Ein Lied geht um die Welt! - Joseph Schmidt

  • Ein Stern fällt vom Himmel



    I


    4-3-1904 Joseph Schmidt wird in Davideny (Rumänien) geboren
    1914, als WK I begonnen ist, siedelt die Familie um nach Czernowitz.
    1918 singt der dann 14-Jährige Schmidt schon im Kirchenchor.
    1922 Beginn seines Sangunterrichts bei Felicitas Lerchenfeld-Hrimaly.
    November 1924 gibt Schmidt sein erstes Konzert in Czernowitz.
    Frühling 1925 Anfang des Studiums an der Staatlichen Akademischen Hochschule für Musik und Gesang in Berlin.
    Von 1926-1927 wird das Studium wegen des Militärdienstes unterbrochen.
    18. April 1929 debütiert Schmidt beim Berliner Rundfunk.
    August 1929 erfolgt sein Bühnendebut.
    20. Februar 1933 letzter Auftritt beim deutschen Rundfunk, weil die Nazis etwas später das Auftreten für Juden verboten.
    9. Mai 1933 Premiere des Filmes “Ein Lied geht um die Welt”. Ein Film, der auf Schmidt zugeschnitten war. Andere Filme folgen.
    1936-1937 spielt Schmidt in Amerika in Filmen mit und macht dort eine Tournee.
    1937 kehrt er nach Wien zurück, nur um dort den Anschluß zu erleben und fliehen zu müßen.
    In den letzten Jahre vor Beginn des WK II ist er oft in Frankreich, Belgien und die Niederlanden zu bewundern. Besonders in Holland ist er außerordentlich populär, und er macht sogar einige Plattenaufnahmen in der niederländischen Sprache.
    Als WK II ausbricht, beginnt für Schmidt eine schreckliche Reise, wobei Unglück eine wichtige Rolle spielt.
    Am 9. Oktober 1942, als ihm die Flucht in der Schweiz gelungen ist, meldet er sich (gezwungenermaßen) bei der Zürcher Polizei. Er kommt in einem Internierungslager. Dort erkrankt er.
    16 November 1942 stirbt dieser sehr große Sänger im Alter von 38 Jahre.


    II



    Für viele Menschen gilt: "Den Film 'Ein Lied geht um die Welt (1933)' hat Joseph Schmidt seine Berühmtheit zu danken. Er war ein berühmter Schlagersänger". Wenn etwas aber nicht stimmt, dann ist es wohl diese Behauptung.
    Er gehört m.E. zu den großen Tenören. Und das, obwohl er eigentlich nur einmal eine Oper auf der Bühne sang. Seine Stimme hat ein wunderbares Timbre, in der Höhe strahlend und mühelos, aber im tiefen Register etwas heiser.


    Am 4. März 2004, anlässlich des 100. Geburtstages von Joseph Schmidt fand im Rathaus von Köpenick ein Festakt statt. Die Musikschule des Bezirks Treptow-Köpenick erhielt dabei den Namen "Musikschule Joseph Schmidt".
    Der im Dorf Davideny (nicht unweit von Czernowitz) geborene Rumänen Joseph Schmidt war das dritte Kind und der erste Sohn eines Kantors. Jene Regio, Bukowina, gehörte zum Staatenbund der K.u.K. Monarchie. Gerade die Einwohner jüdischer Abstammung dort galten als Träger der deutschen Kultur.
    Er war schon von Jugend an begeistert von Musik, und sang als Alt im Gemeindechor.


    Zitat

    "Manchmal muß sich die ganze Familie auf die Suche nach ihm machen und findet ihn am Waldrand, wo er auf spielenden Zigeunern zuhört". Mit der Zeit entwickelt Schmidt sich zum singenden Wunderkind."


