Neville Marriner - Zwischen den Fronten??

  • Liebe Taminoianer,


    Zwischen welchen Fronten wird sich wohl mancher fragen, der diesen Titel liest. Nun vielleicht ist er, wie Schlagzeilen so oft, ein wenig übertrieben, aber ein wahrer Kern ist da doch, die beiden Fronten die ich meine sind einerseits die "großen" Orchester, andererseits die Formationen mit "Originalinstrumenten".



    .....


    Genau dazwischen liegt Marriner, der mit dem von ihm 1959 gegründeten und geleiteten Kammerorchester "The Academy of St. Martin in the Fields einen eher schlanken vitalen Orchesterklang favorisierte und in den siebziger und achtiger Jahren ein bieliebter Klangkörper war, der für etliche Schallplattenaufnahmen, vorwiegend von Philips und EMI eingesetzt wurde.


    Marriner hat 2 Kammermusikensembles gegründet, bekleidete etliche Positionen als Chefdirigent, unterrichtete Violine etc, aber eigentlich verbindet man mit ihm immer "sein" Orchester, "The Academy of St. Martin in the Fields".


    Ich erinnere mich vor allem an seinerzeit vielgelobte Einspielungen von Mozart Sinfonien, die heute im Abverkauf angeboten werden, ebenso wie an jene Plattenserie von Mozarts Klavierkonzerten mit Alfred Brendel als Solisten, die von Philips jetzt Zug um Zug auf jene mit Mackerras als Dirigent umgestellt wird (Eine Serie die ich noch nicht kenne)


    Ein wenig still ist es IMO geworden um den Maestro und sein Orchester.
    Natürlich nimmt Marriner noch auf, wenn auch seltener und nicht mehr für die Majors, sondern für Hänssler, ein Label das sich IMO in letzter Zeit sehr gemausert hat.


    Mich würde aber interessieren, welche Aufnahmen uinter Marriner für Euch noch unverzichtbar sind, welche Euch antiquiert erscheinen, und -last but not - least, wie seine neueren Aufnahme für hänssler, gemessen an den alten Philips-Einspielungen sind.


    Mit freundlichen Grüßen


    aus Wien


    Alfred

    Die Hauptaufgabe eines guten Forenbetreibers ist: AN ALLEM SCHULD ZU SEIN

    Tut er das nicht, dann ist er eigentlich überflüssig....


  • Hallo,


    auch wenn ich Marriners Dirigate oft zu routiniert, brav und bieder finde, gibt es doch einige Einspielungen, die ich von ihm sehr schätze:


    - Händel, Concerti Grossi op. 3 und op. 6 (Decca)
    - Mozart, Die Zauberflöte (Philips)
    - Dvorak, Streicher- und Bläserserenade (Philips)
    - Rossini, Ouvertüren (Gesamtaufnahme, Philips)
    - Rossini, Der Barbier von Sevilla (Philips)



    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Morgen,


    ? - "Begraben will ich Cäsar, nicht ihn preisen!/Das Schlechte überlebt einen Menschen,/ das Gute wird mit ihm oft begraben." - Vielmehr halte ich gern das Gute des Dirigenten Sir Neville Marriner fest, es entstand über Jahre konzentrierter Arbeit; wie häufig, im Dialog mit einem Gleichgesinnten, hier Alfred Brendel. Damit ist klar, es handelt sich beim Guten, wonach wir doch alle streben (oder sollten, meint der Ethiker), um die Serie der Aufnahmen von Klavierkonzerten Mozarts. Eine Leistung beider in Musik, die alle Hochachtung verdient hatte und noch immer hat. Und das unter dem Postulat, stammt von Alfred Brendel, heißt es: "Wir sind gemeinsam auf der Suche nach der optimalen Mozart-Aufführung!" "That was a well done", sage ich, es war ihre britische Zeit, eine gute Zeit offensichtlich.


    "Sir Neville Marriner, Alfred Brendel, die Academy of St. Martin in the Fields, sie leben hoch, dreimal hoch!"


