Christoph von Dohnányi

  • Mit Erstaunen bemerke ich, dass der Dirigent und Intendant Christoph von Dohnányi (*8.9.1929, Berlin) hier noch keinen eigenen thread hat und dass auf dem Markt immer weniger Aufnahmen von ihm erhältlich sind! Ja, schade, DECCA scheint ihn geradezu aus dem Katalog zu räumen.... Einmal mehr die Strafe dafür, dass ein seriöser Dirigent (der nicht an allen Fronten gleichzeitig kämpft und nicht Chefposten wie Trophäen sammelt) die publicity meidet?


    Er ist der Neffe des Komponisten Ernst von Dohnányi (1877-1960) und der Bruder des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters Klaus von Dohnányi.


    Schon in seiner Zeit als Chefdirigent beim WDR-Radiosinfonierchester (1964-1969) müssten doch eigentlich etliche Aufnahmen entstanden sein....


    Weitere Stationen der Karriere: 1968-1977: Oper Frankfurt am Main, 1977-1984: Hamburgische Staatsoper, 1982-2002: Cleveland Orchestra, ab 1997: Philharmonia Orchestra, seit 2004: NDR-Sinfonieorchester.



    Sein Dvorak und Bruckner wurde im Forum sehr gelobt, aber sonst hat man hier nicht allzuviel von ihm mitbekommen.... welche Aufnahmen (von denen derzeit wie gesagt leider nur recht wenige erhältlich sind) sind denn noch sehr zu empfehlen? Stehen jetzt auch mal neue Veröffentlichungen beim NDR an?



    Am 10.2.2008 ist er mit dem NDR-Orchester in der Alten Oper Frankfurt zuhören, mit Haydn und Bartoks Blaubart! Es gibt nicht mehr allzuviele Karten.

  • Hallo ThomasBernhard,


    ich freue mich, dass endlich jemand einen Thread über Christoph von Dohnányi beginnt. Ich habe nur einige wenige Aufnahmen mit ihm. Aufgrund dieses schmalen Spektrums hielt ich mich nicht für kompetent, dieses Thema zu beginnen. Diese Aufnahmen schätze ich aber außerordentlich. Dazu gehören neben den von ThomasNorderstedt erwähnten Einspielungen der Brahms-Symphonien u.a. auch die der Symphonien von Robert Schumann.


    Zurzeit ist wohl nur diese CD erhältlich:



    Zitat

    Er ist der Neffe des Komponisten Ernst von Dohnányi (1877-1960) und der Bruder des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters Klaus von Dohnányi.


    Biografischer Nachtrag: Christoph von Dohnányi entstammt gleich zwei berühmten Familien. Sein Vater Hans war verheiratet mit Christine Bonhoeffer, der ältesten Schwester des berühmten Theologen Dietrich Bonhoeffer, der somit sein Onkel war.



    Hans von Dohnányi und Dietrich Bonhoeffer waren mit einander verbunden im Widerstand. Beide werden 1943 verhaftet. Am 09. April werden Vater und Onkel hingerichtet: Hans von Dohnányi in Sachsenhausen, Dietrich Bonhoeffer in Flossenbürg.


    Übrigens haben Christoph und Klaus von Dohnányi beide - wie ihr Vater - Jura studiert, auch wenn Christoph dann in die Musik wechselte und u.a. bei seinem Großvater Ernst von Dohnányi in München Musik studierte.


    Bei JPC gibt es nur sehr wenige mit ihm eingespielte CDs. Warum ist das so? Oder mache ich mit der Suchmaschine etwas falsch?


    Herzliche Grüße von der Küstenlinie, Andrew

    „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“

  • Eine CD, welche gerade auch im Forum schon viel Zuspruch erlangt hat - Markus erwähnte es - ist bestückt mit Werken Dvoráks:


    Chriytoph von Dohnányi
    The Cleveland Orchestra
    +Symphonie Nr.7 op.70
    +Symphonie Nr.8 op.88
    +Symphonie Nr.9 op.95
    +Scherzo capriccioso op.66




    Es steckt viel Feuer und Schwung in der Interpretation - wobei mein persönliches Empfinden es bei der Neunten im Gesamtbild für weniger gut heißt. Aber gerade die Symphonien 7 und 8 sind belebt und ein Erlebnis! Das Scherzo capriccioso nicht minder.
    Außer eben die Neunte, wo ich andere und für mich persönlich bessere Alternativen gefunden habe (Fischer, Bernstein) kann ich die Leistung des Orchesters und des Dirigenten nur befürworten.