    Als WK I ausbrach, siedelte die Familie um nach Czernowitz. Schmidt erhielt hier Klavier- und Violinunterricht. Ab seinem 14. Jahre sang er bereits im Chor des Tempels von Czernowitz. Wollte er zuerst Schauspieler werden, bald realisierte er sich, daß seine Große (1,54 Meter) ihm zum Verhängnis werden könnte. Darum entschloss er sich seine Stimme professionell schulen zu lassen und wurde Schüler bei der Stimmpädagogin Felicitas Lerchenfeld-Hrimaly. Dort fiel er durch seine überdurchschnittlichen Leistungen auf: Problemlos sang er Skalen bis zum hohen C und darüber hinaus; außerdem konnte er prima vista unbekannte Werke singen. Als er November 1924 sein erstes Konzert in Czernowitz mit traditionellen jüdischen Lieder gegeben hatte, sowie Arien von Verdi, Puccini, Rossini und Bizet, berichteten die lokalen Zeitungen positiv, und die Kritiker prophezeiten dem jungen Sänger eine große Zukunft.
    Schon 1925 zog Schmidt nach Berlin, und bekam dort Klavier- und Sangunterricht von Professor Hermann Weissenborn. Nach einem Jahr mußte er aber zurück nach Rumänien, um seinen Militärdienst beim 2. Gebirgsjägerbataillon in Radautz abzuleisten. Das heißt: er war 20 Monate mit der Militärkapelle verbunden (Geige und Klavier). Ja, er scheint sich sogar dort als Schlagzeuger in der Jazzband betätigt zu haben.
    Ende 1927 wurde er entlassen, und sputete er sich nach Berlin zurückzugehen um sein Studium fortzusetzen. In Berlin wurde er Kantor in eine Synagoge.



    Joseph Schmidt als Kantor in Berlin, 1928


    Bereits 1929 begann seine internationale Karriere: in Belgien (Antwerpen). Und da sollte sie auch ihr Ende finden, als der Krieg dort ausbrach.
    Und auch begann damals seine Rundfunkkarriere. Der Leiter der musikalischen Abteilung, der berühmte Kammersänger Cornelis Bronsgeest, suchte nach neuen Talenten. Joseph Schmidts Rundfunkdebüt geschah am 18.April 1929 um 20.00 Uhr mit jener schweren Rolle des Vasco da Gama in einer Übertragung von Giacomo Meyerbeers "Afrikanerin". Sofort war Schmidts Namen etabliert. Rundfunk und Schallplatte waren fortan das Podium für Schmidts Karriere. Für die Opernbühne war der knapp 1,58 m Tenor nicht geeignet. Dafür war er doch zu klein. Seine Stimme war aber fast prädestiniert für dieses neue Medium.


    Zitat

    "Allein 1929 wirkt Schmidt in neun Gesamtübertragungen mit, zehn weitere Werke folgen im Jahr 1930, elf sind es im Jahr 1931 und zwölf im Jahr 1932."


    Er machte eine Menge Aufnahmen für die Schallplatte. Zuerst für Ultraphone, später für Odeon/Parlophone. Und auch wirkte er in mehreren Filmen mit, sowohl Deutsch- als Englischsprachig.
    August 1929 fand sein Bühnedebut in Berlin statt mit "Den drei Musketieren". Auch wurden Aufnahmen von jüdischen liturgischen Liedern gemacht. Die noch erhaltenen Gesänge zählen zu den besten Aufnahmen die er je eingesungen hat.


    1933 ist das Wendepunkt seiner Laufbahn. Trotz der Machtergreifung der Nazis und des seit 1. April 1933 staatlich erzwungenen Berufsverbot für Juden stieg Schmidts Stern. Obwohl sein Vertrag mit dem Rundfunk Berlin verfiel. Dadurch fand am 20. Februar 1933 Schmidts letzte Aufführung für einen Deutschen Reichssender statt (Der Barbier von Bagdad).
    Den 9. Mai 1933 findet die Uraufführung statt von "Ein Lied geht um die Welt". Anwesend war u.a. Joseph Goebbels, der Propagandaminister. Als Schmidt am Ende des Films auf der Bühne erscheint, wird er von einem begeisterten Publikum begrüßt.


