Mein persönliches Mozartbild

  • Liebe Forianer


    Mozart ist neben Bach und Beethoven die wohl bedeutendste Erscheinung in der sogenannten "klassischen Musik", wobei es sich bei Mozart noch dazu um echte "Wiener Klassik" handelt.


    Mozart wurde im Lauf der jahrhunderte durchaus unterschiedlich gesehen und bewertet.
    Der Parallelthread


    Die posthumen Metamorphosen des Wolfgang Amadeus Mozart - Mozartbilder, einst, jetzt und in Zukunft.


    sollte die verschiedenen pauschalen Mozartbilder im Laufe der Zeit erörtern und gegeneinander stellen, hat sich dann aber leider verzettelt, weil man sich über Äusserlichkeiten gestritten hat (beispielsweise ob Mozart gut gekleidet war oder nicht) statt sich mit Mozart und den verschiedenen Zeitgeistströmungen auseinaderzusetzen.



    Der hier nun vorliegende Thread soll aber bei aller Ähnlichkeit doch einen anderen Denkansatz haben: Jeder Teilnehmer dieses Themas sollte uns seine ganz persönliche Sicht auf Mozart schildern, seine Lieblingsinterpreten nennen - aber auch jene, die seiner subjektiven Meinung nach, völlig an Mozart vorbeiinterpretieren. vielleicht sollten einige besonders geglückten - aber auch mißglückten Aufnahmen nominiert werden. Dann gibt es noch eine weitere Möglichkeit.
    Themenverfehlung auf höchstem Niveau.....
    Ferner kann und soll der persönliche Stellenwert Mozarts beschrieben werden, und die Erwartungen, die man an eine Mozart - Interpretation hat.....


    "Was ist der Sinn eines solchen Threads" - wird mancher fragen - "wir kommen sowieso auf keinen gemeinsamen Nenner".


    Hier pflichte ich uneingeschränkt bei - aber es wird erreicht, daß Mozart einmal mehr ins Blickfeld geschoben wird. Ich möchte etwas mehr "Wiener Klassik" ins Forum bringen - und habe festgestellt, daß die meisten, die dieses Thema interessiert hat das Forum entweder verlassen haben, oder sich leise ins Winkerl zurückgezogen haben.
    Ich möchte diese Tendenz korrigieren und vermehrt Mitglieder anlocken, die an Mozart und seinem Umfeld Interesse haben....


    mfg aus Wien


    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Ich gehöre zu der Sorte Mensch die sich Mozart als HIP gar nicht vorstellen können. Das Orchester muss bei mir schwebend klingen, je größer desto besser. Zwar geht das in den Bereich der "Romantik", aber dass ich der Romantikepoche fast nix abgewinnen kann ist ja an der Stelle beweis genug dass diese Art von Orchester kein Synonym für diese Epoche ist sondern durchaus auch in die Wiener Klassik passt. Zumindest für mic, Punkt. :yes:
    Ich persönlich denke sogar, Mozart selbst hätte es so gefallen, zumal er ja immer offen für Neues war.


    Da ich HIP erst seit einem Jahr kenne, bin ich also genau mit diesem Mozart aufgewachsen. Darum grauste es mir, als ich meine Lieblingssinfonie, die Prager-Sinfonie, zum ersten Mal in diesem HIP hörte. Nein, das war nicht mehr mein Mozart. Irgend ein anderer, aber nicht MEIN Mozart.


    Wie viel man bei den Klaviersonaten von Mozart falsch machen kann wusst ich auch bis vor einigen Monaten noch nicht. Ich kaufte mir insgesamt 5 verschiedene Einspielungen von Sonaten Mozarts. Einfach gegriffen, nicht Probegehört. Ich wollte wissen, wie viel Interpretationsfreiheit man be Mozart eigentlich hat.
    Resultat; Alle 5 habe ich 2 Wochen später in eBay reingestellt. :D
    Auch hier war es nicht Mozart wie ich ihn liebe. Mal zu romantisch, mal zu langsam, mal zu wenig romantisch, mal zu leise, mal zu laut...
    Wenn ich einen Pianisten wählen müsste der es einigermaßen so spielt wie ich das mir wünsche, würde ich Friedrich Gulda wählen. Zwar ist im Tempo manchmal zu weit vorne, aber im großen und ganzen finde ich mich da wieder.
    Aber der einzige Interpret der für MICH alles richtig macht ist; Ich selbst. Das wird jeder kennen, der selbst Klavier spielt. :hello:


    Weitere Genres muss ich nicht durchkauen. Bei den Klavierkonzerten gilt beides. Ein Klavierkonzert klingt für mich schon so festlich und groß angelegt, das muss einfach so sein. Konzerte allgemein, wobei ich Mozarts Violinkonzerte nicht als großangelegte Festlichkeit empfinde sondern mich eher an ein Divertimento erinnern. Oh, und an dieser Stelle mal gesagt; Auch Divertimentis und Serenaden mag ich nicht allzu klein besetzt. :untertauch: :D
    Aber keine Angst; Streichquartette und ähnliches müssen sogar bei mir klein bleiben. Und Divertimentis die ohnhin ne kleine Besetzung haben auch, denn Kammermusik ist iwo etwas, was man mit Konzerten etc. nicht vergleichen kann.


    Fazit ist, dass mein Mozart wohl eher bombastisch, groß, triumphal, leicht romantisch ist. Und da beiße ich bei meinen Altersgenössischen Klassikhörer meist nicht auf Granit, also; hier spricht die Jugend. :hahahaha:

  • Ich wundere mich gerade, wie wenig Mozart (in Hörstunden) ich in meinem Leben bislang zu mir genommen habe (aber das könnte ich mich bei den meisten großen Meistern).


    Dementsprechend wird mein Mozartbild recht klein werden (oder kurz).


    Als ich noch in Sakows zartem Alter war, hatte ich zwar wohl schon eine kindgerechte Zauberflöte und so verabreicht bekommen, beim CD-Lauschen blieb Mozart aber unter den "ferner liefen" (ich habe so ein schlechtes Gedächtnis in manchen Dingen - hm, da gab es schon eine CD, die ich öfters drehte ...)


    Dann kam aber meine Bekehrung zur Musik des 17. und 18. Jahrhunderts und zwar mit Musica Antiqua Köln mit Biber und CPE Bach. Über Haydns Sturm und Drang unter Pinnock hangelte ich mich dann langsam an Mozart heran (die letzten Sinfonien mit Gardiner), der mir erst bei der groben Formanalyse sämtlicher Klaviersonaten (für die Prüfung) wirklich ans Herz wuchs, besonders auch beim Partiturmitlesen zwecks Betrachtung der Instrumentation in den späten Sinfonien.


    Abgesehen aber von dieser "gelehrten" Mozartbeschäftigung, blieb er im CD-Player eine Rarität, während ich viel Begeisterung erfahre beim Mozart-Spielen. Im Unterschied zu Sakow stehe ich dem Ergebnis zwar skeptisch gegenüber, aber es funkt da ganz gewaltig zwischen der Musik und mir - Alfred zumindest hört das Ergebnis auch gerne, selbst wenn sich dabei ein Nickerchen einschleicht ...
    :stumm:

  • Mein Mozartbild ist natürlich überwiegend vom Gesang geprägt und da hat er nicht seinesgleichen.


    Für mich ist er der genialste und menschlichste Stimmenkenner der Operngeschichte, denn er hat sie Alle bedacht und geliebt: die Anfänger, die Fortgeschrittenen, die Hohen und die Tiefen, die Schlichten und die Virtuosen, die Komödianten und die Seria- elllen.


    Mozart ist für mich auch ein Schokoladenersatz in allen Lebenslagen und eine Infra-Rot-Therapie.
    Er kann an einem grauen Novembertag die Sonne an den Himmel zaubern und ist ein Pflaster für sämtliche nur denkbaren Wunden.


