Christian Thielemann - Hoffnungsträger der Tonträgerbranche?

  • In der "Zeit" gibt es einen schönen Artikel:


    Dirigent Christian Thielemann
    Unser blaues Wunder


    Zentrum der Kultur und des Bürgertums: Warum der Dirigent Christian Thielemann verständlicherweise nach Dresden geht


    "http://www.zeit.de/2009/43/01-Christian-Thielemann"

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Es sind nicht die "Majors", die hier das Geschäft machen:



    Richard Wagner (1813-1883)
    Der Ring des Nibelungen

    Albert Dohmen, Ralf Lukas, Clemens Bieber, Endrich Wottrich, Gerhard Siegel, Andrew Shore, Hans-Peter König, Linda Watson,
    Chor & Orchester der Bayreuther Festspiele,
    Dirigent: Christian Thielemann
    Label: OpusArte , DDD/LA, 2008, 14 CDs


    Bei der eBucht lag der Preis für die Box so um 50 €, jpc will 80 € haben!


    LG


    :hello:

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Egal wessen Chefdirigent Thieleman ist oder sein wird:


    Er nimmt seit 2008 einen Zyklus aller Beethoven Sinfonien mit den Wiener Philharmonikern auf (Konzertmitschnitte aus dem Wiener Musikverein bz aus dem Wiener Konzerthaus) welcher vom OFR ausgestrahlt und von UNITEL aufgezeichnet wird. Geplant ist eine Veröfeerntlichung auf DVD und (wie ich inzwischen informiert wurde) vermutlich auch auf CD.


    Zitat

    Clemens Hellsberg, Vorstend der Wiener Philharmoniker: "Jede Generation muss sich einmal mit den Symphonien von Beethoven auseinandersetzen und den adäquaten Zugang finden. Mit Christian Thielemann war es Liebe auf den ersten Blick. Die Gesamtaufnahme in seine Hände zu legen war deshalb eine zwingende Selbstverständlichkeit."


    Ein Dirigent, dem die Wiener Philharmoniker "Liebe auf den ersten Blick" bescheinigen, kann sich getrost über alle unqualifizierte Kritik hinsetzen, und warten, wer sich bei ihm Schlange steht ......
    ..und seine Feinde wahlweise negieren oder belächeln


    mfg aus Wien


    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Zitat

    Original von wiesengrund
    Wiener + Thielemann? Das hat der arme Beethoven wahrlich nicht verdient, aber Tote können sich bekanntlich nicht wehren


    abwarten - anhören - beurteilen


    und nicht vorverurteilen - das mag man bei Tamino nicht so

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Immer diese Pauschal-Vorab-Urteile, die liebe ich ja auch. :no:


    Wobei bei der Anti-Thielemann-Gemeinde heute schon feststeht: dieser "Ring" kann nix taugen, genauso wie die Beethoven-Symphonien nix taugen werden. :pfeif:

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Orchestral habe ich da weniger Bedenken. Mich schrecken eher die mäßigen Gesangsleistungen ab...

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Zitat

    Wobei bei der Anti-Thielemann-Gemeinde heute schon feststeht....


    Die "Anti-Thielemann Gemeinde" ist aus meiner Sicht (mehrheitlich) politisch - und nicht musikalisch motiviert - und somit für mich persönlich ohne Relevanz. Auch ich bin beispioelweise kein absoluter "Thielemann Fam" - schon des Fehlens von drei bedeutenden Wiener Klassikern in seinem Repertoire - aber es widert mich persönlich richtig an (ich schreibe die als Privatperson - nicht als Moderator des Forums) wie primitiv hier gelegentlich gegen Dirigenten polemisiert wird, die einem politisch nicht liegen.


    Dabei glaube ich, daß Herr Thielemann erst durch die Hetze gegen ihn so in den Mittelpunkt des Interesses gerückt ist und er dieses "Orchester der Gegener" nicht nur geschickt zu dirigieren weiß - er zieht aus deren Aktivitäten jede Menge an Nutzen.


    Ich wäre ein Prophet, könnte ich voraussagen, welchen künstlerischen Stellenwert Thielemanns Aufnahme - so sie in der Tat veröffentlicht wird - einst haben wird - aber ich wage mich auf nicht allzu schlüpfriges Tarrain, wenn ich prognosziere, daß sie an Medien- und Kaufinteresse so ziemlich alles in den Schatten stellen dürfte, was in den letzten Jahren im Bereich "Beethoven-Zyklen" veröffentlicht worden ist.


    Herr Thielemann sollte hier nicht nachtragende oder emotionell knausrig sein und Leuten wie "Wiesengrund" (der Name ist Programn ???) ein ehrliches, demütiges "Vergelts Gott" zurufen. Denn gerade solche Beiträge wie jener von "Wiesengrund" tragen dazu bei auf Thielemann aufmerksam zu machen, speziell wenn man es wagt, ihn in einem Atemzug mit den Wiener Philharmonikern zu verunglimpfen.


    mfg aus Wien


    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Liebe Freunde und auch Gegener Thielemanns !



    Alfred Schmidt wird sich an die ersten Grabenkämpfe im nicht mehr existenten Forum der Deutschen Gramophon erinnern als der Name Thielemann mit einer einzigen Aufnahme (!) "erschien" . Selbst die auflagenschwächeren Gazetten waren voll der widersprüchlichsten "Lebensleistungen" eines 1959 geborenen Künstler s .


    Da muss etwa vorangegangen sein , wenn in dem damals existierenden Forum ein Autor mindestens sechsmal schrieb( mit geringfügiger Namensänderung ) .



    Was hatte Christian Thielemann denn "getan" . Er hatte eine Symphonie mit seinen Vorstellungen dirigiert . Mehr eigentlich nicht .


    Man kann ja seine berühmten Vorgänger als "besser" , "richtiger" in ihrer Deutung beschreiben . In Ordnung , wenn daraus hervorgeht , das dies eine rein subjektive Meinung ist .


    Aber was hat Herr Thielemanns Haarschnitt mit seinen Fähigkeiten als Dirigent zu tun ? Und daß er seine Freizeit gerne nutzt : mein volles Kompliment .


    Der verstorbene deutsche Bundespräsidenet Dr. iur. Gustv Heinemann ( SPD zum Schluss und erfolgreicher Rechtsanwalt in Essen / Ruhr ) , sagte einmal ganz bewiusst :"Ich liebe meine Frau und nicht die Bundesrepublik Deutschland" . Würde ich auch sagen , wäre ich Bundepräsident oder Bundekanzler .


    All diese Animositäten gegen Christian Thielemann mögen "strategischer" Art sein so wie die Leserbriefe seiner "Fangemeinde".


    Ich bin sicher , dass Christian Thielemann genaue musiklaische Vorstellungen hat , w a s er dirigiert und w i e er interpretiert .


    Das mag ich nun persönlich mögen oder nicht .


