Alfred Brendel hat abgedankt - Wer ist nun "Klassikkönig" der Pianisten ?

  • Um es kurz vorweg zu nehmen:
    Alfred Brendel war im Bereich der Wiener Klassik der derzeit präsenteste Pianist, er besaß einen geradezu legendären Ruf in diesem Bereich.


    Nun stellt sich die Frage, wer diese Position Eurer Meinung nach DERZEIT einnimmt. Es ist mir klar, daß sich die Leistung eines Pianisten nicht messen lässt, daß die Wertung eine sehr subjektive ist, und daß sie in der Regel von Laien, dem Publikum, abgegeben wird.


    Es soll sich daher auch in erster Linie um eines unserer "Spiele" handeln, die aber dennoch einen ernsten Hintergrund haben.


    Also daher die Frage? Wer ist aus Eurer Sicht nach dem Abgang Brendels der derzeitige "Klassikkönig" des Klaviers ? - wobei ich mch auf den modernen Flügel beziehe.


    Der Kandidat sollte noch aktiv sein und über eine stattliche Anzahl von Einspielungen auf dem Gebiet der Wiener Klassik vorweisen können.


    Vorschlägen kann natürlich auch - in aller Form - widersprochen werden....


    Viel Spaß


    wünscht Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Wenn es um die Brendel-Klassiker Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert geht, fällt mir spontan nur einer ein, der auf allen Gebieten sehr aktiv war und bereits zahlreiche Einspielungen hinterlassen hat: András Schiff.
    Allerdings hat der sich ja auch nicht nur auf dieses Repertoire beschränkt, sondern auch von Bach bis Bartok viel gespielt - und das nicht schlecht.




    Also Alfred, wäre Schiff ein würdiger Brendel-Nachfolger? ;)



    LG, Peter.

  • Hallo zusammen,


    ich unterstütze Peter bei seiner Nominierung András Schiffs. Im Kern-Repertoire Brendels (Mozart, Haydn, Schubert, Beethoven) ist er auch für mich derjenige aktive Pianist, der die überzeugensten Ergebnisse hören lässt. So jetzt aktuell bei Beethoven, wobei es dort aber viele Konkurrenten gibt, die mindestens ebenso überzeugend sind. Noch entscheidender sind für mich also die anderen drei Komponisten. Leider mag ich seine bei Decca eingespielten Mozart-Sonaten nicht so sehr und die dort eingespielten Schubert-Sonaten überhaupt nicht. Dies liegt besonders bei letzterer Box auch an der mulmigen Klangtechnik. Aber auch Schiff spielt mir bei beiden Sonaten-Zyklen etwas zu eintönig. Wieso ich trotzdem an der Nominierung festhalte, liegt daran, dass mich Schiff im Konzert davon überzeugt hat, dass er es sehr wohl so spielen kann, dass es mich begeistert. Und von Schubert-Werken gibt es auch noch weitere Einspielungen, die ich sehr gelungen find, wie z.B. diese:


    Franz Schubert ( 1797-1828 )
    Wandererfantasie D. 760
    Künstler: Andras Schiff, Klavier;Yuuko Shiokawa, Violine
    Label: ECM , DDD, 99


    Oder auch seine wunderbaren Liedaufnahmen zusammen mit Peter Schreier.
    Auch bei den Mozartkonzerten - deren Aufnahme ja schon relativ lange zurückliegt (1984-1992) - gefällt er mir. Leider mag ich es nicht so sehr, dass der Klavierklang so sehr in den Orchesterklang (wunderbares Orchester unter Sándor Végh) integriert ist, dass er manchmal dort fast untergeht. Hier würde mir das Klavier mehr im Vordergrund besser gefallen, so wie dies auch bei den Brendel-Aufnahmen ist! ;)
    Seine Haydn-Sonaten sind meine persönliche Referenz! :)


    Viele Grüße
    Frank

    From harmony, from heavenly harmony
    this universal frame began.

  • Schiff ist mir auch sofort eingefallen. Außer der weitgehenden Konzentration auf das deutsch-österreichische Repertoire (wer sonst spielt schon von Haydn mehr als zwei oder drei Sonaten?) teilt er mit Brendel, daß sich die scharfsinnige intellektuelle Durchdringung der Musik leider mitunter besser in Texten und Vorträgen zeigt, während die Interpretationen oft etwas langweilig bleiben.


    Einige der besten und interessantesten Pianisten (alle interessanter als Brendel oder Schiff) sind heute leider Verweigerer: Argerich, Sokolov, Kocsis. Nur Kammermusik, nur live oder lieber nur dirigieren...
    Pollini hat ja inzwischen und insgesamt auch sehr viel Beethoven, die wichtigsten Werke Schuberts und etwas Mozart eingespielt. Auch wenn die neueren Aufnahmen sicher immer noch ein sehr hohes Niveau aufweisen, habe ich hier doch den Eindruck, daß sich der Hang zur "Trockenheit" verstärkt hat und die Überzeugungskraft einiger seiner herausragenden Aufnahmen der 70er (und 80er) nicht mehr erreicht wird.


    Dann gäbe es noch Christian Zacharias. Aber hier kenne ich nichts von seinen neueren Aufnahmen bei MDG und auch lange nicht alles aus den 80ern. War aber schon damals eine ernstzunehmende (eher "klassisizistische") Alternative zu Brendel. Allerdings hat er kaum Beethoven eingespielt.


