Olivier Messiaen: Die musikalische Erkundung der Liebe - Turangalila

  • So hier also nun gleich eine Messiaen-Fortsetzung auf sinfonischen Gebiet.
    Die Turangalila-Sinfonie ( 1946-48 ) ist Bestandteil der sogenannten "Triologie von Tristan und Isolde", komponiert von Olivier Messiaen (1908-1992). Das Werk für großes Orchester, Klavier und Ondes Martenot beschäftigt sich in 10 Sätzen mit den vielen Facetten der Liebe. Der Name stammt aus dem Sanskrit, die genaue Übersetzung weiß ich aber leider nicht , vermute aber mal Liebe :D.
    Da ich nur eine Einspielung des Werkes mit Salonen besitze und es für nötig halte, mehrere Einspielungen zu besitzen, ehe ich mich über diese Musik äußere, bin ich nun gespannt auf eure Meinungen und Empfehlungen. Mehr zum Komponisten und seine Musik ist ja im Kammermusikthread zu erfahren.


    Grüße
    nubar

  • Hallo


    Vor einigen Jahren ist diese Naxos-CD sehr gelobt worden. (Rondo CD des Monats 6/2000, siehe rondomagazin.de)
    Ich besitze diese CD und finde die Musik sehr interessant und "studierenswert", kann mich dazu auch noch nicht fundiert äussern. Mit dem preiswerten Kauf der Naxos-CD kannst Du dir eigentlich nur einen Gefallen tun. Ich hoffe, daß hier noch weiteres Interessante zu lesen sein wird.


    Gruß, Markus aus FfM

  • Ich besitze folgende Aufnahme:



    Auch wenn diese CD in den Kritiken nicht so gut ausfällt,
    gefällt sie mir doch ziemlich gut und hat mir den höchst interessanten
    Olivier Messiaen näher gebracht.
    Ebenso wie Markus kann ich hier keine fundierten Äusserungen abgeben.



    Gruß, Peter.

  • Hallo,


    außer der Salonen-Aufnahme besitze ich auch noch diese hier, in Anwesenheit des Komponisten aufgenommene:



    Für viele klassische Hörer ist diese farbige, vor Lebenslust überbordende und jubilierende Musik wohl ziemlich befremdlich. Das konnte ich vor ein paar Jahren live im Konzert erleben, als ich das Werk mit dem NDR-Sinfonieorchester unter Eschenbach hörte. Manche Leute verließen kopfschüttelnd den Saal, teilweise sogar während des Stückes. Ich selbst war danach wie berauscht und völlig hin und weg. Auch wenn das Stück manchmal gefährlich nahe am Kitsch gebaut hat, lohnt es sich auf jeden Fall, es kennenzulernen.


    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Es hat etwas gedauert, bis ich die Antwort gefunden hatte, in der ich innerhalb des Forums zu einem bestimmten Posting verlinken konnte...
    also mache ich es mir einfach und verweise auf die entsprechenden Hinweise zu Messiaen und der Turangalia vom 25.10.2004 HIER.


    Zu den seinerzeit erwähnten Aufnahmen mit Witt, Chailly, Rattle und Nagano konnte ich inzwischen auch Chung und Salonen hören, wobei sich mir gerade bei Salonen die Welt Messiaens überhaupt nicht erschließen will und dagegen selbst die mir eigentlich verhaßte Einspielung von Aimard/Nagano preisverdächtig erscheint. :stumm:


    Nach wie vor interessiert mich eine frühe Einspielung; meines Wissens muss es da auch eine Aufführung/Aufnahme unter Bernstein Ende der 40er/Anfang der 50er Jahre gegeben haben.


    Bei der überschaulichen Anzahl an Einspielungen ist mir auch, wiederum mit den beiden Loriod's, eine Aufnahme unter Ozawa aufgefallen. Kennt die jemand ?
    Ich habe an diesen Dirigenten noch eine äußerst unangenehme Erinnerung während eines Livekonzertes, ich glaube in der Philharmonie Köln (wurde später auch im TV übertragen) - sowohl beim Konzert als auch bei der Fernseh-Ausstrahlung empfand ich die Darbietung - vorsichtig ausgedrückt - als grottenschlecht ! Nur beim späteren Zusehen konnte ich abschalten - beim Konzert selbst bin ich leider bis zum Schluss geblieben.
    Da wundert es mich jedoch, dass Yvonne & Jeanne Loriod, noch zusammen mit dem Boston SO unter Ozawa, in dieser Besetzung eine solche Einspielung wagten.
    Diese scheint aber schon älteren Datums zu sein, so dass sich er Zugang von Ozawa zu diesem Werk um mehr als 180 Grad gedreht haben mag.


