das läßt weiter die Frage nach dem rechtzeitigen Aufhören
    aufkommen..... :(:(:(


    Ja traurig, aber wahr!!!

    mucaxel

  • Schade eigentlich,daß viele großartige Sängerinnen und Sänger nicht dann abtreten, wenn dieser Entschluß noch bedauert wird.
    Aber die Politiker leben das ja vor. Liegt es am Geld? Wohl nicht, eher an der Angst vor dem Popularitätsverlust, der dem Abgang folgt. Ein Problem,das vielen Menschen zu eigen ist.

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Siegfried: Grundsätzlich bin ich schon deiner Meinung, aber das sagt sich so leicht für unsereins. Die meisten Sänger sind doch wahre "Bühnentiere", leidenschaftlich dem verbunden, was sie tun - warum sollten sie also das, was ihr Leben ausmacht, aufgeben, solange sie noch Höchstleistungen erbringen? Das fände ich beinahe ein bisschen masochistisch ;)
    Was ich aber immer wieder feststellen muss: Bei Sängern macht Liebe (in diesem Fall Liebe zum Beruf) offenbar nicht blind, sondern taub, denn selbst äußerst selbstkritische Vertreter dieser Zunft, die in ihren guten Jahren jeden kleinsten Fehler bejammerten, zeigen sich plötzlich mit wahrlich mediokren Leistungen höchst zufrieden. (Trauriges Beispiel Francisco Araiza) Offenbar kann man nicht so einfach aufhören Künstler zu sein wie man z.B. aufhört Bankangestellter zu sein. Und meist spielt das Publikum ja auch brav mit, indem es ihren Lieblingen auch dann noch zujubelt, wenn es eigentlich nichts mehr zum Jubeln gibt. Wenn ich an Giuseppe Taddeis letzten Scarpia denke..... und trotzdem hätte ich es nie übers Herz gebracht, diesem liebenswerten Sänger den Applaus zu verweigern oder ihn gar auszubuhen....
    Schöne Grüße, Severina

  • Zitat

    Offenbar kann man nicht so einfach aufhören Künstler zu sein wie man z.B. aufhört Bankangestellter zu sein.


    Das ist sicher richtig. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt, der hier übersehen wird. International tätige Sänger der Oberliga haben Verträge über mehrere Jahre hinweg im Voraus. Nicht nur, dass sich nach langer Karriere die schwächeren Tage mehren, die Stimme kann aus verschiedenen Gründen in relativ kurzer Zeit stark abbauen. Und wenn dann die Terminbücher noch für zwei bis drei Jahre einigermaßen gefüllt sind? Der Künstler muß da durch und wir wissen nicht, ob so mancher nicht selbst am meisten unter der Situation leidet.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von severina
    Die meisten Sänger sind doch wahre "Bühnentiere", leidenschaftlich dem verbunden, was sie tun - warum sollten sie also das, was ihr Leben ausmacht, aufgeben, solange sie noch Höchstleistungen erbringen?


    Hallo Severina,


    Im Tritsch-Tratsch schrieb ich über ein Interview von Deutekom.
    In jenem Interview steht auch, daß sie sich entschloß nicht mehr aufzutreten, als ihre Stimme noch schön war. Denn, so ungefähr sagte sie, ich hätte vielleicht noch fünf Jahre auf Niveau singen können. Das hätte viel von mir gefordert. Und dann wäre es unweigerlich abwärts gegangen.
    Und sie hat es nie bereut.


    LG, Paul

  • Theophilus: Da hast du sicher Recht, es gibt aber genügend Beispiele, dass Sänger Verträge zu einem Zeitpunkt abschließen, wo sie es besser nicht mehr täten....
    @ Musicophil: So eine Einstellung bewundere ich sehr, aber ich verstehe wirklich, dass viele Künstler gerade das einfach nicht fertig bringen. Ich glaube, ich könnte das auch nicht, aber mir stellt sich gottlob diese Frage nicht!
    lg Severina

  • Hallo Severina,


    du hast mich mit deinem Beitrag ermuntert, noch mindestens 10 Jahre weiterzusingen ( nicht nur in der Badewanne) :lips:

    Freundliche Grüße Siegfried

  • (blätter, blätter, ahh, da ist es) Tancredi schrieb, dass die Baltsa in keiner ihrer Rollen wirklich schlecht, aber auch eben nicht überragend gewesen sei (er konstatiert das auch für Domingo).