    Der vielleicht beste lebende Pianist für Beethoven (von denen, die tatsächlich alle seiner Werke regelmäßig spielen) ist Stephen Kovacevich, seltsamerweise in Deutschland niemals wirklich populär gewesen. Meiner Ansicht nach spielte er den schon in den 70ern überzeugender als Brendel.


    (Demus und Badura-Skoda sind zwar noch am Leben und wohl auch noch aktiv, aber als Generationsgenossen kann man sie kaum als "Nachfolger" Brendels ansehen.)


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo zusammen,


    der Beitrag von Johannes ist hervorragend. Ich möchte jeden Gedanken, ja jedes Wort unterstreichen.


    Ich kann ihm nichts Wesentliches mehr beifügen, ausser vielleicht den Hinweis auf Krystian Zimerman, den man aber irgendwie auch zu den „Verweigerern“ zählen muss, insofern er sich nur mit viel Skrupel zu Aufnahmen (v.a. zu deren Freigabe) durchringen kann. Mein Favorit ist und bleibt allerdings Grigory Sokolov.


    Mit freundlichem Gruss aus Bern


    Walter

  • Für die Kombination von Wiener Klassik und Klavier fällt mir vor allem einer ein:


    Ronald Brautigam



    Technisch überragend, idiomatisch auf dem modernen Flügel wie auf seinen wunderbaren McNulty-Hammerklavieren, musikalisch beglückend und, wo passend, aufregend dass die Fetzen fliegen. Da bleiben bei mir jedenfalls keine Wünsche offen...


    :hello:
    Flo

    "Dekonstruktion ist Gerechtigkeit." (Jacques Derrida)

  • Hallo!


    Ich schließe mich meinen Vorrednern an und nenne auch: Andras Schiff.


    Zwar habe ich ihn noch nie mit Beethoven gehört, aber sein Haydn, Mozart und Schubert ist sehr überzeugend, klassisch-ausgewogen und werkgetreu, so wie man das auch von Brendel gewöhnt war. :]


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Zitat

    Hallo!


    Ich schließe mich meinen Vorrednern an und nenne auch: Andras Schiff.


    Auch ich kann mich nur anschließen. Habe ihn hier in Weimar mit dem kompletten Beethoven-Sonaten-Zyklus und verschiedenen Konzerten erlebt und war begeistert! :yes:

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Schiff ist mir auch sofort eingefallen. Außer der weitgehenden Konzentration auf das deutsch-österreichische Repertoire (wer sonst spielt schon von Haydn mehr als zwei oder drei Sonaten?) JR


    Hallo,
    Ich würde zwar auch am ehesten András Schiff vorschlagen, was aber das Repertoire anbelangt so könnte eventuell auch Rudolf Buchbinder genannt werden der sämtliche Haydn-,Beethovensonaten sowie Mozartklavierkonzerte eingespielt hat - lediglich bei Schubert scheint es zum. bei den Veröffentlichungen noch zu mangeln.


    Bräutigam halte ich aber auch für einen sehr guten Vorschlag, die bislang gehörten Interpretationen haben mich sehr überzeugen können, doch auch er scheint bislang Schubert (noch) weitesgehend aus dem Weg zu gehen (zum. ist mir keine Einspielung seiner wichtigsten Sonaten bekannt)


    Also wenn es sich ziemlich nahemöglichst vom Repertoireumfang mit dem Brendels decken sollte dann bleibt wohl wirklich nur András Schiff, wenn es um Brendels Stil gehen sollte so würde ich zB Paul Lewis (sein ehemaliger Schüler) vorschlagen.


    lg
    Thomas

    „Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter eines Irrtums von gestern sein.” (Marie von Ebner-Eschenbach)

  • Sehr interessant.


    Ich selbst finde Andras Schiff eher ein wenig farblos - beurteilt nach den Aufnahmen - und Aufnahmen sind es heutzutage die über Ruhm und Nachruhm entscheiden.



    (Demus und Badura-Skoda sind zwar noch am Leben und wohl auch noch aktiv, aber als Generationsgenossen kann man sie kaum als "Nachfolger" Brendels ansehen.)


    Für mich stellt sich die Sache so dar:


    Badura Skoda ist nicht nur am Leben, er hat speziell in den letzten Jahren einige Neueinspielungen des Klassischen Repertoire vorgelegt - was mich gleichzeitige erfreut und verwundert hat. Er ist also nach wie vor aktiv - und FÜR MICH der derzeit grösste lebende Interpret der Wiener Klassik. Hier fliessen Kriterien, wie Bekanntheit, Akzeptanz, Vielseitigkeit (Er beherrscht gleichermaßen historische (die er sammelt) als auch "moderne" Klaviere und verfasst teilweise seine Texte für CD-Beihefte selbst) und natürlich auch "blühender Klavierton" mit in die Beurteilung ein. Ich sehe nicht ein, warum ein äterer Künstler mit ungebrochener Schaffenskraft NICHT diese Position einnehmen kann:
    Auch Päpste werden oft erst mit 80 gewählt......


    Es gibt natürlich auch andere Spezialisten für Klassik, die ich schätze, aber zumeist haben sie relativ wenig eingespielt - oder aber nur speziell einen der vier Klassiker - was sie aus meiner Sicht DERZEIT "disqualifiziert"


    Weitere Vorschläge werden gerne angenommen.


    mfg aus Wien


    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Hallo,


    die Idee von Alfred zu diesem Thread gefällt mir -auch in Ihrer Mischung zwischen Ernst und Spass- ausgezeichnet!