    Die genauen Hintergründe/Beweggründe Messiaen's zu dieser Komposition haben mich ehrlich gesagt bis heute nicht sonderlich interessiert. Darüber hinaus waren mir die Ausführungen in den unterschiedlichen Booklets bislang auch viel zum umständlich bzw. zu komplex und auch schwer nachvollziehbar.
    Das Hören und beginnende Erfassen des gesamten Werkes war "Kraft-Akt" genug, so dass ich die Informationen bis heute vernachlässigen konnte.

    Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, den Menschen zu sagen, was sie nicht hören wollen. [frei nach George Orwell]

  • Hallo jpsa,


    Salonen klang auch für mich nicht so gut. Ich habe ganz einfach Messiaens Kosmos vermisst. Alles wird präzise, aber kalt gespielt. Deswegen hatte ich mich bis jetzt einer Meinung über das Werk enthalten, aber du, mein Retter :D, hast mir ja jetzt alle Äußerungssorgen genommen.


    nubar

  • Zitat

    Original von nubar
    Hallo jpsa,


    Salonen klang auch für mich nicht so gut. Ich habe ganz einfach Messiaens Kosmos vermisst. Alles wird präzise, aber kalt gespielt. Deswegen hatte ich mich bis jetzt einer Meinung über das Werk enthalten, aber du, mein Retter :D, hast mir ja jetzt alle Äußerungssorgen genommen.


    nubar


    Die Kälte scheint ein grundsätzliches Problem von Salonen zu sein, ist bei seinem Mahler nicht anders. Ich habe nur die Chailly-Aufnahme und das ist eigentlich auch zu wenig, um sich dezidierter zu äußern. Ist zudem zu lange her, als dass ich noch Erinnerungen habe. Wobei das vielleicht auch genug aussagt.

    Gruß,
    Gerrit

  • Was man nicht noch alles lernen kann :). Gerade mal bei amazon gestöbert und die Übersetzung von Turangalila gefunden. Das Wort setzt sich aus zweien zusammen. "Turanga" und "Lila" bedeuten also soviel wie "Dynamik", "Spiel" und "Lebenskraft" .


    nubar

  • Ja, über die Internet-Recherche kann man noch so manches finden, wenn es nicht immer so umständlich und aufwändig wäre...


    So zB wurde die von mir oben erwähnte Ozawa-Aufahme nicht (wie bei einigen Online-Anbietern vermerkt) mit dem Boston SO eingespielt - also dem Orchester, das das Werk seinerzeit angefragt und uraufgeführt hat - sondern "nur" mit dem Toronto Symphonie-Orchester.
    Da es die Aufnahme von RCA bereits zu LP-Zeiten gegeben hat, dürfte diese also Anfang der 80er Jahre, wahrscheinlich aber wesentlich früher entstanden sein. Kritiken (...der junge Ozawa...) hierzu sind vielversprechend, auch in Bezug auf den Klavierpart.


    Dann gibt es einen Mitschnitt aus dem Jahr 1951 unter Hans Rosbaud mit dem SWF Orchester Baden-Baden - mal sehen, was sich damit anfangen läßt. Ich hoffe, hier zumindest noch die 1949er Original-Version zu hören.


    Beide CDs konnte ich mir gerade für geringes Geld bestellen und werde später gerne berichten.


    Von der Uraufführung - die war mit Bernstein, hat mich mein Gedächtnis also nicht ganz verlassen - gibt es anscheinend nur auszugsweise Mitschnitte nebst Einführung von Kussewitzky. Wäre bestimmt interessant zu hören.