    Zitat

    Die Zeitung der NSDAP, "Völkischer Beobachter", berichtet: "…Aber er ist sooo begabt und so edelmütig, so rührend, kein Engel ist so rein… Und was man nicht sagt, aber desto deutlicher sieht: er ist ein Jude. Jener Typ demütiger Volljude, mit dem einstmals so gerne hausieren ging…"


    Aber vorläufig konnte er noch weiter auftreten in Filmen.



    Liliane Dietz und Joseph Schmidt (Wenn du jung bist, gehört dir die Welt).


    1933 trat er in der Schweiz auf, wo er das Publikum begeisterte. Österreich, Belgien und Frankreich folgten. Ende 1933 siedelt er um nach Österreich.



    Joseph Schmidt in Antwerpen (1933)


    1934 gastiert er in Palästina.
    Er wird so geschätzt und bewundert, dass berühmte Sänger mit ihm zusammen auftreten: Leo Slezak und Grace Moore zum Beispiel.


    1936 spielt Schmidt in der Amerikanischen Version von "Ein Lied geht um die Welt". Und ernt dort allerorts Beifall.
    Dort singt er oft das berühmte Hallelujah von Mozart (aus Exsultate, jubilate), dass eigentlich für einen Kastraten geschrieben war, und und dass wir eigentlich nur als Sopran-Arie kennen. Am 7. März 1937 debütierte Schmidt als gefeierter Tenor in der New Yorker Carnegie Hall.


    Obwohl Schmidt allerwegen in Amerika geschätzt wird, hat er doch Heimweh nach Europa. Und darum kehrt er zurück nach Wien. Fünf Tage vor dem "Anschluss" flieht Schmidt aus Wien nach Belgien, zusammen mit Lotte Kohn und ihrem gemeinsamen Kind Otto.
    Ab Januar 1939 stellte er in Brüssel auf der Opernbühne Rudolf in La Boheme dar. Es folgte eine Tournee über Lüttich, Gent, Antwerpen, Brügge, Courtraus, Ostende und Verviers. Innerhalb eines Jahres durfte er diese Rolle 24 Mal auf der Bühne darstellen.
    In den Beneluxstaaten war er außerordentlich populär und wurde er sehr geschätzt. 1940 ging er nach Frankreich, wo er interniert wurde, weil er deutscher Jude war.
    In jener Zeit hat Schmidt es nicht einfach. Ein für März 1942 in Marseille geplantes und ausverkauftes Konzert wird von der Prefecture verboten, denn jüdische und "arische" Künstler dürfen nicht gemeinsam auftreten.


    Ich habe diese Passage nicht wiederfinden können, aber habe dies behalten:
    Eine Flucht nach Amerika misslang. Ein anderer hatte sich unter seinen Namen eingeschifft. Damit war die letzte Möglichkeit vergeben Europa zu verlassen.
    Nach einige missglückten Versuchen gelang es ihm September 1942 die schweizerische Grenze zu überqueren. Die Flucht hat seine Gesundheit sehr geschädigt. Dadurch brach er in Zürich auf offener Straße zusammen. Als illegaler Flüchtling wurde Schmidt in das Auffanglager Girenbad "einquartiert".
    Ende Oktober 1942 wurde er in eine Zürcher Klinik aufgenommen, wegen einer Entzündung des Kehlkopfs und der Luftröhre. Seine Beschwerden über Brustschmerzen werden von den Ärzten völlig ignoriert. Man verweigerte eine weitere Untersuchung!!
    Als 'offiziell geheilt' wurde er am 14. November aus dem Spital entlassen und ins Auffanglager zurückgeschickt.
    Zwei Tage später, den 16. November 1942, verstarb dieser Sänger an einem Herzversagen, erst 38 Jahre alt.
    Einen Tag nach seinem Tode lag seine Arbeitserlaubnis vor, und wäre er frei gewesen.


    Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bemühte Schmidts Mutter Sara sich vergeblich, eine Ausreisemöglichkeit in die Schweiz zu erlangen. Letztendlich bekam sie eine Ausreisegenehmigung nach Österreich. Bevor sie aber die Reise zum Grabe ihres Sohnes antreten konnte, starb sie.