    Mein Mozart-Bild ist das eines unfreiwilligen, evtl unbewussten, aber umso effizienteren Therapeuten und Glücklichmachers.


    Und des besten Freundes und Komplizen der Sänger.


    In Konzerten sind Mozart-Arien und Duette meiner Erfahrung nach immer Garant für ein frohes Publikum und entspannte Sänger- seiner Magie kann sich kaum jemand entziehen.


    Ob HIP oder nicht ist eine Frage, die ich nicht pauschal beantworten kann.
    Neulich habe ich "Le nozze di Figaro" in HIP unter Emmanuelle Haïm live erlebt. sie ist durch die Partitur gerast(doppelt so schnell wie Harnoncourt) und irgendwo fehlte mir bei allem positiven Schwung dann doch mein Schokoladen- Schmelz. Das Ganze war arg nüchtern.
    Bei Malgoire live vor einigen Jahren ging es mir nciht besser.
    Von daher kann ich Sakow verstehen.
    Andererseits mag ich es aber auch sehr gerne transparent und vor allem unverschmiert im Klangbild- es kommt also von Fall zu Fall drauf an.


    Höhepunkte von Interpretationen? Wo soll man da anfangen und wo aufhören?


    Ideale Mozartsängerinnen sind mir z.B. Elly Ameling und Arleen Auger . Und Nathalie Dessay auf ihrer allerersten CD mit Mozart-Konzertarien ist für mch eine der UNVERZICHTBAREN. :jubel:
    Ich mag Mozarts Musik nciht schwerfällig und dick , aber auch nciht zu mager oder gar fleischlos-knochig.
    Das gilt auch im Instrumentalen.


    Daher, wenn ich generalisieren müsste: am ehesten vielleicht sehr gemässigtes HIP und jung klingende nciht zu schwere Stimmen, aber mit Schmelz und ausgeprägtem Legato.


    Das von der vokalen Seite des Mozartbildes


    F.Q.

  • Meine Lieben,


    Es war vor allem Mozart, der mich zur klassischen Musik gebracht hat - warum das so war, ist allerdings sehr schwer zu sagen, weil da vieles im Unterbewußtsein abgelaufen ist. Sicher spielte das Vielschichtige eine Rolle, daß man Mozart nicht auf ein Schema, ein Klischee festlegen kann, daß bei ihm die Tradition ebenso zu hören ist wie die romantische Zukunft, daß er sich als typischer Vertreter der Aufklärung nicht auf ein bestimmtes Mozartbild festnageln läßt, daß er eine "Bagatelle" zu einem wunderbaren Kunstwerk gestalten kann und eine große Tondichtung wiederum ganz "schlicht" (bitte die Anführungszeichen beachten, bevor Ihr mich kreuzigt).


    Natürlich gibt es Interpretationen, die ich als absolut unangemessen empfinde. Mozart im Schnelltempo, Mozart zu sehr als Dudelei veräußerlicht, Mozart zu gewollt und trocken, zu schwulstig (jahrelang habe ich verschiedene Karajanversuche in Mozart perhorresziert, jetzt entdecke ich langsam, daß es K. mitunter auch anders konnte), Mozart zu sehr HIP (obwohl - das kann im Einzelfall seinen Reiz haben).


    Ideal in Mozart war und ist für mich Karl Böhm, aber längst nicht nur er. Nur hat er für mich doch im wesentlichen die qualitativen Maßstäbe geformt, an denen ich messe. Gut mit Mozart umgehen können übrigens offenbar auch die Engländer. Da habe ich noch nicht viel Schwaches gehört (oder bloß Glück gehabt?).


    LG


    Waldi

  • Wolfgang Rihm hat sich bei einer Analyse der Lyrischen Suite von Berg sehr schön ausgedrückt: Es gibt Komponisten, deren Werke analysiert man und deckt verschiedenste Schichten der Musik so erst auf. Mozarts Werke sind das genaue Gegenteil: eine Musik ebenfalls von unglaublicher Vielschichtigkeit. Versucht man sie aber zu greifen, weicht sie aus. Man analysiert und analysiert und auf einmal ist nichts mehr da.


    Das ist eine Sache, durch sie sich für mich Mozart von vielen anderen unterscheidet - bei Bach oder Brahms z. B. kann man unheimlich viel in den Noten finden. Oder in der 2. Wiener Schule erst.
    Bei Mozart findet man nichts.


    Dadurch ist die Musik auch Interpreten gegenüber sehr empfindlich, man kann nicht einfach die Noten runterspielen (das geht natürlich auch bei anderen Komponisten nicht, aber bei Bach z. B. wäre es immer noch ein Erlebnis).


    Als Mozartinterpreten gefallen mir u. a. Karl Böhm, Harnoncourt manchmal (durch ihn habe ich die große g-Moll Sinfonie quasi neu kennengelernt), Brendel, Marriner, ...

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Mein Mozartbild wuchs schnell und änderte sich nur langsam.


    Wie wohl bei vielen meiner Generation begann es auf Kindebeinen mit einer Schallplatte des Titels "Wolfgang von Gott geliebt", in der Matthias Wiemann (?) Anekdötchen aus Mozarts Vita zum Besten gab. Das Ding gibt es, mehr als ein halbes Jahrhundert später, selbst heute noch, und dank seiner geschickten und kindgerechten Musikauswahl von dem Kanon "Bona nox" bis hin zu der Monostatos-Szene mit dem Glockenspiel hat das auch seine Berechtigung, obwohl des zuckersüße Bild vom Wolferl, das darin gezeichnet wird, nicht erst seit heute geeignet ist, in jedem, der ein zweistelliges Alter erreicht hat, unerwartete Aggressionsschübe auszulösen:



    Danach kam als erster eigener Querschnitt die ENTFÜHRUNG unter Ferenc Fricsay, die für mich bis heute maßstäblich ist, obwohl HIP damals nur eine Übersetzung von Hüfte war:



    Seither mag ich "meinen" Mozart lieber straff und nicht so gemütlich, wie mir Böhm bei allen ihm gern zugestandenen Qualitäten oft vorkommt. So waren es - damals eher Zufall, später aber gern im Zusammenhang bestätigt - vor allem Single- und EP - Auskopplungen von Karajans früher Aufnahme mit Irmgard Seefried, Anton Dermota und Wilma Lipp, die mir die ZAUBERFLÖTE so nahe brachten, dass ich meine Freunde immer wieder mit dem "Wahnsinn tobt ihr im Gehirne" der drei Knaben nervte (Was man so alles erinnert, wenn man daran denkt :wacky: ).


    Mozart blieb für mich lange der Opernkomponist schlechthin, und erst später (immer noch in den Teens) entdeckte ich seine Konzerte - als unglücklicher Geigenstudent zunächst mehr die für Violine und dann erst die Klavierkonzerte, die für mich bis heute in ihrer Gattung ganz oben stehen, besonders in der Kombination Bilson/Gardiner, aber auch Gulda/Abbado. Für mich als damals großem Fan von Bo Widerbegrs ELVIRA MADIGAN war aber auch lange das C-Dur - Konzert Nr. 21 mit dem sehr schön von Geza Anda gespielten Andante ein absoluter Favorit, den ich auch heute noch den Vergleichseinspielungen vorziehe (Prägung halt). Später wurde es dann von dem Klarinettenkonzert verdrängt, das bis heute zu den Werken gehört, ohne die ich auf der berüchtigten Insel nicht lange überleben könnte. Davon fehlt mir übrigens immer noch ein befriedigender HIP-Eindruck.