    Günter Wand hat das Werk in Deutschland recht früh präsentiert und das Publikum leiden lassen....; er war darüber hinaus mit Messiaen befreundet und hat sich sehr für die Kompostion eingesetzt - Mitschnitte wird es hier aber wahrscheinlich nicht geben.


    Fehlen, zumindest für mich selbst :wacky: , noch Infos zu
    EMI - London SO - Previn, Beroff, J. Loriod
    CHANDOS - BBC PO - Tortelier, Shelley, Hartmann-Claverie


    Vielleicht findet sich noch jemand, der gerade diese beiden Aufnahmen besitzt oder kennt.


    Gruß,
    Jürgen

    Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, den Menschen zu sagen, was sie nicht hören wollen. [frei nach George Orwell]

  • Zitat

    Original von nubar
    Was man nicht noch alles lernen kann :). Gerade mal bei amazon gestöbert und die Übersetzung von Turangalila gefunden. Das Wort setzt sich aus zweien zusammen. "Turanga" und "Lila" bedeuten also soviel wie "Dynamik", "Spiel" und "Lebenskraft" .


    Stimmt, hat aber relativ wenig mit dem Stück zu tun. Messiaen schreibt selbst in "Traité de rythme, de couleur, et d'ornithologie":


    "Etliche haben mit diesem Wort turangalîla den Namen eines jungen Mädchens entdecken wollen. Andrer wiederum glaubten, meine Symphonie basiere auf dem gleichnamigen indischen rhythmus. Damit hat es nichts auf sich. Ich habe dieses Wort einzig wegen seines Klanges, wegen seines Wohllautes gewählt. Einfach deshalb, weil es sich klangvoll und angenhem anhörte."


    Gruß
    Karsten

  • Nur mal eine kurze Verständnisfrage:


    Das Ondes Martenot, ist das dieses Instrument, das sich wie ein UFO anhört?
    Und: Wie spricht man das eigentlich aus? ?(



    Gruß, Peter.

  • Hallo Peter.


    ad 1) ja


    ad 2) Tu ne parles pas francais? :D Na dann hier mal so ungefähr die Lautschrift: ond marteno


    Gruß
    nubar

  • @ nubar:


    Danke für die Info,
    eigentlich spreche ich ganz gut französisch.
    Bei Martenot war ich mir auch sicher, aber Ondes
    hätte Ond oder halt Ondes heißen können...


    Jetzt bin ich wieder schlauer. 8)



    Gruß, Peter.

  • @Peter,


    ich muss natürlich abschwächend dazu sagen, dass die Aussprache meine auffassung wiedergibt. Natürlich lasse ich mich da gerne von anderen Forenmitgliedern noch korrigieren. War etwas schnell mit dem Antworten, sorry.


    nubar

  • Hallo Nubar und Ihr anderen,


    ich erlaube mir, etwas zum Verständnis des Begriffes "turangalila" beizutragen:


    wie Nubar schrieb, ist es ein Wort aus dem Sanskrit und deckt etliche Nuancierungen der Begriffe "Dynamik", "Spiel" und "Lebenskraft" ab. Messiaen hat sich dazu im 2. Band seiner "Traité d rythme, de couleur, et d'ornithologie" (Abhandlung über Rhythmus, Farbe und Ornithologie (Vogelkunde)) geäußert. Hier sagt er aber auch, daß der Begriff von ihm wegen seines Klanges gewählt worden sei und nichts weiter zu bedeuten habe. Dies könnte man als Nebelkerze bezeichnen, denn Messiaen hat in einer altindischen musikalischen Formelsammlung mit 120 Formeln, die ihm in Paris zugänglich war, diese tuarangalila-Formel gefunden, die aus einem viergliedrigen Rhythmus besteht, der sofort im Eingangssatz (Introduction) ziemlich kräftig hervortritt und später häufig wiederkehrt, außerdem gibt es Abschnitte, die er mit Turangalila I, II, III bezeichnet hat.


