Riccardo Chailly - Der kühle Italiener



  • Unglaublich, aber wahr: es gibt noch keinen eigenen Riccardo Chailly-Thread. Nun denn, hier ist er.




    Geboren wurde er am 20. Februar 1953 in Mailand als Sohn des Komponisten Luciano Chailly.


    Er studierte am Konservatorium in Mailand und in Siena.


    1970 debütierte er als Dirigent in Mailand und wurde Assistent von Claudio Abbado an der Scala. Ab 1974 war er an internationalen Opernhäusern tätig, so z.B. in Chicago und San Francisco.


    Im Folgenden wurde er allerdings Chefdirigent dreier berühmter Sinfonieorchester:


    1982 - 1989 Radio-Sinfonie-Orchester Berlin
    1988 - 2004 Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam
    seit 2005 Gewandhausorchester Leipzig


    Sein dreijähriges Gastspiel als Chefdirigent der Oper Leipzig endete im Jahr 2008 wegen Differenzen mit der Intendanz und der Stadtverwaltung, die die Oper nicht mit besseren finanziellen Mitteln ausstatten wollte.



    Nun denn, Riccardo Chailly zählt mittlerweile zu dem noch verbliebenen kleinen Häuflein "großer" Dirigenten in der Welt. Aus dem Schatten seines Lehrers Claudio Abbado ist er längst herausgetreten und auch seinen Landsmann Riccardo Muti dürfte er an Bekanntheit mittlerweile überholt haben.


    Meine Charakterisierung als "kühler Italiener" hat seinen Ursprung in seinen oft sehr kontrolliert und perfektionistisch wirkenden Interpretationen, denen oft etwas die Emotion zu fehlen scheint.


    Ich persönlich habe Riccardo Chailly zweimal live im Konzert erlebt und zwar einmal mit seinem Concertgebouw Orchester in der Alten Oper FFM mit einer von Mahler bearbeiteten Bach-Suite und Bruckners Siebter sowie mit seinem Gewandhausorchester in Leipzig mit Verdis Requiem.
    Das erstaunliche an seiner Darbietung der Siebten Bruckner war die Tatsache, daß die Aufführung sehr stark an seine Aufnahme mit dem RSO Berlin erinnerte. Hier scheint sich seine Auffassung innerhalb von zehn Jahren nicht geändert zu haben.
    Das Verdi-Requiem wurde in einer konzisen und prägnanten Aufführung dargeboten, der alles opernhafte und äußerliche abging.




    Ich besitze ziemlich viele Chailly-Aufnahmen, nicht alle überzeugen mich aber gleichermaßen.


    Besonders überzeugt hat mich immer sein Stravinsky:



    The Rake's Progress




    Le Sacre du Printemps, Petroushka, Der Feuervogel, Jeu de Cartes, Apollon Musagète




    Als perfekt gelungen muß außerdem seine Seejungfrau von Zemlinsky bezeichnet werden:




    Herausragend und für mich die Beste Fünfte von Mahler überhaupt ist diese:






    Ja, nun gebe ich die Runde frei - wie steht Ihr zu Riccardo Chailly, seinen Aufnahmen, seinen Konzerten, seiner Person?





    ;)Agon


    DIRUTA

  • Ich habe relativ wenig von Chailly in meinen Classic-Regalen:



    Diese Aufnahme hat mich eher enttäuscht, wobei ich mir noch nicht sicher bin, ob es an der Musik oder an seiner Interpration liegt.


    Dann :


    ,


    die mir sehr gefallen hat.


    Im Konzert habe ich ihn einmal erlebt, mit Mahlers 6., die sich mir dann erst durch Runnicles und Abbado mit den Berlinern erschloss. Chailly fand ich dagegen eher quälend. Der ewige Neubeginn im letzten Satz erschlosssich mir nicht.


    Nach dem Brahms kann ich deine Bezeichnug als kühlen Dirigenten eigentlich nicht nachvollziehen, aber du kennst ihn besser.


    100% überzeugt hat er mich also noch nicht, aber er ist einer, den ich gerne weiter hören möchte.


    :hello: Gustav


    PS: Eine befreundete Sängerin hat ihn übrigens einmal sprichwörtlich auf den Arm genommen. Danach war die Zusammenarbeit beendet.