    Diese Werkgruppen (Opern und Konzerte) prägen bis heute mein Mozart-Bild, obwohl seither einiges an Kammermusik und die eine oder andere Serenade mit Ausnahme der wohl auf Dauer überhörten Nachtmusik hinzu kam. Müsste ich mich auf ein einziges Lieblingsstück von Mozart auf Dauer festlegen, wäre es wohl LE NOZZE DI FIGARO wegen seiner Ensemblefinali. Das ist aber auch der einzige Aspekt in dem ich mit dem (für mich) grauenhaften Mozartbild des beliebten AMADEUS-Films konform ginge. Wie ich allerdings mit dem Gedanken zurecht kommen soll, nie wieder DON GIOVANNI (Krips!) oder COSI FAN TUTTE (Gardiner!) hören zu können, mag ich mir gar nicht ausmalen.


    Da lese ich doch lieber noch einmal das Buch von Wolfgang Hildesheimer, das bei seinem Erscheinen Ende der 70er Jahre mein Mozart-Bild auf Dauer geprägt hat:



    Kurz: mein Mozart-Bild zeigt einen sehr ernsthaften und vor allem ernst zu nehmenden Komponisten, der traumhaft schöne Musik geschaffen hat, und der zu den gar nicht so häufigen Komponisten gehört, bei denen alles wie selbstverständlich und alternativlos richtig klingt. Deswegen hat er es trotzdem nicht verdient, auf das ewig alberne Wunderkind reduziert zu werden, dem alles einfach so zufloss.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Ahhh ...
    Entgegen ersten Anzeichen hat sich der Thread dann doch entwickelt.
    Er ist mir sehr wichtig, weil mich interessiert was ihr mir Mozart allgemein verbindet.


    Ich bin heut mehr denn je der Meinung, daß Mozart heute in der Regel mißverstanden und teilweise unterschätzt wird, was wiederum zu vermehrter Inakzeptanz führt.....


    Die breite Masse verbindet ja Mozart leider mit der kleinen Nachtmusik (nicht wie man vermuten könnte mit der Zauberflöte), ein Werk, das aus meiner Sicht nicht typisch für Mozart ist, sondern für das oft zitierte süssliche Mozartbild, welches in Wirklichkeit in der Klassikwelt - zumindest zu meinen Lebzeiten eigentlich nie richtig existiert hat, sieht man von einigen schmalzigen Mozartfilmen einmal ab.


    Mein persönliche Mozartbild wurde von Karl Böhm geprägt, der ab Mitte der fünfziger Jahre bis hin zu seinem Tod zumindest in Wien unangefochtener Mozartpapst war, wenngleich es durchaus respektable Konkurrenten gab (Bruno Walter, Josef Krips)


    Böhms Mozart zeichnet sich durch folgende Eigenschaften aus, obwohl auch seine Interpretationen sich im Laufe der Zeit wandelten:


    Ein sicheres Gespür für Binnendynamik und Tempi.
    Das führt dazu, daß die Musik stets NATÜRLICH fliesst, es fehlen alle jene Willkürlichkeiten und Eigenwilligkeiten, die von manchen Leute als Akzente mißverstanden werden, die in Wahrheit jedoch ein unorganisches Ganzes hervorbringen .
    Man hat bei Böhm stets das Gefühl, die verwendeten Tempi wären richtig, anders gar nicht denkbar - und zwar egal wie das reale, absolute Tempo ist.
    Böhms Mozart (und somit auch meiner) ist klangschön, in den Tempi ausgewogen, gelegentlich strahlend, triumphierend. Dazu kommt ein leicht schwingender, tänzerischer Unterton. Der Klang ist füllig aber nicht wirklich dick - und vor allem - elegant.


    Dies ist auch mein Mozart-Idealbild bei Orchester.
    Mozart sollte NIEMALS schrill, spitz oder schneidend, niemals rauh und sprode klingen, auch nicht giftig.


    Neben Böhm ist auch Josef Krips ein hervorragender Mozart Dirigent, er kommt meinem Ideal relativ nahe, unterscheidet sich aber von Böhm durch eine etwas strengere Interpretation, was insbesondere Don Giovanni guttut und manche Werke Beethoven näher rückt.


    Den in den siebziger Jahren vielgerühmten Aufnahmen mit Colin Davies konnte ich nie etwas abgewinnen, ich empfinde sie als zu glatt und unverbindlich, zu wenig KERNIG.
    Soltis Mozart klingt für mich belanglos, jener von Karajan kalt.


    Natürlich sind das Verallgemeinerungen- es gibt immer wieder Ausnahmen...


    An sich liebe ich Wiedergaben mit Originalinstrumenten sehr (bei Bach scheinen sie mir sogar unverzichtbar zu sein), aber (späten) Mozart höre ich dennoch lieber auf "modernen" Instrumenten.
    Besonders ablehnend stehe ich Harnocourt und all den rabiaten deutschen HIP-Formationen gegenüber, die aus Mozart einen Straßenrowdy machen wollen. Solche Einspielungen mögen bei Gegnern des Schönklangs Akzeptanz finden, aber eigentlich mögen die Mozart ohnedies nicht, oder wollen ihn für sich umfunktionieren, was dazu führt, daß viele Leute die Mozart erstmals in einer radikalen HIP Interpretation hören, sich mit Schaudern abwenden und nie wieder Mozart hören.


    Da man aber nicht ausschliesslich in der Vergangenheit leben kann möchte ich jenen lebenden Dirigenten nennen, dessen Mozart-Dirigat mich - trotz bestehender Vorurteile - vom ersten Moment an überzeugt - nein, begeistert - hat: Bertrand de Billy.


    Wenn ich mich - abgesehen von den Opern - für eine Gattung bei Mozart entscheiden müsste, dann wären es die Klavierkonzerte, die ich am liebsten kraftvoll leuchtend interpretiert höre, wenngleich ich auch Aufnahmen mit alten Klavieren mag......


    mfg aus Wien


    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Besonders ablehnend stehe ich Harnocourt und all den rabiaten deutschen HIP-Formationen gegenüber, die aus Mozart einen Straßenrowdy machen wollen. Solche Einspielungen mögen bei Gegnern des Schönklangs Akzeptanz finden, aber eigentlich mögen die Mozart ohnedies nicht, oder wollen ihn für sich umfunktionieren, was dazu führt, daß viele Leute die Mozart erstmals in einer radikalen HIP Interpretation hören, sich mit Schaudern abwenden und nie wieder Mozart hören.


    Harnoncourt scheint es hier fast so schwer zu haben wie Strauss, wenn auch andere Leute dafür sorgen ;)


    Ich garantiere dir, dass ich Mozart generell sehr mag, und auch so, wie er von Böhm interpretiert wird.
    Aber Harnoncourts Mozart gefällt mir teilweise auch außerordentlich. Den 1. Satz der großen g-Moll-Sinfonie finde ich sagenhaf - weil er genau das richtige Tempo gefunden hat.

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Da ich zu Eurem Schrecken zu Mozart ein etwas zwiespältiges, ambivalentes Verhältnis habe, möchte ich hier auch etwas schreiben:


    Ich bin ja als Musikerkind mit viel klassischer Musik aufgewachsen, auch war die Zauberflöte wie bei vielen meine erste Oper. Doch da lief mozartmäßig alles etwas an mir vorbei, was ich von anderer Musik nicht sagen kann.


    Das Negative zuerst: Zu den Opern hab ich bis heute keinen so rechten Zugang gefunden. Ausnahme ist vielleicht Don Giovanni. Natürlich kenne ich die meisten und hab auch meine Lieblingsstellen - aber Begeisterung und Hingerissenheit wie bei anderen Opern habe ich nie empfunden. Mein Vater meint immer, das sei ein Reifeprozess - na wir werden sehen.


