Dietrich Fischer Dieskau - eine Referenz

  • Dietrich Fischer - Diekau ist wohl einer der Sänger, dem man alles glaubt, weil er wie Elisabeth Schwarzkopf hochintelligent ist.


    Selbst den Papageno bringt er so natürlich und es heißt was, wenn ich einen anderen Bariton hier lobe, weil ich ein Erich Kunz Fan bin.


    Leider hat er sehr wenig in Wien an der Staatsoper gesungen, was ich weiß, den Falstaff - Verdi,


    aber Liederabende gab es, und er war immer blendend im Ausdruck.


    Sein sympathisches Wesen machte ihn rasch beliebt, und die DG nahm ihn ja in den 50er Jahren zu ihrem "Hausbariton",


    Ich habe ihn noch als Tell von Rossini und da ist er blendend.


    Liebe Grüße an Euch alle Peter aus Wien.

  • Die frühen Liederzyklen schätze ich immer noch, obwohl es stimmt, dass sich Fischer-Diskau hier einige Freiheiten nimmt, wie Edwin hier in diesem Thread schon anmerkte. Als Oratorien-Sänger kenne ich Fischer-Dieskau leider noch nicht, obwohlich mir das schon passend vorstellen kann. Sehr gefällt mir FiDi auch als Henze-Interpret.
    Den späteren Fischer-Dieskau habe ich hingegen immer gemieden, da hier auch für mich seine "Manierismen" und das Deklamatorische unerträglich wurden.


    Neulich habe ich mir aus der Bibliothek doch drei spätere Aufnahmen ausgeliehen.
    1. Schostakowitschs "Suite auf Verse von Michelangelo Buonarotti, op.145 und Aribert Reimann: "3 Poemi di Michelangelo" mir Aribert Reimann am Klavier
    Diese Aufnahme übertraf meine schlimmsten Erwartungen. Schostakowitsch erfordert eher einen Bass-Bariton. Fischer-Dieskau hat so sehr mit den Noten in dieser Tonlage zu kämpfen, dass er zwar zu seinen üblichenManierismen kaum kommt, flüchtet sich aber umso stärker ins Deklamatorische. Einfach gräulich! Die 3 Reimann-Stücke sind nicht ganz so furchtbar, aber auch keineswegs befriedigend.
    Diese Aufnahme, vor der ich aber nur warnen kann, gibt es noch in dieser Box:



    2. Eher als Kuriosum mitgenommen hatte ich FiDi mit Liedern von Hanns Eisler aus der Exilzeit, überwiegend aus dem Hollywood-Songbook, gleichfalls mit Aribert Reimann am Klavier. Das konnte ich mir nun gar nicht gelingend vorstellen.
    Diese wunderschönen Lieder, obwohl teilweise frei "atonal" oder auch zwölftönig, bekommt FiDi zu meiner großen Überrachung aber doch ganz vorzüglich hin. Seine gute Textverständlichkeit kommt diesen Liedern mit ihren bei aller musikalischen Schönheit auch textlichen Bitterkeit sehr zu gute. Betonungen finde ich hier zumindest meistens klug gesetzt. Das Manirierte, obwohl er sich hier noch relativ zurückhält, und Deklamatorische wirkt hier eher "episch" im Sinne des Brechtschen Verfremdungseffekts, ob nun bewußt so intendiert oder nicht, und verhindert, das sein an sich ja sehr schöner, heller Bariton diese Lieder mit ihren bitteren Texten zu schön macht. Diese CD gibt es wohl noch in jetzt dieser günstigen Ausgabe - es müßte eigentlich dieselbe sein, die ich gehört habe:



    3. Sehr überzeugt hat mich auch die Aufnahme von Zemlinskys Lyrischen Symphonie auf DG (1982) mit Julia Marady (Sopran), Lorin Maazel und den Berliner Philharmonikern. In diese üppige fin de sciele - Musik passt FiDi für meinen Geschmack, Julia Marady ist großartig und das Orchester habe ich in allen Feinheiten der Komposition noch nie so deutlich, gut ausbalanciert und mitreißend gehört, verglichen mit andern Aufnahmen dieser Symphonie, von denen ich auch durchaus auch andere gelungene kenne, z.B. mit Beaumont bei Chandos.