    Interessant, dass sich so schnell Eingikeit eingestell hat, aber was Repertoire und Interpretation anbelangt fällt mir auch kein besserer Vorschlag (als Schiff) ein. Dabei hat dieser Pianist für mich, den großen Liebhaber der Klaviermusik, bisher nur eine untergeordnete Rolle gespielt.
    Zugegeben, was ich an Aufnahmen von ihm kenne ( BACH, BEETHOVEN, HAYDN, SCHUMANN, u.a.) ist durchweg sehr überzeugend, aber dass kann ich (im einzelnen) auch von vieilen anderen Pianisten behaupten.
    Zumindest möchte ich hier einer Reihe von Behauptungen widersprechen:



    zu HAYDN:
    R. Bräutigam (neu: kompl. Klavierwerk auf 15 CDs!!) und Buchenbinder wurden bereits genannt. Auch E. Ax hat in den letzen Jahren zwei CDs mit den Klaviersonaten von HAYDN vorgelegt, die mich nicht weniger überzeugen als Schiff. Ebenso hat R. Schirmer eine Doppel-CD eingespielt. Und A. Planes (bisher?) drei CDs! Und wenn die so überzeugend sind,wie seine Aufnahmen der Klaviersonaten von SCHUBERT (die ich aber auch nicht in alle kenne), dann bekommt hier Schiff ernsthaft Konkurenz, die er meiner Meinung nur durch seine Präsenz bei MOZART und BEETHOVEN gewinnen kann.
    BEETHOVEN war sicher ein besonderer Schwerpunkt von Brendel. Aber auch hier hat Schiff Konkurenz zu seiner neuen GA bekommen, füt mich besonders durch Korstick, den ich bisher mindestens ebenso überzeugend finde. Aber der hat bisher nur (ganz) wenig HAYDN und SCHUBERT eingespielt. Außerdem sehe ich ihn von seinen Anlagen eher als möglichen Erben der großen Allrounder wie z.B. S. Richter.
    Wer bisher noch nicht genannt wurde M. Perahia, bei MOZART vermute ich ihn Schiff überlegen, von BEETHOVEN und SCHUBERT gibt es immerhin auch einiges, nur mit HAYDN könnte es schwierig werden, aber trotzdem für mich ein Thronanwärter. Ebenso könnte bei MOZART udn SCHUBERT M.J. Pires genannt werden!
    Mein Fazit: Schiffs momentaner Vorsprung begründet sich für mich eigentlich nur aus seinem deckungsgleichen Repertoire.
    Sieht man den heutigen Stand als Momentaufnahme kurz nach dem Start, so bin ich mir nicht sicher, ob Schiff- trotz konstant sehr hoher Leistung- am Ende wirklich Sieger bleiben wird.


    PS: Warum Agerich und Koscis interessanteer als Brendel sein sollen, erschließt sich mir überhaupt nicht!
    Aber Kovacevich halte ich bei BEETHOVEN auch für Brendel absolut ebenbürtig!


    Und wer waren denn die Vorfahren von Brendel?
    F.Gulda, I.Haebler, W.Kempff, E. Fischer?


    Gruß pt_concours

    Hören, hören und nochmals hören: sich vertraut machen, lieben, schätzen.
    Keine Gefahr der Langeweile, im Gegensatz zu dem, was viele glauben, sondern vielmehr Seelenfrieden.
    Das ist mein bescheidener Rat. (S. Richter, 1978)

  • Zitat

    Und wer waren denn die Vorfahren von Brendel?


    Obwohl es ja hier eigentlich nicht das Thema ist, passt es ganz vorzüglich hierher und ist sicher eine Betrachtung wert, allerdings sollte die Titelfrage von kommenden Mitschreibern nicht ausser Acht gelassen werden.


    Die "Vorfahren" Brendels:


    Wie haben hier ein ähnliches Phänomen wie mit seinen "Nachfolgern"


    Zeitgleich gab und gibt es noch immer Badura-Skoda, der wahrscheinlich wesentlich mehr Aufnahmen abgeliefert hat als Brendel - zudem noch auf verschiedenen Instrumenten, Hip und modern.
    Er war zwar unter Kennern mehr als nur ein Geheimtip, eine wirkliche Größe - aber auf Grund seines bescheidenen Wesens und seiner völlig PR-resitenten Persönlichkeit wurde er wahrscheinlich vom breiten Klassikpublikum nie so wahrgenommen wie sein Kollege (oder Konkurrent ??) Brendel.


    Alle mir bekannte weiteren "Vorgänger" waren zumeist auf EINEN Komponisten fixiert, allenfals auf einen zweiten.


    war in Sachen Mozart sicher Ingrid Haebler Brendels "Vorgängerin" zumindest beim Label Philips. (Auch sie beherrschte alte und neue Instrumente, war zudem auch eine Johann Christian Bach Spezialistin)


    Wilhelm Kempft und Wilhelm Backhausen waren wohl DIE großen Beethoven Interpreten vor Brendel, auch Friedrich Gulda galt als Beethoven-Ikone.


    Schwerer tu ich es mir da schon mit Haydn- und Schubertinterpretationen. Hier fällt mir spontan keine Sonne ein um welche die Planeten kreisten....


    mfg aus Wien


    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Hallo


    Es ist eigentlich erstaunlich, wie wenig wirklich hochklassige Interpreten der Wiener Klassik zu existieren scheinen. Gefühlsmäßig würde auch ich Schiff und Buchbinder favorisieren. Aber auch Maurizio Pollini und Mitsuko Uchida kommen in die engere Wahl. Letztere sind vielleicht zwar quantitativ aber kaum qualitativ im Hintertreffen. Ähnliches gilt für Maria Joao Pires.