    Zwischen all den so dahingeplätscherten unterschätzen Hörerlebnissen gab es nach und nach doch so richtige AHAs, von denen ich hier einige schildern möchte:


    Das Requiem, das ich im Zuge von Chorproben (auch mich "schwarzes Schaf" hat man in Jugendtagen in den Kirchenchor gesteckt und die Qualität der Aufführungen in der Wiener Augustinerkirche waren wirklich top) sehr gut kennen lernte. Irgend jemand hinter mir hat da einmal gesagt: "Eine geile Musik!" In der Tat - ich war ganz fasziniert und hab alle Proben und Aufführungen sehr genossen. Liebe das Requiem noch heute sehr - jede Menge Gänsehautstellen! Hab aber in dieser Zeit auch viele Messen kennengelernt - da sind mir gerade die Mozartschen wieder nur blaß in Erinnerung gebleiben.


    Ein unvergeßliches "AHA" passierte just mit der Zauberflöte. Da gab's eine Zauberflöte in der Felsenreitschule unter Levine - ich glaub 1974?
    Zauberflöte hatte ich damals schon x-mal gehört und kannte sie in- und auswendig. Doch da war auf einmal eine Ouverture, von der ich jeden Takt kannte und mir doch wie neu war. Ich hätte vor Freude springen wollen damals. OK - es hängt vom Interpreten ab!!


    Viel später kam eine Zeit, in der es mir sehr schlecht ging. Alles ging im Leben grad den Bach runter. Wenn ich sehr unglücklich war hab ich unter der Bettecke mit dem Disc-Man Mozart-Violinkonzerte gehört. Rauf und runter. In dieser Zeit hat mich der Wolferl mit seiner Musik beschützt, so hab ich es jedenfalls empfunden.


    Noch später hab ich mich in die Klavierkonzerte verliebt. Eigentlich vorwiegend in die Gulda-Aufnahmen. Und das ist noch heute so. Diese Musik begleitet mich oft durch meine Tage und wenn's einmal nicht Gulda ist, dann darf auch das Klarinettenkonzert her oder die Hornkonzerte. :)

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  • Mein Verhältnis zur Mozartschen Musik ist eindeutig von großer Liebe geprägt. Ich begeistere mich immer für die verschiedensten Werke bzw. Komponisten, und kehre immer wieder mit Sehnsucht zu Mozart zurück. Da fühle ich mich wie gerade heimgekommen !


    Die Zauberflöte in der Felsenreitschule von Ponelle/Levine ist mir bis heute unvergeßlich.


    Ich liebe Interpreten, die Mozart leicht, elegant, nicht kitschig oder grell und aufdringlich,aber klar zu gehör bringen.


    Mozart hören verbessert meine Laune immer !!! :angel: :angel:


    Euer Operngernhörer :hello:

    Meine Meinung steht fest. Bitte verwirren Sie mich nicht durch Tatsachen.

  • Ich halte Mozart für den fähigsten Komponisten, Kinder an die Klassische Musik heran zu führen. -


    Dabei denke ich nicht nur an "Die zauberflöte" mit den Rollen der 3 Knaben, sondern auch an die beiden Singspiele, die der Komponist als 11 bzw. 12Jähriger geschrieben hat:


    Apollo und Hyacinth und Bastien und Bastienne. Auch "La finta semplice".
    Vielleicht auch noch andere, die ich nicht kenne.


    Gerade die "Wiener Sänherknaben" haben eine tolle Videoaufnahme von "Bastien und Bastienne" bei YouTube zur Ansicht.


    Von "Apollo und Hyacinthus" kann man eine Aufnahme der Tölzer Knaben bewundern!


    Beide sind wunderschön anzuschauen und anzuhören! -


    Was von Kindern schön und kultiviert gesungen wird, wird von Kindern auch gerne angehört.


    So erging es mir jedenfalls als Kind!


    Mit "Mozärtlichen" Grüßen,


    Melisma :hello:

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Mozart ist neben Bach und Beethoven die wohl bedeutendste Erscheinung in der sogenannten "klassischen Musik", wobei es sich bei Mozart noch dazu um echte "Wiener Klassik" handelt.


    Was ich jetzt tue, mag unverschämt und vielleicht dumm anmuten, zumal für einen Newbie, der erst seit wenigen Tagen hier im Forum sein Unwesen treibt:


    Ich mag Mozart nicht! :untertauch:


    Ich kann es nicht anders ausdrücken, aber immer wenn seine Musik im Radio ertönt, drehe ich leiser.


    Johann Sebastian Bach ist groß, mit der ganzen Bagage (Wilhelm Friedemann genauso wie Carl Philipp Emanuel) komme ich zurecht, Beethoven ist grandios, aber mit Mozart bringe ich allenfalls die Fleissarbeit eines Ludwig von Köchel in Verbindung.
    Das Mozart Jahr und die Lesung seiner Korrespondens durch K.M. Brandauer hat ihn mir auch noch eher unsympathischer werden lassen.


    Ich entschuldige mich bei allen, die dies treffen mag, aber das ist nun mal meine Auffassung, ich kann auch nicht beschreiben, woran es liegt.

    if you have to have jazz explained to you, you'll never know. L. Armstrong

  • Hallo ihr Lieben.


    Ich kann dem,was ENTENFAHRER geschrieben hat eigentlich nur zustimmen.
    Das Mozartjahr hat ihn mir allerdings nicht unsympathischer werden lassen.
    Ich finde ihn eigentlich nur nicht sooo toll. :untertauch:
    Bruckner,Beethoven und Schostakowitsch sind meine Favoriten.
    'Tschuldigung ;)


    LG


    Hörer

    ARROGANZ IST DIE PERÜCKE GEISTIGER KAHLHEIT.

  • Zitat

    Original von Entenfahrer
    Was ich jetzt tue, mag unverschämt und vielleicht dumm anmuten, zumal für einen Newbie, der erst seit wenigen Tagen hier im Forum sein Unwesen treibt:


    Ich mag Mozart nicht! :untertauch:


    Und ich Wagner überhaupt nicht und von Beethoven nur wenig :baeh01:


    Zitat

    Ich kann es nicht anders ausdrücken, aber immer wenn seine Musik im Radio ertönt, drehe ich leiser.


    Wagner wird bei mir den Neck umgedreht und Beethoven leiser :D


    Zitat

    Johann Sebastian Bach ist groß, mit der ganzen Bagage (Wilhelm Friedemann genauso wie Carl Philipp Emanuel) komme ich zurecht


    Siehst Du, da finden wir einander doch :jubel:
    Nur gehört m.E. doch mindestens noch Johann Christan dazu.


    LG, Paul


  • Hallo Entenfahrer,


    jeder hat so seine Lieblinge. Auch ich schätze erst seit geraumer Zeit, da ich die 35 nun mehr als deutlich überschritten habe die wohl einmalige Eleganz seiner Musik. Bei mir war es eben so, dass ich in der Jugend mit Mozart an die Klassik erfolgreich herangeführt, dann in der Sturm und Drang-Zeit seine Musik fast vergessen habe, um ihr erst jetzt wieder aktiv zuzuhören.


    Vielleicht solltest Du Dir (falls nicht schon geschehen) einfach mal die beiden ersten Sätze seines Requiems, das Klarinettenkonzert KV 622 (davon insbesondere das Adagio) und die 40. sowie 41. Symphonie anhören, um vielleicht doch noch einen versöhnlicheren Zugang zu finden.


    Ansonsten hat man ja mit Beethovens Erster, Zweiter und - jawohl - auch seiner Sechsten eine schon von Mozarts Stil inspirierte Musik...

    alle Menschen werden Brüder ...

  • Zitat

    Original von Melisma
    ... Ich halte Mozart für den fähigsten Komponisten, Kinder an die Klassische Musik heran zu führen. -


    Was von Kindern schön und kultiviert gesungen wird, wird von Kindern auch gerne angehört ...