    Schmidt wurde auf dem Israelitischen Friedhof "Unterer Friesenberg" in Zürich bestattet. Auf seinem Grabstein ist oberhalb des Davidsterns der Satz "Ein Stern fällt" eingemeißelt.



    "Ein Lied geht um die Welt!
    Ein Lied, das Euch gefällt!
    Die Melodie erreicht die Sterne,
    Jeder von uns hört sie so gerne!
    Von Liebe singt das Lied,
    Von Treue singt das Lied,
    Und es wird nie verklingen,
    Man wer es ewig singen.
    Flieht auch die Zeit.
    Das Lied bleibt in Ewigkeit."


    LG, Paul


    NB: Joschi sei Dank für seinen Beistand.

  • Hallo Paul,
    Joseph Schmidt steht bei "meinen" Tenorfavoriten ganz oben.
    Man könnte Deinen Text ändern in:" Joseph Schmidt rührt".
    Seine Aufnahmen der religiösen Gesänge zeigen seine ganze Seele.
    Ein faszinierender Sänger, dem (auch von seinem Onkel) böse mitgespielt wurde.
    Für mich bleibt er unvergessen.
    :hello:Guido

    Wie aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten
    GB

  • Lieber Paul, vielen Dank für Deinen schönen thread über den kleinen/großen Joseph Schmidt. Bei meinem letzten Besuch in der Schweiz landete ich wegen eines Fahrfehlers in Girenbad, wo der Sänger unter so tragischen Umständen zu Tode kam. Sein Grab am Friesenberg habe ich auch besucht.

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Lieber Paul,


    auch von mir ein herzliches Dankeschön für diesen Thread. Auch für mich zählt die Stimme von Joseph Schmidt zu den bedeutenden des 20. Jh.. Beim Hören seiner Platten vermag ich allerdings nie, das Wissen um sein tragisches Schicksal auszublenden. Da hat Guido schon recht: Joseph Schmidt rührt. Zutiefst.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Zitat

    Original von heldenbariton
    Ein faszinierender Sänger, dem (auch von seinem Onkel) böse mitgespielt wurde.


    Lieber Guido,


    Ein Drittel seines Gehalts gab er seinem Onkel, der als Manager von ihm fungierte. Aber ein Drittel schickte er auch an seinen Verwandten in Rumänien.
    Er lebte bescheiden und war sehr liebenswürdig. Ein humaner Mensch.


    LG, Paul

  • Zitat

    Original von Santoliquido
    Beim Hören seiner Platten vermag ich allerdings nie, das Wissen um sein tragisches Schicksal auszublenden.


    Lieber Thomas,


    Ich empfinde es genauso. Und gerade darum wollte ich diesen Thread machen.


    @BBB: Ich hab nur versucht die tragische Geschichte dieses Opfers des braunen Terrors zu erzählen.


    LG, Paul

  • Lieber Paul,


    Ich habe Joseph Schmidt schon in meiner Kindheit oft gehört.
    In meiner Familie wurde und wird die Erinnerung an diesen phantastischen Sänger immer hochgehalten.
    Schon als Kind wurde mir die entsetzliche Geschichte seiner letzten Jahre immer wieder erzählt......
    Untermalt von seiner Aufnahme von "Ein Lied geht um die Welt".......


    Ja, Joseph Schmidt rührt!


    LG,
    Michael

  • Ich bilde mir ein, vor nicht allzu langer Zeit ein Dokumentation über diesen Sänger im Fernsehen gesehen zu haben. Weiß hier jemand mehr?
    Welche Aufnahmen sind zu empfehlen?
    :hello:

  • Lieber Paul,


    danke für diesen thread. Ich glaube, Joseph Schmidt war der erste Tenor, den ich als Kind überhaupt gehört habe ("Ein Lied geht um die Welt" wurde Anfang der 60er Jahre noch häufig im Radio gespielt).
    Und es wurde natürlich auch über sein Schicksal gesprochen, so bekam ich dadurch einiges über das braune Terrorregime und die Kriegsgräuel mit.
    Ich habe ihn zuerst auch eher als "Schlagersänger" gehört und war später ganz überrascht, ihn als so vielseitigen Sänger zu hören.
    Seine Aufnahme der Arie "Glück, das mir verblieb" ist für mich eine der
    anrührendsten Gesangsaufnahmen überhaupt.