    MfG
    Albus

  • Hallo Forianer,


    mit Neville Marriner habe ich nicht umwerfend viele Aufnahmen, aber der luftige und durchsichtige Klang seiner "Akademy" macht immer Spaß zu hören.
    :) Besonders erwähneswert finde ich seine Einspielung von
    Strawinsky: Pulcinella-Suite auf DECCA.
    Diese Aufnahme habe ich schon in mehreren CD-Kopplungen auf Decca-CD´s gehabt - zur Zeit auf dieser:

    Selbst die Aufnahme mit Strawinsky/Columbia SO auf SONY(CBS) bleibt da weit zurück und meine Aufnahme mit Bernstein/New Yorker PH auch SONY ebenfalls.
    Pulcinella war bei Decca auch mal mit Bizet´s Sinfonie C-Dur und Prokofieffs Sionfonie Klassik gekoppelt. Besonders Bizet war hier eine herausragende Aufnahme unter Marriner.


    ?( Voriges Jahr hatte ich mir eine 2CD-Box für 5;-€ mit den Schumann-Sinfonien unter Neville Mariner als Interpretationsvergleich gekauft - die Aufnahme sagte mir nicht so besonders zu, es fehlte der sinfonische Atem, den z.Bsp. Bernstein diesen Werken verleiht - - - die CD´s habe ich wieder abgesetzt.


    Es sind wohl doch eher die Werke mit nicht zu großer Besetzung, die mit Neville Marriner / Academy of St. Martin in the Fields in Frage kommen.


    Gruß aus Bonn
    Wolfgang

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Teleton schrieb:


    Zitat

    Voriges Jahr hatte ich mir eine 2CD-Box für 5;-€ mit den Schumann-Sinfonien unter Neville Mariner als Interpretationsvergleich gekauft - die Aufnahme sagte mir nicht so besonders zu, es fehlte der sinfonische Atem, den z.Bsp. Bernstein diesen Werken verleiht - - - die CD´s habe ich wieder abgesetzt.


    Da kann ich bedingt zustimmen. Die Frühlingssinfonie ist sicherlich nicht gut gelungen. Auch die Rheinische Sinfonie überzeugt nicht.
    Aber an der Zweiten und Vierten kann ich mich immer wieder erfreuen.



    Ebenso an der Gesamtaufnahme der Tschaikowksy-Sinfonien von Marriner und der Academy. Diese gefallen mir allesamt recht gut, mir fehlen aber hier noch Vergleichsaufnahmen.


    Ich besitze ebenfalls die Streicherserenaden von Elgar, Tschaikowsky und Dvorák (Decca eloquence) sowie Mozarts Hornkonzerte mit Barry Tuckwell (EMI). Auch recht hörenswert meiner Meinung nach.



    Gruß, Peter.

  • Hallo,


    Vielleicht sollte man, erwähnen, daß "The Academy of St. Marin in theFields" eigentlich ein Kammerorchester ist (eine Tatsache, deren man sich dort manchmal selbst nicht bewusst war)


    Lediglich aus dieser Sicht sollte man es beurteilen, das ist seine Stärke, wenngleich es manchmal über diesen Rahmen hinausging.


    Aus meiner Sicht füllte dieses Orchester speziell in den siebziger und frühen achziger Jahren eine Marktlücke, als nach durchhörbareren, schlankeren Mozart-Interpretationen gefragt wurde. Vielleicht mag auch ein gewisser Kostenfaktor eine Rolle gespielt haben, Kammerorchester sind in der Reglel billiger zu haben als die Wiener Philharmoniker oder das London Symphony Orchestra.


    Wie dem auch sei, das Orchester wurde auch manchmal dort eingesetzt, wo es offensichtlich seine Stärken nicht mehr ausspielen konnte.


    Vielleicht habe ich in meinem Leben zuviel "Academy" gehört, mir schienen die (oft hochgelobten !!) Aufnahmen immer ein wenig farblos zu sein (Ein Verdikt, das ich derzeit weder bestätigen noch revidieren kann, ich muß erst wieder reinhören)


    Als maßstäblich galtwn damals beispielsweise die Aufnahmen aller Mozart Klavierkonzerte mit Alfred Brendel, die jetzt durch die Neuaufnahmen unter Macckeras abgelöst werden. Das Thema werde ich übrigens gesondert in Brendel-Thread zur Sprache bringen.


    Beste Grüße


    aus Wien


    Alfred

    Die Hauptaufgabe eines guten Forenbetreibers ist: AN ALLEM SCHULD ZU SEIN

    Tut er das nicht, dann ist er eigentlich überflüssig....


  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Hallo,


    Vielleicht sollte man, erwähnen, daß "The Academy of St. Marin in theFields" eigentlich ein Klammerorchester ist (eine Tatsache, deren man sich dort manchmal selbst nicht bewusst war)


    Tsts, was es doch heutzutage alles gibt... ;)


    Im Großen und Ganzen kann ich Giselhers Aussage der Routine und der Biederkeit untestützen, aber ab und an fand man auch Highlights im Schaffen Marriners.