    Gulda war natürlich kein Vorgänger von Brendel, sehr wohl aber Claudio Arrau. Auch Richter und Gilels könnte man bis zu einem gewissen Grad anführen, und natürlich Arthur Schnabel.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Schwerer tu ich es mir da schon mit Haydn- und Schubertinterpretationen. Hier fällt mir spontan keine Sonne ein um welche die Planeten kreisten....


    Aber bei Schubert doch auch auf jeden Fall Kempff - dagegen sieht Brendel leider immer noch blass aus, finde ich (außer in den flotten Sätzen wie z. B. dem letzten der D958 ).

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Für mich ist klar - und das sage ich mit einem lachenden und weinenden Auge - für Alfred Brendel gibt es keinen Ersatz! Er ist einfach eine singuläre Erscheinung, nicht nur ein universeller Pianist, sondern auch einer, dessen Horizont weiter reicht als nur das Klavierspielen (Malerei, Literatur). Er gehört zu den großen >Titanen< wie Arrau, Michelangeli, Rubinstein, Richter, Gilels, Kempff, Schnabel, Gieseking, Lipatti, Horowitz usw., die immer präsent bleiben werden und an denen die vielen anderen, die nachkommen, gemessen werden. Die nächste Generation der >Titanen<, die eines Maurizio Pollini, ist inzwischen auch schon deutlich gealtert. Da wird man einfach melancholisch....


    Beste Grüße
    Holger

  • Hallo Holger


    Rubinstein war bisher der einzige Pianist, der nach meinem Empfinden sogar bei einem Fernsehauftritt eine ungeheure Präsenz ausstrahlte, und mich während der ganzen Darbietung fesseln konnte.


    Er wirkte auf mich wie ein distinguierter Gentleman, gleichzeitig aber auch sehr dynamisch und jugendlich.


    Gruss Beat

  • Hallo,


    für eine singuläre Figur halte ich Brendel nicht. Hier geht es ja auch nicht darum, den "besten" lebenden und im Konzertsaal aktiven Pianisten unserer Zeit zu finden, sondern denjenigen, der im Gebiet des Kernrepertoires die beste Anerkennung findet, eine starke, integrierende Rolle im Musikgeschäft vertritt und über das Klavierspiel hinaus auch mit weiter reichenden Ideen zur Musik aufzutreten vermag. Dies alles zusammen genommen kommen für mich als Nachfolger von Brendel nur Schiff und Uchida infrage.


    Beide haben in ausführlichen Interviews gezeigt, welche Gedanken sich sich über die Entwicklung der Klaviermusik machen. Ihre Ergebnisse müssen nicht geteilt werden (auch was Brendel gesagt hat, fand ich keineswegs immer überzeugend), aber sie geben Anregungen. Das unterscheidet sie von anderne potentiellen "Kandidaten".


    Viele Grüße,
    Walter

  • Lieber Holger,


    das sind einfach die Namen, die - natürlich zu Recht - bekannt geworden sind. Es gab und gibt aber auch imme die Namen, die sich nicht hinter den bekannten zu verstecken brauch(t)en und nicht die Berühmtheit erlang(t)en.


    Brendel würde ich - wie vielleicht Johannes - nicht mit Richter, Michelangeli oder Gieseking in eine Reihe stellen.


    :hello:
    Wulf

  • Zitat

    Original von Wulf
    ...
    Brendel würde ich - wie vielleicht Johannes - nicht mit Richter, Michelangeli oder Gieseking in eine Reihe stellen.
    ...


    Ich auch nicht, denn im angesprochenen Repertoire-Bereich ist er über sie zu stellen!


    ;)

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von Theophilus


    Ich auch nicht, denn im angesprochenen Repertoire-Bereich ist er über sie zu stellen!


    ;)


    :hahahaha::hahahaha:


    Klar, wenn man auf gepflegte Langeweile und quasi-kultiviertes Spiel steht, ja. Ansonsten ist Brendel in Sachen Beethoven Gilels und Richter weit unterlegen, in Sachen Mozart einer Haskil oder einer Uchida. Bei Schubert gibts nicht so viel Konkurrenz, aber nach ein wenig Suchen finde ich auch da Namen, die Brendel ohne große Mühen auf seinen richtigen Platz verweisen. Unter den exzellenten Pianisten dieses Jahrhunderts allerhöchstens im Mittelfeld.


    :hello:
    Wulf

  • Brendels Repertoire war ja nicht das Kernrepertoire. Haydns Sonaten gehören gewiß nicht dazu (vielleicht die letzte Es-Dur), von Mozart und Schubert vielleicht je drei bis fünf. Dafür gehören einige Dinge zum pianistischen Kernrepertoire, z.B. praktisch alles von Chopin, die Brendel kaum oder gar nicht gespielt hat. Auch Schumann und Brahms nehmen bei ihm keine so zentrale Rolle ein, dafür Liszt. Von Ravel, Debussy und Prokofieff, die inzwischen auch Standard sind, nicht anzufangen, denn das galt in den 50er/60ern anscheinend tatsächlich noch als etwas randständiges "Spezialistenrepertoire". Bach und Scarlatti sollten nach Brendels Ansicht besser auf dem Cembalo gespielt werden.