    Liebe Grüße, Petra

  • Morgen,


    ich erinnere mich aus Kindheitstagen an die Stimme Joseph Schmidt, meine Mutter war eine Verehrerin des Sängers. Die Wunschkonzerte des Rundfunksenders NWDR (später aufgespalten in WDR und NDR) brachten häufig seine großen Erfolge. Die Stimme war absolut markant, klar, fest, stets definierte Tonhöhen, ausgezeichnete Wortverständlichkeit und, bewegend der Ausdrucksgestus. Melodiefetzen steigen mir noch heute immer wieder in den Sinn, etwa die Zeile "Komm herab, oh Madonna Theresa" oder "Ich bin ein Zigeunerkind" oder "Funiculi funicula" ... - es ist halt lange her. Wir hatten dann auch eine Schallplatte der EMI erworben, aus der Reihe Unvergänglich - Unvergessen, eine 25 cm Produktion.


    Freundlich
    Albus

  • Lieber Paul, :hello:
    vielen Dank für deinen einfühlsamen Bericht über den grossen Sänger.
    Ich erlaube mir, einen kleinen Fehler im Liedtext zu korrigieren:


    Ein Lied geht um die Welt!
    Ein Lied, das Euch gefällt!
    Die Melodie erreicht die Sterne,
    Jeder von uns hört sie so gerne!
    Von Liebe singt das Lied,
    Von Treue singt das Lied,
    Und es wird nie verklingen,
    Man wird es ewig singen.
    Flieht auch die Zeit.
    Das Lied bleibt in Ewigkeit.

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Zitat

    Original von flotan
    Ich bilde mir ein, vor nicht allzu langer Zeit ein Dokumentation über diesen Sänger im Fernsehen gesehen zu haben. Weiß hier jemand mehr?
    Welche Aufnahmen sind zu empfehlen?


    Lieber flotan,


    Im Fernsehen gab es schon mehrfach Sendungen über Joseph Schmidt, sogar Marcel Prawy hat sich mit ihm beschäftigt. Meiner Erfahrung nach kehren solche Filme periodisch wieder. Irgendwas habe ich einmal auf VHS aufgenommen, ich werde nächste Woche danach graben (bitte erinnere mich allenfalls per PN).


    Als Sänger hat Schmidt klarerweise eine deutliche Entwicklung durchgemacht, ich würde daher eher die späteren Aufnahmen empfehlen. In seiner frühen Zeit beeindruckt er zwar durch sein Höhenvolumen und dergleichen, aber mit der Differenzierung hapert es noch. Erst später konnte er dann zusätzlich Nuancierungen und Feinheiten einbringen - meiner Ansicht nach war er in einer sehr verheißungsvollen Phase, als sein Unglück begann. Aus ihm wäre noch vermutlich noch viel mehr geworden. Obwohl die berühmte Chapelou-Arie seine bekannteste Zugnummer war, finde ich übrigens Gedda in dieser Partie noch überzeugender, weil der mehr Lyrisches in der Stimme hat. Schmidt bewegte sich eher in der Mitte zwischen Heldenhaftem und Lyrischem. Wer weiß, was er in beiden Richtungen noch erreicht hätte - Potential war für alles da.


    LG


    Waldi

  • Zitat

    Original von Walter Krause
    Als Sänger hat Schmidt klarerweise eine deutliche Entwicklung durchgemacht, ich würde daher eher die späteren Aufnahmen empfehlen. In seiner frühen Zeit beeindruckt er zwar durch sein Höhenvolumen und dergleichen, aber mit der Differenzierung hapert es noch. Erst später konnte er dann zusätzlich Nuancierungen und Feinheiten einbringen - meiner Ansicht nach war er in einer sehr verheißungsvollen Phase, als sein Unglück begann.