    Insbesondere seine Interpretationen der "Pastorale" von Ludwig von Beethoven und des "Sommernachtstraum" von Mendelssohn-Bartholdy (beide erschienen bei Philips und momentan nicht erhältlich) gefallen mir ausnehmend gut. Beide Male liefert Marriner eine sehr klangschöne und temperamentvolle Interpretation ab, vergißt dabei aber auch nicht die Details.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Hallo!


    In den neuen Mozart-Symphonie-threads habe ich ja Marriner gerne hervorgehoben und nun auch entdeckt, daß es bereits einen eigenen thread zu ihm gibt. Wie es aussieht, bin ich doch nicht der einzige, der von seinen Mozart-Einspielungen angetan ist:


    Zitat

    Original von Albus
    "Sir Neville Marriner, Alfred Brendel, die Academy of St. Martin in the Fields, sie leben hoch, dreimal hoch!"


    Um es kurz und klar zu sagen: Das hier

    ist für mich absolute Referenz!


    Und da sind noch tolle Aufnahmen wie

    oder (mal nicht von Mozart)

    Peter hat schon diese Aufnahmen

    erwähnt. Es gibt bessere Tschaikowsky-Symphonie-Einspielungen. Auch zu diesem Preis?


    Aber es ist in der Tat still um Marriner geworden. Was macht er zur Zeit eigentlich?


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Salut, Pius,


    Sir Neville Marriner ist kürzlich 81 Jahre alt geworden. Vielleicht braucht er mal ein wenig Ruhe?


    Die Mozart-Sinfonien habe ich auch im Rahmen der CPE. Nicht schlecht, nicht besonders gut - dies ist meine heutige Sicht. Vor 15 Jahren waren sie das non plus ultra für mich, heute finde ich sie - wenn man sie am Fließband hört - auch ein wenig so eingespielt; einige Ausnahmen gibt es jedoch: Die Prager und Pariser sind wunderbar so. Harnoncourt liegt mir derzeit etwas näher am Herzen.


    Liebe Grüße
    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Hallo zusammen,
    lange schlief er nun, dieser Thread...


    ...ich möchte ihn wieder zum Leben erwecken. Da ich Marriner, vor allem in Zusammenhang mit Mozart, sehr schätze und liebe, habe ich mal die Suchfunktion des Forums bemüht. Und siehe da, ich stoße auf diesen schönen und informativen Thread. Und es freut mich, dass ich mit meiner Einschatzung nicht alleine dastehe. Einmal vom Requiem abgesehen fand ich über Marriner zu Mozart. Und wie ich sehe wird er auch von Euch vor allem mit Mozart in Verbindung gebracht.


    Ich liebe seine Mozart Einspielungen der Klavierkonzerte mit Brendel. Und auch vom Oboenkonzert kann ich nicht genug kriegen. Oft habe ich in diesem Forum schon Begriffe wie "luftig", und "die Musik atmet" vernommen. Seit einiger Zeit erahne ich, was wohl damit gemeint ist. Kann es sein, dass ich heute morgen genau dies in "seinem" Oboenkonzert wahrgenommen habe? Kann es sein, dass ich genau das an Marriners Mozart und der Academy so liebe, das er und Mozart für mich derzeit eine Einheit bilden?


    Liebe Grüße
    Euer Gallo

    ... da wurde mir wieder weit ums Herz ... (G. Mahler)

  • Zitat

    Ich erinnere mich vor allem an seinerzeit vielgelobte Einspielungen von Mozart Sinfonien, die heute im Abverkauf angeboten werden,...


    Na ja, 60 Euronen für die Symphonien ist noch weit vom Billigstangebot entfernt, und die alte Philips-Box mit 1-20 Marriner plus 21-41 Krips ist den Amerikanern noch fast 100 Dollar wert.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Hallo zusammen,


    Neville Marriner und seine Academy waren für mich mit der Einstieg in die klassische Musik in den spätern 80er und frühen 90er Jahren (neben Rilling).


    Ich besitze relativ viele Werke in Aufnahmen mt der Academy (Mozart, Bach und Händel), alle mehr oder weniger gut.