    Eine andere CD habe ich, nach meinem Kenntnisstand jedenfalls, nicht mit Dohnanyi als Stabführer...

    Wie ein Rubin auf einem Goldring leuchtet, so ziert die Musik das Festmahl.


    Sirach 32, 7

  • Danke für diesen Thread!


    Christoph von Dohnanyi war zum Glück während meiner intensivsten Zeit als Operngänger GMD in Frankfurt (und nicht unwesentlich der Grund dafür, dass seine Ära und die seines Nachfolgers Michael Giehlen meine beste Opernzeit war). Nicht zuletzt ihm verdankten u. a. Agnes Baltsa und Ileana Cotrubas ihren internationalen Durchbruch (noch heute schwärmt mein Inneres von den beiden als Hänsel und Gretel unter Dohnanyis Leitung).


    Mit ihm am Pult verbinden mich zahlreiche schöne Erinnerungen, darunter eine von ihm auch sehr wirkungsvoll inszenierte NOZZE DI FIGARO, eine fantastische ELEKTRA mit Daniza Mastilovic, und eine für mich bislang unübertroffene FRAU OHNE SCHATTEN in der Regie von Oscar Fritz Schuh.


    Er war es auch, der John Neumeier als Ballettdirektor aus Stuttgart holte und ihm die Chance für seinen großen Durchbruch gab. Ich will mich mangels umfangreicherer Informationen nicht festlegen, würde mich aber nicht wundern, wenn er zu den herausragenden "Entdeckern" der deutschen Musikwelt gehört.


    Seine Einspielungen der Brahms-Sinfonien stehen für mich mindestens sehr nahe der Spitze, und die Aufnahmen der Mendelssohn-Sinfonien sind für mich noch immer unübertroffen, wobei ich einschränken muss, dass ich seither kaum andere gehört habe, weil mir das Bedürfnis nach Alternativen fehlte.


    Ebenfalls zu meinen absoluten Lieblingsaufnahmen gehört die Einspielung des Klavierkonzertes von Edvard Grieg mit Claudio Arrau (noch beim Amazon Marketplace in Kopplung mit dem Konzert von Robert Schumann, mit dem ich weniger anfangen kann, erhältlich).


    Leider gibt es meine Lieblingsaufnahme der MEISTERSINGER (neben der Karajan-Box) mit Janowitz, Ridderbusch, King nur als Rundfunkmitschnitt aus der Wiener Staatsoper.


    Wer ein wenig mehr von diesem außerordentlichen Dirigenten und über seine Arbeitsweise erfahren möchte, dem sei diese DVD einer Einstudierung von Haydns SINFONIE NR. 88 G-Dur empfohlen, die mir diese Sinfonie besonders nahe brachte:



    Unverständlicherweise enthält sie nur Ausschnitte aus seiner Probenarbeit und nicht die Aufführung der Sinfonie als Ganzes, aber auch das Vorhandene lohnt die Investition.


    Schade, dass dieser großartige Dirigent so sehr im Schatten anderer steht, denen er mehr als das Wasser reichen kann. Warum eigentlich ist jeder Karajan-Thread sofort voll, während dieser nur mühsam in Fahrt kommt?


    Eigentlich sollte er in einem Klassikforum doch relevanter sein als die Schwangerschaft von Frau Netrebko, die im gleichen Zeitraum schon auf das (gefühlt) Zehnfache an Postings kam.