    Auch Brendel hat keine Gesamtaufnahme der Haydn-Sonaten gemacht (soweit ich sehe wurden 10 oder 12 Sonaten eingespielt) (Badura-Skoda übrigens auch nicht) und soweit ich sehe auch nicht alle frühen von Schubert und Mozart eingespielt.
    Und dieses Repertoire wurde auch von einigen wenigen anderen Pianisten durchaus wahrgenommen. Richter dürfte beinahe so viele Haydn- und besonders natürlich Schubert-Sonaten im Repertoire gehabt haben wie Brendel, nur eben mit den für ihn charakteristischen Lücken (z.B. kein D 959).


    Der erste Pianist, der sich ab einem gewissen Zeitpunkt fast nur auf Mozart, Schubert, Beethoven konzentriert hat, insofern also ein "Vorgänger", dürfte Artur Schnabel gewesen sein. Für die "romantische Schule" der anderen Pianisten aus der Generation vor Brendel etc. spielen wie gesagt, selbst von Mozart (Solowerke) und Schubert nur einige wenige Werke eine bedeutende Rolle. Das muß vor dem Schallplattenzeitalter auch am Konzertbetrieb gelegen haben, diese Werke (übrigens auch ca. die Hälfte oder mehr der Beethovenschen Sonaten) erschienen wohl einfach zu unspektakulär, Hausmusik, keine Konzertstücke. Noch in Konzertführern der 50er finden sich ernstgemeinte Vorschläge, Schubert-Sonaten zu kürzen, um ihre Schönheiten zu retten...


    Die Klavierwerke Haydns und Mozarts werden, so vermute ich, mehr und mehr von den Spezialisten für Originalinstrumente dominiert werden.


    Insofern weiß ich nicht, ob es überhaupt Nachfolger mit einer solch weitgehenden Konzentration auf das deutsch-österreichische Repertoire geben wird. Zacharias ging in den 80ern ein wenig in diese Richtung, aber der ist ja inzwischen auch schon weit über die 50. Was ist denn zB mit Lars Vogt und Till Fellner?
    Junge Pianisten tun vermutlich auch nicht gut daran, hauptsächlich diese Werke zu spielen. Allein wegen der Wettbewerbe muß ein Schwerpunkt auf Hoch/Spätromantik und früher Moderne liegen. Und dann gibt es eben immer noch die Haltung, daß Mozart zu leicht für Anfänger und zu schwierig für Fortgeschrittene sei oder wie der Spruch geht und daß man, um angemessene Interpretationen zu liefern, am besten mindestens 20 Jahre älter sein muß als Schubert und Mozart je geworden sind... ;)


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Wulf
    Klar, wenn man auf gepflegte Langeweile und quasi-kultiviertes Spiel steht, ja. Ansonsten ist Brendel in Sachen Beethoven Gilels und Richter weit unterlegen, in Sachen Mozart einer Haskil oder einer Uchida. Bei Schubert gibts nicht so viel Konkurrenz, aber nach ein wenig Suchen finde ich auch da Namen, die Brendel ohne große Mühen auf seinen richtigen Platz verweisen. Unter den exzellenten Pianisten dieses Jahrhunderts allerhöchstens im Mittelfeld.


    :hello:
    Wulf


    endlich :yes:
    (gilt meiner meinung nach für badura-skoda ebenso)


    sicher hat brendel verdienstvolle aufnahmen gemacht (unter den vielen einspielungen z.b. der sonatentrias schuberts ist auch eine ganz hervorragend spannende mit flotten tempi in der A-Dur - durchaus geschätzt) aber ich ziehe andere zeitgenossen, beim wiener repertoire gerne gulda, vor (obwohl mein fokus mehr auf den schubert-sonaten liegt).
    ich würde außerdem behaupten, dass diese werke von allen großen pianisten (unregelmäßig) gespielt werden, nur ob sie damit konzertieren oder aufnahmen machen ist eine andere frage...
    ich habe schon häufig die erfahrung gemacht, dass unbekanntere pianisten diese sonaten im konzert selten schlechter interpretieren als brendel auf so mancher hochgelobter aufnahme (es für spieler des russischen repertoires außerdem technisch kaum ein problem ist, sie in kurzer zeit zu erarbeiten) bzw. es nicht wagen so bekannte werke uninspiriert vorzutragen.


    :hello:

  • Hallo Alfred!


    Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Ich selbst finde Andras Schiff eher ein wenig farblos - beurteilt nach den Aufnahmen - und Aufnahmen sind es heutzutage die über Ruhm und Nachruhm entscheiden.


    Zu Schiffs Beethoven kann ich mich - wie gesagt - nicht äußern. Die Mozartsonaten, das gebe ich zu, sind sehr asketisch gespielt. Aber er stellt klar Mozart in den Vordergrund und nicht sich selbst.
    Wie kannst Du auf der einen Seite HIPpe, extreme und extrem-HIPpe Interpretationen von Mozart wegen ihrer Kratzbürstigkeit, übertriebener Schärfe und mangelnder Klassizität stets verbal so attackieren - und dann, wenn es jemand entgegen dem Zeitgeist ganz anders, also eigentlich in Deinem Sinne, macht, ist es Dir auch nicht recht?