    Die Nagano-Aufnahme mit Aimard und Kim gefällt mir persönlich ausgezeichnet, weil sie sich durch Klarheit, Durchhörbarkeit - was bei dieser Musik ein Wert an sich ist, wie ich finde - und Koordination auszeichnet, ebenfalls bei diesem Klangdickicht unerläßlich. Allerdings werden Klarheit und Transparenz gelegentlich und von manchen HörerInnen als störend empfunden, erstaunlich, aber diese Erfahrung habe ich gelegentlich gemacht. Die negativen Kritiken werden durch sorgfältiges Hören m.E. erledigt. Soviel Klarheit war nie. Keinesfalls ist dies als negative Äußerung gegenüber anderen Interpretationen gedacht, denn die von Myung-Whun Chung ist m.E. phantastisch. Übrigens kann man wohl über beide Dirigenten sagen, daß sie das Vertrauen vom Komponisten haben.
    Außerdem ist noch das Booklet der Nagano-Aufnahme zu empfehlen, denn das war mir hilfreich bei der Abfassung obiger Hinweise, wenn sie zu Teilen auch eine Wiederholung der Hinweise von Karsten sind.


    Gruß
    yarpel

  • Ich habe ebenfalls die Erfahrung gemacht,dass dieses Werk manche Hörer sehr verschreckt. Bei einem Konzertbesuch vor ca. 15 Jahren
    wurde der Saal nach jedem Satz von ca. 10-20 Personen verlassen.
    Vor ca. 4 Jahren als die Wiener Philharmoniker( unter Mehta) dieses Werk spielten blieben alle im Saal.
    Meine Theorie: Prominente Namen fesseln das Publikum an ihre Sitze
    auch wenn es ihnen nicht gefällt.
    Ich habe das Werk mitlerweile oft gehört und kann nicht verstehen, dass diese Musik jemanden verschreckt.


  • WERGO Schallplatten GmbH, Mainz
    WER 286401-2


    Wie angedroht hier nun die ersten Eindrücke zur Aufnahme mit dem Sinfonieorchester des Südwestfunks Baden-Baden unter dem unvergesslichen Hans Rosbaud, der die Turangalila im Februar 1951 in der deutschen Erstaufführung leitete, und hier in einer Aufnahme vom 23./24. Dezember 1951 zu hören ist.


    Aufgrund des Aufnahmedatums mutet die Klangqualität eigentlich an, sich durch Störungen und „schlechterem“ Mono auszuzeichnen – aber weit gefehlt.
    Es ist auf der CD nicht vermerkt, ob stereo oder mono, der Hinweis „AAD“ sagt auch nicht viel aus. Jedoch ist nicht nur der erste Höreindruck äußerst angenehm und positiv, die ganze Aufnahme hat ein hervorragendes Klangbild und es gibt spätere Einspielungen aus der Stereozeit, die wesentlich schlechter sind.


    Wir müssen aber hier – zumindest aus meiner Sicht – noch einige Aspekte vorher berücksichtigen.


    Die meisten Hörer kennen nur die Einspielungen des Werkes ab ca. Mitte der 1970er Jahre und es ist bekannt, dass sich die Komposition ständig in Bearbeitung durch Messiaen selbst befunden hat, ja er teils bei jeder Neuaufnahme, bei der er anwesend war, weitere Änderungen und Eingriffe vorgenommen hat.


    Die somit „bekannten“ Aufnahmen zeichnen sich durch einen sehr breiten Orchesterklang aus und die teilweise Hervorhebung der Solisten Klavier und Ondes Martenot. D.h. die groß besetzten Streicher sind sehr präsent . Dies möchte ich im folgenden als „Orchesterklang“ bezeichnen.


    Einzelne Gruppierungen jedoch fehlen fast gänzlich bzw. gehen durch den Orchesterklang meist unter. Diese Gruppierungen (im folgenden „Gruppen“) sind jedoch für das Verständnis der Originalkomposition aus dem Jahre 1948 (wie hier unter Rosbaud) unerlässlich.


    Aus dem Beiheft ergeben sich einige Ansatzpunkte, die sich mit meinen bisherigen Online-Recherchen (und auch meinem persönlichen Verständnis) decken:


    Der umfangreiche Klangapparat der Turangalila setzt sich aus unterschiedlichen Gruppen zusammen und zwar chorisch stark besetztem Streichquintett, Holz- und Blechbläsern mit Bassklarinette, hohe Trompete und Kornett, fünf Schlagzeuger, ein dem indonesischen Gamelan nachgebildetes „Spezialorchester“ aus metallisch klingenden Tasteninstrumenten (Glockenspiel, Celesta, Vibraphon), als solistische Partien einmal das Klavier, das dem Werk verstärkt konzertante Züge verleiht und natürlich die Ondes Martenot für den einerseits heulenden Klang wie auch für den Effekt der (hier genannten) prä-raffaelitischen, süßen Klangakzente.