    :hello: Matthias

  • Hallo Matthias,


    Zitat

    Original von Matthias Oberg
    Sehr überzeugt hat mich auch die Aufnahme von Zemlinskys Lyrischer Symphonie auf DG (1982) mit Julia Marady (Sopran), Lorin Maazel und den Berliner Philharmonikern.


    Volle Zustimmung! Die Aufnahme klingt allerdings nur in der LP-Version wirklich großartig. Auf CD geht bezüglich des Klangspektrums so einiges verloren.
    Kleine Berichtigung: Die Sopranistin heißt Julia Varády.


    :hello:
    Johannes

  • Im Monat September widmet der ZDF-Theaterkanal dem großen Bariton Dietrich Fischer-Dieskau gleich 3 Sendungen, die mehrfach wiederholt werden. Hier die Termine:


    I) Dietrich Fischer-Dieskau singt Beethoven-Lieder
    begleitet von Gerald Moore
    BR Deutschland 1972
    Regie: Christopher Nupen


    Zitat

    Dietrich Fischer-Dieskau und Gerald Moore arbeiteten über Jahrzehnte gemeinsam an Lied-Interpretationen. Ihre erste Fernsehaufzeichnung galt Beethovens einzigem Lieder-Zyklus „An die ferne Geliebte" nach den Gedichten von dem Brüner Dichter Alois Jeitteles: „Auf dem Hügel sitzt ich spähend", „Wo die Berge so blau ...", „Es kehret der Maien, es blühet die Au", „Nimm sie hin, wenn diese Lieder, die ich Dir, Geliebte, sang ..." und fünf Liedern nach Gedichten von Goethe: „Sehnsucht", „Drei Gesänge" (der Fürstin von Kinsley gewidmet) daraus: „Wonne der Wehmut", „Mailied", „Neue Liebe, neues Leben" und aus „Faust" Mephistos Flohlied.


    Termine im ZDF-Theaterkanal:
    Fr, 04.09.2009 14:00 Uhr(30 min.)
    Mo, 07.09.2009 09:00 Uhr
    Mi, 09.09.2009 14:00 Uhr
    Sa, 12.09.2009 09:00 Uhr
    Do, 17.09.2009 09:00 Uhr
    Mo, 21.09.2009 14:00 Uhr
    Di, 22.09.2009 09:00 Uhr
    Sa, 26.09.2009 14:00 Uhr


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    II) Dietrich Fischer-Dieskau singt Gustav Mahler: "Kindertotenlieder"
    Lorin Maazel dirigiert das Radio Sinfonie Orchester Berlin
    BR Deutschland 1968
    Regie: Helmut Rost


    Zitat

    Gustav Mahlers Zyklus „Kindertotenlieder" ist geprägt von tragischer Vorahnung. Der Grundtenor der Sammlung, das Kind und der Tod, verwandelt sich jedoch gegen Schluss des fünften Liedes in die Melodie eines Wiegenliedes, dessen volkstümliche Einfachheit den Zyklus in tröstlicher Hoffnung ausklingen lässt. Mahler komponierte die ersten drei dieser Lieder im Laufe von zwei Wochen des Jahres 1901, ein Jahr bevor er Alma Schindler heiratete. Die beiden letzten entstanden im Sommer 1904 nach der Geburt seiner beiden Töchter. Alma Mahler empfand die in diesen Liedern ausgedrückte Stimmung als Herausforderung des Schicksals.


    Termine im ZDF-Theaterkanal:
    Fr, 04.09.2009 15:30 Uhr(30 min.)
    Mo, 07.09.2009 10:30 Uhr
    Mi, 09.09.2009 15:30 Uhr
    Sa, 12.09.2009 10:30 Uhr
    Do, 17.09.2009 10:30 Uhr
    Mo, 21.09.2009 15:30 Uhr
    Di, 22.09.2009 10:30 Uhr
    Sa, 26.09.2009 15:30 Uhr


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    und ergänzend hierzu gibt es noch ein Interview:


    III) Dietrich Fischer-Dieskau im Gespräch mit Eleonore Büning
    Deutschland 2000
    (aus der ZDF-Reihe "Zeugen des Jahrhunderts")