    Besorg Dir doch mal diese CDs:



    Die sollten Dich eigentlich in jeder Hinsicht zufriedenstellen. Mich jedenfalls schon. Ich halte sie für absolut gelungen, schön, klassisch und keineswegs farblos.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Man tut Brendel bestimmt keinen Gefallen, wenn man ihn zum Säulenheiligen stilisiert. Das erzeugt am anderen Ende der Fahnenstange nur reflexhaft das genauso pauschale Klischee vom Langweiler.


    Meine Meinung: Großartig finde ich nach wie vor Brendels Interpretationen der Mozartkonzerte, die älteren mit Marriner ohnehin, vielleicht noch mehr die leider nur wenigen Aufnahmen mit Mackerras. Auch bei den Mozart-Solowerken höre ich ihn sehr gern, ebenso bei Haydn.


    Bei Schubert wird man sich eh nicht einigen. Ich kann z.B. den Richter-Aufnahmen (oder denjenigen einiger anderer russischer Pianisten) als etwas exzentrische Alternative einiges abgewinnen. Brendel nervt hier auch manchmal (Tempi, die leidige Wiederholungsfrage) - aber als ein Schubert der Mitte bleibt das meine Referenz, der sich inzwischen Uchida beigesellt hat.


    Dagegen war für mich Brendel als Interpret der Beethoven-Sonaten meist enttäuschend. In der Aufnahme der Konzerte mit Rattle ist er jedoch in Höchstform.


    Obwohl's hier nicht Thema ist: Als Liszt-Interpret hat er Großes geleistet.


    Da Brendel kein Klassik-König war, braucht er auch keinen Nachfolger. Alle anderen, die mir im Wiener-Klassik-Repertoire einfallen würden, sind schon genannt worden (Schiff empfinde als komplementär zu Brendel: z.T. großartiger Beethoven, aber eher enttäuschender Mozart und sehr langweiliger Schubert).


    Stilistisch - darauf hat âme hingewiesen - steht Brendel wohl sein Schüler Paul Lewis am nächsten, der anscheinend auch vom Repertoire her auf seinen Pfaden wandelt.



    Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Bach und Scarlatti sollten nach Brendels Ansicht besser auf dem Cembalo gespielt werden.


    Eine Bach-Platte hat Brendel aber Ende der 70er aufgenommen - und die gehört zu meinen liebsten Bach-Aufnahmen auf dem modernen Flügel. Großartige "romantische" Aufnahmen, ohne allzugroße Kapriolen, aber mit enormer Fantasie und Verve gespielt. BWV 922 gelingt atemberaubend!





    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Wulf
    Brendel würde ich - wie vielleicht Johannes - nicht mit Richter, Michelangeli oder Gieseking in eine Reihe stellen.


    Lieber Wulf,


    in meiner persönlichen Rangliste würden diese Namen auch ganz oben stehen - ergänzt durch Gilels und vielleicht noch drei, vier andere. Aber für mich wäre hier nicht die Frage: Wer ist der Beste unter den Besten? Brendel ist einfach Brendel. Er hat eine unverwechselbare Handschrift als Pianist und als Interpret und gehört in das Orchester der Großen. Ohne ihn würde da einfach eine Stimme fehlen! Es gibt eine ganze Reihe wunderbarer Aufnahmen von ihm, die man immer wieder gerne hört und die eine gewisse zeitlose Klassizität beanspruchen können.


    Beste Grüße
    Holger

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Man tut Brendel bestimmt keinen Gefallen, wenn man ihn zum Säulenheiligen stilisiert. Das erzeugt am anderen Ende der Fahnenstange nur reflexhaft das genauso pauschale Klischee vom Langweiler.
    Bernd


    Hallo Bernd,


    nun, Klischees kommen ja auch nicht von ungefähr, bleiben natürlich Klischees.
    Mein Problem: ich habe einige Aufnahmen Brendels gehört und bin so zu meinem vielleicht etwas harschen Urteil gekommen.


    Die Mozart-Konzerte unter Marriner (Philipps) ganz nett, das Gespann Schiff/Vegh finde ich aber deutlich inspirierter. Die Diabelli-Variationen, passabel. Mehr aber IMO auch nicht.
    Die Beethoven Konzerte unter Rattle empfinde ich durch die Bank (leider habe ich mir damals die Box gekauft) als Inbegriff "kultivierter" Langeweile (ich weiß, die früheren GA sind deutlich besser). In seinen Schubert müsste ich nochmal reinhören, kann mich aber an einen positiven jedoch nicht umwerfenden Eindruck erinnern. Und Liszt wurde auch schon deutlich interessanter gegeben.
    Insgesamt ein guter Pianist, der hierzulande wegen seines vermeintlichen Schwerpunkts auf die Wiener Klassiker und seines Images als "intellektueller Durchdringer" in meinen Augen etwas überschätzt wird.


    :hello:
    Wulf

  • Hallo Wulf,


    Zitat

    Original von Wulf
    Die Mozart-Konzerte unter Marriner (Philipps) ganz nett, das Gespann Schiff/Vegh finde ich aber deutlich inspirierter.


    :no:



    Zitat

    Die Diabelli-Variationen, passabel. Mehr aber IMO auch nicht.


    Die Live-Aufnahme von 1976 gehört m.E. in die Spitzengruppe, äußerst aggressiv und lebendig.



    Zitat

    Die Beethoven Konzerte unter Rattle empfinde ich durch die Bank (leider habe ich mir damals die Box gekauft) als Inbegriff "kultivierter" Langeweile (ich weiß, die früheren GA sind deutlich besser).