    Hier haben wir auch bereits den wichtigsten, aber enormen Unterschied zur heutigen Aufführungspraxis: Der Klang entsteht nicht durch Orchester und Solisten sondern durch das „Gegeneinander“ und scharf getrennte Miteinander der einzelnen Gruppen.


    Bereits beim Hören des ersten Satzes (Introduction) fällt auf, dass der Orchesterklang gänzlich fehlt bzw. auf das Äußerste zurückgestellt ist. Auch die strenge Metronomisierung, die Rosbaud wählt, trägt zum anfangs sterilen Klang bei. Hier teilen sich die Gruppen das thematische Material (Blechbläser als Statuten-Thema, Hölzbläser das Blumen-Thema) und werden sowohl von den anderen Gruppen als auch von den beiden Soloinstrumenten „unterstützt“. Keine der Gruppen oder Solisten wird hier irgendwie „bevorzugt“ in den Vordergrund gestellt, sie sind, bis auf wenige Ausnahmen, immer gleichberechtigt nebeneinander.


    Im 3. Teil (Turangalila 1) dürfte das Missverständnis liegen, die Komposition auch aufgrund des Namens irgendwelche Bedeutung des Sanskrit o.ä. zuzuordnen. Die hier entstehenden Klangimpressionen, besonders durch Ondes Martenot, muten wirklich hierzu an.


    Die Entwicklung dauert variiert bis zum 5. Teil an (Joie du sang des étoiles, Freude des Sternblutes), dem ersten wirklichen Höhepunkt des Gesamtverlaufes.
    Um die hier entstehenden Klangimpressionen beschreiben zu können, kann ich nur vergleichen mit Aaron Copland’s Werk „El Salon Mexico“, in dem er musikalisch die unterschiedlichen Orchester einer großen Tanzhalle als Höreindruck der Tanzpaare beschreibt. Die nämlich beginnen ihren Tanz beim ersten Orchester und tanzen sich sozusagen an allen weiteren Orchestern, die alle unterschiedliche Musik spielen, vorbei, ohne jedoch darauf verzichten zu müssen, egal an welcher Stelle sie sich auf dem Tanzparkett befinden, das jeweilige Orchester nebst Werk genau hören zu können.


    Nicht also ein großer Klangbrei entsteht, wie er oft in den heutigen Aufführungen der Turangalila praktiziert wird, sondern eine echte Impression, die man wirklich gehört haben muss !


    Der darauf folgende 6. Teil (Jardin du sommeil d’amour, Garten des Liebesschlummers) treibt dem Hörer die Tränen in die Augen – was für ein Klang !
    Ebenfalls gleichberechtigt die Gruppen, insbesonders das Klavier wird NICHT solistisch hervorgehoben und im Zusammenspiel, natürlich unterstützt durch die Ondes Martenot, entsteht ein Klang, der fremd wie von Geisterstimmen angesungen/angehaucht wirkt, und seine Fortsetzung bzw. Durchführung – nach kurzer Unterbrechung – im 8. Teil (Développement de l’amour, Entwicklung der Liebe) – erfährt.


    Einzig für das Finale hätte ich mir einen stärkeren „Durchbruch“ des Orchesterklanges gewünscht, der aber hier nur abgeschwächt durchdringt.



    Nichts desto trotz findet der Hörer hier eine 70-minütige Aufführung vor, die unglaublich durch die verschiedenen Klangimpressionen beeindruckt.
    Ich möchte jedoch nicht verschweigen, dass ich selbst – hätte ich nicht bereits die „Erfahrung“ mit den heutigen Interpretationen der Turangalila – diese jetzt empfundenen Klangeindrücke in der Aufnahme von 1951 nicht in der Form aufgefasst hätte geschweige denn derart hätte genießen können.