    :hello: Rideamus

  • Ich hatte die Gelegenheit, die sehr eindringliche Bondy-Inszenierung der Salome in Covent Garden zu sehen.
    Bei der entstandenen DVD-Aufnahme mit Malfitano, Terfel, Riegel und Silja muss ich mir natürlich den Vorwurf der Befangenheit gefallen lassen, wenn ich sage, dass ich sie, wie das Opernerlebnis selbst, phantastisch finde.





    Kurios, und vielleicht kann jemand dazu etwas sagen:
    Die Decca brachte die gleiche Aufnahme mit gleichem Cover auch als CD heraus.
    Die gleiche Aufnahme?
    Denkste, hier dirigiert Dohnanyi die Wiener Philharmoniker, nicht die königlichen Coventgardener, und statt Anja Silja singt Hanna Schwarz die Herodias.



    Grüße,



    audiamus



    .

  • Hallo Forianer,


    unter Dohnányi gibt es eine der besten Einspielungen von Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung". Leider ist diese Aufnahme gegenwärtig nicht verfügbar:




    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

  • Ach ja, auch das scheint zu den von Rideamus monierten Schattenseiten zu gehören:
    Die Salome-CD ist ebenfalls nicht verfügbar.

  • Zitat

    Original von audiamus
    Ach ja, auch das scheint zu den von Rideamus monierten Schattenseiten zu gehören:
    Die Salome-CD ist ebenfalls nicht verfügbar.


    Dabei ist die von Dir gezeigte Salome-DVD tatsächlich Spitzenklasse (auch wenn man das nicht live in London gesehen hat) - genauso wie die von Rideamus bereits angesprochenen Brahms-Symphonien.


    Ansonsten - ich muß es gestehen - kenne ich gar nicht besonders viele Aufnahmen des Herrn v. Dohnanyi... :O Woran liegt's - da ich doch die wenigen Aufnahmen, die ich kenne, zu den Spitzenaufnahmen des entsprechenden Repertoirs zähle? Nicht jedenfalls an der Schwangerschaft von A.N. und auch nicht an ihren Gesangskünsten... Vielleicht, weil der Mann sein Fell nicht gar so sehr auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten feilgeboten hat, wie manch anderer? Weil er nicht jedes bereits tausendfach totgenudelte Mainstream-Repertoire-Stücklein zum 1.ooo.ooosten Mal auf kleine Silberscheiben eingedudelt hat? Oder vielleicht daran, daß ich viel zu unaufmerksam im Chaos des Klassikmarktes navigiere und auf die kalkulierten Honigspuren hereinreinfalle...


    Weiß nicht recht...


    Ganz herzlich,
    Medard

  • Sagitt meint:


    Heute gehört, jetzt erst diesen thread bemerkt, Fidelio ,dirigiert von Dohnanyi.
    Eine ausgezeichnete Sängerriege.
    Er selbst mit den Wienern.
    Blitzsauberes Musizieren. Ein wenig gebremst dramatisch, aber man hört: der wissende Dirigent.

  • Zitat

    und die Aufnahmen der Mendelssohn-Sinfonien sind für mich noch immer unübertroffen


    Hallo Rideamus: sind das die Einspielungen mit den Wiener Philharmonikern?


    Dein Beitrag hat mich neugierig gemacht - zumal ich die Einspielungen der Brahms-Sinfonien sehr schön finde.


    Freundliche Grüße, Andrew

    „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“

  • Ja, ich bezog mich auf diese Box:



    Leider gibt es auch die derzeit nur noch im AM Marketplace, aber für einen anständigen Preis ist sie immerhin auch noch zweigeteilt im Repertoire.


    Wenn es so weiter geht, wird man ihn wohl bald nur noch antiquarisch bekommen. Verstehe das, wer will. An seinem Können oder seiner Anerkennung durch die Kenner liegt's jedenfalls nicht.


    :hello: Rideamus


    EDIT: unter diesen Umständen sollte man sich baldigst auch noch die FIDELIO-DVD sichern, bevor auch die verschwindet:


  • Beitrag editiert. Der erste Absatz meines Postings bezieht sich auf eine Fernsehsendung auf ARTE über Dohnanyi - Rideamus hatte darauf hingewiesen (dabei aber irrtümlich angenommen, die Ausstrahlung läge noch bevor).