    Niemand zwingt mich zum Kauf einer seiner CDs ( was aber durchaus ratsam wäre ) oder Besuch seiner Konzerte oder Operndirigate ( was ebenfalls sinnvoll wäre ) .


    Jeder sollte sich , unabhängig von seine Lieblingsinterpreten, erst einmal ein möglichst eigenes Bild machen , wen er über einen Anderen schreibt und spricht .


    Dass Thielemann wahrscheinlich der / ein Hoffnungsträger seiner Plattenfirme ist - im Hinblick auf Verkaufszahlen geht auch in Ordnung ( war bei allen grossen Vorgängern nicht anders ) .


    Ob er der "Hoffungsträger" der Klassikliebhaber ist , das scheint mir sachlich n i e wirklich ausdiskutiert worden zu sein .


    Daher : Thielamnn sollte in Dresden die Chance haben mit den übrigens sehr gut bezahlten Mitgliedern der Staatskapelle Dresden ( etwa im Vergleich zu den Mitgliedern der Berliner Philharmoniker ) seine künstlerischen Vorstellungen zu realisieren .


    Das gebietet alleine die Fairniss !


    Beste Grüsse



    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Herr Thielemann hatt es seinerzeit gewagt Pfitzner zu dirigieren, was gewissen Kritikern nicht passte - und damals begann schon die Hetze gegen ihn.
    Dazu noch Wagner - das hat dann das Faß zum überlaufen gebrahct. Kaum hatte man die unliebsamen Dirigenten Karl Böhm und Herbert von Karajan vom Hals - Furtwängler war schon längst tot, da kam ein neuer Diriggent aufs Podest, der "unerwünschtes deutsches Repertoire" pflegte. Es sei ein "unsympatischer" Eindruck, den Thielemann hinterlasse, wenn er Musik des Herrn Pfitzner dirigiere, der ja bekanntlich blah blah...


    Ich selbst bin nicht unbedingt ein Feund dieser Komponisten, weniger aus politischen Überlegungen, als daß mir ihre Musik nicht gefällt.
    Dannoch lehne ich ihre Ächtung ab.


    Und Herrn Thielemann künstlerisch zu verunglimpfen - aus sehr durchsichtigen Gründen die mit Musik nichts zu tun haben, das hat schon bei Böhm und Karajan nicht funktioniert - und es wird ein weiteres Mal scheitern.


    Das soll bitte nicht heissen, daß man den Menschen Thilemann nicht ablehnen oder unsympathisch finden kann. Mit seiner Leistung als Dirigent hat das aber nichts zu tun - und ich werde nicht aufhören dies zu betonen. Denn die allein ist es die uns hier in diesem Forum zu interessieren hat.


    Ich war schon seit jeher ein Verfechter der Ansicht, daß allzu Persönliches weder in ein Lexikon (Wikipedia ist hier ein abschreckendes Beispiel) noch in ein themenbezogenes Internetforum gehört - und dazu stehe ich noch immer.


    mfg aus Wien


    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Herr Thielemann hatt es seinerzeit gewagt Pfitzner zu dirigieren, was gewissen Kritikern nicht passte - und damals begann schon die Hetze gegen ihn.
    Dazu noch Wagner -


    Da merkt man den Kleingeist, der in solchen Vorurteilen wurzelt, Pfitzners Oratorium "Aus Deutscher Seele" - wer hat das wohl eingespielt? Nicht etwa Thielemann, sondern Ingo Metzmacher mit dem DSO Berlin ( mir gefällt die Aufnahme!). Und ein Daniel Barenboim hat Wagner in Israel gespielt. Ach lassen wir doch die Klischees und konzentrieren wir uns auf das Musikalische!


    :hello:

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Herr Thielemann hatt es seinerzeit gewagt Pfitzner zu dirigieren, was gewissen Kritikern nicht passte - und damals begann schon die Hetze gegen ihn.


    Weil ja immer wieder offenkundig auf dieses Detail so viel Wert gelegt wird: Ich entdecke keinen bestimmten politisch gefärbten Aussagegehalt in dieser Tatsache.


    Auch Otmar Suitner hat Pfitzner dirigiert. Er dirigierte "Palestrina" seit dem 25. Dezember 1983 an der Deutschen Staatsoper Berlin und führte das gleiche Werk 6/1986 und 1/1988 mit der Staatskapelle Berlin (damals noch Ost) konzertant auf (die Mitschnitte sind auch auf CD erhältlich).


    Ich denke, bei aller politischer Vorsicht, daß Suitner nicht im aller entferntesten mit irgendwelchen "rechts gerichteten" Tendenzen in Verbindung gebracht werden kann...


    So what?

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Vermutlich spielt hier nach wie vor die nie bewiesene, angebliche "Juderei"-Äußerung eine Rolle.


    Siehe etwa hier:


    "http://www.freitag.de/2001/26/01260402.php"

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Zitat

    Original von Liebestraum
    Ansonsten ist Thielemann meilenweit vom Dirigentenformat eines Otmar Suitner entfernt.


    :hello:


    Nimm es mir nicht übel, aber das ist Birnen mit Äpfeln verglichen.Mir persönlich liegt Suitner erheblich mehr als Thielemann, was aber eine Frage persönlicher Vorlieben ist. Suitner-Platten kauft man blind und zieht immer eine Gewinn draus. Einer der ganz wenigen Dirigenten, der wirklich alles konnte.


    Thielemann kann gewiss auch mehr. Die Zeiten sind andere. Es gibt bereits alles. Und davon auch noch im Übermaß. Also leistet er sich den Luxus der Einschränkung. Schumann würde ich mir von ihm wünschen. Und BTW: sein Tschaikowski klingt such sehr gut.


    Was Suitner betrifft: dieser Thread sollte wirklich fortgeführt werden! Hier reden wir indes von Thielemann.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Können wir jetzt hier weiter über Thielemann diskutieren?