    Somit kann ich bzw. muss ich eigentlich jedem Hörer dieser Messiaen-Komposition dringend nahe legen, sich diese in ihrer ursprünglichen Form anzuhören. Es dürfte zu einem unvergleichlichen wie dauerhaften und unvergesslichen Erlebnis werden.


    Nicht, dass ich jetzt die heutigen Sichtweisen ablehnen würde, es ist ja wohl fast alles vom Komponisten selbst abgesegnet worden. Trotzdem empfinde ich, wie bei so vielen Kompositionen, das „Originalwerk“ wesentlich interessanter und aussagekräftiger, als die bisherigen „Umarbeitungen“.

    Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, den Menschen zu sagen, was sie nicht hören wollen. [frei nach George Orwell]

  • Hallo allerseits,


    m.E. ist diese Sinfonie überhaupt nicht zum Erschrecken oder gar Davonlaufen. Ich würde sie allenfalls seltsam oder ungewohnt nennen, vor allem auch wegen der vielfältigen und zum Teil ungewöhnlichen Klangquellen (exotische Schlaginstrumente etc.) Das Orchester ist groß dimensioniert, die Sinfonie selber mit ca. 80 Min. recht lang. Ein fesselndes, sehr interessantes Werk, das ich mit dem bereits erwähnten Myung-Whun Chung (DG) kennenlernte.


    Mich würde auch die Aufnahme mit Bernstein aus dem Jahre 1949 interessieren. Vielleicht gibt es ja inzwischen neue Erkenntnisse hierzu, weshalb ich diesen Thread hiermit mal wieder etwas nach vorne hieve.


    Gruß, Cosima

  • Turangalila-Sinfonie


    Ich schließe mich der Ansicht von Cosima an. Für mich ist es die bedeutendste Sinfonie, die von einem Komponisten des 20. Jahrhunderts geschaffen wurde. Nun besitze ich den Life-Mitschnitt des Luxemburger Sinfonie-Orchesters unter Louis de Froment, der
    den Vorzug aufweist, daß Yvonne Loriod den Klavierpart und Jeanne Loriod das Onde Martenot spielt. Beide Solisten waren auch zu hören, als vor längerer Zeit das Werk in Hamburg unter Leitung des Komponisten aufgeführt wurde. Es war ein unvergessenes Erlebnis. Diese Dynamik lässt sich auf Tonträger überhaupt nicht einfangen.


    Man muß dieses Werk life erleben, um einen letztgültigen Eindruck zu bekommen.


    Wenn ich spontan ein Werk von gleicher Dynamik nennen sollte, käme ich auf die Sinfonie Nr. 7, die Frühlingssinfonie, von Mikis Theodorakis. Nicht ganz so lang, aber die Dichte der kompositorischen Einfälle und die ungeheure Dynamik werden
    durch Vokaleinlagen ergänzt. Die vertonten vier Gedichte sind
    in französischer Sprache gehalten. In meiner Einspielung dirigiert
    Kitaienko die Philharmonie Moskau. Die Chöre Lettlands und Litauens
    ergänzt durch vier Gesangsolisten und einem Schlagzeugensemble
    treten gegen die übermächtige Gewalt des Orchesterapparates an und inszenieren im Kollektiv ein klangliches Inferno ohnegleichen.


    :angel:

  • in wien ist die nächste aufführung am 3.11.2005 im musikverein mit


      The Cleveland Orchestra
      Franz Welser-Möst, Dirigent
      Pierre-Laurent Aimard, Klavier
      Cynthia Millar, Ondes Martenot


    ich freu mich schon sehr darauf,
    faun

    die kritik ist das psychogramm des kritikers (will quadflieg)

  • ... nur weil diese Ankündigung etwas veraltet ist, erinnere ich daran, dass zum Beispiel im allgemeinen Messiaen-Thread ein Hinweis dazu gegeben wird, wo der Link steht, mit dem man nahezu alle Messiaen-Konzerte im Jahr 2008 gut sortiert finden kann.

  • Zitat

    Original von Engelbert
    Man muß dieses Werk life erleben, um einen letztgültigen Eindruck zu bekommen.