    Zitat

    Der Sänger, Musikpädagoge und Autor Professor Dietrich Fischer-Dieskau wurde 1925 in Berlin geboren. Die Mutter war Pianistin, und seine musikalische Begabung wurde früh erkannt. Klavier- und Gesangsunterricht erhielt er bei dem berühmten Musikpädagogen Professor Georg A. Walter. Nach dem Krieg setzte er zunächst autodidaktisch seine Gesangsstudien fort, später bei Professor Weißenborn. Gleich nach dem Studium verpflichtete man ihn als lyrischen Bariton an die Städtische Oper Berlin. Sehr bald begann eine internationale Karriere an allen großen Opernhäusern der Welt. Von vielen Musikkritikern wurde sein Liedgesang noch höher geschätzt als seine sängerische Tätigkeit im Bereich der Oper. Wie kaum einem anderen deutschen Sänger gelang es ihm, die Liedkunst aller musikalischen Epochen populär zu machen. 1993 beendete Fischer-Dieskau seine Konzerttätigkeit nach über 45 Jahren. Er leitet immer noch Meisterkurse im In- und Ausland und ist Professor an der Berliner Hochschule der Künste. Er veröffentlichte zahlreiche musiktheoretische Bücher, in denen er sich vor allem mit den Fragen des Verhältnisses zwischen Liedtext und Musik beschäftigt. Er hat die Gesangskunst in diesem Jahrhundert entscheidend geprägt und zahlreiche Vorschläge gemacht, dieses Kulturgut für die Zukunft zu erhalten. Im Gespräch mit der Feuilleton-Redakteurin der FAZ, Dr. Eleonore Büning, berichtet Prof. Dietrich Fischer-Dieskau über sein Leben und seine musikalische Laufbahn.



    Termine im ZDF-Theaterkanal:
    Fr, 04.09.2009 14:30 Uhr(60 min.)
    Mo, 07.09.2009 09:30 Uhr
    Mi, 09.09.2009 14:30 Uhr
    Sa, 12.09.2009 09:30 Uhr
    Do, 17.09.2009 09:30 Uhr
    Mo, 21.09.2009 14:30 Uhr
    Di, 22.09.2009 09:30 Uhr
    Sa, 26.09.2009 14:30 Uhr


    LG


    :hello:

  • Auch mich hat Fischer-Dieskau sozusagen ab ovo begleitet; seine vierte Winterreise war mein erste, und seine textnahe Art der Liedinterpretation war für mich seither der Maßstab sine qua non.


    Dann kam die süchtigmachende Begegnung mit dem "jungen Fischer-Dieskau", die erste Winterreise, "Ich habe genug", Kurwenal im Furtwängler-Tristan, Beethoven-Lieder mit Hertha Klust, Kindertotenlieder unter Kempe, Zueignung mit Moore, Dichterliebe mit Demus, Ford unter Fricsay mit Metternich als Falstaff usw.


    Diese frühen Einspielungen haben für mich bis heute einen ganz besonderen Rang, ein betörend reiner und sozusagen demutsvoll frommer Ton einer dennoch jugendlich-sinnlichen Stimme. Seine Interpretation der Brahmsschen "Feldeinsamkeit" mit Demus ist ein ausgezeichnetes Beispiel dieser hochspirituellen Art zu singen.


    Die ideale Rolle ist der Wolfram (habe heute, anläßlich des Grümmer-Threads, nochmal in den Konwitschny-Tannhäuser hineingehört). - Aber auch sein Jochanaan ist meisterhaft - im Vergleich zu Waechter fällt auf: Waechter klingt auf den ersten Eindruck her markanter, männlicher, gewiß "erotischer" und aggressiver (unter Solti). Aber auf die Dauer hat er bloß diese einzige Farbe und Manier; während in Böhms Hamburger Salomé gerade die christlich-visionären Stellen am besten herauskommen (ohne die der Figur wie der Oper eine Menge fehlt).


    Sein Orpheus ist gewiß stilistisch ein Wagnis; aber ich möchte die erste Aufnahme (Fricsay) nicht missen.