    Herausheben möchte ich jedoch die Feuer- und Wasserwerksmusik von Händel aus 1994, die bei Hänssler erschienen ist. Eine, wie ich finde, tolle Wiedergabe dieser Musik. :jubel: :jubel: (kein Originallklang, ich weiss, stört mich aber nicht, ganz im Gegenteil))


    Ich wünsche Euch ein frohes Osterfest....


    Ciao :hello:


    Andreas

    Johann Sebastian Bach ist Anfang und Ende aller Musik (Max Reger)

  • hallo, meist empfinde ich marriner auch eher als zu 'bieder', aber es gibt, wie hier schon erwähnt, große aufnahmen. mit dem mozart unter marriner/brendel liebäugele ich schon seit einiger zeit...wie isrt denn die aufnahme einzuordnen?


    ansonsten, eine sehr fetzige aufnahme, die ich z.zt. sehr liebe: bachs orchstersuiten 1-4 ...wer hätte das gedacht :jubel:

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Hallo Forianer,


    von bleibendem Wert sind für mich folgende Einspielungen, bei denen Marriner am Pult stand:












    Das sind ja doch eine ganze Menge von Aufnahmen zusammen gekommen.



    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

  • Heute feiert der hochgelobte Dirigent und Mitbegründer der Academy of St Martin in the Fields seinen 90. Geburtstag. Wir gratulieren mit packenden Einspielungen unter seiner Ägide:


    Marriner, Sir Neville, englischer Dirigent, * 15.4.1924 Lincoln.

    Der vielseitig geübte Geiger gründete 1959 die Academy of St. Martin-in-the-Fields, die sich bald zu einem Spitzenorchester im Bereich der Musik des 17. und 18. Jh.s entwickelte. 1984 überraschte er mit einer brillanten Einspielung des Barbiere di Siviglia, nahm daraufhin Operndirigate an amerikanischen Bühnen wahr. 1979–86 Musikdirektor des Orchesters von Minnesota, 1986–89 Chefdirigent des Radiosinfonieorchesters Stuttgart.


    Happy Birthaday!


    :jubel::jubel::jubel:

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Der Thread-Titel ist sehr interessant. Ja, Marriners Ruhm hat (zumindest auch bei mir selbst) recht krasse Wandlungen durchlaufen. Als ich in der ersten Hälfte der 80er Jahre in die Klassik einstieg, war er omnipräsent. Eine Reihe von Einspielungen fanden ihren Weg zu mir und ich hörte sie gerne. 1986 zog ich mit meinen Eltern nach Frankfurt und in der dortigen 'Alten Oper' trat er regelmäßig mit seiner Academy auf. Als dann schon etwas älterer Schüler ging ich noch gelegentlich zu Marriner-Konzerten, weil sie für mich Inbegriff von Qualität waren. Das änderte sich dann zu Beginn der 90er Jahre dramatisch. Plötzlich wollte ich die Musik des 18. Jahrhunderts (nehmen wir einmal nur den Mozart als Beispiel) nur noch HIP hören. Das war eine mehrjährige Phase, die ich durchlief. In dieser Phase hätte man mich mit Marriner jagen können, ihm haftete in meiner Wahrnehmung das Etikett 'bieder-betulich' an. Erst nach dem Jahrtausendwechsel konnte ich mich langsam wieder von diesem Denk- und Wahrnehmungsfehler befreien. Aber --- oh Schreck! Die meisten Marriner-CD's, die ich mir bis Anfang der 90er erworben hatte, hatte ich in Anfällen von grünschnäbeligem Hochmut aus der (damals noch bescheidenen) Sammlung verbannt. Ich kaufte also wieder dieses und jenes von Marriner. Zunächst - man glaubt es kaum - mit schlechtem Gewissen, so als ob ich einen Frevel beginge. Heute ärgere ich mich sehr, dass man z.B. an seine Haydn-Symphonien-Aufnahmen mit der Academy nicht mehr herankommt. Es gibt eine PHILIPPS-Box von 1996, in der die 29 'Namenssymphonien' von Haydn mit Marriner zusammengefasst sind und diese Box (10 CD's) kostet neu um 260 Euro und gebraucht auch einen runden Hunderter :cursing:
    Ich hoffe immer noch, dass im Rahmen des zur Zeit grassierenden Boxen-Wahns auch diese Aufnahmen nochmal günstig rauskommen.


    In einem Interview, das ich erst vor einigen Tagen las (CRESCENDO????), machte Marriner selber deutlich wie sehr die frühen 90er Jahre für ihn und seine Academy eine Zeitenwende markierten - plötzlich ließ das allgemeine Interesse des Publikums nach.