    Den habe ich letztes Jahr im Fernsehen gesehen. Durchaus sehenswert, wenn auch mit reichlich viel human interest und sehr auf die Gegenwart bezogen (weder die Opernzeiten in Frankfurt und Hamburg noch Cleveland kommen nach meiner Erinnerung groß vor). Man darf aber auch mal beim Proben mit dem NDR-Orchester zugucken.


    Es war übrigens vor ein paar Jahren eine Edition auf dem Markt, bei der auf zig CDs viele Dohnanyi-Aufnahmen aus Cleveland versammelt waren - ich finde sie auf die Schnelle aber bei keinem Anbieter.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Worauf man in jedem Fall auch hinweisen sollte, ist das Fragment des Rings, das leider nach der "Walküre" abgebrochen werden mußte. Mit Robert Hale ist einer der bedeuteundsten Wotane seiner Zeit festgehalten, und das Dirigat ist exzellent.

  • Zitat

    Original von Armin Diedrich
    Worauf man in jedem Fall auch hinweisen sollte, ist das Fragment des Rings, das leider nach der "Walküre" abgebrochen werden mußte. Mit Robert Hale ist einer der bedeuteundsten Wotane seiner Zeit festgehalten, und das Dirigat ist exzellent.


    Wie sich die Ereignisse gleichen. Schon in Frankfurt musste Dohnanyi ja einen geplanten RING absagen, weil der Einstieg des damals noch unerprobten (war's eines um Mussbach?) Regieteams missglückte.


    Der RING scheint ein Schmerzenskind Dohnayis zu sein.


    :hello: Rideamus

  • Zitat

    Original von Rideamus


    Der RING scheint ein Schmerzenskind Dohnayis zu sein.


    :hello: Rideamus


    Immerhin hat er ihn seinerzeit in Wien ja abschließen können... kennt jemand die Mitschnitte?

  • Jetzt habe ich meine Sammlung noch einmal Revue passieren lassen:
    Nicht nur ein beeindruckendes Werk, sondern auch interpretatorisch ein ganz großer Wurf in meinen Ohren:
    Busonis gigantisches Klavierkonzert mit Schlusschor.



    Referenz sicherlich auch diese Aufnahme, obwohl ich Glass seit seiner Filmmusik zum "Piano" nicht mehr ganz hold bin:





    Unvergesslich wird mir eine 5. Tschaikowski in der Hamburger Musikhalle - sorry, Laisztschscz-Halle - bleiben. Der letzte Satz, eh schon irrwitzig, war einfach erschlagend.


    Gruß,



    audiamus



    .

  • Zitat

    Original von Rideamus
    Wie sich die Ereignisse gleichen. Schon in Frankfurt musste Dohnanyi ja einen geplanten RING absagen, weil der Einstieg des damals noch unerprobten (war's eines um Mussbach?) Regieteams missglückte.



    Das war damals m.W. tatsächlich die erste Operninszenierung des blutjungen Peter Mussbach. Ihn gleich mit dem "Ring" (und dann auch noch mit der "Götterdämmerung") anfangen zu lassen, zeugt von dem beachtlichen Wagemut Dohnanyis (auch wenn er sich nachher von Mussbach distanziert hat). Ich hab's ja leider nicht miterlebt, aber unter Dohnanyi gab es in Frankfurt wohl schon sehr interessante Beiträge zum Thema Musiktheaterregie (z.B. Erwartung/Blaubarts Burg mit Klaus Michael Grüber, wenn ich nicht irre).



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von audiamus
    Referenz sicherlich auch diese Aufnahme, obwohl ich Glass seit seiner Filmmusik zum "Piano" nicht mehr ganz hold bin


    Wenn's wirklich nur daran liegt, darfst Du Glass fortan wieder hold sein. Die Musik zu dem Film THE PIANO (bei der ich anderer Meinung zu sein scheine als Du) stammt nämlich von Michael Nyman, und für den kann Philip Glass wohl nichts, selbst wenn er ihn beeinflusst haben dürfte.