    Genau das hatte ich eigentlich heute Abend vorvor,



    3. Sinfoniekonzert


    Olivier MESSIAEN
    «Turangalîla-Sinfonie»
    Peter Donohoe, Klavier /Valérie Hartmann-Claverie, Ondes Martenot
    Dresdner Staatskapelle/ Myung-Whun Chung


    (Aufzeichnung durch den mdr, Ausstrahlung des Mitschnitts am 8. Dezember 2008 auf MDR FIGARO.)



    aber ich hatte mich erst am Wochenende um Karten bemüht und da gab es nur noch Karten zu 50 Euro, und die waren mir dann doch zu teuer! Ich habe das Werk auch bereits im Konzert gehört ( 2001 in Paris unter E. Inbal). Obwohl ich von mir behaupten würde, moderner Musik generell sehr offen gegenüber zu stehen, empfand ich das Hören aller zehn Sätze als durchaus sehr anstregend (natürlich nicht uninteressant)
    Jetzt bleibt mir für den Augenblick nur folgende CD:



    Ich frage mich übrigends, ob es eine Verbindung zwischen dem Promethèe von SKRJABIN und MESSIAENs Turangalila gibt, ich sehe da ja einige Parallelen:( hochvirtuose Klavierstimme im Orchester, philosophische sprogramm, Synästhetik, etc.)- mag jemand etwas dazu sagen?


    Gruß pt_concours

    Hören, hören und nochmals hören: sich vertraut machen, lieben, schätzen.
    Keine Gefahr der Langeweile, im Gegensatz zu dem, was viele glauben, sondern vielmehr Seelenfrieden.
    Das ist mein bescheidener Rat. (S. Richter, 1978)

  • Hallo, pt_concours!


    Wohlgemerkt, über mögliche biographische Anregungen Messiaens weiß ich nichts, da gibt es hier möglicherweise wirkliche Experten wie Edwin Baumgartner.


    Die von Dir genannte Berührungspunkte kann ich zwar nachvollziehen; wenn man sich aber das Programm im Einzelnen ansieht, drängen sich mir die Parallelen zwischen einer östlich geprägten pantheistischen Liebeskonzeption und dem westlichen Hybris-Mythos eigentlich nicht so sehr auf. Und stilistisch sind die beiden Werke denn doch gänzlich unverwechselbar der Schreibweise ihres jeweiligen Komponisten zuzuordnen.


    Besten Gruß, Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Lieber pt_concours!
    Messiaen hat der Nachwelt einen großen Gefallen getan: Er hat über seine Überlegungen geschrieben. Seine Schüler, von denen ich zwei kenne, haben ebenfalls über die Lektionen Buch geführt. Skrjabin gehört laut diesen Überlieferungen nicht zu den Komponisten, mit denen sich Messiaen auseinandergesetzt hat. (Nebenbei: "Turangalila" ist, auch inhaltlich, eher vergleichbar dem "Poème de l'extase".)


    Messiaen kommt einfach aus einer völlig anderen Richtung: Er sucht nach einer Verschmelzung von europäischer Musik mit außereuropäischer - allerdings nicht im Sinn aufgesetzter Farbwerte, sondern als gleichberechtigte Integration von deren Vokabular.
    Dazu kommt bei Messiaen die Idee der Modalität auf der Basis symmetrischer Modi (entsprechend den unumkehrbaren Rhythmen). Messiaens Musik steht also auf der basis einer starken Konstruktivität (auch wenn sie über weite Strecken nicht danach klingt).


    Skrjabin Kommt hingegen vom Akkord zu einer Art Modalität - wobei es tatsächlich Überschneidungen der Ideen gibt, etwa in ihrer Lage fixierte Töne. Wenn man allerdings den geistigen Hintergrund beider Komponisten beleuchtet, merkt man, daß ihre Ausgangspunkte sehr unterschiedlich sind und nur manchmal zu ähnlichen Ergebnissen führen. Etwas Derartiges hat es immer wieder gegeben, wenn eine bestimmte Entwicklung in der Luft lag. Und das war nun einmal die Luft von Wagners "Tristan" und "Parsifal", der wir eine erstaunlich wuchernde Vegetation zu verdanken haben.


    :hello:

    ...