    So ein wenig würde ich ihm recht geben - mit einer Ausnahme: ihre Herodias fand ich absolut packend: keine abgesungene Sängerin, sondern eine noch junge Stimme, im Vollbesitz ihrer Möglichkeiten - und dabei von einer - so habe ich das immer empfunden - kalten, harten Kraft.


    Ansonsten finde ich, dass ihre Stimme zu jenen gehört, die etwas unverwechselbares haben, die man wiedererkennt.


    Bei der kleinen Liste ihrer Einspielungen sind doch einige dabei, die ich nicht missen möchte: die Verdi-Aufnahmen, z. B. oder auch die "Hérodiade".


    Und bei Domingo würde ich den "Otello" herausheben oder seine Aufnahmen von Opern des Verismo....

  • Meine Lieben,


    Agnes Baltsa hörte ich das erste Mal 1969 im Großen Musikvereinsaal im symphonischen Mahler-Team. Damals war sie mir völlig unbekannt, aber die Stimme empfand ich als sensationell. Sie sang Helen Donath, die doch auch eine wunderbare Stimme ihr eigen nennt, zwar nicht "nieder", aber sie dominierte eindeutig.
    Durch viele Jahre hindurch bestätigte sie immer wieder meinen ersten Eindruck. Wie sie sich in jede Rolle (auch als Schauspielerin) hineinkniete, war großartig. Das Austauschbare, so kommt mir vor, ist ein Merkmal der letzten Jahre. Wenn sie einen guten Tag hat, kann sie noch immer hinreißen. Aber das "O mio babbino caro" -zu hören und sehen am vergangenen Wochenende im Fernsehen (Aids-Gala in der Berliner Oper, Aufnahme 2007) - naja, vergessen wir's am besten. Schade. Aber wie schön, daß so viele hervorragende ihrer Leistungen uns erhalten bleiben - und daran werde ich die Baltsa wohl immer messen.


    LG


    Waldi

  • Mutig schließe ich mich Waldis Statement an.


    2002 erlebten wir Frau Baltsa in Jenufa als Küsterin. Welche Rollengestaltung, welch' stimmlicher und darstellerischer Ausdruck.


    Schade, daß sie den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören übersehen hat. Aber welcher erfolgreiche Künstler kann und will das wirklich rechtzeitig?

    Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
    (aus "Sprechen Sie Fußball?")

  • Zitat

    Original von Walter Krause
    Aber das "O mio babbino caro" -zu hören und sehen am vergangenen Wochenende im Fernsehen (Aids-Gala in der Berliner Oper, Aufnahme 2007) - naja, vergessen wir's am besten. Schade.


    Stimmt. Wieso sie gerade diese Arie gesungen hat verstehe ich sowieso nicht. War ja nie eine Partie von ihr, zumal es ja auch nie ihr Stimmfach war.


    Agnes Baltsa habe ich nur wenige male live gesehen. In den 80er Jahren als Carmen. In der gleichen Rolle sah ich so noch als sie bereits die 60 überschritten hat. Stimmlich immer noch beachtlich, auch wenn sie ihre besten Zeiten hinter sich hatte, und vorallem auch darstellerisch eine Wucht. Man konnte die Augen gar nicht von ihr nehmen. So sehr war sie diese Figur auf der Bühne. Wenn sie dann noch tolle Don Josés zur Seite hatte - wie Lima, Carreras, Domingo oder Shicoff - war das oft ganz großes Theater.
    Auch in der Italienerin in Algier war sie großartig. War nicht der Belcanto das Fach mit dem sie berühmt wurde? Sie hat ja mehrere Rossini-Rollen gestaltet und war auch bei Bellini und Donizetti zu Hause. Ihr eigentliches Fach ist wohl schwer auszumachen, da sie ja auch viel Mozart, Französisches und Deutsches Fach gesungen hat.


    Ihr Repertoire ist ja inzwischen recht klein geworden. Bevorzugt gibt es zu diesem Zeitpunkt noch Klytämnestra und Küsterin. Gelegentlich noch die Italienerin als letzte Belcanto-Partie. Die Carmen scheint auch nicht mehr aufzutauchen.


    Sie hatte zweifellos eine tolle Stimme. Ein Mezzo den man sofort wiedererkennt wenn man ihn hört.
    Welche Rolle war denn nur ihre Paraderolle? War es vielleicht doch ihre so gerühmte Carmen? Gesungen hat sie sie sicher ganz großartig und ihre Darstellung der Rolle war auch einzigartig.