  • Konzerte, ja da habe ich eines erlebt. In Florenz war das, im Rahmen des Maggio Musicale. 1989. Da wurde sein Concertgebouw 100 Jahre alt und Luciano Berio hatte zu diesem Anlass die "Formazione" geschrieben. Die Programmfolge der damaligen Orchestertour war: 1. Formazione, 2. Bruckners 3. Sinfonie.


    Merkwürdigerweise ist Chailly nach diesem Konzert für mich kein Plattensammeldirigent geworden; merkwürdig deshalb, weil der ganze Abend mehr als beeindruckend war.


    Die ein Jahr später erschienene Berio-CD besitze ich selbstverständlich; zudem Chaillys legendäre Aufnahme von Shostakovitschs Jazz-Suiten.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Eigenartigerweise hat mich Chailly nie faszinieren können,der Funke ist nie auf mich übergesprungen aber ich bin gern bereit mich faszinieren zu lassen - falls es etwas gibt , da imstande ist mich zu faszinieren.


    Vielleicht kann mir hier jemand beschreiben was das Herausragende an Chaillys Aufnahmen ist.


    mfg aus Wien


    Alfred

  • Wie ich bereits anmerkte, finde ich von Chailly nicht alles herausragend. Aber dies ändert rein gar nichts an meiner absoluten Wertschätzung für diesen Dirigenten, von dem es m.E. keine komplett misslungenen Aufnahmen gibt. Ein gewisses Niveau, einen gewissen Standard unterschreitet er nie, auch wenn es eben in Einzelfällen Anlass zur Kritik geben mag.
    Was seine Fünfte Mahler so besonders macht, ist seine großarchitektonische Auslegung dieses Mammutwerks und die perfekte Durchleuchtung der Strukturen. Hierfür kann es natürlkich kein besseres Orchester geben als das Concertgebouw. Man höre sich nur mal den Solo-Trompeten-Anfang an und dann das hereinbrechende Orchestertutti. Keine andere mir bekannte Aufnahme bringt das mit einer solchen Grandiosität und Wucht. Die morbide fin-de-siècle-Stimmung wird idiomatisch eingefangen und das Tod-in-Venedig-Andante wird so unglaublich gespielt, man höre die genau platzierten Harfen, es ist phänomenal.
    Ich denke, Chailly ist ein Dirigent, der an der Moderne geschult wurde, und das hört man. Er arbeitet sehr genau am Detail, gestaltet Übergänge, macht sich Gedanken um den Aufbau eines Werks, fordert von seinen Musikern höchste Konzentration wie von sich selbst. Überemotionalisierung ist daher nicht seine Sache, ähnlich wie Boulez, obwohl ihn von diesem Welten trennen. Man spürt seinen Ausdruckswillen, seine Verinnerlichung der Musik, seine bedingungslose Ernsthaftigkeit (gerade auch im Konzert).


    Sein Abschiedskonzert in Amsterdam, Mahlers Neunte, hat er auch für Decca eingespielt und es ist für mich DIE Neunte - die Perfektion im Zusammenspiel, der Klang des Orchesters, die geistige Durchdringung der Partitur - einmalig:




    Wer an Hindemiths Kammermusiken interessiert ist, dürfte hier auch keine bessere Einspielung finden:




    Agon

  • Den Hindemith habe ich seit langem vorgemerkt; aber da brauche ich dann auch die enstprechende Muße.
    Le Sacre wurde mal von einer Zeitschrift als beste Einspielung des Werks gelobt; die gefiel mir wohl auch ziemlich gut.
    Der Einsatz für Zemlinsky ist sehr lobenswert und wenn ich recht erinnere, gehören seine entsprechenden Aufnahmen auch zu den besten dieser Werke (ich weiß aber gerade nicht auswendig, was ich außer der Lyr. Sinfonie besitze).


    Vermutlich eine meiner ersten 20 CDs war Beethovens C-Dur-Messe (+ Meeresstille...) unter Chailly, vielleicht weil es damals die einzige CD (jedenfalls die einzige digitale), gekauft im Sommer 1989, wenn ich recht erinnere. Ideal ist die zwar nicht (eher wg. der Solisten), aber doch ziemlich gut (wobei sich die Konkurrenz hier in Grenzen hält und das Werk alles andere als unproblematisch ist.)