    So ändern sich die Zeiten - Marriner zwischen den Fronten eben!


    Grüße
    Garaguly

  • Bis weit in die 70er war Marriner, wenn auch nicht konkurrenzlos, auf jeden Fall eine hervorragende Alternative zu traditionellen Interpretationen von Musik des 18. Jahrhunderts (und natürlich auch einiges spätere, von Rossini bis Vaughan Williams und Stravinsky). Die Klangkultur, Eleganz, Präzision und Transparenz, oft auch die Aufnahmequalität waren außerordentlich hoch. Ich habe natürlich nicht alles gehört, aber viele dieser Aufnahmen sind, wenn man nicht auf HIP besteht, immer noch erste Wahl.
    In der Tat verkörperte Marriner bei Bach, Händel, Vivaldi in den 60ern ja eine Art Proto-Historische Aufführungspraxis, die sich zB in Besetzungsstärke und Tempo kaum von den Interpreten mit Originalinstrumenten unterschied, nur klanglich erheblich einschmeichelnder ;)


    Meinem Eindruck nach (obwohl ich davon kaum etwas gehört habe) hat sich Marriner dann mit mit dem üblichen sinfonischen Repertoire bis Schumann und Tschaikowsky etwas "überdehnt" und bei Schubert, Beethoven etc. keine allzu bemerkenswerten Interpretationen geliefert bzw. insgesamt vielleicht ein bißchen zu viel aufgenommen (inklusiver vieler Zweit- oder Drittaufnahmen bei Mozart, Händel etc.) Das dürfte, abgesehen von der zunehmenden Dominanz der Originalinstrumente für Musik bis Mozart, ein weiterer Faktor gewesen sein, der ihn ein wenig "zwischen die Fronten" gebracht hat.


    Meine Favoriten, die ich nach wie vor für ernstzunehmende Alternativen halte, sind


    Händel-Konzerte op.3 und 6, sowie die Orgelkonzerte mit George Malcolm (alles Decca)
    Messiah
    Haydns Pariser Sinfonien (Philips)
    Die späten Haydn-Messen (EMI) müsste ich mal wieder anhören, da habe ich auch zwei CDs oder so; die sind jedenfalls auch nicht schlecht, die Konkurrenz ist hier ja nicht allzu stark.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Marriner hat mit seinem Orchester eine Referenzaufnahme der Rossini-Streichersonaten gemacht, die hier noch nicht genannt wurde (oder die ich übersehen habe):



    Das ist kein hipper, aber ein wunderbar samtener und lupenreiner Streicherklang, der dieser gefällig-eleganten und hoch melodiösen Musik vollauf gerecht wird. Die CDs habe ich mir nie zugelegt; die LPs kenne ich schon lange.


    :angel: Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Für mich war Sir Neville Marriner ein wichtiger Meilenstein bei der Vermittlung von Mozarts Musik, da ich viele Werke durch seine Aufnahmen kennengelernt habe - und viele davon auch nach wie vor sehr schätze. Was manch einer als bieder-betulich empfindet, erscheint mir persönlich eher eine Stärke seiner Einspielungen zu sein: eine Ausgewogenheit, Klarheit und Spielkultur, die ich als sehr schön und edel empfinde.
    Von daher lege ich seine CDs auch immer wieder gerne auf und wünsche dem Maestro alles Gute zum Geburtstag.