    Der Giovanni unter Fricsay ist grandios; unter Böhm stören mich eher die Kollegen. Als Almaviva ist er mir durch die Verfilmung mit Freni in bleibender Erinnerung. Unter Fricsay ist er darin kaum zu übertreffen. Sein Orest, sein Mandryka und zumal sein Barak sind geradezu ideal und eben nicht forciert. - Nicht zu vergessen der Wozzeck und der Dr. Schön!


    Pizarro (Fricsay) und Scarpia (Maazel) liegen ihm sicher weniger (Pizarro muß in den 50ern geradezu eine Anti-Rolle für den gütigen Liedsänger gewesen sein). Aber ein Teil des Resultats ist ab den 60ern vielleicht auch der Aufnahmetechnik zu schulden (DFD hat sich ja kritisch zu Soltis Diktat des druckvollen Forte-Singens geäußert). Im Fernsehen habe ich DFD als Kind einmal als Posa gesehen (da ich die Oper nicht kannte, ist das an mir vorbeigerauscht). Im Solti-Carlos erliegt er in seiner Sterbeszene, wie viele andere auch, der Versuchung, die Kantilene besonders schön zu singen; sie klingt wie ein Lied, etwas zu abgezirkelt und bedacht.


    Im Balladenfach mag ich ihn generell nicht, da gefällt mir Prey besser (der mir ohnehin sehr lieb ist).


    Großartig dafür ist z.B. Fischer-Dieskaus Adam (im Duett mit der Janowitz) in der Karajan-Schöpfung ("Von Deiner Güt´, oh Herr und Gott"). Ich danke euch für die Hinweise auf das Chormusikrepertoire (ich kenne bloß die Johannes-Passion unter Forster und das Deutsche Requiem/Kempe). Übrigens ist auch die Kanarienvogel-Kantate sehr witzig von ihm gesungen.


    Grandios und berührend ist auch der Lear.

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

    5 Mal editiert, zuletzt von farinelli ()

  • Mit etwas Mühe gelang es mir, dieses Büchlein Fischer-Dieskaus zu bekommen:



    Da ich Furtwängler und natürlich Dieskau noch so "hautnah" erlebt habe, ging mir dieses Büchlein nahe, deshalb möchte ich es hier vorstellen.




    Klappentext zu: Jupiter und ich



    Als "bester Liedersänger" (Times) füllte Dietrich Fischer-Dieskau die Konzerthäuser rund um die Welt. Die stimmlich nuancierte Geistigkeit seiner Interpretationskunst ist bis zum heutigen Tag nicht überboten worden. Nun erinnert er sich an seine Begegnungen mit dem Dirigenten und - meist übersehen - Komponisten Wilhelm Furtwängler: Blicke zurück auf einen Lehrermeister, eine väterliche Figur. Dietrich Fischer-Dieskau erzählt einfühlsam vom "schicksalsträchtigen Jahr" der ersten persönlichen Begegnung 1950 und seinem ersten Engagement im darauffolgenden Jahr, Brahms "Deutsches Requiem" unter Wilhelm Furtwängler zu singen. Angezogen von dem "besonders subjektiven Musiker" entsteht zwischen den beiden Jahrhundertgestalten eine Geistesverwandtschaft, die bei den Werken von Beethoven und Brahms, Bruckner und Wagner zur Zusammenarbeit auf der Bühne und bei Tonaufnahmen führt. Es eint sie die Unbedingtheit ihres Verständnisses von Musik, die "totale Unterwerfung des Hörens". Bei aller Nähe aber verliert Dietrich Fischer-Dieskau nicht die kritische Distanz: fern aller Mystifizierung hat er früh die Tragik dieses Künstlers gesehen, der naiv und seelisch ambivalent, sich die Nationalsozialisten wie deren Gegner zum Feind machte.
    ______




    Mystisches Zittern





    Dietrich Fischer-Dieskau: "Jupiter und ich - Begegnungen mit Furtwängler"
    Berlin University Press, ca. 100 Seiten, 19.90 Euro

    Es ist wohl kein Zufall, dass das Interesse an Wilhelm Furtwängler gerade in den vergangenen Jahren wieder zugenommen hat. Nicht nur jenes Interesse, das sich mit der Beziehung Furtwänglers zu den Nazis beschäftigt, sondern auch jenes, das dem einzigartigen Dirigenten und seinen eigenwilligen Interpretationen gilt. Vielleicht wünschen sich gerade in dieser Zeit mit ihren modelhaften, oft auch künstlerisch allzu glatten Stars und -Sternchen doch manche ein Gegenbild. In dem sperrig genialischen Musiker Wilhelm Furtwänglers kann man es zweifellos finden. Und so ist es vielleicht auch kein Zufall, das der 84jährige Dietrich Fischer-Dieskau nun sein Buch mit Erinnerungen an Wilhelm Furtwängler veröffentlicht.