    Melisma :hello:


    Dem kann ich nur vollstens zustimmen.

    alle Menschen werden Brüder ...

  • Es wundert mich immer wieder, daß es Leute gibt, die Mozart ablehnen - indes ist das kein neues Phänomen, das gab es schon im meiner Jugend, und ein guter Freund von mir lernte Mozart erst schätzen und lieben, als er die 25 schon überschritten hatte.


    Hier darf man sich die Frage stellen WARUM denn dies so ist.
    Ich glaube es liegt einerseits an den Werken, welche einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sind - und somit auch den "Mozart verächtern"
    Wenn jemand lediglich Mozarts kleine Nachtmusik mit Mozart verbindet - oder allenfalls noch die Zauberflöte oder eine weniger bedeutende Klaviersonate - dann wäre die Abneigung ja noch zu verstehen.
    Aber Mozarts Größe liegt unter anderem in seiner Vielseitigkeit, die IMO von keinem anderen Komponisten seiner Zeit auch nur annähernd erreicht wird.


    Seine späten Sinfonien setzen Maßstäbe, seine späten Klavierlkonzerte sind beispielhaft. Seine Klaviersonaten wirken anfangs leicht und wenig virtuos, atmen aber gleichzeitig Leichtigkeit und Tiefgang.
    Seine Violinkonzerte, vor allem die Nr 3, 4, und 5, können es mit jedem Violinkonzert seiner Zeitgenossen aufnehmen. Nicht missen möchte ich auch seine Krönungsmesse, voll Optimismus und Gloria.
    Mir persönlich sind seine Klavierkonzerte besonders wichtig, wobei die Nr 26 , das auftrumpfende "Krönungskonzert" und das duftige Klavierkonzert Nr 27 mit seinem Motiv "Komm lieber Mai und mache" zu meinen persönlichen Favoriten zählen.
    Es wurde schon weiter oben im Thred auf die Eleganz Mozarts hingewiesen, was ich ausdrücklich unterstreichen möchte - auch wenn heutzutage (leider) Interpretationen verfügbar sind, bei denen diese Eleganz - vermutlich vorsätzlich - auf der Strecke bleibt.
    Die "Königsdisziplin" sind aber IMO die Opern, ein Genre das von den Wiener Klassikern stets gerne gemieden - oder nur am Rande gestreift wurden, bzw waren sie nicht besonders erfolgreich.....


    mein Mozart ist nicht ausschließlich von Karl Böhm geprägt, wenn auch sehr beeinflusst. Aber auch Bruno Walter, Josef Krips, George Szell, Sandor Vegh und Eugen Jochum waren ausgezeichnete Mozart Dirigenten......
    Otto Klemperer nahm Mozart das duftige, leichte. - aber er verlieh beispielsweise Mozarts Sinfonien Beethovensche Dimensionen.....


    mfg aus Wien


    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Aber Mozarts Größe liegt unter anderem in seiner Vielseitigkeit, die IMO von keinem anderen Komponisten seiner Zeit auch nur annähernd erreicht wird.


    Ich habe eine Musikenzyklopädie. Darin wurde u.a. irgendwann die Musik in Bereiche unterteilt wie Kammermusik, Opern, Konzerte, Messen, usw.
    Es gab m.E. zehn Bereiche.
    Danach hat man für jeden Bereich versucht, die besten zehn Werke der ganzen Musikgeschichte zu suchen.
    Mozart war der einzige, der in jedem Bereich dabei war. :jubel:


    LG, Paul

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  • Guten Morgen, Aquarius,
    ich glaube, Mozart hatte zum Zeitpunkt seines frühen Todes alles gesagt - läßt sich über das Requiem hinaus noch irgendetwas vorstellen?
    Manche Mozart-Vorurteile sind sicher geprägt von der unseligen Allianz der Mozartkugel-Tourismuswirtschaft mit gewissenlosen Vereinfachern, die ihn leicht konsummierbar in Häppchen einem nach vorgeblicher "Lieblichkeit" gierenden, zahlenden Pulikum vorsetzen. Das muß man wohl ertragen.
    Bei näherer Beschäftigung und genauerem Hören tun sich bei ihm aber genauso wie bei den allermeisten anderen Komponisten doch Türen auf, die uns auf beglückende Pfade führen - das Klavierkonzert Nr. 21, Violinkonzert Nr. 5 und die Jupitersymphonie würden in mein persönliches Notgepäck für die einsame Insel gehören. Und natürlich die da-Ponte-Opern - was ein falsches Happy End ist, teilt sich uns doch nur durch Mozarts Musik mit, nicht durch den Text. Wer das erfahren will, höre Cosi fan tutte unter Böhm (Schwarzkopf, Ludwig etc.).

    "...and suddenly everybody burst out singing"
    Busman's Honeymoon

  • So traurig es ist - ich glaube schon, daß Mozart noch eine ganze Menge zu sagen gehabt hätte - insbesondere der (hypothetische, aber vermutlich kaum vermeidbare Konflikt Mozartvs. Beethoven wäre interessant gewesen, war mozat doc - ob wahl nicht wesentlich Älter, doch ein wesentlich "konservativerer" Komponist als Beethoven, andrerseits gibt es in Mozarts Opern keine so "unnatürlichen", "hausbackenen" bzw der Parodie so nahen Stellen wie bei Beethovens "Fidelio".
    Wäre Mozart der sinfonischen Beethoven-Linie gefolgt, hätte er sie vielleicht noch radikaler ausgestaltet (glaube ich nicht) oder hätte der das "Infant terrible" bekämpft ? Wir wissen es nicht - sicher ist aber, daß sie sich aneineander gerieben hätten. Aber ich schweife vom Thema ab.....


    Entgegen dem was man eigentlich erwartet, liebe ich durchaus einen "strengeren" Mozart, wie er von Krips, Szell oder Klemperer in unterschiedlicher Dosierung und in Nuancen abweichend interpretiert wurde...


    Ein "schriller" oder "schräger " Mozart jedoch - das ist mir ein Graus - und scheint weder mit Entstehungszeit noch musikalischem Umfeld in Einklang zu stehen.


    Mozart muß nicht süsslich sein - nein eigentlich soll er es gar nicht - von speziellen Stellen mal abgesehen, er soll auch nicht belanglos klingen, nicht zirpend oder dünn. Eleganz und Leuchtkraft halte ich für zwei unverzichtbare Eigenschaften bei der Realisierung von Mozarts Werken....


    mfg
    aus Wien
    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Einigen der Standardbehauptungen Alfreds werde ich wieder einmal standardmässig widersprechen:


    Zitat

    Es wundert mich immer wieder, daß es Leute gibt, die Mozart ablehnen


    Eigentlich wundert er sich ja nicht, denn seine altbekannte, thesenhafte Begründung für diesen Umstand liefert er an anderer Stelle des Threads sogleich mit:


    Zitat

    Besonders ablehnend stehe ich Harnoncourt und all den rabiaten deutschen HIP-Formationen gegenüber, die aus Mozart einen Straßenrowdy machen wollen. Solche Einspielungen mögen bei Gegnern des Schönklangs Akzeptanz finden, aber eigentlich mögen die Mozart ohnedies nicht, oder wollen ihn für sich umfunktionieren, was dazu führt, daß viele Leute die Mozart erstmals in einer radikalen HIP Interpretation hören, sich mit Schaudern abwenden und nie wieder Mozart hören.


    Solche pauschalen Aussagen sind unhaltbar und zudem grundfalsch.
    Das erkenne ich allein schon durch das Nachdenken über meine eigene Biografie der Mozartsrezeption:
    Von Kindheit an versuchte mein Vater mir die Musik Mozarts ( mit Böhm-Aufnahmen) nahezubringen, jedoch ohne grossen Erfolg.
    Mir war das im Vergleich zu den von mir veehrten Komponisten Bach und Beethoven zu ereignislos, zu verzärtelt galant, zu harmlos und es fehlten mir die "grossen Wahrheiten" die ich z.B. schon als Kind besonders bei Beethoven sehr deutlich vernahm.