    Um aber nicht ganz OT zu bleiben, hier noch eine Empfehlung, die mit dem Namen Dohnanyi für immer verbunden bleiben wird, war er doch auch der Dirigent der Uraufführung:



    Henze: Der junge Lord
    mit Edith Mathis, Donald Grobe, Barry McDonald; Chor und Orchester der DOB


    Leider ist es schon fast überflüssig zu erwähnen, dass auch diese allein schon historisch ungemein bedeutende Henze-Aufnahme ebenfalls schon lange gestrichen und nur antiquarisch zu haben ist.


    @ Zwielicht: Klaus Michael Grüber war zu Zeiten Dohnanyis nachgerade Stammgast in Frankfurt. Leider habe ich keine Programmhefte mehr aus der Zeit, meine mich aber zu erinnern, dass er es war, der den wunderbaren DON GIOVANNI inszeniert hat, der von Günther Wand dirigiert wurde. Das war eine meiner ersten Premierenaufführungen dort, aber ich erinnere die Begeisterung des Publikums über den Abend, als sei es gestern gewesen.


    :hello: Rideamus

  • Zitat

    Original von Rideamus


    Wenn's wirklich nur daran liegt, darfst Du Glass fortan wieder hold sein. Die Musik zu dem Film THE PIANO (bei der ich anderer Meinung zu sein scheine als Du) stammt nämlich von Michael Nyman, und für den kann Philip Glass wohl nichts, selbst wenn er ihn beeinflusst haben dürfte.


    Asche auf mein minimalistisches Haupt!

  • Zitat

    Original von Rideamus
    Der RING scheint ein Schmerzenskind Dohnayis zu sein.
    :hello: Rideamus


    Auch in Hamburg zur Zeit der Intendanz von Dohnányis ist der "Ring" in der Inszenierung Götz Friedrichs nicht über "Das Rheingold" hinausgekommen.


    Christoph von Dohnányi war in Hamburg ein "schwieriger" Intendant. Zwar war es seinem Kuenstlerischen Betriebsdirektor Peter Mario Katona (heute Covent Garden) gelungen, eine Reihe junger Sänger nach Hamburg zu holen, aus denen dann Weltstars wurden, doch Dohnányi hatte Schwierigkeiten mit dem "Betrieb", mit dem Betriebsrat und auch mit dem Orchester, so dass er mit zunehmender Zeit immer weniger am Opernpult stand.


    Als herausragend empfand ich sein Dirigat der "Frau ohne Schatten", auch sein persönlicher Zugang zum (recht "unwienerischen") Rosenkavalier war interessant, während er bedauerlicherweise "Salome" nur wenig und "Elektra" (wenn ich mich nicht irre) gar nicht dirigierte. An Wagner erinnere ich "Tristan" (ueberliess er dann meistens Heinz Fricke) und seine Abschiedspremiere "Meistersinger" in der damals als provokant empfundenen Inszenierung Herbert Wernickes. Und Verdi? "Ballo in maschera" als Repertoirevorstellung mit Domingo, ganz im Stile eins Fritz Busch.


    Gerade wegen der vielen Differenzen mit dem als arrogant angesehenen Dohnányi und seinen immer grösseren Abwesenheitsperioden wurde sein Weggang von vielen mit Erleichterung aufgenommen. Was danach kam (Horres, Liebermann) konnte jedoch dem unter Dohnányi aufgebauten Standard nicht immer standhalten.


    Mikko

  • Zitat

    Original von audiamus
    Referenz sicherlich auch diese Aufnahme, obwohl ich Glass seit seiner Filmmusik zum "Piano" nicht mehr ganz hold bin:


    Die Verwechslung ist halb so wild. Zumal Dein Standpunkt zur Filmmusik Wasser auf meine Mühlen ist. Seinerzeits handelte ich mir die Wut einiger Mitglieder ein, als ich mich etwas despektierlich über den Film und v.a. seine Musik geäußert hatte.
    Über den Film will ich mich, bevor ich ihn nicht noch einmal gesehen habe, nicht weiter äußern. Aber die Musik ist - sorry FQ und Peter :D - scheußlich kitschig und banal. :pfeif:


    Da kann der sich inzwischen auch nicht mehr erneuernde Glass och nischt für.
    Ganz ganz OT, aber nur kurz: ich möchte Dir die Filmmusik zu "Mishima" von Gass ans Herz legen, audiamus. :yes:


    Die Glass-VK-Aufnahme ist IMO Referenz, obwohl ich das Werk, seitdem ich die Frühwerke von Glass kenne, auch nicht mehr hören mag. Es kommt mir - verzeiht den strengen Ton - allzu gefällig und einfach daher. :untertauch:


    :hello:
    Wulf

  • Gibt es denn gar keine Aufnahmen von Siegfried und Götterdämmerung (auch Live-Mitschnitte)?

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Ich habe mal bei OperaShare nachgesehen. Da gibt es noch etliche Dohnanyi-Perlen, darunter eine wunderbare Pariser SCHWEIGSAME FRAU mit Nathalie Dessay und natürlich die berühmte LULU mit Anja Silja, die ich noch nicht erwähnt hatte, aber von Wagner nur die Londoner MEISTERSINGER mit Weikl, Lott, Heppner und Prey und einen LOHENGRIN mit Peter Hofmann, Tomowa-Sintow und Nimsgern. Beides sind jedoch nur Wünsche, scheinen aber wohl irgendwo zu existieren.


    Beim RING aber komplette Fehlanzeige, sorry.


    :hello: Rideamus

  • Zitat

    Original von Felipe II.
    Gibt es denn gar keine Aufnahmen von Siegfried und Götterdämmerung (auch Live-Mitschnitte)?


    Müßte nochmal exakt nachsehen, aber einer meiner Tauschpartner hat in Wien viel mitgeschnitten. Da ist mit großer Sicherheit auch die Ring-Premiere von Dresens Inszenierung dabei, die Dohnanyi ja dirigiert hat.

  • Zitat

    Original von Mikko
    Christoph von Dohnányi war in Hamburg ein "schwieriger" Intendant. Zwar war es seinem Kuenstlerischen Betriebsdirektor Peter Mario Katona (heute Covent Garden) gelungen, eine Reihe junger Sänger nach Hamburg zu holen, aus denen dann Weltstars wurden, doch Dohnányi hatte Schwierigkeiten mit dem "Betrieb", mit dem Betriebsrat und auch mit dem Orchester, so dass er mit zunehmender Zeit immer weniger am Opernpult stand.


    Diesem Umstand verdankte CvD den Spitznamen "Dochnieda" in Anspielung darauf, daß CvD stets Wert darauf legt(e), daß sein Nachname ungarisch ausgesprochen wird, also in etwa "Dochnanji", während Bruder Klaus deutsch "Donani" heißt.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Alban Bergs "Wozzeck" habe ich in der 1979 entstandenen Einspielung mit den Wiener Philharmonikern unter Dohnanyi kennengelernt, Eberhard Wächter gibt (etwas graustimmig) den Wozzeck, Anja Silja (sehr eindrucksvoll, wenn auch mit gesanglichen Schwächen) die Marie (ansonsten ist Heinz Zednik als Hauptmann hervorzuheben). Eine Aufnahme, die ich gerade wegen des Dirigats besonders schätze. Die zwei crescendierenden h's im Orchester nach Maries Tod habe ich nie wieder so eindrucksvoll gehört wie hier.


    Gekoppelt mit Schönbergs "Erwartung", ebenfalls mit Anja Silja, ist dieser Wozzeck gelegentlich beim Marketplace (wenn auch meist zu stolzen Preisen) erhältlich:





    Folgende Strauss-CD aus den 90ern, ebenfalls mit den Wiener Philharmonikern, hat mich beim kürzlichen Wiederhören leider enttäuscht, zumindest was den "Don Juan" anbetrifft. Da hätte ich mir mehr Drive, Präzision und Klangfarben erwartet:





    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Wulf


    Ganz ganz OT, aber nur kurz: ich möchte Dir die Filmmusik zu "Mishima" von Gass ans Herz legen, audiamus. :yes:


    Lieber Wulf,


    vielen Dank, ich werde das beherzigen. Vielleicht lohnt auch der Film selbst, den ich nicht kenne.