    viele Grüße von Boris alias Don_Gaiferos

  • "bieder und betulich" würde ich nun gegenüber den meisten alternativen Aufnahmen der 60er und 70er eher nicht sagen. Im Gegenteil ist Marriner meist sehr brilliant und leichtfüßig. Bei manchen Werken empfinde ich das tendenziell als etwas "flach", aber bei Bach, Händel, Mozart doch oft überzeugender als großorchestrale Aufnahmen dieser Zeit.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ich glaube, ich muss hier mal was klarstellen: Sowohl Johannes als auch Don Gaiferos zitieren mein 'bieder-betulich' und im Subtext ihrer Postings klingt das so, als ob beide meinten, ich sei immer noch dieser Meinung. Das ist jedoch falsch! Genau diesen vornehm-edlen Ton der Marriner-Interpretationen aber, den setzte ich vor rund 15 bis 20 Jahren gleich mit dem Gefühl, das die spießig-konservative Wohlfühlklassik bürgerlich-saturierten Zuschnitts mir zu vermitteln schien. Ich lehnte Marriner damals genauso ab wie Karajan (und noch andere Künstler), denn sie standen aus Sicht der frühen 90er Jahre für eine zu Ende gehende oder bereits vergangene Epoche. Es war meine persönliche Revolte gegen die alten Überväter der Klassik, die mir schlicht durch ihre Dauerpräsenz auf die Nerven gingen und bei Marriner hatte ich plötzlich das Gefühl 'Oma-Klassik' zu hören (noch 'n Eierlikörchen, Junge?!?), während die neue Zeit repräsentiert wurde durch Truppen wie "Concerto Köln" oder Namen wie dem Harnoncourts, der für TELDEC/DAS ALTE WERK damals viel Haydn und Mozart (Messen!!!) machte, was mir sehr gut gefiel. Haydn-Symphonien mit Trevor Pinnock bei der ARCHIV-PRODUKTION waren jetzt für mich der Weg zum Glück.


    Heute sehe ich da Vieles anders. Ich höre Pinnock und Marriner und Gardiner und Karajan und bin mit allen glücklich. Unterschiedliche Interpretationen liefern sie alle, andere Ansätze, aber schon lange kann ich mich auf diese verschiedenen Wege einlassen und ihnen folgen. Damals war ich ideologischer.
    Nur nebenbei: Karl Richter war auch so ein Fall. Ich ertrug diese Lesarten der Bach-Werke nicht mehr, nachdem ich in den ersten Jahren viel Richter gehört hatte. Bach musste mindestens von Gardiner gedeutet sein. Naja, man war halt noch jung. 8|8|:D


    Grüße
    Garaguly

  • In den siebziger Jahren - auf dem Höhepunkt seines Ruhms - war er neben Karl Böhm - schlechthin DER Mozart Dirigent.
    Eigentlich war sein Stern gerade im aufgehen. Allerdings hatte ich viele Werke schon mit Böhm - und "Interpreten sammeln" war damals nicht drin. Die Preise für Schallplatten waren einfach zu hoch dafür.
    "Leichtfüßig und flach" - so empfand ich das damals. Marriner war eine preiswerte Alternative (was seine Leistung als Dirigent indes nicht schmälern soll) zu den "großen" Orchestern. Da war zunächst die kleinere Besetzung. Sie klang "durchsichtiger" als die Großen. Dann war da die Tatsache, dass damals englische Künstler billiger zu haben waren als beispielsweise deutsche oder österreichische.
    Und dann noch die Sache mit den Proben. In einem Jahrzehnte zurückliegenden Interview erklärte Marriner die Vorzüge der Academy of St. Martin in the Fields. Auf Grund der Struktur des Orchesters waren die Musiker sehr probenwillig und zudem wurden keine Überstunden bezahlt. Der Grund dafür ist mir indes entfallen. Marriner kam unschuldig zum Handkuss, als alle Welt meinte, sie müsse nur mehr HIP Orchestern lauschen.
    Das dürfte nun vorbei sein. Marriners Interpretationen sind offenbar wieder gefragt. Ich selbst habe unlängst die Gesamtaufnahme aller von Marriner eingespielen Mozart Sinfonien erworben und würde sie aus heutiger Sicht als hervorragende Alternative zu anderen Lesarten beurteilen. Persönlich dürfte ich derzeit - die 12 CD-Box eingeschlossen an die 25-30 CDs mit Marriner haben - vielleicht auch mehr.....


    mfg aus Wien
    Alfred

    Die Hauptaufgabe eines guten Forenbetreibers ist: AN ALLEM SCHULD ZU SEIN

    Tut er das nicht, dann ist er eigentlich überflüssig....


  • Ich vermute halt, dass als Marriner NEU war, Anfang/Mitte der 1960er, der kammerorchestrale Ansatz durchaus als Gegenmodell zum "biederen" traditionellen Sinfonieorchester gesehen wurde. Ähnlich auch etwa zur gleichen Zeit Mackerras und Leppard. Auch Münchinger und Richter kommen mir verglichen mit der Spritzigkeit Marriners mitunter recht betulich vor. (Ich kenne hier nicht genügend Aufnahmen, aber zB zwischen dem deutschsprachigen Messias unter Richter und Marriners Decca-Aufnahme liegen Welten.)