    Bereits als Schüler pilgerte der gebürtige Berliner Fischer-Dieskau zu Furtwänglers Konzerte in die alte Berliner Philharmonie. Aber erst später erfasste er die Bedeutung von Furtwänglers Musizieren: "Sein Musizieren zielte nicht nur auf Welterfassung, sondern diente dazu, den ganzen einzelnen Menschen zu packen, zu hypnotisieren und zu verändern. Sicher, sein Dirigieren wirkte auf Anhieb subjektivistisch, fern den vertrauten, in Lehrbüchern festgehaltenen Regeln."


    Fischer-Dieskau versucht das "mystische Zittern", das Arturo Toscanini dazu veranlaßte, Furtwängler einen "genialen Dilettanten" zu nennen, als ein wesentliches Ausdrucksmittel des Musikers Furtwängler zu beschreiben. In ihm erkennt Fischer-Dieskau jene "gewollte Entschlusslosigkeit", mithilfe der er seine Interpretationen in einem "Schwebezustand" hielt. Der Augenblick bekommt so die höchste Bedeutung, in ihm - und nicht in den Proben davor - entsteht das Werk.


    "Er war zu Pausen oder Stockungen fähig, die den Hörern den Atem nahmen. Er produzierte Steigerungen oder Diminuendi, die den Hörenden außer sich geraten ließen. Dabei kannte er kein Forcieren und mied es ganz bewusst zugunsten einer Natürlichkeit, die das Gegebene anerkannte."


    Persönlich lernte Fischer-Dieskau Furtwängler 1950 bei den Salzburger Festspielen kennen, als der junge Sänger, über gemeinsame Bekannte zu einem Vorsingen eingeladen wurde. Daran schlossen sich Auftritte mit Furtwängler im Brahms-Requiem in Wien und in den "Liedern eines fahrenden Gesellen" von Mahler in Salzburg an. Fischer-Dieskau beschreibt Furtwängler als durch und durch romantischen Künstlertypus, dessen Musizieren vergessen ließ, dass die Musik, die er dirigierte, gar nicht von ihm stammte. Dabei war Furtwängler auch Komponist - was für das Verständnis seines Musizierstils entscheidend sei, wie Fischer-Dieskau meint. Dass er sich als Komponist fühlte, immer als Mitleidender an Musik herantrat, mache den Unterschied seiner Wiedergaben zu denen der Nur-Interpreten aus. "Ein Leben lang ging das Komponieren als energisches Agens in sein Dirigieren ein."


    Nüchtern analysiert Fischer-Dieskau Furtwänglers Haltung während der Nazizeit. An Beschönigung ist ihm bei aller Bewunderung für den Dirigenten nicht gelegen. Dennoch erscheint ihm Furtwängler nach dem Krieg auch ein wenig als Sündenbock-Figur.
    "An Furtwänglers Verhalten machten vornehmlich viele, die notgedrungen im Ausland gelebt hatten, ihre verbitterte Enttäuschung fest. Die Konzessionen, die zahllosen Künstlern unter Hitlers Regime zugestanden wurden, um sich des Ruhmes zu bedienen, brachten im Fall Furtwängler gewaltige Teile der westlichen Welt gegen ihn auf."


    Dietrich Fischer-Dieskaus nicht mal 100seitiges Büchlein über den großen Furtwängler ist natürlich keine Biographie. Es ist ein äußerst subjektives Erinnerungsbuch, eine späte Wieder-Annäherung an einen außergewöhnlichen Musiker, die letztlich auch offenbart, wie viel Furtwängler in Dieskau steckt.