    Gruß,


    audiamus

  • Herausragend war sein "Ring" an der Wiener Staatsoper (szenisch leider ein Totalversager). Dohnányi entwickelte die Tempi aus dem Sprechtempo, was einen flotten Grundpuls bedeutet hat. Extrem durchsichtig, aber mit weitbogig angebahnten punktgenau eintretenden Steigerungen und auch keineswegs rein analytisch, bot dieser "Ring" sowohl Futter fürs Hirn wie für das Herz. Die beiden zustandegekommenen DVD-Einspielungen ("Rheingold" und "Walküre") datieren von einem etwas späteren Zeitpunkt und sind nicht mehr ganz so radikal im Ansatz. Aber allein die Genauigkeit der Klangabstufung und der Intonation macht die Beschäftigung mit ihnen wert.
    :hello:

    ...

  • Hallo zusammen,


    wenn auch Konzerterlebnisse nicht nachprüfbar und auch immer von der "Tagesform des Hörers" abhängig sind:


    vor einigen Jahren gab das Cleveland Orchestra im Münchner Gasteig ein grandioses Konzert unter seinem damaligen Chef Christoph von Dohnanyi - vielleicht das "perfekteste", das ich je gehört habe. Seither finde ich, dass man über bedeutende Dirigenten unserer Zeit nicht reden kann, wenn man Dohnanyi nicht erwähnt.


    Das Programm umfasste


    - Dvoraks Symphonie "aus der neuen Welt",
    - Lutoslawskis "Konzert für Orchester" und
    - Serge Kussevitzkys Orchesterfassung der "Großen Fuge" Beethovens.


    Weiter oben im Thread wurde eine Aufnahme der späten Symphonien Dvoraks von Maik sehr gelobt - mit Ausnahme der "aus der neuen Welt", die nicht so gut gelungen sei - ich teile diese Sicht. Die Liveaufführung war nicht nur technisch keinen Deut schlechter als die Aufnahme - sie war auch, bei aller Genauigkeit und allem noblen Musizieren, temperamentvoller und einfach "musikalischer".
    Lutoslawskis unglaublich schwieriges "Konzert für Orchester" wurde vom Cleveland Orchestra zwar technisch perfekt, aber gleichzeitig geradezu "nonchalant" serviert, und zwar mit wirklichem Spaß an der Sache, hin vom Dirigenten bis zu jedem Musiker, und das übertrug sich auf das Publikum. Zeitgenössische Musik in den "richtigen Händen" kann spannend und unterhaltsam zugleich sein, und an Dohnanyi schätze ich auch, dass er uns das immer wieder beweist.


    Was mich auch beeindruckte, war die perfekte Klangbalance: der Gasteig ist in dieser Hinsicht für fast alle Orchester "schwieriges Gelände". Dohnanyi erreichte eine kammermusikalische Balance mit deutlicher und schöner Ausleuchtung der Einzelstimmen, als sei das Alles ganz einfach. In diesem Hause habe ich das von "Tourneeorchestern" so nie erlebt.


    Im Thread noch nicht genannte, aber empfehlenswerte Aufnahmen Dohnaniys:


    die Neunte Beethovens mit Cleveland Orchestra und Chor und den Solisten Carol Vaness, Janice Taylor, Siegfried Jerusalem und Robert Holl (1985 aufgenommen)



    und, ebenfalls mit dem Cleveland-Orchester, die Aufnahme von Beethovens Achter und Schuberts "Unvollendeter" von 1984 - wie die erstgenannte bei Telarc erschienen.


    Die Aufnahmen sind zwar "konventionell" (im besten Sinne), aber dabei von fabelhafter Durchhörbarkeit - die, zugegebenermaßen - auch der fantastischen Aufnahmetechnik geschuldet ist (-aber das spricht ja nicht wirklich gegen eine Aufnahme...).


    Gruß
    Pylades