    Vehementer Widerspruch - nicht nur Brendel ist deutlich inspirierter als früher, auch Rattle schafft ein sehr konturiertes, stellenweise hip-nahes Klangbild. Dem gepflegten Klangbrei der Herren Haitink und Levine in den früheren Gesamtaufnahmen weit überlegen.



    Zitat

    Und Liszt wurde auch schon deutlich interessanter gegeben.


    Noch vehementerer Widerspruch. Brendel gehört zu den wenigen, die Liszt als Komponisten ernstgenommen haben und seine Werke nicht - wie Horowitz - als Vehikel des Virtuosentums herunterdreschen. Exemplarisch an Brendels Aufnahmen des Spätwerks zu erkennen, das der Großteil der angeblichen Liszt-Pianisten nie auch nur angefasst hat.



    Zitat

    Insgesamt ein guter Pianist, der hierzulande wegen seines vermeintlichen Schwerpunkts auf die Wiener Klassiker und seines Images als "intellektueller Durchdringer" in meinen Augen etwas überschätzt wird.


    Sehe ich anders, zumal sich die meisten Brendel-Fans in GB finden dürften...



    Viele Grüße


    Bernd

  • Hallo,


    ehrlich gesagt muss ich gestehen, dass ich gar nicht soviel von Brendel kenne, aber die 10-12 CDs (vor allem HAYDN-Sonaten, BEETHOVEN-Variationen, SCHUBERT –Sonaten, sowie Stücke von LISZT und SCHUMANN) fand ich größtenteils ausgezeichnet!!



    Zitat

    Original von Theophilus


    Ich auch nicht, denn im angesprochenen Repertoire-Bereich ist er über sie zu stellen!


    ;)


    ...zumindest gleichwertig, in einigen Stücken aber wirklich auch deutlich darüber.



    Zitat

    Original von Wulf
    Bei Schubert gibts nicht so viel Konkurrenz, aber nach ein wenig Suchen finde ich auch da Namen, die Brendel ohne große Mühen auf seinen richtigen Platz verweisen. Unter den exzellenten Pianisten dieses Jahrhunderts allerhöchstens im Mittelfeld.


    Nun, da es Dir keine große Mühe macht, darfst Du es ruhig beweisen!
    Auch würen mich mal deine "exzellenten Pianisten dieses Jahrhunderts" mit Angabe des Mittelmaßes interessieren.



    Zitat

    Original von Wulf
    Brendel würde ich - ... - nicht mit Richter, Michelangeli oder Gieseking in eine Reihe stellen.


    Also ich schon! Wenigstens ein Pianist, der weiß was er kann (und will) und was nicht!
    Mir ist eine Beschränkung da viel lieber, als die, wo man stänndig selektieren muss: jenes kann er ganz gut, dieses eher nicht.
    (Und gerade das Repertoire von Michelangeli war ja gigantisch und auch im einzelnen völlig unumstritten...)
    :pfeif:
    (es gibt natürlich sehr schöne Aufnahmen von ihm!)



    Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Von Ravel, Debussy und Prokofieff, die inzwischen auch Standard sind, nicht anzufangen, denn das galt in den 50er/60ern anscheinend tatsächlich noch als etwas randständiges "Spezialistenrepertoire".


    ?(
    Also, das liest man oft, aber warum gibt es so viele historsche Aufnahmen aus dieser Zeit 8und früher), wo alle DEBUSSY und RAVEL und zum Teil auch PROKOVIEF spielen??? (50/ 60er Jahre!!)
    (Gieseking, Rubinstein, Horowitz, Richter, Gilels, Hess, Casadesus, Cortot, Neuhaus, Sofronitzky, Haskil, Lipatti, etc. etc.), vielleicht nur in Wien? Aber nein, auch Gulda!!



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    Auch Brendel hat keine Gesamtaufnahme der Haydn-Sonaten gemacht (soweit ich sehe wurden 10 oder 12 Sonaten eingespielt) ... Richter dürfte beinahe so viele Haydn- -Sonaten im Repertoire gehabt haben wie Brendel, nur eben mit den für ihn charakteristischen Lücken.


    Brendel hat 11 Klaviersonaten (und 3 Klavierstücke) von HAYDN eingespielt, Richter hatte 19 Sonaten (und 1 Klavierstück) im Repertoire. Er hat HAYDN sehr geliebt und oft gespielt (eineSonate sogar über 100 mal) , sicher war er noch ein größerer Anwalt für HAYDN als Brendel!



    Der Hinweis auf Schnabel ist sicher richtig, der fiel mir auch noch ein. Komisch, dass hier niemand auf Brendels Lehrer E. Fischer eingesgangan ist, der hat auch ein Kernrepertoire von MOZART, BEETHOVEN und SCHUBERT (und wohl noch BRAHMS).



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    Die Klavierwerke Haydns und Mozarts werden, so vermute ich, mehr und mehr von den Spezialisten für Originalinstrumente dominiert werden.


    Glaube ich nicht! Schon Bach erfährt ja eine Renaissance auf dem Flügel, wie seit Jahrzehnten nicht. Perahia, Koroloiv, Hewitt, (Stadtfeld, Fray) etc.


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    Original von Dr. Holger Kaletha
    Die nächste Generation der >Titanen<, die eines Maurizio Pollini, ist inzwischen auch schon deutlich gealtert. Da wird man einfach melancholisch....