    (Cover nicht mehr zu finden, aber die Aufnahme ist in einem Duo mit Soltis Missa solemnis zu haben)


    Sonst habe ich keine seiner Aufnahmen, weil ich zB bei Bruckner oder Mahler schon länger nur noch sehr ausgewählte Einzelaufnahmen kaufe.


    :hello:

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ich finde Chailly im Bereich Spätromatik/Frühmoderne mit am besten. Hindemith, Zemlinsky, Berg, Mahler, Schostakowitsch, da ist er wirklich sehr gut.


    Seine Bruckner-Aufn. hatte ich schon überlegt, wegen der Kosten bislang allerdings nicht gekauft.


    Ich verstehe eigentlich nicht ganz, warum er - ähnlich wie Abbado - nicht die Aufmerksamkeit hat, die seiner Arbeit entspräche. Immerhin muss man ja sagen, dass er durch seine lange Tätigkeit beim RCO nicht ganz unbeteiligt daran ist, dass es zum besten Orchester der Welt gewählt wurde. Und auch seine Arbeit mit dem GewandhausO scheint ja von sehr hoher Qualität zu sein.
    Möglicherweise liegt es aber eben genau daran, dass er einen Programmschwerpunkt hat, der nicht so im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, dass er sich viel mit Neuer Musik beschäftigt und weniger die beliebten "Gassenhauer" abnudelt. Insbesondere, dass er die Schumann-Bearbeitungen Mahlers aufgenommen hat, zeigt, dass er eher das Besondere zu suchen scheint.

  • Von seinen drei Shostakovich-Alben muß ich hier unbedingt noch das sog. "Dance Album" mit dem Philadelphia Orchestra erwähnen, das u.a. die irrsinnig dynamische Suite aus der Operette "Moscow Cheryomushki" enthält sowie exemplarische Aufnahmen von "Der Bolzen" und "Die Stechfliege":



    Insofern ist "Dance Album" nicht ganz verkehrt...



    Eher weniger gelungen finde ich hingegen seine Aufnahmen von Mahlers Sechster sowie Bruckners Achter und Neunter. Hier zeigen sich die Grenzen des Chaillyischen Interpretationsstils - auf mich wirken sie zu herunterbuchstabiert und trocken. Was wiederum für sich einnimmt, ist die absolute Genauigkeit und Balance, aber das reicht eben für diese Werke nicht.

  • Erst mal vielen Dank an Agon für die Eröffung dieses Threads!
    Als Opern-Fan muß ich sagen, dass mir Riccardo Chailly erstmals auf CD begegnet ist mit einer Einspielung von Rossini-Ouvertüren auf DECCA.


    Meine liebste (von mehreren) Opern-Gesamtaufnahmen ist diese:



    Gioacchino Rossini (1792-1868 )
    Il Turco in Italia

    Bartoli, Pertusi, Corbelli, Vargas,
    La Scala Orchestra, Milano
    Dirigent: Riccardo Chailly
    * Label: Decca , DDD, 1997 :jubel: :jubel: :jubel:


    Schon bei den ersten Tönen der Ouvertüre nimmt einen diese Aufnahme gefangen! Und selten hat man eine Rossini-Oper so durchgehend mit Spitzen-Sängern gehört!


    LG


    :hello:

  • Ehe ich mich weiter dem bereits erwähnten Sujet der Oper eines mitunter allzu humoristisch veranlagten Italieners widme, möchte ich zuvor noch auf den Thementitel vom kühlen Italiener bezugnehmen.


    Die positive Erfahrung mit der Brahms-Symphonienaufnahme, über die berichtet wurde, kann ich nun nicht teilen, mir erschien Chaillys Dirigat hier eben kühl im Sinne von distanziert vom Wesentlichen in der Brahms'schen Komposition.
    Es gab keine spannungsvollen Momente, Größe wirkte auf mich nie großartig und die kleinen Momente innigen Gefühls wurden überspielt.