    Mengelberg:
    Ich habe mir die Reportage im Spiegel vom 25.08.1997 (ist das Internet nicht toll?) mal durchgelesen.
    Thielemann macht da sicherlich ein paar schwierige Bemerkungen. Interessanterweise findet er auch Willem Mengelberg (Namensvetter?) gut, der übrigens auch wegen seiner Kollaboration in Holland nicht gut gelitten war, nach dem Krieg. Hat dich ja nicht gestört, diesen Namen als Pseudonym zu wählen und das dann mit der Graf Spee (?) zu versehen.
    Aber ich will nicht persönlich angreifen. Ich will nur zeigen, wie schnell das mit den Anschuldigungen sich verselbständigt.
    Würde man alle Musik, die Adolf Nazi für gut befunden hat nicht mehr aufführen, wäre wohl nicht mehr viel übrig vom Konzert- und Plattengeschäft. Er war ja an Kunst sehr interessiert.
    Außerdem konnte sich ja nicht einmal der Antisemit Wagner vorstellen, dass eines Tages einer kommen würde, der ihn in seiner Haltung Juden gegenüber so ernst nehmen würde und gleichzeitig seine Musik schätzen würde.
    So verhält es sich letzlich auch mit dem Badenweiler Marsch oder sonstigen Musikstücken, die von den Nazis oder auch anderen Faschisten oder Tyrannen missbraucht wurden.
    Von daher muss man Thielemann - und wir schreiben ja in einem Musik-Forum - unterstellen, dass er aus rein musikalischen Erwägungen heraus recht hat. Historisch oder politisch ist das natürlich nicht so klug. Und bringt ihn zwangsläufig in die Nähe der Rechten. Nur: Was soll ihm das bringen? Das durchschnittliche Konzert- oder Opernpublikum mag konservativ sein, deshalb ist es aber nicht reaktionär oder gleich dunkelbraun.
    Versteht man das Ganze als Aussage im Sinne von "jetzt ist doch mal gut mit dem Dritten Reich", dann befindet sich Thielemann sicherlich in der Mitte der (deutschen) Gesellschaft. Wenn hierzulande des Holocaust gedacht wird, heisst es ja überall sinngemäß: "Haben wir nicht schon genügend Kränze deshalb abgelegt?"
    Wie gut oder schlecht das Verhältnis zwischen Thielemann und Barenboim ist, weiß ich nicht, kenne keinen von beiden persönlich. Ich kann aber sagen, dass Barenboim einer der Unterzeichner des offenen Briefes an die Stadt München war, um die Stadt dazu zu bewegen, mit Thielemann zu verlängern. Warum sollte Barenboim so etwas unterschreiben, falls er und Thielemann verfeindet sein sollten?


    Zu Thielemanns Dirigat, wie von dir angegeben: Weshalb ist er schlecht und all die Profiteure, allen voran Furtwängler und Karajan werden hoch gelobt? Das macht keinen Sinn.
    Ich will es auch gar nicht zu politisch werden lassen, aber bis auf Strauss und Pfitzner sind wohl keine der von Thielemann bevorzugten Komponisten so richtig "dabei gewesen". Und Strauss hat sich bald mit den Nazis überworfen und sich nicht um deren Ideologie geschert.


    Zu den Meistersingern: Vielleicht drückt sich Kaiser da auch unglücklich aus. Allerdings kann man das auch so sehen, dass die Meistersinger nun mal ein durch und durch deutscher Stoff sind, in dem ein typisch städtisches Milieu mitsamt seinen beruflichen und privaten Problemchen dargestellt wird, das natürlich mit Wagners Erlebnissen während der Revolutionsjahre (1840er) zu tun hat. Wäre auch schwierig, die West Side Story nach Berlin-Neukölln zu verlegen.


    Rein musikalisch sind wir noch nicht weiter. Du zitierst aus der Berliner Zeitung. Was sagt das aus? Was hast du selbst von ihm gehört?


    Ich finde ihn auch nicht besonders sympathisch. Aber das gilt auch für Wagner, Karajan oder Mahler und Beethoven. Was sagt das aber über die jeweilige künstlerische Leistung aus? Nichts.
    Ich verstehe es, wenn du sagst: " Ich mag Thielemann nicht. Er ist mir zu viel Elefant im Porzellanladen. Deshalb habe ich mir auch noch keine CDs von ihm gekauft und noch keine Konzerte mit ihm besucht." Das ist menschlich nachvollziehbar. Aber über die künstlerische Leistung zu urteilen, nur weil man die Frisur, das Auftreten oder bestimmte Aussagen nicht leiden kann, halte ich für wenig konstruktiv. Und in einem Musik-Forum soll es um Musik gehen und nicht darum, ob einem die Nase von jemandem passt.
    Bekannte von mir hatten mal mit Nagano zu tun und sagten, er stinke, er habe einfach einen unangenehmen Körpergeruch. Soll ich ihn mir deshalb in der Oper in München nicht mehr anhören oder seine CDs wegschmeißen? Die Bekannten sagten das unabhängig von der Hochachtung für seine künstlerische Leistung. Das sind eben die Anekdoten, die das Leben schreibt.
    Oder als mir am Wochenende mein Schwiegervater von den Marotten großer Pianisten erzählte, über die er ein Buch gelesen hatte. Soll ich deshalb auf Horowitz, Rubinstein, Gould verzichten?


    Man sollte doch die Kirche im Dorf lassen und sich bei der Bewertung eines Künstlers zunächst auf seine Kunst beschränken und erst danach diskutieren, inwieweit man sich charakterlich mit ihm befassen möchte oder ob man mit einer etwaigen politischen Botschaft hinter der Kunst einverstanden ist.

  • @ Luis.Keuco:


    Ich bin ja fast überall mit Dir einer Meinung. Ich habe mit Thielemann immer dann ein Problem, wenn er bewußt das rechte enfant terrible heraushängen läßt und dann dafür auch noch beklatscht wird. Das ganze geht mir dann richtig auf die Nerven, wenn seine Kritiker dann noch der political correctness bezichtigt werden und Thielemann als gradliniger, furchtloser Deutsch-Nationaler aus der Mitte dargestellt wird.


    Natürlich kann man sagen: Was hat denn das mit seiner Musik zu tun? Ich finde, sehr viel. Sein musikalischer Stil paßt nämlich zu seinen politischen Äußerungen. Insofern gebe ich der Berliner Zeitung recht. Ich habe ein paar Thielemann-Konzerte gehört, und von meiner Zeit an der Deutschen Oper Berlin kenne ich ihn von zahlreichen Proben.


    Natürlich spielt sein Äußeres keine Rolle. Es ist nur dann problematisch, wenn zu dem Rechtsaußen auch noch der passende Look mit im Paket ist. Der Scheitel an sich ist ja nicht der springende Punkt. Ich habe selbst einen... nur: Natürlich war der Scheitel von Manfred Kanther immer schon interessanter als der von Helmut Schmidt. Ich muß wohl nicht erklären, warum.


    Was Thielemann das Ganze bringen soll, weiß ich auch nicht. Vielleicht will er einfach seiner politischen Auffassung Luft machen - und das eben auch auf dem Konzertpodium. Durch Auswahl der Stücke, Hinneinnehmen von unmöglichen Stücken wie dem Badenweiler und demonstrativem Pfitzner. Ich glaube, daß Thielemann durch und durch rechts ist, und das sieht man, und das hört man auch in seiner Musik. Mir gefällt so etwas nicht.


    Was die Meistersinger angeht. Selbstverständlich muß man die nicht nach Neukölln verlegen. Aber zwischen Deutschtümelei und Rütli-Schule gibt es doch viel, viel Platz.


    Tu mir einen Gefallen und vergleiche nicht die Marotten irgendwelcher Stars wie Gould mit dem, was sich Thielemann erlaubt: Was er macht, sind keine Marotten, sondern politisch äußerst fragwürdige Statements.