    Später dann hat sich meine Ablehnung für diese Musik in Liebe verwandelt.
    Massgeblichen Anteil hieran haben die Interpretationen Harnoncourts gehabt, den ich schon von seinen Barockeinspielungen her kannte.
    Jetzt war diese Musik für mich auf einmal ernstzunehmen, sie sprühte vor Lebendigkeit, Wärme, Lieblichkeit und Dramatik und konnte mich erstmalig begeistern.


    Das Schöne an dieser Mozart-Sicht ist, dass sie zwei von der appollinischen Krips/Böhm-Linie negierte Aspekte wieder zuliess, die tatsächlich in den Kompositionen enthalten sind.


    1. Das vom Barock herkommende Konzept der figurativen Klangrede hat auch noch bei Mozart seine grosse Bedeutung, d.h. es muss sprechend artikuliert werden.


    2. Ist es natürlich ein Unsinn, wenn hier behauptet wird, dass Harnoncourt aus Mozart einen "Strassenrowdy" gemacht habe.
    Dem unbestritten oftmals vorhandenen lieblich-eleganten Gestus wurden nur zusätzlich auch die anderen, dramatischeren Affekte gegenübergestellt, die von früheren Generationen zugekleistert wurden.
    Aus dem Dialog, dem Gegen- oder auch Miteinander etwa des Lieblichen mit dem Unerbittlichen, des Männlichen mit dem Weiblichen, des Paradieses mit dem Abgrund und allen Zwischentönen entsteht erst die erschütternde, grossartige Wirkung dieser Musik.
    Ich weiss noch genau, dass ich bei einem Mozartkonzert mit dem Wiener Symphonikern unter Harnoncourt in der Bielefelder Oekterhalle in der Pause von der Musik in tieferen Schichten der Seele wirklich erschüttert war. Auf jeden Fall konnte ich die unbeteiligten Gesichter mancher der geleckten, feinen Herrschaften überhaupt nicht verstehen, die sich mit dem Sektglas in der Hand gegenseitig begrüssten und sich in belanglosen Konversationen ergingen...


    Der Anfang der damals auch gespielten Jupiter-Symphonie ist ein schönes Beispiel: Drei unisone Forteschläge, ab dem zweiten Schlag mit ausnotierter Schleiferfigur, dann eine gespannte Pause und danach eine bittende, lieblich-verträumte und schwebend (weil ohne Bass) ausharmonisierte Vorhaltsfigur.


    Der Kontrast zwischen den unerbittlichen Unisono-Schlägen und der weichen, verträumten Bitte wird in Harnoncourts Interpretation deutlich.
    Aus dem Material des Dialogs dieser Affekte entwickelt sich der gesamte erste Satz.


    Der dritte der ersten drei Unisono-"Akkorde" wird dabei am lautesten gespielt, weil man auch in der gesprochenen Rede einen unerbittlich-strengen Befehl immer lauter sagt, je öfter er wiederholt wird ( d.h. also ein kleines Crescendo)
    Hier also schon erlebt man schon in den ersten Takten die lebendige Rhetorik der Klangrede in Harnoncourts Interpretation sehr plastisch.


    Zur Verdeutlichung ein kleines, wenn auch vergleichsweise lächerliches Beispiel aus der Sprache des wirklichen Lebens:


    (Im Befehlston):"Auf! Steh Auf! STEH AUF!"


    (Lieb und weich bittend):" Ach lass mich bitte schlafen"


    Diesen Dialog gibt es dann noch einmal, dann aber in G-Dur beginnend.


    Danach kommt in C-Dur die militärische Aufforderung des Tuttis: Auf ! - abwärtsgehende Peitschenfigur- Auf! Auf! - Peitschenfigur ...usw.


    Es kommt mir bei diesem Anfang so vor, als wenn Leute aus dem Bett zum Hofappell einer Kaserne gerissen werden. Hoch mit Dir, auf in den Krieg!


    Das in engen Intervallen beginnende Nebenthema beschreibt dahingegen die Sehnsucht nach Idylle, klingt verträumt und lieblich.
    Auch diese Affekte werden von Harnoncourt wesentlich lieblicher und "romantischer" ausgespielt als etwa beim klassizistisch strengen Böhm.


    Besonders eindrucksvoll wird der Kontrast zwischen träumerischem Wünschen und dem Einbrechen der harten Wirklichkeit vor und nach einer Generalpause, nach Einführung des Nebenthemas.
    Erst wird eine sich wiederholend-bittende und nach oben schraubende Frage immer kleinlauter, dann die spannungsvolle Stille der Generalpause, dann das grausige Eintreffen der Wirklichkeit ( auf dissonantem Akkord setzt das Tutti ein) mit gleichzeitiger Überleitung zu strahlend-militärischen Trompetenfiguren ( einfache Dreiklangsbrechungen nach unten).


    Leider habe ich die Partitur nicht zur Hand. Wer also die Taktangaben für die Stelle anbringen will, kann dies ja gerne tun.


    Wer das wirklich einmal heraushören will, der muss Harnoncourt hören, am besten in der ersten Aufnahme mit dem Concertgebouw-Orkest.
    Wer so etwas nicht hören will, der bleibe bei Böhm, oder noch glatter, bei Karajans-Mozart.
    Hier wurde, wohl aus einem anderen, harmonisesüchtigen Grundverständnis heraus, tendenziell eher eingeebnet, über Kontraste wurde hinweggespielt; eine appolinische Balance war das Ziel, und die Musik wurde in ein klassizistisch strenges Korsett eingeschnürt.
    Auf wenige Aspekte reduziert erklang sie nun für die einen zwar geniessbar, aber für die anderen einfach nur harmlos-langweilig und unehrlich.


    Harnoncourt verdeutlicht im o.g. Beispiel nur die in der Partitur eindeutig vorhandenen Aspekte und lässt macht sie so für den Hörer erfahrbar.
    Dieser wird in der Tat durch die Geschichte dieses ersten Satzes hindurchgerissen, aber gibt es denn etwas Schöneres, als von Musik wirklich erfasst und ergriffen zu werden?
    Ist es nicht zutiefst menschlich, dass man gerne Geschichten hört?
    Eine Mozartsymphonie unter Harnoncourt wirkt wie eine spannende Geschichte, mit Freud und Leid und allem was dazu gehört.
    Man ist deshalb eher gezwungen zuzuhören und wird dementsprechend von seiner guten Flasche Wein eher abgehalten.
    Wenn das also das Ungeniessbare ist, dass man vor Spannung vergisst, wegzuhören und sich seinen Genussmitteln zuzuwenden, dann ist diese Art von Ungeniesbarkeit m.E. ein grosser Vorteil.


    Aus diesem Grund ist also auch diese Behauptung hier unhaltbar und erweist sich als blosse, nichtzutreffende Unterstellung:


    Zitat


    Solche Einspielungen mögen bei Gegnern des Schönklangs Akzeptanz finden, aber eigentlich mögen die Mozart ohnedies nicht, oder wollen ihn für sich umfunktionieren


    Erstens bin ich ja durchaus auch ein Freund des vollen Karajanschen Schönklangs ( allerdings bei den richtigen Stücken!), zweitens mag ich Mozart sehr und nicht nur eigentlich, und drittens sind es ja gerade diejenigen, die sich nur einen Aspekt, nur einen Affekt der Mozartschen Musik herausgreifen und nur diesen gespielt hören wollen, die sich ihren Mozart für sich umfunktioneren wollen.