    Robert Jungwirth


    http://www.klassikinfo.de/Dieskau-Furtwaengler.870.0.html

  • Vielen herzlichen Dank für diese äusserst interessante und lesenswerte Werkeinführung!


    Ich wusste nicht, dass es eine derartige Verbindung zwischen Fischer-Dieskau und Furtwängler gab.
    Vom Künstlerischen her habe ich das, was beide gemeinsam hatten/haben schon in meiner Kinder- und Jugendzeit höchst verehrt und immer als vorbildlich für das Musizieren an sich empfunden.
    In den 80ern las ich übrigens einmal ein Interview, in dem der noch junge Blockflötenspieler und heute Dirigent Frans Brüggen gefragt wurde, wer denn sein Vorbild sei.
    Wenn es um den Ausdruck ginge, so Brüggen, dann wäre es weder ein Instrumentalist noch jemand, der aus der Alte Musik-Szene kommt, sondern der Sänger Dietrich Fischer-Dieskau, was ich schon bemerkenswert fand.


    Diese Besprechung macht Lust auf mehr, weshalb ich um eine Buchbestellung wohl nicht herumkommen werde....


    :hello:


    Glockenton

  • Es ist wirklich schwierig bei Tamino einen Thread zu starten, denn es gibt scheinbar bereits alles - zumindest wenn es um dezidierte Publikumslieblinge geht.


    Ich schreibe hier, bzw versuche diesen Thread wiederzubeleben, weil offenbar einerseits das Bedürfnis gegeben ist über Fischer Dieskau zu schreiben - andrerseits aberoffensichtlich nur wenige diesen Thread kennen. Diesen Schluß habe ich gezogen im Thread:
    Liedinterpreten vor Fischer Dieskau


    Dort sollten vorzugsweise Liedinterpreten der Prä-Fischer-Dieskau Ära Erwähnung finden - aber wie ein Monolith überragt sie Fischer Dieskau - und das Thema dreht sich hauptsächlich um ihn. Seine Vorgänger finden indes nur am Rande Erwähnung.
    Das ist verwunderlich, denn während FI-DI beispielsweise in Großbritanien stets sakrosankt war, wurde in Deutschland sein Interpretationsansatz zeitweise recht massiv kritisiert.


    Dennoch dürfte er als Meilenstein des Liedgesanges in die Geschichte eingehen, und das nicht nur, weil er vieles in mehrfacher Interpretationn auf Schallplatte (und später CD) eingespielt hat.....


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Zitat

    Alfred: Dennoch duerfte er als Meilenstein des Liedgesangs in die Geschichte eingehen.


    Ich moechte diese deine Aussage, lieber Alfred, noch etwas erweitern, indem ich sage, dass er m.E. "der Meilenstein" schlechthin in der Geschichte des Liedgesangs ist und auch der Titel des Threads besser lauten sollte:" Dietrich Fischer-Dieskau -- die Referenz".


    Ohnehin gibt es m.E. nur einen, der diesen Platz auf dem liedsaengerischen Olymp mit ihm zumindest haette teilen koennen, wenn er nicht schon mit 36 Jahren gestorben waere, Fritz Wunderlich.
    Insofern wundere ich mich nicht und halte es auch gar nicht fuer so schlimm, wenn in diesem Forum der eine oder andere versucht, ein Haar in der Fischer-Dieskauschen Suppe zu finden, weil nicht sein kann, was nicht sein darf?


    Liebe Gruesse


    Willi :rolleyes:


    P.S. Immer wenn ich so schreibe wie oben, sitze ich im Ausland (diesmal Bulgarien) vor einem amerikanischen Keyboard.

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Heute vor einem Jahr verstorben:



    Dietrich Fischer-Dieskau (* 28. Mai 1925 in Berlin; † 18. Mai 2012 in Berg); deutscher Sänger (Bariton), Dirigent, Maler, Musikschriftsteller und Rezitator.


    Fischer-Dieskau gilt als einer der bedeutendsten Lied- und Opernsänger des 20. Jahrhunderts.
    Mit über 400 Schallplatten/CDs ist er der Sänger, von dessen Interpretationen die meisten Einspielungen auf Tonträgern überhaupt existieren dürften.