    Lieber Waldi,


    Auch ich finde die spätere Aufnahmen von Schmidt die schönere.
    Eine Ausnahme mache ich aber für seine liturgischen Lieder. Ich habe sie im Rundfunk gehört, und war wirklich komplett baff. Leider ist mein Tonband verpulvert.
    Hat aber vielleicht auch die Entwicklung der Schallaufzeichnung nicht dazu beigetragen, daß die spätere Aufnahmen "besser" klingen?


    LG, Paul

  • Zitat

    Original von musicophil
    Hat aber vielleicht auch die Entwicklung der Schallaufzeichnung nicht dazu beigetragen, daß die spätere Aufnahmen "besser" klingen?


    Lieber Paul,


    Das glaube ich eher nicht - beim direkten Vergleich ist es zu eindeutig. Außerdem ist Fortschritt oft relativ. Die im Forum schon oft vernommene Feststellung, daß das Talent des Tontechnikers entscheidender ist als die neueste Supertechnik, kann ich nur wiederholen. Ich kenne - jetzt ganz unabhängig von Schmidt - Aufnahmen aus früheren Jahren, die solchen um 1940 weit überlegen sind. Warum und wieso kann ich allerdings nicht erklären, dafür wäre z.B. Alfred zuständig, der sich solchen Problemen im Forum ja schon wiederholt gewidmet hat.


    LG


    Waldi

  • Lieber flotan,


    Gestern habe ich das Band gefunden: 1992 produzierte der ORF eine halbstündige Sendung "Joseph Schmidt zum 50.Todestag", gestaltet von Marcel Prawy (gewohnt eindrucksvoll und anschaulich moderierend)unter der Regie von Georg Madeja. Es ist ein angesichts der knappen Zeit recht gelungener Querschnitt in bezug auf Leben, Karriere und Persönlichkeit. Die gebrachten Aufnahmen reichen von Meyerbeer bis Adam - also Schmidts Hauptzugnummern, aber man hört auch einen Tempelgesang und Populäreres.
    Prawy bringt auch persönliche Erinnerungen ein, die allerdings nicht aus der späten Karrierephase stammen: Große Ausstrahlung, enorme und strahlende Höhe, Mittellage leicht umflort, darunter nicht mehr viel; verglichen mit den besten Tenören der Zeit kein großer Interpret, sang alles ein bißchen in derselben Art. Joseph Schmidt verdiente gut, wurde aber finanziell von seinem Onkel Leo schlecht gemanagt, bekam zum Beispiel keine prozentuellen Anteile.
    Wenn ich nicht irre, kann man sich beim ORF gegen einen entsprechenden Obolus eine CD der Sendung brennen lassen.


    LG


    Waldi

  • Ein wunderbarer thread, dem nichts hinzuzufügen ist. Schon als Jungendlicher hörte ich diese weiche, einschmeichelde Stimme, ohne zu wissen, wer der Sänger war.
    Vielen Dank
    Padre

  • Hallo musicophil!


    Zwischen zwei Urlauben noch rasch mein herzliches Dankeschön für deinen wunderbaren neuen Joseph-Schmidt-Beitrag! Habe mich sehr gefreut, als ich ihn entdeckt habe. Eine Riesenarbeit hast du dir da angetan. :jubel: :jubel: :jubel:


    Aus Zeitmangel später mehr …


    LG

    :hello: Weiße Rose


    Man h ö r t nur mit dem Herzen gut!

  • Liebe Taminos,


    eine aus meiner Sicht völlig zu Unrecht unterbewertete Rolle von Joseph Schmidt war auch der Herzog aus Rigoletto. Nicht einmal Kraus oder Pavarotti haben La donna e mobile so federnd und virtuos gesungen wie eben Schmidt. Sein leicht nasales Timbre fügt sich gut zu einer möglichen Interpretation des Duca (sonst stört es mich manchmal, auch in der wunderbaren Korngold-Aufnahme).