    Im Bereich der Oper allerdings ist Chailly in meinem Aufnahmenkanon fest mit einer großen Leistung aus seiner Jugendzeit eingeschrieben, die zudem um den wichtigen Schritt zu ergänzen ist, der hiermit getan wurde, um diese allzu wenig beachtete Oper mehr ans Licht zu rücken.
    Die Rede ist von Gioacchino Rossinis letztem Beitrag zu dieser von ihm sosehr geprägten Form, seinem bewusst letzten Beitrag vor dem frühen selbstgewählten Ruhestand; seiner Oper Wilhelm Tell.





    Chailly macht hier durch ein vortreffliches Dirigat die Qualität von Rossinis höchst ernsthafter und insbesondere ernstzunehmender Komposition auch im orchestralen Bereich sehr erlebbar, das hochkarätig besetzte Sängerensemble liefert einen weiteren Grund, der Seltenheit, mit der dieses Werk auf den Spielplänen der Opernhäuser auftaucht, mit Befremden zu begegnen.
    Dies allein über die Länge zu begründen wäre wohl kein Argument, im Vergleich zu einigen Wagner-Werken sind 235 Minuten wirklich kein hinderlicher Umstand, zumal die Oper bis auf wenige Längen im dritten Akt in ihrer Durchhörbarkeit beispielhaft ist.

  • Hallo Forianer,


    ich besitze weit mehr als 30 Aufnahmen mit Chailly.
    Als kühlen Italiener würde ich ihn nicht bezeichnen.


    Hier einige Aufnahmen, die von fonoforum, stereo und hermes opernlexikon
    Referenzcharakter bescheinigt bekommen haben:


    Wilhelm Tell, Bajazzo, Mnon lescaut, La Boheme, Italienerin in Algier.
    Bruckners Sinfonien, sowohl mit dem RSO als auch mit dem Concertgebouw
    und Mahler 5 und 9.


    Meine Lieblingseinspielung - Beethoven Klavierkonzerte mit Larrocha und Chailly.


    Grüße aus Burgdorf


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Einige Chailly-Aufnahmen, die ich auch als Spitzenaufnahmen ansehe wurden bereits genannnt:
    Strawinsky - Ballette (Decca-Doppel-CD, 1987-2003, DDD)
    Zemlinsky - Seejungfrau (Decca, 1986, DDD)


    Bei den Mahler-Sinfonien bin ich eher etwas zwiespältig, weil ich kurz und bündig Solti´s Mahler bevorzuge. Da ist Chailly mir insgesamt zu zahm - die Mahler 10 mit dem RSO Berlin halte ich für herausragend.



    Ich finde auch, das Chailly eher bei den Komponisten des 20.Jahrhunderts zu Hause ist.
    **** Und ein TOP-Beispiel für Chailly´s große Dirigierkunst ist in einer der besten Aufnahmen (neben Boulez und Metha) von
    Edgar Vareses Gesamtwerk in dieser beispiellosen Decca-Doppel-CD-Box zu finden:



    Decca, 1994-1998, DDD



    * ?? * Interessant das immer wieder das sogenante Schostakowitsch-Dance Album von Chailly erwähnt wird.
    Sind diese Aufnahmen der Suiten "Der Bolzen" und "Die Stechfliege" tatsächlich um so vieles besser als die sehr guten Aufnahmen mit Järvi (Chandos) und Theodore Kuchar (Brillant und Naxos) ?
    Die CD ist sicher interessant, aber hauptsächlich wegen der unbekannten Cheryomushki-Suite /Ersteinspielung).


    Das Jazz-Album von Schostakowitsch ( :D ohne Jazz-Musik finde ich) nannte Gustav. Ich finde die Kopplung unattraktiv, weil das KK Nr.2 fehlt. Die Jazz-Suiten Nr. 1 und 2 finde ich mit T.Kuchar schon so gut, sodass ich mir einen Kauf ersparen kann.
    Gustav Ich kann mir nicht vorstellen, dass Deine Enttäuschung an den Werken liegt ? Das KK Nr.1 wäre IMO das wichtigste Werk auf dieser CD. Spielt Bräutigam das wirklich für Dich so ohne nachhaltigen Eindruck ?




    Auch wenn es nicht ins 20.Jahrhundert gehört:
    Die Schumann-Sinfonien (Decca)fand ich mit Chailly und dem Gewandhausorchester Leipzig von der Interpretaion her wirklich Klasse.
    ?(Aber warum hat er die Partituren dieses fürchterlichen "Mahler-Gestümmels" verwendet ? Der originale Schumann wäre eine referenzwürdige Aufnahme geworden. Von soetwas trenne ich mich ganz schnell wieder ( ;) bis auf die zurückbehaltenen CD-R um das eventuell später nochmal nachvollziehen zu können).