    Zu meinem Namen: Ich verehre in Mengelberg den großartigen Dirigenten, den Freund und Wegbereiter Mahlers, Hindemiths, Stravinskys, Bartóks und vielen anderen und den Schöpfer des Weltklasseorchesters aus dem Concertgebouw. Freilich ist er durch seine Amtszeit während der Besatzung durch die Wehrmacht eine schwierige Persönlichkeit. Ebenso schwierig ist mein Bild. Es ist die Gneisenau, auf der mein Großvater fuhr, und es ist hier aus sentimentalen Gründen und nicht, um zu demonstrieren, daß man ja jetzt inzwischen wieder "darf".
    Nur: Wäre ich Thielemann oder sonstwer oder sonstwo in irgendeiner öffentlichen und wichtigen Stellung - dann würde ich mir ein anderes Bild wählen.

  • Hallo Luis.Keuco,


    Herr Thielemann ist für mich nur ein medial hochgepuschter Durchschnittsdirigent, der zu etwas gemacht werden soll, was er nicht ist.


    Konkretes Beispiel seine Interpretation von Bruckner 5 mit den Münchner Philharmonikern erschienen bei DG:
    Das einzige, was an dieser Scheibe gut ist, ist ihre Spielzeit von 82´34´´ ansonsten bietet sie nur einen über die Maßen aufgeblähten Bruckner bar jeglicher Innenspannung, bildlich darstellbar am besten durch ein 15 m großes Michelin-Männchen, das versucht grimmig zu schauen. Oder wie Mengelberg schon die Berliner Zeitung zitiert har: "Immer druff und viel hilft viel."


    Kein Vergleich mit Furtwängler, kein Vergleich mit Karajan, zweimal kein Vergleich mit Celibidache und dreimal keiner mit Wand und die Neuen erwähne ich jetzt gar nicht.
    D.h. Bruckner verträgt es durchaus, "groß" gespielt zu werden, aber das was Thielemann da abgeliefert hat, wirkt auf mich nur dick und hohl.


    Und seine komischen Äußerungen dienen m.E. dazu davon abzulenken und wenn schon nicht musikalisch, dann wenigstens auf diese Art zu einer Anhängerschaft zu kommen.
    Vielleicht nimmt er ja mal Schmidt-Kowalski in sein Repertoire auf, kommt der doch seiner Interpretationsart alleine von der Komposition her schon sehr entgegen und zeichnet sich noch dazu durch eine absolute politische Unbedenklichkeit aus. :pfeif:


    Viele Grüße
    John Doe

  • Wenn dir sein Musikstil nicht gefällt, dann ist das okay. Ich habe das schon öfter geschrieben: er ist eine Rampensau und bei Bruckner machen Bläser und Schlagzeug noch ein bisschen extra rrrrrRums. Das ist Geschmackssache.
    Neulich habe ich Bruckners 9. von ihm gehört und war begeistert. Trotzdem finde ich Wands Aufn. mit den Berlinern besser.
    Ich habe auch seine Wagner-CD und meine Frau meinte, die Lohengrin-Ouv. sei sehr langsam. Wir haben das dann mit anderen Einspielungen (Barenboim, Abbado) verglichen und sie hatte nicht nur recht, die anderen Tempi waren besser.
    Dagegen gab es letztes Jahr oder so die Meistersingerouv. als Zugabe im Konzert und die war großartig, ebenso Beethovens 9..
    Ich erinnere mich außerdem an eine tolle Aufführung von Schumanns Cellokonzert. Überhaupt Schumann: Da finde ich ihn sehr gut. Die Hornstücke, das Dreiteilstück, die Sinfonien, das Requiem und die Ouv. macht er gut. Und Bruckners 3. war im Konzert hervorragend. Und ich finde, dass seine Einspielungen von Beethovens 5.+7. nicht unbedingt hinter Kleibers stehen. Nicht zu vergessen, dass er eine herausragende Alpensinfonie aufgenommen hat und die 4 letzten Lieder mit Fleming vom Orchester her wunderbar vielschichtig sind.
    Aber das ist meine subjektive Hörmeinung.


    Seine - ich formuliere es mal so - konservative Ansicht macht ihn einem nicht sympathisch. Ich glaube aber eben nicht, dass er damit eine politische Position beziehen will. Damit wird er gerade in einer "roten" Stadt wie Berlin (ebenso auch München) nicht weit kommen. Deshalb würde ich das nicht so sehr in den Mittelpunkt stellen. Vielleicht ist das mehr sein Marketingtrick, um sich das beliebte Kernrepertoire zu sichern. Und das scheint ihm ja gut zu gelingen, oder wo ist denn sonst noch einer, der im Ruf steht, Strauss oder Wagner so gut zu machen wie er?
    Ich habe ja grundsätzlich das Gefühl, dass sich Dirigenten gern Nischen suchen, in denen sie glänzen können, um nicht zu viel Konkurrenz zu haben. Spontan fällt mir da Mackerras ein. Ein guter bis sehr guter Mozart-Dirigent. Aber ein großer Janacek-Dirigent. Nur: Mit wem konkurriert er da?
    Es gehört deshalb schon viel Selbstvertrauen und Brust raus dazu, sich hinzustellen und zu sagen: Ich bin das deutsche Kernrepertoire und wo ich bin, da gibt es keinen anderen. Aus dieser Einstellung heraus wirkt dann alles recht schnell hackenknallend und zackig.
    Pfitzner hat er übrigens schon länger nicht mehr im Programm gehabt, zumindest in München.
    Palestrina wurde übrigens 1917 in München uraufgeführt, also schon ein Stück vor den berühmten "1000 Jahren". Und 2010 wird die Oper in München von Asher Fisch dirigiert, Israeli und Leiter der Oper von Tel Aviv. Soll man das jetzt politisch-historisch bewerten?


    Ich bleibe deshalb dabei: Thielemann ist einer der besseren Dirigenten derzeit. Das was er macht, macht er gut, manches auch mal herausragend. Er tritt wie der Elefant im Porzellanladen auf und dabei gibt er auch Dinge von sich, die nicht unbedingt von großer Klugheit zeugen. Das macht ihn nicht zu einem der nettesten Zeitgenossen. Er bewirbt sich jedoch nicht um ein Amt, in dem er viele Reden zu halten hat und solange das Publikum mit seinen Werkinterpretationen mehrheitlich zufrieden ist, soll er auch Erfolg haben. Ein politischer Agitator, gar ein politischer Führer oder einer mit einem Drang in diese Richtung ist er nicht.