    M.E. ist zB bei Bach, Händel, Vivaldi der Unterschied zwischen Marriner und Karajan erheblich größer als der zwischen Marriner und Hogwood oder Pinnock. Das ist auch kaum ein Wunder, denn Leute wie Hogwood haben in den 60ern bei Marriner teils das Continuo-Cembalo bedient.


    Dass 20 Jahre später die HIP-Dominanz Marriner etwas abgedrängt hat, sei unbestritten (obwohl ich Deinen Eindruck teile, dass Mitte/Ende der 80er Marriners Aufnahmen sehr präsent waren, vermutlich verbreiteter als die damals noch durchaus umstrittenen HIP-Aufnahmen, selbst wenn die ihrerseits auch schon wieder fast 20 Jahre auf dem Buckel hatten).


    Ergänzung: In der "Vollständigen Mozart-Edition" zum Jubiläum 1991 war Marriner sehr stark vertreten: alle Sinfonien (inkl. fragwürdiger Werke), die Konzerte mit Brendel, evtl. auch einige Serenaden, Opern usw. Und in der Kammermusik spielte bei gemischten Besetzungen auch ein paarmal das Kammerensemble der Academy of St Martin. Der "Abstieg" erfolgte also von einem ziemlich hohen Niveau.

    Struck by the sounds before the sun,
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    (Bob Dylan)

  • (obwohl ich Deinen Eindruck teile, dass Mitte/Ende der 80er Marriners Aufnahmen sehr präsent waren, vermutlich verbreiteter als die damals noch durchaus umstrittenen HIP-Aufnahmen, selbst wenn die ihrerseits auch schon wieder fast 20 Jahre auf dem Buckel hatten).


    Ja, genau. Das ist retrospektiv auch meine Überlegung, wenn ich an die Zeit damals zurückdenke.


    Und was den Unterschied zwischen kammerorchestralem Marriner-Ansatz und 'biederem' großsinfonischem Ansatz anbelangt, kann ich dir zustimmen. Ich war einfach in meinen Überlegungen nicht in die 60er Jahre zurückgegangen, sondern blickte nur aus der Warte der frühen 90er auf die alten Platzhirsche wie Marriner oder Karajan (nur Beispiele!!), die da gern auch mal zusammen in Töpfe geworfen wurden, in die sie nicht gehörten.


    Grüße
    Garaguly

  • Die Klangkultur, Eleganz, Präzision und Transparenz, oft auch die Aufnahmequalität waren außerordentlich hoch.

    Marriners hohes Aufnahme-/Akustikniveau kann ich bestätigen in Bezug auf sowohl das Mozart-Konzert B-Dur KV450 mit Alfred Brendel (entstanden 1981) als auch das - wegen des langsamen Mittelsatzes berühmte - Concierto de Aranjuez von Rodrigo mit dem Gitarre-Solisten Pepe Romero (entstanden 1978).



    Meinem Eindruck nach (obwohl ich davon kaum etwas gehört habe) hat sich Marriner dann mit mit dem üblichen sinfonischen Repertoire bis Schumann und Tschaikowsky etwas "überdehnt" und bei Schubert, Beethoven etc. keine allzu bemerkenswerten Interpretationen geliefert bzw. insgesamt vielleicht ein bißchen zu viel aufgenommen.

    Dieser Sicht stimme ich (nur) zum Teil zu.
    Von Schuberts 2 . Symphonie B-Dur DV125 existiert eine Einspielung mit unserem heutigen großen Jubilar und dem RSO Stuttgart, die voll überzeugen kann und dem Komponisten gerecht wird.
    Vorhin in einer Radio-Marriner-Revue hörte ich dann allerdings eine Interpretation der 4. Symphonie d-moll op.120 von Schumann, bei der man angesichts eines mitunter völlig deplatziert schleichenden Tempos arge Zweifel bekommt, ob sich der Dirigent in das Denken und Fühlen eines der typischsten Romantiker wirklich hineinversetzen kann/konnte.


    Ich glaube, seiner konservativ-traditionellen Herkunft und seinem ein wenig altväterlich wirkenden Wesen nach passt Sir Neville Marriner tatsächlich am besten zu den Epochen, aus denen er in seiner langen Karriere auch die meisten Werke eingespielt hat: Dem Barock (v.a. Vivaldi, J.S.Bach meines Wissens mehr als der naturalisierte Engländer Händel), Rokoko/Frühklassik (Gluck, Haupt-Komponisten-Jubilar 2014!) und der Wiener Klassik (v.a. Mozart).