    Ja sicher, es gibt die wunderbar elegante, die heile Welt bei Mozart. Aber es ist eben nur ein Aspekt. Erst durch den Kontrast zu den unter der lieblichen Oberfläche brodelnden Abgründen wirkt das Liebliche erst richtig lieblich.


    Wie ich las, wurde in Kriegszeiten das einseitige Herauskehren der Harmlosigkeit, der eleganten Harmonie in der Musik Mozarts von den damaligen Machthabern gerne eingesetzt, um einigen ausgewählten Leuten eine Erholung von den Schreckensbildern des Krieges zu bieten.


    Harnoncourt wagte dankenswerterweise in den frühen 80er-Jahren den Bruch mit dieser möglicherweise auch damit zu erklärenden Tradition und versuchte diesem Missverständnis eine neue, ganzheitlichere Mozart-Sicht gegenüberzustellen.
    Erst damit wurde vielen die Musik Mozarts nahegebracht.
    Dies hier nun öffentlich als "ungeniessbar Machen", als "Zum Rowdy-Machen" oder als Grund für die Mozart-Ablehnung mancher Leute immer wieder neu zu diskretieren, ist mir dann auch immer wieder neu ein Grund für eine ebenso öffentliche Richtigstellung, denn es stellt die Dinge auf den Kopf.


    Ein "Gegenvorwurf", den ich Böhms Mozart-Interpretationen machen könnte, wäre z.B. dieser:
    Er spielte Mozarts liebliche Stellen bei weitem nicht so lieblich und liebevoll wie es später Harnoncourt tat!
    An manchen Stellen ist mir Böhm da zu unempfindlich, zu wenig elegant, es fehlt mir oft auch das Weiche, das nach Erbarmen Suchende, das Tröstende.
    Wenn ich bestimmte Stellen vorher von Harnoncourt, danach von Böhm gehört habe, dann empfand ich für diese Stellen Böhms Version in diesem Sinne also oftmals als im Vergleich zu brutal.
    Also von wegen Harnoncourt = "schriller, schräger Mozart".
    Das stimmt einfach überhaupt nicht und wird durch Wiederholungen nicht richtiger.


    Bei Harnoncourt hört man nämlich nicht nur das Militärische und teilweise durchaus auch Grausige ( oft mit Pauken und Trompeten, etwa Bläsereinsatz erster Satz Requiem) deutlicher als bei Böhm, sondern man erlebt eben auch das Zarte, das Vornehme und das Elegante viel ergreifender und eindrucksvoller.
    Es atmet vielfach mehr und wirkt inspirierter, farbiger, musikalischer, und gerade die schwierig zu realisierenden Zwischentöne wurden oftmals sorgfältiger herausgearbeitet.


    Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Ich finde gar nicht, dass man immer generell über einen Interpreten für sich nach dem Motto urteilen kann, dass z.B. der eine immer alles toll macht, während man den anderen immer furchtbar finden muss, weil man ja an eine bestimmte "Interpretations-Schule" glaubt.
    Es geht für mich gar nicht um einen fundamentalischen Glaubenskrieg, sondern um die differenzierte Beurteilung von Interpretationen, die ihren Teil zum eigenen Mozart-Bild beitragen. Leider ist man aber gezwungen, auf pauschale Falschaussagen relativ pauschal zu reagieren.


    Für mich das klassische Beispiel dafür, dass man eben nicht pauschalisieren sollte, ist Böhms Zauberflöte mit Fischer-Dieskau als Papageno: Eine wirklich sehr schön dirigierte Interpretation, in vielen Bereichen überzeugender als die neuere Harnoncourt-Version, vor allem auch im Sängerrischen, aber nicht nur.


    Mein jetziges Statement bezieht sich vor allem auf die NH-Interpretationen der Symphonien aus den 80ern.
    Für mich sind Harnoncourts Deutungen hier besonders vielschichtig und kontrastreich, Böhms ältere Einspielungen hingegen streng und langweilig. Wenn man, so wie ich, die DVD-Gesamtaufnahme seiner Mozart-Symphonien mit den Wienern kennt und besitzt, dann weiss man, was für eine wenig inspirierende und vor allem verkrampft-strenge Atmosphäre von dieser Art des Musikmachens ausgegangen sein mag.
    Man muss einfach einmal sehen, mit wie wenig Begeisterung das Orchester seinen Dienst versieht, was vielleicht auch vom versteinerten, strengen Gesicht des Dirigenten ausging.


    Ich höre Harnoncourts Mozart vielfach auch lieber als einige andere, spätere HIP-Aufnahmen, die mir ebenso- wenn auch auf ganz andere Weise als etwa bei Böhm- tendenziell zu einseitig erscheinen können. Hier müsste man wieder differenzieren, was jetzt aber zu weit führen würde.


    Zum eigentlichen Threadtitel:
    Mein persönliches Mozartbild sieht also so aus, dass ich möglichst viele der hineinkomponierten Aspekte dieser grossartigen Musik auch miterleben möchte.


    Für mich ist Mozart vor allem ein unglaublich genialer Melodiker. Seine scheinbar einfachen Tonfolgen sind melodisch oft so wahnsinnig gut, dass man angesichts dieser nicht zu erklärenden Genialität erschrocken sein kann.


    Hätte er bis in die Zeit der Romantik hinein gelebt, dann wäre die Musikgeschichte sicher total anders verlaufen.


    Gruss :hello:
    Glockenton

    "Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)

  • Guten Tag


    Zitat

    Original von Alfred_Schmidt


    Besonders ablehnend stehe ich Harnocourt und all den rabiaten deutschen HIP-Formationen gegenüber, die aus Mozart einen Straßenrowdy machen wollen. Solche Einspielungen mögen bei Gegnern des Schönklangs Akzeptanz finden, aber eigentlich mögen die Mozart ohnedies nicht, oder wollen ihn für sich umfunktionieren, was dazu führt, daß viele Leute die Mozart erstmals in einer radikalen HIP Interpretation hören, sich mit Schaudern abwenden und nie wieder Mozart hören.


    Bei mir war das gerate umgekehrt;
    ich mochte Mozart lange nicht leiden und hören.
    1988 kaufte ich mir aus Verlegenheit diese



    Einspielung von Mozarts Sinfonien No. 35 + 36
    mit dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam , Leitung N. Harnoncourt


    und diese



    "Die Entführung aus dem Serail"


    mit Nicolaus Harnoncourt und dem
    Mozart-Orchester des Opernhauses Zürich


    und war -warum auch immer ?- davon begeistert.
    Danach legte ich mir im Laufe der Jahre von Harnoncourt und anderen HIP-Interpreten
    eine Reihe von Mozarteinspielungen von Sinfonien, Serenaden, Divertimentos und Opern zu.


    Gruß :hello:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Mein persönliches Mozartbild...


    Obwohl für mich Mozart der größte Komponist ist, der je gelebt hat, und er eine Fülle an Aspekte in seiner Musik hat, die kein anderer Komponist erreicht(e), konnte ich nicht sofort etwas sagen.
    Ich mußte seriös nachdenken (was natürlich nur gut ist).