    LG

  • Gedenken muss ich seiner eigentlich gar nicht. Ich erlebe täglich, was er war und konnte und für das Kunstlied geleistet hat. Wann immer ich, etwa um es hier im Forum zu besprechen, ein Lied höre und die Wahl habe zwischen verschiedenen Interpreten, greife ich, ohne eine Sekunde zu zögern, zu der Aufnahme mit Fischer-Dieskau. Und der Kontrast, der sich in der Regel einstellt, wenn doch einmal zu Vergleichszwecken eine andere Interpretation aus den Lautsprechern zu vernehmen ist, macht mir stets aufs Neue bewusst, welch ein Sänger hier für immer verloren gegangen ist.


    Und das gilt auch für Liederabende. Es gibt auch heute noch Interpreten, die einen solchen zum künstlerischen Erlebnis werden lassen. Aber wenn ich anlässlich dieses Tages zurückblicke, so habe ich niemals mehr wieder, auch nicht bei solch bedeutenden Liedsängern wie Christoph Prégardien, Matthias Goerne oder Christian Gerhaher, eine solche Erfahrung tiefer Betroffenheit durch Musik in Gestalt eines Liedes erlebt, wie das bei Liederabenden von Fischer-Dieskau der Fall war. Vielleicht mag ich ja befangen sein. Aber gut erinnere ich mich noch an das Gesicht des Schriftstellers Peter Härtling nach dem gemeinsamen Erlebnis der Winterreise-Interpretation durch Fischer-Dieskau, als ich ihm zufällig hinterher über den Weg lief: Wie verklärt wirkte sein Blick.


    Ich habe nicht gezählt, wie viele Abende dieser Art ich selbst erlebte. Es waren viele, und sie gehören zum kostbaren Erinnerungsschatz meines Lebens. Es ist alles fein säuberlich zusammengetragen und archiviert, was mein Leben als Liebhaber des Kunstliedes mit dem Namen Fischer-Dieskau verbindet. Aber merkwürdig: Ich will in diesen Hunderten von Blättern und Tondokumenten gar nicht herumlesen und -hören. So sehr dieser Künstler mich von der Bühne des Konzertsaales her in Bann zu schlagen vermochte, - als Mensch blieb er mir auf seltsame Weise fern und völlig unzugänglich. Ganz im Unterschied etwa zu Fritz Wunderlich oder Hermann Prey, - um nur zwei Namen zu nennen, die ich als menschliche Gegenbilder erlebte.


    Auf der Bühne wirkte er wie absolut eins geworden mit dem, was er zu interpretieren hatte. Eine vollkommenere Einheit zwischen musikalischem Werk und der absoluten Identifikation mit ihm war kaum mehr vorstellbar. Man hatte immer das Gefühl, dass jegliche Form eines interpretatorischen Zugeständnisses an die Wünsche der Hörerschaft seiner Liederabende völlig ausgeschlossen war. Es gab das künstlerische Werk und seinen Interpreten, - und sonst nichts. Selbst die Zugaben waren keine für das Hörer-Publikum, sondern Bestandteil des programmatischen Konzepts dieses Abends. Und ein solches gab es immer. Ein Liederabend-Potpourri war für Fischer-Dieskau ein Ding der Unmöglichkeit.


    Aber als Mensch blieb er seltsam fremd, ja unzugänglich. Ich kann nur von den Erfahrungen sprechen, die ich auf dem Weg all der vielen Interviews machte, die ebenfalls hier in meinem Archiv ruhen. Höflich, überaus betont höflich wirkte er immer, - aber letzten Endes als Mensch wie auf schiere Förmlichkeit zurückgezogen, wie einer Welt zugehörig, zu der unsereiner keinen Zugang hat. Auch wenn er, was gar nicht so oft vorkam, einmal Auskunft über sein persönliches Leben und Denken und Fühlen gab, wurde immer die Form gewahrt, blieb alles immer wie in distanzierte Höflichkeit eingehüllt und, -


    ja, geschützt.


    Vielleicht liegt da das Geheimnis des Menschen und Künstlers Fischer-Dieskau: In seiner immensen Verletzlichkeit, die Grundlage und Voraussetzung seiner so singulären Sensibilität für den leisen, den lyrischen Ton des Lieds war. Denn niemand sonst verfügte und verfügt bis heute in diesem Ausmaß darüber.