    Gregor

    Einmal editiert, zuletzt von Gregor ()

  • Guten Morgen aus Wien!


    Aber, lieber Gregor, ich habe ihre Eboli, noch heute im Ohr, ihre Carmen - und ihren Charme,


    denn die ehemalige Callas - Preisträgerin hat so viele schöne Opernabende gebracht, Octavian, Komponisten in der Ariadne, in der Italienerin in Algier, und ihre Bühnenvitalität.


    Ich liebe ihre Stimme und da sie ja auch im Verdi Requiem sang, da hatte sie ihre frühere Sopran Kollegin, Anna Tomowa Sintow, glatt an die Wand gesungen,


    ich habe da ihre Rossini Arien CD, und dann auch Verdi, mit einer glanzvollen Lady Macbeth - Arie,


    und die griechischen Lieder - auch einmalig gut.


    Karajan liebte ihre Stimme, nicht nur er, auch Prof. Otto Schenk, da er sie im Film "Duett",
    eine kapriziöse Opernsängerin - und Mörderin aus Liebe - spielen ließ.


    Agnes Baltsa ist zur Zeit, meine allerliebste Sängerin, und wenn sie auch schon nicht mehr so ganz auf der Höhe ist, das habe ich bei meinen Lieblingssängerinnen immer toleriert!


    (Auch bei Hilde Güden!)


    Liebe Grüße Peter aus Wien

  • mir bleibt eine Gänsehautstelle unvergesslich:


    Agnes kniet beim Intermezzo aus Cavalleria mutterseelenallein auf der Bühne - vor einer Heiligenstatue, während alle anderen Dorfbewohner in der Kirche waren. Damals hat sie noch einwandfrei gesungen, aber selbst wenn, ich hätte es ihr verziehen!


    Seid doch großzügiger, wenn ein Weltstar nicht mehr erstklassig singt, allein daß diese Künstler "für uns" auftreten, finde ich dankenswert, da darf man nicht so streng sein in der Kritik.

    WHEN MUSIC FAILS TO AGREE TO THE EAR;
    TO SOOTHE THE EAR AND THE HEART AND SENSES;
    THEN IT HAS MISSED ITS POINT
    (Maria Callas)

  • Die Künstlerpersönlichkeit Agnes Baltsa ist für mich, kurz gesagt, ganz enorm fesselnd, wenn Hören und Sehen gleichzeitig stattfindet.


    Wenn ich sie "nur" höre, dann ist diese Stimme für mich voller Stolpersteine und daher sind reine Tonaufnahmen von ihr nur schwer auszuhalten. Das ist sicher eine Geschmacksfrage, lässt sich aber auch gesangstechnisch analysieren. Sie setzt sehr häufig das Brustregister "isoliert" ein, oder bayerisch ausgedrückt, rumpelt mehr oder weniger - oft mehr - mit Karacho in die tiefere Lage hinein, was zwar dramatische Ausdrucksstärke vermittelt, aber aus einer Stimme zwei verschiedene macht. Ein typisches Problem der tieferen und auch generell der dramatisch angelegten Stimmen, aber Anfängerinnen im Mezzo- oder Altfach lässt man dies nicht durchgehen. Da heißt es dann, dass sie am Passagio zu arbeiten haben (berechtigterweise).


    Die Idealvorstellung ist ja das sog. "Einregister", d.h. die Stimme muss durchgängig von Höhe bis Tiefe eine Farbe haben, jedoch verlangt Opernrepertoire zuweilen schon Verschiebungen in dieser Registermischung. Es ist also durchaus angebracht bis sogar zwingend, bei dramatischen Stücken vollstimmige "Brusttöne der Überzeugung" erklingen zu lassen, die z. B. bei Bachs Oratoriensoli in solcher Form nicht akzeptabel wären, aber m. E. nicht so extrem.


    Agnes Baltsa lässt hier Nuancen vermissen, sie übertreibt hier für meinen Geschmack einfach zu oft, und das halte ich im Kopf nicht aus. Es handelt sich auch nicht um gelegentlich entglittene Töne (was bei solchen Künstlern auch eher selten vorkommt), sondern um eine bewusste und gewollte Herangehensweise. Einem neulich gelesenen Interview entnehme ich dieses; sie kennt diese Kritik sehr wohl, steht aber dazu und wollte und will das nie ändern.