    Einen "Vorwurf" muss ich dem Sir am Ende dann doch noch machen: Hat(te) er denn nie Mitleid mit all jenen leidgeplagten deutschsprachigen Musikfreunden, die im Vor-Personalcomputer-Zeitalter tief in den 60er und 70er Jahren den Namen seines Hausorchesters, der "unsäglichen" Academy ... mit den drei Bindestrichen, notieren wollten und sich händeringend fragten, warum dieser Dirigent nicht einfach sich ein Orchester im musikalischen Zentrum seines Landes, London, hätte schnappen können?! ;)



    HAPPY BIRTHDAY TO YOU - AND MANY HAPPY RETURNS!

  • Marriner dürfte wohl trotzdem zu den angesehensten Musikern überhaupt gehören. Jedenfalls sind seine Einspielungen Legion - teils in der x-ten Auflage. Er nimmt auch immer noch auf, etwa die interessante Interpretation des Mendelssohnschen g-Moll KK mit Martin Stadtfeld. Eigentlich gibt es in meinem Besitz kaum Aufnahmen von ihm, die ich nicht schätze. Meine Lieblingsaufnahme ist die des Musikalischen Opfers aber auch die Mozartsymphonien gefallen mir sehr gut. Als Alter-Ego Marriners sehe ich gewissermassen Mackerras, den ich vielleicht noch einen Tick mehr schätze.

  • Einen "Vorwurf" muss ich dem Sir am Ende dann doch noch machen: Hat(te) er denn nie Mitleid mit all jenen leidgeplagten deutschsprachigen Musikfreunden, die im Vor-Personalcomputer-Zeitalter tief in den 60er und 70er Jahren den Namen seines Hausorchesters, der "unsäglichen" Academy ... mit den drei Bindestrichen, notieren wollten und sich händeringend fragten, warum dieser Dirigent nicht einfach sich ein Orchester im musikalischen Zentrum seines Landes, London, hätte schnappen können?! ;)

    Wenn es dabei um die "Academy of St. Martin in the Fields" gehen sollte, dann keine falsche Sorge, die ist in London, zentraler geht's kaum! ;)

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Wenn es dabei um die "Academy of St. Martin in the Fields" gehen sollte, dann keine falsche Sorge, die ist in London, zentraler geht's kaum! ;)

    Gut, danke für den Hinweis, und 1:0 aus Deiner Sicht. Irgendwann wusste ich das mal, oba ... wuuuusch ... weg woar's!


    Das kommt davon, wenn man in seinem - nicht mehr ganz taufrischen - Leben nur 1x (Juli 1981) die britische Insel besuchte, und dabei wesentlich mehr von Edinburgh gesehen hat (allerdings die Weltpremiere von "For Your Eyes Only" mit meinem Lieblings-Bond, der kurioserweise unsrem Jubilar auf manchem Foto ein wenig ähnlich sieht ;)) als von London.


    Aber ich wette, dass auch viele nichtbritische Klassikfreunde außer mir diesem Irrtum erliegen.
    Denn man rechnet ja für London gemeinhin "nur" mit den sog. Big Five, die allesamt nicht hinter einem Londoner Stadtteil quasi versteckt werden, richtig?
    Insofern bin ich nach wie vor der Meinung, dass Sir Neville 1959 besser daran getan hätte, seinen Klangkörper entweder "[ASMIF] Chamber Orchestra London" oder "Academy for ancient music London" zu taufen.

  • Lieber Pianoforte,


    ich kann Dir einen Besuch der Kirche (und allen anderen Musikfreunden natürlich auch) wärmstens empfehlen. Die Kirche befindet sich direkt am weltberühmten Trafalgar Square, man kann sie gar nicht verfehlen. Neben den Abendkonzerten, die regelmäßig ausverkauft sind, und für die man Konzertkarten per Internet reservieren sollte (ich habe dort einem wunderschönen Konzert gelauscht, allerdings nicht unter Sir Neville Marriner) gibt es auch die kostenlosen Proben und Konzerte am Nachmittag - viele Leute springen da einfach mal rein, bepackt mit ihren Einkaufstaschen, und lassen sich verzaubern.
    Zudem bietet die Sakristei unter der Kirche eine hervorragende Cafeteria, die exzellentes Essen zu kleinem Preis in einem wunderbaren Raum mit herrlichem Gewölbe bietet - ein Geheimtipp! :-)

    viele Grüße von Boris alias Don_Gaiferos