    LG,


    Christian

  • Zitat

    Original von heldenbariton
    Hallo Paul,
    die "Religiösen Gesänge" sind bei PREISER auf CD erschienen...traumhaft.


    :hello: Guido


    In dieser CD wird in der Tat eine wesentliche Seite von Joseph Schmidt der Nachwelt überliefert. Abseits vom religiösen Inhalt, zu dem die meisten Taminos/Paminas vermutlich keine tieferen Beziehungen haben, ist unüberhörbar, welchen Einfluss seine Erfahrungen mit dem Synagogengesang auf seine spätere Karriere als Sänger hatten.
    Eine vergleichbare Entwicklung haben unter anderem auch Jan Peerce und Richard Tucker und in der Gegenwart Neil Shicoff gemacht. Auch bei diesen drei Tenören ist die Ausbildung zum Kantor unüberhörbar. Als Hörbeispiele - und auch zum Einhören in die Musik der jüdischen Kultur - empfehle ich
    -> Jan Peerce - THE ART OF THE CANTOR (Vanguard, VCD-72017)
    -> Richard Tucker - PASSOVER SEDER FESTIVAL (Sony Masterworks, MDK 48304)


    Michael 2

  • Hallo Michael,


    das ist sein Thema, das mich sehr interessiert, denn bei mir hakt sich oft der Gesang jüdischer Sänger (die eventuell eine Kantorensausbildung hatten, bei allen weiß ich es nicht) fest.
    Hermann Jadlowker, Marko Rothmüller, Jan Peerce, Richard Tucker, und eben auch Joseph Schmidt - und bei den Sängerinnen eine ganz historische Altistin, Louise Homer.
    Es muss am Ausdruck, an der Gesangstechnik liegen, ich weiß es nicht. Ein entsprechender thread würde mich sehr interessieren, auch wenn ich nicht viel dazu beitragen könnte, weil ich mich in dieser Materie nicht recht auskenne, aber vielleicht haben wir hier einige Spezialisten?


    :hello: Petra

  • Liebe Leute,


    Richard Tucker steht/stand auf meiner Liste. Ihm wollte ich einmal einen Thread widmen.
    Wenn ihr also mindestens ein Jahr warten könnt, dann hat jedenfalls er seine Taminowürdigung bekommen.


    LG, Paul

  • Lieber Paul,


    ich dachte jetzt - unabhängig von Einzelthreads über bestimmte Sänger - an einen thread, in dem der Einfluss der Kantorenausbildung auf das Singen zur Sprache kommt, mit Beispielen und kurzer Vorstellung einzelner Sänger.


    Wenn ich Dir da nichts wegnehme, würde ich mich ein wenig einlesen und demnächst gern einen solchen thread eröffnen.


    Liebe Grüße,
    Petra

  • Zitat

    Original von petra
    ich dachte jetzt - unabhängig von Einzelthreads über bestimmte Sänger - an einen thread, in dem der Einfluss der Kantorenausbildung auf das Singen zur Sprache kommt, mit Beispielen und kurzer Vorstellung einzelner Sänger.


    Wenn ich Dir da nichts wegnehme, würde ich mich ein wenig einlesen und demnächst gern einen solchen thread eröffnen.


    Liebe Petra,


    Ich würde sogar sagen "GERNE". Denn es gibt ja soviel Personen die nie gewürdigt werden, weil es andere gibt die...
    Unabhängig von einem algemeineren Thread, könnte ich unter Umständen dann noch immer - notfalls - Tucker einen eigenen Thread widmen.