  • Hallo Luis.Keuco,


    wenn sich einer hinstellt und sagt: ich bin das dt. Kernrepertoire, dann erwarte ich, dass er diesbezüglich etwas neues, allegemeingültiges zu sagen hat und zwar unter Berücksichtigung aller aufführungsrelevanter Sachen, die es von Werksentstehung bis hier und heute gibt. Z.B. die Erkenntnisse aus der HIP und was halt sonst noch alles dazugehört, wie Fassungstreue, Orchesteraufstellung und dergleichen mehr. Und das macht Thielemann nicht.


    Bruckner wird jetzt gerade von der HIP erschlossen, wird auch von nicht-HIP-Dirigenten kritisch aufgeführt, seine Erstfassungen erleben gerade ihren Durchbruch. Und was macht Thielemann? Er spielt einen Bruckner wie vor 50 Jahren. Selbstverständlich darf er das, aber dann soll er gefälligst besser sein, als seine Konkurrenz aus der Vergangenheit. Und das ist er nun mal nicht.
    Will ich also Bruckner kolossal hören, dann leg ich mir eine Furtwängler-Scheibe auf. Will ich Beethoven kolossal hören, dann mach ich es genau so. Will ich ihn dagegen zeitgemäß hören, dann nehme ich beispielsweise etwas aus dem Zyklus der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi.


    Thielemann hat sein Publikum und was aus ihm wird, das wird die Zeit entscheiden, gleich ob letzteres nun glaubt, seinen Messias gefunden zu haben oder nicht.
    Und wenn ihn sein Plattenlabel zu einem Superstar machen möchte, bitte, dann sollen sie es halt probieren, ob man Erfolg damit hat, ist eine andere Frage, denn beachte bitte, in den gut 30 Jahren, in denen ich mich mit klassischer Musik befasse, sind schon viele Superstars ausgerufen worden, die nach dem ersten Hype dann sangundklanglos in der Versenkung verschwunden sind. Und je anbiedernder, je marktschreierischer und pathetischer das von Statten gegangen ist, desto schneller sind sie in die Belanglosigkeit abgetriftet. Und zumindest bei Thielemanns B5 ist auch schon ganz schön viel Schmalz auf der Platte zu finden.


    Viele Grüße
    John Doe

  • Zitat

    wenn sich einer hinstellt und sagt: ich bin das dt. Kernrepertoire, dann erwarte ich, dass er diesbezüglich etwas neues, allegemeingültiges zu sagen hat und zwar unter Berücksichtigung aller aufführungsrelevanter Sachen, die es von Werksentstehung bis hier und heute gibt. Z.B. die Erkenntnisse aus der HIP und was halt sonst noch alles dazugehört, wie Fassungstreue, Orchesteraufstellung und dergleichen mehr. Und das macht Thielemann nicht.


    Allenfalls muß er etwas "Neues" sagen, wenn er CDs verkaufen will - aber auch das ist verbindlich, da viele Wege zum Erfolg führen.
    Im Konzert jedoch, wo nur das jetzt zählt, da braucht er überhaupt nicht Neues zu bringen. Auch die Aussage: "Ich spiele das wie es schon immer gespielt wurde und trage die Fahne der Traditionalisten" ist eine von vielen Klassikhörern akzeptierte, ja sogar geschätzte Grundhaltung.


    Zitat

    Und was macht Thielemann? Er spielt einen Bruckner wie vor 50 Jahren.


    Und hat Erfolg damit - und allein das zählt. Das sollten wir im Rahmen der Diskussionen nicht aus den Augen verlieren.
    Die letten dreißig Jahre kamen immer wieder "Reformer", sei es Komponisten, sei es Dirigenten, die das Publikum "belehren" und "erziehen" wollten - obwohl hier ein enormer Widerstand zu spüren war - und noch ist,
    Und nun kommt einer, der da sagt, "wir spielen das, wie es schon unsere Großväter gespielt haben, und wir betonen das deutscher Element, den deutschen Klang"
    Darauf kann man natürlich verschieden reagieren, aber wies scheint ist das der richtige Weg, das Publikum goutiert ihn.


    Thielemann mit Furtwängler zu vergleichen ist sicher legitim, aber viele werden sich der besseren Tontechnik wegen für Thielemann entscheiden, nicht jeder akzepiert den Rauschpegel einer Schellackplatte, das Knistern und Knacken, mono und undurchsichtigen verzerrten Klang....


    Man kann es bemänteln wie man will, es geht hier offensichtlich nicht darum, daß jemand Thielemann nicht hören will, sondern daß jemand will, daß Thielemann überhaupt nicht gehört wird....


    mfg aus Wien


    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Bei den Diskussionen um Christian Thielemann wird, finde ich, daß viel zu sehr an der Oberfläche verweilt wird. Mich interessiert eher, wie er die Werke interpretiert. Muß man dann immer (fast nur) über Vorbilder reden? Reicht es wirklich aus, sich immer nur mit allzu bekannten Schlagworten gegenseitig zu bewerfen?


    Was wird zum Beispiel denn an seinen Wagner-Interpretationen en detail kritisiert? Was wird gelobt? Ich kann mir nicht vorstellen, daß manche bei seinen Wagner-Dirigaten nur Schwächen sehen.


    Auch etwas anderes sollte man zur Spache bringen. Wenn man die Kritiken über seine Ring-Dirigate bei den Bayreuther Festspielen liest, sind diese doch in der Mehrzahl positiv. Einige in diesem Forum halten ihn ja eher für einen Dilitanten, auch als Ring-Dirigent. Was hört denn dann die Mehrzahl der Kritiker?


    Ich finde es deshalb gut, daß der Ring als CD heute erschienen ist. So hat nun jeder eine Grundlage, sich über Thielemann als Ring-Dirigent ein Urteil zu bilden. Ich halte es für schwach, sofort zu sagen, daß man sich diesen "Schund" nicht anhören möchte und plädiere für eine ernsthafte Auseinandersetzung.

    Einmal editiert, zuletzt von Casimir ()

  • Zur Ring-Veröffentlichung:
    Ich hoffe, dass zumindest Joseph II. bald darüber berichten wird.


    Ansonsten schließe ich mich Alfred gern an.
    Was einer auf CD rausbringt, ist das eine. Was er jeden Tag im Konzertsaal abliefert, das andere.
    Es wird zwar fleißig experimentiert und veröffentlicht, aber die großen Orchester sind nicht HIP und werden es voraussichtlich auch nicht.
    Neulich in der MET war die Aufführung des Rosenkavalier sowas von konventionell, um nicht zu sagen konservativ. Perücken, Rokoko-Kulissen und Späße, die an Schenk-Inszenierungen der 80er erinnerten. Aber soll ich euch was sagen. Es war fa-bel-haft. Ich musste mich nicht großartig an einer wilden Idee vorbei in das Geschehen eindenken. Ich konnte mich hinsetzen und die Oper einfach genießen.
    Meine Schwiegereltern waren gestern im Münchner Don Giovanni (Mit Kühlhaus und toten Rindern). Bin mal gespannt, was sie erzählen.