    Dafür habe ich wiederum ein gewisses Verständnis, weil ich mir zum Thema Brustregistereinsatz auch nicht gerne dreinreden lasse, denn hier kann es durchaus ums Eingemachte gehen.


    Agnes Baltsa ist für mich ein Phänomen mit Ecken, Kanten und Reibungspotential, und schon allein das macht sie unverwechselbar und setzt sie zu Recht in die Reihe der Stars, auch wenn mich ihre Singweise tierisch aufregt. Und - Achtung! Nachtritt :D - das spät berufene "O mio babbino" hat die Welt, pardon, jetzt ehrlich gesagt, nicht wirklich gebraucht :untertauch:, aber hartgesottene Fans durchaus immer noch begeistert und vor allem, da hier der Aidshilfe Gutes getan wurde, hat das allemal seine positiven Wirkungen.


    LG
    :hello:


    Ulrica

  • Ich habe Agnes Baltsa seit vielen Jahren nicht mehr erlebt, aber in der Vergangenheit, also vor ungefähr 25 Jahren, verdanke ich ihr unvergessliche Erlebnisse. Ich erinnere mich noch, dass sie nach José Carreras' Erkrankung die Carmen nicht mehr gesungen hat, statt dessen Dalila. Sie sagte einmal, sie habe sich mit der Uebernahme der Dalila in ihr Repertoire selber "bestraft".


    Dies klingt nach einer vernuenftigen Einschätzung ihrer Möglichkeiten, denn die Dalila liegt wesentlich tiefer (altmässiger) als Carmen und ist meines Erachtens ein Grund dafuer, dass bei der Baltsa im Laufe der Zeit die Register "auseinanderklafften" : Verstärkung des Brustregisters, sehr gute Höhe, aber dazwischen ein resonanzloses "Loch".


    Trotzdem : fuer mich ist die Baltsa mehr als eine Sängerin; sie ist eine (partnerabhängige) Sängerdarstellerin, ob als Carmen, Santuzza in tragischen Rollen oder als Isabella in komischeren Rollen.


    Ihre Entwicklung zur Kuesterin, zur Klytämnestra habe ich nicht mehr live verfolgen können und (ehrlich gesagt) auch Angst, mir den Eindruck von frueher zunichte zu machen. Deshalb kann ich auch nicht sagen, ob sie den Absprung zu einem rechtzeitigen Aufhören verpasst hat. Unbestritten scheint mir jedoch zu sein, dass die Opernhörer von heute sie danach beurteilen, wie sie heute singt, und nicht, wie sie frueher einmal war. Das war schon immer so!


    Mikko


    P.S. Schade, dass sie die Lady Macbeth nie gesungen hat, ausser arienweise auf CD. Das wäre eine Partie fuer ihre Persönlichkeit gewesen!

  • Zitat

    Original von Mikko
    Ihre Entwicklung zur Kuesterin, zur Klytämnestra habe ich nicht mehr live verfolgen können und (ehrlich gesagt) auch Angst, mir den Eindruck von frueher zunichte zu machen. Deshalb kann ich auch nicht sagen, ob sie den Absprung zu einem rechtzeitigen Aufhören verpasst hat.



    Im Januar habe ich Agnes Baltsa als Klytämnestra in München gehört und gesehen. Als Darstellerin (in der ausgezeichneten Wernicke-Inszenierung) ist sie nach wie vor eine Bank. Die Stimme allerdings...:wacky:. Da gibt's immer noch beeindruckende Momente, aber ansonsten knirscht es gewaltig: eine Klytämnestra muss ja nicht "schön" singen (obwohl z.B. Christa Ludwig das vorgeführt hat) - so unausgeglichen und hässlich nun aber auch nicht. Ihr Deutsch mit griechischem Akzent ist gewöhnungsbedürftig, passt aber andererseits nicht schlecht zu einer Klytämnestra... :D



    Viele Grüße


    Bernd

  • Lieb Nala!


    Du hast Recht, wir Wiener Opernfreunde, lieben Agnes Baltsa.


    Die Szene die Du da beschreibst ist mindestens so beeindruckend, wie die Eboili Arie, bevor sie ins Kloster geht.