    LG, Paul

  • Zitat

    Original von petra
    Hallo Michael,


    das ist sein Thema, das mich sehr interessiert, denn bei mir hakt sich oft der Gesang jüdischer Sänger (die eventuell eine Kantorensausbildung hatten, bei allen weiß ich es nicht) fest.
    Hermann Jadlowker, Marko Rothmüller, Jan Peerce, Richard Tucker, und eben auch Joseph Schmidt - und bei den Sängerinnen eine ganz historische Altistin, Louise Homer.
    Es muss am Ausdruck, an der Gesangstechnik liegen, ich weiß es nicht. Ein entsprechender thread würde mich sehr interessieren, auch wenn ich nicht viel dazu beitragen könnte, weil ich mich in dieser Materie nicht recht auskenne, aber vielleicht haben wir hier einige Spezialisten?


    :hello: Petra


    Ohne den Rahmen des Themas jetzt ganz sprengen zu wollen (und einem allfälligen einschlägigen Thread mchte ich auch nicht vorgreifen) - bei Nimbus Records ist im Jahr 2000 eine (meiner Meinung nach) sehr empfehlenswerte CD mit dem Titel "Legendary Cantors" erschienen (NI 7906). Das Beiheft bietet einen interessanten und lesenswerten Aufsatz über die Entwickung des kantoralen Gesnges.


    viele Grüße aus Wien
    Michael 2

  • Heute kam eine Information über eine neue Doppel-CD mit den schönsten Aufnahmen von Joseph Schmidt auf den Schreibtisch (Geschenk-Tipp für Weihnachten):



    Joseph Schmidt singt Arien & Lieder
    2 CDs
    Erscheinungstermin: 19.11.2007


    Arien und Lieder von Stradella, Mozart, Donizetti, Flotow, Halevy, Meyerbeer,
    Massenet, Tschaikowsky, Leoncavallo, Verdi, Puccini,
    Strauss II, Lehard, Dellinger, Adam, von Mory, Goetze, Smetana,
    Rossini, Meyer-Helmund, Lewinnek, Niederberger, Serrano,
    Biscardi, Tosti, Buzzi-Peccia, May
    Label: Naxos , ADD/m, 1929-36

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Ich habe es schon mal im Mc Cormack-Thread gepostet:
    Für Schellack-Freunde im Allgemeinen und Schmidt-Fans im Speziellen lohnt sich die Kesting-Produktion "Belcanto", seit zwei Jahren auch in zwei Teilen auf DVD zu haben.





    Auf dem Cover übrigens Schmidt im Kantoren-Outfit.



    Gruß,



    audiamus



    .

  • .


    Hier Aufnahmen auf Preiser und die alten Ultraphon Aufnahmen auf Teldec.


    Bittels Anklicken des Covers gelangt man zu jpc wo Tonbeispiele abgehört werden können.


    mfg aus Wien


    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Am kommenden Donnerstag, 27.12.2007 20:25 Uhr, wiederholt der ZDF-Theaterkanal das Fernsehportrait:


    JOSEPH SCHMIDT - GESCHICHTE INES KURZEN LEBENS


    Film von Marieke Schroeder
    Deutschland 2004
    Dokumentation, 55 min.


    Zitat

    Joseph Schmidt (1904-1942) war in Deutschland, Österreich und der Schweiz in den 30er Jahren ein Star des Tonfilms. Mit Rundfunk- und Schallplattenaufnahmen bezauberte er die Herzen der Deutschen. Auf den Straßen pfiffen die Menschen seine Filmschlager wie "Ein Lied geht um die Welt". Eine Karriere auf der Opernbühne verhinderte jedoch seine Körpergröße von nur 1,52 Metern. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, musste er als Jude fliehen. Seine letzte Station war das Internierungslager Girenbad in der Nähe von Zürich. Dort starb der Sänger mit der "magisch begnadeten Stimme" 1942 im Alter von 38 Jahren. Marieke Schroeder begibt sich in ihrem Film auf die Spuren dieses kleinen Sängers mit großer Stimme, unter anderem in der Bukowina in Czernowitz, wo Joseph Schmidt seine ersten Auftritte als Kantor hatte, und rekonstruiert seinen glanzvollen Aufstieg und Erfolg mit Ausschnitten aus Spielfilmen und Fotos.


    LG

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)