    Doch zurück zum Thema. Ja, Thielemann mag altmodisch sein. Aber das Publikum schätzt seine Dirigate. Und ich wüßte nicht, wo man heute im Konzertsaal Furtwängler live erleben könnte?
    Mag sein, dass Bruckner auch HIP gespielt wird. Vielleicht kommt noch ein Järvi und macht einen so schönen Zyklus wie den von Beethoven. Aber auch den werden nicht alle mögen.
    Das Argument, Thielemann solle als Star von der DGG aufgebaut werden, ist nahezu albern. Thielemann ist 50 und dirigiert derzeit die MPHIL und ab 2011 die SKD. Da muss man nicht mehr viel an Star aufbauen. Das könnte man bei einem wie Dudamel diskutieren, aber nicht bei einem, der seit ca. 20 Jahren im Geschäft ist. Er ist ja nicht gestern um die Ecke gekommen und steht heute in der Wiener Oper.


    Ich habe außerdem das Gefühl, dass außer Bruckners 5. kaum einer so richtig was von seiner Diskographie kennt.
    Zu B5: Das ist ein Live-Mitschnitt seines Antrittskonzerts in München. Da gibt jemand seine Visitenkarte ab und das tut er mit ordentlichem Tärää. Klar, man kann Bruckner weniger effekthascherisch spielen, man kann diese Dynamikwechsel entspannen und alles luftiger gestalten. Aber doch nicht unbedingt bei einem Antrittskonzert, wo ein Gutteil des Publikums noch die schwarze Krawatte von Celis Beerdigung um hat und dem einzig wahren Bruckner-Interpreten jeden Abend nachweint. Da musste er doch eine eigene Duftmarke setzen und das ist ihm gelungen. Er musste das Konzert-Publikum überzeugen und erst später wurde die CD draus.
    Mir fällt dazu eine oft hier im Forum geäußerte Kritik zu Bernstein ein, zuletzt gestern im Mahler-Thread. Alles sei sehr getragen, langatmig, zT zerrissen. Auch da gebe ich zu Bedenken, dass Bernstein meist Live-Mitschnitte veröffentlichte, die natürlich von der Saalatmosphäre beeinflusst werden. Wenn einer für die Aufnahme dirigiert, ist doch ein ganz anderes Konzept dahinter, s. Kleiber vs. Bernstein oder Kleiber vs Böhm (Tristan). Wenn ich einen Satz 10 mal wiederhole und mir dann die besten Stücke zusammenschneide, klingt das immer anders als einmal gespielt und aufgenommen.
    Das bringt uns zu den HIP-CDs zurück. Da möchte ich nicht wissen, was da so manipuliert wird, um einen gefälligeren Klang zu erzeugen, weil es gespielt nicht unbedingt so angenehm und wohlklingend sein muss wie später auf CD.


    Was soll Thielemann denn anders machen beim dt. Kernrepertoire, wie das hier gefordert wird? Er kann doch auch nur die Noten so spielen lassen, wie sie da stehen. Und ob er nun die Geigen links und die Bratschen rechts oder die Schlagzeuge von der Decke hängen lässt, ist doch wirklich wurscht. Jemand, der damit seine neue Sichtweise begründen will, hat wohl musikalisch wenig zu bieten.


    Und dann dieses Argument, jemand soll besser sein als seine Vorgänger: Wie soll das denn gehen? Soll ich Gursky mit Man Ray vergleichen oder Serra mit Rodin?
    Immer, wenn es um die Vergangenheit geht, werden irgendwelche Leute aus der Mottenkiste gekramt und auf das Podest gestellt: Hier, das ist der einzig Wahre!
    Dann ist Furtwängler aber auch wirklich das Maß aller Dinge und ich muss alles mit ihm vergleichen. Und darf dabei nicht unterschlagen, dass er letztlich von den Nazis zum Vorzeigedirigenten schlechthin stilisiert wurde, als Chef des Reichsorchesters BPO und man alles dafür tat, ihn - Hitlers Liebling - als größten Dirigenten dastehen zu lassen. Soviel zum Thema "Wir basteln uns einen Star". Ich will damit nicht sagen, dass Furtwängler ein schlechter Dirigent war und dass er nicht auch unter anderen Bedingungen ganz oben gestanden hätte. Aber so einfach kann man es sich dann auch nicht machen. Abgesehen von den politischen Bedingungen hatte die klassische Musik auch einen ganz anderen Stellenwert in den 30 er und 40er Jahren. Die Konkurrenzsituation war anders, die Summen, um die es ging, waren im Verhältnis ganz andere. Man muss sich nur vor Augen halten, was für ein Star R Strauss war. Er konnte aufgrund seiner Popularität Hitler die Stirn bieten! Heute braucht es Bono von U2, um einem Präsidenten mal öffentlich die Meinung zu sagen.


    Wenden wir uns mal von Furtwängler ab und schauen uns mal an, wie das allgemein so im Plattenmarkt ist. Nimmt der eine Künstler Werk A für Label X auf, kommt doch spätestens 3 Monate später Label Y mit demselben Werk und seinem Topkünstler. Hier entscheidet somit der Geschmack des Käufers und nicht das Alleinstellungsmerkmal einer Interpretation. Und wenn mir die kleine Asiatin auf dem Cover besser gefällt als die süße Russin, dann kaufe ich mir die, weil ich das Werk schon 3 mal habe und davon in 2 Einspielungen mit sog. Referenzcharakter aus den 70ern.
    Aber es muss einen Grund geben, warum das WPO mit Thielemann schon wieder Beethoven aufnimmt. Vor ein paar Jahren kam doch der Zyklus erst mit Rattle für EMI auf den Markt, dazu noch die Klavierkonzerte mit Brendel. Liegt es also daran, dass man nun von DGG/Universal nochmal Kohle wollte und die Kröte Thielemann dafür schluckt oder waren sie mit der Rattle-Einspielung, die ja nicht so gelobt wurde, nicht zufrieden? Man weiß es nicht. Aber sie hätten sich auch einen anderen Dirigenten aussuchen können, immerhin gibt es wohl wenig Publicityträchtigeres als einen Beethoven-Zyklus mit den Wienern. Aber sie wollten Thielemann. So schlecht kann er wohl nicht sein.


    Und nun nochmal eine Frage: Wer wird derzeit denn so mit dem dt. Kernrepertoire in Verbindung gebracht wie Thielemann?
    Jansons bringt tolle CDs raus mit dem RCO und dem BRSO, dabei auch Bruckner, Brahms, Strauss, Beethoven. Rattle ab und an. Und sonst? Wo ist denn die große Konkurrenz für Thielemann derzeit? Luisi, Nagano?

  • Zitat

    Man kann es bemänteln wie man will, es geht hier offensichtlich nicht darum, daß jemand Thielemann nicht hören will, sondern daß jemand will, daß Thielemann überhaupt nicht gehört wird....