    Bruckner mit Chailly hatte ich auch mal vereinzelt ausprobiert (Nr.3 und 7) - ganz gut.
    8) Aber ohne weitere Worte - der wurde später durch Karajan (DG) verdrängt !

  • Chailly ist ein schwieriger Fall. Sein Mahler erscheint mir arg analytisch (wobei ich nur die VIII. kenne). Daß er mit dem RCO ein Spitzenorchester unter sich hatte, ist natürlich vorteilhaft. Bruckner kann ich mir auch nicht recht vorstellen. Jedenfalls wird diese Annahme noch einmal einer Überprüfung zu unterziehen sein. Derzeit besteht aber wenig Drang danach.

  • Zitat

    Original von teleton
    Gustav Ich kann mir nicht vorstellen, dass Deine Enttäuschung an den Werken liegt ? Das KK Nr.1 wäre IMO das wichtigste Werk auf dieser CD. Spielt Bräutigam das wirklich für Dich so ohne nachhaltigen Eindruck ?


    Lieber Teleton!


    Leider kann ich Moment meinen Höreindruck nicht überprüfen, da die CD nicht greifbar ist. Aber mit Sicherheit war das 1.KK das interessanteste Werk. Ob für mich so heraursragend, muss ich.wie gesagt,nochmal überprüfen.
    Die sogenannten Jazz-Suiten, v.a. die Promendadenmusik der 2. fandt ich leider schlichtweg zu banal. Sorry.


    :hello: Gustav

  • Gerne, Harald!


    Leider kenne ich keine einzige Operngesamtaufnahme mit Chailly (aber der Türke in Italien hört sich sehr interessant an), dafür aber zwei exzellente Rossini-Solo-Recitals mit zwei erstklassigen Tenören:



    Juan Diego Florez



    Joseph Calleja



    Calleja habe ich mal in den "Perlenfischern" live gehört, zusammen mit Zeljko Lucic das berühmte Perlenfischer-Duett, und ich werde es wahrscheinlich nie mehr vergessen. Wie diese beiden Stimmen miteinander harmoniertern muß man gehört haben.



    Agon

  • Hallo zusammen,


    als kühl würde ich Chailly auch nicht bezeichnen. Viel habe ich nicht mit ihm, aber immerhin:


    Rossini, eine CD mit Ouvertüren - spritzig mit Italianita, ohne zu überziehen.
    Rossini, Guglielmo Tell - eine der besten Aufnahmen des jungen Pavarotti
    Bruckner, Sinfonie Nr. 5 - nur knapp hinter Barenboim unter den "schnellen" Aufnahmen dieses Werkes (siehe Thread zu diesem Werk), aber mit einer fantastischen Coda, bei der der Himmel aufgeht ...
    Zemlinsky - Lyrische Symphonie und Symphonische Gesänge - viel zu selten gespieltes Repertoire
    Schönberg - Gurrelieder - wohl immer noch die führende Aufnahme, die bestenfalls durch die jüngste Gielen-Aufnahme (kenne ich noch nicht) Konkurrenz erhalten haben mag
    Rachmaninow - Klavierkonzert Nr. 3 mit Martha Argerich - ein must have für dieses Stück
    Hindemith - Kleine Kammermusiken


    Leider kenne ich seine Mahlerinterpretationen nicht. Immerhin hat er dafür den Preis der Deutschen Schallplattenkritik erhalten.


    Chailly profitiert von der großartigen Klangtechnik der Decca.


    Wenn ich die Liste der Aufnahmen so sehe, stelle ich fest, dass ich an mehr Aufnahmen interessiert wäre. Welche Mahler-Sinfonien würdet Ihr mit ihm besonders empfehlen?

  • Lieber Wolfram,


    zu Mahler: Die 5. Sinfonie hat Agon zu Recht aufgeführt. Sie ist auch für mich "die Referenz".


    Sehr empfehlenswert sind für mich des Weiteren die Interpretationen der Sinfonien 2 und 3:



    Ich empfinde Chaillys Mahler keineswegs als "analytisch" (diese Bezeichnung ist imo umso problematischer, wenn man nur eine Sinfonie kennt...), eher als "ideale Synthese" aus fantastischem Orchesterspiel (wer sagt, das Concertgebouw Orchester sei das "beste" Mahler-Orchester, der findet bei mir keinen Widerspruch) und "Aufzeigen der Gefühlswelt, ohne sich in ihr zu verlieren".


    Wenn man auf der einen Seite Boulez und auf der anderen Seite Bernstein nimmt, dann ist Chailly für mich bei den drei genannten Sinfonien (vielleicht noch bei der 9.) die "ideale Schnittmenge".


    Zu Schöbergs "Gurre-Liedern": Gielen ist, was Orchestertransparenz und Durchhörbarkeit des immensen Orchestersatzes angeht, sicherlich nicht zu überbieten; Chailly ist "üppiger" im Klang und wartet mit einem überraschend starken, weil sehr differenzierenden, Siegfried Jerusalem als Waldemar auf.


    Neben Herbert Kegel gehört Chailly für mich nach Gielen zur "Spitzengruppe" (siehe auch enstprechender Thread).

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Also, Kollegen im Geiste, ich finde, das ihr hier ein sehr gutes Bild von Chailly gezeichnet habt: Ein eher kühler, profunder Analytiker mit Gefühl für den großen Bogen. Und manchmal bricht sozusagen der Südländer aus ihm heraus und schlägt Funken. Dann ist es toll.
    Das kann man ganz gut hören auf der alten Decca-CD mit Puccini-Orchestermusiken, aber auch auf den hier besprochenen Schostakowitsch-Alben. Ein Wort zu seinen neueren Aufnahmen, die hier noch gar nicht vorgekommen sind: Schön sind die Schumann-Sinfonien von 2008 mit dem Gewandhausorchester, besonders die 3., finde ich. Ich finde da auf die Schnelle keine Gesamteinspielung, die mir besser gefällt, aber ich bin kein Schumann-Experte. In 2009 kam "The Mendelssohn Experience" und Mendelssohn liegt ihm erstaunlich. Ich sah auch mal Chorwerke aus dem Gewandhaus im Fernsehen, die mir exzellent musiziert zu sein schienen.
    Ganz neu schließlich sind die "Brandenburgischen Konzerte" in Karajan-Manier, gewissermaßen mit romantischen Kanonen. Was das heutzutage soll, weiß ich allerdings nicht.

  • Der Hinweis auf diese Brandenburgischen Konzerte hat mich jetzt neugierig gemacht:



    Also verglichen mit Karajan sind die Tempi schon erheblich schneller (man vergleiche die Auszüge aus den Kopfsätzen der Konzerte 1 und 3, meine bevorzugten Vergleichsstellen). Es kommt auch schlanker daher als die Karajan-Aufnahme. Schlecht klingen tut das m. E. in keinster Weise! Wobei die Puristen freilich die Nase rümpfen werden. :D

  • Ich habe Chailly irgendwie nie wirklich unterkühlt wahrgenommen.


    Vielleicht bin ich ein Außenseiter (ganz sicher sogar), aber: ich liebe seinen Bruckner. Vielleicht, weil der eben nicht mit einem Pathos daherkommt, der meinem eigenen Wesen zuwider läuft, sondern sich dieser grandiosen Musik sachlicher nähert, ohne dabei aber meines Erachtens 'kühl' zuwerke zu gehen.


    Von den Mahler-Symphonien wurde hier schon viel erwähnt. Ich halte seine Gesamt-Box insgesamt auch für ein echtes Highlight.


    Was ich aber, neben dem oben schon erwähnten Hindemith, den ich noch in einem alten Design besitze,


    seine Mahler-Lieder für ausgesprochen gelungen. Seine Kindertotenlieder schaffen es auf jeden Fall, mich aufzuwühlen und tief zu bewegen, und sein Klagendes Lied ziehe ich z.B. Boulez allemal vor (und das nicht nur, weil der Musikverein Düsseldorf mitwirkt... :D)!

  • Hat vielleicht jemand das Konzert am 01.12.2010 in Dortmund unter Riccardo Chailly mit dem Gewandhausorchester Leipzig gehört? Ich wäre gerne hingefahren, konnte aberleider nicht. Mich würde interessieren, wie es gewesen ist.

  • Zitat

    Zitat von Travinius:


    Ich habe Chailly nie wirklich unterkühlt wahrgenommen.

    Das kann ich nur bestätigen. Ich habe die unten abgebildete CD als DVD-Video, die aber im Moment wohl nicht lieferbar ist:



    Der Eindruck von dieser DVD, in der eine prächtige Interpretation der "Lobgesang"-Sinfonie von Mendelssohn geboten wird sowie ein Live-Konzert vor wenigen Jahren in der Essener Philharmonie mit Werken von Schumann haben mir nur das Bild eines äußerst "feurigen" Italieners vermittelt, der mit seinem Dirigat das Orchester zu Höchstleistungen angetrieben hat.


    Liebe Grüße


    Willi :rolleyes:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • In der "Welt" ist heute ein interessantes Interview mit Chailly zu lesen:


    "http://www.welt.de/kultur/musik/article11760655/Die-Opernsaenger-von-heute-sind-pervers.html"


    :hello:

  • Hab mir grade das Interview durchgelesen. Aber was für einen Sinn macht der Job eines Generalmusikdirektors , wenn man nur eine Vorstellung pro Spielzeit dirigiert ? Um vernünftig mit den Sängern und dem Orchester zusammenzuarbeiten, sollte man doch schon eine gewisse Zeit vor Ort sein und sich nicht zu schade sein auch Repertoire zu dirigieren. Und das er sich darüber beschwert das die Inszenierungen von Maskenball und Manon Lescaut nicht optimal waren, warum hat er dann nicht eingegriffen und mit dem Regisseur geredet ? Und über die Sänger muss er sich nicht beschweren, das sie nicht mehr so lange an einem Haus bleiben, er macht das nicht anders.

  • Allen Fans von Riccardo Chailly möchte ich den rechtzeitigen Tip geben:


    Am Silvestertag überträgt der Sender MDR im TV um 17 Uhr live die IX. Sinfonie von Beethoven aus dem Gewandhaus in Leipzig. Diese Übertragung ist seit vielen Jahren zur Tradition geworden und für mich zu einer angenehmen Pflicht.
    Ich kann diese Aufführung wirklich empfehlen. Chailly und das Gewandhaus- Orchester interpretieren stets großartig. Ebenso die jeweiligen 4 Solisten und die Chöre ließen bisher keine Wünsche offen.


    Ich wünsche allen, die sich diese Übertragung anhören/ anschauen, viel Freude und einen damit feierlichen Jahresabschluß


    CHRISSY :jubel: :hello:

  • Vielleicht wurde es schon gepostet, wenn ja, habe ich es leider übersehen:
    Den Leipzigern wird Chailly noch einige Jahre erhalten bleiben, er hat seinen Vertrag bis ins Jahr 2020 verlängert.


    Mein erstes Dirigat, das ich von Chailly hörte, waren Beethovens 8. und 3. Sinfonie als Teil des Beethoven Zyklus, die mir sehr gut gefallen haben, daher freue ich mich auf jeden Fall auf die zukünftigen Programme.


    Herzliche Grüße
    JLang

  • Gestern in der Kölner Philharmonie habe ich ein weiteres Mal erlebt, dass der o.a. Threadtitel nicht zutrifft. Riccardo Chailly hat wieder, wie das seine Art sit,s ehr extroviertiert und dabei äußerst präzise dirigiert und dabei sein Orchester und vor der Pause auch den Solisten, den äußerst agilen und technisch brillanten Juliian Rachlin (Mendelssohn), mitgerissen. Nach der Pause gab es eine grandiose Erste Mahler.
    Anlässlich seines heutigen Ehrentages habe ich eine Oper vorzustellen, die er mit 28 Jahren dirigiert hat und die ich nach mehrmaligem Ansehen im Fernsehen meiner Sammlung hinzugefügt habe:



    Riccardo Chailly feiert heute seinen 62. Geburtstag.


    Herzlichen Glückwunsch, Maestro und mille grazie für die tolle gestrige Vorstellung!


    Willi :jubel::jubel::jubel::jubel::jubel:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).