    Wieso? Es lebe die „junge“ Generation!! Aimard, Koroloiv, Korstick, Perahia und (mit eingein Einschränkungen) Pletnev... oder auch Schiff, Lupu, Uchida oder Pires.


    Gruß pt_concours

    Hören, hören und nochmals hören: sich vertraut machen, lieben, schätzen.
    Keine Gefahr der Langeweile, im Gegensatz zu dem, was viele glauben, sondern vielmehr Seelenfrieden.
    Das ist mein bescheidener Rat. (S. Richter, 1978)

  • Aus der Hüfte geschossen würde ich auch zunächst einmal Schiff (der ja praktisch Österreicher ist- lebt in Wien und spielt [auch] Bösendorfer) und Uchida (auch in Wien aufgewachsen) nennen.
    Wenn es aber darum geht das spezifisch österreichische in Brendel zu sehen, dann würde ich Rudolf Buchbinder und Till Fellner nennen. Beides großartige Pianisten - und auch Virtuosen (wie es Brendel über lange Zeit war), beide "Opfer" ihrer Bescheidenheit.
    Da ich praktisch alle deutschen Pianisten als akademische Langeweiler betrachte (:stumm: ), prallt das Langeweiler- Argument gegenüber Brendel an mir ab. In "Wien" gab es immer die besseren Pianisten als in "Berlin". :D
    Interessant finde ich die Verehrung sowohl Guldas als auch Brendels für Cortot.

  • Ich will Brendel gar nicht in irgendwelche Reihen stellen. Und habe schon mehrfach deutlich gemacht, daß ich ihn eher für überschätzt (und durch eine gut geölte Medienmaschinerie zum Papst diversen Repertoires und Philosophen am Klavier hochstilisiert) halte, aber selbstverständlich ist er ein sehr guter Pianist. Bei Beethoven geht es mir tatsächlich mit Brendel und Schiff sehr ähnlich: Lesens- oder hörenswerte analytische usw. Bemerkungen zu den Sonaten werden von den Interpretationen nur sehr bedingt eingelöst.
    Natürlich habe ich nicht alle ihrer Aufnahmen gehört, aber einige. Ist mir tendenziell zu lasch und zu brav bei beiden. Entweder wollen sie nicht an die Grenze gehen oder sie können es nicht. Mit Richter gibt es natürlich auch ein paar fragwürdige Live-Aufnahmen aus der späten Zeit, aber insgesamt ist der ein ganz anderes Kaliber.
    Man muß sich doch mal klar machen, daß bei Beethovensonaten und auch bei einigen Stücken Schuberts und ein paar Mozart-Konzerten eine derart unüberschaubare Konkurrenz herrscht, daß es nur eine Übertreibung sein kann, wenn Brendel da auf einmal der einzige Papst sein sollte.
    Geht man zu den weniger populären Stücken unter Schuberts mag das anders aussehen und da mag vor 35 oder 40 Jahren und gewiß auch heute noch Brendel in der ganz engen Auswahl sein. Und so enzyklopädistisch hat er sich selbst anscheinend auch nicht gesehen; er hätte ja statt Buchbinder der erste mit einer Haydn-Komplettaufnahme sein können und meines Wissens fehlen auch einige der frühen Mozartsonaten (bei Schubert mit all den Fragmenten usw. habe ich keine Ahnung, was fehlt)
    Und auch wenn ich nicht so ein Fanatiker wie Khampan bin, die fehlende Wdh. in D 960 und die seltsame Begründung finde ich ziemlich problematisch, besonders wenn das vom Papst kommt. Abgesehen davon würde ich aber, nach dem, was ich kenne, auch die Mozart-Konzerte (seine Sonaten kenne ich nicht, interessieren mich auch nicht, habe schon zu viele Aufnahmen davon) und einiges von Schubert als die immer noch hervorragendsten Leistungen sehen. Wiederum gibt es da aber (inzwischen) doch auch ziemlich viel Konkurrenz...


    Zitat


    Also, das liest man oft, aber warum gibt es so viele historsche Aufnahmen aus dieser Zeit 8und früher), wo alle DEBUSSY und RAVEL und zum Teil auch PROKOVIEF spielen??? (50/ 60er Jahre!!)
    (Gieseking, Rubinstein, Horowitz, Richter, Gilels, Hess, Casadesus, Cortot, Neuhaus, Sofronitzky, Haskil, Lipatti, etc. etc.), vielleicht nur in Wien? Aber nein, auch Gulda!!


    Russen und Franzosen, ja. Und viele davon auch nur ein paar Zugabenstückchen (Rubinstein, Haskil?), oder? Ich war damals noch nicht auf der Welt, ich schließe das vielleicht etwas voreilig aus einigen Konzertführern und aus den vorhandenen Aufnahmen.
    Aber Schnabel, Fischer, Kempff, Backhaus, R. Serkin mit Debussy oder Prokofieff? Gieseking galt da m.E. immer als Ausnahme und eben "Spezialist".
    Gulda hat damals Debussy/Ravel gespielt, sogar aufgenommen; kann ja sein, daß Brendel, Badura-Skoda, Demus in ihrer Jugend auch Ravel und Prokofieff gespielt haben. Aber dann anscheinend nicht mehr und auch nicht eingespielt.


    Der Hinweis auf Edwin Fischer ist sicher auch wichtig; aber Aufnahmen gibt es hier meines Wissens nur von kürzeren Stücken Schuberts, nicht von Sonaten. Und Fischer spielte mehr Bach.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)