    Bei mir zumindest definitiv NICHT, wobei ich zugebe, dass ich Thielemann nur von Tonträgern her kenne und nicht beurteilen kann, woie er live ist.


    Zitat

    Und dann dieses Argument, jemand soll besser sein als seine Vorgänger: Wie soll das denn gehen?


    Das ist doch völlig klar: In dem Moment, wo etwas aufgenommen wird, steht doch das sofort in Konkurrenz zu schon bestehenden Aufnahmen dieses Werkes. Und mag der Furtwängler noch mono sein, Karajan. Jochum, Böhm, Wand und wie sie alle heißen sind es halt nicht mehr.


    Zitat

    Und wenn mir die kleine Asiatin auf dem Cover besser gefällt als die süße Russin, dann kaufe ich mir die, weil ich das Werk schon 3 mal habe und davon in 2 Einspielungen mit sog. Referenzcharakter aus den 70ern.


    Zitat

    immerhin gibt es wohl wenig Publicityträchtigeres als einen Beethoven-Zyklus mit den Wienern.


    Das hat doch mit der Qualität einer Interpretation nichts zu tun, dass ist doch bloß der verzweifelte Versuch der DG, die alten Zeiten a la Karajan neu zu beleben. Die Majors stecken in der Krise, klagen und heulen über schwindende Absatzzahlen und verramschen ihre Archive, derweil Naxos und Brilliant wachsen und gedeihen wie auch die französische Harmonia Mundi als Nicht-Budget-Label.


    Es gibt doch mehr als genügend konventionelle Beethoven-Zyklen in allen nur erdenklichen Qualitätsstufen. Wenn jetzt wieder einer kommt, gleich von wem, der nichts neues bringt, dann ist der doch schlicht und einfach überflüssig, wobei ich aber jetzt extra darauf Wert legen möchte, dass das mit Thielemann nichts mehr zu tun hat, sondern ein grundsätzliches Problem darstellt.


    Zitat

    Wer wird derzeit denn so mit dem dt. Kernrepertoire in Verbindung gebracht wie Thielemann?


    Das sogenannte dt. Kernrepertoire ist doch bis zum Abwinken abgedeckt, wenn diesbzüglich noch etwas wirklich bewegt werden soll, dann doch nur durch einen anderen musikalischen Ansatz, wie es z.B. Simone Young in Hamburg mit ihrem Bruckner macht oder Paavo Järvi mit seinem Beethoven in Bremen oder Gardiner mit seinem Brahms in London.
    Wenn jetzt auch Gardiner und Järvi Spezialisten sind, Young arbeitet mit einem absolut konventionellen Klangkörper. Und hätte sich jetzt Thielemann und die DG für den gleichen Weg entschieden, Thielemann müßte, gleich was er sonst noch so alles treibt, von allen Seiten nicht nur polemisch zur Kenntnis genommen werden. Soll er doch mal B9 mit dem rekonstruierten Finale mit den Wienern oder den Berlinern einspielen. Und wenn er sich auch noch ein Schurrbärtchen zu seinem Scheitel wachsen liese - völlig unabhängig davon, was wäre das für ein Paukenschlag!


    Viele Grüße
    John Doe

  • Nun ist Thielemanns Repertoire nicht unbedingt meine "Haus- und Hofmusik", bis auf Brahms, Schumann und Beethoven natürlich. Das liegt wohl insbesondere im Falle Brahms auch daran, dass er sehr starke Verwurzelungen in der Alten Musik hat ( Bach und davor).


    Doch zurück zu Thielemann:
    Eine CD/DVD etc. besitze ich von ihm derzeit noch nicht, aber ich kann mir vorstellen, dies in absehbarer Zeit zu ändern.


    Bei einigen Aufnahmen, die ich im Internet ( JPC, Youtube, Amazon) probegehört habe, kamen mir sofort Bilder von alten Musikfilmen mit Furtwänglers Dirigaten in den Kopf. Sehr ungewohnt wirkte dazu die selbst über das Internet immer noch viel besserer Klangqualität der gehörten Musik ( als bei den alten Filmen)


    Ich dachte auch spontan: "ja, das klingt wirklich irgendwie Deutsch", wobei ich das aber nicht politisch oder sonstwie empfand. Es ist nicht leicht in Worte zu fassen, weshalb das eigentlich nach "Deutsch" klingt.
    Vielleicht wegen der Assoziation auf die schwarz-weissen Musikfilme aus Furtwänglers Zeiten...?


    Ich beziehe mich bei meinen Thielemann->Furtwängler-Assoziationen nicht nur auf den dunklen, warmen Klang, sondern auch auf die Art und Weise der Phrasierung, eigentlich auf sehr viele Aspekte der Interpretation.
    Das allein ist schon sehr erstaunlich und zeugt von einer grossen Verinnerlichung des Stils dieses Vorbild-Dirigenten.
    Es ist nämlich nicht einfach nachgemacht, sondern es kommt m.E. sehr deutlich aus einem durch Furtwängler geprägten generellen Musikverständnis heraus.
    Natürlich klingt es nicht genau wie Furtwängler, und ich fände es auch sowohl unfair als auch sachlich unzutreffend, von blossen Furtwängler-Kopien zu reden, wenn man über Thielemanns Interpretationen spricht.
    Bei jeder Aufführung entsteht bei jedem Interpreten immer etwas Eigenes.


    Eigentlich kann ich nur begrüssen, dass es für den Hörer eine solche klangliche und interpretatorische Alternative überhaupt gibt, den der Furtwängler-Klang ist zwar in gewisser Hinsicht mit den Berliner Philharmonikern durch Karajans-Zeiten weitergetragen worden. Insgesamt entstand dann aber doch ein sehr eigener, typisch unverwechselbar strahlender Karajan-Klang, und die Art, wie Furtwängler musizierte, konnte man naturgemäss nur noch auf den alten Aufnahmen (im schlechter Aufnahmequalität) hören.


    An gewisse Merkmale des furtwänglerischen Musizierens fühlte ich mich, bevor ich Thielemann hörte, übrigens in manchen Momenten bei Barenboim am stärksten erinnert.
    Deutlicher hinsichtlich der ganzen Dynamik, Phrasierung etc. höre ich das jetzt aber bei Thielemann.


    Noch kenne ich Thielemann zu wenig, um mir ein Urteil erlauben zu wollen, ob er auch wirklich das "Furtwänglerische" hat, wie ich es nenne, und nicht nur den Klang und gewisse Elemente der Interpretation, was sicherlich schon erstaunlich und schwer genug zu erreichen ist.


    Ich meine damit die sehr spezielle Eigenschaft, aus einem Moment plötzlich ein tief ergreifendes Ereignis zu machen, bei dem die Luft mit Elektrizität gefüllt zu sein scheint, die Haare sich aufstellen und die Tränen, ob des Bewusstseins, dass hier in Wahrheit grosse Musik stattfindet, auch durchaus fliessen können.