    Was mich immer besonders beeindruckt, ist Mozarts Universalität. In dieser Hinsicht wird er durch keinen Komponist - weder vor noch nach ihm - übertroffen. Kein anderer Meister hat auf jedem Gebiet der Tonkunst Werke ersten Ranges geschaffen. Weder Bach noch Händel, weder Beethoven noch Schubert, geschweige denn späteren Komponisten, haben sowohl Kammermusik, Orchestermusik, Opern als religiöse Musik geschrieben, die zu den großen Meisterwerke gehören.
    Außerdem ist bei Mozart noch jedes Gebiet reich schattiert: es gibt bei der Kammermusik Werke mit und ohne Klavier, nur für Streicher und nur für Bläser, und dann noch in verschiedene Kombinationen. Bei der Orchestermusik findet man außer Symphonien noch Divertimenti und Serenaden, Klavier- und Violinkonzerte, Konzerte für Oboe, Flöte, Horn und Fagott.
    Seine geistliche Musik enthält Messen, Oratorien und Litaneien. Und auch in den Opern ist seine Vielseitigkeit nicht weniger groß.
    Universal ist aber auch m.E. Mozarts Musik selbst. In höheren Maß als bei seinen durchlauchtigen Vorgängern Bach und Händel, und seinen Nachfolgern.
    Bei Bach und Händel war die Tonkunst noch nicht so vollendet und perfektioniert. Sogar in den stillen, intimen Stellen ihrer Musik bleibt sie - wie schön sie auch klingt - irgendwie pompös.
    Bei Beethoven oder Schubert ist es eher umgekehrt: die heftige Betroffenheit, die große Reichtum an dynamische, rhythmische und harmonische Spannungen und Schattierungen verursachte manchmal einen Verlust an Unversehrtheit.
    Scheint bei Bach oder Händel der Komponist hinter der Musik versteckt, bei Beethoven oder Schubert prägt ihre Persönlichkeit das Werk.


    M.E. kann man Mozarts einmaliges Schaffen nur verstehen, wenn man sie in der Geschichte betrachtet.
    Während seines kurzen Leben erreichte das musikalische Leben, besonders das schaffende, ein Höhepunkt, das seitdem nicht mehr erreicht wurde. Wenn das Durchschnittsniveau der damaligen Komponisten nicht so hoch gewesen wäre, hätte Mozart sich vermutlich auch nicht so genial äußern können. Auch wenn es Bach und Händel nicht mehr gab, Gluck und Haydn lebten noch. Daneben gab es noch C.Ph.E. und J.C. Bach, Philidor, Grétry, Hasse, Paisiello, Boccherini und Cimarosa. Sie komponierten Werke von oft sehr hohen Niveau. Selbstverständlich überflügelte das Genie Mozart sogar diesen Standard. Und erst dadurch wurde seine einzigartige Höhe erreicht. Mozart war "nur" ein Kind seiner Zeit.
    Diese Umstände reichten aber nicht, um diese Wunder der Tonkunstgeschichte (wie man doch seine Kompositionen nennen darf) zu ermöglichen. Dafür braucht es mehr. Und gerade diese Zusatzfaktor ist es, die Mozart so einmalig macht. Seine Musik atmet Harmonie. Ist in Gleichgewicht. Das muß ihm angeboren sein, denn es gibt so viel Beispiele von Komponisten, die mühsam danach strebten.
    Daß er die verschiedenen Stilen seiner Zeit absorbierte, wird nur nebenbei erwähnt.
    Auch muß er die Menschen sehr gut verstanden haben. Sonst hätte er in seinen Opern die Rollen nicht so gut charakterisieren können.
    Dieses Gleichgewicht in seiner Musik - und vielleicht ist das für mich Mozarts Größe - wird erreicht, weil das ganze Skala der Gefühle in seiner Musik zu finden ist. Fröhlichkeit kann sich plötzlich verwandeln in Melancholie, traurige Akzente können plötzlich gefolgt werden durch jubelnde Melodien, ohne daß es je zu Chaos wird. Dies alles wird verursacht durch seinen unglaublichen Reichtum an melodischen Ideen. Darin ist er wirklich der primus inter pares.


    LG, Paul

  • Lieber Musicophil -


    danke für diesen tollen Beitrag !!!


    :angel::angel::angel:


    Dein Operngernhörer :hello:

    Meine Meinung steht fest. Bitte verwirren Sie mich nicht durch Tatsachen.

  • Zitat

    Original von musicophil
    Ich mußte seriös nachdenken (was natürlich nur gut ist).

    Ich hoffe, derAufwand war nicht zu hoch? ;)


    Unter anderem um immer mal wieder ein Feedback für genau solche Beiträge zu geben habe ich mich hier angemeldet! Danke für den lesenswerten Beitrag aus dem förmlich die Begeisterungs spricht! Mein noch junges Mozart-Bild wird durch solche Beiträge positiv beeinflusst und macht Appetit auf mehr Mozart.


    :hello: Steffen

  • Über vieles in der Musik traue ich mir zu, durchaus meine Intention treffende Worte zu finden, über mein Mozartbild jedoch nicht. Was immer ich über sein Werk und was es für mich bedeutet in Worte fassen sollte - es würde zu kurz greifen. Denn wenn ich einen nennen sollte, der mich mit seiner Musik in wirklich jeder Weise und in jeder Lebenslage und -stimmung erreicht, so wäre es Mozart (allenfalls auch noch Bach, aber ganz anders und auch nicht in der Universalität). Und ich kenne keine Phase meines Lebens seit der des Aufbruchs ins Denken, in der das nicht so war - nur ist gerade dieses Verhältnis im Laufe vieler Jahre immer enger und subtiler geworden, natürlich auch durch das immer neue eigene Spiel von Mozarts Musik.


    Obwohl das Klavier nicht mein Hauptinstrument ist, fällt es mir leicht, den Klavierkonzerten Mozarts den allerhöchsten Rang für mich zuzuerkennen. Nicht weit davon steht bei mir das Requiem, die c-moll-Messe, natürlich Don Giovanni - und schon möchte ich abbrechen, denn "Listen" dieser Art sind für das, was mir Mozart bedeutet, einfach unwürdig, platt, unangemessen.


    Selbst die in früher Phase geschriebenen Violinkonzerte KV 216, 218, 219 können auf mich Wirkung haben, die jenseits der Kraft der Worte steht, wenn sie von Wolfgang Schneiderhan gespielt werden, oder aber - so ganz und gar anders - von Jascha Heifetz. Das sind in meinen Augen unerreichte "alte" Aufnahmen. Von den neuen aber steht bei mir Julia Fischer ganz vorn.


    Mozart: Nr. 1. (Pause)

  • Hallo,


    daß an Pauls Universalitätstheorie mehr als nur etwas dran ist, zeigen auch verschiedene Threads in Tamino, in welchen wir auch der Suche nach mozartähnlicher Musik sind: Hier werden durchaus mozartnahe Werke aufgelistet, deren Qualität unbestreitbar so gut ist, daß man diese Werke ohne schlechtes Gewissen mit vergleichbaren Werken Mozarts auf eine Stufe stellen kann. Allerdings werden pro Genre die unterschiedlichsten Zeitgenossen herangezogen:


    Bei Klavierkonzerten meine ich den Namen Paisiello gelesen zu haben, bei den Opern Martín y Soler, bei Violinkonzerten etwa Saint-Georges, bei den Quartetten (von J. Haydn und Boccherini mal abgesehen) vielleicht Kraus oder Hoffmeister. Aber keiner dieser Komponisten ist so flächendeckend tätig gewesen wie Mozart. Das aber ist kein Qualitätsurteil über die jeweiligen Komponsten, denn man darf auch nicht vergessen, daß die jeweilige Auftragslage darüber entschied, was komponiert wurde. Zudem ist das Gesamtwerk dieser Komponisten meistens noch nicht zur Gänze erforscht, was eine Beurteilung erschwert. Ich wage zu behaupten, daß jene Zeitgenossen ebenso universell gewesen wären, hätten sie die Gelegenheit (also Aufträge) gehabt.


    :hello:


    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Zitat

    Original von Ulli
    Ich wage zu behaupten, daß jene Zeitgenossen ebenso universell gewesen wären, hätten sie die Gelegenheit (also Aufträge) gehabt.


    Lieber Ulli,


    Universell, d'accord.
    Aber das Niveau? Gehörte von ihrer Werken auch soviel zum höchsten Niveau?


    LG, Paul

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