    Ich liebe Agnes Baltsa so wie sie ist, und wenn auch ihre Stimme nicht mehr das ist, wie vor 20 Jahren, wir, da meine ich mich auch, sind ja auch nicht mehr so gut wie vor 20 oder 30 Jahren.


    Natürlich kann man sagen, sie soll nicht mehr singen, aber der Reiz der Stimme von Agnes Baltsa ist mindestens der, wie bei Edita Gruberova.


    Wenn ich da an Maria Stuarda an der Staatsoper, hier in Wien, denke, das war doch einzigartig.


    Leider hat sie nie die Lady Macbeth auf der Bühne gesungen schrieb schon Mikko, da wäre sie ein Triumpf gewesen.


    Aber ich liebe Agnes Baltsa, auch mit Abnützungserscheinungen in ihrer Stimme.


    Liebe Grüße Peter aus Wien.

  • Die von mir sehr geschätzte Mezzosopranistin Agnes Baltsa wird heute 65 Jahre alt.
    Wie ich gerade gelesen habe, ist sie immer noch aktiv tätig.

  • Schade, dass ihr Vokal "a" ständig eine andere Färbung hat als alle anderen.
    Gerade ihre Brusttöne sind sehr auffällig. Sie geht sehr früh in das Brustregister und da fallen die Vokale "a" besonders auf.


    Habe sie gerade im Radio gehört, anlässlich ihres Geburstags mit "Una voce poco fa", da hörte man wieder das von mir nicht schön empfundene "a".


    Darstellerisch ist sie, oder war sie ?( super, doch mich stören ihre Gesichtsgrimassen, hört sich schlimm an, empfinde ich aber so.


    Doch gratuliere ich ihr nicht minder an ihrem heutigen Geburtstag.

  • Zitat

    Original von Ulrica
    Sie setzt sehr häufig das Brustregister "isoliert" ein, oder bayerisch ausgedrückt, rumpelt mehr oder weniger - oft mehr - mit Karacho in die tiefere Lage hinein, was zwar dramatische Ausdrucksstärke vermittelt, aber aus einer Stimme zwei verschiedene macht.
    Es handelt sich auch nicht um gelegentlich entglittene Töne (was bei solchen Künstlern auch eher selten vorkommt), sondern um eine bewusste und gewollte Herangehensweise. Einem neulich gelesenen Interview entnehme ich dieses; sie kennt diese Kritik sehr wohl, steht aber dazu und wollte und will das nie ändern.
    Ulrica


    Ich erinnere mich mit Schaudern an einen "Trovatore" in Wien, wo die Register-Brüche wirklich schlimm geklungen haben. Aber mit Eboli und Amneris & Co (wohl unter anderem auf Wunsch des allmächtigen HvK :pfeif: ) hat sie sich schon relativ bald gefährliches Terrain betreten.
    Die Folgen davon sind deutlich zu hören.

  • Unglaublich, aber wahr. Zehn Jahre kein Beitrag mehr zu Agnes Baltsa.


    Ihre Karriere hat sie in den letzten Jahren ganz leise ausklingen lassen. Ganz ohne Ankündigung eines Rückzuges. Es geht also auch ganz unspektakulär. In den letzten Jahren ist sie eigentlich nur noch als Klytämnestra aufgetreten.


    Unvergessen ihre Carmen. Auch für Rossini gerühmt - so beispielsweise eine herrliche Isabella.

    Hervorragend ihre Küsterin. Eine Singschauspielerin erster Klasse.

    Dann ihr Bellini-Romeo, ihre Cenerentola, der Octavian, ihre Charlotte, später auch eine umwerfende Santuzza, auch Eboli und und und ...


    Heute feiert die Sängerin ihren 75. Geburtstag. :jubel::jubel::jubel:







    Gregor

  • Lieber Gregor,


    …. auch ich bin erstaunt, daß Agnes Baltsa hier recht wenig Aufmerksamkeit erhalten hat. Vielleicht ändert sich da ja jetzt.


    Sie war einmal eine von Karajans Lieblingssängerinnen, so z.B. in seinen Aufnahmen von DON GIOVANNI, CARMEN und ROSENKAVALIER (2. Aufnahme aus Wien).


    Auf die Schnelle kann ich bei mir nur diese CDs festmachen:


    Besonders schätze ich sie als Santuzza in dieser Aufnahme:

    mit Plácido Domingo als Turriddu. Giuseppe Sinopoli ist ein erstklassiger Operndirigent, man spürt hier den Italiener.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).