    Handwerklich hat das sicher viel mit Differenzierungs- und Spannungsaufbau-Fähigkeiten zu tun, und auch damit, dass Phrasen wirklich wie Gebilde leben und atmen müssen.
    Aber es ist noch viel mehr, und man kann diese "magische" Komponente nicht erklären. Einige wenige haben es eben, und viele andere nicht.


    Für mich erinnert mich das Klangbild, das Thielemann für Beethoven entwirft, sehr an Brahms und vor allem Wagner, ähnlich wie bei Karajan.
    Die Interpretation jedoch erinnert tatsächlich am stärksten an Furtwänglers Stil, zweifellos.
    Da Beethoven ab einer bestimmten Schaffensperiode und bei bestimmten Symphonien schon auf diese späteren Zeiten verweist, finde ich das legitim, auch wenn man sich nahezu sicher sein kann, dass etwa Frans Brüggens oder Gardiners Beethoven um Einiges näher am Klang und der Spielweise der Beethovenzeit sein dürfte, und richtige und wichtige Aspekte aufzeigen, die man im spätromantischen Stil nicht zu hören bekommt.


    Von der Interpretation her ist Thielemanns Beethoven-Ansatz also sicher ganz schön anachronistisch( Stichwort HIP), aber vielleicht gerade deswegen interessant, nicht nur für musikgeschmacklich erzkonservative Klassikhörer.
    Wenn schon nicht HIP, warum dann nicht die Furtwänglertradition wieder aufgreifen?
    Aus der Reibung, aus dem Konflikt zweier sehr unterschiedlicher Ästhetiken könnte durchaus etwas Neues, Produktives für die Fortschreibung der Interpretationsgeschichte entstehen.


    Sein Brahms-Klangbild behagt mir übrigens sehr - warm, dunkel, voll.
    Meiner Ansicht nach ist dieser Klang für Brahms seine Musik sehr gut, weil man erkennen kann, dass Brahms allein von der Instrumentierung her, diesen Klang selbst liebte. Da denke man nur an den Beginn des Deutschen Requiems.


    Natürlich ist dieser Thielemann-Stil repertoiremässig recht beschränkt. Bach, Monteverdi, Händel oder Telemann im Thielemann/Wagner-Sound....das ginge so dann wohl doch nicht.


    Für mich ist Thielemann ein durchaus interessanter Dirigent, den ich näher kennenlernen möchte.
    Politische Dinge -auch kulturpolitische- interessieren mich in diesem Zusammenhang gar nicht, sofern es nicht zu weit geht - natürlich gibt es auch da Grenzen der Toleranz.
    Wenn irgendein Musiker z.B. auf die idiotische Idee käme, in einem TV-Spot für die NPD o.ä. aufzutreten, dann wäre diese Grenze sicher mehr als weit überschritten.


    Das ist hier aber keineswegs der Fall, auch nicht im Ansatz, weshalb ich sehr dafür bin, dass man sich musikalisch mit dem Musiker Thielemann auseinanderzusetzt, durchaus auch einmal geniessend.
    Ob ich einen Dirigenten persönlich sympatisch finde, ist vielleicht nicht ganz unwichtig, aber doch sekundär. In erste Linie bin ich Fan der Komponisten und nicht der ausführenden Musiker, so dankbar ich für deren Leistungen auch bin.
    Dass Thielemann im persönlichen Umgang unsympatisch sei, sehe keineswegs als erwiesen an, nur weil er sich kulturpolitisch nicht immer beliebt gemacht hat. In einem mir vorliegenden kurzen Interviewausschnitt zum Thema Karajan macht er auf mich einen durchaus angenehmen Eindruck. Das ist aber - wie gesagt- bei der Beurteilung von gespielter klassischer Musik ziemlich bedeutungslos.


    Gruss :hello:
    Glockenton

    "Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)

  • Wie war das doch gleich mit dem "Hoffnungsträger der Tonträgerbranche" ? - Brilliant läutet jedenfalls bereits die Thielemann-Verramschung ein:



    Schönberg: Pelleas und Melisande
    Wagner: Siegfried-Idyll


    Orchester der Deutschen Oper Berlin,
    Christian Thielemann


    Rec.: 1999, DG


    Dies ist m.E. allerdings eine seiner besseren Einspielungen. Der Schönberg erklingt reich und üppig - das Orchester folgt ihm mit großem Engagement. Durchaus zu empfehlen.



    :rolleyes:A g o n

  • Zitat

    Brilliant läutet jedenfalls bereits die Thielemann-Verramschung ein:


    Vielleicht ist es lediglich eine Schönberg- Verramschung ? :baeh01:


    (Wagners Siegfried Idyll ist ja lediglich der Füller, der die Spielzeit der CD an die verlangte Mindestzeit anpasst)


    Sollte Thielemanns Beethoven Zyklus mit den Wienern tatsächlich auf den Markt kommen, denn wird es so ziemalich alles was seit Karajan aufgenommen wurde vom Markt fegen. Wir brauche darüber auch nicht streiten - nur abwarten.


    mfg aus Wien


    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Zitat

    Bei einigen Aufnahmen, die ich im Internet ( JPC, Youtube, Amazon) probegehört habe, kamen mir sofort Bilder von alten Musikfilmen mit Furtwänglers Dirigaten in den Kopf. Sehr ungewohnt wirkte dazu die selbst über das Internet immer noch viel besserer Klangqualität der gehörten Musik ( als bei den alten Filmen)


    Ist das nicht die Lösung des Fenomehns?
    Thielemann als Wiedergänger von Dr. Willem Fu und Hans Kna in heutige rZeit mit deutlich verbesserter Klangqualität und auch noch live erlebbar?
    Immerhin werden diese beiden hier im Forum von vielen hoch gelobt, die Aufnahmen, die überliefert sind, klingen aber wie aus ferner Zeit herüber, eben mistig!


    Und das ist dann das ganze Geheimnis:
    Ein guter(?) Dirigent macht sich deren Dirigier-ideal zu eigen und liefert daher "ÄHNLICHES" im besten Klanggewand ab. Und die Leute feiern das ab!
    Weil es eben so authentisch ist!


    Und der alte Kaiser von der SZ fühlt sich wieder jung und schreibt hymnisches in die Tasten, während David Hurwitz sich übergeben muss (the most terrible Schumann cycle ever committed to disc)


    Oder ist das zu einfach gedacht??
    Gruß S.

  • Lieber Alfred,


    du sagst:


    Zitat

    Sollte Thielemanns Beethoven Zyklus mit den Wienern tatsächlich auf den Markt kommen, denn wird es so ziemalich alles was seit Karajan aufgenommen wurde vom Markt fegen. Wir brauche darüber auch nicht streiten - nur abwarten.


    Das glaub ich nicht, da halte ich dagegen.


    Viele Grüße
    John Doe
    :baeh01: