Konzertbesuche und Bewertung

  • Dennoch hätte ich mir vom Orchester etwas mehr Flexibilität, etwas mehr Nachgeben und neues Luftholen bei Phrasen-/Abschnittsanfängen gewünscht, damit es nicht auf dieses angestrengt wirkende Dauerfortissimo ohne Punkt und Komma (das ist jetzt eine Übertreibung) hätte hinauslaufen müssen.

    So ganz verkehrt ist der Eindruck wohl nicht: Einem meiner Bekannten kam der erste Teil (Tannhäuser und Tristan) nach seinen Worten ebenfalls etwas "ohne Punkt und Komma" durchmusiziert vor.

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

  • Eine beträchtliche Enttäuschung erlebte ich heute, als ich am Kleinen Saal der Elbphilharmonie eintraf: Es gab eine Programmänderung. Dabei hatte ich mich auf den bunten Liederabend mit McFadden (Sopr.) und Melnikov (Klav.) im Rahmen der Reihe neues werk enorm gefreut. Leider war McFadden erkrankt.


    So hörte ich heute als Ersatzprogramm vor der Pause "Black angels" von George Crumb, dargebracht von einem Streichquartett aus Mitgliedern des NDR Elbphilharmonie Orchesters (Sono Tokuda, Julius Beck, Jan Larsen, Fabian Diederichs) und nach der Pause ein Klavier-Recital vom ursprünglich als Duo-Partner vorgesehenen Alexander Melnikov.


    Zu den schwarzen Engeln Crumbs bekam ich kaum eine zufriedenstellende Rezeptionshaltung hin. Es gab da ein paar lautmalerische Stellen, die mir reizvoll erschienen, insgesamt kam ich aber mit der Musiksprache, die uns zuvor vom Bratscher Larsen ein wenig erläutert und vom Quartett exemplarisch demonstriert wurde, nicht gut zurecht. Zum Vortrag der Interpreten möchte ich eh nichts sagen, da ich zwei von ihnen mehr oder weniger gut kenne, aber mir fehlte heute das Gespür/das Verständnis für die Qualität des Stücks. Das etwas spärlich erschienene Publikum war offenbar angetan, und es gab freundlichen Applaus nebst einigen Jublern und Tramplern.


    Nach der Pause dann Alexander Melnikov. Auch er zunächst mit erläuternden Worten, nämlich zu Alfred Schnittkes "Improvisation und Fuge für Klavier" (1965). Dieses Stück erreichte mich wiederum sehr direkt. Melnikov hier noch zuweilen mit einem etwas "verhuschten" Anschlag, aber ansonsten über den Dingen stehend mit einem heute insgesamt vortrefflichen Sinn für die Architektur der Musik.

    Es folgten vier Präludien und Fugen von Schostakowitsch, op.87 (G-Dur, e-Moll, A-Dur, fis-Moll), die eine erfreuliche Einheit ergaben. Ganz wunderbar ist mir in Erinnerung, wie extrem bezwingend die e-Moll-Fuge aus dem Präludium hervorging. Beim Schostakowitsch gewann auch Melnikovs Anschlag endgültig an Substanz bei schnelleren Tonfolgen.

    Es folgte schließlich noch Prokofjews Klaviersonate Nr.6, A-Dur op.82, die ich sehr überzeugend fand - Melnikov suchte nicht die Extreme, wurde nie brachial oder verlor sich in Einzelbetrachtungen. Es war der berühmte rote Faden, den er so sinnfällig spann, dass die Sonate am Schluss in einer Art klaren Gesamtheit vor mir stand, obwohl ich sie nicht gerade gut kenne. Besonderes Highlight: der zweite Satz, den ich bislang kaum auf dem Schirm hatte. Exzellent musiziert, ein Vortrag von ebenso großer Klarheit wie lebendiger Gestaltung. Viel Applaus (+Zugabe) - und für mich ein insgesamt versöhnliches Konzert.

  • Liebe Konzertgänger,


    heute Nachmittag (Beginn 15.00 Uhr) im großen Saal des Mozarteums in Salzburg im Rahmen der Mozart-Woche:


    WA Mozart


    Triosonate G-Dur KV 496

    Klaviertrio B-Dur KV 502

    Klaviertrio G-Dur KV 564


    Daniel Barenboim, p

    Michael Barenboim, v

    Kian Soltani, v’cello


    Eine musikalische Sternstunde ! Daniel Barenboim präsentierte den Klavierpart symphonisch. Wunderbares Herausarbeiten der Polyphonie. Sein Sohn und Kian Soltani fügten sich harmonisch und tadellos ein.




    LG und gute Nacht


    Siamak

  • Hallo!


    Am Sonntag durfte ich gemeinsam mit der besten Ehefrau von allen einem Konzert des Heilbronner Sinfonie Orchesters beiwohnen.


    Das Programm hatte in seiner Bandbreite etwas von einer Leistungsschau:


    Sergej Prokofieff: Symphonie classique

    W. A. Mozart: Oboenkonzert KV 314


    Maurice Ravel: Le Tombeau de Couperin

    Franz Schubert: Sinfonie Nr. 6


    Mit beeindruckender Leichtigkeit unter der sichtlich guten Laune des Dirigenten Alois Seidlmeier (v.a. beim ersten Werk) war es ein Vergnügen, dem Orchester und im Oboenkonzert dem Solisten Jean-Jacques Goumaz zuzuhören. Eine Musik wie klares Wasser. Interessant dabei auch das Mozart-Konzert mit der originalen Solostimme der Oboe und nicht wie sonst üblich mit Flöte zu hören.


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    Beim Tombeau gelang es dem Dirigenten mit seinem Orchester hervorragend die "Pastelltöne" des Werkes in einem herrlichen Klangteppich zu präsentieren. Sehr akkurat und forsch Schuberts 6te zum Schluss.


    Ein rundum gelungener Abend, der uns durch Operus ermöglicht wurde.

    Dafür vielen Dank dafür (und Gruß an die Gattin)

    WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Lieber Woka,

    danke für Deine rasche Besprechung des Konzerts vom Sonntag Abend. Mein Eindruck lieg ganz auf Deiner Linie. Besonders Prokofieffs "Symphonie classique" fand ich mit bestechender Klarheit und wundervollem Klang gespielt. Für mich eine Sternstunde des Orchesters und Dirigenten.


    Liebe Grüße auch an die beste aller Ehefrauen

    herzlichst

    Operus (Hans)

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Heute im Gedenkkonzert in der Semperoper –

    Konzerte zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens am 13. Februar 1945, seit 68 Jahren Tradition.

    1951 dirigierte Rudolf Kempe (damaliger Generalmusikdirektor und Chefdirigent der Staatskapelle Dresden) zum ersten Mal ein Gedenkkonzert an jenem Tag – das Requiem von Verdi.

    Die Konzerte finden jeweils am 13.02. und 14.02. statt.


    Diesjähriges Programm:

    Antonín Dvořák - »Stabat mater«


    Christoph Eschenbach - Dirigent

    Venera Gimadieva - Sopran

    Elisabeth Kulman - Alt

    Pavol Breslik - Tenor

    René Pape - Bass


    Sächsischer Staatsopernchor Dresden (13., 14. Februar)

    Das Konzert findet am morgen noch einmal in der Frauenkirche statt, dann mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks.

  • Etwas verzögert hat sich mein Bericht eines kürzlichen Orchester- und Solistenkonzertes im grossen "Harmonie"- Saal in Heilbronn (Th.- Heuss- Saal)

    Heilbronner Sinfonie Orchester - Konzertreihe 2018/2019

    5. Konzert | Konzertreihe 2018/2019

    Sonntag, 24. März 2019

    TAUSENDUNDEINE NACHT


    Konzert- und Kongresszentrum Harmonie Heilbronn

    Theodor-Heuss-Saal

    Beginn: 19:30 Uhr

    Dirigent: Alois Seidlmeier

    Solist: Friedemann Eichhorn, Violine


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    Operus hat mich gebeten, ein paar Zeilen darüber zu schreiben, was ich gerne tun will. Zunächst, freie Plätze waren so gut wie keine mehr vorhanden. Das Orchester macht einen recht jungen, konzentrierten und engagierten Eindruck, unter der Stabführung seines inzwischen sehr geschätzten und beliebten Dirigenten A. Seidelmeier.


    Es wurden folgende Werke gespielt:


    - Sheherazade (Ouverture de feerie) (1898) von Maurice Ravel 1875 - 1937


    -1001 Nights in the harem -- Violinkonzert op. 25 (2007) von Fazil Say (* 1970), Solist: Friedemann Eichhorn, Violine


    - Sheherazade -- sinfonische Dichtung op. 35 (1888) von Nikolai Rimski- Korsakow (1844 - 1908)



    Das erste Werk, von Ravel als 23 Jährigem komponiert, zeigt schon die fast unverwechselbare Klangwelt dieses Komponisten, bleibt aber deutlich zurück hinter den bekannteren und teils enorm eindrucksvollen oder aber vielschichtig bis in äusserste Differnzierung hineinentwickelte Harmonik, besser gesagt Klanglichkeit und Rhythmik.


    Das nun folgende Violinkonzert Fazil Say`s, den wir mehr als türkischen Pianisten mit konkreten politischen Ansagen und weltweitem Auftreten denn als Komponisten kennen, ist eine ziemlich inhomogene, grosse Komposition, der man mit ungeduldiger Erwartung und Interesse begegnet. Und die wurden keineswegs enttäuscht. Gleich zu Beginn stellen sich die zurückhaltend agierenden türkischen Trommeln mindestens drei verschiedener Bauarten vor. Wenn Streicher und Holzbläser dazukommen, bekommen wir ein ausgewogenes Hörbild mit - wie ich meine - attraktiven Ausschlägen nach oben und unten. Es entwickeln sich nun teils ungewohnte melodiöse Linien, die sehr sang- und summbar sein können, aber nicht müssen. Das melodische Material scheint plausibel, poppig, vielleicht sogar trivial im einem musikästetischen und/oder stilistischen Sinne. Häufig sind Klangteppiche seitens der Streicher und Holz und Blechbläser, häufig ist aber auch der Verzicht auf rhythmische Betonung des orchestralen Apparats, der quasi im Untergrund das Ganze sachte und wie selbstverständlich vorwärts treibt.

    Vielleicht darf oder soll Musik aus (für uns) unbekannten Ecken dieser pluralen Welt sich so anhören, wie wir`s eben nicht gewohnt sind. Sie darf uns gerne überraschen, interessieren und Antworten schuldig bleiben. All die vorangegangenen Tage seit dem Konzert hat mich umgetrieben, wie der Solist Friedemann Eichhorn (* 1971 in Münster) sich wohl in dieses Violinkonzert einbringen konnte. Sein Part und Spiel erschien mir sowas wie Neuland, Entdeckungsreise, Lust an seinem Instrument, Lust am Ausprobieren, natürlich auch am Risiko, Interesse an Resonanz und Meinungen.


    Schliesslich, nach der Pause, erklang das Hauptwerk des Abends, die Scheherazade von Rimski- Korsakow. Bereits als junger Student habe ich es wenige Male gehört und "abgeurteilt", kam gleich nach "Les Preludes" von Liszt. Scheinbar hörte man auch eine abgekürzte Fassung im Radio, ich glaube auch auf einer DGG- Mono- LP war das Stück nicht komplett. Jetzt war ich gut beraten, mal konzentriert im Konzert zuzuhören. Natürlich war das viel, viel besser als ich in der Erinnerung behalten hatte.

    Was ich nun hörte, war eine unglaubliche Entfaltung einer von Anfang gleichermassen einfach klingenden wie im Verlauf immer komplexer variierenden Akkord- bzw. Harmoniefolge , mit zunächst sparsamen, dann immer reichhaltigeren Nebenlinien (Rimski- Korsakow hatte einige Jahre lang eine Professur für Komposition und Instrumentierung am Moskauer Konservatorium:; und in ganz kurzer Zeit eine Reihe von Schülern, aus heutiger Sicht ein Who is Who der damaligen russischen Musikszene). Ich bin froh, heute gegenüber den 1970er Jahren eine gewisse Reife erlangt zu haben, fähig genug diese Musik differenziert - um Konzentration bemüht- zu hören, ihre reale Entwicklung zu geniessen, aber auch weitere mögliche Entwicklungen zu erahnen.


    Die vier Sätze beschreiben in anschaulichen Worten die wichtigen Episoden des Werks.

    "Das Meer und Sindbads Schiff" "Die Geschichte vom Prinzen Kalender" "Der junge Prinz und die junge Prinzessin" "Fest in Bagdad - Das Meer - Das Schiff zerschellt am Magnetberg".


    Während andere Programmmusik deutscher oder ähnlicher Provenienz ab dem 19. Jh. das literarische Programm eher zu verbergen und abstrahieren sucht, ist man hier von programmatischen Begriffen und Assoziationen nur so umgeben und animiert, eine Entwickung der letzten Jahrzehnte zu spüren und hinzunehmen oder anzuerkennen. Es habe etwas mit "fallenlassen" zu tun... (stammt von meiner besseren Hälfte)


    Wunderbare Musik. Ja, zum Träumen ....


    (dass es grausig ausgeht, ist bei Tausendundeiner Nacht und ähnlichen orientalischen Stoffen das offensichtliche Faktum). Das Schöne ist auch, dass bei aller thematischer Undeutlichkeit des Konzertabends das "Feeling" sehr ausgeprägt" schien.


    Zuallerletzt und bedeutungsvoll ist, dass Alexia Eichhorn heute als neue Satzführerein bei den Violinen des HSO agiert hat. In der obigen Scheherazade

    spielte sie den Part der Solovioline im vierten Satz: grossartig !!!



    MlG

    D.

  • Lieber Jochachim,

    Tausend und einmal Dank für Deine ausgezeichnete, kompetente, tiefschürfende Besprechung des Konzertes "Tausendundeine Nacht" des Heilbronner Sinfonie Orchesters. Selbstverständlich kann ich nur alles unterstreichen und verstärken, was Du geschrieben hast, weil Du den Nagel auf den Kopf getroffen hast. Dies bestätigt auch, dass die bisher erschienenen Presseberichte im Trend Deiner Meinung sind. Es war in der Tat ein großer Konzertabend. Auch Ingrid und mich treibt immer noch die ungewöhnliche, zum Teil fast artistische Leistung an, die Friedemann Eichorn aus seiner Geige herauszauberte. Auch durch die zum Teil ungewohnten Klänge der Komposition ging diese Interpretation enorm intensiv unter die Haut. Von allen das Konzert besuchenden Musikfreunden, denen es offenbar ähnlich ergeht, höre ich Kommentare wie sensationell, unglaublich, umwerfend...

    Also nochmals vielen Dank. Übrigens ist an Dir ein Kriitiker verloren gegangen!

    Liebe Grüße auch an Deine Frau

    Herzlichst

    Hans

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!