  • Zitat Helmut Hoffmann:

    Zitat

    Gedenken muss ich seiner eigentlich gar nicht


    Mein lieber Helmut!


    Vergessen kann man diesen Ausnahme-Sänger bei dem riesigen Repertoir wohl niemals. Ob als Liedersänger oder in Opern (gerade erst als Marchese di Posa in "Don Carlos" gehört), jeden Tag stößt man bei der Menge an Aufnahmen, die er uns hinterlassen hat, auf seinen Namen. Er wird unvergessen bleiben.



    Gruß Wolfgang

  • Sagitt meint:


    Auch meine Erfahrung. Ein Interview zu seinem 65. Geburtstag war vor allem: grauenhaft. Ich habe meiner Verehrung für den Liedersänger, Bach und Lieder, weniger Oper, den Tort angetan, dem Menschen zu begegnen oder genauer: nicht zu begegnen.


    Es waren 90 Minuten hoher Anspannung. Ent-täuscht. Kalt und distanziert.


    Ein Fehler, ganz sicherlich. :(

  • Zitat von Helmut Hofmann

    Zum Gedenken

    Helmut Hofmann spricht mir mit seinem so treffenden und hervorragend formulierten Beitrag zu DIETRICH FISCHER-DIESKAU und seiner Bedeutung in jeder Beziehung voll aus der Seele. Besser kann man das Phänomen FISCHER-DIESKAU nach meinem Dafürhalten nicht beschreiben, und auch für mich bleibt er bis heute in punkto Liedgesang, Gestaltung, Deklamation - trotz aller Einwände - Verwandlungskunst und künstlerischer Ausstrahlung unerreicht. Ein solches "Einswerden" mit dem jeweils gesungenen Werk hat es seit ihm m. E. nicht mehr gegeben.


    Gruß
    wok

  • Dietrich Fischer-Dieskau, der vor drei Jahren gestorben ist, wurde am 28. Mai 1925 geboren. Zu seinem heutigen Ehrentage habe ich diese prachtvolle Box ausgesucht, die seit einigen Jahren in meiner Sammlung ist:




    Dietrich Fischer-Dieskau wäre heute 90 Jahre alt geworden.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Einer der Größten - durch seine Kunst fast der Welt entrückt. Unvergänglich-unvergessen!


    Herzlichst
    Operus


    P. S. Schön, dass Du, lieber Bernward, wieder unter uns bist und schreibst. Hoffentlich keine Einmaligkeit.


    Liebe Grüße
    Hans

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Aus gegebenem Anlass habe ich mal wieder meine dicke Mappe mit Rezensionen von Liederabenden herausgeholt und mich darein vertieft. Manchmal, bei all dem vielen Lobpreis und der Kritik (die gibt es auch), die man darin vorfindet, stößt man auch da und dort auf Bemerkungen, die schlaglichtartig die Bedeutung Dietrich Fischer-Dieskaus als Mensch, Sänger und Künstler ins Bewusstsein rufen.
    In einer Kritik in der Frankfurter Neuen Presse (9.November 1967) schrieb Gerhard Schroth anlässlich eines Beethoven-Liederabends in der Frankfurter Oper:


    "Was er (im Programmheft) von Beethoven sagt, gilt für ihn selbst: Befreier und Türöffner für das deutsche Kunstlied."

  • Ich hatte aus dem gleichen gegebenem Anlass heute in der ersten Nachthälfte mir noch einmal seine Live-Aufnahme von den Salzburger Fesstpielen am 23. August 1978 angehört:


    , bei der er von Marizio Pollini begleitet wurde, und ich hatte, abgesehen von der hohen künstlerischen Geschlossenheit der Beiden im Zusammenspiel und im Ausdruck das Gefühl, als ob Fischer-Dieskau in der geistigen und psychologischen Durchdringung der Winterreise gegenüber den 50er und 60er-Jahre Aufnahmen wieder ein gutes Stück des Weges weitergekommen war, wieder neue Facetten entdeckt hatte, und nicht erst das letzte Crescendo auf dem Schlussakkord "drehn" machte mich schauern.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).