Ziel und Aufgaben der Musik durch die Jahrhunderte - 1. Teil (2004-2007)

  • Hallo Taminoianer,


    wenn es auch nicht explizit im Titel steht, gemeint ist natürlich die sogenannte "Klassische Musik"


    Immer wieder stößt man in Threads aud den Begriff "Kunstwerk", "Meisterwerk" etc etc.


    Da werden Werke von Bach, Mozart und Beethoven als Gebrauchsmusik abqualifiziert nach schwer nachvollziehenden Maßstäben. Haydn kennt man natürlich, aber besonders geschätzt ist er derzeit offensichtlich nicht.


    Musik des vergangenen Jahrhunderts, wie Raff, Rubinstein und Liszt, um nur einige zu nenen, vergammeln in der "Mottenkiste".


    Neutöner aller Typen werden (von der Kritik) gelobt. Der Hinweis, daß die Mehrheit des Klassikpublikums diese Musik ablehne wird als nicht relevant abgetan. Harmonie wird nicht nur nicht gesucht, sie gilt als geradezu verpönt, das "Hässliche", das "Unstete", das "Schrille" ist gefragt, behaupten zumindest einige Insider.


    Auch im Mittelalter wurde, vor allem von seiten der Kirche, darauf Wert gelegt, daß Kompositionen, nicht zu "sinnenfreudig" angelegt wären, sie sollten nicht "unterhalten", lediglich "Gott preisen"



    Ohne jedoch all diese Dinge bewerten zu wollen, stellt sich die Frage: Was erwarte ich als Sammler mir von der Musik ? Welche Aufgabe hat die "Klassische Musik"? Soll sie, darf sie "unterhalten", 'Vergnügen Bereiten" und wenn nein, was soll sie dann ??
    Die ursprünglichen Aufgaben diverser Musikarten waren ja zunächst durchaus unterschiedliche, Im MA zur "Ehre Gottes", ab der Renaissance "zur Erbauung, Zerstreuung und Repräsentation, bei Bällen etc. Im Barock "zu Ehre des Fürsten", religiöse Werke waren oft nur ein Vorwand um ebnfalls den Regenten (welcher Art auch immer9 zu preisen. Im achzehnten Jahrhundert kommt das Bürgertum ins Spiel. Öffentliche Konzerte als Gesellschaftliches Ereignis wetteifern mit Veranstaltungen an Fürstenhöfen.Zu Beginn der Romantik wandelt sich die Szene erneut: Hausmusik, schon früher praktiziert wird bedeutender, die großen Gesellschaftskonzerte zeigen die Macht des Bürgertums, die Musik soll aber auch "unterhalten".
    Ab ca 1900 tritt ein Prozess in Kraft, der schwer erklärbar ist: Immer mehr Musik, die "keiner hören will" (zumindest die Zeitgenossen nicht !!) wird angeboten. Dies soll jetzt in diesem Zusammenhang keine Bewertung dieser Musik darstellen, lediglich ein Faktum aufzeigen. Orchester, Komponisten und Konzertorganistionen werden ja heute gesponsert. Schallplattenkonzerne hingegen nicht. Hier ist die "Wahrheit" gefragt. Natürlich will das Gros der Klassikhörer die sperrige mittelalterliche Musik und Lautenmusik des 16. Jahrhunderts genauso wenig hören, wie die "experimentelle Moderne" und ich bin der Meinung man sollte beides, in entsprechendem Rahme trotzdem anbieten, wenn es finanziell vertretbar ist.


    Kommen wir zum Kernpunkt der Frage, die man auch anders Formulieren könnte:
    "Welche Kriterien muß Musik erfüllen, damit Ihr sie hören mögt ?", was ist der Kick dessen es bedarf um Euch zu motivieren, eine CD zu kaufen ?
    Welche Reize bietet die "zeitgenössische" Musik?


    Ein heißes Thema fürwahr und ein kompliziertes zudem. Aber sicher nicht uninteressant.


    Auf rege Beteiligung hofft


    Alfred


    Gruß aus Wien

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Hallo,


    nun - mir soll Musik vor allem etwas 'erzählen', sie muß mich bewegen; ich höre selten Musik, nur um unterhalten zu werden. (Deswegen habe ich auch ein Problem, so viel zu hören, wie ich das gern hätte; eine große Familie, in der selten wirklich Ruhe ist, hindert mich daran. Nichts ist so ätzend wie jemand, der dazwischenschwatzt, wenn ich ganz in ein Stück versunken bin :sad:.)


    Ein Regisseur, den ich sehr schätze, hat mal gesagt, sein Ziel sei es, daß die Menschen anders aus dem Theater herausgehen, als sie hineingegangen sind. So geht es mir mit der Musik (und mit dem Theater im allgemeinen übrigens auch!): ich bin immer ein bißchen verändert, wenn ich etwas gehört habe, das mich wirklich 'angesprochen' hat.


    Ich bin offen für alles, was ich noch nicht kenne - und kann gar nicht nachempfinden, wenn jemand zeitgenössischen Komponisten nicht mal zuhören mag. Jemand - aber nicht in diesem Forum - hat eine so gut passende Signatur: "Wer die Musik von heute nicht hört, beleidigt die Musik von gestern."


    Grüße von


    Astrid

  • Liebe Forianer
    Die Aufgaben der Musik, ein wirklich sehr umfassendes Thema. Meiner Meinung nach muss man bei wirklich grossartiger Musik nicht wissen, was sich der Komponist dachte, als er sie schrieb. Ein Genuss sollte schon so entstehen. Gewisse Ausnahmewerke sind hier natürlich ausgeschlossen und ich würde meinen, das Wissen um des Komponisten Gedanken hilft sehr bzw. steigert den Genuss enorm bzw. kann ihn sehr steigern.
    In diesem Sinne ist Musik für mich Unterhaltung. Das schliesst aber Kunst nicht aus. Ich finde, Unterhaltung ist kein beleidigender Ausdruck. Natürlich kann und soll Musik auch berühren, wenn jemand nachdem er die Musik gehört hat ein anderer Mensch ist, ist das sehr erfreulich. Doch ich bin kein allzu grosser Fan der ewigen Bedeutungssuche. Fakt ist, ich glaube nicht daran, dass der Komponist immer so viel dachte und auszudrücken beabsichtigte, wie man ihm nachher unterstellt (das gleiche gilt bei Literatur sowie darstellender Kunst). Ich denke, der Schaffende schuf aus einer gewissen emotionalen Situation heraus. Mit dem unglaublichen Talent bzw. Genie brachte er dann das zum Ausdruck. Die meisten Werke sind also meiner Ansicht nach nicht Produkte des reinen Verstandes. Wichtig ist für mich auch noch der Aspekt der Glaubwürdigkeit bzw. Identifikation: Der Komponist kann sich allermeistens mit seine Werken identifizieren.
    Einen etwas anderen Ansatz verfolgt Nikolaus Harnoncourt: In einem Interview in Gramophone meinte er: "Ich glaube nicht an autobiographisches Herangehen an Musik. Es vermindert die Grösse der Kunst." Deshalb dirigiert er keinen Mahler, Tchaikovsky und Berlioz; ein Ansatz dem ich so nicht zustimmen kann. Einerseits will man, dass der Komponist möglichst etwas erzählt, etwas berichtet, oder, was in die gleich Richtung geht, seine emotionale Situation. Sobald er aber sein Leben erzählt, ist das nicht mehr okay. Für mich ist das wie gesagt anders: die Musik muss gut sein und MIR etwas sagen, dann ist mir so gut wie egal, was der Komponist dabei dachte. Das kann man, so finde ich, auch nicht gut beurteilen. Wenn also Tchaikovsky mit einem seiner Klavierkonzerte davon berichtet, dass er einen Freund gefunden hat, stört mich das wenig. Mir macht es nichts aus, dass er homosexuell war, warum sollte es auch. (Dies also ein weiterer Punkt, bei dem ich NH nicht zustimmen kann; der andere war die ehemalige Signatur Alfreds, Zitat von NH, wo er sich zum Optimismus als etwas für die Dummen äusserte, ich weiss nicht mehr genau, wie das Sprüchlien ging, mach nichts.)
    Ich finde auch, Musik sollte nicht den Anspruch haben, ALLEN DAS GLEICHE sagen zu wollen, das zerbricht die Individualität.
    <table border=1 width=95% align=center cellpadding=15 class=TAB2 ><tr ><td ><b >Alfred</b > schrieb:<hr ><ul ><i >Ab ca 1900 tritt ein Prozess in Kraft, der schwer erklärbar ist: Immer mehr Musik, die "keiner hören will" (zumindest die Zeitgenossen nicht !!) wird angeboten.</i ></ul ></td ></tr ></table >


    Das ist meines Erachtens nicht wirklich schwer zu erklären: Einerseits verletzt vieles der "neuen Musik" die ungeschriebenen Harmoniegesetze. Da steckt viel Disharmonie drin. Es ist also ein Aufbruch in eine neue Zeit, eine Wende. In Russland wollte man bewusst solche Musik nicht haben, da wollte man das grossen Harmonische, deshalb wurden Gruppen, die an Prokofiev und Shostakovich schrieben "Genossen Shostakovich und Prokofiev, niemand will Ihre Musik!" ja auch nicht verachtet oder als hinderlich für die Entwicklung der Kunst angesehen, sondern vom Staat gar unterstützt. Soviel zur Spaltung in Russland.
    Im Westen kamen gleichzeitig noch andere Musikstile auf: der Jazz, als Streben der afrikanischen Sklaven in Amerika dann sofort ein "Erfolg", von einigen "Weissen" dann auch positiv aufgenommen. Dann kamen auch noch Pop, Rock, etc. dazu, was die Gemeinde der Klassikfans wiederum verkleinerte. Pop, das ist populär, weil es leichter verdaulich ist als zum Beispiel Prokofiev; das hat aber natürlich auch etwas Gutes.
    Des weiteren war der Kontakt zu bisher kulturell weniger bekannten Ländern nicht zuletzt durch den Imperialismus besser, Wanderungen und viele neue Musikeinflüsse in Europa waren die Folge.


    Zu Zeiten der Wiener Klassik bspw. gab es meines Wissens nicht so viele verschiedene Ströme, da kümmerte sich niemand drum, ob die "unten in Afrika" sich mit ihren Trommeln bei einer völlig unbekannten Art von Musik in Ekstase trommelten.


    Viele Grüsse...Cliowa

  • Irgendwo im Radio hab ich mal aufgeschnappt (da lief eine Doku über Wirkung der Musik;brauchen wir wirklich musik fürs leben?), dass die Musik für den menschen lebenswichtig sei.
    Überall wohin man auch hingeht wird man begleitet von musik.
    es fällt uns nur nicht mehr so extrem auf.
    Schon die Urmenschen machten Musik...


    nun zur klassik...was mich motiviert? - schwer zu sagen.
    Mein Klavierspiel motiviert mich.
    Bei klassischer Musik kann ich viele Dinge besser. Ich kann mich entspannen,kann mich besser konzentrieren. Bin dann ruhiger,ausgeglichener.Als ob ich energie tanken würde.


    Musik allgemein darf für mich nicht grässlich sein.


    Zeitgenössische Musik...welche Reize? wenn ich solche Musik höre,erwacht das Tier in mir. Mein Blutdruck steigt und ich werde schnell sauer. Aber kommt drauf an welche zeitgenössische Musik ich höre.


    Also wenn ich wütend werden möchte,schieb ich einfach ne Schönberg CD in den CD player rein. :)

  • Klassikliebhaber schrieb:


    Zitat

    Musik allgemein darf für mich nicht grässlich sein.


    weiterhin:


    Zitat

    Zeitgenössische Musik...welche Reize? wenn ich solche Musik höre,erwacht das Tier in mir.


    und last not least:




    Zitat

    Also wenn ich wütend werden möchte,schieb ich einfach ne Schönberg CD in den CD player rein


    Also gleichmal vorweg: pauschale Aussagen dieser Art haben nicht die geringste Überzeugungskraft. Ein Minimum an fundierten Aussagen erwarte ich selbst von dem, der sich mit Musik nicht berufssmäßig beschäftigt, sonst landen wir ganz schnell weider bei dem ominösen Picasso-Bild, das einerseits verkehret herum hängt und das zum anderen meine 5 jährige Tochter viel besser malen würde . Wenn ein Herr Rieu die "Meditation" aus "Thais" mit zugegeben geübtem Bogenstrich herunterfiedelt, dann erwacht in mir das "Tier" und ich trachte besagtem Herrn in dem Moment nach dem Leben ! :evil:


    Die "zeitgenössische" Musik eines Adams und Glass mit ihren unterträglichen Plattitüden aufgrund der unreflektierten Zugriffe auf Harmonik des 19. Jahrhunderts erzeugt bei mir im besten Falle Langeweile oder ein müdes Lächeln. Es gibt uralte Musik, die viel moderner ist, als dieses einfallslose Gedümpel.


    Es ehrt dich, daß du offenbar Schönberg-CDs besitzt, aber wenn ich dich richtg verstehe, kommt dir bei der "Verklärten Nacht" oder bei "Pelleas und Melisande" die Galle hoch und auch der Blutdruck steigt. Dann solltest du diese Scheiben einfach jemanden schenken, der sie mögen könnte: ich weiss aus Erfahrung, daß es solche Leute gibt.
    Aqualifizierende Urteile, die nicht den geringsten Sachverstand erkennen lassen, rücken dich, ob dir das gefällt oder nicht, in eine Reihe mit Leuten, die bei sogenannten "Hitparaden der volkstümlichen Musik" unbeschwert vor sich hinschunkeln. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß du dich gerne in dieser Ecke sehen würdest...

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Hallo BBB,


    Wir "kennen" uns lange genug, daß Du sicher weißt, das die nun folgende Frage kein bösartiger Angriff ist;


    Aber ich hab mich gefragt, wo denn der grundlegende Unterschied sein soll, wenn jemand Tschaikowsys 6. Sinfonie
    als "ungenießbar" bezeichnet, oder ein anderer Teilnehmer bei Schönbergs Musik "Agressionen" bekommt? (abgesehen von der Formulierung natürlich, die war im Falle Tschaikowsky sicher eleganter und verbindlicher :yes:


    Um gleich alle Konflikte im Keime zu ersticken: Ich kann mit beiden Aussagen leben, vor allem weil sie authentisch sind, und keiner versucht mit dem Strom zu schwimmen.


    Persönlich bin ich mit solchen Verdikten etwas vorsichtiger, als vor etwa 20 Jahren, auch ich formulier heute etwas milder und eleganter, eine Frage der "Erfahrung"


    Ich finde, daß der Rat, Schönbergs CDs zu verschenken nicht ideal ist, immerhin hat sich "Klassikliebhaber" damit auseinandergesetzt und tut es offenbar noch immer. Das kann man nicht von jedem behaupten.


    Es gibt viele CDs mit Musik des 20. Jahrhunderts die ich wirlich nicht mag. Weggeben würde ich sie jedoch jeinesfalls. Manchmal
    will ein kompetenter Gast sows hören, und man kann dann darüber diskutieren, gelegentlich kommt man dem Werk sogar (ein kleines Stückchen) näher.





    Schönen Sonntag noch
    wünscht Euch allen
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Alfred schrieb:


    Zitat

    Aber ich hab mich gefragt, wo denn der grundlegende Unterschied sein soll, wenn jemand Tschaikowsys 6. Sinfonie als "ungenießbar" bezeichnet, oder ein anderer Teilnehmer bei Schönbergs Musik "Agressionen" bekommt? (abgesehen von der Formulierung natürlich, die war im Falle Tschaikowsky sicher eleganter und verbindlicher



    also ob ich das wirklich um so vieles eleganter und verbindlicher formuliert hatte, weiss ich nicht: meine Bemühungen gehen allerdings dahin, auch für andere nachvollziehbar zu erklären, WARUM das so ist wenn ich was nicht"mag" und eben genau dieses vermisste ich bei Klassikliebhabers Aussage. Dvorak, dem wir sicher eines der schönsten Cellokonzerte der Musikliteratur verdanken, wehrte sich anfangs, dieses Werk zu schreiben: denn, sagte er: "Was soll ich mit einem Instrument anfangen, das oben kreischt und unten brummt"! daß er es dennoch schrieb, spricht für ihn ! Wenn ich für manche Musik überaupt kein Verständnis aufbringen kann, (80 Prozent des herkömmlichen Opern-Repertoires gehören dazu), enthalte ich mich der beurteilenden Stimme, denn es kann natürlich weder angehen, daß ich anderen vorschreibe, was sie hören sollen noch kann ich meine persönliche Befindlichkeit zum Gradmesser der Qualität oder Nichtqualität eines Werkes machen. Wenn ich allerding über genügend fundierte und auch duch andere überprüfbare Kenntisse verfüge, egbe ich die auch weiter... Die Idee mit dem Verscheken der Schönberg-CDs kam mir in dem Zusammenhang, als ich jüngst meine Sammlung sichtete und nach dem Gesichtspunkt, "was hörst du eigentlich selten oder nie" betrachtete. Also da liesse sich schon etliches ausrangieren, denn in so 25 jahren hat sich allerhand angesammelt und der Platz bei mir zuhause wird allmälich knapp... Ein schönes Restwochenende aus dem verregneten Berlin

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Um Gottes willen! Ich verschenke NIE CDs!!!



    Das vorweg...



    @BBB:


    Dann hättest du auch posten können: bitte erläutere das näher,wieso du die musik nicht magst etc.


    Ich kanns dennoch schlecht erklären in diesem Falle. Frag meinen Körper und meine Seele. Es ist halt von mir aus dieses schlechte Gefühl da.


    Vielleicht sind es manch krasse Dissonanzen, die mir den letzten Nerv rauben. Es sind durchaus schöne Melodien vorhanden,wenn auch vieles sehr versteckt.
    Sehr oft kann ich die Musik nicht hören, geschweige denn nach einem klassischen Stück!


    Irgendwo anders habe ich auch geschrieben,dass ich mich aufgrund eines Wettbewerbes mich mit Schönberg auseinandersetzen musste.


    Hier das Zitat:



    Tja...mit der zeitgenössischen Musik (und da zählt das 20.Jh.mit dazu!)musste ich mich zwangsläufig wegen dem "Jugend musiziert" Programm auseinandersetzen.
    Ein Barockstück,Klassik/Romantik,Moderne/Zeitgenössisch.


    Moderne war zu dem Zeitpunkt für mich absolutes Neuland.
    Mit Zwölftonmusik konnte ich nichts anfangen.


    Ich suchte mir ausgerechnet DEN "Entdecker" (und nicht Erfinder,da IMHO die Atonalität zwangsläufig entstanden ist...weit vor ihm...schon beethoven...liszt...reger..etc; Schöberg hat Stücke in reiner Zwölftonmusikform geschrieben; aber macht ihn das auch gleichzeitig den Erfinder der Zwölftonmusik?) Arnold Schönberg.
    Am Anfang haben mich die Noten (ich suchte mir die Klavierstücke op.11 aus; das 1. Stück; leider nicht nach 1925 sondern von 1909)von den Socken gehauen. Und als ich eine Aufnahme gehört habe,erging es mir auch nicht besser.
    Ich mochte die Musik einfach nicht. Wieso? - Ich verstand sie nicht. Ich konnte nichts mit ihr anfangen - es hat in mir mehr Unruhe als musikalische Befriedigung gebracht; demnach hatte ich das nur gespielt,wenn ich mich aufregen wollte )


    Wie auch immer...ich musste da durch. Erst als ich das Stück immer wieder gespielt habe und gehört habe,ging es ein wenig besser.
    Ich erfasste Themen und Melodienbruchteile(!) und konnte sie mir zu einem gewissen Muster verarbeiten.
    Die Musik ist schwierig. Schwierig zu spielen und auch schwierig zu hören! Wer meint,das da ein Pianist einfach paar Töne klimpert liegt da völlig falsch (auch wenn man es nicht sofort bemerkt)!
    Oder dass der Komponist versucht,den Hörer und den Solisten zu verarschen (da kommt eher Satie in Frage).



    Jetzt besser? :O

  • Schönbergs op.11 gehört nicht zur Dodekaphonie. Es ist die sogenannte atonale Musik. Ausführlich und zugänglich für alle Musikinteressierte hat Reinhold Brinkmann diesen Zyklus analysiert im Buch, welches ganz einfach heißt: Arnold Schönbergs op. 11.


    Es hilft außerdem, diese Stücke mit späten Klavierwerken von Brahms zu vergleichen.

  • Hallo zusammen,


    Musik bzw. Kunst allgemein muss mir etwas geben. Wenn ich mir jetzt z.B. manch simple Literatur oder manchen Pop-Song vor Augen halte, dann geben die mir durchaus auch etwas. Aber das was ich da in der Regel erhalte, ist für mich nie so tief und wertvoll, wie wenn es von mir geschätzten Kunstwerken kommt. ( aus diesem Ansatz ergibt sich schon rein systematisch ein fließender Übergang zwischen "Kunst" und "Unterhaltung" bzw. eine gewisse Unmöglichkeit der Trennung)
    Das äußert sich z.B. auch darin, dass ich klassische Musik eigentlich nie "nebenbei" höre. Das bringt es einfach nicht, weil die von mir gehörten Werke Ihre volle Aufmerksamkeit fordern.
    Weiterführende Aussagen werd ich am Beispiel atonaler Musik festmachen zumal hier die Diskussion langsam in Pro & Kontra Schönberg abzugleiten scheint. ;)


    Seit ich die klassische Musik lieb gewonnen habe, stoße ich in schöner Regelmäßigkeit immer wieder auf drei Aussagen: Wagner sei zu schwer und langatmig, Mozart zu leicht und eintönig und Schönberg zu hässlich und zu akademisch. :D
    Ich schätze mich dann glücklich, dass ich mittlerweile keines dieser Urteile mehr mein Eigen nennen muss, obwohl das auch nicht immer so war.
    Ich konnte auch mal mit Liszts h-moll-Sonate nichts anfangen, mochte Debussys Preludes nicht, die Streichquartette von Schostakowitsch waren mir ein Graus, atonale Musik stellte die Nackenhaare auf, Mozarts Opern waren zu leicht, Wagners Tristan zu schwer.


    Mittlerweile habe ich jedoch fast alle diese Werke lieb gewonnen. Wohl, weil ich mir einerseits immer eingestand, dass sie mir augenblicklich überhaupt nichts "gaben" - und ich nicht versuchte, über irgendwelche intellektuellen Konstrukte Zugang zu erlangen- , ich sie aber auch nie "abhakte", weil die Vielzahl Ihrer sonstigen Liebhaber für mich immer ein Indiz war, dass es dort doch noch einiges zu empfangen geben müsse. Meiner Ansicht nach ist diese Offenheit Grundvoraussetzung. Meist stößt man allerdings auf das Gegenteil:


    Geradezu hasserfüllte Aggression gegen manche Werke, welche vom Hörer nicht geliebt werden (können). Die wird dann nicht nur passiv gepflegt, indem man die Werke meidet, sondern auch aktiv, indem - gut auch immer wieder in Klassikforen zu beobachten ;) - die Schwärmerei anderer User mit brachialem Einsatz gestört wird, indem der Nicht-Genießer unaufgefordert seine ganze Abscheu gegen das Werk in heftigster Form preisgibt.
    In einem Gespräch mit einem musikbegeisterten befreundeten Psychotherapeuten gab dieser die Erklärung, dass hier der Neid eine häufige Triebkraft darstelle: Die Erkenntnis, offenbar - warum auch immer - nicht fähig zu sein, die zur Debatte stehende Kunst zu Genießen zusammen mit dem unterbewussten Wissen, etwas für einen selber potentiell wertvolles nicht erhalten zu können wird aktiv kompensiert, indem man versucht, den anderen den Genuss zu verleiden.


    Wenn natürlich auch nur eine Arbeitshypothese, fand ich diese Überlegung nach längerem Nachdenken höchst amüsant, besonders ihre praktische Anwendung in der Analyse mancher Posts im Internet. :D


    Für mich ergibt sich so in der Tat, dass die unterschiedliche Zugänglichkeit zur Musik eine Normalität, der Umgang damit allerdings bei den einzelnen Menschen sehr individuell ausgeprägt ist, was manchmal zu mehr Offenheit, manchmal auch zu mehr Selbstbeschränkung führt.


    Wie auch immer: Ich habe mich sicher über ein Jahrzehnt mit Schönberg schwer getan. Warum der Knoten platzte, ist nicht genau nachvollziehbar. Einerseits erfolgte sicher eine Annäherung durch mehr tonale Freiheiten in der Musik Schostakowitschs und Strawinsky, dann kam aber auch eine große Neugier hinzu, die sich nicht nur auf die Moderne erstreckte, sondern auch auf Gebiete wie Barock, "alte Musik" ect.


    Letztendlich war auch eine theoretische Abhandlung hilfreich, die Herangehensweise grundlegend zu ändern:
    In einem Artikel über Schönberg legte mir ein Autor konsequent dar, dass durch die Aufgabe der Tonalität nur folgerichtig auch die bisher gültigen formalen Konstruktionsprinzipien über Bord gehen mussten. Ein symmetrischer Periodenbau, wie seit der Klassik kennzeichnend, war nicht mehr möglich.
    Da wurde mir klar dass ich beim Versuch, diese Musik zu genießen immer auf Sachen wartete, welche diese Musik gar nicht zu geben im Stande war. Es galt also sich sozusagen einfach treiben zu lassen und ,die alten Erwartungen über Bord werfend, offen das neue jetzt mögliche zu empfangen.
    Vielleicht spielt sich auch ähnliches ab, wenn jemand versucht, die Gaben der Musik Bruckners oder Beethovens aus einer Mozartsinfonie, die Gaben Hadyns aber aus einer Wagneroper zu erhalten. Das kann einfach nicht funktionieren!


    Dieser Denkansatz ließe sich vermutlich sogar auf die ausübenden Künstler übertragen, wenn man also von einem Toscanini die selben Gaben erwartet wie von Furtwängler. ;)
    Soweit aber die Theorie. Der Mensch ist bekanntlich beschränkt in seiner Selbsterkenntnis, alles wird man nie haben können. Vielleicht ist eine gewisse bedingunslose Hingabe an das eine sogar notwendige Vorausetzung für den größtmöglichen Zugang, und der Verlust des anderen der dafür einfach zu zahlende Preis ? Nur entbehrt vielleicht mancher mehr, als er müsste. ;)


    Gruß und schönes Wochenende wünscht
    Anti

  • Ziel und Aufgabe der Musik?


    Das hängt wohl zuerst davon ab, welche Ziele und welche Bedeutung der Komponist seinen Werken beimißt, und dann, welche Erwartungen der Hörer an die Musik hat. Mal geben Kühe mit Musik mehr Milch. mal steigert die Musik den Umsatz im Kaufhaus, und mal wird jemand von einer Musik so ergriffen, daß er sein ganzes Leben ändert.


    Ravel hat seinen "Valses nobles et sentimentales" ein Zitat von Henri de Régnier vorangestellt:


    ...le plaisir délicieux et toujours nouveau d'une occupation inutile


    Ist doch auch eine schöne Begründung für's Musikmachen und Musikhören... :)

  • Zum Thema "Zeitgenössische Musik", insbesondere Schönberg



    Mir geht's komischerweise so, daß ich beim Hören von Schönberg-Stücken oft denke: wenn's nur nicht so altmodisch klingen würde!
    Vieles von Bach, Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms klingt auch heute noch für mich supermodern. Das Verfallsdatum von Schönberg scheint mir dagegen oft schon überschritten. Ich will da ausdrücklich die Klavierstücke op.19 ausnehmen, die sind nämlich wirklich sehr frech, teilweise direkt unverschämt. Aber im Großen und Ganzen ziehe ich heute Strawinsky vor.

  • Heinz,
    Deine Aussage:
    Vieles von Bach, Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms klingt auch heute noch für mich supermodern
    ----------------------------------------------------------------------------
    Zumindestens sind die Bachschen Kompositionen für die Ewigkeit bestimmt, sie werden verjazzt,immer mehr internationaler angewendet und in neuere Musikinterpretationen gespielt, dass läßt sich mit Bach seiner Musik großartig umsetzten.


    Zum Bachjahr 2002 in Leipzig trat eine Jazzgruppe mit Bachvertonungen auf. Ein Ohrwurm jagte den nächsten und wieder einmal war klar: Der große Meister hat Melodien für die Ewigkeit geschrieben.
    Die Melodien versetzten das Publikum in einen wahren Bach-Jazz-Zauber.
    Bachs Kompositionen wurden übernommen und wunderbar in eine Jazz-Improvisation gespielt.


    Jazz-CD sind ebenfalls erhältlich: z.B.




    Herzliche Grüsse
    reklov29

    Bach ist so vielfältig, sein Schatten ist ziemlich lang. Er inspirierte Musiker von Mozart bis Strawinsky. Er ist universal ,ich glaube Bach ist der Komponist der Zukunft.
    Zitat: J.E.G.

  • Das wichtigste Kriterium für mich ist Sinnlichkeit,
    so wie auch andere hier schon geschrieben haben, muß mich die Musik emotional mitreißen, aber ich würde mich nicht nur darauf festlegen.
    Ab und zu will ich auch einfach nur Zerstreuung oder aber was für den Verstand.
    Auch wenn man es mir vielleicht nicht zutraut beschäftige ich mich auch mit zeitgenössischer Musik. Natürlich ist es schwer den Einstieg zu finden, weil vieles so ganz anders ist als man es gewohnt ist, doch versteht man irgendwann die ästhetischen und philosophischen Grundsätze die hinter diesen Kompositionen stehen kann man diese Musik lieben lernen.
    Allerdings gibt es auch vereinzelte Künstler denen ich einfach nichts abgewinnen kann. Ligeti ist so ein Fall, als Mensch - zumindest wie ich ihn mitbekommen habe - absolut interessant doch seine Musik finde ich (bis jetzt) unerträglich. Stockhausen, Rhim, Cage mag ich sehr aber ich finde es sehr schade, dass diese Musik kaum im Bewusstsein der Leute ist. Naja das bin ich ja mit meinen "Geschmäckern" gewohnt :D .


    Was ich scharf verurteile ist die Wertigkeit bestimmter Musik die immer noch betrieben wird. Nur weil etwas als "Gebrauchsmusik" oder "Auftragswerk" deklariert wird, hat das doch nicht zwangsläufig zur Folge, dass das Werk weniger gut oder wert ist. Bei solchen Äußerungen bekomme ich Agressionen :evil:


    Das wirkliche Ziel der Musik ist aber vielleicht ein anderes.
    Ich stelle jetzt mal eine kühne These auf:
    Die Kunst in welcher Form auch immer, ist das Einzige was uns wirklich vom Tier unterscheidet, sie macht uns erst zum Menschen.

  • Zitat

    Original von reklov29
    Zumindestens sind die Bachschen Kompositionen für die Ewigkeit bestimmt, sie werden verjazzt,immer mehr internationaler angewendet und in neuere Musikinterpretationen gespielt, dass läßt sich mit Bach seiner Musik großartig umsetzten.



    Hallo reklov,


    vielleicht haben wir da ja ein unterschiedliches Verständnis darüber, was die "Modernität" eines Musikstücks ausmacht. Ich hab im Prinzip nichts dagegen, Bachstücke zu verjazzen, aber das ist es nicht, was ich mit "modern" meine. Ich mag zum Beispiel Stücke wie die Gigue aus der 5. Englischen Suite, die Gigue aus der 6. Engl.Suite, die Corrente aus der Partita I für Violine solo, das Preludio der Partita III für Violine solo, die meisten zweistimmigen Inventionen. Ich kann nichtmal genau erklären, was daran so modern ist, muß wohl mit rhythmischen und melodischen Eigenwilligkeiten zusammenhängen.


    Ob Bach bewußt "für die Ewigkeit" komponiert hat, weiß ich nicht. Jedenfalls hat er gegen die Erwartungen seiner Hörer ankomponiert, und erstaunlicherweise funktioniert das auch heute noch, trotzdem sich unser Gehör durch Wagner, Mahler, Schönberg und Strawinsky schon an einiges gewöhnt hat.


    Gruß
    Heinz

  • Dem kann ich nur zustimmen, Wenn ich die späten kammermusikalischen Stücke von Schubert und von Beethoven höre, bin ich auch nach langjähriger Vertrautheit noch immer wieder beeindruckt von der Modernität und vor allem Radikalität im Ausdruck.


    Da gibt es keine Beliebigkeit oder Langeweile, die ich zum Teil bei zeitgenössischer Musik empfinde. Oftmals Hochspannung, gewagter radikaler Ausdruck (Pausen, die sich als morendo unmittelbar mitteilen). Das ist für mich authentisch und irgendwie auch zeitgenössisch (es ist für mich aktuell), obwohl um 180 Jahre alt.


    Schon eine sonderbare Empfindung. Da wurde ohne Rücksicht auf Hörgewohnheiten Neues gewagt und das ist heute noch nachzuspüren.


    Gruß


    Matthias

    Tobe Welt, und springe,
    Ich steh hier und singe.

  • @Alfred
    Die ursprünglichen Aufgaben diverser Musikarten waren ja zunächst durchaus unterschiedliche, Im MA zur "Ehre Gottes", ab der Renaissance "zur Erbauung, Zerstreuung und Repräsentation, bei Bällen etc. Im Barock "zu Ehre des Fürsten",


    Bach schreibt einmal in einer Vorrede: die Stücke seien "zur Ehre Gottes und zur Recreation des Gemüts"
    also zwei Fliegen auf einen Schlag
    muß erst nachsehen, wo das Steht...


    lg
    Wolfgang

    Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
    (frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)

  • Bach hat es sogar noch präziser auf den Punkt gebracht:


    DEM HÖCHSTEN GOTT ALLEIN ZU EHREN !
    DEM NÄCHSTEN; DRAUS SICH ZU BELEHREN :D

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Salut,


    der Vollständigkeit halber:


    ...damit dieses eine wohlklingende Harmonie gebe zur Ehre Gottes und zulässiger Ergötzung des Gemüts und soll wie aller Musik Finis und Endursache anders nicht, als nur zu Gottes Ehre und Recreation des Gemüths sein. Wo dieses nicht in acht genommen wird, da ist’s keine eigentliche Musik sondern ein teuflisches Geplärr und Geleyer.


    (Johann Sebastian Bach)




    Cordialement,
    Ulli


  • Bester Alfred - sie muß SCHÖN sein.... :yes:


    Liebe Grüße


    Bettina und Wilfried


    PS: Irgendwie hat das jetzt mit dem Text nicht so gänzlich funktioniert - wie wir uns das gedacht haben - hoffen, es kommt trotzdem deutlich rüber :hello:

  • Grade noch erwischt !


    Soeben wollte ich einen Tread dieses Themas eröffnen - da hab ich dieses Mauerblümchen gefunden, welches nun schon seit fast zwei Jahren den Dornröschenschlaf schläft und seiner Wiederbelebung harrt:


    Alles - oder zumindest vieles - hat einen Auslöser -, bzw Anstoß, so auch die Weiterführung dieses Threads.


    In einem anderen Thread über ein anderes Thema wurde mein Vorwurf, die moderne Musik nähme keinen Bezug auf das Publikum, folgendermaßen entkräftet:


    Zitat

    Bezug nimmt sie schon immer mal wieder - auch z.B. wenn sie irritieren will.


    Ich gebe zu, daß mich diese Begründung einigermaßen verwirrt - und viele Fragen aufwirft.


    Hier nur einige Kostproben:
    In welchen Epochen - das 20. jahrhundert mal ausgenommen - wurde Musik geschrieben um das Publikum zu irritieren ??


    Ist das überhaupt zielführend, und falls ja : warum ??


    Glaubt irgendjemand, daß Musik mit dieser Zielsetzung auch nur die geringste Überlebenschance hat ?


    Was ist ÜBERHAUPT Sinn der Musik (Siehe den Titeld dieses Threads)?



    Welche Zielgruppe soll irritiert werden, bzw wird sie überhaupt bereit sein eine Eintrittskarte bzw, eine CD zu kaufen ?


    Die Frage anders gestellt: Welches sind Eure Motive klassische Musik zu hören? Wollt ihr "irritiert werden "


    Ich kenne VIELE Gründe klassische Musik zu hören - aber darüber später....


    mfg
    aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Ja. Ich will.


    Laut Duden für irritieren unter anderem: reizen, erregen, verunsichern, verwirren, beunruhigen oder auch stören.
    Ja, wenn das so ist, möchte ich von Musik auf jeden Fall irritiert werden. Vielleicht nicht permanent. Aber wenn ich die Begriffe so anschaue, liefe das Gegenteil ja darauf hinaus, vor allen Dingen beruhigt zu werden; das wäre auf Dauer wohl arg langweilig und wenig anregend.


    :hello:


    Gruß, l.

  • Nein wir nicht.


    Hallo Ihr Lieben,


    gereizt, beunruhigt, gestört, erregt und verunsichert werden wir den ganzen Tag. Da soll die Musik den Gegenpol schaffen. Musik muß (für uns) schön sein, kann traurig sein. Aber irritierend? Neeeeeee...


    :hello:


    Liebe Grüße


    Bettina und Wilfried

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt


    Die Frage anders gestellt: Welches sind Eure Motive klassische Musik zu hören? Wollt ihr "irritiert werden "


    Ich kenne VIELE Gründe klassische Musik zu hören - aber darüber später....


    Um die Frage gleich zu beantworten: Ja, gelegentlich will ich auch "irritiert" werden. Warum? Folgende Situation: Ich höre eine Komposition, die ich noch nicht kenne. Und beim ersten Hören stellt sich keine spontane Begeisterung ein, vielleicht bin ich nach dem ersten Durchgang auch erst einmal befremdet. Aber gerade diese Empfindung animiert mich dann, (oft) mich weiter mit dieser Musik zu beschäftigen. Natürlich, es gibt auch Musik zu der man auch nach hundert Versuchen keinen Zugang gewinnen mag. Aber die "Irritation" kann ein wertvoller Impuls sein.


    Herzliche Grüße,:hello: :hello:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Ich weiß nicht zum wievielten Mal das durchgekaut wird...
    Der größte Teil der Musik, die wir im weiteren Sinne als klassisch bezeichnen, wurde NICHT zur Entspannung für Leute nach einem anstrengenden 8, 10 oder mehrstündigen Arbeitstag am Band, im Büro oder sonstwo geschrieben. Sondern teils für Zeremonien, Gottesdienste usw., wo man damals recht viel Zeit hatte oder eben hauptsächlich für die Klasse derer, die keiner anstrengenden Arbeit nachgehen mußten ("leisure class"). Das spricht selbstverständlich nicht dagegen, dass sie auf intelligente Weise unterhalten soll. Aber sie dient nicht bloß der Zerstreuung und Entspannung für von der Arbeit ausgelaugte Menschen des 20. oder 21 Jhds.
    Und natürlich hat sie von Anfang an Menschen mitunter irritiert und verstört, wenn z.B. schon im Mittelalter in satirischen Texten den Regierenden ein Spiegel vorgehalten oder Mißstände karikiert wurden usw.
    Wenn auf einmal Intervalle zusammenklingen, die bisher als "verboten" galten etc.
    Das ist aber kein Widerspruch zum "Schönsein". Es steht für mich außer Frage, dass etliche Opern Mozarts, besonders Figaro, Don Giovanni, Zauberflöte sehr enge zeitpolitische Bezüge aufweisen. Die sind jedoch offensichtlich so verpackt, dass sie nicht als platte Demonstration rüberkommen. Aber die Zeitgenossen hätten blind und taub sein müssen, um sich dort nicht wiederzufinden, entweder als Adlige, deren Untergang besiegelt ist, wenn sie sich nicht an die neue bürgerliche Welt anpassen oder als aufstrebende Bürger. (Das ist selbstverständlich nur ein Aspekt dieser Werke, sie erschöpfen sich nicht in solch einer relativ simplen "message).


    Auf einer etwas abstrakteren Ebene wird musikalische Irritation von einem kundigen Publikum sogar verlangt, weil sonst Langeweile droht. Jede Neuheit und Originalität birgt immer die Gefahr der Irritation, aber natürlich auch die Chance der vorher ungeahnten Faszination.
    Und bloß, um zu irritieren, wird m.E. auch im 20. Jhd. nur sehr wenig Musik geschrieben, aber das wird natürlich in Kauf genommen, um das gesetzte künstlerische Ziel zu erreichen. Mozart schrieb gewiß nicht das Dissonanzenquartett oder Beethoven die Große Fuge, um der Irritation willen. Die war aber unvermeidlich (bei gewissen Teilen des Publikums).


    Wieder mit einem platten Beispiel: Das ist so ähnlich wie ein Meisterkoch sich u.a. dadurch auszeichnet, dass er Zutaten und Gewürze neuartig kombiniert. Das schmeckt dann erstmal nicht wie bei Muttern und man ist irritiert.
    Wenn wir uns aber geschmacklich nie auf was Neues eingelassen hätten, wären wir heute noch beim Babybrei. Bei der Musik beschränken sich viele Hörer seltsamerweise auf Babybrei, Zuckerwatte, Rührkuchen und Limo in je 20 verschiedenen Geschmacksrichtungen, weil Knoblauch, Whisky oder Ziegenkäse so irritierend schmecken. Das wäre ja noch o.k. und bloß deren Verlust, wenn daraus nicht gefolgert würde, dass Rosenkohl und Gorgonzola gesundheitsschädlich wären, und die Köche lieber Milchbrei mit Mokkageschmack entwickeln sollten, denn das würde doch sicher lecker schmecken. :D


    Tuff-täh! Narrhalla-Marsch, Herr Hofkapellmeister, denn hier paßt's...


    JR (Faschingshasser)

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Das ist eine sehr schwere Frage , die ich nur allgmein beantworten kann. Ziel und Aufgaben der Musik kann M.E. nur individuell beantwortet werden. Jeder sieht einen anderen Sinn, jeder empfindet anders. Wenn Lullist schreibt es ist Sinnlichkeit, kann ich ihn in soweit zustimmen, dass bei mir nur ein bestimmter Komponist, diese Sinnlickeit auslöst.Bei Lullist ist vieleicht wieder ein anderer. Die Musik in ihrer Gesamtheit löst also bei mir kein Wohlbefinden aus, sondern nur bestimmte Komponist.
    Die Antworten drücken eine Vielzahl von Empfindungen und damit auch Zielen und Aufgaben aus.
    Musik, die Studenten in einem Konservatorium lehrnen, hat ein anderes Ziel, als wenn ich Musik höre und mich entspannen möchte.
    Bei den Studenten ist es das Erreichen einer Prüfung, bei mir aber die Entspannung.
    Da die Musik zwei Elemente und zwar das akustische Material und die geistige Idee enthält, bleibt vielen die geistige Idee der Musik verborgen, es ist oft nur eine akustische Wahrnehmung, wobei die Ziele und Aufgaben im Dunkel bleiben.
    Padre

  • Interessant, daß hier erneut der Versuchunternommen wird, die irritation zu verteidigen - um das ging es gar nicht in diesem Thread - zumindest nicht vordergründig.


    Zunächst aber DOCH meine Replik auf J.R. Ausführungen:


    Irritation ist IMO ein Negativbegriff - kein stimulierender.
    Es kann was Neues gebracht werden, was BEGEISTERT. Heutzutage jedoch - und nicht nur in der Musik - muss man sich vor Neuem geradezu fürchten.


    Egal ob Hifi-Verstärker, Herrenanzug, oder Möbel - alles ist spartanischer, hässlicher, kurzlebiger, aber nicht billiger geworden. Und wenn man räsoniert, dann meint der Anbieter (oder wer auch immer) man müsse mit der Zeit gehen, und müsse "über den Tellerrand" blicken etc bla bla...


    Ich wäre sicher "neuer" Musik aufgeschlossen, welche ein "klassisches" Konzertpublikum dazu bringt - am Ende geschlossen aufzustehen und begeistert "standing Ovations" zu spenden.


    Und hier bin ich wieder beim Thema - das zwar einen Seithieb auf die Moderne durchaus zulässt - aber nicht explizit verlangt oder gar beinhaltet.


    Musik sollte "erfreuen", eine "erhabene Stimmung " aufbauen, "entspannen" oder "Jubel" erzeugen, auch eine süsse Melancholie wird von einigen akzeptiert, Süssliches wird heutzutage gerne als "Kitsch" verteufelt, man vergisst aber die Tatsache, daß solche Stücke, als sie geschrieben wurden, durchaus reale, echte, wenngleich oft exaltierte Gefühle ausdrückten.


    Daher muß solche Musik aus historischer Sicht gesehen - und genossen werden - museal.
    Immerhin ist hier das Wort "Muse" enthalte, somit kann dieser Betrachtungsansatz so falsch nicht sein. Ich betrachte derzeit "klassische Musik" als museal - und das ist einer ihrer entscheidenden Vorteile - die eins aktuellen Bezüge sind dahin - was bleibt ist die Musik.
    Unter diesem Aspekt kann ich auch "Schlachtengemälde" wie Beethovens "Wellingtons Sieg" völlig losgelöst von den blutigen Ereignissen sehen. Ich bin - das weiß hier jeder - historisch interessiert - und informiert - aber ich habe zu den sogenannten "menschlichen" Dimensionen dieser Begebenheiten keinen Zugang mehr - sie sind Geschichte, hochinteressant zwar , aber emotionell (gottseidank!!) nicht mehr bewegend.


    Ich bin der Meinung, daß Musik an sich unpolitisch und zeitlos sein sollte - und es zum grössten Teil auch ist. Das Publikum ist das Maß aller Dinge - Für das Publikum - und nur für das Publikum sollte Musik geschrieben werden. Es ist - auch wenn dies vielen ein Dorn im Auge ist - das Maß aller Dinge....


    mfg
    aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Also "museal" hat doch mit "Entspannung" schon rein gar nichts zu tun. Gehst Du ins Museum, um Dich zu entspannen? Nicht überall gibt es so bequeme Sofas wie im Kunsthistorischen Museum, wo man immer so schön die Touristen beim Schlafen beobachten kann.
    :baeh01:


    Und natürlich bedeutet "Irritation" nicht "Verar...ung". Dass ich mich als Vertreter der Neuen Musik liebend gerne durch Bilder von Goya irritieren lasse, ist ja klar. Und irritationsfreie Goya-Zeitgenossen wie etwa Lampi sehe ich zwar auch gern, empfinde es aber beinahe als mühsam, das Interessante an seinen Bildern zu finden ...

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Ich bin der Meinung, daß Musik an sich unpolitisch und zeitlos sein sollte - und es zum grössten Teil auch ist. Das Publikum ist das Maß aller Dinge - Für das Publikum - und nur für das Publikum sollte Musik geschrieben werden. Es ist - auch wenn dies vielen ein Dorn im Auge ist - das Maß aller Dinge....


    Meiner Meinung nach ist das Publikum - aus der Sicht des Komponisten - keineswegs das Maß aller Dinge. Ein Künstler sollte ein Werk in erster Linie aus einem persönlichen inneren Bedürfnis heraus schaffen. Zwar sollte er dabei ein mögliches Publikum nicht aus dem Auge verlieren, aber wer sagt denn, daß es ein zeitgenössisches sein muß? Publikum ist ein Begriff, der eine sehr heterogene Gruppe bezeichnet. Wer allen gefallen will, gefällt am Ende niemandem.


    Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Musik sollte "erfreuen", eine "erhabene Stimmung " aufbauen, "entspannen" oder "Jubel" erzeugen, auch eine süsse Melancholie wird von einigen akzeptiert, Süssliches wird heutzutage gerne als "Kitsch" verteufelt, man vergisst aber die Tatsache, daß solche Stücke, als sie geschrieben wurden, durchaus reale, echte, wenngleich oft exaltierte Gefühle ausdrückten.


    Das ist - wir haben schon öfter darüber diskutiert - ein verkürztes Kunstverständnis. Musik soll und kann das alles zwar, aber sie erschöpft sich bei weitem nicht darin. Warum ich darauf verzichten soll, mich von Musik oder Kunst erschüttern, aufwühlen, zum Nachdenken anregen, ja selbst irritieren zu lassen, vermag ich nicht zu erkennen.

  • Tag,


    gefragt, was ist Ziel und Aufgabe der (klassischen) Musik durch die Jahrhunderte, und dann auch geantwortet: das Publikum sei Alles? Nein, niemals. Weil: Das Publikum ist ein sehr gemischter Pudding.


    Dann lasse man Musik wahrhaftig als offene Frage stehen.


    Freundlicher Gruß
    Albus